Jugendliche brauchen Freiräume!

Wie Perspektiven junger Menschen in Corona-Zeiten aus dem öffentlichen Blick entschwinden… - eine essayistische Betrachtung

„Jugendliche brauchen Freiräume“ – dieser Appell ist nicht neu, bekommt in Corona-Zeiten aber eine neue Dimension. Den 12- bis -18-Jährigen stehen gerade keinerlei gesellschaftliche Frei- oder Sozialräume zur Verfügung, die es ihnen ermöglichen würden, ihrem jugendlichen Leben nachzugehen. In dieser Altersphase ist es enorm wichtig, sich von der Welt der Eltern, der Lehrer*innen, der Erwachsenen abzusetzen, sich mit Peers zu treffen und gemeinsam Neues auszuprobieren. Wie soll das gehen, wenn für sie sämtliche Räume und Orte außerhalb der zudem sehr unterschiedlich aussehenden häuslichen Umgebung seit mehreren Wochen verschlossen bzw. im wörtlichen Sinne geschlossen sind?

Der 15. Kinder- und Jugendbericht hat die Kernherausforderungen an junge Menschen im Jugendalter auf den Punkt gebracht (Deutscher Bundestag 2017): Qualifizierung, Verselbstständigung, Selbstpositionierung. Durch Qualifizierung sollen Jugendliche eine soziale und berufliche Handlungsfähigkeit erlangen. Es werden Kompetenzen erworben, um die eigene wie gesellschaftliche Zukunft zu gestalten. Mit Verselbstständigung ist der Auftrag verbunden, soziale, politische wie ökonomische Eigenständigkeit zu erlangen, z.B. durch gesicherte Erwerbsarbeit oder eigenständiges Wohnen, aber eben auch in sozialen Bindungen, Beziehungen zur Herkunftsfamilie und neuen Lebensformen. Die Kernherausforderung Selbstpositionierung meint das Finden einer persönlichen, souveränen Haltung zu sich selbst, dem Gegenüber, den Mitmenschen. Sie verlangt danach, die eigenen Anliegen in ein Verhältnis zur Gesellschaft zu setzen und durch politische Teilhabe Gesellschaft mitzuprägen. Wie kann das für Jugendliche in Covid-19-Zeiten möglich sein?


Jugendliche brauchen Freiräume zur Ermöglichung von Selbstpositionierung

Bereits im 15. Kinder- und Jugendbericht ist kritisiert, dass der Schwerpunkt in den politischen Debatten und Weichenstellungen fast ausschließlich auf den Aspekt der Qualifizierung und, wenn überhaupt, ab und an noch auf die Verselbstständigung gerichtet sei, die Herausforderung der Selbstpositionierung aber kaum Beachtung finde (Deutscher Bundestag 2017). Es ist nach mehr als zwei Monaten im als „Lockdown“ bezeichneten gesellschaftlichen Corona-Krisen-Modus zu beobachten, dass diese Fokussierung sich in dramatischer Art und Weise verstärkt und die Interessen von jungen Menschen im Jugendalter dabei komplett aus dem Fokus geraten sind.

Das „Projekt Erwachsen-werden“ zu meistern, ist (noch) schwieriger geworden. In der Krise im Blick erscheint es auf jeden Fall nicht. Wie so oft wird die „Altersgruppe Jugend“ in den derzeitigen Entscheidungen nicht nur nicht beteiligt, sondern vor allem werden ihre Interessen weder berücksichtigt noch gehört. Mitunter fehlen in diesen so anderen, uns alle überraschenden Zeiten sogar die Stimmen, die ihre Interessen überhaupt artikulieren. Zugegeben gerade ein altersübergreifendes Phänomen: Denn auch die vielen älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen oder zuhause fragt niemand, wie sie sich ihr Leben eigentlich derzeit vorstellen und wie ihre Ideen des Zusammenlebens zwischen den Parametern Schutz und Freiheit in dieser Pandemie aussähen.

Es erscheint menschenrechtlich fragwürdig, auf jeden Fall aber unverständlich, wenn in dieser Zeit, in der in allen Altersgruppen viele Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen vor große psychische Herausforderungen gestellt sind, bei den Entscheidungen für die Jugendphase der Fokus ausschließlich auf die Qualifizierung gelegt wird.

 

Einige Beispiele, die diese Gedanken konkretisieren, seien aufgeführt:

·        Die zeitliche Staffelung der Schulöffnungen orientiert sich ausschließlich daran, wer gerade besondere Leistungen vollbringen soll: „Abschlussjahrgänge“, die, als sei nichts gewesen, Prüfungen schreiben sollen, bitte zuerst. Wer von uns Erwachsenen, wer von den Entscheider*innen in den Kultusbehörden möchte unter den derzeitigen Bedingungen seine für die Berufseinmündungsphase so wichtigen Schulabschlussprüfungen schreiben? Hochschulen haben bereits an vielen Orten ihre Prüfungsordnungen flexibilisiert, bieten „Nullversuche“ an. Das heißt: Studierende können die Prüfungen versuchen; wenn sie nicht bestehen, wird dies nicht als Fehlversuch gewertet. Schüler*innen aber müssen ihre Prüfungen schreiben, als sei nichts gewesen. Ihnen wird weder die Wahl noch eine Alternative angeboten.

·        In den Schulöffnungen der Bundesländer folgen dann als nächstes die Viertklässler*innen, wohl damit bei der Einsortierung in Schullaufbahnen bloß nichts schiefläuft. Das weitere Öffnungsszenario orientiert sich daran, wer nach Meinung Erwachsener am besten zuhause lernen könne: Das seien die Jugendlichen! Deshalb bleiben sie, weitestgehend auf sich allein gestellt mit einer Fülle schulischen Lernstoffs, am längsten zu Hause. Sie sind es damit, die ihre Freund*innen am längsten nicht sehen dürfen. Und das, obwohl wir aus der Jugendforschung wissen, wie wichtig die Begegnungen mit Gleichaltrigen am Ort Schule gerade in dieser Altersgruppe sind. Wie soll da Verselbstständigung und Selbstpositionierung gelingen? Diese Frage spielt in den Debatten erkennbar keine Rolle.

[…]

Die Öffnung von Schulen, der Blick auf die Optionen, einen möglichst guten Schulabschluss zu erreichen, sind Überlegungen, die ihre Berechtigung haben. Denn natürlich: Qualifizierung ist eine der drei Kernherausforderungen des Jugendalters – und sie entscheidet über weitere Lebenswege. Bitter – nein katastrophal ist aber, dass die Überlegungen einzig und allein an dieser Stelle stehen bleiben: Was ist mit den Optionen für die Verselbstständigung? Was mit den Optionen zur Selbstpositionierung? Sind sie nicht mindestens so wichtig, weil auf ihrem Weg der Entwicklung Selbstsicherheit, Stärke in der Gemeinschaft, stützender Austausch mit anderen stattfinden kann? Die Jugendpsychologie wie Hirnforschung zeigt uns auf, dass es in der Jugendphase (insbesondere im gerade weltweiten Krisenmodus) für das Aufwachsen wichtigere Dinge gibt, als ein sich gerade komplett umbildendes Gehirn mit vermeintlich notwendigem Wissen zu füllen. Nicht nur aus Kinder- und Jugendschutzaspekten ist es fatal, junge Menschen nahezu komplett in private Räume zurückzudrängen und als einziges Licht am Ende des Tunnels an die Öffnung von Schulen zu denken. Jugendliche benötigen Menschen, die sie (auch psychisch) unterstützen können. Was Jugendliche in dieser Situation am wenigsten gebrauchen können, dürfte Leistungsdruck durch Homeschooling sein.


Mediale Blicke auf Jugendliche

Der mediale und öffentliche Blick auf Jugendliche wird ihrer Rolle und ihrem Engagement selbst in gewöhnlichen Zeiten meistens wenig gerecht, fokussiert häufig auf Randerscheinungen, Delinquenz oder Extremismus. Eine erfreuliche Wendung zeichnete sich dank „Fridays-for-Future“ zumindest in Teilen ab. Derzeit ist ein „Rollback“ zu beobachten: Kinder werden im ARD-Brennpunkt als „Virenschleudern“ bezeichnet, Jugendliche in den Printmedien und den Nachrichtenportalen als unverantwortlich handelnde Gruppe vorgeführt, die „Corona-Partys“ oder „Geburtstage mit Lagerfeuer“ feiere und sich in großen Gruppen an abgelegenen Plätzen treffe. […]

Das „Opfer“, welches diese Altersgruppe gerade bringt, wird in den medialen Inszenierungen so gut wie nicht thematisiert. Es ist ihr Auftrag, sich von Eltern zu lösen, sich in der Gesellschaft neu zu positionieren. Dazu brauchen sie Peers, dazu brauchen sie reale Orte, an denen sie sich treffen können, dazu brauchen sie die Option, sich außerhalb (enger) familiärer Wohnflächen bewegen zu können. Diese Option ist ihnen genommen: „Bleibt zuhause. Stay Home.“ lautet das Credo auch für diese Altersgruppe. Möglichkeiten, ihren eigenen Weg als junge Menschen autonom und gemeinsam mit Gleichaltrigen zu finden, sind ihnen ohne erkennbare Aussicht auf Veränderung für lange Zeit genommen.

 

Manifestierung sozialer Unterschiede in der Jugendphase

[…] Die Unterschiede der sozialen Lagen und der damit verbundenen Chancen und Risiken verschärfen sich für junge Menschen gerade enorm. Nicht erst seit dem 15. Kinder- und Jugendbericht wissen wir, dass die Jugendphase entscheidend für die mögliche Aufstellung im weiteren Leben ist, dass sich nicht wieder einholbare Entwicklungen vollziehen, die „Schere“ auseinandergeht. Dies verstärkt sich in Corona-Zeiten. Die einen leben in finanziell gut aufgestellten Elternhäusern, mit eigenen, den aktuellen Standards entsprechenden digitalen Endgeräten, haben neben ihrem eigenen Zimmer im familiären Haushalt auch andere Orte des Aufenthalts ohne ständige erwachsene Störungen zur Verfügung, im Garten, in der Werkstatt oder dem Hobbyraum – und dazu die Möglichkeit, mit Hilfe der gut gedeckten Kreditkarten der Eltern alles das bestellen zu lassen, was man in diesen Zeiten zuhause benötigt, um trotzdem irgendwie „angenehm“ leben zu können. Die anderen können davon nur träumen: Sie teilen die ohnehin zu kleine Wohnung oder den engen Raum in der Flüchtlingsunterkunft mit zahlreichen Familienmitgliedern, der Bolzplatz oder Basketballkorb vor dem Hochhaus ist gesperrt, die jüngeren Geschwister sind nicht betreut, die Eltern überfordert, das Geld lange vor der nächsten eingehenden Zahlung aufgebraucht, das W-LAN gar nicht erst vorhanden, ein Elternteil erkrankt.

Dennoch wird in Corona-Zeiten politisch wieder verstärkt so getan, als hätten alle jungen Menschen gleiche Startchancen und Gelingensbedingungen. Dass die Schließung der Jugendzentren und des Fußballfeldes für die einen jungen Menschen eine ganz andere Bedeutung hat als für andere, bleibt außen vor. In diesen Zeiten erscheint es doppelt schwierig, dass Entscheider*innen sich kaum vorstellen können, wie es ist, so zu leben wie zuletzt skizziert. Viele Jugendliche in Deutschland wissen das dagegen sehr genau.

Als besonders entwürdigend ist zu bewerten, dass in den ersten Tagen der Kontaktsperren und des „Lockdown“ auch Anlaufstellen für obdachlose junge Menschen geschlossen wurden. Junge Menschen mit Beeinträchtigungen wurden ohne ihre Schulbegleitungen von heute auf morgen in das Home-Schooling geschickt. Viele, viele Fragen sind hier weiter ungeklärt, zahlreiche Bedarfe unberücksichtigt.

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Digitale Welten sind nicht alles

Eine interessante Beobachtung ist weiterhin, dass einiges, was „früher“ vor dem „Lockdown“ als schlecht galt, nun zum Qualitätsmerkmal wird. Das mediale Nutzungsverhalten junger Menschen wurde bisher überwiegend problematisiert. […] Könnte nicht wenigstens hier der Blick gewendet werden und Jugendlichen als Teil unserer Gesellschaft zugestanden werden, dass sie das, was wir jetzt plötzlich alle brauchen, schon lange vorgemacht haben?

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Quintessenz: Was also könnte zu tun sein?

Etwas sarkastisch betrachtet sollte vielleicht allen religiösen Jugendeinrichtungen und Jugendverbänden geraten werden, ihre Treffen jetzt als Gottesdienste oder Freitagsgebete zu titulieren und in Kirchen oder Moscheen stattfinden zu lassen. Je nach Bundesland dürften dann eine Menge Jugendlicher zusammenkommen und von den vereinzelt stehenden Stühlen miteinander in Kontakt treten. Jugendliche haben laute Stimmen, das würde ihnen bestimmt gelingen.

Den sportlich orientierten Angeboten in Jugendverbänden und der offenen Arbeit sollte geraten werden, sich als bundesliga-reif neu zu erfinden, dann ist ein regelmäßiges Treffen und Spaßhaben mit viel Bewegung wahrscheinlich schon sehr bald wieder möglich. Trainiert werden dürfte schon jetzt in Kleingruppen. Corona-Teststreifen ständen auch genügend zur Verfügung. Vor allem würden die Medien und die politischen Vertreter*innen sich dann sehr intensiv mit ihren Interessen beschäftigen, auf Videoschalten über ihre Anliegen beraten und auf Pressekonferenzen über sie berichten. Und TV-Sender würden noch dafür bezahlen.

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Wer aufgrund der zum Teil zugespitzten Formulierungen nun den Vorwurf formulieren möchte, dass die Pandemie-Situation nicht ernst genommen werde, dem sei erwidert: Doch, das wird sie! Es ist und bleibt oberstes Ziel, diese Zeiten ohne den Verlust vieler Menschenleben in gegenseitiger Verantwortung zu gestalten und zu durchleben. Aber genau aus diesem Grund ist es wichtig zu verdeutlichen, dass viele Jugendliche – und vielleicht gerade sie – einen immensen Verzicht leisten. Sie verzichten auf ihr „Recht auf Jugend“ – oder besser: sie werden dazu gezwungen. Zeitgleich engagieren sie sich zahlreich bei der Hilfe in den eigenen Familien und für andere Menschen. Das verdient es in den „Öffnungsorgien“ bzw. in den sachlichen Debatten und den ernsthaften Versuchen der politisch Verantwortlichen, die Welt für alle „gut“ zu gestalten, zu sehen und mitzudenken. Jugendliche verzichten in einer für sie so wichtigen, kurzen Lebensphase auf Dinge, die ihnen nie jemand wird zurückgeben können. Im Kleinen jeden Tag, aber auch im Großen: Abibälle oder andere Schulabschlussfeiern, 18. Geburtstage, Konfirmationen mit vielen Gästen, selbst mit geplante Jugendverbandslager, die ausgespielte Meisterschaft mit der gerade in dieser Saison so guten eigenen Mannschaft, das lang vorbereitete Theaterstück, die Tanzaufführung oder der erste eigene Bandauftritt. Dinge, die wir Erwachsenen heute noch rückblickend mit ganz besonderen Erinnerungen verbinden. Die jungen Menschen leisten diesen Verzicht weitestgehend, ohne zu revoltieren. Das mindeste, was wir ihnen zu bieten haben, sollte unsere (auch mediale) Anerkennung dafür sein. In den Plänen der politisch Verantwortlichen muss endlich deutlich werden, welche Wege sie planen, um baldmöglichst für alle Jugendlichen wieder Freiräume zu ermöglichen!

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Nicht nur für Eltern (insbesondere Mütter) mit Kleinkindern und isolierte Senioren*innen fehlt die Perspektive, sie fehlt auch für die Jugendlichen! Wir müssen uns alle gemeinsam dafür einsetzen, diese schnell wieder zu ermöglichen! […]

Quellen: Deutscher Bundestag (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.

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Der komplette Text ist auf dem Jugendhilfeportal zu lesen unter: https://www.jugendhilfeportal.de/politik/kinder-und-jugendpolitik/artikel/wie-perspektiven-junger-menschen-in-corona-zeiten-aus-dem-oeffentlichen-blick-entschwinden/

 

Gunda Voigts, Professorin an der HAW Hamburg  

Kontakt: gunda.voigts(@)haw-hamburg.de