Soziale Arbeit und die Systemrelevanz

Kritische Gedanken über ein fragwürdiges Etikett 

In Anbetracht der Coronavirus-Pandemie und der mit ihr einhergehenden gesellschaftlichen Herausforderungen ist die Soziale Arbeit derzeit an verschiedenen Stellen damit befasst, sich über ihr Selbstverständnis und ihre gegenwärtigen wie zukünftigen Aufgaben zu vergewissern. Teil dieses Reflexionsprozesses ist die vom DBSH initiierte Fachkräftekampagne „#dauerhaftsystemrelevant“. Ich möchte den kürzlich in diesem Blog erschienenen Beitrag über die Kampagne zum Anlass nehmen, einige kritische Fragen aufzuwerfen, die sich mir angesichts des Kampagnentitels gestellt haben. Denn der durch die Kampagne in den Anerkennungs- und Professionsdiskurs der Sozialen Arbeit eingebrachte Begriff der „Systemrelevanz“ macht es aus meiner Sicht einmal mehr nötig, über die Angemessenheit professionsfremder Begrifflichkeiten und damit einhergehender Implikationen für die Soziale Arbeit nachzudenken. Ich gebe hier Gedanken aus einem von mir geschriebenen Artikel wieder, der im Sammelband Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade (Kniffki/Lutz/Steinhaußen 2021) erscheinen wird und den ich für diesen Blog gekürzt und leicht abgeändert habe. Die Vorabveröffentlichung ist mit den Herausgebern des Sammelbandes abgestimmt.

Zum Zeitpunkt der Entstehung meines Beitrags ist die Corona-Krise nicht überwunden, und ihre Folgen für die Gesellschaft und die Soziale Arbeit sind noch nicht absehbar. Meine Überlegungen stellen daher eine Momentaufnahme dar, und ich erlaube mir ausdrücklich, auch unfertige Gedanken zu äußern und Fragen aufzuwerfen, zu denen ich vielleicht selbst noch keine Antwort parat habe. Fragen zu stellen, ohne sofort gebrauchsfertige Antworten an der Hand zu haben, mag angesichts mancher mit der Corona-Krise verbundener Zumutungen und Handlungsbedarfe als ein Privileg erscheinen. Angesichts der globalen Krise und der deswegen nötigen Standortbestimmung und Neujustierung Sozialer Arbeit erscheint mir eine „Praxis des Fragens“ (Burzlaff/Eifler 2018) allerdings als eine Kompetenz, die es (neu) zu entdecken und zu etablieren gilt. 

Corona und die Relevanz der Systemrelevanz

In den gesellschaftlichen und medialen Debatten um Systemrelevanz ging und geht es um die Sichtbarmachung von Berufsgruppen und Personen, die sprichwörtlich „den Laden am Laufen halten“. Teil dieser Debatten ist, dass diese – zumeist weiblich besetzten – Berufe und Berufsgruppen traditionell wenig gesellschaftliches Prestige genießen, materiell schlecht ausgestattet, in der Regel personell unterbesetzt und oft unterbezahlt sind. Mit dem Systemrelevanz-Diskurs geht insofern die Hoffnung einher, dass ein Diskussionsprozess in Gang gesetzt wird, der mittelfristig zu mehr Anerkennung und finanzieller Aufwertung dieser Berufsgruppen und Personen führt. Dass eine Einstufung als „systemrelevant“ tatsächlich existenziell sein kann, zeigte sich während des ersten sogenannten „Lockdowns“ im Frühjahr dieses Jahres, als im Zuge der vorübergehenden Schließung von Schulen und Kitas nur noch Eltern aus sogenannten systemrelevanten Berufen einen Anspruch auf Notbetreuung hatten. Außerdem bedeutet eine Einstufung als „systemrelevant“ einen priorisierten Zugang zu Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel. Dass gerade von gewerkschaftlicher Seite der Ruf nach einer Einstufung Sozialer Arbeit und ihrer Beschäftigten als „systemrelevant“ laut geworden ist, ist vor diesen Hintergründen zunächst verständlich. 

Bietet „Systemrelevanz“ wirklich einen Mehrwert?

Nun sind die Anliegen der DBSH-Kampagne nicht grundsätzlich neu. Sie werden von Vertreter*innen einer kritischen Sozialen Arbeit schon länger vorgetragen (z.B. Seithe 2013). Zudem erinnert einiges aus der Systemrelevanz-Kampagne an den Slogan „Soziale Arbeit ist mehr wert!“, unter dem die AWO, ver.di und der DGB bereits verschiedentlich auf die Situation von Beschäftigten in sozialen Dienstleistungsberufen aufmerksam gemacht haben. Auch wenn die Corona-Pandemie als Aufhänger der DBSH-Kampagne neue Aspekte in die Debatte einbringt, so stellt sich aus Professions- und Professionalisierungsaspekten sowie mit Blick auf die Außendarstellung Sozialer Arbeit dennoch die Frage, welcher Mehrwert in der Bemühung des Systemrelevanz-Etiketts liegt: Wird darüber ein Berufsbild vermittelt? Liefert es eine Antwort auf die Frage, was Soziale Arbeit ist, was Sozialarbeiter*innen tun und warum sie es tun wie sie es tun? Gibt „Systemrelevanz“ Aufschluss darüber, was professionelle Identität in der Sozialen Arbeit ausmacht und worin sich eine professionsethische Haltung auszeichnet?

Die Fachkräftekampagne möchte Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar machen – aber sichtbar als was? Um es mit den Worten des Arbeitskreises kritische Soziale Arbeit Hamburg zu formulieren: „Es ist verständlich, dass die eigene Bedeutung betont wird, dabei stellt sich jedoch die Frage, wofür Bedeutung erlangt werden will: was ist mit der ‚Systemrelevanz‘ gemeint? Relevant wofür? Um die ‚Feuerwehr‘ zu sein (nicht nur) in der Krise – und dafür die gebührende […] Anerkennung zu bekommen?“ (AKS Hamburg 2020; Hervorh. im Orig.). 

Systemrelevanz – ein problematisches Etikett für die Soziale Arbeit

Begreifen wir das Systemrelevanz-Etikett als eines, das, von außen vergeben, immer auch politisch motiviert ist, so stellt sich die Frage, ob mit ihm nicht die Gefahr der Fremdmandatierung Sozialer Arbeit einhergeht. Schließlich geht es in der Systemrelevanz-Debatte nicht nur um Fragen von Anerkennung und um die Verteilung von Ressourcen, sondern auch um gesellschaftliche Aufträge (Meyer 2020). So wurde der Nachweis von Systemrelevanz für soziale Dienstleister beispielsweise im Zuge des neu erlassenen Sozialdienstleister-Einsatz-Gesetzes (SodEG) obligat: Um finanzielle Zuschüsse zu erhalten, müssen die Antragstellenden erklären, dass sie „Arbeitskräfte, Räumlichkeiten und Sachmittel in Bereichen zur Verfügung stellen, die für die Bewältigung von Auswirkungen der Coronavirus SARS-CoV-2 Krise geeignet sind“ (§ 1 S. 1 SodEG). Nikolaus Meyer (2020) sieht das Gesetz aus professionstheoretischer Perspektive als „brandgefährlich“ an, denn statt die Funktion Sozialer Arbeit im Hinblick auf Menschen und Gesellschaft anzuerkennen, ermögliche das SodEG, Beschäftigte der Sozialen Arbeit unter dem Label der „Systemrelevanz“ zum Ernteeinsatz oder zum Füllen von Supermarktregalen heranzuziehen. Für die Soziale Arbeit, die im Kontext ihres (De-)Professionalisierungsdiskurses immer wieder mit Fragen ihres Mandats und ihrer Mandatierung befasst ist, sollte eine kritische Auseinandersetzung mit der „Systemrelevanz“ daher grundlegend sein. Möglicherweise schießt sich die Soziale Arbeit, wenn sie sich in dem Wunsch, (endlich) als unverzichtbare Profession mit Prestige wahrgenommen und anerkannt zu werden, als „dauerhaft systemrelevant“ ausweist, aus professionstheoretischer Sicht sogar ein Eigentor. Und ich wage zu behaupten, dass sich dieses auch nicht einfach mit der Feststellung umdeuten lässt, „Systemrelevanz“ bedeute „gleichzeitig auch Systemkritik und -veränderung“ (s. „Unsere Antworten auf die 3 häufigsten Einwände“, www.dauerhaft-systemrelevant.de; Zugriff: 13.12.2020).

Silvia Staub-Bernasconi äußerte einmal den Gedanken, dass die Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit nicht nur eine Gefahr von außen sei, sondern dass sie intern „auf einen Anerkennungshunger [trifft], den man mit Konformität gegenüber dem Zeitgeist zu stillen sucht“ (Staub-Bernasconi 2005, S. 6). Ob im Ruf nach dem Systemrelevanz-Etikett möglicherweise solch eine auf „Anerkennungshunger“ basierende Konformität liegt, wäre zu diskutieren. Angesichts der Tatsache, dass die Soziale Arbeit immer wieder mit der Zuschreibung defizitärer Professionalität konfrontiert ist, wäre aus meiner Sicht zumindest zu überlegen, ob sich in dem Wunsch nach einer von außen vorgenommenen Etikettierung als „systemrelevant“ die Angst der Sozialen Arbeit abbildet, sich angesichts einer globalen Krise von innen heraus kompetent im Sinne einer autonomen Profession zu zeigen – und damit auch die Gefahr des eigenen Scheiterns vor Augen zu haben (Hünersdorf 2019, S. 288). 

Im Spannungsfeld von Systemrelevanz und Systemirrelevanz

Abgesehen von den bisher genannten Punkten, birgt das Kriterium der Systemrelevanz einen weiteren problematischen Aspekt: Gerade weil es in der Debatte vorrangig um gesellschaftliche Anerkennung und die Verteilung von Ressourcen geht, produziert eine Etikettierung als „systemrelevant“ notwendigerweise gesellschaftliche Ausschlüsse und Spaltungen. Denn wo auf der einen Seite die „Systemrelevanten“ stehen, stehen auf der anderen Seite die „Systemirrelevanten“. (Andernfalls würde sich eine Etikettierung faktisch erübrigen.)

Soziale Arbeit ist per definitionem (IFSW/IASSW 2014) aber gerade für diejenigen relevant, die von sozialer Ausgrenzung oder Unterdrückung betroffen oder bedroht sind, und sie zieht ihre Interventionsmotive häufig gerade aus den systemimmanenten Bedingungen, die zu Ausgrenzung, sozialem Ausschluss und Unterdrückung beitragen. Wie verträgt sich ein Systemrelevanz-Etikett damit? Führt es Soziale Arbeit nicht ad absurdum? Was bedeutet eine Systemrelevanz Sozialer Arbeit für ihre Adressat*innen und für die Adressierungsprozesse? Und welchen Stellenwert hätte ein Systemrelevanz-Etikett gegenüber dem Ethikkodex (IFSW/IASSW 2004), wenn Praktiker*innen mit mandatswidrigen Forderungen konfrontiert sind oder in Praktiken verwickelt werden, die im Widerspruch zur Definition Sozialer Arbeit stehen?

Wenn Soziale Arbeit wegfiele, konsequent bestreikt würde – was würde dann zusammenbrechen? Das System? (Zur Verdeutlichung stelle man diese beiden Fragen einmal mit Blick auf die Soziale Arbeit in Frauenhäusern und ersetze „System“ durch „Patriarchat“.)

 Soziale Arbeit in der Krise? Von der Systemrelevanz zum Relevanzsystem

Die eigentliche Frage ist doch: Wie kann Soziale Arbeit auf ihre Anliegen und die Situation von Adressat*innen aufmerksam machen, wie kann sie ihr Handeln begründen und ihre Expertise herausstellen, ohne sich unbedingt der Vokabeln bedienen zu müssen, die in einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Diskurs gerade en vogue sind? Etwas zugespitzt formuliert: Es wird auch nach der Corona-Krise nicht ausreichen, auf die Frage „Was ist Soziale Arbeit?“ mit „Systemrelevant!“ zu antworten. Möglicherweise wird im Zuge der zu erwartenden (Welt-)Wirtschaftskrise nämlich erneut eine semantische Verschiebung des Begriffs „Systemrelevanz“ stattfinden und, wie bereits in der Finanzkrise 2007/08 geschehen, zur Priorisierung derjenigen Institutionen und Branchen führen, die Relevanz für die Stabilität des Finanzsystems haben. Soziale Arbeit müsste sich dann (wieder einmal) damit auseinandersetzen, dass Relevanz hat, wer am effizientesten wirtschaftet und seine Wirksamkeit am besten anhand betriebswirtschaftlicher Kriterien nachweist.

Wir sollten auch bedenken, dass der Fokus Sozialer Arbeit und die Schwerpunkte ihrer Interventionen nicht nur sozioökonomisch, sondern auch historisch, politisch und kulturell beeinflusst werden. Sozialarbeiter*innen agieren nicht jenseits des Zeitgeistes und Soziale Arbeit ist nicht per se eine Profession des Widerstandes. Sollte sich der Rechtsruck in Europa weiter fortsetzen und sollten sich auch in Deutschland die politischen Verhältnisse weiter nach rechts bewegen – mit Blick auf die Corona-Krise denke man dabei auch an die rechtsextreme Mobilisierung und Radikalisierung der sogenannten „Querdenken“-Demonstrationen –, was würde eine heutige „Systemrelevanz“ Sozialer Arbeit dann in zwei oder fünf Jahren bedeuten?

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht mir nicht darum zu klären, wem „wirklich“ Systemrelevanz zuerkannt werden sollte. Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil es eben immer darauf ankommt, wer sie aus welcher Perspektive mit welcher Absicht stellt – und im Übrigen: welcher Systembegriff zugrunde gelegt wird. Genau darin liegt meines Erachtens der springende Punkt der Systemrelevanz-Kampagne: Sie lässt offen, welches System gemeint ist, oder – um den Begriff der Systemrelevanz einmal spielerisch zu wenden – was in Anbetracht einer globalen Krise ein professionelles Relevanzsystem Sozialer Arbeit ist oder sein könnte.

Es brauchte sicher keine Pandemie, um festzustellen, dass die Soziale Arbeit sich zu wenig politisch positioniert und gesellschaftlich zu wenig wahrnehmbar ist. Diese Tatsache ist oft beklagt und die Widerstandslosigkeit sowie das Schweigen der Sozialen Arbeit sind verschiedentlich analysiert worden (z.B. Burzlaff/Eifler 2018; Prasad 2017; Seithe 2013; Seithe 2012). Es wird künftig darauf ankommen, ob und mit welchen Konsequenzen solche Analysen innerhalb der Sozialen Arbeit zur Kenntnis genommen werden.

 

Anja Eichhorn, Sozialarbeiterin (MSW), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen

 

Literatur

AKS Hamburg (2020): Systemrelevanz? Nein! Systemtransformationsrelevant! Ein Zwischenruf. https://akshamburg.files.wordpress.com/2020/06/zwischenruf_akshamburg.pdf (Zugriff 13.12.2020).

Burzlaff, Miriam/Eifler, Naemi (2018): Kritisch intervenieren!? Über Selbstverständnisse, Kritik und Politik Sozialer Arbeit – oder aber: Was ist der ‚weiße Kittel‘ Sozialer Arbeit? In: Prasad, Nivedita (Hrsg.): Soziale Arbeit mit Geflüchteten. Rassismuskritisch, professionell, menschenrechtsorientiert. Stuttgart: Barbara Budrich. S. 345–365.

Hünersdorf, Bettina (2019): Paradoxien der Normalisierung (in) der Sozialpädagogik. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik 17, H. 3, S. 281–296.

IFSW/IASSW (2004): „Ethics in Social Work, Statement of Principles“. www.iassw-aiets.org/wp-content/uploads/2015/10/Ethics-in-Social-Work-Statement-IFSW-IASSW-2004.pdf (Zugriff 13.12.2020).

IFSW/IASSW (2014): „Globale Definition Sozialer Arbeit; deutsche Übersetzung: Avenir Social: Die IFSW/IASSW-Definition der Sozialen Arbeit von 2014“. www.ifsw.org/wp-content/uploads/2019/07/definitive-deutschsprachige-Fassung-IFSW-Definition-mit-Kommentar-1.pdf (Zugriff 13.12.2020).

Kniffki, Johannes/Lutz, Ronald/Steinhaußen, Jan (Hrsg., 2021): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade. Bd. 1. Weinheim/München: Juventa (im Druck).

Meyer, Nikolaus (2020): Verwerfung in der Sozialen Arbeit – Corona als Auslöser? In: Böhmer, Anselm/Engelbracht, Mischa/Hünersdorf, Bettina/Kessl, Fabian/Täubig, Vicki (Hrsg.): Soz Päd Corona. Der sozialpädagogische Blog rund um Corona. https://sozpaed-corona.de (Zugriff 13.12.2020).

Prasad, Nivedita (2017): Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession im Kontext von Flucht. In: Gebrande, Julia/Melter, Claus/Bliemetsrieder, Sandro (Hrsg.): Kritisch ambitionierte Soziale Arbeit. Intersektional praxeologische Perspektiven. Weinheim: Beltz Juventa. S. 349–368.

Seithe, Mechthild (2012): Schwarzbuch Soziale Arbeit. 2., durchges. und erw. Aufl. Wiesbaden: VS-Verlag.

Seithe, Mechthild (2013): Zur Notwendigkeit der Politisierung der Sozialarbeitenden. In: Sozialmagazin 38, 1-2, S. 24–31.

Staub-Bernasconi, Silvia (2005): Deprofessionalisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit - gegenläufige Antworten auf die Finanzkrise des Sozialstaates oder Das Selbstabschaffungsprogramm der Sozialen Arbeit. Vortrag an der Staatlichen Fachhochschule München, 4. Mai 2005. https://w3-mediapool.hm.edu/mediapool/media/fk11/fk11_lokal/forschungpublikationen/lehrmaterialen/dokumente_112/sagebiel_1/STB-2005-Deprofessionalisierung.pdf (Zugriff 13.12.2020)