Was ist die Wissenschaft Soziale Arbeit und seit wann gibt es sie?

Die Überschrift bildende Frage ist so simpel gestellt und doch kompliziert zu beantworten. Denn mindestens drei verschiedene Ebenen können herangezogen werden, wenn man diese Frage beantworten will. Eine wissenschaftstheoretische Antwort, eine strukturell-institutionelle Antwort sowie eine (wissenschafts)-politische Antwort. Und schnell merkt man, dass es nicht zwangsweise reicht, wenn eine zufriedenstellende Antwort auf nur einer Ebene gegeben wird. Also sortieren wir ein wenig.

Die wissenschaftstheoretische Antwort

Die wissenschaftstheoretisch fundierte Antwort auf die Frage, seit wann es die Wissenschaft Soziale Arbeit gibt, lautet: seit rund 100 Jahren und damit seit Beginn der institutionalisierten professionellen Ausbildung. Die Argumentation ist hier relativ einfach. Jede Wissenschaft braucht (1) eigene Theorien und diese müssen sich (2) auf einen abgrenzbaren Gegenstand beziehen. Lassen sich diese beiden Kriterien für die Wissenschaft Soziale Arbeit als erfüllt feststellen, muss man nur noch fragen, seit wann diese erfüllt werden.

Also: Mein Verständnis des Formalobjekts der Sozialen Arbeit lässt sich mit „Verhindern und Bewältigen von sozial problematisch angesehenen Lebenssituationen“ benennen. Damit bin ich nicht alleine. Es ließen sich jetzt eine zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aufzählen, die den Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser oder einer ähnlichen Weise definiert haben oder deren Definition bei genauerem Hinsehen, eben auch die genannten Komponenten enthält. Nehmen wir aber an dieser Stelle bewusst einen Vertreter, der der Propagierung einer eigenständigen Wissenschaft Soziale Arbeit eher unverdächtig ist, weil ihm aufgrund seiner disziplinären Herkunft (Erziehungswissenschaft/Pädagogik) und akademischen Verortung (Universität) keine Nebeninteressen unterstellt werden können.

Hans Thiersch schrieb in der Auflage von 1996 des Wörterbuch Soziale Arbeit: „Sozialarbeit hat zum Gegenstand Probleme der Unterprivilegierung, der fehlenden materiellen Ressourcen, also der Armut und der Unterstützung in belasteten, unterprivilegierten, ausgegrenzten Lebensverhältnissen. (...) Sozialpädagogik versteht sich als ein Moment der spezifisch neuzeitlichen gesellschaftlichen Reaktion auf die ,Entwicklungstatsache‘ (Bernfeld 1970). Sie zielt – begründet im besonderen Entwicklungs- und Lernstatus der Kinder – auf Hilfs-, Erziehungs- und Bildungsangebote für Kinder, Heranwachsende und ihre Familien in ihrem Lebensfeld und dabei zunächst auf kompensierende Angebote in belasteten Lebensverhältnissen. (...) Den Problemen angemessen ist allein die unterschiedliche Traditionen integrierende Handlungswissenschaft Soziale Arbeit“ (Thiersch 1996, 619f.).

Allein an diesem Zitat wird deutlich, dass der Gegenstand der Sozialen Arbeit eben nicht gleich dem der Erziehungswissenschaft, der Soziologie, der Psychologie, etc. ist, sondern etwas Eigenes abbildet. Damit ist der erste Schritt erfolgt. Bleibt die Frage, seit wann von dem Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser Art und Weise – Verhindern und Bewältigen sozial problematisch angesehener Problemlagen – und dessen wissenschaftlicher Bearbeitung gesprochen werden kann. Und da muss man auch nicht lange suchen. Schon die Pionierinnen der Sozialen Arbeit (Addams, Arlt, Richmond, Salomon, etc.) haben sich in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf Gegenstände bezogen, die dieser Kurzformel des abgrenzbaren Formalobjekts entsprechen. Und ja, dass waren wissenschaftliche Arbeiten. Wer dies nicht glaubt, sollte die Bücher der Pionierinnen einmal im Original lesen. 

Die erste Antwort lautet also: Aus wissenschaftstheoretischer Sicht gibt es die Wissenschaft Soziale Arbeit seit gut 100 Jahren. 

Die strukturell-institutionelle Antwort

Die strukturell-institutionelle Antwort hingegen lautet seit rund 30 bis 35 Jahren und damit seit Beginn eines neuen „Selbstbewusstseins“ Sozialer Arbeit an Fachhochschulen. Ausgangspunkt hierbei sind mit Sicherheit die „Empfehlungen zur Aufgabe und Strukturen der Fachhochschulen“ des Wissenschaftsrates von 1981. In diesen wurde der Forschungsauftrag der FHs nochmals betont. Für die Soziale Arbeit dauerte es noch ein wenig, bis sich dieses Selbstbewusstsein auch in konkrete inhaltliche Reformen und Forderungen niederschlug. Aber spätestens seit Mitte der 1990er hat sich Soziale Arbeit an den FHs von den Bezugswissenschaften zu emanzipieren begonnen und die eigenständige Formulierung einer Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft Soziale Arbeit erfolgte. Das war kein „Zwergenaufstand“, sondern die logische Fortführung eines Bedeutungswandels und neuer Aufgabengebiete der Fachhochschulen. Wo disziplinär geforscht wird, entwickelt sich eine Wissenschaft. 

Die zweite Antwort lautet also: Aus strukturell-institutioneller Sicht gibt es die Wissenschaft Soziale Arbeit seit gut 30 bis 35 Jahren. 

Die wissenschafts-politische Antwort 

Um die Frage, wann Soziale Arbeit auch wissenschafts-politisch anerkannt wurde und sie es deshalb „gibt“, zu beantworten, muss man zwei unterschiedliche Blickwinkel einnehmen. Zum einen gibt es die politischen Akteure, die die Rahmenbedingungen für Wissenschaft definieren. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, sind hier vor allem die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie die Kultusministerkonferenz (KMK) von Bedeutung. Zum anderen organisiert sich Wissenschaft auch selbst. Und diese Wissenschaftsorganisationen – seien es akademische Fachgesellschaften oder Forschungsförderorganisationen – machen auch Politik. Es wäre naiv zu glauben, dass alle Äußerungen, Stellungnahmen und Entscheidungen dieser Organisationen nach rein wissenschaftlichen Kriterien getroffen werden. Aus diesem Grund soll die wissenschafts-politische Antwort zweigeteilt sein.

Die (wissenschafts-)politische Antwort lautet: es gibt die Wissenschaft Soziale Arbeit seit dem 3.7. bzw. 11.10.2001. Es mag jetzt ein wenig überraschen, dass hier zwei konkrete Tage benannt werden. Aber dennoch: an diesen Tagen haben die HRK bzw. KMK die Wissenschaft Soziale Arbeit explizit als Fachwissenschaft und wissenschaftliche Grundlage für das Studium der Sozialen Arbeit anerkannt. Denn an diesen Tagen wurde die „Rahmenordnung für die Diplom-Prüfung im Studiengang Soziale Arbeit“ jeweils von der HRK und KMK verabschiedet.

In dieser heisst es: „Die Prüfungsgebiete folgen nicht der Gliederung der üblichen Wissenschaftsdisziplinen (Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Rechtswissenschaft usw.), sondern gehen davon aus, dass die heute der Sozialen Arbeit zugrunde liegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse/Theorien und Methoden unter dem Begriff einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit zusammengefasst werden können, auch wenn diese wissenschaftspolitisch nicht allseits anerkannt ist und sich noch nicht institutionalisiert hat.“ 

Eindeutiger kann man es nicht formulieren. 

Deshalb bleibt alleinig noch die wissenschafts-(politische) Antwort offen: Wann erkennen die wissenschaftlichen Selbstverwaltungsorganisationen – vor allem die DFG – die Wissenschaft Soziale Arbeit an? Und hier sieht es nicht so gut aus. Ein Antrag auf Aufnahme der Wissenschaft Soziale Arbeit in die DFG-Fächersystematik durch die DGSA wurde 2018 gestellt und abgelehnt. Das hat aber etwas mit strukturellen politischen Fragen zu tun und nicht mit wissenschaftstheoretischen.  Aber es bleibt zu konstatieren, dass eine Wissenschaft, die von der institutionellen Forschungsförderung zum großen Teil abgeschnitten ist, es schwierig hat, sich weiter zu entwickeln. 

Wissenschaft braucht Forschung(sförderung)! 

Aus diesem Grund hat der Vorstand der DGSA eine aktuelle Stellungnahme herausgegeben, in der die zentralen Forderungen zur Förderung von Forschung in der Sozialen Arbeit zusammengestellt sind und argumentativ begründet werden. 

Sie finden die Stellungnahme hier. Der Vorstand der DGSA freut sich, wenn diese möglichst weit verbreitet wird, wenn Sie mit politischen Entscheidungsträger*innen in Ländern und im Bund zum Thema Forschung sprechen. 


Prof. Dr. Stefan Borrmann

Lebens- und Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Sozialen Arbeit - Ergebnisse einer Online-Umfrage

Laufzeit der Umfrage: November 2018 bis April 2019

Mit der Gründung der „netzwerkAGsozialearbeit“ während der DGSA-Jahrestagung 2018 gibt es eine organisierte „Nachwuchs“-Gruppe, die lose an die DGSA angebunden ist.

Als Organisationsteam erschien es uns nur allzu nachvollziehbar, sich zuerst mit den eigenen Lebens-und Arbeitsbedingungen zu beschäftigen. Hierfür wurde von Fabian Fritz (HAW Hamburg) eine Online-Umfrage beim wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit durchgeführt. Die Umfrage verfolgte drei wesentliche Ziele. Sie sollte:

·       Informationen bzgl. der Beschäftigungsbedingungen der jungen Wissenschaft Sozialer Arbeit generieren und Transparenz schaffen,

·       Forschungsinteressen und Zukunftsperspektiven der jungen Wissenschaft erheben,

·       Verbesserungsvorschläge bündeln und kommunizieren, um somit zu Diskussionen innerhalb der jungen Netzwerke und darüber hinaus anzuregen.

Die Ergebnisse wurden auf der DGSA-Jahrestagung im April 2019 in Stuttgart vorgestellt. Eine ausführliche und kommentierte Publikation wird im entsprechenden Tagungsband erscheinen (voraussichtlicher Termin: Frühjahr 2020).

Zur Vorbereitung der trinationalen Tagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizer Gesellschaften für Soziale Arbeit (DGSA/OGSA/SGSA) an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut am 24./25. April 2020 möchten wir die wichtigsten Ergebnisse vorab zur Verfügung stellen.

Im Panel möchten wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen „junger“ Wissenschaftler_innen Sozialer Arbeit und einen (möglichen) Protest diskutieren. Im akademischen Mittelbau ist Prekarität eher die Regel als die Ausnahme. Grund ist, dass die Hochschulsysteme in Österreich und Deutschland nur einer Minderheit der Wissenschaftler*innen eine existenzsichernde, verlässliche und planbare Perspektive bieten können. Inzwischen regen sich kontinuierlich Kritik und Widerstand gegen die aktuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das Panel schafft eine Übersicht und regt zur Diskussion an.

Der Blick auf die Ergebnisse unserer Umfrage zeigt, dass es u.a. kaum unbefristete Verträge gibt und nicht einmal der Hälfte in ihren Anstellungsverhältnissen Zeit zur Arbeit am eigenen Qualifikationsprojekt zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass nur ein Viertel über eine volle Stelle verfügt und über die Hälfte mehreren Arbeitsverträgen gleichzeitig nachkommt. Die Bedingungen spiegeln sich in einer ambivalenten Zufriedenheit der „Nachwuchs“-Wissenschaftler_innen wider. Diese und weitere Ergebnisse werden vorgestellt und diskutiert. Hier ist ein Poster mit der Zusammenfassung als PDF zu finden.

Aber wie nun weiter?

Nicht meckern, sondern Banden bilden. In einer Podiumsdiskussion soll in Landshut die Frage diskutiert werden, was die unterschiedlichen Beteiligten und Statusgruppen jeweils dazu beitragen können, sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die Wissenschaftler*innen im sogenannten „Mittelbau” bzw. den „Nachwuchs“ einzusetzen. Gemeinsam mit Podiumsgästen und Plenum werden Ideen entwickelt und deren Ambivalenzen diskutiert. Hierbei sollen sowohl gewerkschaftliche als auch innerwissenschaftliche Perspektiven zu Wort kommen.

Wir laden alle Interessieren herzlich ein, sich unsere Ergebnisse anzuschauen, mit uns in Landshut oder über andere Kanäle in Diskussion zu treten und gemeinsam aktuelle Problemlagen anzugehen.

Wir freuen uns über Feedback, Nachfragen und eine angeregte Diskussion.

Kontakt

Zur Umfrage: f.fritz@haw-hamburg.de  

Zum Panel: f.fritz@haw-hamburg.de & julia.hille@hs-nordhausen.de

Zum Nachwuchsnetzwerk: netzwerkagsozialearbeit@gmail.com

 

Fabian Fritz (HAW Hamburg)

Julia Hille (HS Nordhausen)

Nils Klevermann (Universität Tübingen)

Eva Maria Löffler (Universität Kassel)

Vera Taube (FH Würzburg-Schweinfurt)

Und dazwischen - die Lücke: Bedeutung von Genderwissen in der Sozialen Arbeit

Wir sind auf dem Weg ins Feld, zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Fachbereichs Soziale Arbeit einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Wir wollen Kooperationspartnerinnen bei der Kreisverwaltung im ländlichen Raum interviewen. Es geht um die Frage: Wie kann die Öffentlichkeitsarbeit im Landkreis verbessert werden, um eine Sensibilisierung der Bevölkerung zum Thema Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer (60+) zu erreichen? Dort angekommen, haben wir noch etwas Zeit bis das Interview beginnt und stehen im Vorraum vor drei Regalen mit Flyern und Broschüren, von denen wir uns einige mitnehmen. Erst als wir ein paar Schritte zurücktreten, fällt uns auf: Das Regal links richtet sich an Frauen. Hier finden sich Informationen zu Mutterschaft, Elternzeit, Kindern, frauenspezifischen Krankheiten und zu Hilfeangeboten bei häuslicher und sexueller Gewalt. Das Regal rechts ist überschrieben mit „Informationen für unsere älteren Mitbürger“. Darunter finden sich Flyer und Broschüren zu Pflege, Wohnheimen, Freizeitangeboten und weiteren auf Rentner*innen bezogene Themen und Angebote. Dem Thema Sicherheit und Gewalt ist eine ganze Reihe gewidmet, aber beide Themen werden in diesem Material, das die Gruppe der Älteren mit Schrift und Bild explizit anspricht, nur im Kontext von unbekannten Täter*innen und Delikten wie z.B. Trickbetrug und Diebstahl thematisiert. Das Regal in der Mitte enthält allgemeine Informationen zum Landkreis.

Für uns ist das Arrangement dieser Regale wie ein Symbol für das Spannungsfeld, in dem wir uns mit unserem Forschungsthema bewegen: Alter und Partnergewalt - und dazwischen eine Lücke.

 

Nicht im Fokus: Gewalt in Paarbeziehungen Älterer (60+) 

Empirische Studien zeigen, dass jede vierte Frau von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt. Die Studien, die ältere Frauen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, zeigen, dass physische, psychische und sexuelle Gewalt in langjährigen Gewaltbeziehungen auch mit fortschreitendem Alter nicht endet bzw. auf Grund verschiedener Faktoren wie Verrentung, nachlassender Gesundheit und sozialer Isolation, von den Täter*innen ausgeübt und den Opfern erduldet wird. Zugleich ist die Gruppe der betroffenen älteren Frauen (und auch Männer) nur unzureichend über die Einrichtungen des Gewaltschutzes informiert und wird von diesen kaum erreicht. Und selbst wenn sie die Beratungsstellen kennen, fühlen sie sich oft nicht von den Angeboten angesprochen. „Ich weiß, dass es ein Frauenhaus gibt“ sagte uns eine ältere Gesprächspartnerin, „aber das ist doch nicht für uns! Das ist für jüngere Frauen mit Kindern“. Während Gewalt in der Pflege älterer Menschen seit den 2000er Jahren zunehmend enttabuisiert und skandalisiert wurde, steht die Problematik der Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer (60+) kaum im Bewusstsein der (Fach) Öffentlichkeit. Mit unserem Anliegen, für Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer zu sensibilisieren, stoßen wir bei Gesprächspartner*innen oft zunächst auf Unkenntnis und manchmal auch auf Abwehr. Dass ältere Menschen „immer noch“ von Gewalt in der Paarbeziehung betroffen sein sollen, das können (oder wollen) sich viele nicht vorstellen. Es ist schlicht nicht im Fokus.

 

Geschlechtervergessenheit

Gewalt gegen ältere Menschen wird vor allem als Gefahr „von außen“ und durch Fremde wahrgenommen. Insbesondere die Polizei ist hier mit Information und Aufklärung sehr aktiv. Wenn Gewalt gegen Ältere im sozialen Nahraum thematisiert wird, dann meist im Kontext häuslicher oder stationärer Pflege. Die Maßnahmen zur Prävention und Intervention sind entsprechend ausgerichtet auf Schulung, Beratung und Unterstützung der Pflegenden (Angehörigen) mit dem Ziel der Entlastung, da die Überlastung aller Beteiligten als einer der Hauptfaktoren für die ausgeübte Gewalt gesehen wird. Vor diesem Hintergrund kann also nicht gesagt werden, dass Gewalt gegen Ältere grundsätzlich mit Gleichgültigkeit und Untätigkeit begegnet wird. Wenn allerdings eine der insbesondere für Frauen gefährlichste Form der Gewalt, die Gewalt in der Paarbeziehung, die von den Vereinten Nationen ausdrücklich als Menschenrechtsverletzung benannt wird, für die Gruppe der Älteren ausgeklammert und im Kontext Pflege nicht berücksichtigt wird, muss eine Geschlechtervergessenheit bzgl. Alter(n) festgestellt werden. Und es müsste gefragt werden: Wer pflegt hier wen? Und besteht Alter nur aus Pflegebeziehungen? Was ist mit den Paaren, die nicht oder erst im Kontext Pflege in den Fokus der Fachkräfte geraten? Und wie fallen - sprichwörtlich - Interventionen aus, wenn wir Genderaspekte bei Gewalt gegen Ältere Menschen nicht berücksichtigen?


Wissens- und Versorgungslücke

Mit Blick auf die Fachkräfte in den für die Zielgruppe der Älteren relevanten Bereichen der Altenhilfe, Gesundheit, Frauen und Gleichstellung und Gewaltschutz möchten wir einige Aspekte herausgreifen: 

Wissen und Bewusstsein: Wird das (Fort)bestehen von vitalen, auch konflikthaften Paarbeziehungen im Alter nicht gesehen und werden sich fortsetzende und kumulierende Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis im Alter nicht erkannt (vom Gender Pay Gap zum Gender Renten Gap bspw.), gerät die Gruppe der älteren Frauen nicht nur aus dem Blick des Gewaltschutzes (im Fokus der Öffentlichkeitsarbeit sind überwiegend „Frauen mit Kindern“ d.h. implizit Frauen im reproduktiven Alter auch wenn ältere Frauen nicht explizit ausgeschlossen werden). Sie werden auch bei Maßnahmen der Gewaltprävention für Ältere nicht berücksichtigt (z.B. keine Nennung von Einrichtungen des Gewaltschutzes wie Frauenhaus, Frauenberatungsstellen oder Täterberatung in Seniorenwegweisern etc.). 

Kompetenzen und Vernetzung: Die Motivation zur Intervention bei Gewalt in Paarbeziehungen Älterer steht in einem engen Zusammenhang mit den Handlungskompetenzen der Professionellen und den strukturellen Bedingungen ihrer Arbeitsfelder. So gibt es nur wenig auf die spezifischen Bedarfe älterer Frauen ausgerichteten Schutzeinrichtungen. Und es gibt selten Notbetten für eine_n auf Hilfe angewiesene_n Täter*in, der_die der Wohnung verwiesen werden soll. Die für die Zielgruppe Älteren relevanten Bereiche - Altenhilfe, Gesundheit, Frauen und Gleichstellung, Gewaltschutz – haben bzgl. ihrer Angebote und Aktivitäten entweder das Thema Gewalt in Paarbeziehungen oder die Gruppe der Älteren nicht ausreichend im Blick. Eine Vernetzung und Kooperation dieser Bereiche würde dazu beitragen, die Versorgungslücke für die Zielgruppe der Betroffenen zu schließen. Zudem könnten die einzelnen Bereiche auch von Synergieeffekten aus einer Kooperation und Vernetzung sowie der jeweiligen hohen aber oft spezifischen Fachlichkeit profitieren.

Adäquate Analyse und Interventionen: Besteht bei den Fachkräften kein Wissen über das Phänomen von Gewalt in Paarbeziehungen generell sowie als Form geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen und erfolgt die Analyse eines Gewaltverhältnisses ohne Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses, so bleibt die Analyse eine vorläufige und damit können die Interventionen ggf. zu kurz greifen. Das kann bedeuten, dass allgemeine Seniorenberatungsstellen Einrichtungen des Gewaltschutzes nicht oder zu spät hinzuziehen. Oder mit Blick auf die Pflege, dass das Gewaltgeschehen nur als Folge von Überforderung durch Pflegearbeit oder dementieller Erkrankung betrachtet wird. Das kann zu Entlastungsangeboten für einen oder beide Partner*innen führen. Im Fokus steht dann ein weiteres (als funktionierend empfundenes) Zusammenleben eines Paares durch kleinere Auszeiten zu ermöglichen. Allerdings wird so die Dynamik einer (oft langjährigen) Gewaltbeziehung, die ambivalenten Haltungen und Abhängigkeiten der Betroffenen und der Täter*innen sowie eine eventuell akute und lebensbedrohliche Gefährdung nicht erfasst. Laut der Statistik des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2018 wurden 122 Frauen von ihrem (Ex)Partner getötet. Eine Reportage der „Zeit“ dokumentiert die Hintergründe zu den Taten und meist auch das Alter der getöteten Frauen und der Täter. Nach diesen Recherchen waren 16 der getöteten Frauen älter als 60 Jahre, 7 davon älter als 80. Die älteste Frau war 91 Jahre alt.

Hieran zeigt sich, dass Genderwissen kein vernachlässigbares Wissen in der Sozialen Arbeit ist, sondern vielmehr dazu beiträgt, die richtigen Analysen vorzunehmen und daraus folgend passende Maßnahmen, Interventionen und Kooperationen einzuleiten. Denn jeder Mensch – unabhängig von Alter und Geschlecht - hat das Recht auf ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit und auf körperliche wie seelische Unversehrtheit.


Angela Merkle und Franziska Peters von der Hochschule RheinMain


Dieser Beitrag wurde anlässlich der Wissenschaftstages Gender Studies und mit Bezug auf #4genderstudies verfasst. 

„Systemsprenger“ oder: Wie Hilfen besser gelingen können! Gedanken zum Spielfilm „Systemsprenger“

Der nachfolgende Text entstand auf Anregung meiner Kollegin Prof. Dr. Michaela Köttig und nach einem intensiven gemeinsamen wechselseitigen Austausch.

Mitte September 2019 kam der Spielfilm „Systemsprenger“ der Regisseurin Nora Fingscheidt in die Kinos. Vor dem Kinostart wurde er bundesweit in Einzelvorführungen bereits Fachkräften, vor allem der Sozialen Arbeit und Pädagogik, gezeigt und mit Podiumsdiskussionen zum Thema flankiert. Die Reaktionen der Fachkräfte auf den Film waren enorm. Es wurde unter anderem benannt, dass der Film sehr emotional und aufwühlend sei. Dies einerseits, weil er einen Fall zeige, bei denen die Angebote und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht greifen. Und andererseits, weil er ein Kind zeigt, dessen Hilfebedürftigkeit und auch Not gesehen wird, welches aber eben das System „sprengt“. Hinzu kommen der fachliche Anspruch und das Bemühen, jedem jungen Menschen und auch dessen Familie helfen zu wollen. Ein Dilemma war zu sehen, welches Fachkräfte nachhaltig beschäftigte. Teilweise wurde auch Unverständnis darüber geäußert, warum an bestimmten Stellen im Film fachlich nicht anders gehandelt wurde. Es müsse und könne doch auch besser gehen. Von mancher Seite wurde eingeräumt, dass der Film auch Idealbedingungen der Hilfepraxis zeige. Dies beispielsweise in der durchgängigen Verfügbarkeit und Zugewandtheit der zuständigen Fachkraft des Jugendamtes sowie der problemlosen Finanzierung der Hilfe-Maßnahmen. Die Rahmen- und Strukturbedingungen in der Praxis seien weitaus schlechter. Vor allem aber die Szene, in der die Jugendamtsmitarbeiterin resigniert und weinend zusammensackt, wurde als stark emotional empfunden und bewegte auch gestandene Fachkräfte.[1]

Nüchtern betrachtet verwundern diese Reaktionen im Grunde nicht. Das Anliegen des Films besteht ja gerade darin, am Beispiel eines neunjährigen Mädchens Verständnis für junge Menschen zu erzeugen, die in ihrem bisherigen Leben bereits viel Schlimmes und großes Leid erfahren mussten, in ihren Familien nicht leben können, in innerer und äußerer Not sind, die Wohneinrichtungen mehrfach wechseln und nirgendwo einen Ort finden, an dem sie zur Ruhe kommen und dauerhaft Aufwachsen können. Und zur Botschaft des Films gehört auch, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pädagogik im Kontakt mit diesen Kindern immer wieder an ihre Grenzen geraten – fachlich und emotional. Und somit wird in diesem Spielfilm auch das Scheitern von sozialpädagogischen und psychiatrischen Maßnahmen dargestellt. Und auch weil ein Kind – und kein*e Jugendliche*r - im Mittelpunkt des Geschehens steht, welches Sicherheit und Schutz benötigt, dem Menschen helfen wollen, welches immer wieder Erwachsene trifft, die dies probieren und eben nicht schaffen, spricht der Film Emotionen an. Er hinterlässt die Zuschauer*innen mit seinem offenen Ende in der jeweils eigenen Phantasie, der dann endlos nachgegangen werden kann. Nicht umsonst erhielt der Film bereits mehrere bedeutende nationale Preise und wurde für den internationalen Oscar vorgeschlagen. Er ist filmerisch hervorragend gemacht, ebenso wie die Leistungen der Schauspieler*innen herausragend sind, vor allem die von Helena Zengel, welche das neunjährige Mädchen Benni spielt.

Nun sind „aussichtslose Fälle“, also Fälle, die im Hilfesystem scheitern und an denen das Hilfesystem scheitert, seit jeher ein Teil der Kinder- und Jugendhilfe. Diese umfassen in etwa 10% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung. Diese jungen Menschen sowie deren Hilfeverläufe bewegen Fachkräfte seit Jahrzehnten in der Praxis, auch emotional. Und tatsächlich erleben Fachkräfte in diesem Zusammenhang auch ihre eigenen, persönlichen Grenzen.
Was leistet dieser Film nun, indem er das Thema „Systemsprenger“ eindrücklich einer breiten nationalen und internationalen Öffentlichkeit präsentiert? Zunächst kann festgestellt werden, dass mit der filmischen Inszenierung ein Bild gezeigt wird, welches die Menschen im Jahr 2019 bereit waren, zu dieser Problematik in sich aufzunehmen. Es werden damit eine aktuelle gesellschaftliche Perspektive und ein vorhandener Diskurs zum Thema abgebildet. Von dieser Seite aus betrachtet, ist die Aussage des Films beruhigend. Denn es wird im Film, anders als in aufgeheizten Medienberichten und häufig auch der Fachpraxis, nicht nach Schuldigen für diese erschütternde Geschichte und deren Verlauf gesucht. Die Schuld liegt weder einseitig beim Kind, noch bei der Mutter oder im Hilfesystem. Und überhaupt wird die Schuldfrage im Film gar nicht gestellt. Die Regisseurin vermag es, die Perspektive aller Beteiligten im Spiel zu behalten. Auch gelingt es, die beständigen Versuche aller Erwachsenen, um Wege zu finden, damit Benni einen Ort zum Leben findet, deutlich zu machen. Die Tragik der Handlung besteht genau darin, dass eben jenes Bemühen nicht ausreicht.

So führt beispielsweise das aggressive Handeln von Benni immer wieder zum Ausschluss aus der jeweiligen Wohneinrichtung/dem Heim. In den dargestellten Szenen wird angedeutet, dass gerade jenes für andere Menschen bedrohliche Handeln des Kindes auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückgeführt werden kann. Bei Re-Traumatisierungen wird es als aktives Handlungsmuster reproduziert. Fatalerweise erlebt das Kind Benni aber gerade in diesen Situationen der Re-Traumatisierung keine Unterstützung durch professionelle Fachkräfte. Statt einer emotionalen, sicheren und haltenden Zuwendung zum Kind erfolgt ein standardisiertes, auf die Einhaltung von Regeln und Normen ausgerichtetes Handeln. Und schließlich die institutionelle Entscheidung der Wohneinrichtung/des Heims über den Ausschluss bzw. Rauswurf. Dieses Muster wiederholt sich permanent. Es enthält die ‚Bestrafung‘ eines Kindes durch den Entzug existentieller Lebensgrundlagen aufgrund einer sozialen und psychischen Auffälligkeit. Allerdings war genau diese Auffälligkeit Anlass der professionellen Unterstützung und durch diese wird die Hilfe weiter begründet. Aber sie wird durch keine*n der beteiligten Akteure bewältigt. Das, was das Kind also am meisten zu brauchen scheint, nämlich einen bedingungslosen, emotional-haltenden Lebensort mit fürsorgenden erwachsenen Menschen sowie die Befriedigung basaler Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen, Körperkontakt, erfährt Benni im Hilfesystem nicht. Und auch in der hoffnungsvollen Sequenz mit dem Einzelfallhelfer Micha, der Benni zumindest manchmal in den Arm nimmt und tröstet, bleibt das Kind einsam und ohne haltende Verbindung. Und so stellt sich nur eine Person im Film die Schuldfrage, nämlich Benni selbst. Sie sagt, dass sie wegen ihrer Ausbrüche nicht zu ihrer Mutter kann bzw. erst wieder zurück kann, wenn sie diese nicht mehr hat. Da wird also in der Gesamtheit betrachtet der Erfolg der Hilfe zu deren Voraussetzung. Das ist bitter und begründet eine Endlosschleife. Diese Darstellung ist der Regisseurin durchgängig gelungen. Es wird die Ausweglosigkeit der Situation deutlich. Darüber hinaus wird den Zuschauer*innen auch veranschaulicht, dass Benni selbst die Logik des Hilfesystems verstanden hat. Die daraus entstehende Aufgabe ist für sie unlösbar.

Nun ist auch aus der Fachliteratur bekannt, dass das Stellen und Verfolgen der Schuldfrage eine Sackgasse für die Verbesserung sozialer Situationen und die Lösung von Konflikten ist. Es eröffnet auch keine sozialpädagogischen Handlungsmöglichkeiten. Diese basieren unter anderem darauf, dass die Kinder Neues lernen und destruktives Handeln verändern können. Lernen ist aber nur möglich, wenn das Innere des Kindes sich gegenüber der Außenwelt öffnen kann. Dazu braucht es einen basalen Kontakt zu Menschen und einen einigermaßen sicheren sozialen Ort. Diese vorsichtigen Kontaktbemühungen, gerade emotional belasteter Kinder, sind anfangs weit davon entfernt, Vertrauen in die Umwelt bzw. in Personen zu haben. Es sind ganz zarte Fäden, die schnell zerreißen können. Vorwürfe und Schuldzuschreibungen setzen junge Menschen unter Druck. Dadurch verschließen sie im wahrsten Sinne des Wortes ihr Inneres, gerade dann, wenn sie sich in diesen vorsichtig tastenden Kontaktbemühungen befinden. Sie sind dann für andere Menschen nicht mehr erreichbar. Dies häufig für längere Zeit.

Im Hinblick auf den öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs leistet der Film einen großartigen Beitrag. Er zeigt, wie ein Kind groß wird, welches mit (Re-)Traumatisierungen und beständigen Verstößen bzw. Weg-Stößen von anderen Menschen leben muss. Dies ist Bestandteil des Alltags dieses Kindes. Diese Erfahrung wird zu einem Teil der eigenen Biografie. Sie wird in eigenes Handeln des Kindes als Reaktion darauf umgesetzt. Es gibt für das Kind keine Therapie, die es wieder gut macht. Es gibt auch keine andere Heilung oder gar Reparatur. Das Kind ist gefordert, damit und mit den dahinter liegenden Erfahrungen zu leben. Und ist auf diese Weise sehr allein. Und wächst damit auf. Es ist anzunehmen, dass es etlichen Menschen, ob Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, ähnlich geht wie Benni im Film. Sie haben ein solches Leben zu bewältigen. Sie brauchen dafür kein Bedauern und keine Wundermittel. Sie brauchen eine Welt, in der diese Lebensleistung wahrgenommen, anerkannt und gewürdigt wird. Dies wäre schon eine entscheidende Hilfe.

Und der Film macht auch deutlich, dass ‚Kinder keine Systeme sprengen‘! Diese Metapher trifft auf das Geschehen im Grunde nicht zu. Menschen können ohne technische Hilfsmittel keine Systeme sprengen – schon gar nicht Kinder. Systeme funktionieren ohne menschliche Intention. Systemtheoretisch betrachtet haben sie eine funktionale Eigenlogik. Sie bestehen unbeirrt weiter. Dies auch wenn Kinder dort emotional und kognitiv nicht ankommen und auch, wenn Kinder und Fachkräfte aneinander scheitern. Aus systemtheoretischer Perspektive ist das im Film dargestellte stringent und logisch. Systeme agieren selbstreferentiell. Die damit verbundenen Logiken u.a. von Inklusion und Exklusion sind bei Niklas Luhmann nachlesbar, der sich ja ausführlich mit funktionalen Systemen beschäftigt hat. Das bedeutet auch: Systeme allein können Menschen nicht helfen! Systeme können lediglich funktional bereit stehen, um Leistungen zu erbringen. Von daher braucht es, um Kindern wie Benni tatsächlich zu helfen, noch eine andere Denkrichtung als die der „Systemsprenger“.

Tatsächlich gibt es ja ausreichendes sozialpädagogisches Fachwissen darüber, wie Kindern (und Jugendlichen) wie Benni geholfen werden kann. Dieses Wissen wurde seit ca. einhundert Jahren beständig erweitert und fortentwickelt. Es ist inzwischen auch empirisch gut erforscht, nur (leider) nicht durchgängiger Bestandteil von (Hilfe-)Systemen. Obwohl es deutschlandweit Fachkräfte gibt, die sich klug und reflektiert mit jungen Menschen wie Benni auf einen gemeinsamen Weg machen. Und dabei nicht resignieren, weil sie aus Sackgassen immer wieder herausfinden.

Kinder benötigen soziale Beziehungen/soziale Kontakte zu anderen Menschen sowie soziale Orte. Diese müssen für die kindliche Entwicklung nicht perfekt, aber ausreichend gut sein. Sie müssen dem Kind gleichermaßen Schutz geben und Autonomieentwicklung ermöglichen. Und natürlich basale Grundbedürfnisse befriedigen. Kinder benötigen Zeit für ihre Entwicklung und Zeit, um zu lernen. Gerade, wenn sie traumatische Erfahrungen gemacht haben, benötigen sie sichere Orte, die für sie zur Verfügung stehen, bedingungslose Zuwendung von anderen Menschen und schrittweise Heilung. Kinder müssen die Chance erhalten, ihre eigene Lebens- und Familiengeschichte zu verstehen und sich selbst zu verstehen.
Mit Kindern muss geredet werden, aber vor allem muss ihnen zugehört werden. Damit Kinder verstehen können, was ihnen passiert ist, was geschieht und was sie handelnd beeinflussen können. Nicht-Wissen erzeugt diffuse Angst und schließlich auch aggressives Handeln. Wissen dagegen eröffnet Handlungsmächtigkeit. Kinder müssen informiert werden, gerade dann, wenn das Hilfesystem Handlungen an ihnen plant bzw. über ihr weiteres Leben entscheidet. Auch wenn Kinder an diesen Entscheidungen nicht direkt beteiligt werden (können), bspw. wenn sich leibliche Eltern gegen ein Zusammenleben entscheiden, müssen die Kinder in für sie nachvollziehbarer Weise darüber informiert werden. Und Kinder brauchen Menschen, die sie bei Abschieden, in Trauerphasen und bei Übergängen begleiten. Das ist alles aus der Fachliteratur bekannt.

Diese hier skizzierten Bedingungen braucht jedes Kind, nicht nur ein Kind, wie Benni. Etliche Kinder im Hilfesystem müssen diesen häufig entsagen und werden nicht zu „Systemsprengern“. Diese Leistung der jungen Menschen soll an dieser Stelle ausdrücklich gewürdigt werden.

Hilfeinstitutionen der Sozialen Arbeit und Pädagogik sind gefordert, sich als Organisationen zu verstehen, die zwar systemisch Handeln, aber nicht ausschließlich Systemlogiken unterliegen. Dies bedeutet, die Rahmenbedingungen zu analysieren und Veränderungspotentiale, die durch Menschen gestaltbar sind, auszumachen. Mit systemisch Handeln ist gemeint, dass diese nicht kausal beeinflussbar sind, ebenso wenig wie das menschliche Handeln selbst. Es kann aber als Mensch, insbesondere als professionelle Fachkraft, Verantwortung übernommen werden. Diese Verantwortung umfasst vor allem das eigene und institutionelle Handeln an, mit und gegenüber Kindern. Die Frage, ob Professionalität Menschlichkeit ausschließt oder beinhaltet, können nur die Fachkräfte beantworten. Aus Sicht der Kinder ist die Antwort klar: Ohne Menschlichkeit und menschliche Begegnung können sie in Hilfesystemen nur sehr schwer überleben! Eindrücklich wurde das im Film in der Szene gezeigt, als Benni abends im Bett liegt und sinngemäß sagt: „Erzieherin, gib mir deine Hand!“ Die menschliche Hand der ‚Erzieherin ohne Namen‘ benötigte Benni zum Einschlafen vor dem bevorstehenden Übergang in ein anderes Kinderheim am nächsten Tag. Und auch eine andere Szene war diesbezüglich erhellend: Als die Jugendamtsmitarbeiterin zusammensackt und weint, ist es Benni, die sich zu ihr setzt und sie liebevoll tröstet. Eine Handlung, die Benni selbst im ganzen Film nicht erfährt.

Mit Blick auf vorhandenes Fachwissen in Praxis und Forschung ist eine bessere sozialpädagogische Fachlichkeit als im Film gezeigt möglich, wenn:

- ein biografisches Fallverstehen und damit ein Nachvollziehen der Handlungsmuster des Kindes als Ansatz für Lernen und Veränderungsprozesse dient;

- Biografiearbeit mit dem Kind zum Selbstverstehen der eigenen Geschichte, der eigenen Handlungen und der Akzeptanz der eigenen Lebenssituation sich durch den Hilfeprozess zieht;

- eine umfassende Beteiligung des Kindes, auch unter Gewährleistung der Rechte des Kindes (Stichwort: Kinderrechte) erfolgt;

- Institutionen/Organisationen sich flexibel in der Gestaltung von Hilfesettings zeigen, um sichere soziale Orte und für den Einzelfall geeignete Maßnahmen für das Aufwachsens von Kindern zu gewährleisten;

- Fachkräfte Beziehung und Nähe zum Kind herstellen;

- Krisen und Eskalationen von Fachkräften und Kindern bewältigt werden können und daraus immer wieder Anfänge für gemeinsame Lernprozesse möglich werden;

- Fachkräfte ihr eigenes Handeln fortwährend reflektieren, um sich u.a. nicht in die Dynamik des Falls zu verstricken;

- und auch Verantwortung für die Aufrechterhaltung von Menschlichkeit und Menschenwürde durchgängig übernehmen.

Es gilt, auf der Basis einer fundierten fachlichen Qualifikation, die eigene professionelle Aufgabe und Rolle zu kennen und diese in der Arbeit mit Menschen vor allem zwischenmenschlich zu gestalten.

Im Film „Systemsprenger“, der ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm ist, wird im Grunde die Geschichte eines Kindes erzählt, welchem basale Grundbedürfnisse nach Nähe, bedingungsloser Zuwendung und Liebe verwehrt werden, welches mit traumatischen Erfahrungen und deshalb auch Re-Traumatisierungen leben muss und nirgendwo einen Ort zum Leben und Aufwachsen findet. Dabei wird das Kind als ein aktiv handelnder Mensch gezeigt, welches selbst beständig Lösungsversuche zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation unternimmt. Benni gibt im Grunde nicht auf und verfällt auch nicht in (kindliche) Depressionen. Sie versucht stattdessen immer wieder aktiv einen Kontakt zu anderen Menschen und zur Außenwelt herzustellen. Ihr Ziel, bei der Mutter leben zu können, erhält sie trotz wiederholter Zurückweisung aufrecht. Die Tragik im Film besteht auch darin, dass nicht gezeigt wird, dass diese Bemühungen des Kindes zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation wahr- und ernstgenommen werden. Sie bleiben im Grunde ohne Resonanz für Benni. Es wird keine erwachsene helfende Person gezeigt, die in Ruhe mit Benni über ihr bisheriges Leben, ihre reale Lebenssituation, ihre Wünsche und die Möglichkeiten und Grenzen der Realisierung eben dieser redet. Benni selbst wird in den Hilfeprozess nicht einbezogen. Es wird über sie gesprochen und an ihr gehandelt. Es wird ihr nicht die Chance gegeben, selbst zu verstehen, was passiert und mit ihr gemeinsam reale Lebensperspektiven zu entwickeln. Diesbezüglich sind das fachliche Wissen und die Rechtslage weitaus weiter entwickelt als dies im Film zu sehen ist. Unter anderem ist Beteiligung von Kindern in Hilfeprozessen im SGB VIII gesetzlich geregelt. Dabei unterscheidet der Gesetzgeber beispielsweise nicht in Kinder, die schwieriger oder weniger schwierig oder überhaupt nicht schwierig sind. Beteiligung ist keine ‚Auszeichnung‘. Beteiligungsrechte gelten für jedes Kind! Es ist aber tatsächlich ein Phänomen der Praxis Sozialer Arbeit und Pädagogik, dass nicht allen Menschen ihre Rechte auf Beteiligung sowie weitere Bürger*innenrechte zu gestanden werden. Insbesondere Menschen, die sich in belastenden Lebenslagen, in Krisensituationen oder in schwierigen psychischen und sozialen Situationen befinden, sind davon betroffen. Diese Erfahrungen treffen im Übrigen für Erwachsene in solchen Lebenslagen genauso zu wie für Kinder. Damit werden die Menschen jedoch zu ‚Empfänger*innen‘ von Hilfen, die andere Personen, vornehmlich Fachkräfte, an ihnen ‚ausführen‘. Sie geraten in den Status eines ‚Objektes‘. Hilfe kann jedoch nur gelingen, wenn die Menschen, denen geholfen werden soll, diese als sinnvoll erachten und erfahren können. Ein wesentlicher Anteil besteht deshalb im Mit-Handeln oder im Gemeinsam-Handeln. Und dieser Prozess beginnt wiederrum mit der Realisierung der Rechte auf Beteiligung bei jedem Kind. Dass Kindern, die als schwierig gelten, möglicherweise diese und andere Rechte abgesprochen werden, wäre allerdings Stoff für einen weiteren Film.

Regina Rätz, Dr. phil., Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Alice Salomon Hochschule Berlin



[1] Eigene Zusammenstellung aus verschiedenen Gesprächen und Diskussionen mit Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe.

Promotionsrundmail Nr. 200: Persönliche Betrachtungen

Die Promotionsrundmail Nr. 200 ist verschickt worden. Nun haben diese runden Zahlen im Dezimalsystem nicht von sich aus eine Bedeutung, man muss ihnen eine zuerkennen: Im Hexadezimal-System lautet die dezimale 200 einfach: C8, im Oktalsystem: 310 und binär: 11001000 – das sieht alles wenig symbolisch aufgeladen aus. Bedeutung ist also etwas, das gegeben, verliehen werden muss. Die Bedeutung, welche die Promotionsrundmail für uns als einzelne Personen von der Redaktion und im Weiteren für die Mitglieder von Fachgruppe und Beirat hat, ist je nach biografischer Situation verschieden. Wir haben daher beschlossen, in diesem Blog der DGSA als Personen sichtbar zu werden, die hinter der Promotionsrundmail stehen.


Rudolf Schmitt - Redaktion und ehemaliger Sprecher der Fachgruppe Promotionsförderung

Ich habe den Vorteil eines kleinen Vorsprungs in der Routine, einen Rückblick zu schreiben, und kann auf meine Anmerkungen in der einhundertsten Rundmail zurückblicken (vom 11.7.2011, siehe). Dort stand das Erstaunen über das schnelle Wachstum der Rundmail seit der ersten Ausgabe im Dezember 2006 im Vordergrund, auch über die mit der Rundmail induzierten Notwendigkeiten des Schreibens einer zusammenfassenden Promotionsbroschüre, der Erstellung einer Liste zu abgeschlossenen Promotionen und einer Bibliografie zur Literatur zum Promovieren in der Sozialen Arbeit, Anfragen zu Fortbildungen und Aufsätzen, die Gründung einer Fachgruppe zur Promotionsförderung in der DGSA... Diese Institutionalisierung war nie intendiert, war es doch ein aus dem Affekt geborenes Unterfangen, mit dem ich etwas gegen die Unzulänglichkeits- und Fremdheitsgefühle der ersten von mir mitbetreuten Promotionsinteressentin bei ihrem Kontakt mit Universitäten tun wollte, auch etwas gegen meinen Zorn darüber, wie mit ihr dort umgegangen wurde. In der Gestaltung einer Rundmail hatte ich als Zuständiger für die fakultätseigene Rundmail für die Absolvent_innen schon einige Jahre Routine und übertrug es auf den neuen Bereich. Dass ich damit an die Hauptkampflinie einer Zweiklassengesellschaft der Hochschulbildung geraten war, wurde mir in seinem ganzen Ausmaß erst später bewusst.

Wie die Rundmail bis zur hundertsten Ausgabe weiter gewachsen ist, steht in dem oben genannten Rückblick. Was hat sich seit diesem verändert?

Zum einen ist die Rundmail viel weniger auf mich als Person zentriert. Eine Zeitlang arbeitete Franziska Günauer in der Redaktion mit. Sie gründete auch das mit der Rundmail verbundene Facebook-Forum zur Promotion in der Sozialen Arbeit. Nach ihrem Rückzug aus privaten Gründen haben Oliver Zetsche, Julia Reimer, Sebastian Schröer-Werner und Vera Taube bis heute in beiden Medien mitgearbeitet - und sie werden sich in diesem Blog noch mit ihrer Perspektive vorstellen.

Zum anderen ist die Zahl der Teilnehmenden an der Rundmail seit der einhundertsten Ausgabe von ca. 1.000 auf über 2.600 Teilnehmende gestiegen. Damit hat sich auch der Fokus erweitert: Der Kampf gegen die Exklusion von promovierenden FH-Absolvent_innen und -Angehörigen aus den universitären Informationszirkeln ist immer noch ein wichtiges Motiv der Redaktionsarbeit, aber die Rundmail ist auf dem Weg dahin, eine allgemeine Wissenschaftsrundmail der Sozialen Arbeit für Fachhochschulen zu werden. Das hat sich damals schon angedeutet. 

Etwas ist zum Glück geblieben: Seit Anfang an lebt die Rundmail von den Einsendungen ihrer Abonnent_innen. Unsere "Technik" dagegen ist noch so rudimentär wie damals und nutzt Standardsoftware. Ein zeitgemäßes Redaktionssystem mit Adressenverwaltung wäre wünschenswert. Ich wünsche mir, dass die Fachgruppen und Sektionen der DGSA in ihren Veranstaltungen den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht vergessen und relevante Nachrichten regelmäßig auch an die Promotionsrundmail senden. Und weitere Überlegungen für die Zukunft? Da übernehme ich meinen nicht vergangenen Wunsch aus dem vergangenen Rückblick: "Die Promotionsrundmail ist außerhalb klassischer Medien oder Zeitschriften entstanden, und das wird sicher zunächst so bleiben. Aber warum sollte ausgeschlossen werden, dass sie irgendwann mit einer DGSA-nahen Open-Access-Online-Zeitschrift kooperiert? Die müsste freilich erst erfunden werden, wobei das österreichische Beispiel der Online-Zeitschrift der Fachhochschulen 'soziales_kapital' zur Inspiration dienen könnte."


Julia Reimer - Redaktion

In mir zumindest grau erscheinenden Vorzeiten (gefühlt sehr klein und sehr weit weg vom Doktorhut) habe ich an meiner damaligen Bürotür über die Promotionsrundmail und das Informationsangebot von Rudolf Schmitt (in Papierform) aufmerksam gemacht. Jahre oder vielleicht auch fast ein Jahrzehnt später (mit Hut in Aussicht) sitze ich an der Überarbeitung meiner Dissertation für einen Verlag und stolpere im Schreiben hier über einen kleinen, aber sehr bedeutsamen Teil meines Vorwortes: “Das Engagement von Prof. Dr. Rudolf Schmitt hat dazu beigetragen, dass ich mich nach dem Fachhochschulabschluss überhaupt an das Projekt Promotion herangetraut habe, deshalb an dieser Stelle vielen Dank für die wertschätzende Ermutigung.” Die Promotionsrundmail in jeder Fassung (ob rund oder ungerade) ist für mich genau das: ein Versuch Ermutigung und Unterstützung weiterzugeben, Mut, sich an etwas Neues zu wagen, Mut, dran zu bleiben, Mut, sich zu zeigen, Mut dazu, kooperativ zu sein und sich kollegial zu unterstützen (egal, ob ohne Hut, ob mit Hut in Arbeit oder Aussicht oder mit Hut). Also benötigte die Promotionsrundmail auf ihrem Weg vielleicht eine Portion Wut (oder Zorn zu Beginn) und benötigt viel kollegiales Engagement und Mut (immer mal wieder). Was braucht sie sonst noch? Verdient die Rundmail auch einen Hut oder ein Jubiläumskrönchen? Mich interessieren dazu weitere Perspektiven und Ideen.

 

Oliver Zetsche - Redaktion

Promovieren – was das heißt, war mir anfangs in keinster Weise bewusst. Nicht einmal im entferntesten Sinne konnte ich mir – als mich mein Betreuer der Diplomarbeit fragte, ob ich nicht auch promovieren wollen würde – vorstellen, was das bedeutet. Und das war – wenn man sich das so im Nachhinein überlegt – vielleicht auch gut so – in einer naiven Vorstellung an einen riesigen Berg Arbeit heranzutreten, um ihn nach und nach abzutragen bzw. ihn zu bezwingen. Insbesondere am Anfang könnte diese Naivität „überlebenswichtig“ sein (der Ausdruck ist bestimmt eine Steilvorlage für Rudolf Schmitts Metaphernanalyse). Denn: Welche Herausforderungen werden sich bspw. zeigen? Die Suche nach einem*einer Doktorvater/Doktormutter i. V. m. einer Universität, die sich mir “annimmt”; hochschulspezifische Macht- und Befindlichkeitsstrukturen, die buchstäblich ertragen werden müssen; Einkommensausfälle und Existenzsorgen i. V. m. prekären Arbeitsverhältnissen, die das Selbstbewusstsein nicht gerade fördern; Selbstzweifel und ein ständiges schlechtes Gewissen, sofern man einmal eine Pause macht; dafür aber „Urlaube“ und Wochenenden vollgepackt mit Arbeit; Unverständnis bei Freunden und Familie für die rare Verfügbarkeit der eigenen Person usw.
Bevor ich jedoch zur Promotionsrundmail überleite, möchte ich der negativen Seite der Medaille natürlich noch eine Auswahl motivierender Anreize entgegensetzen. Was macht also den Weg so spannend? Das kann sein: Die tiefgründige, intensive, manchmal sogar im Sinne des Flow-Erlebens berauschende Auseinandersetzung mit einem Thema. Das klingt abgedroschen, erscheint mir aber wirklich so. Eine Promotion kann in meinen Augen zu einer spürbaren Persönlichkeitsentwicklung, bspw. in Form einer Weiterentwicklung des Durchhaltevermögens, der Frustrationstoleranz und der Metareflexion führen. Sie trägt zum  Erleben von Selbstwirksamkeit bei. u. U. ist eine sehr freie Einteilung der Arbeitszeit an der Dissertation i. V. m. mit einer stetigen Ausdifferenzierung von Projekt- und Selbstmanagementkompetenzen möglich, die auch anderweitig nützlich sein können. Ich verspürte Freude über Kleinigkeiten des Fortschritts, die andere Menschen vermutlich kaum nachvollziehen können: die Freude über eine funktionierende SPSS-Syntax, das Auffinden und Einbauen eines perfekt passenden Zitats, erhellende Momente in methodischen Workshops, der spannende Austausch mit Leidensgenoss*innen auf Konferenzen und in Workshops und natürlich noch vieles mehr!
Und was hilft dabei? Wie bereits anhand des vorletzten Punktes angerissen, ist die Partizipation an einem Netzwerk, durch das man nicht nur informiert wird, sondern wodurch man auch das Gefühl bekommt, nicht alleine durch Höhen und Tiefen des Promotionsprozesses zu gehen, eine wesentliche Säule. Diese Eingebundenheit kann und sollte m. E. dabei sowohl virtuell über die digitale Vernetzung als auch anhand von (analogen) Präsenzveranstaltungen erfolgen. Und an dieser Stelle kommt die Promotionsrundmail buchstäblich “zum Tragen”. Nachdem ich mich erst einmal – u. a. unter Zuhilfenahme von Handbüchern, wie bspw. das „Handbuch Promotion“ von Nünning und Sommer (2007) – informierte, was eine Promotion überhaupt ist, stieß ich auf die Broschüre für Promotionsinteressierte und Promovierende von Rudolf Schmitt und auch auf die damit einhergehende Rundmail. Durch ihr regelmäßiges Erscheinen und damit die monatliche Information, was in Sachen „Promotion für Sozialarbeitende“ aktuell „los und möglich ist“, flankiert vom Austausch während der Promotionskolloquien und den jeweiligen Meldungen im Facebook-Forum, empfand ich diese Kombination als wahre Stütze. Das Wissen um Kolleg*innen in der Ferne half/hilft auf unerklärliche Weise. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die Schaffung dieser Struktur, lieber Rudolf!
Nach und nach erschloss ich mir auch weitere Mailinglisten, Newsletter und RSS-Feeds. Obgleich die Rundmail neben den direkten Zusendungen auch aus Nachrichten besteht, die aus anderen Verteilern entstammen, kenne ich keinen Newsletter, der eine derartig übersichtliche und präzise Zusammenfassung bzw. Fokussierung bietet. Bei der Sichtung anderer Newsletter und Mailinglisten frage ich mich dagegen oft: „Muss es denn so unübersichtlich und unvorteilhaft lesbar sein?”, und: “Geht es nur mir so oder gleicht die Durchsicht derartiger Mailinglisten/Newsletter einem durchwühlenden/durchkämpfenden Akt?“ Naja ... ich möchte nicht abschweifen und eigentlich nur ohne theatralische Überschwänglichkeit mitteilen, dass ich mir nicht vorstellen möchte, wie meine Promotion ohne diese Quelle verlaufen wäre. Vielleicht mag ja jede*r Lesende der 200. Rundmail einmal dieses Gedankenexperiment wagen und sich vorstellen, ob/was dann fehlen würde. Und falls noch etwas fehlen sollte, wäre das Redaktionsteam natürlich sehr an ebendiesem Feedback interessiert.

 

Vera Taube - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Mit der Entscheidung für die Promotion im Anschluss an mein Studium Sozialer Arbeit war für mich klar: dazu geht es ins Ausland. Prima Idee, klingt auch ganz gut - vor allem wenn man anderen davon erzählt und einem ein kleiner stolzer Schauer über Rücken läuft, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt.

Was ich nicht bedacht hatte: Promovieren ist ein echtes Gemeinschaftsunternehmen und nichts, was im stillen Kämmerlein passiert. Oder zumindest nicht die ganze Zeit.

Das habe ich allerdings erst begriffen, als ich weitab meiner finnischen Universität in Deutschland wohnend und als Sozialarbeiterin beschäftigt schnell an die engen Grenzen meiner Möglichkeiten gestoßen bin. Ohne physische Anbindung an das akademische Umfeld und ohne Kolleg*innen oder Kollegiat*innen, die sich ebenfalls mit den großen Fragen des Promotionsprozesses auseinandersetzen, war der Schauer nun nicht mehr ganz so klein und ganz sicher nicht wohlig.

Doch wenn man glaubt, es geht nicht mehr… kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Dieses Lichtlein kam in Form der Promotionsrundmail und all den anderen Info- und Vernetzungsangeboten von Rudolf Schmitt. Unglaublich aber wahr, durch die Rundmail habe ich von den relevanten Veranstaltungen erfahren, dort die schmerzlich vermissten Kontakte geknüpft und bin nun mitten drin im Geschehen. Dabei ist die Rundmail ein Mittel nach Maß, jederzeit verfügbar, zuverlässig und vielseitig. Irgendwie ist immer was dabei. Suche ich nach Finanzierung, Austausch oder Anregung - schnell mal in die Mail geguckt und schon gefunden.

Was mich darüber hinaus noch mehr beeindruckt: Die Mail ist ein Paradebeispiel für ein Gemeinschaftsunternehmen und lässt das Netzwerk von Unterstützer*innen hinter der Promotion in der Sozialen Arbeit erkennen. Das ist beeindruckend im Hinblick auf die strukturell noch in den Kinderschuhen steckende und - wie in meinem und vielleicht auch in vielen anderen Fällen - von Ausnahmen und Umwegen gespickten Verläufe dieser Qualifizierungsphase. Ich freue mich, Teil dieser Unternehmung zu sein und nun als Mit-Redakteurin und Fachgruppenmitglied die Hilfe und Unterstützung, die ich erfahren habe, anderen weiter zu geben.

 

Sebastian Schröer-Werner - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Ich zähle zu den ersten Profiteur*innen der Aktivitäten von Rudolf Schmitt, den ich bereits im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit an der damaligen Fachhochschule Zittau/Görlitz kennengelernt habe. Als ich später die Idee verfolgte, eine Promotion anzustreben, war er mein erster Ansprechpartner. Schon damals (2003) trafen wir uns mit weiteren Promotionsinteressierten und Doktorand*innen in einem eher informellen Kreis, um Informationen auszutauschen und uns gegenseitig zu unterstützen. Anfangs waren die Themen noch eher methodisch ausgerichtet. Schnell kamen wir aber dazu, strukturelle und diskriminierende Rahmenbedingungen der Promotion von Absolvent*innen der Sozialen Arbeit mit Fachhochschulabschluss zu hinterfragen. Zu dieser Zeit reifte auch die Idee, Informationen für Promotionsinteressierte und Doktorand*innen zu bündeln, weiterzutragen und die Bildung von Netzwerken zu fördern. Vera Taube hat in Ihrem Blogbeitrag die oftmals frustrierenden Erfahrungen des Einzelkämpfer*innentums bereits angedeutet. Aus der anfangs nur wenige Meldungen umfassenden Rundmail mit einer überschaubaren Anzahl von Abonnent*innen – die erste Rundmail umfasste lediglich sechs Punkte – wuchs schnell eine heute für viele nicht mehr wegzudenkende Plattform heran. Anfangs habe ich mich eher als Zuträger von Informationen verstanden, mit zunehmender Komplexität und dem Wunsch von Rudolf Schmitt nach Unterstützung habe ich mich gern bereit erklärt, in der Redaktion mitzuwirken. Heute möchte ich auch als Mitglied des Sprecher*innenteams der Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA dazu beitragen, die Situation promotionsinteressierter Absolvent*innen der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen zu verbessern und auch fachpolitische Impulse zu setzen, um nach wie vor vorhandenen Barrieren hinsichtlich des Zugangs zur Promotion abzubauen.

 

Stefanie Sauer - Fachgruppe Promotionsförderung

Willkommenskultur

Vor nicht allzu langer Zeit war die Promotion ein exklusives Vergnügen, gewissermaßen der „Adelstitel des Bildungsbürgertums“ („Die Zeit“ Nr. 9/2019, siehe) und dementsprechend schwer war der Zutritt zum erlesenen Kreis der Anwärter. Besonders hoch sind die Hürden – auch heute noch – für viele Absolvent*innen von Fachhochschulen bzw. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Zu der Zeit, als ich promovierte waren Informationen über die Promotion betreffende Fortbildungsangebote, Methodentrainings und Kolloquien häufig nicht öffentlich zugänglich: echtes Insider-Wissen eben. Nicht selten hatte ich als Promovendin den Eindruck, kein Recht zu haben, an dieser oder jener Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Ich war nicht willkommen, sondern fühlte mich als Zaungast.

Die Zeiten haben sich geändert und nach und nach haben sogar (!) einige FH und HAW ein fast (!!) eigenständiges Promotionsrecht. Und für die Kommiliton*innen der HAW gibt es mittlerweile reichhaltige Angebote an Programmen und Förderungen. Dass diese Angebote von den Hochschulen offen kommuniziert werden, ist nicht immer selbstverständlich. Von umso höherem Wert ist die Promotionsrundmail Soziale Arbeit (FH), deren 200. Ausgabe dieser Tage erscheint. Diese von Rudolf Schmitt aufgelegte und bis heute von vielen Beitragenden unermüdlich und vor allem partizipativ betriebene Plattform erfüllt ihren Sinn auf zweierlei Weise: Zum einen bietet die schiere Fülle, strukturiert aufbereitet und übersichtlich dargeboten, ein unverzichtbares Reservoir an Informationen für Promovierende. Zum anderen vermittelt die Promotionsrundmail ihren Bezieher*innen das Gefühl, in der Welt der Forschung willkommen zu sein. Neben dem praktischen Nutzen stiftet die Rundmail Identität und Zugehörigkeit.

Die Fachgruppe Promotionsförderung in der DGSA dankt Rudolf Schmitt und allen Kolleg*innen, die mit der Promotionsrundmail zum Gelingen der Promotionstätigkeit von Absolvent*innen der HAW beitragen und freut sich auf die kommenden 200 Ausgaben.

 

Claudia Steckelberg - Vorstand und wissenschaftlicher Beirat der DGSA

Beim Promovieren an einer Universität vor vielen Jahren habe ich eben diese Fremdheitserfahrungen gemacht, von denen Rudolf Schmitt schreibt. Was ich zu Beginn meines Dissertationsprojekts noch gar nicht so begriffen hatte, wurde im Laufe des Forschens und Schreibens immer klarer für mich: wie wichtig der wissenschaftliche disziplinäre Bezug ist für die eigene akademische Entwicklung und Verortung. Die Anfänge der Promotionsrundmail haben für mich dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Die Erfahrung, dass Promovieren sehr viel mehr ist als das Schreiben einer Arbeit, nämlich eine Lebensphase, in der unter anderem Vernetzung, wissenschafts- und hochschulpolitische Fragen, Existenzsicherung und berufliche Zukunftsängste, Prozesse der fachlichen Positionierung und Unsicherheiten in der Karrieregestaltung bedeutsam sind, ist für mich Motivation, mich dafür zu engagieren, dass sich die Rahmenbedingungen für diese Qualifikationsphase verbessern. Zum einen durch die Graduiertenförderung an der Hochschule, zum anderen aber auch durch die Einmischung und Positionierung bei wissenschafts- und hochschulpolitischen Themen auch als Vorstandsmitglied im Promotionsbeirat der DGSA. Dabei ist immer Verlass auf die Promotionsrundmail als Quelle für aktuelle Entwicklungen, Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten und sie ist damit unverzichtbar als Grundlage für ein kollektives Engagement in Sachen Promotion in der Sozialen Arbeit (nicht nur) seitens der DGSA.


 

„Rechtsextremismus“ – Mandat der Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit!?

Rückblick auf den gemeinsamen Studientag „Rechtsextremismus“ der Frankfurt University of Applied Sciences und der IUBH Internationale Hochschule

Rund 480 angemeldete Studierende, über 50 Referent*innen und die Erkenntnis: Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und seinen Strukturen sollte viel stärker in den Curricula der Studiengänge Soziale Arbeit verankert sein. So lässt sich der gemeinsame Studientag „Rechtsextremismus“ von Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS) und IUBH Internationale Hochschule bilanzieren.

Der Studientag, organisiert von Michaela Köttig und mir, setzt an einem aktuellen Themenfeld an: Das gesellschaftliche Klima verändert sich in Deutschland und die rassistische Hetze ‚wirkt‘: In der gesamten BRD steigen im ersten Halbjahr 2019 die Zahlen rechter Straftaten auf mehr als 8600. Dass dies nicht Normalität wird, dafür ist eine konsequente Auseinandersetzung mit den Strukturen und den Strategien von Rechtsextremist*innen, aber auch dem staatlichen und gesellschaftlichen Umgang damit, wie es dieser Studientag zum Ziel hatte, absolut notwendig. Soziale Arbeit ist dabei auf vielen Ebenen mit extrem rechten Erscheinungsformen konfrontiert: Rechte greifen seit Jahren Adressat*innen sozialer Berufe ebenso wie Jugendclubs und -häuser an. Sie attackieren Kolleg*innen, weil diese keine „klassischen Familienideale“ vermitteln würden. Rechte verbreiten in den sozialen Medien Gerüchte über Einrichtungen und provozieren damit einen medialen Shitstorm. Rechte Parteien versuchen über parlamentarische Anfragen zu Personal und Finanzierung Einfluss auf die Strukturen Sozialer Arbeit zu nehmen.

Allerdings ist die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus weder in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit selbstverständlich, noch ist sie in den Curricula der Studiengänge Sozialer Arbeit in Deutschland verankert. In angrenzenden Fachgebieten stellt sich die Situation übrigens ähnlich dar:

Dass die Erziehungswissenschaften im Allgemeinen offenbar kein besonderes Augenmerk auf den Nationalsozialismus und Holocaust legen, zeigt eine aktuelle Studie von Nägel und Kahle (2018): Hier wurden über einen Erhebungszeitraum von vier Semestern insgesamt 468 Ver-anstaltungen zum Holocaust in der Bundesrepublik ermittelt (ebd., S. 22). Dabei wurden 45 der 468 Veranstaltungen dem „disziplinären Schwerpunkt“ „Pädagogik, Erziehungswissenschaften“ zugeordnet, was rund 9,6% entspricht. Offen bleibt, ob es sich in diesen Fällen um Veranstaltungen im Kontext erziehungswissenschaftlicher Studiengänge oder auch um Veranstaltungen aus den erziehungswissenschaftlichen Anteilen der Lehramtsausbildung handelt. Insofern überrascht die Erkenntnis einer weiteren Untersuchung (Meyer & Voßberg 2019) nicht: In den untersuchten Modulhandbüchern sowie Studien- und Prüfungsordnungen von 45 erziehungswissenschaftlichen Studiengängen an 27 Universitäten in der Bundesrepublik zeigt sich ein ambivalentes Bild in der Thematisierung des Nationalsozialismus sowie aus den daraus resultierenden Folgen für das pädagogische Handeln. Auf die von Adorno geforderte „Erziehung nach Auschwitz“ wird nur in wenigen institutionellen Selbstbeschreibungen explizit eingegangen und in diesen Fällen in einer Art Anrufung verwendet, die dabei weder auf konkrete inhaltliche Dimensionen des Auftrags fokussieren noch sich in ihrer inhaltlichen Struktur auf diesen beziehen. Sie kommen inhaltlich über das bloße Labeling kaum hinaus. Weder erfolgt eine dezidierte Thematisierung von konkreten Aspekten noch die Übertragung dieser Ideen in eine Studienstruktur, was sich in der Logik und konzeptionellen Geschlossenheit des jeweiligen Curriculums ausdrücken könnte.

Zwar fehlt bisher eine fundierte empirische Forschung, die die Studienstruktur von Studiengängen Sozialer Arbeit auf die gezeigten Aspekte hin untersucht, allerdings dürften die Ergebnisse nicht viel ermutigender ausfallen. In den Hochschulen findet eine Auseinandersetzung mit Strategien der extremen Rechten deshalb nur bedingt Eingang und nicht institutionalisiert statt, so dass die Studierenden auf die sie erwartenden Praxisrealitäten in diesem Themenfeld zu wenig vorbereitet werden. Dieser Studientag ermöglichte durch die Verzahnung von Theorie und Praxis die Anschlussfähigkeit im Beruf, denn die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ist in der Arbeit mit Klient*innen zur Entwicklung von Professionalität unerlässlich. Mit diesem Studientag wurden zentrale Themen angesprochen, die für die Analysefähigkeit der Studierenden und die kritische Reflexion gesellschaftlicher Erscheinungsformen relevant sind. 

Der Studientag wurde am Vorabend durch die Staatssekretärin im Hessischen Wissenschaftsministerium, Ayse Asar, eröffnet. Im anschließenden Vortrag reflektierte Prof. Dr. Micha Brumlik (Goethe-Universität) unter dem Titel „Rechtspopulismus, Rechtsextremismus – Soziale Arbeit“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und kommentierte das Erstarken rechter Gruppierungen. An den Vortrag schloss sich bei sommerlichen Temperaturen ein Open Air-Konzert der Band „Strom & Wasser“ auf dem Gelände der Frankfurt University of Applied Sciences an. Die „Ska-Punk-Polka-Randfiguren-Rock Liedermacher-Band aus Kiel“ sammelt eine Million Euro zur Unterstützung von Soziokulturellen Zentren und selbstverwalteten Jugendhäusern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Der eigentliche Studientag begann mit der Begrüßung durch Prof. Dr. Gero Lipsmeier, Dekan des Fachbereichs 4 der FRA-UAS, sowie mit der Verleihung des Henriette Fürth-Preises an Steve Massoth für seine Arbeit „Antifeminismus in der ‚Identitären Bewegung‘ – eine Videoanalyse am Beispiel ausgewählter Videos der Kampagnen Radikal Feminin und 120 Dezibel“ und einer Laudatio von Prof. Dr. Lotte Rose. Danach standen für die Studierenden Workshops auf dem Programm. Ziel war es, den heterogenen Kenntnisstand der Studierenden aus verschiedenen Hochschulen sowie Fachsemestern zusammenzuführen und zu einem spezifischen Gegenstandsbereich theoretisch zu unterfüttern.

Der Mittagsvortrag von Prof. Dr. Michaela Köttig (Frankfurt University of Applied Sciences) bildete eine Art Scharnierstelle zwischen den beiden Teilen des Studientags. Auf Basis der historischen Entwicklungen des NSU skizziert sie, welche Rolle sozialarbeitswissenschaftliche Theorien und ihre Anwendung durch die Fachkräfte bei der Entstehung des NSU hatten.

In den anschließenden Arbeitsgruppen griffen die Referent*innen indirekt auf die Themengebiete der Workshops als theoretischer Setzung zurück. Gleichwohl veränderten sie den Blickwinkel und arbeiteten einerseits die spezifischen Verbindungen des jeweiligen AG-Themas mit Sozialer Arbeit sowie andererseits die Arbeit an potentiellen Gegenstrategien heraus.

Im Plenum stellten zum Abschluss der studentischen Arbeitsphase Vertreter*innen der AG zu Beginn kurz Inhalte und Diskussionen aus der jeweiligen AG vor und begründeten so die anschließenden Thesen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion brachten Prof. Dr. Bettina Hünersdorf (Kommission Sozialpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) sowie Prof. Dr. Barbara Thiessen (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit) die verschiedenen Positionen bei der möglichen Implementierung des Themengebiets „Rechtsextremismus“ in ein Curriculum der Sozialen Arbeit zur Sprache. Michael Leinenbach (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit) und Prof. Dr. Maria-Elenora Karsten (Leuphana-Universität Lüneburg) verwiesen in ihren Beiträgen auf die dringende Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen, denn diese seien Alltag Sozialer Arbeit und die Hochschule der Ort, an dem die künftigen Fachkräfte darauf vorbereitet werden müssten. 

Prof. Dr. Nikolaus Meyer von der IUBH Internationale Hochschule

 

Meyer, N.; Voßberg, T. (2019): Die Verankerung einer „Erziehung nach Auschwitz“ in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen deutscher Universitäten. Eine empirische Spurensuche in institutionellen Selbstbeschreibungen. In: Sabine Andresen, Dieter Nittel, Christiane Thompson (Hg.): Erziehung nach Auschwitz. Zur Aktualität von Adornos Maxime im Zeichen einer historischen Kontextualisierung. Frankfurt am Main: Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität (Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft).

Nägel, V. & Kahle, L. (2018). Die universitäre Lehre über den Holocaust in Deutschland. Berlin: Freie Universität Berlin. Verfügbar unter: https://refubium.fu-ber-lin.de/bitstream/handle/fub188/21625/Naegel_Kahle_universitaere_Lehre_ueber_Holocaust_Deutschland.pdf?sequence=7&isAllowed=y [11.01.2019].

Rezo-ziale Arbeit?!

Kurz vor der Europawahl 2019 landete der Youtuber „Rezo“ mit dem Video „Die Zerstörung der CDU“ einen viralen Hit. Das Video wurde mittlerweile fast 15 mio. mal angeklickt – eine fraglos enorme Reichweite. Es erfuhr sowohl öffentlichen Zu- als auch Widerspruch. Letzterer konzentrierte sich insbesondere auch darauf, die im Video kommunizierten Aspekte und Quellen seien zu einseitig und würden komplexen gesellschaftspolitischen Sachverhalten somit nicht gerecht werden. Dies mag zutreffen, inwieweit eine tiefergehende Betrachtung von Für und Wider bezüglich gesellschaftspolitischer Sachverhalte allerdings Aufgabe von Influencer*innen ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Auffällig ist die Art und Weise, wie mit der gewählten Präsentationsform Video Sachverhalte diskutiert werden. Theoretische Annahmen (die CDU betreibe Klientelpolitik, Klimawandel habe natürliche Ursachen, etc.) werden anhand empirischer Evidenz geprüft. Hierzu werden im Verlauf des 55-minütigen Videos 252 Quellen angegeben. Darunter finden sich neben Wikipediaeinträgen und Youtube-Videos etwa auch zahlreiche Artikel aus peer-reviewed top-tier Journals. Der Physiker Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, attestiert Rezo im Tagesspiegel dabei vornehmlich sauberes Zitieren. Ein solch starker Bezug auf (teils) wissenschaftliches Wissen ist im Kontext deutscher Influencer auf Youtube mutmaßlich ein neues Phänomen, welches einem aus der Popkultur entspringenden Youtube-Video einen durchaus wissenschaftlichen „touch“ verleiht. Ergeben sich daraus Implikationen für die disziplinäre Soziale Arbeit (in diesem Beitrag ist damit generell die deutschsprachige gemeint)? Ja, meine ich, und zwar in Bezug auf Potentiale, ihre Anliegen, Erkenntnisse, Empfehlungen, etc. mit Praxis und Gesellschaft (also insbesondere im sozialpolitischen Diskurs) zu kommunizieren (Wissenschaftskommunikation). Diskutieren wir im Folgenden Aspekte, die sich aus besagtem Phänomen ableiten lassen und die für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation der disziplinären Sozialen Arbeit relevant sein könnten. 

Interessant sind in diesem Kontext meiner Ansicht nach vier Aspekte: 
(1) das Rezo-Video im Vergleich zu ähnlichen Formaten, die zur Wissenschaftskommunikation bereits genutzt werden, 
(2) der Status quo der Wissenschaftskommunikation generell und in der Sozialen Arbeit im Besonderen 
(3) Besonderheiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich Wissenschaftskommunikation und 
(4) mögliche Implikationen für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in der Sozialen Arbeit. Sehen wir uns diese vier Aspekte genauer an. 

Das Rezo-Video im Vergleich zu ähnlichen Formaten, die in der Wissenschaft bereits genutzt werden

Rezo bezieht sich also auf (vornehmlich empirisches) wissenschaftliches Wissen. Und das in einem der Popkultur zuzuschreibenden Youtube-Video. Was ist das Interessante daran? Ich meine, die Haltung und Kommunikationsweise des Protagonisten. Man spürt sein Interesse am wissenschaftlichen Wissen, er hat richtig Lust drauf, es in seine Argumente einzuweben. Dabei ist jedoch keine auf das System „Wissenschaft“ zurückzuführende Exklusionsindividualität (Luhmann, 1989) zu spüren, nope, der ganze Typ ist von oben bis unten authentisch. Nun ist es keine Rezo-Erfindung, wissenschaftliches Wissen über Videos im Internet zu kommunizieren, im Wissenschaftsbereich gibt es seit geraumer Zeit „scientific video abstracts“, kurze Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien. Etwa 70% dieser Videos funktionieren so: Die/der leitende Wissenschaftler*in steht oder sitzt vor einem Bücherregal und erzählt ein paar Minuten was über eine Studie. Mhm. In einem Workshop zur Erstellung von wissenschaftlichen video abstracts lernte ich, dass Zuschauer*innen nach kurzem anfangen, die Titel der Bücherrücken zu lesen und nicht mehr wirklich zuhören. Daher sei der Hintergrund in diesen Videos nun meist nur noch verschwommen zu sehen. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist oder aber doch authentisches Auftreten mit spürbarer Lust an der Sache, sei dahingestellt. Vermerkt sei an dieser Stelle, dass natürlich der Inhalt einer Studie eine Rolle spielt. Eine Studie über den Einfluss von Erdnussbutter auf die Erdrotation (ja, die gibt´s wirklich!) lässt sich wahrscheinlich besser verkaufen, als Mutmaßungen über die Reflektion von Ambivalenzen in der Sozialen Arbeit. Ein kürzlich von mir veröffentlichtes Video soll zeigen, dass es dennoch geht, auch sperrigere Themen (in diesem Fall über die Lehre von Evidence-based Practice in der Sozialen Arbeit) entsprechend lustvoll zu verpacken. Wie ist es nun derzeit um die Wissenschaftskommunikation bestellt?

Status quo der Wissenschaftskommunikation generell und in der Sozialen Arbeit im Besonderen

Die Diskussion zu diesem Thema ist keine neue, Anstrengungen wie PUSH (Public Understanding of Science and Humanities) des Stifterverbands oder die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR gibt es schon seit längerem – wenn vielleicht auch mit zweifelhaftem Erfolg. Dennoch findet sich Wissenschaft – sicherlich je nach Disziplin mehr oder weniger – sehr wohl in vielen öffentlichen Diskursen wieder, insbesondere im Zuge der Klimadiskussion, aber auch bezüglich der Wirtschaftspolitik oder in Diskussionen zur sozialen Frage. Gleichzeitig macht sich gefühlt mehr und mehr eine gewisse Elitenskepsis breit, worunter auch die Wissenschaft in ihrer öffentlichen Wahrnehmung leiden mag. Laut dem Wissenschaftsbarometer 2018 glauben beispielsweise nur 40% der Bürger*innen, dass Wissenschaft zum Wohle der Gesellschaft arbeitet. Generell ist für die Wissenschaft in Bezug auf die Kommunikation ihres generierten Wissens also wohl etwas Luft nach oben.  

Wie sieht es nun speziell bei der Sozialen Arbeit aus? Ohne die Inhalte der folgenden Beispiele werten zu wollen, gibt es lobenswerte Anstrengungen, beispielsweise wäre die Video-Reihe „30 Jahre – 30 Köpfe“ zu nennen, auch wenn hier keine wissenschaftliche Evidenz kommuniziert wird (zu einer ganzheitlichen Wissenschaftskommunikation gehört sicherlich mehr als die bloße Präsentation von Ergebnissen). Oder auch Youtube-Videos, die Bücher „in a nutshell“ vorstellen, gibt es bereits. Über diese ersten Versuche der disziplinären Sozialen Arbeit, Wissenschaft über neue Medien zu kommunizieren, hinaus ist zumindest mir wenig in dieser Richtung bekannt. Scientific video abstracts, die sich auf wissenschaftliches Wissen aus der deutschsprachigen Sozialen Arbeit beziehen, sind mir auch noch nicht untergekommen. Auch die disziplinäre Soziale Arbeit könnte also hinsichtlich der Kommunikation des von ihr produzierten Wissens noch zulegen. Warum tut sich die disziplinäre Soziale Arbeit da offenbar etwas schwer?

Besonderheiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich Wissenschaftskommunikation

Meines Erachtens gibt es für die disziplinäre Soziale Arbeit hinsichtlich effektiver Wissenschaftskommunikation zwei erschwerende Aspekte. 1. Ihre Affinität zur Theorie. Dies gilt vor allem im Hinblick auf die Kommunikation von wissenschaftlichem Wissen mit Praktiker*innen. Theorien sind Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte. Diese intersubjektiv zu kommunizieren, ist mutmaßlich schwieriger als empirisch erforschte Daten. Zudem sind Theorien der Sozialen Arbeit weder falsifizierbar, noch werden sie generell empirischer Testung unterzogen. Sie verbleiben damit Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte. Wäre das Rezo-Video ohne Rückgriffe auf empirisch erforschtes Wissen, aber dafür mit Bezügen auf Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte, ähnlich rezipiert worden? Ich bezweifle es. 2. Der geisteswissenschaftlich geprägte Duktus in ihrer Theoriebildung und Forschung. Dies gilt sowohl für die Kommunikation mit der Praxis als auch hinsichtlich des sozialpolitischen Diskurses. Dieser geisteswissenschaftliche Fokus bedient sich – nehmen wir an, um analytische Tiefe zu erreichen – oft einer Sprache, die mitunter bereits innerhalb der entsprechenden scientific community für Verwirrung sorgt und in der bisweilen vorhandene Subtanzlosigkeit mit teils ausladender, teils geschickter Eloquenz kaschiert wird. Die dadurch entstehenden sprachlich komplexen Konstrukte sind halt schwer an die Frau/ den Mann zu bringen. So weit, so gut, aber welche Implikationen ergeben sich nun daraus?

Mögliche Implikationen für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in der Sozialen Arbeit

Nun, was wir von Rezo hinsichtlich zukünftiger Wissenschaftskommunikation lernen können, habe ich bereits erwähnt: Haltung. Mit Lust und Überzeugung, insbesondere natürlich auch durch Nutzung neuer Medien, wissenschaftliches Wissen kommunizieren. Das, was Rezo selbst im Gespräch mit Jan Böhmermann „den Unterschied zwischen institutionellem und menschlichem Reden“ nannte. Klingt trivial, aber allzu viel sehe ich davon von der disziplinären Sozialen Arbeit im öffentlichen Raum bisher nicht. 

Hierbei stellt sich aber auch die Frage: Produziert disziplinäre Soziale Arbeit Wissen, dass bei entsprechender Kommunikation von Praktiker*innen bzw. im (sozial-) politischen Diskurs mit hoher Wahrscheinlichkeit rezipiert werden würde? Falls ja, warum wird es offenbar nicht entsprechend kommuniziert? Im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz müsste die disziplinäre Soziale Arbeit doch in der Lage sein, ständig solche Videos wie das von Rezo raus zu hauen! Und falls nein, wie können diesbezüglich mögliche Barrieren in der Weiterentwicklung ihres Wissenskorpus überwunden werden?

Klar ist dabei aber auch: Nur weil manche Inhalte vielleicht schwieriger in einer Art und Weise zu kommunizieren sind, die catchy ist, heißt das natürlich nicht, dass Wissen, für das dies nicht gilt, nicht relevant wäre. Aber wie angesprochen ginge es ja vielleicht dennoch, eine entsprechend erfolgsversprechende Kommunikation solcher Inhalte zu gestalten. Vielleicht wird es also einfach noch nicht genügend versucht? Oder das nötige Wissen dazu wird nicht vermittelt? Könnte man ja ändern. Möglicherweise findet sich zukünftig ja beispielsweise in Doktorand*innenkollegs neben dem fünften Zeitmanagement-Seminar gegen Ende der Promotion Platz für einen science communication workshop, idealerweise mit entsprechendem Output!

Fazit

Damit Wissen genutzt wird, muss es erfolgreich kommuniziert werden. Die disziplinäre Soziale Arbeit kann dahingehend sicherlich noch zulegen und verdient eine selbstbewusste und lustvolle Wissenskommunikation. Dazu gehört unter anderem auch die Bereitstellung von Ressourcen (wissenschaftliches Wissen; Wissen darüber, wie dieses effektiv kommuniziert werden kann; Investitionen wie Geld und/oder Zeit zur Erstellung entsprechender Medien) sowie die Akzeptanz alternativer Kommunikationsformen in der scientific community. All dies gibt’s nicht einfach so, die entscheidende Frage ist also, ob die disziplinäre Soziale Arbeit einen Diskurs über Verbesserungspotentiale ihrer Wissenskommunikation braucht und eingehen sollte. Ich meine ja. 

Florian Spensberger, Mitglied der netzwerkAGsozialearbeit


Literatur:

Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989


 

Gesichter der Sozialen Arbeit

Seit 2008 wurden mithilfe des Projekts „Gesichter der Sozialen Arbeit“ Plakate im DIN A2 Format erarbeitet, die zu einer Dauerausstellung an der DHBW Stuttgart führten. Die „Gesichter“, die Soziale Arbeit prägten, sollten sichtbar werden. Dazu  tauchten wir in die Geschichte Sozialer Arbeit ein. Mit jeder Person wird eine neue Facette Sozialer Arbeit sichtbar. Die Personen und ihre „Gesichter“ wurden durch die Rezeption der Geschichtsschreibung entdeckt. Wir fragten uns: Wer gehört zu den „Lichtgestalten“? Wer legt eigentlich fest, wer dazu gehört? Was meint der Begriff Soziale Arbeit? Wie hat sich das, was mit dem Sammelbegriff Soziale Arbeit ausgedrückt wird entwickelt? Welche Anstöße kamen aus der konkreten Politik, aus der Wirtschaft und aus der Zivilgesellschaft? Welche Funktion haben die sogenannten sozialen Bewegungen wie Frauen-, Arbeiter-, Jugend-, Antikriegs-, und Ökologiebewegungen? Welche Probleme, Zielgruppen und Lösungen hatten die Personen im Blick, die die Geschichte Sozialer Arbeit prägten?  


Der Anfang
Sozialer Arbeit
Schon die Frage, wann die Spurensuche beginnt, muss definiert werden. Soziale Arbeit hat viele „Gesichter“ und sie hat viele Geschichten, die mit den Epochen und modernen Umwälzungen der Gesellschaft zusammenhängen. Hier beginnt die Spurensuche mit der Epoche der Aufklärung. Schon dieses Eintauchen in die Geschichte ist faszinierend. Wir verstanden immer besser, wie sich dieser Beruf entwickelte und welche Bedeutung Soziale Arbeit für die Gesellschaft hat.

Durch die Forderungen der Französischen Revolution (1789 bis 1799), wurde damals der feudal- absolutistische Ständestaat abgeschafft. Universalistische Werte wie die Idee der Freiheit, Gleichheit und Solidarität wurden als Menschenrechte proklamiert, die in Europa handlungsleitend waren. Der Liberalismus und der Sozialismus prägten nicht nur das moderne Sozialstaats- und Demokratieverständnis unserer Zeit, sondern waren Motoren für sozialen Wandel. Die tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaften Europas betrafen deren Staats-, Wirtschafts-, Sozial-, und Erziehungssysteme, die durch den Wiener Kongress von 1814 bis 1815 und die neuen Staatsgrenzen insgesamt neu ausgerichtet wurden. Die Geschichte Sozialer Arbeit ist natürlich Teil der Epochen- und Sozialgeschichte in Deutschland.
In Deutschland hatten die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nach der Französischen Revolution zum Pauperismus geführt. Die Armut des frühen 19. Jahrhunderts zeigte sich vor allem in Städten als ein soziales Problem. Die Armutsbekämpfung richtete deshalb auf die Beseitigung des Hungers, die Eingrenzung von Epidemien sowie die Begrenzung der Bettelei. Aber auch die Versorgung von verwundeten Soldaten und Witwen, die durch die ständig drohenden Kriege zu leisten waren, belasteten die Länder und Kommunen. Waisenkinder und Kinder aus kinderreichen Familien fanden in sogenannten Rettungshäusern Aufnahme. Hier bestand die Hilfe in der Disziplinierung und Arbeitsbefähigung und schulischen Bildung. Die Frauen, denen Rechte fehlten, suchten nach Möglichkeiten für ihre Emanzipation. Sie engagierten sich in der Kleinkindererziehung und in Vereinen, die caritativ tätig waren. In Deutschland hat das Vereinsleben eine starke Tradition. Im 18. Jahrhundert hießen Vereine meist "Gesellschaften", die Menschen ständeübergreifend zusammenbrachten und zur Geselligkeit beitrugen. Adelige und höhere Beamte diskutierten auch mit Frauen in sogenannten „Salons“ über Tagesereignisse und politisch-philosophische Zeitprobleme. Die Menschen kannten „Lesegesellschaften", in denen das aufgeklärte Bürgertum politische Vorstellungen gedanklich verwirklichen konnte. Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff "Verein". Das Vereinswesen trug entscheidend dazu bei, dass gemeinsame Werte tradiert wurden und Gemeinschaft erlebbar wurde. Viele Turnvereine, Gesangs- oder Kleingärtnervereine haben eine lange Tradition. Damals waren sie ein städtisches Phänomen und sie galten als modern und zukunftsorientiert. Die sogenannte Zivilgesellschaft spielt in Deutschland auf der Ebene von Vereinen bis heute eine wichtige Rolle und hält die Gesellschaft zusammen. Die, die der Sozialen Arbeit den Weg bereiteten, nutzten häufig den Verein, um mit ihrer Innovation nicht allein zu bleiben. Die Wegbereiter*innen dieser Jahre setzten sich mit den veränderten Lebensverhältnissen auseinander und sie versuchten die sozialen Probleme der Armut zu lösen. Die Schule, der Kindergarten, das Rettungshaus, die Zucht- und Krankenhäuser entstanden, weil die Menschen, die sie gründeten von der Philosophie, Pädagogik, Theologie, Medizin und Juristerei ihrer Zeit inspiriert waren und mit diesem Wissen Hilfe anboten und auch konzeptualisierten.

Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass der Kindergarten eine zentrale Funktion hat, um die Entstehung Sozialer Arbeit zu begreifen. Viele Frauen waren Fröbelpädagoginnen und sie verbreiteten die sozialintegrierende Funktion des Kindergartens. In Preußen war der Kindergarten von 1851 bis 1860 sogar verboten, weil die Politik seine emanzipatorische Wirkung fürchtete. Was ist daraus geworden? 

Politisch betrachtet wurde das Europa der frühen Moderne von Fürstentümern und Königreichen regiert, die meist eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden waren. Als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ 1806 untergegangen war, versuchte Napoleon I. Macht über den europäischen Kontinent zu bekommen. Das provozierte zahlreiche Befreiungskriege. In Deutschland führte dies zu einer politischen Neuordnung in Form des Norddeutschen Bundes unter preußischer und österreichischer Führung. Dagegen richtete sich wiederum die Revolution von 1848/49, die vom preußischen Militär niedergeschlagen wurde. Die 1948er- Märzrevolution stärkte die Monarchie. Preußen und Österreich bekamen innerhalb des Deutschen Bundes eine Vormachtstellung und Berlin wurde zur politischen Metropole. Hier wurde 1862 der  konservative preußische Politiker Otto von Bismarck (1815- 1898) von König Wilhelm I. zum Ministerpräsidenten berufen. Bismarck spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung Sozialer Arbeit. In seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident grenzte er den Einfluss der katholischen Kirche ein und wurde im Zuge der Gründung des Kaiserreiches 1871, in den erblichen Fürstenstand erhoben. 1870 hatte der Sieg des Norddeutschen Bundes im Deutsch- Französischen Krieg zur Gründung des Kaiserreiches geführt, das als eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen wurde. Somit hatte der Kaiser die politische und militärische Führung und war zu gleich preußischer König und oberster Kirchenherr der Protestanten. Er ernannte den Reichskanzler, der auch preußischer Ministerpräsident war und damit zur Machtelite gehörte. Die Rechte des nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht gewählten Reichstags beschränkten sich zu der Zeit auf die Mitwirkung beim Gesetzgebungsverfahren und die Verabschiedung des Budgets. Damals wurden die Forderungen nach Einführung einer parlamentarischen Monarchie mit einer Verantwortlichkeit der Minister gegenüber der gewählten Volksvertretung von den konservativen Eliten vehement abgelehnt. In Deutschland war der Einfluss des Protestantismus spürbar und als Reichskanzler Otto von Bismarck die Festigung des Nationalstaats vorantrieb, bekam er starke Unterstützung seitens der Kirchen. Die Bismarckschen Sozialgesetze, die Krankenversicherung von 1883, die Unfallversicherung von 1884 und die Invaliditäts- und Alterssicherung von 1893, bilden bis heute die Basis für den Sozialstaat. Bismarck verbesserte dadurch nicht nur den Schutz der Arbeiter, sondern wirkte auf die durch die Industrialisierung entstandenen Probleme der Arbeiter sozialpolitisch deeskalierend. Die extreme Sprengkraft der sozialen Gegensätze zeigte sich damals in Streiks, Straßenkämpfen und kommunistischen Parteibildungen. Bismarck erhoffte sich damit auch, die sozialistische Bewegung einzugrenzen. Die junge Nation Deutschland musste sich ja beweisen und der Staat sollte auch als ein fürsorglicher Staat die parteipolitischen Entwicklungen innerhalb der Arbeiterklasse fester an die Regierung zu binden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 ging das Kaiserreich seinem Ende entgegen und die Weimarer Republik von 1919 bis 1933 löste die Monarchie ab. Sozialgeschichtlich relevant waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert die industrielle Revolution und Hochindustrialisierung, die viele soziale Probleme erzeugte. Das hohe Bevölkerungswachstum und der Prozess der Urbanisierung führten weiterhin zu Armut und nach wie vor starben Menschen an Epidemien. Viele Menschen wanderten in die USA aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten noch einmal zwei Kriege das europäische Leben. Diese Weltkriege veränderten die Menschen und mit dem Holocaust wurden die Widersprüche der Aufklärung unübersehbar sichtbar. Soziale Arbeit wurde auch dadurch beeinflusst und die Spurensuche führte zur Frage nach dem Widerstand im Nationalsozialismus und der Entwicklung nach 1945. Diese Ausstellung erklärt die Hintergründe, die die Pioniere veranlassten, Lösungen für soziale Probleme zu finden. Sie macht deren Einstellung zur Politik und zur sozialen Frage ihrer Zeit mithilfe der Plakate sichtbar.

Soziale Arbeit als Hilfe zur Bewältigung sozialer Probleme

Dass Helfen zur sozialen Arbeit, also zum Beruf wurde, war ein Prozess, der während des Kaiserreiches (1871 bis 1918) begann. Der Manchesterkapitalismus hatte seine sozialzerstörerische Seite entwickelt und gezeigt. Soziale Projekte wie „Toynbeehall“ in London und „Hull House“ in Chicago zeigten, wie in anderen Ländern mit den Problemen der Migration, der Siedler und der Armen umgegangen wurde. Die Wirkung der „Settlements“ reichte bis nach Berlin, um hier die „Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost“ zu gründen und als ein deutsches Settlement zu erproben. Die Einzelfallhilfe in der Kombination mit der Gemeinwesenarbeit setzte sich durch. Bildung galt zwar bereits seit der Aufklärung als Zaubermittel für die Schaffung einer „neuen Gesellschaft“, die Menschen befähigt, ihre Verhältnisse zu verändern. Doch erst im 20. Jahrhundert wurde sie innerhalb sozialer Arbeit zum Vehikel für die Professionalisierung. Neben der Armutsbekämpfung sollten nun auch die herrschenden Verhältnisse verändert werden. Die Überzeugung, dass der Mensch eine Würde besitzt, die angesichts des kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder in Frage gestellt wird, wurde erst im 20. Jahrhundert zum Motor weiterer Entwicklungen. Die sozialen Institutionen, die bis heute zur Infrastruktur Sozialer Arbeit gehören, wurden im Kaiserreich gegründet. Dazu gehören Ausbildungseinrichtungen, diakonische und caritative Einrichtungen für Kinder, Alte, Behinderte, die Wohlfahrtsverbände, die soziale Statistik, der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ e.V. und die durch den Weimarer Wohlfahrtstaat ermöglichte rechtliche Absicherung Sozialer Arbeit. Seit der Weimarer Republik (1919 bis 1933) besteht das Netzwerk der Sozialarbeit aus Verbindungen von sozialpolitischer und zivilgesellschaftlicher Hilfe, die in Deutschland ein umfassendes Sozialsystem hervorgebracht hat, das bis heute den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft sichert. Diese institutionalisierte Solidarität stärkt nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern sie ist längst so bedeutsam, wie die Wirtschaftsunternehmen, ohne die wir kein menschenwürdiges Leben führen können. Wer zählt zu den Wegbereiter*innen Sozialer Arbeit? Was haben Menschen angestoßen und in oft mühevoller Kleinarbeit gesellschaftlich durchgesetzt? Die Dauerausstellung erzählt von ihnen und lässt Platz für eigene und weitere Entdeckungen.  

Soziale Arbeit hat sich immer wieder gewandelt. Ob sie systemstabilisierend oder systemkritisch wirkt, ob sie praktisch oder theoretisch wirksam ist und was diesen Beruf kennzeichnet, darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Sie lädt dazu ein, die Pioniere und Pionierinnen kennenzulernen und das Entwicklungspotential Sozialer Arbeit zu verstehen. Die Plakate werden in der Lehre genutzt, um die Geschichte Sozialer anschaulich und biografisch einordbar zu machen. Die Arbeit an den „Gesichtern“ ist faszinierend und reich an neuen Entdeckungen.  

Gastbeitrag von Prof. Dr. Christiane Vetter, Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der DHBW Stuttgart

„Gemeinsam Strukturen schaffen, um zu gestalten…”

… das ist wohl einer der Sätze, die wir Organisator*innen zum Leitmotiv für die Vorkonferenz des wissenschaftlichen Nachwuchses der Sozialen Arbeit machen könnten. Warum? Das wollen wir in dem vorliegenden Beitrag erläutern. 

Bereits zum zweiten Mal haben sich im Rahmen der Vorkonferenz zur Jahrestagung der DGSA am 25. und 26. April 2019 Nachwuchswissenschaftler*innen der Sozialen Arbeit in Stuttgart getroffen, in diesem Jahr mit knapp 120 Teilnehmenden sogar doppelt so viele wie beim ersten Mal. Schon die stürmischen Begrüßungen verhießen zwei großartige Tage. Die am häufigsten gestellte Frage war sicherlich: „Und was ist bei dir so passiert? Erzähl doch mal!“ Aus wissenschaftlicher Sicht eine wunderbare Einstiegsfrage in eine längere Phase der Narration, die sicher häufig funktionierte, in manchen Momenten dann aber doch durch scheppernde Töne aus dem Mikrofon unterbrochen wurde, sodass pausiert werden musste. 

Schnell war uns Organisator*innen klar: Mit der Vorkonferenz hatte die Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA einen Treffpunkt für Austausch und gegenseitige Unterstützung geschaffen. Es ist dadurch eine Plattform für Promovierende und Promotionsinteressierte aus der Sozialen Arbeit entstanden, wie es sie in dieser Form bis dato nicht gab. Und das große Interesse an der Vorkonferenz signalisiert uns, dass wir hiermit auf einen dringenden Bedarf eine Antwort gefunden haben.

 Antworten oder zumindest intensive Diskussionen zu einer Vielzahl an Fragen standen im Fokus der Konferenz. Wir wollten Raum für ein solidarisches Miteinander schaffen, in dem Wissens- und Erfahrungsaustausch im Zentrum stehen. Also brachten wir, neben anderen Programmpunkten, die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen zusammen, in denen sie dann Gelegenheit hatten, über alle Anliegen und Gedanken, aber auch Ängste und Sorgen rund um das Thema Promotion, in einen Austausch untereinander zu treten. Im Raum standen ganz unterschiedliche Fragen, je nachdem wo im Promotionsprozess sich die Teilnehmenden gerade befanden. Das führte dazu, dass alle Anwesenden einmal Wissende und ein anderes Mal Fragende waren: Unser Plan, Solidarität untereinander zu schaffen, schien aufzugehen. Statt expertokratischer Wissensvermittlung setzten wir – ganz im Sinne eines deutenden Verstehensprozesses als Handeln professioneller Sozialarbeiter*innen – auf die diskursive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven. 

Heiß diskutiert wurde die Frage der Vereinbarkeit: Wie soll man 50% in der beruflichen Praxis arbeiten und nebenbei noch 50% an der Hochschule oder Uni? Was, wenn die 50%-Stelle dann keinen Stellenanteil für die Promotion enthält? Soll man das dann noch on-top machen? Ist das möglich? Soll man neben der Promotion überhaupt noch irgendwas machen? Macht es denn vielleicht nicht mehr Sinn sich voll und ganz darauf zu konzentrieren? Doch wovon dann leben? Vielleicht doch lieber ein Stipendium? Und was, wenn zu Beruf und Promotion auch noch Familie hinzukommt? Wer schafft das? Wie macht ihr das? 

Heiß diskutiert wurde auch die Frage der eigenen Identität: Wie ist das, wenn man als Sozialarbeiter*in fachfremd promoviert? Oder was ist, wenn man eine Stelle in einem Graduiertenzentrum bekommt, in dem es eigentlich nicht um die Soziale Arbeit geht? Wer ist man dann? Mit wem oder was kann man sich dann identifizieren? Wo findet man fachlich Anschluss? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo verlaufen disziplinäre Grenzen? Und wer zieht diese mit welchen Mitteln? Und wie kann man bei alledem auch noch das Profil der eigenen Identität als Sozialarbeiter*in weiter schärfen, statt davon abzukommen? 

Es schwirrten noch viele weitere Fragen durch die Räume und Flure, doch sie alle zu nennen, würde wohl den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Darum seien diese zwei Blöcke gewählt, vor allem, weil sie aufzeigen, woran in Zukunft gearbeitet werden kann – oder gar muss? Von wem? Von uns! Denn wie Cendrese Sadiku während der Podiumsdiskussion auf der Vorkonferenz an uns appellierte: „Ihr als Mittelbau (wir nennen uns ja lieber Nachwuchswissenschaftler*innen, immerhin sind nicht alle von uns überhaupt Teil der Statusgruppe ‘Mittelbau’) müsst für euch selbst aufstehen und eure Interessen vertreten, sonst wird es niemand tun!“ Nur gemeinsam können wir für Bedingungen kämpfen, die die Fragen zur Vereinbarkeit zum Positiven verändern. 

Dafür ist es wichtig, dass wir uns darüber klar werden, wer wir eigentlich sind, wer wir sein wollen, was uns auszeichnet und wie wir die Zukunft unserer Profession gestalten wollen. Denn, und auch das ist während der Podiumsdiskussion sehr deutlich geworden: Die Promovierenden in der Sozialen Arbeit, das ist zum einen der Nachwuchs einer ganz bestimmten Profession und dessen sollten wir alle uns auch klar sein. Zum anderen ist unsere Gruppe geprägt von einer überwältigenden Vielfalt, wie sie sonst wohl nur auf wenige Professionen zuzutreffen scheint – zumindest waren selbst die Diskutant*innen der Podiumsdiskussion überrascht, mit welcher Vielfalt prekären Promovierens wir aufwarten konnten. 

Doch uns allen ist an der Gestaltung der Zukunft der Sozialen Arbeit gelegen. Das verbindet uns. Wir müssen diese Vielfalt, die unsere Qualifikationsbedingungen betrifft, als Herausforderung und Chance begreifen, „uns zusammentun und nach Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen schauen, statt uns abzugrenzen“, um es in den Worten Sylvia Bühlers auf der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung zu sagen. Und da schließt sich der Gedankenkreis und wir sind wieder bei der Vorkonferenz: Damit ist eine Struktur geschaffen, um die Zukunft zu gestalten. Nicht irgendeine Zukunft, sondern die Zukunft der Sozialen Arbeit durch ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. 

Und, so viel ist sicher, auch im kommenden Jahr in Landshut wird es wieder eine Vorkonferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben – vielleicht im Sinne des solidarischen Miteinanders sogar gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftler*innen aus Österreich und der Schweiz. Lassen wir uns überraschen – oder selbst gestalten?!

 

Eva Maria Löffler, Nils Klevermann, Vera Taube, Julia Hille und Fabian Fritz 

Das Orga-Team der Vorkonferenz 2019

Mit Blick auf die Jahrestagung 2019: Digitalisierung, ein Querschnittsthema?

Inzwischen hat es fast jede/r mindestens einmal gelesen: Phrasen wie „Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche“, „Digitalisierung ist allgegenwärtig“ oder schlicht „Digitalisierung verändert alles“. Da liegt es doch nahe, von Digitalisierung als Querschnittsthema, auch in der Sozialen Arbeit, zu sprechen. Oder nicht?

Ich wäre auch nicht die erste, der diese Formulierung über die Lippen käme. In Blogs, Statements und Thesenpapieren ist man längst zu dem Schluss gekommen, dass es Tatsache ist, dass die Digitalisierung ein Querschnittsthema in der Sozialen Arbeit ist.

Daher schickte ich mich an, darüber eine Master-Thesis zu schreiben. Ich wollte prüfen, ob das Thema Digitalisierung als Querschnittsthema für die Lehre der Sozialen Arbeit geeignet ist. Jedoch fiel mir schnell auf: Es gibt keine Definition des Begriffs Querschnittsthema. Dabei bildet er doch die Grundlage für so viele wichtige Themen der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise Gender und Gesundheit.

Wenn eine präzise Definition des Begriffes „Querschnittsthema“ in Bezug auf die Soziale Arbeit tatsächlich fehlt, laufen SozialarbeitswissenschaftlerInnen Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen, wie ich es beinahe tat. Sie übernähmen gesellschaftlich relevante Themen, machten sie zum Gegenstand ihrer Untersuchung, ohne jedoch zuvor abgearbeitet zu haben, ob es die Soziale Arbeit tatsächlich transversal beeinflusst. Vermutlich bräuchte ich in diesem Zusammenhang den Konjunktiv 2 nicht als zwingend zu betrachten, fehlten mir an dieser Stelle nicht noch stichhaltige Beweise, um aufzuzeigen, dass der Begriff längst für alles Mögliche verwendet wird.

Wäre es da nicht an der Zeit, für die Profession Soziale Arbeit festzulegen, was sie (und aus welchem Grund) transversal betrifft? Ansonsten blieben allzu viele Themen, wie auch das mir so sehr am Herzen liegende Thema „Digitalisierung“, im Morast des Postfaktischen stecken.

Für die nächste Woche stattfindende Jahrestagung der DGSA, die den Titel „Wandel der Arbeitsgesellschaft - Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ trägt, schreibe ich mir dieses Thema auf meine persönliche Agenda. Sobald die Rede von „Digitalisierung als Querschnittsthema“ ist, werde ich hinterfragen, was genau ein Querschnittsthema generell ausmacht. Denn insbesondere bei solchen Trend-Themen, wie derzeit die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit, braucht es Tagungen, um im Austausch mit anderen die Liebe zum Detail wiederzuentdecken und die Dinge auch mal bis ins Kleinste zu zerdenken. Im sonst so schnellen, dynamischen Studien- oder Arbeitsalltag bleibt dies allzu oft auf der Strecke.

 

Michelle Mittmann

Social-Media-Beauftragte der DGSA