Verqueerte Welt?

Konversionsbehandlungen, LGBTQI*[1]-Jugend, Hilfesystem – auf dem Weg zur Entpathologisierung einer Normalität

Als eines der wenigen Länder weltweit (u.a. Kanada, Israel, Frankreich) beschließt das neuseeländische Parlament im Februar 2022 ein gesetzliches Verbot von Konversionsbehandlungen. „Alle Menschen – einschließlich junge Menschen – verdienen Schutz, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder ihrem Geschlechtsausdruck“, so die Aussage des Justizministeriums.

Was ist Konversionstherapie oder -behandlung? Sogenannte Behandlungsangebote oder Therapien zur „Heilung“, Beseitigung, Veränderung sowie Unterdrückung sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder des Geschlechtsausdrucks. Altbekannte Methoden dieser „Behandlungen“ sind Hypnose, Schläge, Elektroschocks, Vergewaltigungen, Medikamente und Gesprächstherapie. Skurrile und verstörende Praktiken, um den Makel einer nicht-heterosexuellen Orientierung möglichst früh zu revidieren. Die Herstellung einer heteronormativen Weltanschauung. Einer Normalität, die keine ist. Das ist Konversionstherapie.

Sind Verbote von Konversionsbehandlungen gerechtfertigt?

Behandlungsangebote gegen die sexuelle Orientierung finden europaweit, weltweit immer noch statt. Wie die Situation ohne ein Verbot aussehen kann, zeigt ein Blick in die USA. Konversionsbehandlungen wurden bisher an 698.000 Menschen durchgeführt, 350.000 davon im Jugendalter. Noch 2019 wurden 16.000 unter 18-Jährige von „Fachkräften“ und weitere 57.000 von religiösen oder spirituellen Beratern „therapiert“ (Mallory et al. 2019). Ob „Reorientierung“, „Heilung“, „Ex-Gay“ oder „Umpolung“, die Kernbotschaft dieser Marketing-Highlights bleibt gleich: LGBTQI* – Das ist nicht normal, krank, behandlungsbedürftig. Eine Studie der San Francisco State University (2018; Link zur Studie) zeigt genau Gegenteiliges auf. Die Behandlung, die auf Veränderung der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität abzielt, bringt enorme Risiken für die Gesundheit mit sich. Es zeigen sich verminderte soziale Unterstützung und Lebenszufriedenheit, niedrigerer Selbstwert, geringeres Bildungsniveau und Einkommen sowie vermehrt auftretende Depressionen und häufiges suizidales Verhalten im Vergleich zu LGBTQI*-Jugendlichen, die keine Konversionsbehandlung ertragen mussten.

2013 verurteilte der Weltärztebund Konversionsbehandlungen als Menschenrechtsverletzung und als mit der Ethik ärztlichen Handelns unvereinbar. 2014 warnte der Deutsche Ärztetag vor den negativen Auswirkungen dieser „Behandlungen“ auf die Gesundheit. Ein wohl längst überfälliger Schritt also, dass in Deutschland 2020 das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen (KonvBehSchG; Link zum Gesetz) in Kraft getreten ist. Laut §§ 2, 3 KonvBehSchG ist es verboten, Konversionsbehandlungen an Minderjährigen durchzuführen sowie diese zu bewerben, anzubieten oder zu vermitteln. Sogenannte Therapien gegen die sexuelle Orientierung und Selbstbestimmung sind mehr Miss-handlung als Be-handlung, woraus sich der Bedarf einer Reglementierung dieser Pseudotherapien weltweit ergibt. Aber reicht ein solches Verbot aus, um LGBTQI*-Jugendliche vor Diskriminierung, sozialer Ungleichheit und individuellen Beeinträchtigungen zu schützen?

Hilfen für die LGBTQI*-Jugend – Kein Bedarf oder hören wir nicht hin?

Rund 11% der 14-29-Jährigen beschreiben sich hierzulande als LGBTQI* (DJI 2020). Wird eine heteronormative Weltanschauung unreflektiert als gültige soziale Norm akzeptiert, verlieren diese jungen Menschen ihre Stimme zu Gunsten ideologischer Verzerrungen. Es besteht die Gefahr, dass Nöte und Sorgen nicht wahrgenommen und Abweichungen von der Mehrheit pathologisiert werden. Hören wir also Stimmen von Betroffenen zu:

„Bedroht, verprügelt und sexuell belästigt zu werden, ist unsere Realität […]. Auf der Straße haben Menschen schon mehrmals Essen nach mir geworfen […]. Bestimmte Orte und Viertel meide ich, vor allem nachts“ (Parbey 2021).

Akzeptieren wir diese offen ausgelebte Diskriminierung in unserer Gesellschaft? Irgendwie schon, denn der 2020 vorgelegte Bericht zu politisch motivierter Kriminalität von Bundesinnenministerium und Bundeskriminalamt nimmt Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung schlichtweg nicht auf (BMI; BKA, 2020). Und dies, obwohl Straftaten gegen LGBTQI*-Menschen im Vergleich zum Vorjahr über 60 %, Gewalttaten sogar um mehr als 70 %, gestiegen sind. Im Themenfeld „sexuelle Orientierung“ wurden 2020 578 Straftaten zur Anzeige gebracht, fast 20 % davon waren Gewaltdelikte. Die Dunkelziffer ist unbekannt. Dass diese weitaus höher liegen dürfte, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts (DJI 2020). Mehr als 80 % der befragten Jugendlichen geben an, schon einmal wegen ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit oder sexuellen Orientierung diskriminiert worden zu sein. Die Hälfte der Befragten machte negative Erfahrungen auch in Familie, Schule, Ausbildung und Beruf. 30 % der LGBTQI*-Menschen erfahren Diskriminierung im Arbeitsleben (de Vries et al. 2020).

Wer bereit ist diese Entwicklungen hinzunehmen, sollte sich auch über die Auswirkungen bewusst sein: LGBTQI*-Menschen leiden drei- bis viermal häufiger an psychischen Erkrankungen und es bestehen weitaus häufiger potenziell stressbedingte körperliche Erkrankungen (Kasprowski et al. 2021). Vor allem junge Menschen zeigen sich als besonders vulnerable Personengruppe. Die Entwicklung einer Geschlechtstypisierung, das Auseinandersetzen mit der Geschlechterrolle und selbstbestimmter Identität stellen wichtige Entwicklungsaufgaben junger Menschen dar. Diskriminierungserfahrungen und fehlende Akzeptanz können sich in diesen sensiblen Phasen besonders negativ auswirken. Bei Jugendlichen mit nicht-heterosexueller Orientierung, Transsexualität oder non binärer Geschlechtsidentität lässt sich erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten deutlich erkennen (Schneider et al. 2021; Hatchel et al., 2019).

Anlass zur Hoffnung, dass sich die Situation junger LGBTQI*-Menschen bessert, gibt das Ergebnispapier der Sondierungen zwischen SPD, Grünen und FDP (2021; Link zum Papier), in dem entschlossenes Vorgehen gegen Queer-Feindlichkeit festgehalten wurde. Durch die Aktion „Liebesleben“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA; Link zur Aktion) wurde ein Beratungsangebot in Sachen Sexualität, Geschlechtsidentität und Konversionsbehandlungen geschaffen und in den Landesregierungen bestehen Aktionspläne gegen Homo- und Transphobie – mit Ausnahme von Bayern. Die heteronormative Extrawurst scheint sich hier immer noch gegen die #miasanbunt Mentalität durchzusetzen und zeigt deutlich: Toleranz ist nicht gleich Akzeptanz.

Somit wird klar: Hilfebedarf besteht und wir hören zu wenig hin. Die Situation der LGBTQI*-Jugend muss (wieder) mehr in den Fokus des Hilfesystems und politischer Diskussion rücken. Es fehlt an fachlicher Positionierung, Bedarfsanalysen und professionellen Angeboten. Der Schutz vor Konversionsbehandlungen zeigt sich als wichtiger Schritt der Entpathologisierung von LGBTQI*-Jugendlichen, kann allein für sich aber nur die Spitze des Eisbergs in Richtung einer akzeptierenden Gesellschaft darstellen. Akteur*innen in Politik und im Hilfesystem müssen aufklären und sich klar gegen Homo- und Transfeindlichkeit positionieren, um dem Auftrag des Schutzes von (jungen) LGBTQI*-Menschen vor Diskriminierung, Hasskriminalität und deren Langzeitfolgen nachzukommen. Nicht nur „Täter*in-sein“ führt zu sozialer Ungleichheit und individuellen Beeinträchtigungen in verschiedensten Lebensbereichen dieser Jugendlichen. Auch diejenigen, die sich ihrer Verantwortung durch Wegsehen und -hören entziehen, forcieren eine LGBTQI*-feindliche Gesellschaft.

Es bleiben also Hausaufgaben für alle Beteiligten, auf politischer, gesellschaftlicher, institutioneller wie individueller Ebene.

Hasskriminalität begegnen:

  • Straftaten zur Anzeige bringen
  • Zusammenarbeit der Behörden mit LGBTQI*-Organisationen zur Unterstützung und Begleitung beim Anzeigen von Hasskriminalität
  • Klare Benennung von Beauftragten bei Polizei und Staatsanwaltschaft für LGBTQI*-Jugendliche, um die Bereitschaft zur Anzeige von Hasskriminalität zu fördern und die Dunkelziffer abzubilden
  • Nationaler Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie

Positionierung des Hilfesystems:

  • Vernetzung von Jugendhilfe und LGBTQI*-Einrichtungen
  • Stärkere Berücksichtigung von Gender, Körpergefühl und -ausdruck, Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung in den Konzepten der Jugendhilfe
  • Stärkung und Ausbau niederschwelliger Aufklärungs- und Beratungsangebote
  • Förderung der Entpathologisierung von LGBTQI*-Menschen
  • Expliziteres Erfassen der Lebenssituation von LGBTQI* in deutschen Jugendstudien

 

Ein Gastbeitrag von

Florian Moser – Sozialpädagoge M. Sc., Lehrbeauftragter an der Hochschule Landshut


[1] LGBTQI* steht für Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Queer, Inter, das * steht für die Vielfalt der Selbst­bezeich­nun­gen von Personen.

 

 

Literatur

BMI (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat) & BKA (Bundeskriminalamt) (2020). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2019. Bundesweite Fallzahlen. Online unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/pmk-2019.pdf;jsessionid=C36096C0D2CBCCA64D2E8BA2FF85AD80.2_cid295?__blob=publicationFile&v=11 (Zugriff 22.03.2022).

de Vries, L., Fischer, M., Kasprowski, D., Kroh, M., Kühne, S., Richter, D. & Zindel, Z. (2020). LGBTQI*-Menschen am Arbeitsmarkt: hoch gebildet und oftmals diskriminiert. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. DIW Wochenbericht (36), 619-627. Online unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.798177.de/20-36-1.pdf (Zugriff 16.03.2022).

DJI (Deutsches Jugendinstitut) (2020). Queere Jugendliche erleben Diskriminierung. Online unter: https://www.dji.de/themen/jugend/queere-jugendliche-erleben-diskriminierung.html (Zugriff 16.03.2022).

Hatchel, T., Polanin, J. R. & Espelage, D. L. (2019). Suicidal thoughts and behaviors among LGBTQ Youth: Meta-Analyses and a systematic review. Archives of suicide research, 25(1), 1-37.

Kasprowski, D., Fischer, M., Chen, X., de Vries, L., Kroh, M., Kühne, S., Richter, D. &  Zindel, Z. (2021). Geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LGBTQI*-Menschen. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. DIW Wochenbericht (6), 79-88. Online unter: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.810350.de/21-6-1.pdf (Zugriff am 16.03.2022).

Mallory, C., Brown, T. N. T., Conron, K. J. (2019). Conversion therapy and LGBT Youth. Update. Online unter: https://williamsinstitute.law.ucla.edu/wp-content/uploads/Conversion-Therapy-Update-Jun-2019.pdf (Zugriff 16.03.2022)

Parbey, C. (2021). Queerfeindlichkeit. Online unter: https://www.zeit.de/zett/queeres-leben/2021-08/queerfeindlichkeit-deutschland-angriffe-gewalt-oeffentlichkeit-lgbtq (Zugriff 16.03.2022).

San Francisco State University (2018). First study shows pivotal role of parents in conversion efforts to change LGBT adolescents´sexual orientation. Online unter: https://familyproject.sfsu.edu/conversion-therapy-begins-at-home (Zugriff 16.03.2022).

Schneider, B., Lindner, R., Giegling, I., Müller, S., Müller-Pein, H., Rujescu, D., Urban, B. & Fiedler, G. (2021). Suizidprävention Deutschland – Aktueller Stand und Perspektiven. Online unter: https://www.naspro.de/dl/Suizidpraevention-Deutschland-2021.pdf (Zugriff 16.03.2022).

SPD, Bündnis 90/Die Grünen & FDP. (2021). Ergebnis der Sondierungen zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. Online unter: https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Sonstiges/20211015_Ergebnis_Sondierungen.pdf (Zugriff 22.03.2022).