Was hat die Klimakrise mit feministischer Care-Forschung zu tun?

Nicht erst seit der Klimakrise wissen wir, dass die ökologischen Verhältnisse so geschädigt sind und werden, dass das Überleben des Planeten und damit der Menschheit auf dem Spiel stehen. Nicht allein die Temperatur des Planeten, sondern auch anderweitige existentielle Ressourcen wie Luft, Wasser, Böden, Pflanzen und Tiere sind aus dem Gleichgewicht. Dies schafft gesellschaftliche Beunruhigung und Angst, mobilisiert Protestbewegungen und ökologische Wissensentwicklung, und zwingt auch Politik zum Handeln. Auf zahlreichen Ebenen werden Maßnahmen ergriffen, um die ökologischen Schädigungen aufzuhalten und bestenfalls aufzuheben und die Umwelt vor weiteren Schädigungen erfolgreich zu schützen.    

Gerahmt ist dies alles vor allem als umweltpolitische Agenda. Aber geht es hierbei nicht auch um zentrale care-politische Fragen?

Die Umweltkrise ließe sich sprachlich schließlich auch ganz anders formulieren: Die ‚natürlichen‘ Materialitäten menschlichen Lebens sind ‚krank‘, genauer: durch menschliches Tun krank gemacht worden, und sie bedürfen dringend der Hilfe und Pflege, um schlimmere Erkrankungen zu verhindern und wieder zu genesen. Mit einem solchen Wording wird die Klimakrise lesbar – auch untersuchbar – als Kristallisationspunkt spezifischer Fürsorgeverhältnisse, nämlich gegenüber den nicht-menschlichen Objektwelten menschlichen Lebens.

Ich weiß, dies sprengt die eingebürgerten care-theoretischen Begrifflichkeiten, nach denen Fürsorge vor allem als eine Handlung verstanden wird, die auf andere Menschen gerichtet ist. So haben sich denn auch aus gutem Grund die bisherigen Forschungen zu Care empirisch und theoretisch vornehmlich auf jene Tätigkeiten fokussiert, die als beziehungsbasierte Betreuungsarbeit vorzugsweise von Frauen gegenüber unterstützungsbedürftigen Menschen, ob klein oder groß, bezahlt oder unbezahlt, privat oder öffentlich, laienhaft oder professionell geleistet wird: die Kinderpflege und -erziehung wie auch die Pflege kranker und älterer Menschen. Dies hat es möglich gemacht, die eingelagerten und häufig naturalisierten Geschlechterordnungen als solche überhaupt zu erkennen und kritisch zu politisieren, auch wenn hier noch viel zu tun ist, wie die Corona-Pandemie im Brennglas offenbart.

Wenn Care-Arbeit als eine soziale Praxis verstanden wird, mit der die physischen, psychischen und emotionalen Bedürfnisse von Menschen erfüllt werden, die aus welchen Gründen auch immer dies nicht selbst für sich tun können, dann ist dieses Konzept letztlich gut anschlussfähig an ökologische Debatten. Denn auch hier geht es doch um ‚Objekte‘, die im weitesten Sinne ‚Bedürfnisse‘ haben. Weil diese ‚Bedürfnisse‘ offensichtlich lange von Menschen zum eigenen Nutzen missachtet worden sind, haben sich die Objekte so verändert, dass sie Menschen die Lebensgrundlagen entziehen – wie im Fall des Klimas, des Wassers der Luft- und Bodenqualitäten – oder sie sind gänzlich entschwunden, denken wir an die Reduktion der pflanzlichen und tierlichen Artenvielfalt.

In der Care-Forschung tauchen entsprechende Ideen ansatzweise bereits auf. Zumindest gibt es Beiträge, die vorschlagen, nicht nur Personen, sondern auch die Mitwelt und andere Entitäten, wie beispielsweise Objekte und Infrastrukturen als Bezugspunkte von Fürsorgeverhältnissen zu denken. Aber vielleicht wäre die ökologische Krise genau der Anlass, dies zu radikalisieren und auf diese Weise den umweltkritischen Diskurs neu und anders zu führen – nämlich weniger kapriziert auf die Frage geeigneter und kapitalismuskompatibler technologischer Interventionen, sondern sehr viel stärker als ethische Debatte zu Solidarität und Verantwortlichkeiten gegenüber Mitmenschen, aber eben auch gegenüber nichtmenschlichen Lebewesen und Dinglichkeiten.

Mit den Erkenntnissen der Care-Forschung stände zudem eine Steilvorlage zur Verfügung, umwelt- und klimaschützerische Diskurse, Praktiken und Politiken als Arena der Herstellung und Verhandlung von Geschlechterordnungen in den Blick zu nehmen. Die wichtige Frage ist wie bei Care-Forschung schließlich auch hier, wer sich warum wie von ökologischen Nöten überhaupt emotional angesprochen fühlt, wer warum welche Handlungsstrategien entwickelt und unter welchen Bedingungen umsetzen kann und wer warum von wem wofür welche Anerkennung erfährt.

Dass es z.B. junge Frauen sind, die eher auf tierliche Lebensmittel verzichten und bei Fridays for Future mitmachen, während der Streit ums Tempolimit als männlicher Schauplatz erscheint, dass es vor allem Mütter sind, die ihre Kinder im Zuge des Child-Carings mit dem Auto an unzählige Kinderorte bringen, während Männer Landschafts- und Waldpflege übernehmen – dies deutet an, dass auch die ökologische Care-Arbeit tief durchdrungen ist von Geschlechterdimensionen. Und es zeigt auch: Entscheidend ist nicht die Frage, welches Geschlecht nun das ökologisch fürsorglichere ist, sondern wer warum in welchem Kontext ökologisch oder nicht ökologisch handeln kann und was es braucht, damit Menschen ökologisch verantwortlich agieren können.


Lotte Rose