Ganztagsschule und Schulsozialarbeit – Auf dem Weg zu einer „neuen Normalität“?

Ganztagsschule vor Corona

Es ist etwa fünf Monate her, die Idee einer Corona-Pandemie war noch lange nicht in unseren Köpfen, als ich gemeinsam mit Kommiliton*innen im Rahmen eines Master-Seminars eine Streitschrift[1] mit folgenden Forderungen formuliert habe:

„Als Sozialarbeiter*innen und als Master-Studierende der Sozialen Arbeit fordern wir:

-  Gleichgewichtung von fachlich-qualifizierendem, leistungsbezogenem Lernen und sozialem, nicht leistungsbezogenem Lernen im Rahmen der Ganztagsschule

-  Ausreichend Raum und Sozialarbeiter*innen für das soziale, nicht-leistungsbezogene Lernen, für jugendkulturelle Bildung und die Gestaltung von Aneignungsprozessen der Jugendlichen an Ganztagsschulen

-  Ein einheitliches bundesweites Konzept für das soziale Lernen an der Ganztagsschule, das unter Federführung der Sozialen Arbeit entwickelt wird. 

-  In Verbindung damit: finanzielle Förderung der Sozialarbeitsforschung, um wissenschaftlich fundiert zu evaluieren, zu vergleichen und darauf aufbauend Konzepte weiter entwickeln zu können, ein Promotionsrecht für Hochschulen der Sozialen Arbeit und mehr Forschungsstunden für Lehrende der Sozialen Arbeit“

Wir stellten diese Forderungen mit dem Wissen, dass es die Soziale Arbeit ist, die über wissenschaftlich fundierte und langjährig bewährte Konzepte und Methoden verfügt, um soziales Lernen und Gemeinschaftsfähigkeit von Jugendlichen zu stärken. Die Kompetenz der Sozialen Arbeit ist es, den Menschen in seiner Umwelt, „the-person-in-environment“, in den Blick zu nehmen. Soziale Arbeit weiß um die hohe Bedeutung von sozialräumlichen Aneignungsprozessen, von Peergroup-Learning und der Entwicklung eigener jugendkultureller Prägungen für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen. Basierend auf systemischen Ansätzen ist es ihr möglich, die verschiedenen Lebenswelten der Jugendlichen, wie Familie, Schule und Freizeit zusammenzubringen, aufeinander zu beziehen und so zu einem gelingenderen Alltag der Jugendlichen beizutragen. Deshalb ist Soziale Arbeit in der Lage, die Ganztagsschule zu einem Ort zu machen, von dem nicht nur Politik und Gesellschaft profitieren, sondern vor allem die Jugendlichen selbst. Deshalb muss Jugendsozialarbeit mit ihrer Kompetenz in die Ganztagsschulen vordringen. Dann ist es möglich, wie im 15. Kinder- und Jugendbericht empfohlen, an Ganztagsschulen ebenso optimal fachlich zu qualifizieren, sowie das soziale Lernen und die Gemeinschaftsfähigkeit der jungen Menschen in der Gesellschaft zu unterstützen. Dann können an Ganztagsschulen Leistungs- und Chancenunterschiede ausgeglichen werden. Dann kann Schule als Erfahrungsraum und Ort der Sozialisation für Jugendliche ermöglicht und Jugendkultur im Schulalltag gelebt werden. 


Wie kann es weitergehen?

Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, wirken unsere Forderungen und Ideen, angesichts der Corona-Pandemie, wie aus der Zeit gefallen. Sie scheinen sich aufzulösen im länderspezifischen Notbetreuungs-Modus. Anstatt jugendgerechter Ganztagsschule steht plötzlich Home-Schooling (fast) den ganzen Tag auf dem Programm. Mit großen Anstrengungen von Seiten der Schüler*innen und Lehrer*innen kann wenigstens die fachliche Qualifizierung an Schulen teilweise sichergestellt werden. Soziales Lernen, jugendkulturelle Bildung und Chancengerechtigkeit scheinen dagegen zunehmend utopisch in unserer „neuen Schulnormalität“. Denn wie kann soziales Lernen und Gemeinschaftsfähigkeit unterstützt werden, wenn Schule nur noch online oder stundenweise im Schichtbetrieb und in kleinen Gruppen mit großem Abstand stattfindet? Wie lassen sich Leistungs- und Chancenunterschiede ausgleichen, wenn viele Schüler*innen zuhause weder über ausreichend Raum, Ruhe, Unterstützung oder die notwendige Hardware verfügen? Wie kann Schule Erfahrungsraum und Ort der Sozialisation sein, an dem Jugendkultur entwickelt und gelebt wird, wenn weder Raum noch Zeit zur Verfügung stehen?


Ganztagsschule in unserer „neuen Corona-Normalität“

Bundesweit beweisen Schulsozialarbeiter*innen gerade, dass sie auch in Krisenzeiten handlungsfähig sind. Mit allen Mitteln und viel Kreativität halten sie den Kontakt zu ihren Schüler*innen. Sie drehen Videos, gestalten Facebook-Seiten, initiieren Online-Beratungsangebote oder laden ein zur digitalen Teestunde per Videokonferenz. Aber auch mit Telefonanrufen, Verabredungen zum Spazierengehen, mit Abstand versteht sich, oder durch Hausbesuche zeigen sie Präsenz und sind bereit zu unterstützen, wo es notwendig ist. Auf der anderen Seite verlagert sich Schulsozialarbeit dadurch nach außen, wird mehr und mehr zu einer aufsuchenden Sozialen Arbeit. Schule als sozialer Raum, als Freiraum, der Schüler*innen Möglichkeiten bietet, sich selbst auszuprobieren und Beziehungen aufzubauen, als Ort dem soziales Lernen stattfinden kann, ist momentan nicht vorhanden. Was sich dagegen abzeichnet, ist, dass wir mit Hygiene- und Abstandsregeln noch eine geraume Zeit werden leben müssen.

Was bedeutet das für Soziale Arbeit im Kontext von Schule? Was können wir daraus lernen? Oder besser: Wie können wir weitermachen und in eine „neue Normalität“ von Schulsozialarbeit und Ganztagsschule starten?

„Eine Utopie ist ein Kompass auf dem Weg zu den Werten, um die es geht“. Es ist dieses Zitat, von Ruth Cohn, dass mich trotz allem an den eingangs gestellten Forderungen festhalten lässt. Selbst wenn ihre Verwirklichung durch die Corona-Krise in noch weitere Ferne gerückt ist, sollten sie uns als Kompass den Weg weisen. Es gilt Soziale Arbeit im Kontext von Schule, gerade im Ganztag, weiter zu stärken und auf Augenhöhe zu bringen, mit dem bisher stark dominierenden Leistungsbereich. Das ist notwendig, um Jugend, im Sinne des 15. Kinder- und Jugendberichts, zu ermöglichen. Für die nächsten Schritte habe ich ergänzend zu den Forderungen zwei Vorschläge zu machen:

1.      Soziale Arbeit im Kontext von Schule braucht ein einheitliches Konzept, mit dem die Wiederaufnahme der Tätigkeiten am Lern- und Erfahrungsort Schule unter den geltenden Hygiene- und Abstandsregelungen in möglichst großem Umfang wiederaufgenommen werden kann. Dies könnte beispielsweise von Schulsozialarbeiter*innen aus der Praxis, unter Federführung des DBSH, erstellt werden.

2.      Soziale Arbeit sollte offiziell Systemrelevanz für sich beanspruchen und einen eigenen Sektor im Bereich der Kritischen Infrastrukturen darstellen. Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie wichtig Soziale Arbeit in allen Tätigkeitsfeldern ist, um das staatliche Gemeinwesen aufrechtzuerhalten - sei es in den Kitas und Schulen, in Heimen für alte Menschen und Menschen mit Behinderung, im Jugendamt oder in der psychosozialen Beratung, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Resilienz eines Gemeinwesens steht und fällt mit der Resilienz der Menschen, die darin leben. Diese Resilienz kann die Soziale Arbeit maßgeblich unterstützen. Das sollten wir Sozialarbeiter*innen uns bewusst machen. Dafür sollten wir einstehen.

Simone Hieronymus, Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin B. A. und Master-Studierende an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen



[1] Bei Interesse kann ich Ihnen die Streitschrift, die im Seminar entwickelt wurde, zukommen lassen. Schreiben Sie mir einfach persönlich unter simone.hieronymus(@)gmx.de.