# Ich bin (nicht) Hanna.

Für eine professorale Einmischung in die Debatte um Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft.

Es ist ein verspäteter Ruhm. Drei Jahre nachdem Doktorand*in Hanna die Hauptrolle in einem Video des BMBF (Link zum Video des BMBF) hatte, trendet ihr Name bei Twitter und anderen (digitalen) Medien [1]. Das Ministerium für Bildung und Forschung erklärt in dem Film das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und warum es, aller Kritik zum Trotz, eine sinnvolle Sache sei: Befristete Stellen seien nötig, weil sonst „eine Generation alle Stellen verstopft“. Außerdem würde dadurch für „neue Impulse“ gesorgt, von denen die Wissenschaft lebe, so das BMBF in einer aktuellen Stellungnahme vom 13.06.21 (Link zur Stellungnahme des BMBF). Die „erheblichen Herausforderungen“, vor die das Gesetz Akademiker*innen stelle, müssten aufgrund der genannten Vorteile eben in Kauf genommen werden: „Das Gesetz hat einen Sinn“ (https://www.bmbf.de/de/ichbinhanna---antwort-des-bmbf-auf-die-diskussion-in-den-sozialen-netzwerken-14675.html).
 
Unter dem Hashtag #IchbinHanna (Link zu Twitter) schildern Wissenschaftler*innen anschaulich ihre prekären Lebens- und Arbeitssituationen durch befristete Stellen. Es wird deutlich, dass Hanna mit ihrer wissenschaftlichen Karriere ein individuelles Risiko eingeht, das je nach Geschlecht, sozialer Herkunft, (psychischer) Gesundheit und Belastbarkeit und/oder Betroffenheit von Rassismus variiert und das sie*er individuell tragen muss. Neue Impulse werden eher verhindert, wenn Wissenschaftler*innen fortlaufend mit der Sorge belastet sind, wie es nach der aktuellen Befristung weitergeht. Ganz zu schweigen davon, dass neue Impulse nicht durch neue Gesichter, sondern vor allem auf der Grundlage vertiefter wissenschaftlicher Expertise und Forschungserfahrung entstehen.
 
Ich bin nicht Hanna. Jedenfalls nicht mehr. Seit längerer Zeit habe ich eine Professur inne, die eine der wenigen Auswege aus der befristeten Dauerqualifikation an Hochschulen ist. Bei mir ist die Rechnung aufgegangen. Das Risiko einzugehen, auch ohne zahlungskräftige Eltern im Hintergrund eine wissenschaftliche Karriere zu wagen, die Jahre mit Stipendien, befristeten Stellen in der Praxis und an Hochschulen und die Überbrückung finanzieller Notlagen durch Zuschüsse von Freund*innen, all das hat sich gelohnt – und hätte ebenso schiefgehen können.
 
Trotz (oder gerade wegen) dieser privilegierten Position halte ich eine stärkere Sichtbarkeit und Einmischung von professoraler Seite in die Debatte um Arbeitsbedingungen an Hochschulen für unbedingt notwendig.
Zum einen geht es um die steigende Arbeitsbelastung von Professor*innen, in der Sozialen Arbeit vorwiegend an HAW/FHs. Neben dem hohen Lehrdeputat sollen anspruchsvolle Forschung, zahlreiche Publikationen und die Betreuung von Dissertationen umgesetzt werden. Wie dies gelingt und wie das mit dem Leben jenseits der Professur vereinbart werden kann, gilt weitgehend als Privatsache, über die man sich informell austauscht und lamentiert, zu der man aber nicht kollektiv aktiv wird oder öffentlich die strukturellen Ursachen kritisiert. Dazu kommen die wissenschaftsfremden Tätigkeiten, die in meiner Wahrnehmung immer mehr werden, wie die Zuarbeit zu Imagebroschüren und Internetpräsenz, damit die Hochschule und ihre Professor*innen als „Marke“ etabliert werden können. Oder die (Verwaltungs-)Tätigkeiten, die durch die befristeten Beschäftigungsverhältnisse im wissenschaftlichen Mittelbau auch für Professor*innen entstehen: Anträge stellen für die Weiter- oder Neubewilligung von Drittmitteln, Stellenausschreibungen, Tätigkeitsbeschreibungen, Vorstellungsgespräche, immer wieder neue Einarbeitungen, um nur einen kleinen Ausschnitt aufzuzählen.
Zum anderen wäre es sinnvoll, sich aus der privilegierten Position der Professur verstärkt solidarisch für faire Arbeitsbedingungen an Hochschulen einzusetzen. Inwieweit hängen die Privilegien der Einen mit den prekären Arbeitsbedingungen der Anderen zusammen, welche Hierarchien müssen in Frage gestellt werden? Wie stellen wir uns eine gute Praxis des Forschens und Lehrens/Lernens an Hochschulen vor und welche Strukturen müssen geschaffen werden, damit das möglich wird? Darüber über Statusgrenzen hinaus gemeinsam nachzudenken und Forderungen zu stellen, ist die Voraussetzung dafür, dass auch Wissenschaftler*innen, die (noch) keine Professur haben, zukünftig sagen können: #IchbinnichtHanna.


Claudia Steckelberg – Professorin an der Hochschule Neubrandenburg und Vorstandsmitglied der DGSA
 
 


[1] Informativ dazu u.a.: Murasov, Eva: #IchbinHanna trendet auf Twitter. In: Tagesspiegel vom 11.06.21, URL: https://www.tagesspiegel.de/wissen/aufschrei-des-wissenschaftlichen-nachwuchses-ichbinhanna-trendet-auf-twitter/27278532.html und Deutschlandfunk Nova: ForschungVideo des Forschungsministeriums: Unbefristete Wissenschaftler „verstopfen“ Stellen. Beitrag vom 11.06.21, URL: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kritik-an-befristeten-vertraegen-in-der-wissenschaft-hashtag-ich-bin-hanna