Dickes Brett und Gefahr für die Qualität der Wissenschaft - oder forsch voran und eigensinnig?

Selbst- und Fremdbilder des Promovierens in der Sozialen Arbeit und ihre Konsequenzen für die Promotionsförderung

Wir schreiben Erfolgsgeschichten – jeden Tag. Wir, das sind die Promovierenden in der Sozialen Arbeit. Wir promovieren in einem Spannungsfeld zwischen Diskussionen um die „wahre Wissenschaft“, hochschulpolitischen Interessen verschiedenster Institutionen und deren Standesdünkel und Statusgerangel sowie der Konkurrenz um knappe Ressourcen. Wir promovieren aufgrund des fehlenden Promotionsrechts an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) meistens in Kompromisslösungen wie Graduiertenkollegs, Formen kooperativer Promotionen und „fremdplatziert“ an universitären Fakultäten mit mehr oder weniger Nähe zur Profession und Disziplin Soziale Arbeit. Trotzdem sollte hier nicht vergessen werden zu erwähnen, dass Soziale Arbeit auch an der ein oder anderen Universität zu finden ist (die wenigen Ausnahmen in der deutschen Hochschullandschaft sind die Standorte Duisburg-Essen, Kassel, Siegen, Cottbus-Senftenberg oder Eichstätt-Ingolstadt). Das lässt den Schluss zu, dass Promotionen in der Sozialen Arbeit unter besonderen Bedingungen stattfinden. Man könnte also sagen, dass Promotionen in der Sozialen Arbeit neben den üblichen Anforderungen an die Forscher*innen in dieser Qualifizierungsphase außerdem einer besonderen Fähigkeit der Selbstorganisation und Orientierungsfähigkeit bedürfen.

Und trotz der skizzierten Herausforderungen ist es angebracht, von Erfolgsgeschichten zu sprechen. Diesen Erfolg belegt zum Beispiel die Liste abgeschlossener Promotionen: Sie umfasst mittlerweile über 190 Einträge ­– und die „Dunkelziffer“ ist mit Sicherheit wesentlich höher. Dieses Wir, das sind die, die es geschafft haben, in diesem Spannungsfeld ihren Platz zu finden und für die Disziplin der Sozialen Arbeit zu forschen. Das sind die, die sich in vielen Punkten von Promovierenden in den gängigen universitären Disziplinen unterscheiden – und in vielen Punkten auch wieder nicht (Fritz et al., 2020).

Das sind die, um die sich viele Bemühungen drehen, nicht nur seitens der betreuenden Fakultäten und Professor*innen, sondern auch seitens politischer Akteur*innen wie der DGSA und dem Fachbereichstag (FBTS). Hier geht es nicht nur um die Sozialarbeits-Promovierenden, sondern auch um das große Ganze der Sozialarbeitsforschung. Die Bemühungen zielen auf das Promotionsrecht für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und darauf, die Soziale Arbeit in die Fächersystematik der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufzunehmen. Beide Aktivitäten sind wichtige Aspekte für die Schreiber*innen von Erfolgsgeschichten, denn sie bestimmen in hohem Maße die Rahmenbedingungen, in denen an den Geschichten gearbeitet wird. Nicht zuletzt können diese Rahmenbedingungen für den Erfolg oder das Scheitern – oder zumindest den Aufwand und die entstehenden Reibungsverluste beim Schreiben – ausschlaggebend sein.

Erfolgsgeschichten schreiben übrigens nicht nur die Promovierenden, sondern auch diejenigen, die diese Qualifizierungsphase bereits hinter sich haben. Diejenigen, die als Professor*innen und Forscher*innen in der Sozialen Arbeit grundlagen- und anwendungsbezogen forschen und die Wissensbasis der Disziplin aus der eigenen Perspektive heraus erweitern (Sommer & Thiessen, 2018).

Gefahr für die Qualität der Wissenschaft?

Laut Wissenschaftsrat (2010) und Deutschem Hochschullehrer*innenverband (2014) sind diese Promovierenden auch die, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Sozialisation und Ausbildung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften eine „Gefahr“ für die Wissenschaft darstellen. Sie „[verwässern] die hohe Qualität der Promotionen“ und vermischen die voneinander zu unterscheidenden Aufgaben von Ausbildung und Wissenschaft auf unzulässige Weise. Wer sich an dieser Stelle wundert über die Antiken Quellen, die ich hier zitiere: Auch wenn sich die Lage rund ums Promovieren in der Sozialen Arbeit seitdem sehr verändert hat, sind das die aktuellsten offiziellen Statements dieser beiden Institutionen zum Thema Promotionsrecht an HAWs. Auch nach eingehender Recherche musste ich feststellen, dass diese elf bzw. sieben Jahre alten Aussagen bis heute gelten bzw. nicht durch ein neueres Statement abgelöst oder verändert wurden (siehe auch Zitierung des Wissenschaftsrates in der Stellungnahme der DGSA zur Promotion aus dem Jahr 2019). Die erste Idee des bayerischen Wissenschaftsministers Bernd Sibler zur Frage nach HAW-Promotionen im Zuge der bayerischen Hochschulrechtsreform ist: „Wir wollen keine Entwertungen von Promotionen, sondern eine Stärkung“ (Wissenschaftsminister Bernd Sibler Im Dialog: Die Hochschulrechtsreform in Bayern, 2021). Viele stellen sich außerdem die Frage: Wo sollen bloß all die promovierten Sozialarbeiter*innen hin? Wenn die Promotionswege geebnet werden, was fangen wir mit der zu erwartenden Schwemme von für die Praxis hoffnungslos überakademisierten und für die Wissenschaft laut Wissenschaftsrat und Hochschullehrer*innenverband leider absolut unterqualifizierten Sozialarbeiter*innen an? Man verzeihe mir an dieser Stelle neben der Hyperbel auch den durchaus gewollten ironischen Einschlag. Es ist nicht immer einfach, Fremdbeschreibungen ohne emotionale Regung hinzunehmen – vor allem wenn sie sich von der Eigenwahrnehmung so kategorisch unterscheiden. Und dabei spreche ich nicht nur von meiner persönlichen Eigenwahrnehmung, sondern beziehe mich dabei auch auf Aussagen und Selbstbilder meiner Mitstreiter*innen aus den Reihen der Promovierenden und der Promotionsförderung.

Zum Alltag der Sozialarbeitspromovierenden

Um ehrlich zu sein, bewegt sich die Eigenwahrnehmung zwischen Extremen - einer unbändigen Neugier und Lust, zur Wissensbasis der eigenen Disziplin beizutragen und dieses Wissen zu teilen und zu erweitern. Und dem (durch den dargestellten Diskurs durchaus mit bedingten) Zweifel, ob und wie das gelingen kann. Neben den ganz normalen Selbstzweifeln und Imposter-Ängsten und dem nicht eben ermutigenden zuvor dargestellten Diskurs über die Forschungsfähigkeit von HAW-Absolvent*innen muss an dieser Stelle auch noch auf das besondere Verhältnis der meisten Sozialarbeitspromovierenden zur Praxis hingewiesen werden. Nicht selten promovieren Sozialarbeiter*innen nebenberuflich, während sie in der Praxis außerhalb der Hochschule arbeiten (Fritz et al., 2020). Je ferner die Hochschule, desto schwieriger scheint es zu sein, sich in die akademischen Kreise einzufinden und sich zugehörig zu fühlen „trotz“ enger Verbindung zur Praxis. Auch wenn sich die Soziale Arbeit als eine Handlungswissenschaft versteht, erreicht die integrierende Wirkung dieser besonderen Forschungshaltung ihre Promovierenden häufig nicht. Eine weit verbreitete Idee ist es im Übrigen auch, „in Sozialer Arbeit“ promovieren zu wollen - um dann des Öfteren ernüchtert feststellen zu müssen, dass das irgendwie nicht so direkt geht. Diejenigen, die an Fakultäten anderer Disziplinen promovieren, ereilt besonders oft das Gefühl „ein Alien“ oder „irgendwie fehl am Platze“ zu sein. Solche Selbstbeschreibungen tauchen vor allem dann auf, wenn das Selbstverständnis der Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft nicht kompatibel ist zur Kultur an der Promotionsfakultät. Hier wird der Findungsprozess dann als besonders langwierig und schwierig beschrieben und hängt nicht zuletzt von einer fähigen Betreuung ab, die durchaus als „Integrationshilfe“ verstanden werden kann (Ghanem & Pankofer, 2017).

Aber halt. Mein Ziel ist es nicht, einen weiteren Text zu verfassen, der darin aufgeht die Benachteiligung der Sozialen Arbeit im Wissenschaftszirkus zu erläutern. Das haben viele andere – übrigens auch im internationalen Kontext – bereits ausführlich und sehr treffend getan (Brekke, 2014; Engelke et al., 2009; Sommerfeld, 2014). Auch über die Benachteiligung von promotionsinteressierten Absolvent*innen von HAWs wurde bereits viel geschrieben und die Thematik soll hier nicht im Mittelpunkt der Überlegungen stehen (Alisch & May, 2020; Müller-Bromley, 2019; Sauer et al., 2021). Gehen wir noch einmal zurück zu Bernd Siblers Idee, der Entwertung von Promotionen entgegen zu wirken und sie stattdessen zu stärken. Er ergänzt seine Aussage nämlich noch durch einen wichtigen Satz: „Promovierende brauchen ein starkes akademisches Umfeld.“ Sehen wir mal über die Entwertungs-, Verwässerungs- und Verwischungsnarrative hinweg und richten unsere Aufmerksamkeit auf die Promotionsförderung in einem zugegeben schwierigen Feld.

Zur Geschichte der Promotionsförderung in der Sozialarbeitswissenschaft

Ein Blick in die Geschichte der Bemühungen um die Förderung von Promotionen in der Sozialen Arbeit zeigt eine zunehmende Bündelung und Strukturierung verschiedener Aktivitäten rund um die DGSA. Schmitt (2017) setzt den Anfangspunkt konkreter und organisierter Untertützung 1998 bei der Gründung des DGSA Promotionskolloquiums am Standort Berlin durch Albert Mühlum, Silvia Staub-Bernasconi und Wolf Rainer Wendt. Ziel dieses jährlich stattfindenden Kolloquiums war es, dem wissenschaftlichen Nachwuchs, der in den Nachbardisziplinen promoviert, die Nähe zur Sozialen Arbeit zu erhalten – durch disziplineigene fachliche Unterstützung und die Einbindung in ein Netzwerk. In diesem Sinne bieten die DGSA-Promotionskolloquien auch heute noch Raum zur Vernetzung unter Promovierenden der Sozialen Arbeit sowie insbesondere für den Austausch im Hinblick auf die inhaltliche und methodische Gestaltung des eigenen Promotionsvorhabens. Im Protokoll des ersten Promotionskolloquiums (Mühlum 1998) ist die Rede von Wegen, die mit Hürden verstellt sind, von unübersichtlichem Gelände und der Zusicherung an die Promovierenden, sie seien Pionier*innen. Seit 2007 tagen diese zweitägigen Kolloquien jährlich (im Frühjahr an der EH Freiburg, im Herbst an der ASH Berlin, seit 2013 auch in Bochum). Im Januar 2021 wurde das vierte, regional im Südosten verortete Kolloquium etabliert. Die Kolloquien haben eine feste Programmstruktur mit Fachvortrag, Erfahrungsaustausch und Präsentationen aktueller Dissertationen aus dem Kreis der Teilnehmenden. Außerdem finden Workshops zu Inhalten und Methoden sowie orientiert am aktuellen Arbeitsstand der Teilnehmenden statt: (bspw. Exposéentwicklung; qualitativ-rekonstruktive Analyse; qualitative Inhaltsanalyse; quantitative Designs). Neben Professor*innen, die zur Unterstützung und zum Austausch zur Verfügung stehen, ist auch die informelle Netzwerkbildung der Promovierenden untereinander ein wichtiger Aspekt der DGSA Promotionskolloquien. Es ist möglich, mehrfach an einem regional verorteten Kolloquium, oder aber an allen deutschlandweiten Kolloquien teilzunehmen (Gahleitner et al., 2012; Schmitt, 2017).

Die Gründung der Fachgruppe Promotionsförderung in der DGSA im Jahr 2009 verfolgte das Ziel, den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit auf politischer Ebene wie auch tatkräftig zu unterstützen. Im gleichen Jahr wurden Promotionsbeauftragte an Fakultäten Sozialer Arbeit eingeführt – als niedrigschwellig zu erreichende Ansprechpartner*innen für promotionsinteressierte Studierende und Multiplikator*innen des Themas an den Hochschulen. Als weiterer wichtiger Aspekt der Promotionsförderung ist die Schaffung von Infrastruktur zu nennen. Eine Sammlung von Fachzeitschriften, Promotionen nach FH-Abschluss und die laufend aktualisierte Bibliographie zur Thematik sollen Orientierung und einen erleichterten Zugang zum Thema Promotion bieten, um weitere Schritte auf dem Weg hin zur Promotion aufzuzeigen. Neben den genannten Aktivitäten wurden Netzwerke etabliert in Form eines Facebook-Forums und der Promotionsrundmail, die seit 2006 monatlich an mittlerweile über 2500 Abonnent*innen versendet wird. Neben der Gründung eines wissenschaftlichen Beirats zur Promotion (hier sind neben der DGSA auch der FBTS, sowie die Sektion Sozialpädagogik der DGfE beteiligt) werden Tagungen rund um das Thema Promovieren veranstaltet. Die neueste Aktivität der Fachgruppe umfasst die seit 2018 stattfindende Vorkonferenz zur DGSA Jahrestagung. Diese zielt auf Vernetzung und Informationsaustausch von Promovierenden und Promotionsinteressierten ab und schließt sich an die Bemühungen um selbstorganisierte Arbeitskreise und Gruppen Promovierender an. Genauer betrachtet findet sich ein gemeinsamer Nenner dieser Aktivitäten, der in der Literatur über und für Promotionsförderung in der Sozialen Arbeit erklärt und beschrieben wird: Ausgleich von strukturell bedingten Nachteilen, speziellen Beratungsbedarfen hinsichtlich der Organisation und des Ablaufs einer Promotion, Verringern der Lücke zwischen HAW-Absolvent*innen und Anlaufstellen an Universitäten (Schmitt, 2017; Schmitt & Gahleitner, 2016). Schon wegen der räumlichen Trennung von HAWs und Universitäten bestehen gewisse Berührungshemmnisse für Promotionsinteressierte der Sozialen Arbeit. Diese Klüfte sind mittlerweile vor allem durch Graduierteninstitute, Promotionsverbünde und kooperative Promotionsformen (darunter z.B. das BayWiss Verbundkolleg Sozialer Wandel in Bayern, das Graduierteninstitut „Soziales und Gesundheit“ in NRW oder das kooperative Promotionskolleg „Raum-Alltag-Produktionsweisen des Sozialen“ in Hessen) deutlich verringert. Seit Stattfinden des ersten DGSA Promotionskolloquiums hat sich durch die Etablierung solcher Verbünde einiges in der Promotionslandschaft geändert. Strukturen wurden geschaffen, werden beworben und genutzt.

Die Zukunft der Promotionsförderung

Was gibt es also noch zu tun für eine zukünftige Promotionsförderung? Viel! Die Verbünde verringern zunächst einmal Zugangsprobleme und Fragen rund um die  Betreuer*innensuche. Nichtsdestotrotz gehen Universitäten und HAWs hier eine nicht ganz voraussetzungsfreie Allianz ein (Sauer et al., 2021). Diese ebnet Wege in und durch die Promotion zwar merklich, stellt jedoch trotzdem eine Kompromisslösung dar. Noch immer finden sich Promovierende der Sozialen Arbeit an Fakultäten anderer Disziplinen verortet und können ihre Forschung in den Kategorien großer Forschungsförderungsprogramme und Drittmittelgeber mangels schierer Existenz nicht einordnen. So ganz einfach ist es also immer noch nicht, sich in der Forschungslandschaft zu orientieren, zu verorten und trotzdem die eigene disziplinäre Anbindung nicht zu verlieren. Also braucht es nicht nur Ausgleich von Defiziten. Wie in allen Fächern braucht es für eine erfolgreiche Promotion vor allem Orientierung und Selbstorganisation. Damit muss die Frage WIE sinnvolle Promotionsförderung gelingen kann das Ziel verfolgen, ein starkes akademisches Umfeld in der eigenen Disziplin zu schaffen. Es kann nicht nur allein aus der Position struktureller Benachteiligung von Promovierenden in der Sozialen Arbeit heraus gedacht werden.

Die Frage danach, wie ein starkes akademisches Umfeld für die Disziplin geschaffen werden kann, fordert Sozialarbeitsforscher*innen weltweit heraus – auch in Ländern in denen Soziale Arbeit längst fest an Universitäten etabliert ist (Fong, 2014; Guerrero et al., 2018). Hier spielt vor allem die Frage, wie die Forschung die Soziale Arbeit in ihrer Beziehung und Rolle zur Praxis erfassen und entwickeln kann, eine zentrale Rolle (Anastas, 2015; Goodman, 2015; Hartocollis et al., 2014). Denn wer sagt, dass die enge Beziehung von Wissenschaft und Praxis in der Sozialen Arbeit ein Mangel sein soll? Liegt nicht im Theorie-Praxis-Spagat der Promovierenden, Forschenden und Lehrenden der Sozialen Arbeit das besondere Potential der Disziplin? Wer käme auf die Idee, der Medizin ihren Wissenschaftsstatus abzusprechen, weil sie Forschungsergebnisse in die Praxis einspeist? Sicherlich niemand. Es braucht also Förderstrukturen, die diesen Spagat zwischen Wissenschaft und Praxis, aber auch zwischen verschiedenen disziplinären Betreuungshäfen meistern.

Fritz et al. (2020) zeigen anhand der Ergebnisse einer Umfrage unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs Sozialer Arbeit eine weitere für Promotionsprozesse in der Sozialen Arbeit typische Problematik auf: Die Qualifizierungsphasen von Sozialarbeitsforscher*innen weisen einen hohen Individualisierungsgrad auf. Die sich in den Ergebnissen der Studie widerspiegelnden Lebens- und Arbeitsbedingungen zeichnen eine höchst heterogene Gruppe, die schwer auf einen Nenner zu bringen ist. Viele Promovierende kehren z.B. nach längerer beruflicher Tätigkeit an die Hochschule zurück, um zu promovieren. Die Altersspanne ist entsprechend weit und auch Familie, Care-Aufgaben oder Kindererziehung gehören häufig zum Alltag der Promovierenden. Durch die vielfältigen Hintergründe und fehlende strukturell verankerte Lösungen für Promotionen für Sozialarbeiter*innen forscht und arbeitet der wissenschaftliche Nachwuchs in unterschiedlichsten Zusammenhängen und organisatorischen Gegebenheiten. Klingt erst einmal nicht schlimm – wir Forscher*innen sind ja immer irgendwie auch Einzelkämpfer*innen, hochspezialisiert in unserem Interessengebiet und wichtigstes Medium unserer Erkenntnisse. Bei genauerem Hinsehen birgt diese Lage aber ein erhöhtes Risiko des Scheiterns von Promotionsprozessen (Barak & Brekke, 2014). Verschlimmert wird diese Gefahr noch, wenn die Verankerung in der eigenen Disziplin fehlt (Cnaan & Ghose, 2018).

Kurzes Zwischenfazit

Promovierende Sozialer Arbeit sehen sich mit struktureller Benachteiligung durch die derzeitige wissenschaftspolitische Situation konfrontiert. Sie sind nach wie vor zu großen Teilen angewiesen auf die Gastfreundschaft fremder Disziplinen, zwar abgemildert durch kooperative Modelle, die aber in Fragen der Begutachtung meist den Schwerpunkt auf die universitäre Betreuung und deren Inhalte legen. Darüber hinaus ist ihr typisches Merkmal, in diversen Lebens- und Arbeitsumständen zu promovieren, ein Risiko für das Gelingen der Promotion, wenn diese Heterogenität nicht fruchtbar gemacht werden kann. Diversität erschwert die Etablierung von Unterstützungsstrukturen, da sie anhand von standardisierten Mitteln kaum den Bedarf der Adressat*innen treffen kann.

Promotionsrecht hin oder her: Eine Konsequenz, die sich daraus für zukunftsweisende – und an den gegebenen Umständen ausgerichtete – Promotionsförderung ergibt, muss also sein: Sie muss die Verwurzelung in und Reibung mit der eigenen Disziplin ermöglichen. Sie kann sich nicht darin erschöpfen, Vermittlungshilfe für Promotionsbetreuungen zu liefern. Sie muss Räume für Diskurs und Auseinandersetzung mit den zentralen Themen der Disziplin Sozialer Arbeit eröffnen. Sie muss Inhalte, Fragen, Ergebnisse und Entscheidungen mit der Brille sozialarbeiterischer Denke betrachten. Sie muss Haltungen, Grundannahmen und Vorgehensweisen aus anderen disziplinären Zusammenhängen als solche kenntlich machen und kritisch auf die Passung für die Soziale Arbeit hinterfragen. Und sie muss unterstützen, dass Sozialarbeitsforscher*innen sich auf der Basis der disziplineigenen Theorien und Haltungen Meinungen bilden und diese im akademischen Diskurs fundiert vertreten können. Eigentlich muss sie sich nur auf die Kernthemen Sozialer Arbeit berufen: Befähigung, Begleitung, Hilfe zur Selbsthilfe und ein gerüttelt Maß an Fremdverstehen, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu erden und die Ergebnisse der Bemühungen für die Disziplin fruchtbar zu machen. Genau hier liegen die Herausforderungen zukünftiger Promotionsförderung auf der Mikroebene der Promovierenden, jenseits des politischen Engagements. Es gilt, die Forschung im Rahmen von disziplineigenen Besonderheiten zu sichern. Es gilt, bestehende Strukturen in diesem Sinne zu ergänzen und Heterogenität fruchtbar zu machen.

Sicherlich liegen weitere Herausforderungen der Promotionsförderung auch im Bohren eines anderen dicken Bretts – dem Brett, das Promotionsrecht an HAWs zu etablieren und so einen großen Anteil struktureller Benachteiligung aufzuheben. Damit würde die Praxisnähe der HAWs und der Sozialen Arbeit, die für viele Kritiker*innen ein Problem darstellt und ihren Forscher*innen manchmal einen zu weiten Spagat abverlangt, endlich als Innovationspotential erkannt, das durch die Forschung aktiviert werden kann anstatt sie zum Scheitern zu bringen. Was wir aber bis dahin tun können, um eine sozialarbeitsorientierte Promotionsförderung voran zu bringen ist, Strukturen zu schaffen, in denen Haltungsentwicklung und Sozialarbeitsperspektive möglich sind. Hierzu wurde die Vorkonferenz als institutionalisierter Treffpunkt für Peer-Vernetzung sowie Informations- und Erfahrungsaustausch geschaffen. Die bestehende Infrastruktur wird laufend aktualisiert, erweitert und immer wieder ins Gedächtnis gebracht. Darüber hinaus liefern die DGSA-Promotionskolloquien eine hochschulübergreifende Struktur des Austausches und Mentorings, die sich auf Reflexion und Diskussion aus der Perspektive der Disziplin konzentriert. In den bestehenden Angeboten finden Promovierende der Sozialen Arbeit Informationen und Modelle, die sie nutzen können, um die eigene Arbeit voran zu bringen, Schwierigkeiten zu überwinden und ihren Weg zu finden.

Unter den gegebenen Umständen müsste also festgestellt werden, dass das Promovieren und die Förderung von Promotionen in der Sozialen Arbeit angesichts der aktuellen hochschulpolitischen Lage gleichzeitig dünnes Eis, ein dickes Brett und eine Pionierleistung ist. Sie geht sehr wohl forsch voran, und arbeitet an ihrem Ausbau. Und nimmt dabei eigensinnig den Spagat zwischen Theorie und Praxis in Angriff. Die Förderung von Nachwuchswissenschaftler*innen erfordert mehr als den Ausgleich von Defiziten. Sie braucht Mitstreiter*innen, „Gangs“ (Fritz et al., 2020), Lotsen, Role-Models und vor allem die Perspektive der Sozialen Arbeit, um den wissenschaftlichen Nachwuchs der Disziplin erfolgreich werden zu lassen.

Was wir also suchen, sind Verbündete beim Bohren dicker Bretter (dieses Bild trifft mit Sicherheit disziplinübergreifend auf alle Promotionen zu) und Begleiter*innen beim forschen(den) Voranschreiten. Wir brauchen außerdem Gelegenheiten und kritische Freund*innen für das nimmermüde Reflektieren, Diskutieren und Rückbeziehen der eigenen Ideen auf Theorien und Diskurse innerhalb und außerhalb der eigenen Disziplin. Das Ziel, ein starkes akademisches Umfeld für die Promovierenden der Sozialen Arbeit zu schaffen, braucht Unterstützung aus den eigenen Reihen. Damit wird die disziplineigene Perspektive gesichert und die Eigensinnigkeit sozialarbeiterischer Forschung bewahrt, die so notwendig ist, um den Anschluss an den differenzierten und umfangreichen Wissensbedarf der Profession zu sichern (Taube, i.E.).

Vera Taube

Sprecherin der Fachgruppe Promotionsförderung und Mit-Organisatorin der Vorkonferenz

 

Vielen Dank für die Hinweise, Kommentare und Impulse von Julia Hille, Fabian Fritz, Eva Maria Löffler, Nils Klevermann und Julia Kneuse, die zur Entstehung dieses Blogposts beigetragen haben!

 

Quellen

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