Sozial-ökologische Transformationen und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit

Im April 2021 gründete sich die DGSA Fachgruppe Sozialökologische Transformation und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit. Soziale Gerechtigkeit spielt in der Sozialen Arbeit seit jeher eine zentrale Rolle, doch wird zunehmend deutlich, dass jegliche Debatten um Gerechtigkeit nicht ohne Rekurs auch auf Klimagerechtigkeit geführt werden können. So sind Menschen, die über weniger Ressourcen verfügen, um sich, ihr soziales und ökologisches Umfeld zu schützen bzw. geschützt zu werden, deutlich vulnerabler hinsichtlich der sozialen und ökologischen Folgen, die durch die Klimakrisen und Umweltzerstörung ausgelöst werden. Die Fachgruppe denkt deshalb politische und aktivistische Arbeit explizit mit, etwa in Kooperation mit Sozialverbänden und Klimagerechtigkeitsgruppen. Zudem möchte sich die Fachgruppe an der Entwicklung von Visionen für menschen- und naturfreundliche, gesellschaftliche Regeneration und Transformation beteiligen.

Viele Fachgruppenmitglieder haben sich an ihren Hochschulen und in ihren Praxiskontexten bisher eher als ‚Einzelkämpfer*innen‘ erlebt und die Erfahrung gemacht, dass die dominante Wahrnehmung zu sein schien, die ökologischen Krisen, ihre Auswirkungen, Folgen sowie Lösungsansätze hätten wenig oder keine Relevanz für die Soziale Arbeit. In vielen Diskussionen der ersten Fachgruppentreffen wurde deutlich, dass es darum geht einen Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit hin zu einem ökozentrierten Weltbild zu entwerfen, in dem Interdependenz im Mittelpunkt steht und sich damit wegzubewegen von einem anthropozentrischen Weltbild innerhalb der Sozialen Arbeit.

Einige der Mitglieder der Fachgruppe beschreiben ihre Motivation für die Mitarbeit wie folgt:

„Die bisherigen Klimadiskurse bewegen sich vorrangig auf dem Feld des Forderns und adressieren nur allzu oft allein den Staat. Sicher ist eine Transformation der gesellschaftlichen Naturverhältnisse ohne staatliche Institutionen nicht zu machen, zugleich kann sie aber nicht ohne die gegenseitige Förderung von Menschen gelingen. Was nottut ist den Menschen zu helfen, ihre Entsolidarisierungen und Entfremdungen zu überwinden, die in die Produktions- und Konsumnormen westlicher Gesellschaftsverhältnisse eingelassen sind und die Subjektivität der Menschen bilden. Wenn Soziale Arbeit hier einen Beitrag leisten will, muss sie wieder als professionelle Unterstützung zivilgesellschaftlicher Politikgestaltung in Erscheinung treten.“ (Dr. phil. Marcel Schmidt, Vertretungsprofessor für Theorien Sozialer Arbeit, Hochschule RheinMain)

„Nachhaltigkeit? Was sonst! Es gibt keine Alternative, die Ungerechtigkeiten möglichst gerecht zu gestalten. Nur Nachhaltigkeit bietet Perspektiven für ein gelingendes Leben.“ (Prof. Stefan Müller-Teusler, Studiengang Soziale Arbeit/ Sozialpädagogik, Euro FH)

„Für viele von uns, die in der Gruppe mitarbeiten, ist es eine wohltuende Erfahrung, dass hier keine Fragen gestellt werden, wie ‚Sollen wir das Thema auch noch bearbeiten? Da gibt es doch so viele relevantere Themen für die Soziale Arbeit. Und was hat denn der Klimawandel überhaupt mit Sozialer Arbeit zu tun?‘ Dies hat natürlich auch damit zu tun, dass Bezüge von Sozialer Arbeit und den ökologischen Krisen wie auch die Rolle Sozialer Arbeit bei den notwendigen Transformationen bisher in Curricula von Studiengängen Sozialer Arbeit kaum berücksichtigt sind. Auch in der Fachliteratur wird der Themenkomplex bisher nur am Rande beachtet, außerdem werden gesamtgesellschaftliche Diskurse von technologischen ‚Lösungsansätzen‘ dominiert, die nur am Rande mit Themen sozialer Gerechtigkeit in Verbindung gebracht werden. Diese Bezüge und die Rolle der Sozialen Arbeit im Kontext der ökologischen Krisen zu stärken, das ist für mich eine zentrale Aufgabe der Fachgruppe. Auch geht es darum uns für die Stärkung der Relevanz von sozialen Gerechtigkeitsperspektiven in dominanten Diskursen zu den Ursachen, Folgen und Lösungs-/Abmilderungsstrategien der ökologischen Krisen einzusetzen.“ (Prof. Dr. Barbara Schramkowski, Duale Hochschule Villingen-Schwenningen)
„Klimagerechtigkeit und Nachhaltige Entwicklung gehören untrennbar zusammen, beide sollten nicht nur anthropo-, sondern physiozentrisch, also auf die gesamte Natur verstanden werden.“ (Prof. Dr. Johannes Verch, Alice Salomon Hochschule Berlin)

„Die Klimakatastrophe ist die größte (und vielleicht letzte) Chance für die Soziale Arbeit, sich endlich intensiv darauf zu konzentrieren, dass Gerechtigkeit ein politisches Thema ist und somit eine politische und radikale Soziale Arbeit fordert. Sie muss sich deshalb laut, deutlich und aktiv ihrem Mandat, den Menschenrechten und deren Umsetzung, verpflichtet fühlen, indem sie sich nicht vorrangig der Linderung von individuellen Problemen widmet, ohne die dahinter liegenden Strukturen zu thematisieren, sondern sich der Herstellung eines guten Lebens und sozialer Gerechtigkeit widmet, die auch und vor allem eine radikale Kritik an den herrschenden ökonomischen und sozialen Verhältnissen beinhaltet. Diese sind mitursächlich für Klimakatastrophen, weltweit, und die darin sich manifestierende Klimaungerechtigkeit. Es sind zwar alle Menschen betroffen, aber manche eben doch deutlich härter, und dies spiegelt soziale Ungleichheit.“ (Prof. em. Dr. phil. Ronald Lutz, University of Applied Sciences Erfurt)

„Da die kolonial-rassistisch geprägten wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Praxen des ‚globalen Nordens‘ nicht in der Lage sind, den dadurch verursachten Klimakollaps aufzuhalten, ist mir wichtig, Perspektiven dekolonialer Sozialer Arbeit in sozialarbeitswissenschaftliches Denken und Handeln zu integrieren. Die ‚andere Seite der Welt‘ kann als Taktgeberin für den erforderlichen neuen Puls sorgen, um den globalen ökologischen und ökosozialen Kreislauf zu reanimieren.“ (Prof.in* Dr.in* Karin E. Sauer, Duale Hochschule Baden-Württemberg)

„Angesichts der aktuellen Katastrophe im Westen Deutschlands, die uns zeigt, dass Extremwettereignisse sich in anderen Intervallen als bisher wiederholen können, ist die Soziale Arbeit gefragt: Kann Soziale Arbeit Krise? Yes, she can! Wichtig scheint mir hier ein Einbezug verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu sein und sich auf das Tripelmandat zu besinnen“ (Dr. Andrea Brebeck, VWA und BA Lüneburg)

Die Gruppe beteiligte sich mit dem Panel „Klimagerechtigkeit, sozialökologische Transformationen und Soziale Arbeit“ an der Jahrestagung 2021 der DGSA. Über vier Impulsvorträge, die auf die Zusammenhänge von Sozialer Arbeit und den ökologischen Krisen sowie der sozialökologischen Transformation fokussierten, wurde ins Thema eingeführt. Dafür beleuchtete Yannick Liedholz (ASH Berlin) eingangs u.a. den Begriff der Klimagerechtigkeit und seine Kontextualisierung für die Soziale Arbeit. Barbara Schramkowski (DHBW Villingen-Schwenningen) setzte den Schwerpunkt auf mit den ökologischen Krisen verbundene intergenerationale Ungerechtigkeiten und somit Perspektiven der jungen Generation. Marcel Schmidt (HS Rhein-Main) ging thesenhaft auf Stadt- und Sozialraumentwicklung als Orte sozialökologischer Transformation ein und Yari Or (UAS Frankfurt) stellte vor, wie eine regenerative Praxis in der Sozialen Arbeit als praktische Theorie des sozialen Wandels die Verflechtung des natürlichen Ökosystems der Erde, der sozialen Beziehungen und des individuellen Wohlbefindens theoretisieren und Basis sozialarbeiterischer Interventionen sein kann.

Anstehende Projekte sind die Herausgabe des Sammelbands „Soziale Arbeit und der sozialökologische Kollaps“ (Arbeitstitel), den Tino Pfaff (HS Jena), Ronald Lutz (HS Erfurt) und Barbara Schramkowski herausgeben und an dem sich über 40 Autor*innen beteiligen. Ein erstes Treffen der Fachgruppe fand am 22. September online statt. Hier fand u.a. ein Einstieg in die theoretische Kontextualisierung des Themas und in dem Zusammenhang eine Auseinandersetzung mit zentralen Begriffen wie u.a. Klimagerechtigkeit statt. Dies bildet auch die Basis für die Festlegung des Fachgruppennamens.

Fachgruppensprecher*innen sind noch zu wählen. Bei Interesse an einer Mitarbeit in der Fachgruppe kann Barbara Schramkowski kontaktiert werden (schramkowski@dhbw-vs.de).

Weitere Informationen finden sich ansonsten auf der entsprechenden Unterseite der DGSA (Sozial-ökologische Transformationen und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit).


Dr. Ingar Abels – Charité Universitätsmedizin Berlin, Lehrbeauftragte für Soziale Arbeit, Systemische Therapeutin und Wissenschaftscoach