Kindererziehung von Hunden lernen? Fragen zur Empörung über die RTL-Sendung „Train your baby like a dog“

Am 3.1.2021 strahlte RTL eine Pilot-Sendung des Genres des ‚Reality TV‘ aus, die schon im Vorfeld ein Aufreger war: Eine Hundetrainerin unterstützt vor laufender Kamera zwei Familien bei der Bewältigung der Erziehungsprobleme mit ihren Kindern. Das Filmkonzept erinnert an die „Supernanny“, ein Coaching-Fernsehformat, das 2004 bis 2011 in RTL lief und das damals auch schon stark in der Kritik war. Während aber die „Supernanny“ Katharina Saalfrank vom Sender als Diplompädagogin vermarktet wurde, also als einschlägig, formal und akademisch qualifiziert zur Kindererziehung, ist dies nun anders. Zu der aktuellen Erziehungsexpertin Aurea Verebes heißt es, dass sie eine Ausbildung als Hundetrainerin hat und bei der Erziehung der eigenen Kinder mit Techniken des Hunde-Trainings erfolgreich war.

Zu sehen ist, wie die hilfesuchenden Mütter in einfache Konditionierungsverfahren eingewiesen werden, mit denen es möglich ist, ihre Kinder dazu zu bringen, das zu tun, was das Leben mit ihnen leichter macht: Schlafen im eigenen Bett, Zähneputzen, kooperationsbereit sein, der Mutter zuhören und ihren Ansagen folgen. Zentral ist hierbei das Clicker-Training. In der Hundeerziehung wird damit klassisch konditioniert, indem auf erwünschte Handlungen des Hundes ein Click-Geräusch folgt, das mit einem Leckerli verbunden wird. In einem weiteren Schritt geht es dann darum, dass der Hund lernt, das Geräusch – die sekundäre Verstärkung – auch ohne die primäre Verstärkung des Leckerlis als Belohnung zu begreifen. Der schlichte Click soll dem Hund mitteilen: „Gut gemacht, weiter so!“ Auf diese Weise kann der Hund dazu gebracht werden, sich so zu verhalten, wie Herrchen oder Frauchen sich dies wünschen, bis hin zum Erlernen von raffinierten Kunststücken, so heißt es jedenfalls durchgängig auf den Homepages zur Hundeerziehung.

Diese Methode wendet Aurea Verebes nun auch bei den ‚Problem-Kindern‘ an. Mit der Kombination von ‚Leckerlis‘ in Obstform und Clicker werden ‚Umorientierungen‘ eingeübt. Das eine Mädchen soll immer, wenn die Mutter ein gemeinsam vereinbartes Wort sagt, sich ihr aufmerksam zuwenden, um aggressive Eskalationsspiralen zu beenden. Bei dem anderen Mädchen mit Schlafproblemen wird ein „Deckentraining“ durchgeführt. Zunächst wird eine Decke positiv assoziiert, indem auf ihr schöne Tätigkeiten durchgeführt werden, geclickert und Obst vergeben wird, um die Decke anschließend in das verweigerte Kinderbett zu legen und so den Weg dafür zu bereiten, das eigene Bett zu einem annehmbaren Ort zu machen. Auch zum Zähneputzen, gegen das sich das Mädchen mit aller Kraft gewehrt hat, wird so ein Weg gefunden. Zwangloses Spiel mit einer neuen Zahnbürste in Verbindung mit Belohnungen und Clickern lassen das Kind schließlich selbst nach der Zahnbürste greifen.

Es ist ein leichtes, sich mit Verve den öffentlichen Empörungen über dieses Format eines privaten Senders anzuschließen. Da werden Kinder und ihre Eltern ungeschützt zur Schau gestellt, der Lächerlichkeit preisgegeben und damit Geld gemacht. Da wird eine ‚Schein-Realität‘ erfolgreicher Erziehung inszeniert, bei der all die Verwerfungen pädagogischer Prozesse verschleiert werden. Und da wird schließlich Reiz-Reaktionslernen als Wundermittel der Erziehung propagiert, bei dem sämtliche erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse zur Co-Produktion von Erziehung und moderne Paradigmen vom Kind als Subjekt seines Lebens über Bord geworfen sind. Das alles verschafft das gute Gefühl, dass man es selbst natürlich besser weiß als die Filmmachenden und Aurea Verebes. Kinder sind keine Tiere. Ihre Psyche ist komplizierter als eine Hundeseele. Auch sollen sie nicht gehorsam und gefügig sein, sondern zu emanzipierten Erwachsenen heranwachsen, die ihr Leben zu ihrem eigenen und zum gesellschaftlichen Wohlergehen autonom gestalten können. Von daher verbieten sich bei ihnen Dressurtechniken aus der Tiererziehung. Sie brauchen eine menschenspezifische Erziehung! So oder so ähnlich klingt es bei allen Kommentaren, die im Netz zu der Sendung kursieren. Aber ist damit eigentlich alles schon klar? Die Frage ist doch, warum diese Gleichheit von Hund und Kind einerseits überhaupt pädagogisch erzählbar (und filmisch vermarktbar) ist und warum sie andererseits gleichzeitig die Öffentlichkeit so triggert.

Die kurze Antwort darauf ist: Die soziale Demarkationslinie zwischen Tier und Mensch ist schwebend, unsicher und umkämpft zwischen den Polen binärer Differenz und Similarität. Die lange Antwort sieht so aus: Menschliche Gesellschaften haben immer das Verhältnis zwischen Tier und Mensch und die Frage bearbeitet, ob Tiere wie menschliche Lebewesen sind und zur menschlichen Gemeinschaft gehören oder doch ganz anders sind und außerhalb der menschlichen Gesellschaft stehen – mit unterschiedlichen Ergebnissen.  

Für die modernen Gesellschaften des globalen Nordens lässt sich ein eigentümliches Nebeneinander von massiven Vermenschlichungen der Tiere und gleichzeitigen scharfen Grenzziehungen ausmachen. Auf der einen Seite haben wir jene Tiere, die wir als Nutztiere vor allem für Nahrungszwecke funktionalisieren. Sie leben und sterben in Sonderzonen, gut abgeschirmt von den menschlichen Lebenswelten unter desaströsen Bedingungen und weit ab von der Wertewelt der menschlichen Gesellschaft. Für sie gilt all das nicht, was für Menschen gilt. Sie gelten als nicht-menschliche Lebewesen, und dies ermöglicht und legitimiert die speziesistischen Herrschaftsverhältnisse. Doch auch dies ist nicht fix, sondern gesellschaftlich durchaus umkämpft. Soziale Bewegungen prangern bekanntlich diese Situation an und klagen für Tiere jene Lebensrechte ein, die für menschliche Lebewesen selbstverständlich sind.  

Auf der anderen Seite haben wir das Phänomen der Verflüssigung der Mensch-Tier-Grenze. Weit verbreitet sind ‚Animalisierungen‘ vor allem in der Kinderwelt: Kindergartengruppen haben vorzugsweise Namen von Tieren, tierliche Kosenamen – wie Maus, Hase, Spatz oder Schnecke – sind für Kinder gang und gäbe, und die Kinderbücherwelt ist gefüllt mit Tieren als Protagonisten. Haustiere rücken zu Gefährten auf, mit denen der private Lebensraum geteilt wird. Sie werden dabei quasi zu Menschen: sie bekommen vergeschlechtlichte Menschennamen, Bekleidungsutensilien, Spielzeug, Geschirr, eigene Pflegemittel und Speisen, sie werden in (Hunde-)Schulen geschickt, in ‚Hutas‘ betreut, sie gehen mit auf Reisen, sie erhalten Aufmerksamkeit und Fürsorge, im Krankheitsfall werden sie medizinisch versorgt bis dahin, dass sie nach ihrem Tod manches Mal auf einem Friedhof beerdigt werden. Ihre Besitzer_innen binden sich emotional an sie, investieren viel, dass es ihnen gut geht, und erleben das Leben mit ihren Haustieren als kostbare Bereicherung.

Dies schließt auch ein: diese Tiere werden erzogen. Damit das Zusammenleben mit ihnen sozialverträglich ist, müssen sie lernen, sich störungsfrei im komplizierten Gefüge der menschlichen Lebensräume zu verhalten. Dabei ist nun spannend, dass die Gestaltung der erforderlichen Lernprozesse letztlich denselben Prinzipien folgt wie bei Kindern. Jutta Buchner-Fuhs hat dies in einem aufschlussreichen Aufsatz herausgearbeitet (Tiererziehung als Menschenerziehung, in: Buchner-Fuhs/Rose: Tierische Sozialarbeit. VS 2012). So wie in der Menschenerziehung sich ein Wertewandel weg von repressiven Unterwerfungs- und Strafprozeduren, hin zu Gewaltfreiheit, Empathie und Kommunikation als Erziehungsmitteln vollzogen hat, hat sich auch die Tiererziehung – gut wahrnehmbar vor allem bei der Hundeerziehung – in gleicher Weise verändert. Auch hier sind gewalttätige Praktiken der Unterwerfung zunehmend verpönt. Stattdessen werden positive Verstärkung, Zuwendung und Bindung als Techniken der Regulierung des Tierverhaltens propagiert. Wir sehen: Tiere werden in einer Art und Weise erzogen, die der Kindererziehung ähnelt wie dies auch umgekehrt gilt. Die Autorin spricht hier von einer „Entgrenzung von Mensch und Hund“.

Vor diesem Hintergrund kann es also gar nicht weiter erstaunen, sondern ist völlig konsequent, dass in einer Sendung vorgeführt wird, wie Techniken der Hundeerziehung bei der Kindererziehung nutzbar sind. Sie liegen in der Praxis so nah beieinander, dass das, was wir sehen, quasi nur der finalisierende Schritt der Entgrenzung ist, von der Jutta Buchner-Fuhs spricht.

Wie viele Verfahren der Kindererziehung sind letztlich nur eine Variante des gescholtenen Verstärkertrainings, mit dem die Hundetrainerin in den Familien arbeitet? Wenn Eltern empfohlen wird, stabile Einschlafrituale für das Baby zu schaffen, um den Übergang in die Nacht zu erleichtern, wenn in Schulen Smileys unter gute Hausaufgaben gesetzt werden und unter fehlerhafte nicht, wenn der ‚Leisefuchs‘ eingesetzt wird, um Ruhe in der Klasse herzustellen, wenn Punktesysteme installiert werden, mit denen das Verhalten von Kindern erfasst, bewertet und gegebenenfalls belohnt wird, wenn der Nachtisch erst nach der Hauptspeise gegessen und Fernsehen erst geguckt werden darf, wenn das Zimmer aufgeräumt ist, dann ist das alles nah dran am Clickern und Leckerli-Verteilen. Statt sich zu echauffieren über das Sendeformat, wäre es also sinnvoller danach zu schauen, wieviel Konditionierung im pädagogischen Alltag längst (unerkannt) völlig selbstverständlich steckt und sich kritisch damit zu beschäftigen.

Zu guter Letzt: Dass die Empörung über einer Hundetrainerin als Helferin bei der Kindererziehung so überschießt, lässt sich lesen als Ausdruck des Unbehagens angesichts der so offensichtlich werdenden Permeabilität zwischen Mensch und Tier. Der Mensch als Krone der Schöpfung, der eben nicht wie das Tier ist, sondern sich über seine tierlichen Verwandten hinaus entwickelt und sich über sie erhoben hat (eine Idee, die der Kolonialismus variierte) – diese Idee scheint gefährdet angesichts einer Pädagogik, die für Tiere auch passt. Bezeichnenderweise formulieren beide Mütter ihre Bedenken, dass doch ihre Kinder nicht wie Hunde erzogen werden können – um diese Bedenken aber gleich wieder zu zerstreuen. Und ebenso ist bemerkenswert, dass der Hundetrainerin noch ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut in der Sendung an die Seite gestellt wird, der ihr Tun öffentlich gutheißt. Offenbar reicht die hundeerzieherische Qualifikation nicht aus, um Aurea Verebes als Expertin für kindererzieherische Fragen zu legitimieren.

So besehen bietet „Train your baby like a dog“ viel Anlass, um über unser widersprüchliches und fragwürdiges Mensch-Tier-Verhältnis nachzudenken, statt sich im vermeintlich medienkritischen RTL-Bashing zu gefallen.  

 

Prof. Dr. Lotte Rose, Frankfurt University of Applied Sciences, FB Soziale Arbeit und Gesundheit, Sprecherin der Fachgruppe Gender der DGSA

   

 

 

Großputz! Care nach Corona neu gestalten – nicht ohne Profession und Disziplin Soziale Arbeit

Was die Corona-Pandemie lehrt, ist in Sozialer Arbeit alltägliche Erfahrung: Menschsein bedeutet nicht nur der Wunsch nach Autonomie, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, sondern in allen Lebensphasen ist – in unterschiedlicher Ausprägung und differentem Umfang – Verletzlichkeit und Angewiesenheit bedeutsam (Thiessen 2011). Menschen können in ihrer gesamten Biografie ohne Care nicht (über-)leben. Sie sind zudem auf wertschätzende Beziehungen und soziale Netze angewiesen. Soziale Arbeit, die auf das Verhindern und die Bewältigung sozialer Probleme abzielt, befasst sich im Kern mit den „Gegebenheiten des gebrechlichen Lebens“ (Klinger 2014: 22) und stellt einen bedeutenden Anteil an professioneller Care-Arbeit neben Pflege und Erziehung. Sozialarbeitende sind Prekaritätsexpert*innen. Da Soziale Arbeit von der Wiege bis zur Bahre, von individuellen Problemlagen bis Konfliktklärungen in Sozialräumen zuständig ist, fördert diese professionelle Breite zugleich auch ihre Diffusität, Unbestimmbarkeit und letztlich Unsichtbarkeit. Weder ihr Status als akademische Profession noch die Breite der Handlungsfelder sind in der Öffentlichkeit präsent. In Berufsstatistiken wird Soziale Arbeit mit Erziehungsberufen und Heilerziehungspflege zusammengefasst, also mit Fachausbildungen unterhalb einer akademischen Ausbildung (zuletzt Koebe et al. 2020). Und selbst in Lehrbüchern zu Sozialer Arbeit wird unter diesem Titel nicht selten ausschließlich Bezug auf das Praxisfeld der Kinder- und Jugendhilfe im Sinne klassischer Sozialpädagogik genommen (Sandermann/Neumann 2018, siehe insb. S. 16).

 

Soziale Arbeit: „systemrelevant“, aber unsichtbar

So sind die Voraussetzungen schon schlecht, wie Soziale Arbeit in der (Fach-)Öffentlichkeit bereits vor der Pandemie wahrgenommen wurde. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nun während der Pandemiesituation in den medialen Debatten und politischen Entscheidungsgremien Profession und Disziplin Sozialer Arbeit kaum eine Rolle spielen, obwohl mehr denn je das alltägliche Überleben Einzelner, von Familien und Lebenszusammenhängen und der soziale Zusammenhalt in unterschiedlichen lebensweltlichen Räumen auf Soziale Arbeit angewiesen sind (vgl. dazu auch Buschle/Meyer 2020). Thematisiert werden in (fach-)öffentlichen Debatten vor allem die Care-Berufe im Feld der Pflege und Erziehung. Wie Fachkräfte Sozialer Arbeit in der Obdachlosenarbeit, in der stationären Jugendhilfe, in der ambulanten Betreuung chronisch psychisch Erkrankter oder in der Gemeinwesenarbeit durch Covid-19 bedroht und betroffen sind, bleibt unsichtbar.

Mit dem Begriff der „Systemrelevanz“ ist in der Pandemiesituation in Deutschland die Unverzichtbarkeit eines Berufsbereiches etikettiert worden, mit dem die Berufsangehörigen auch während eines „Lockdowns“ weiterhin tätig sein müssen und ihnen bei Bedarf Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt wird. Als „systemrelevante“ Bereiche gelten neben Transport- und Reinigungsdiensten sowie Teilen des Verkaufsgewerbes insbesondere Care-Berufe in Gesundheit, Pflege, Erziehung und Sozialer Arbeit. Die – überwiegend weiblich Beschäftigten in den Dienstleistungsberufen sind also diejenigen–, „die den Laden am Laufen“ halten (Eichhorn 2020).

Bemerkenswert ist die empirisch belegte Diskrepanz zwischen der offiziellen Zuschreibung einer „Systemrelevanz“ und der wahrgenommenen gesellschaftlichen Anerkennung durch die Beschäftigten, die Buschle und Meyer (2020: 161f.) im Berufsfeld Sozialer Arbeit im April 2020 untersucht haben. Besonders drastisch fällt diese Diskrepanz in den Handlungsfeldern Arbeit mit obdachlosen sowie suchtkranken Menschen aus (ebd.:161). Zudem wird fraglos erwartet, dass Beschäftigte Sozialer Arbeit sich der Ansteckungsgefahr aussetzen, wenn im Umgang mit Adressat*innen Abstände nicht einzuhalten sind. Während in den Medien fehlende Schutzausrüstung in der Pflege – zu Recht – skandalisiert wurde, wurde derselbe Missstand bezogen auf Soziale Arbeit nicht thematisiert. Ebenso wird die Dringlichkeit prioritärer Impfmöglichkeiten für Fachkräfte Sozialer Arbeit unterschlagen. In der Empfehlung der STIKO (2021: 4) zur Priorisierung von Personengruppen wird Pflegepersonal mit Priorität 1, Tätige in Versorgung von demenziell Erkrankten oder von Personen mit Down-Syndrom mit Priorität 2, Fachkräfte in Gemeinschaftsunterkünften mit Priorität 3 vorgesehen. Erzieher*innen und Lehrer*innen werden in der 4. Stufe aufgeführt. Fachkräfte Sozialer Arbeit, die nicht mit den eben genannten Risikogruppen arbeiten, sondern im Frauenhaus, in ambulanten Hilfen und aufsuchender Arbeit beschäftigt sind, sollen also erst an sechster Stelle, wenn „alle übrigen Personen“ an der Reihe sind, die Chance auf eine Impfung erhalten.

Wenn bereits auf der Praxisebene Belange Sozialer Arbeit kaum in den öffentlichen Diskurs gelangen, wundert es nicht, dass disziplinäre Expertise weder in Politikberatung noch bei in der Vergabe wissenschaftlicher Studien prominent vertreten ist. Hier führen systematische Lücken der Verankerung von Wissenschaft Sozialer Arbeit in Förderstrukturen sowie die Geringschätzung der angewandten Wissenschaften gegenüber den Universitäten als erhebliche Verstärkung eines geflissentlichen Übersehens der Disziplin Sozialer Arbeit.

 

Wenn zur Krise eine Pandemie hinzukommt: Kritische Lücken in der Daseinsvorsorge

Während in der Finanzkrise 2008 das Bankengewerbe als systemrelevant mit erheblichen Mitteln aus öffentlichen Haushalten subventioniert wurde, gilt dies nun für die systemrelevanten Care-Bereiche keineswegs in gleicher Weise. Der personelle Mehraufwand in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, in der Arbeit mit Wohnungslosen, sucht- und psychisch erkrankten Menschen, im Gewaltschutz, in den Beratungsangeboten (wie bspw. Schuldner*innen-, Schwangerschaftskonfliktberatung) wird öffentlich kaum wahrgenommen und von den Kostenträgern zumeist nicht beglichen. Aulenbacher (2020: 398) stellt auch für die Corona-Pandemie fest, dass Wirtschaftssubventionen ungleich höher ausfallen als Sozial(staats)investitionen, Systemrelevanz hin oder her.

Die „Ökonomisierung des Sozialen“ (Olk 1994, Lemke/Krasmann/Bröckling 2007), die in den letzten drei Dekaden stetig vorangetrieben wurde, um öffentliche Haushalte zu entlasten, erweist sich in der Pandemiesituation als fatal. Weder personell noch materiell sind soziale, Bildungs- und Gesundheitsdienste für meine pandemische Situation ausgestattet. Wie die Trägerlandschaft nach der Pandemie aussehen wird, ist noch nicht abzusehen. Die Zunahme privatgewerblicher Anbieter und die Einführung nachfrageorientierte Finanzierungsmodelle im Feld Sozialer Arbeit haben bereits vor der Pandemie zu einer Zunahme atypischer und prekärer Beschäftigung einerseits (Fuchs-Rechlin 2018) und zugleich zu einer Qualitätsminderung der Angebote andererseits (Candeias 2008; Seithe 2010) geführt.

 

Gelegenheit beim Schopfe packen: Großputz im Care-Bereich

Es ist daher höchste Zeit und gute Gelegenheit, die Frage der Unverzichtbarkeit von Care-Arbeit und den Wert des Sozialen für das Gemeinwesen ein weiteres Mal und laut zu stellen. Dabei muss die Bedeutung Sozialer Arbeit neben Pflege- und Erziehungsbedarfen systematisch und selbstbewusst konturiert werden. Benötigt werden Konzepte für eine gesellschaftlich solidarischere Organisation und Finanzierung von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit.

Eine Reihe von Initiativen hat in den letzten Monaten bereits stattgefunden. Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) initiierte die Fachkräfte-Kampagne #dauerhaftsystemrelevant (Bogorinsky 2020) mit dem Ziel der Vernetzung und Kooperation im Feld Sozialer Arbeit. Auch die ver.di-Kampagne #WIRSINDUNVERRZICHTBAR fokussiert explizit Soziale Arbeit, um auf unzumutbare Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen und nachhaltige Verbesserungen anzumahnen. Der Paritätische Gesamtverband hat im Dezember 2020 „20 vorläufige Lehren aus Corona“ aus Sicht eines Wohlfahrtsverbandes formuliert. Darin werden die Themen Armutsgefährdung, Wohnungsmisere und Unterfinanzierung sozialer Leistungen sowie Defizite bei partizipativer Maßnahmengestaltung aufgeführt – mithin langjährig bekannte Missstände, die nun in der Pandemiesituation Notlagen verstärken. Im Januar 2021 startet der Deutsche Caritasverband eine care-politische Kampagne mit einer Bevölkerungsumfrage, nach der die Aufwertung sozialer Berufe als prioritäre Aufgabe eingeschätzt wird und zugleich die Meinung vorherrscht, dass die Corona-Pandemie den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt habe (Caritas 2021).

Zudem gibt es eine Fülle von Stellungnahmen, Positionspapieren und Manifesten aus den vielfältigen Bewegungskontexten zur Care. Das Equal Care Manifest wurde noch kurz vor Ausbruch der Pandemie auf einem Kongress im Februar 2020 beschlossen, wird aber in der Debatte um Neugestaltung von Care und Aufwertung von SAHGE-Berufen seitdem breit rezipiert. Der Deutsche Frauenrat hat im November 2020 „Maßnahmen für eine Umverteilung und Aufwertung von Sorgearbeit“ verabschiedet, in denen an den Forderungen des Zweiten Gleichstellungsberichtes angeknüpft wird. In einem Positionspapier hat die Initiative Care.Macht.Mehr (Thiessen et al. 2020) im August 2020 erste Arbeitspakete für einen „Großputz“ mit dem Ziel einer Neugestaltung von Care vor dem Hintergrund interdisziplinärer und länderübergreifender Forschungen geschnürt. Neben der Einführung von Care-Mainstreaming in ökonomischen und sozialpolitischen Planungsprozessen, um bei allen politischen Maßnahmen die Auswirkungen auf Menschen, die Care-Verantwortung tragen, die Care-Tätigkeiten leisten oder die Care benötigen, als verpflichtende Dimension bei Entscheidungen mit zu berücksichtigen, wird hervorgehoben, Daseinsvorsorge als öffentliche Aufgabe neu zu bestimmen. Weitere Themen betreffen Entlohnungssysteme in den Care-Berufen, Arbeitszeitmodelle und die systematische Verknüpfung privater und öffentlicher Care sowie Digitalisierungsfragen und Beteiligungsrechte von Adressat*innen.

Auch international kommt Bewegung in die Diskussionen um Fürsorgepraxen und sozialstaatliche Verankerung von Care. The Care Manifesto ist ein Beitrag von „The Care Collective“ aus Großbritannien (Chatzidakis et al. 2020), in dem kapitalismuskritische Analysen mit konkreten Vorschlägen für eine systematische Berücksichtigung von Care in Ökonomie, Politik- und Gemeinwesengestaltung vorgestellt werden. Ausgehend von der US-amerikanischen National Domestic Workers Alliance hat sich bereits 2011 das breite Bündnis Caring across Generations gebildet, das private und verberuflichte Care-Arbeit thematisiert und für bessere Care-Bedingungen insbesondere im Bereich haushaltsnaher Dienstleistungen sorgen möchte. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie werden ebenso Vorschläge für eine verbesserte Care-Infrastruktur und Arbeitsbedingungen vorgelegt. Das australische Work + Family Roundtable, in dem über 30 Wissenschaftler*innen aus 18 Universitäten und Forschungsinstituten organisiert sind, veröffentlicht im Dezember 2020 eine politische Agenda für einen neuen Gesellschaftsvertrag, in dem Erwerbs- und Care-Arbeit in genderkritischer Perspektive neu konturiert werden.

Für die Disziplin und Profession Soziale Arbeit liegt in diesen Initiativen eine doppelte Chance, die zugleich eine Aufgabe darstellt: Die (internationale) Care-Debatte hat – verstärkt durch die Corona-Pandemie – einen deutlichen Schub bekommen und zu Vernetzungen zwischen Berufs- und Fachverbänden, migrations-, frauen- und queerpolitischen Initiativen, Selbsthilfegruppen, Gewerkschaften, wissenschaftlichen Projekten und Einzelpersonen geführt. Damit werden unter der Leitkategorie Care zentrale Themen, die auch Soziale Arbeit als Profession und Disziplin wesentlich betreffen, verhandelt (Rerrich/Thiessen 2021). Wenn Verbände und Gruppierungen Sozialer Arbeit sich hier einklinken und deutlich zu Wort melden, können in diesen Bündnissen zentrale Anliegen Sozialer Arbeit transportiert werden und die öffentliche Aufmerksamkeit genutzt werden, um langfristig soziale Missstände und Problemlagen solidarisch zu bearbeiten sowie Bedingungen für Profession und Disziplin Sozialer Arbeit zu verbessern. Oder wie die International Federation of Social Worker im November 2020 pointiert: “We have the capacity to lead transformation and prevent slipback. Inclusive social protection systems and the active prevention of crises that stem from poverty, marginalisation, denial of rights and climate change need to be fundamental for humanity’s continuing story. The social work profession is large and growing. Time and time again, and no more so than during the COVID-19 pandemic, it has demonstrated its capacity to transform crises into better futures.” (IFSW 2020: 40)

 

Prof. Dr. Barbara Thiessen, Co-Vorsitzende der DGSA 


Literatur

Aulenbacher, Brigitte (2020): Covid-19 – Warnzeichen oder Weckruf? Über die Sorglosigkeit des Kapitalismus und die „Systemrelevanz“ der Sorge. In: Thomas Schmidinger, Josef Weidenholzer (Hg.), Virenregime. Wie die Coronakrise unsere Welt verändert. Befunde, Analysen, Anregungen, Wien: bahoe books, 394-400.

Bogorinsky, Ellen (2020): #dauerhaftsystemrelevant – die Fachkräfte-Kampagne macht Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar, https://www.blog.dgsa.de/number-dauerhaftsystemrelevant-die-fachkrafte-kampagne-macht-soziale-arbeit-in-der-pandemie-sichtbar, 10.1.21.

Candeias, Mario (2008): Prekarisierung und prekäre Soziale Arbeit. In: Christian Spatschek, Manuel Arnegger, Sibylle Kraus, Astrid Mattner, Beate Schneider (Hrsg.), Soziale Arbeit und Ökonomisierung: Analysen und Handlungsstrategien. Berlin et al: Schibri-Verlag, 94-110.

Deutscher Caritas Verband (2021): Miteinander durch die Krise: #DasMachenWirGemeinsam, https://www.caritas.de/fuerprofis/presse/pressemeldungen/aufwertung-von-sozialen-berufen-ist-laut-umfrage-aktuell-wichtigstes-handlungsfeld-fuer-die-politik-aa28caf2-9b87-4f88-ab7d-87821c602539, 15.1.21.

Deutscher Frauenrat, Fachausschuss Sorgearbeit (2020): Das Politische wirkt privat. Maßnahmen für eine Umverteilung und Aufwertung von Sorgearbeit, https://www.frauenrat.de/wp-content/uploads/2020/11/Fachausschuss-Sorgearbeit-Deutscher-Frauenrat-Forderungen.pdf, 10.1.21.

Eichhorn, Anja (2020): Soziale Arbeit und Systemrelevanz, Blogbeitrag für DGSA Blog, https://www.blog.dgsa.de/soziale-arbeit-und-die-systemrelevanz, 10.1.21.

Equal-Care-Day-Konferenz (2020): Das Equal Care Manifest, https://equalcareday.de/manifest/, 10.1.21.

Fuchs-Rechlin, Kirsten (2018): Beschäftigungsbedingungen in sozialen Berufen im Spiegel der amtlichen Statistik. In G. Graßhoff, A. Renker & W. Schröer (Hrsg.), Soziale Arbeit, Wiesbaden: VS Springer, 699-711.

International Federation of Social Workers (IFSW) (2020): To the Top of the Cliff: How Social Work Changed with Covid-19, https://www.ifsw.org/product/books/to-the-top-of-the-cliff-how-social-work-changed-with-covid-19/, 10.1.21.

Kalipeni, Josephine; Kashen, Julie (2020): Building Our Care Infrastructure for Equity, Economic Recovery and Beyond, https://caringacross.org/carepaper/, 10.1.21.

Klinger, Cornelia (2014): Selbst- und Lebenssorge als Gegenstand sozialphilosophischer Reflexionen auf die Moderne. In: Soziale Welt, Sonderband 20, 21-40.

Koebe, Josefine; Samtleben, Claire; Schrenker, Annekatrin; Zucco, Aline (2020): Systemrelevant und dennoch kaum anerkannt: Das Lohn- und Prestigeniveau unverzichtbarer Berufe in der Corona-Krise unterdurchschnittlich. In: DIW aktuell, Nr. 48, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.792728.de/diw_aktuell_48.pdf.

Lemke, Thomas; Krasmann, Susanne; Bröckling, Ulrich (2000), Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologie. Eine Einleitung. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M., 7-40.

Olk, Thomas (1994). Jugendhilfe als Dienstleistung. Vom öffentlichen Gewährleistungsauftrag zur Marktorientierung. In: Widersprüche, 14. Jg., Heft 53, 11-32.

Rerrich, Maria S.; Thiessen, Barbara (2021): Verhältnisbestimmung zwischen Sozialer Arbeit und Care. In: Bomert, Christiane, Sandra Landhäuser, Eva-Maria Lohner und Barbara Stauber (Hg.), Care! Zum Verhältnis von Sorge und Sozialer Arbeit, VS Springer Verlag (i.E.).

Sandermann, Phillipp; Neumann, Sascha (2018): Grundkurs Theorien der Sozialen Arbeit, München: Reinhardt.

Seithe, Mechthild (2010). Schwarzbuch Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Ständige Impfkommission (STIKO) (2021): Beschluss der STIKO für die Empfehlung der COVID-19-Impfung und die dazugehörige wissenschaftliche Begründung. In: Epidemiologisches Bulletin, Nr. 2, 3-63, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/02_21.pdf?__blob=publicationFile, 14.1.21

Thiessen, Barbara (2011): Verletzte Körper: Intersektionelle Anmerkungen zu Geschlecht und Behinderung, Beitrag für die Zeitschrift für Inklusion-online.net, 1/2011, http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion/article/view/101/103, 8.1.21.

Thiessen, Barbara, Weicht, Bernhard, Rerrich, Maria S., Luck, Frank, Jurczyk, Karin, Gather, Claudia, Fleischer, Eva; Brückner, Margrit (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com, 8.1.21.

Work + Family Roundtable 2020: Work +care in a genderinclusive recovery: A bold policy agenda for a new social contract, https://www.workandfamilypolicyroundtable.org/wp-content/uploads/2020/12/Work-Family-Policy-Roundtable_FINAL-Statement_Dec-11.pdf, 10.1.21.

Überlegungen zum Aktionstag #4genderstudies am 18.12.2020: Geschlechtertheoretische Perspektiven auf die Corona-Pandemie

Gender Studies stehen scheinbar zur Disposition: Mit Begriffen wie „Gender-Gaga“ oder „Gender-Wahn“ tituliert, werden Ansätze der Geschlechterforschung diffamiert, neben der AfD will auch die CSU den Studien öffentliche Mittel streichen. In Ungarn wurde das Studienfach Gender Studies abgeschafft.

Solche Forderungen bzw. Diffamierungen lassen unberücksichtigt, dass Theorien der Geschlechterforschung nicht nur einen zentralen Beitrag zu Gesellschaftsanalysen leisten, sondern dass deren Fehlen in gesellschaftlichen Analysen zu umfangreichen Blindstellen und Auslassungen führt. Die Entwicklung und Festsetzung der sogenannten Coronaschutzmaßnahmen erfolgte ohne Bezugnahme auf Geschlechtertheorien und ohne Bezugnahme auf die Expertise Sozialer Arbeit, die sich auf Geschlechtertheorien hätte berufen können. Das scheint überraschend, insbesondere da die Adressat:innen Sozialer Arbeit besonders von den sogenannten Coronaschutzmaßnahmen betroffen sind. Ein Grund für die Abwesenheit Sozialer Arbeit könnte darin zu sehen sein, dass zu Beginn der Corona-Pandemie die zu treffenden Maßnahmen nahezu ausschließlich aus medizinischer Perspektive diskutiert wurden. Aus dieser Perspektive erschien nachvollziehbar – gar alternativlos – Einrichtungen Sozialer Arbeit zu schließen, galt es doch, die Mitarbeitenden und die Adressat:innen durch eine Reduzierung sozialer Kontakte zu schützen.

Heute soll der Aktionstag #4genderstudies zum Anlass genommen werden, um die Phänomene der Corona-Pandemie aus einer geschlechtertheoretischen Perspektive zu betrachten:

„So ist mit der Corona-Krise die Natur zurückgekehrt“ postuliert Udo Thiedeke in seinem Artikel „Der stille Frühling der Soziologie“ und führt aus, dass wir mit „der Unhintergehbarkeit einer kollektiven Gefährdung unserer Physiologie […] drastisch mit der Tatsache konfrontiert [sind], […] dass wir bei aller geistigen Abstraktionsfähigkeit (auch der soziologischen) und trotz aller kultureller Konstruktionen und technischen Manipulationen, biologische Existenzen geblieben sind“ (Thiedeke 2020). Und als solche biologischen Existenzen sind „wir darauf verwiesen, dass es derzeit dem Subjekt wenig nutzt, auf sein Naturrecht zu pochen, weil die Natur ihr Recht einfordert“ (Thiedeke 2020). Thiedeke stellt eine naturalistische Perspektive in den Fokus, er hebt „das Virus auf die Stufe einer Naturgesetzlichkeit, eine Bedrohung, gegen die ‚wir‘ uns zusammenschließen müssen“ (Grüneklee/Heni/Nowak 2020, S. 52).

Eine andere Analysemöglichkeit bieten geschlechtertheoretische Perspektiven: Geschlechtertheoretische Zugänge sind für Soziale Arbeit zentral, ist diese doch seit ihrem Beginn mit geschlechtsbezogenen Dimensionen verwoben. Ende des 19. Jahrhunderts waren es vor allem Frauen, die „für eine sozialpolitisch und gesellschaftstheoretisch rückgebundene Soziale Arbeit stritten“ (Böhnisch 2015, S. 63). Und auch in der weiteren Etablierung der Sozialen Arbeit lassen sich die „Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und die damit verbundenen ungleichen Zuschreibungen besonders gut betrachten. Liebe und Zuwendung, Sorge, Fürsorge […] werden auf Frauen projiziert“ (ebd., S. 69) und sind dadurch mit gesellschaftlichen Abwertungen konfrontiert (Rubin 2020, 228ff.). Geschlechtsbezogene Zugänge finden sich aber nicht nur im historischen Kontext und auf der strukturellen Ebene der Verhältnisse, geschlechtsbezogene Zugänge finden sich auch als Interaktions- und Herstellungsprozesse auf der Ebene des Doing Gender. Dieser analytische Zugang ist für die Einordnung der Maßnahmen während der Corona-Pandemie insofern relevant, als eine zentrale Aussage des Doing Genders ist, dass es „eine strikte Trennung zwischen Natur, Kultur und Gesellschaft nicht geben kann“ (Ehlert 2017, S. 25). Kurz skizziert sind die Annahmen des Doing Gender folgende: Die Geschlechtszugehörigkeit von Personen scheint zwar „zu den fraglosen und nicht weiter begründungsbedürftigen Selbstverständlichkeiten unseres Alltagswissens“ (Wetterer 2010, S. 126) zu gehören. Zieht man Konzepte zur sozialen Konstruktion von Geschlecht heran, dann wird allerdings deutlich, dass „Geschlechter in Gesellschaften […] als Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse und einer fortlaufenden sozialen Praxis“ (ebd.) zu verstehen sind. Geschlecht stellt nicht die Basis sozialen Handelns dar, es ist der Effekt von Handlungen (Hirschauer 1989, S. 101). Wenn Geschlecht als Herstellungsprozess verstanden wird, dann gibt es „keine außerkulturelle Basis sozialen Handelns, keine vorsoziale Grundlage oder Anschlussstelle sozialer Differenzierungs- und Klassifizierungsprozesse, keine der Geschichte vorgelagerte ‚Natur des Menschen‘ (mehr)“ (Wetterer 2010, S. 126). Es ist nicht der Unterschied, der die Bedeutung konstituiert, es ist die Bedeutung, die die Differenz konstituiert.

Das außer Acht lassen dieser Perspektive führt dazu, dass durch die sogenannten Coronaschutzmaßnahmen bestehende geschlechtsbedingte Ungleichheiten verstärkt werden: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird – zumindest für die Angehörigen privilegierter Berufsgruppen, die ins Homeoffice ‚ziehen‘ können – ganz neu herausgefordert: Betreuung und Homeschooling von Kindern und Jugendlichen müssen zeitgleich mit der Erwerbstätigkeit stattfinden. Angehörige weniger privilegierter Berufsgruppen, z.B. Verkäufer:innen (zumeist Verkäuferinnen) müssen sich einer potenziellen Infektionsgefährdung durch den Kontakt mit anderen Menschen aussetzen. Zudem sind sie mit einer nahezu völlig unberechenbaren Betreuung ihrer Kinder konfrontiert, da die Betreuungseinrichtungen jeden Tag wieder schließen könnten, bzw. Kinder mit Erkältungssymptomen nahezu augenblicklich aus den Einrichtungen abgeholt werden müssen. Kinderbetreuung und Sorgearbeit – schon vor der Corona-Pandemie der hauptsächliche Zuständigkeitsbereich der Frauen – werden auch während der Corona-Pandemie weiterhin hauptsächlich von Frauen übernommen: Frauen sind während der Corona-Pandemie seltener im üblichen Stundenumfang erwerbstätig als Männer und sie haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, gar nicht erwerbstätig zu sein, ihre Erwerbstätigkeit also zu verlieren (Bünning/Hipp/Munnes 2020, S. 4).

Und auch an der Verteilung der zur Verfügung stehenden, bzw. neu geschaffenen Ressourcen, lassen sich geschlechtsbedingte Konnotationen ablesen: Während für die Pfleger:innen (zumeist Pflegerinnen) am Fenster geklatscht und gesungen wurde, wurde die Luftfahrt- und Autoindustrie mehrfach in nicht unerheblichem Umfang finanziell mit staatlichen Hilfen bedacht.

Wenn wir die Erkenntnisse der Geschlechterforschung im Rahmen der Umsetzung der sogenannten Coronaschutzmaßnahmen berücksichtigen, dann können sie entgegengesetzt zu den Annahmen von Thiedeke verstanden werden: ‚Die Natur‘ stellt in diesem Verständnis nichts Absolutes und damit auch nicht die außerkulturelle Basis des Handelns dar. Und diese Erkenntnisse lassen dann schlussfolgern, dass es nicht nur eine richtige Handlungsmöglichkeit gibt, sondern dann eröffnen sich Entscheidungsspielräume, die partizipativ und emanzipatorisch genutzt werden und geschlechtergerecht umgesetzt können.


Dr. Yvonne Rubin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin / M.A. Soziale Arbeit, Hochschule Fulda


Literaturverzeichnis

Böhnisch, Lothar (2015): Bleibende Entwürfe. Impulse aus der Geschichte des sozialpädagogischen Denkens. Weinheim: Beltz Juventa.

Bünning, Mareike/Hipp, Lena/Munnes, Stefan (2020): Erwerbsarbeit in Zeiten von Corona. Berlin.

Ehlert, Gudrun (2017): Gender in der Sozialen Arbeit. Konzepte, Perspektiven, Basiswissen. Berlin: Wochenschau Verlag.

Grüneklee, Gerald/Heni, Clemens/Nowak, Peter (2020): Corona und die Demokratie. Eine linke Kritik. Berlin: Edition Critic.

Hirschauer, Stefan (1989): Die interaktive Konstruktion von Geschlechterzugehörigkeit. In: Zeitschrift für Soziologie 18, H. 2, S. 100–118.

Rubin, Yvonne (2020): „Lohnt sich das denn“? - Zur Vergesellschaftung sorgender Tätigkeiten für ältere Personen durch freiwillig Engagierte. In: Rose, Lotte/Schimpf, Elke (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Erträge. Opladen, Berlin & Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 219–232.

Thiedeke, Udo (2020): Der stille Frühling der Soziologie. Wie die Corona-Krise Gewissheiten der Soziologie herausfordert.

Wetterer, Angelika (2010): Konstruktion von Geschlecht: Reproduktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit. In: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3., erw. und durchges. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage, Wiesbaden. S. 126–136.


 

Soziale Arbeit und die Systemrelevanz

Kritische Gedanken über ein fragwürdiges Etikett 

In Anbetracht der Coronavirus-Pandemie und der mit ihr einhergehenden gesellschaftlichen Herausforderungen ist die Soziale Arbeit derzeit an verschiedenen Stellen damit befasst, sich über ihr Selbstverständnis und ihre gegenwärtigen wie zukünftigen Aufgaben zu vergewissern. Teil dieses Reflexionsprozesses ist die vom DBSH initiierte Fachkräftekampagne „#dauerhaftsystemrelevant“. Ich möchte den kürzlich in diesem Blog erschienenen Beitrag über die Kampagne zum Anlass nehmen, einige kritische Fragen aufzuwerfen, die sich mir angesichts des Kampagnentitels gestellt haben. Denn der durch die Kampagne in den Anerkennungs- und Professionsdiskurs der Sozialen Arbeit eingebrachte Begriff der „Systemrelevanz“ macht es aus meiner Sicht einmal mehr nötig, über die Angemessenheit professionsfremder Begrifflichkeiten und damit einhergehender Implikationen für die Soziale Arbeit nachzudenken. Ich gebe hier Gedanken aus einem von mir geschriebenen Artikel wieder, der im Sammelband Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade (Kniffki/Lutz/Steinhaußen 2021) erscheinen wird und den ich für diesen Blog gekürzt und leicht abgeändert habe. Die Vorabveröffentlichung ist mit den Herausgebern des Sammelbandes abgestimmt.

Zum Zeitpunkt der Entstehung meines Beitrags ist die Corona-Krise nicht überwunden, und ihre Folgen für die Gesellschaft und die Soziale Arbeit sind noch nicht absehbar. Meine Überlegungen stellen daher eine Momentaufnahme dar, und ich erlaube mir ausdrücklich, auch unfertige Gedanken zu äußern und Fragen aufzuwerfen, zu denen ich vielleicht selbst noch keine Antwort parat habe. Fragen zu stellen, ohne sofort gebrauchsfertige Antworten an der Hand zu haben, mag angesichts mancher mit der Corona-Krise verbundener Zumutungen und Handlungsbedarfe als ein Privileg erscheinen. Angesichts der globalen Krise und der deswegen nötigen Standortbestimmung und Neujustierung Sozialer Arbeit erscheint mir eine „Praxis des Fragens“ (Burzlaff/Eifler 2018) allerdings als eine Kompetenz, die es (neu) zu entdecken und zu etablieren gilt. 

Corona und die Relevanz der Systemrelevanz

In den gesellschaftlichen und medialen Debatten um Systemrelevanz ging und geht es um die Sichtbarmachung von Berufsgruppen und Personen, die sprichwörtlich „den Laden am Laufen halten“. Teil dieser Debatten ist, dass diese – zumeist weiblich besetzten – Berufe und Berufsgruppen traditionell wenig gesellschaftliches Prestige genießen, materiell schlecht ausgestattet, in der Regel personell unterbesetzt und oft unterbezahlt sind. Mit dem Systemrelevanz-Diskurs geht insofern die Hoffnung einher, dass ein Diskussionsprozess in Gang gesetzt wird, der mittelfristig zu mehr Anerkennung und finanzieller Aufwertung dieser Berufsgruppen und Personen führt. Dass eine Einstufung als „systemrelevant“ tatsächlich existenziell sein kann, zeigte sich während des ersten sogenannten „Lockdowns“ im Frühjahr dieses Jahres, als im Zuge der vorübergehenden Schließung von Schulen und Kitas nur noch Eltern aus sogenannten systemrelevanten Berufen einen Anspruch auf Notbetreuung hatten. Außerdem bedeutet eine Einstufung als „systemrelevant“ einen priorisierten Zugang zu Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel. Dass gerade von gewerkschaftlicher Seite der Ruf nach einer Einstufung Sozialer Arbeit und ihrer Beschäftigten als „systemrelevant“ laut geworden ist, ist vor diesen Hintergründen zunächst verständlich. 

Bietet „Systemrelevanz“ wirklich einen Mehrwert?

Nun sind die Anliegen der DBSH-Kampagne nicht grundsätzlich neu. Sie werden von Vertreter*innen einer kritischen Sozialen Arbeit schon länger vorgetragen (z.B. Seithe 2013). Zudem erinnert einiges aus der Systemrelevanz-Kampagne an den Slogan „Soziale Arbeit ist mehr wert!“, unter dem die AWO, ver.di und der DGB bereits verschiedentlich auf die Situation von Beschäftigten in sozialen Dienstleistungsberufen aufmerksam gemacht haben. Auch wenn die Corona-Pandemie als Aufhänger der DBSH-Kampagne neue Aspekte in die Debatte einbringt, so stellt sich aus Professions- und Professionalisierungsaspekten sowie mit Blick auf die Außendarstellung Sozialer Arbeit dennoch die Frage, welcher Mehrwert in der Bemühung des Systemrelevanz-Etiketts liegt: Wird darüber ein Berufsbild vermittelt? Liefert es eine Antwort auf die Frage, was Soziale Arbeit ist, was Sozialarbeiter*innen tun und warum sie es tun wie sie es tun? Gibt „Systemrelevanz“ Aufschluss darüber, was professionelle Identität in der Sozialen Arbeit ausmacht und worin sich eine professionsethische Haltung auszeichnet?

Die Fachkräftekampagne möchte Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar machen – aber sichtbar als was? Um es mit den Worten des Arbeitskreises kritische Soziale Arbeit Hamburg zu formulieren: „Es ist verständlich, dass die eigene Bedeutung betont wird, dabei stellt sich jedoch die Frage, wofür Bedeutung erlangt werden will: was ist mit der ‚Systemrelevanz‘ gemeint? Relevant wofür? Um die ‚Feuerwehr‘ zu sein (nicht nur) in der Krise – und dafür die gebührende […] Anerkennung zu bekommen?“ (AKS Hamburg 2020; Hervorh. im Orig.). 

Systemrelevanz – ein problematisches Etikett für die Soziale Arbeit

Begreifen wir das Systemrelevanz-Etikett als eines, das, von außen vergeben, immer auch politisch motiviert ist, so stellt sich die Frage, ob mit ihm nicht die Gefahr der Fremdmandatierung Sozialer Arbeit einhergeht. Schließlich geht es in der Systemrelevanz-Debatte nicht nur um Fragen von Anerkennung und um die Verteilung von Ressourcen, sondern auch um gesellschaftliche Aufträge (Meyer 2020). So wurde der Nachweis von Systemrelevanz für soziale Dienstleister beispielsweise im Zuge des neu erlassenen Sozialdienstleister-Einsatz-Gesetzes (SodEG) obligat: Um finanzielle Zuschüsse zu erhalten, müssen die Antragstellenden erklären, dass sie „Arbeitskräfte, Räumlichkeiten und Sachmittel in Bereichen zur Verfügung stellen, die für die Bewältigung von Auswirkungen der Coronavirus SARS-CoV-2 Krise geeignet sind“ (§ 1 S. 1 SodEG). Nikolaus Meyer (2020) sieht das Gesetz aus professionstheoretischer Perspektive als „brandgefährlich“ an, denn statt die Funktion Sozialer Arbeit im Hinblick auf Menschen und Gesellschaft anzuerkennen, ermögliche das SodEG, Beschäftigte der Sozialen Arbeit unter dem Label der „Systemrelevanz“ zum Ernteeinsatz oder zum Füllen von Supermarktregalen heranzuziehen. Für die Soziale Arbeit, die im Kontext ihres (De-)Professionalisierungsdiskurses immer wieder mit Fragen ihres Mandats und ihrer Mandatierung befasst ist, sollte eine kritische Auseinandersetzung mit der „Systemrelevanz“ daher grundlegend sein. Möglicherweise schießt sich die Soziale Arbeit, wenn sie sich in dem Wunsch, (endlich) als unverzichtbare Profession mit Prestige wahrgenommen und anerkannt zu werden, als „dauerhaft systemrelevant“ ausweist, aus professionstheoretischer Sicht sogar ein Eigentor. Und ich wage zu behaupten, dass sich dieses auch nicht einfach mit der Feststellung umdeuten lässt, „Systemrelevanz“ bedeute „gleichzeitig auch Systemkritik und -veränderung“ (s. „Unsere Antworten auf die 3 häufigsten Einwände“, www.dauerhaft-systemrelevant.de; Zugriff: 13.12.2020).

Silvia Staub-Bernasconi äußerte einmal den Gedanken, dass die Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit nicht nur eine Gefahr von außen sei, sondern dass sie intern „auf einen Anerkennungshunger [trifft], den man mit Konformität gegenüber dem Zeitgeist zu stillen sucht“ (Staub-Bernasconi 2005, S. 6). Ob im Ruf nach dem Systemrelevanz-Etikett möglicherweise solch eine auf „Anerkennungshunger“ basierende Konformität liegt, wäre zu diskutieren. Angesichts der Tatsache, dass die Soziale Arbeit immer wieder mit der Zuschreibung defizitärer Professionalität konfrontiert ist, wäre aus meiner Sicht zumindest zu überlegen, ob sich in dem Wunsch nach einer von außen vorgenommenen Etikettierung als „systemrelevant“ die Angst der Sozialen Arbeit abbildet, sich angesichts einer globalen Krise von innen heraus kompetent im Sinne einer autonomen Profession zu zeigen – und damit auch die Gefahr des eigenen Scheiterns vor Augen zu haben (Hünersdorf 2019, S. 288). 

Im Spannungsfeld von Systemrelevanz und Systemirrelevanz

Abgesehen von den bisher genannten Punkten, birgt das Kriterium der Systemrelevanz einen weiteren problematischen Aspekt: Gerade weil es in der Debatte vorrangig um gesellschaftliche Anerkennung und die Verteilung von Ressourcen geht, produziert eine Etikettierung als „systemrelevant“ notwendigerweise gesellschaftliche Ausschlüsse und Spaltungen. Denn wo auf der einen Seite die „Systemrelevanten“ stehen, stehen auf der anderen Seite die „Systemirrelevanten“. (Andernfalls würde sich eine Etikettierung faktisch erübrigen.)

Soziale Arbeit ist per definitionem (IFSW/IASSW 2014) aber gerade für diejenigen relevant, die von sozialer Ausgrenzung oder Unterdrückung betroffen oder bedroht sind, und sie zieht ihre Interventionsmotive häufig gerade aus den systemimmanenten Bedingungen, die zu Ausgrenzung, sozialem Ausschluss und Unterdrückung beitragen. Wie verträgt sich ein Systemrelevanz-Etikett damit? Führt es Soziale Arbeit nicht ad absurdum? Was bedeutet eine Systemrelevanz Sozialer Arbeit für ihre Adressat*innen und für die Adressierungsprozesse? Und welchen Stellenwert hätte ein Systemrelevanz-Etikett gegenüber dem Ethikkodex (IFSW/IASSW 2004), wenn Praktiker*innen mit mandatswidrigen Forderungen konfrontiert sind oder in Praktiken verwickelt werden, die im Widerspruch zur Definition Sozialer Arbeit stehen?

Wenn Soziale Arbeit wegfiele, konsequent bestreikt würde – was würde dann zusammenbrechen? Das System? (Zur Verdeutlichung stelle man diese beiden Fragen einmal mit Blick auf die Soziale Arbeit in Frauenhäusern und ersetze „System“ durch „Patriarchat“.)

 Soziale Arbeit in der Krise? Von der Systemrelevanz zum Relevanzsystem

Die eigentliche Frage ist doch: Wie kann Soziale Arbeit auf ihre Anliegen und die Situation von Adressat*innen aufmerksam machen, wie kann sie ihr Handeln begründen und ihre Expertise herausstellen, ohne sich unbedingt der Vokabeln bedienen zu müssen, die in einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Diskurs gerade en vogue sind? Etwas zugespitzt formuliert: Es wird auch nach der Corona-Krise nicht ausreichen, auf die Frage „Was ist Soziale Arbeit?“ mit „Systemrelevant!“ zu antworten. Möglicherweise wird im Zuge der zu erwartenden (Welt-)Wirtschaftskrise nämlich erneut eine semantische Verschiebung des Begriffs „Systemrelevanz“ stattfinden und, wie bereits in der Finanzkrise 2007/08 geschehen, zur Priorisierung derjenigen Institutionen und Branchen führen, die Relevanz für die Stabilität des Finanzsystems haben. Soziale Arbeit müsste sich dann (wieder einmal) damit auseinandersetzen, dass Relevanz hat, wer am effizientesten wirtschaftet und seine Wirksamkeit am besten anhand betriebswirtschaftlicher Kriterien nachweist.

Wir sollten auch bedenken, dass der Fokus Sozialer Arbeit und die Schwerpunkte ihrer Interventionen nicht nur sozioökonomisch, sondern auch historisch, politisch und kulturell beeinflusst werden. Sozialarbeiter*innen agieren nicht jenseits des Zeitgeistes und Soziale Arbeit ist nicht per se eine Profession des Widerstandes. Sollte sich der Rechtsruck in Europa weiter fortsetzen und sollten sich auch in Deutschland die politischen Verhältnisse weiter nach rechts bewegen – mit Blick auf die Corona-Krise denke man dabei auch an die rechtsextreme Mobilisierung und Radikalisierung der sogenannten „Querdenken“-Demonstrationen –, was würde eine heutige „Systemrelevanz“ Sozialer Arbeit dann in zwei oder fünf Jahren bedeuten?

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht mir nicht darum zu klären, wem „wirklich“ Systemrelevanz zuerkannt werden sollte. Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil es eben immer darauf ankommt, wer sie aus welcher Perspektive mit welcher Absicht stellt – und im Übrigen: welcher Systembegriff zugrunde gelegt wird. Genau darin liegt meines Erachtens der springende Punkt der Systemrelevanz-Kampagne: Sie lässt offen, welches System gemeint ist, oder – um den Begriff der Systemrelevanz einmal spielerisch zu wenden – was in Anbetracht einer globalen Krise ein professionelles Relevanzsystem Sozialer Arbeit ist oder sein könnte.

Es brauchte sicher keine Pandemie, um festzustellen, dass die Soziale Arbeit sich zu wenig politisch positioniert und gesellschaftlich zu wenig wahrnehmbar ist. Diese Tatsache ist oft beklagt und die Widerstandslosigkeit sowie das Schweigen der Sozialen Arbeit sind verschiedentlich analysiert worden (z.B. Burzlaff/Eifler 2018; Prasad 2017; Seithe 2013; Seithe 2012). Es wird künftig darauf ankommen, ob und mit welchen Konsequenzen solche Analysen innerhalb der Sozialen Arbeit zur Kenntnis genommen werden.

 

Anja Eichhorn, Sozialarbeiterin (MSW), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen

 

Literatur

AKS Hamburg (2020): Systemrelevanz? Nein! Systemtransformationsrelevant! Ein Zwischenruf. https://akshamburg.files.wordpress.com/2020/06/zwischenruf_akshamburg.pdf (Zugriff 13.12.2020).

Burzlaff, Miriam/Eifler, Naemi (2018): Kritisch intervenieren!? Über Selbstverständnisse, Kritik und Politik Sozialer Arbeit – oder aber: Was ist der ‚weiße Kittel‘ Sozialer Arbeit? In: Prasad, Nivedita (Hrsg.): Soziale Arbeit mit Geflüchteten. Rassismuskritisch, professionell, menschenrechtsorientiert. Stuttgart: Barbara Budrich. S. 345–365.

Hünersdorf, Bettina (2019): Paradoxien der Normalisierung (in) der Sozialpädagogik. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik 17, H. 3, S. 281–296.

IFSW/IASSW (2004): „Ethics in Social Work, Statement of Principles“. www.iassw-aiets.org/wp-content/uploads/2015/10/Ethics-in-Social-Work-Statement-IFSW-IASSW-2004.pdf (Zugriff 13.12.2020).

IFSW/IASSW (2014): „Globale Definition Sozialer Arbeit; deutsche Übersetzung: Avenir Social: Die IFSW/IASSW-Definition der Sozialen Arbeit von 2014“. www.ifsw.org/wp-content/uploads/2019/07/definitive-deutschsprachige-Fassung-IFSW-Definition-mit-Kommentar-1.pdf (Zugriff 13.12.2020).

Kniffki, Johannes/Lutz, Ronald/Steinhaußen, Jan (Hrsg., 2021): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade. Bd. 1. Weinheim/München: Juventa (im Druck).

Meyer, Nikolaus (2020): Verwerfung in der Sozialen Arbeit – Corona als Auslöser? In: Böhmer, Anselm/Engelbracht, Mischa/Hünersdorf, Bettina/Kessl, Fabian/Täubig, Vicki (Hrsg.): Soz Päd Corona. Der sozialpädagogische Blog rund um Corona. https://sozpaed-corona.de (Zugriff 13.12.2020).

Prasad, Nivedita (2017): Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession im Kontext von Flucht. In: Gebrande, Julia/Melter, Claus/Bliemetsrieder, Sandro (Hrsg.): Kritisch ambitionierte Soziale Arbeit. Intersektional praxeologische Perspektiven. Weinheim: Beltz Juventa. S. 349–368.

Seithe, Mechthild (2012): Schwarzbuch Soziale Arbeit. 2., durchges. und erw. Aufl. Wiesbaden: VS-Verlag.

Seithe, Mechthild (2013): Zur Notwendigkeit der Politisierung der Sozialarbeitenden. In: Sozialmagazin 38, 1-2, S. 24–31.

Staub-Bernasconi, Silvia (2005): Deprofessionalisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit - gegenläufige Antworten auf die Finanzkrise des Sozialstaates oder Das Selbstabschaffungsprogramm der Sozialen Arbeit. Vortrag an der Staatlichen Fachhochschule München, 4. Mai 2005. https://w3-mediapool.hm.edu/mediapool/media/fk11/fk11_lokal/forschungpublikationen/lehrmaterialen/dokumente_112/sagebiel_1/STB-2005-Deprofessionalisierung.pdf (Zugriff 13.12.2020)

#dauerhaftsystemrelevant – die Fachkräfte-Kampagne macht Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar

Wird Soziale Arbeit während einer Pandemie benötigt? Ist es notwendig, dass soziale Einrichtungen während einer Pandemie geöffnet bleiben? Wie sollen Fachkräfte der Sozialen Arbeit mit ihren Klient*innen im Kontakt bleiben? Was passiert, wenn Fachkräfte Sozialer Arbeit sich und ihre Klient*innen nicht vor einer Virusansteckung schützen können, weil es keine Schutzkonzepte, Schutzmaßnahmen und Schutzausrüstung gibt? Und wie bleiben Fachkräfte der Sozialen Arbeit handlungsfähig, wenn die Kommunikation und der fachliche Austausch, zum Beispiel durch nicht mehr gestattete Teamsitzungen, stark reduziert wird?

Im Zuge der Covid-19-Pandmie stellen sich viele fachliche Fragen für die Soziale Arbeit, die spezifischen Handlungsfelder und die Fachkräfte. Diese einleitenden Fragen sind ein Ausschnitt der Fragen, die Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Rahmen ihrer Praxisberichte für die Kampagne #dauerhaftsystemrelevant nachgegangen sind. 

Das Covid-19-Virus verändert in diesem Jahr unser aller Leben gravierend. Bisher gewohnte Lebens- und Arbeitsweisen sind zurzeit nicht praktizierbar. Diverse politische Ge- und Verbote sind Maßnahmen gegen eine unkontrollierte Verbreitung des Corona-Virus und dienen dem Schutz vor einer Ansteckung. Hygienevorschriften und Schutzkonzepte wurden in allen gesellschaftlichen Bereichen erarbeitet und bestimmen seither maßgeblich den (Arbeits-)Alltag. 

Zu Beginn der Pandemie entstanden in Deutschland eine politische und mediale Debatte und Systematisierung von Berufsgruppen nach dem Merkmal der „Systemrelevanz“. Dies hatte zur Folge, dass einige Professionen und Berufsgruppen in den gesellschaftlichen, politischen und medialen Fokus rückten und als systemrelevant anerkannt wurden. Es handelte sich dabei um Berufsgruppen, aus bspw. der Pflege-, Lebensmittel- und Transportbranche, die vorher kaum Beachtung und Wertschätzung in der Gesellschaft und der öffentlichen Wahrnehmung erfuhren. Die verantwortungsvolle Funktion dieser Berufsgruppen für die Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung wurde zu Beginn der Pandemie besonders deutlich. Doch welche Rolle spielte die Soziale Arbeit in diesen Debatten? Ist Soziale Arbeit systemrelevant, sodass sie auch in Zeiten einer Pandemie in ihrer Funktion und Bedeutung für die Gesellschaft anerkannt werden muss? 

 

Entstehung, Ziele und Arbeitsweise der Kampagne #dauerhaftsystemrelevant 

Zu Beginn der Pandemie stellte die Soziale Arbeit weder in der medialen noch in der politischen Wahrnehmung eine zentrale Rolle hinsichtlich der Systematisierung von systemrelevanten Berufen. Die durch die Pandemie mitunter erheblich erschwerten und zum Teil gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen für Fachkräfte der Sozialen Arbeit und die Auswirkungen der Pandemie auf deren Adressat*innen erhielten keine öffentliche Aufmerksamkeit. Bereits zuvor bestehende Missstände in der Sozialen Arbeit wurden durch die Pandemie für die dort tätigen Fachkräfte sowie deren Adressat*innen noch gravierender. Dies wurde unabhängig von den unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit beobachtet.

Diese fehlende Beachtung der Sozialen Arbeit als ebenfalls relevante Profession für die Bevölkerung, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Versorgung sowie die Unterstützung der vielzähligen Adressat*innen wurde zu einer Antriebskraft unzufriedener Fachkräfte. Initiiert vom Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) e. V. entstand daraus resultierend nach ersten informellen Austauschen Ende März die bundesweite Fachkräfte-Kampagne #dauerhaftsystemrelevant, um für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung Sozialer Arbeit und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Gehälter einzutreten. 

Ein Mitwirkungsaufruf wurde an alle interessierten Studierenden, Fachkräfte der Sozialen Arbeit und die im Feld der Sozialen Arbeit tätigen Verbände gerichtet. Der Aufruf verfolgte das Ziel der Vernetzung und Kooperation nach dem Motto „Gemeinsam finden wir mehr Gehör“. Um digital sichtbar zu werden und eine möglichst breite Reichweite zu generieren, wurden Accounts für die Kampagne auf unterschiedlichen Social-Media-Kanälen, wie Facebook, Instagram, Twitter und Telegram, erstellt. Auch eine Homepage wurde für die Veröffentlichung von Positionspapieren, Stellungnahmen, Praxisberichten etc. eingerichtet. 

Die Kampagne setzt sich gleichermaßen für die Profilierung sowie die gesellschaftliche Anerkennung der Systemrelevanz Sozialer Arbeit ein. Ausgehend von der Überzeugung, dass Soziale Arbeit systemrelevant ist, fordert die Kampagne eine adäquatere Ausstattung (sowohl personell als auch materiell). Systemrelevanz verdeutlicht in diesem Kontext zum einen die Funktion des Zusammenhalts und der Stabilisierung des gesellschaftlichen Systems. Zum anderen beinhaltet der Auftrag Sozialer Arbeit die kritische Auseinandersetzung mit und die Initiierung von Veränderungsprozessen aus der Perspektive der Fachkräfte sowie der Adressat*innen Sozialer Arbeit. 

Das bundesweite Kampagnenteam besteht aus ca. 30 Fachkräften aus unterschiedlichsten Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit und trifft sich regelmäßig montags von 19 bis 21 Uhr digital zu sog. Montags-Meetings. Das Kampagnenteam ist eine offene und sich kontinuierlich verändernde Gruppe, die sich strukturell in drei Arbeitsgemeinschaften gliedert: Kampagnenplanung, Tagebuch und Social Media. Die AG Kampagnenplanung entwickelt die strategische Ausrichtung der Kampagne und leitet daraus die notwendigen Maßnahmen ab. Daran anknüpfend werden Presseerklärungen, Stellungnahmen, Positionspapiere und weitere Publikationen erarbeitet. Weiterhin werden potenzielle Kooperationspartner*innen ermittelt und kontaktiert, um das Netzwerk an Unterstützer*innen kontinuierlich zu vergrößern. Die AG Tagebuch erstellt Aufrufe für Praxisberichte, in denen Fachkräfte der Sozialen Arbeit aus ihrem konkreten Arbeitsalltag berichten können. Diese Praxisberichte dienen einerseits dazu, einen Einblick in die Arbeitsbedingungen des jeweiligen Handlungsfeldes zu erhalten und zu veröffentlichen. Anderseits werden aus diesen Praxisberichten spezifische Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen abgeleitet. Die AG Social Media ist für die mediale Darstellung der Kampagne verantwortlich. Die bereits erwähnten Social-Media-Kanäle werden regelmäßig mit Informationen, Praxisberichten etc. bespielt. Auf diesem Weg können die Öffentlichkeit erreicht und weitere Unterstützer*innen gewonnen werden. Es entsteht dadurch ein kontinuierlicher Kreislauf zwischen Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerkerweiterung,

Sammlung und Weitergabe von Informationen aus und für die Praxis, Ableitung sowie Erstellung von Positionspapieren. 

 

Bisherige Meilensteine und nächste Schritte der Kampagne 

Die Kampagne konnte bereits mehrere Meilensteine erreichen und Erfolge erzielen:

·       Veröffentlichung diverser Tagebucheinträge/ Praxisberichte von Fachkräften Sozialer Arbeit aus unterschiedlichen Handlungsfeldern

·       Generierung von konkreten berufspolitischen Forderungen zu bestimmten Handlungs-feldern und mediale Verbreitung dieser

·       Veröffentlichung der Stellungnahmen „Who cares? - Soziale Arbeit während der Corona Pandemie“ und „Jetzt erst recht! Investitionen statt Einsparungen in der Sozialen Arbeit!“

·       Stetige Zunahme der Follower-Zahlen auf den Social-Media-Kanälen (Twitter: 312 Follower; Facebook: 1.635 Gefällt-mir-Angaben und 1.726 Abonnent*innen; Instagram: 928 Follower; Telegram: 256 Abonnent*innen Stand 28. November 2020)

·       Stetige Zunahme der Kooperationen mit anderen in der Sozialen Arbeit tätigen Verbänden und Organisationen

·       Externe mediale Berichterstattung über die Kampagne und ihre Inhalte in Form von Interviews für Zeitschriften, Blogs und Fernsehen

·       Versendung eines monatlichen Newsletters

·       Berufspolitische Einflussnahme auf die NRW-Kommunalwahlen in Aachen, Bochum, Münster und Köln über das Versenden von Wahlprüfsteinen an die Parteien und die Veröffentlichung der Antworten der Parteien über eigene Social-Media-Kanäle

Die vielfältigen Tätigkeitsfelder Sozialer Arbeit sind von sehr unterschiedlichen gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen geprägt. Aus diesem Grund wurden in einem ersten Schritt vier Handlungs- und Wirkungsfelder Sozialer Arbeit ausgewählt, zu denen Profilberichte mit spezifischen Fakten und Forderungen erstellt und auf der Homepage veröffentlicht wurden. Weitere handlungsfeldbezogene Profilberichte sind aktuell in Arbeit und werden im Laufe der nächsten Wochen veröffentlicht. Ebenso werden auch zu Querschnittsthemen der Sozialen Arbeit, wie etwa dem Zeugnisverweigerungsrecht, den prekären Praktikumsbedingungen oder auch dem schwierigen Stand der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin, Forderungen veröffentlicht. 

Mit den konkreten Forderungen zu den spezifischen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit wird das Wahljahr 2021 angesteuert. Die Kampagne möchte die Relevanz Sozialer Arbeit für die Bevölkerung (medial) nachvollziehbar machen und einen richtungsweisenden Einfluss auf die Politik, hinsichtlich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen, nehmen.

In diesem Kontext werden im kommenden Jahr konkrete Aktionen digital sowie bundesweit „vor Ort“ geplant – natürlich unter Berücksichtigung der pandemiebedingten Schutzmaßnahmen. 

 

Fazit 

„Sozialarbeiter*innen wurden vor der Pandemie gebraucht, sie werden nach der Pandemie gebraucht und vor allem hätte es mehr als genug Klient*innen gegeben, welche sie vor allem währenddessen gebraucht hätten!“ (vgl. Praxisbericht „Lockdown für die Teilhabe?“).

Die Arbeit von Sozialarbeiter*innen ist unverzichtbar. Sie halten das soziale Netz stabil und tragen dazu bei, dass soziale Problemlagen bewältigt, abgemildert oder verhindert werden. Mit dieser Arbeit sichern sie gesellschaftliche Teilhabe und tragen dazu bei, dass Grundrechte verwirklicht werden. Auch während einer Pandemie müssen Fachkräfte der Sozialen Arbeit Kontakt zu ihren Klient*innen halten (können)! Es bedarf dafür besserer Arbeitsbedingungen, die unter anderem die fachliche Kommunikation der Fachkräfte auch in der Pandemie sichert. Denn: „Kommunikation und fachlicher Austausch darf auch in der Krise nicht vernachlässigt werden und ist enorm wichtig, um gemeinsam und stark durch diese Zeit zu kommen und ohne dass Schaden genommen oder verursacht wird.“ (vgl. Praxisbericht „Kommunikation und fachlicher Austausch darf auch in der Krise nicht vernachlässigt werden!“). 

Es besteht weit über die Pandemie hinaus noch viel Handlungsbedarf hinsichtlich der Aufwertung der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit. Die Kampagne will einen wichtigen Beitrag leisten, um die Soziale Arbeit in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen und ihre Relevanz für viele Adressat*innen und die Gesellschaft zu verdeutlichen. Soziale Arbeit ist nicht nur während einer Pandemie systemrelevant – Soziale Arbeit ist #dauerhaftsystemrelevant. Dafür steht die Fachkräftekampagne. 

So kann die Kampagne unterstützt werden: Durch Weitersagen und Verbreiten der Kampagne im Freund*innen- und Kolleg*innenkreis, durch das Folgen und Liken der Social-Media-Accounts (Facebook, Instagram, Twitter, Telegram), das Verfassen und Einsenden eigener Praxisberichte sind mögliche Unterstützungsformen. Des Weiteren können Sie gerne aktiv an den Montags-Meetings mitwirken und/oder sich als Institution/Verband mit der Kampagne solidarisieren. 

Schreiben Sie uns daher gerne Ihre Fragen, Anregungen und Rückmeldungen an mail@dauerhaft-systemrelevant.de

Weitere Informationen und alle Stellungnahmen, aktuelle handlungsfeldbezogene Profilberichte mit jeweiligen Fakten und Forderungen, Medienberichte über die Kampagne, Praxisberichte und vieles mehr finden Sie unter: www.dauerhaft-systemrelevant.de

 

Für das Kampagnenteam von #dauerhaftsystemrelevant

Ellen Bogorinsky/Leitungsteam Junger DBSH und Denise Lehmann/Mitglied im Gesamtvorstand der DVSG

Steine aus dem Weg räumen – aber wie? Promovieren in der Sozialen Arbeit an HAW/FH

 „Steinige Wege zur Promotion“ – unter diesem Titel fand im November eine Arbeits-Vorkonferenz von Nachwuchswissenschaftler*innen im Rahmen des Fachbereichstags Soziale Arbeit statt. Trotz der vielfältigen Entwicklungen in einzelnen Bundesländern, die Graduierteninstitute, Promotionszentren und politische Bekenntnisse zur kooperativen Promotion hervorgebracht haben, sind die Steine auf dem Weg zur und durch die Promotion in der Sozialen Arbeit noch längst nicht aus dem Weg geräumt.

Dabei ist die Promotion an HAW/FH in der Sozialen Arbeit inzwischen kein Nischenthema, das nur wenige Beharrliche voranbringen wollen. Im Gegenteil: Eine Vielfalt an Akteur*innen beschäftigt sich mit der Frage, wie Hürden abgebaut und gute Bedingungen geschaffen werden können, um qualitätsvollen Dissertationen in der Sozialen Arbeit den Weg zu ebnen.

So setzt sich der Hochschullehrerbund für ein eigenes Promotionsrecht für HAW/FH ein und macht mit seiner Kampagne „Erfolg braucht…“ mit der Formel 12+1 darauf aufmerksam, dass eine im Vergleich zu den Universitäten sehr hohe Lehrverpflichtung und schlechtere personelle Ausstattung dem differenzierten Aufgaben- und Funktionsspektrum der HAW/FH im 21. Jahrhundert nicht mehr gerecht wird. Allerdings hat der Hochschullehrerbund dabei vor allem die technischen und wirtschaftlichen Disziplinen im Blick und vernachlässigt bisweilen die sozialwissenschaftliche Perspektive Sozialer Arbeit.

Während der Hochschullehrerbund v.a. aus der Perspektive der Professor*innen argumentiert, haben Fabian Fritz et al. die Ergebnisse von einer Studie zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Nachwuchswissenschaftler*innen veröffentlicht. Unter dem Titel „Like a Drug Gang Limbo“ (2020) problematisieren sie dabei auch arbeits- und beschäftigungspolitische Aspekte, die in der Debatte um die Rahmenbedingungen an Hochschulen bislang viel zu wenig zur Sprache kommen.

In der Diskussion sind auch Qualitätskriterien für die Betreuung, Begleitung und Bewertung von Promotionen. Nicht weniger als einen grundlegenden Kulturwandel in den beteiligten Institutionen und im Rollenverständnis der betreuenden Professor*innen, fordert beispielsweise die Projektgruppe der Doktorandinnen und Doktoranden der GEW bereits 2016 in ihrem sehr lesenswerten Positionspapier. Auf einem Workshop, den die Kommission Sozialpädagogik in diesem Herbst veranstaltete, stand in einigen Beiträgen eben dieses öffentliche Nachdenken über die Rahmenbedingungen für das Promovieren (nicht nur) in der Sozialen Arbeit berechtigterweise im Mittelpunkt – und zwar unabhängig vom Hochschultyp, also gleichermaßen an Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Es ist erfreulich, dass die Diskussionen über das Promovieren in der Sozialen Arbeit nicht mehr dominiert werden von den schon fast anachronistischen universitären Ängsten vor einer Inflation und Entwertung der Promotion durch die Verleihung des Promotionsrecht an HAW/FH, sondern das gemeinsame Engagement für eine qualitätsvolle Nachwuchsförderung im Mittelpunkt steht.

 

Die DGSA hat sich in zwei Positionspapieren für kooperative Promotionsverfahren auf Augenhöhe unter gleichberechtigter Beteiligung zwischen HAW und Universitäten eingesetzt und für das Promotionsrecht für HAW/FH ausgesprochen.

Will man dem Thema Promovieren an HAW/FH in der Sozialen Arbeit vollumfänglich gerecht werden, müssen verschiedene Forderungen zusammen gedacht werden, weil sie nur gemeinsam zielführend sind. Das Promotionsrecht für HAW/FH ist überfällig und gerade für die Wissenschaft Soziale Arbeit, die vor allem an diesem Hochschultyp gelehrt, beforscht und weiterentwickelt wird, von zentraler Bedeutung. Um dieses Recht in eine gelingende Praxis umsetzen zu können, müssen die Rahmenbedingungen für Lehre und Forschung an HAW/FH verbessert werden und zwar für alle Statusgruppen gleichermaßen. Zum Dritten muss der geforderte Kulturwandel bei der Promotionsbetreuung auf den Weg gebracht werden, um Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse abzubauen und unterstützende Konzepte für den Promotionsprozess zu entwickeln. Und nicht zuletzt ist es notwendig, dass diese drei Forderungen stärker als bisher gemeinsam mit Nachwuchswissenschaftler*innen zum Ausdruck gebracht und verfolgt werden.

Es gilt, Bündnisse zu schmieden für die gemeinsame Sache, nämlich Steine auf dem Weg zur und während der Promotion aus dem Weg zu räumen und neue gangbare Wege zu ebnen.

 

Prof. Dr. Claudia Steckelberg, Vorstandsmitglied der DGSA und Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg


Literatur

•        Fritz, Fabian et al. (2020): Lika a Drug Gang Limbo. Lebens- und Arbeitsbedingungen „junger“ Wissenschaftler_innen Sozialer Arbeit. Ein Diskussionsbeitrag. In: Steckelberg, Claudia/Thiessen, Barbara (Hg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft– Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung. Opladen. S. 237-249

Studieren unter Corona – Erfahrungen unmittelbarer Ortsveränderungen

Die beginnenden Reaktionen auf die Corona-Pandemie während des Studiums der Sozialen Arbeit begleitete auf der Orientierungsveranstaltung zum Master-Studiengang an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg noch Gekicher und ironische Süffisanz. So wurde jedenfalls in der zweiten Märzwoche das Anliegen über die Anfertigung einer Teilnehmer:innen-Liste mit Blick auf mögliche Ansteckungsketten kommentiert. Dass schon zwei Wochen später die Hochschule geschlossen wurde und alle analogen Formen der Zusammenkunft abrupt in den digitalen Raum wandern mussten, lag zu diesem Zeitpunkt zwar schon irgendwo in der Luft, konnte aber erst mit dem Hereinbrechen dieser Realität begriffen werden. Letzterer Prozess hält wohl immer noch an.

Die große Umstellung

Bevor ich meine Bedenken und Kritik zum Ausdruck bringe, ist es zuvörderst angebracht, Wertschätzung auszusprechen: Die Umstellung auf die digitale Lehre mit dem ersten Hochschulsemester unter „Corona-Bedingungen“ wurde trotz widriger Umstände bewältigt. Rückblickend ist es erstaunlich, wie schnell eine Institution mit ihren Akteur:innen handeln konnte – wohl, weil sie musste –, und dass ad hoc die digitalen Möglichkeiten in Form von Foren, digitalen Konferenzen via Zoom/Teams oder Chaträumen nun nicht nur begleitend, sondern hauptsächlich zur Lehre eingesetzt und genutzt wurden. Im Unterschied zur Lehre an Universitäten traf der Lockdown die Hamburger Hochschule genau zum Semesterstart – ohne jegliche Vorbereitungszeit. Hartmut Rosa hielt auf dem diesjährigen digitalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Folgendes pointiert fest: Für viele Menschen folgte auf die analoge Entschleunigung des Alltages die unmittelbar digitale Beschleunigung des Lebens (vgl. DGS 2020: 10:30). Von heute auf morgen mit Routinen zu brechen, sich didaktisch neu zu verorten, digitale Räume das erste Mal ‚so richtig‘ verantwortlich gestalten zu müssen, erforderte Kraft, Energie und Willen von beiden Seiten: von den Nutzer:innen und Betreiber:innen. Die Leistung der Verantwortlichen, einen Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten und Lehrräume für Studierende nach besten Möglichkeiten anzubieten – zuzüglich einem empathischen Interesse an der Lage der Studierenden und flexiblen Prüfungsregelungen – verdient Anerkennung.

Ein weiterer Begleitumstand dieser prompten Veränderungen allerdings: höhnisches Klatschen. Die Pandemie wurde teilweise als heilsbringender Digitalisierungsbeschleuniger für nicht vollends neoliberalisierte Orte und im Besonderen für vermeintlich ‚altbackene‘ Lehre und Lehrzugänge in den Geistes- und Sozialwissenschaften gefeiert. Dies führt bei mir zu der Sorge, dass es jene Klatschenden sein werden, die zukünftig vehementer dafür votieren, dass neben Bildungs- auch Beratungsprozesse hauptsächlich in digitaler Form angeboten werden sollen. 

University is where your laptop is

Auf Dauer zu Hause im WG-Zimmer zu sitzen, das nun Home-Office, Home-Seminarraum, Home-Bibliothek und Home-Mensa zugleich sein durfte, erfüllt mich in Hinblick auf den Studienablauf nicht unbedingt mit Glück und Zufriedenheit. Was durch den Wegfall der analogen Orte fehlt, ist – freilich ein höchst exklusives und Exklusivität herstellendes Privileg (vgl. Stanescu 2020): Es besteht in dem Gefühl der Eingebundenheit in einen konkreten Denk- und Arbeitszusammenhang. Dieses Gefühl speist sich aus vielen Kleinigkeiten respektive deren Ausbleiben: dem Weg zur Hochschule mit Lektüre, den geplanten und zufälligen Begegnungen mit Studierenden vor und nach einem Seminar oder einer Vorlesung, gemeinsamen Mahlzeiten und Kaffee begleitet von kommunikativer Blödelei, Arbeiten und Recherchieren in der hauseigenen Bibliothek innerhalb vertrauter und von Häuslichkeit geschiedener Arbeitsatmosphäre, Kritik und Diskussionen in den Seminarpausen und besonders inhaltlicher Austausch face to face. In diesem Gefühl schwingt vielleicht der Beigeschmack einer Romantisierung oder einer gewissen Sehnsucht mit. Besonders als Arbeiter:innenkind mit Unizulassung auf dem zweiten Bildungsweg stellt die Hochschule als materiell-erfahrbarer Aufenthaltsort, so schrecklich architektonisch und im gleichen Maße segregierend er sein mag, eben auch einen sinnlich-sinnstiftenden Ort der Anregung zur reflexiven Problematisierung und vielfältig-kritischen Auseinandersetzung dar. Der Begriff des „Ortes“ ist hier nicht zufällig gewählt, sondern verweist auf das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Subjektivierungsprozessen und dementsprechend entfaltungsaffinen und territorialen Arrangements (Winkler 1988). Bei meinem häuslichen Studieren am Laptop, welchen ich jetzt tagsüber so häufig und intensiv nutze, dass ich ihn selbst als digital native mit fünfeckigen Augen in meiner Freizeit kaum mehr sehen mag, fühlte ich mich wie in einer Bildungsparabel, in der ich Gärtner und Blume zugleich sein durfte. Die emsige Bearbeitung von Texten und Aneignung von Inhalten an einem ausschließlich privaten Ort fühlte sich nach einem längeren Zeitraum, ebenfalls im Kontext des digitalen Raumes, wo Inputs von Dozierenden und Studierenden sowie Austausch gegeben waren, kontextlos an.          

Das digitale Seminar

Dieses Wegbrechen von analogen Lehr-Lern-Routinen aufgrund der Corona-Pandemie evoziert Widerstand gegenüber diesbezüglichen Veränderungen und führt zu Verunsicherungen. Diese waren besonders in den digitalen Seminar- und Lehrräumen zu spüren. Wie gestalte(t) (s)ich mit meiner Anwesenheit solch ein(en) Raum? Wann spreche ich, wer spricht überhaupt, wie ‚melde‘ ich mich, wie viel sage ich, was machen die Mitstudierenden, warum haben einige die Kameras deaktiviert, habe ich mir gerade gedankenversunken und im fullscreen zu offensichtlich an der Nase herumgespielt? Fragen des Datenschutzes und der Privatsphäre trugen nicht gerade zu einer allgemeinen Offenheit und großen Beteiligung in den Seminaren bei. Vielleicht ist dieser Maßstab für Partizipation im Zuge einer Pandemie aber auch vermessen. Der unsichere Boden des digitalen Raumes im Rahmen eines Seminares zeigte sich besonders dann, wenn es um Kennenlernprozesse oder freien Austausch abseits der Seminarinhalte ging. Nur sehr zaghaft wurden lockere Gespräche aufgenommen oder off-topic fortgesetzt.

Durch die Ad-Hoc-Digitalisierung wurde auf spontane Gestaltungskräfte gesetzt und so getan, als ob der Ablauf eines solchen Seminares automatisch vonstattengehen könnte. Natürlich ging er das auch, aber sicherlich zum Vorteil der Vorlauten und Fixen und auf Kosten vieler anderer Personen, denen es schwer/er fiel, eine Umstellung plötzlich und zügig zu bewältigen. Es fehlten Räume, in denen der bisherige Ablauf und der weitere Fortgang diskutiert sowie offene Veränderungswünsche und Bedarfe kritisch artikuliert werden konnten. Wie wirken sich die digitalen Bedingungen auf das gemeinsame Lernen, Erfahren, Sprechen und den Austausch aus? Warum wurden bewusst für Flurfunk oder Kaffeepausen-Gespräche für Studierende zur Verfügung gestellte digitale Räume nicht bzw. nur sehr selten genutzt?

Was hier als zu wenig und ungerahmt eine erste Erfahrung darstellt, soll die digitalen Seminarräume nicht vorab desavouieren, sondern die beginnende Notwendigkeit einer transparenten und reflexiven Gestaltbarkeit markieren. Wie werden digitale Räume zu digitalen Orten? Wie kann den Ansprüchen des Lernens, Denkens, aber auch des Fühlens mit allen Sinnen ein wirklicher Erfahrungswert beigemessen werden? 

(Un)Freiheiten?

Andere Erfahrungen hingegen haben einen gleichzeitigen Zugewinn an Freiheiten und Unfreiheiten aufgezeigt. Mit dem Laptop ein ganzes Seminar bzw. Studium „einpacken“ zu können, um ein anderes Territorium als den Studienort temporär aufzusuchen, birgt zum Beispiel viele Annehmlichkeiten. Welche Vorteile könnte ein digitaler Stream von Seminaren und Vorlesungen über die Pandemie hinaus bieten? Was passiert aber, wenn die digitalen Möglichkeiten zum digitalen Imperativ werden und die Debatte sowie freie Auswahl der Formate nicht mehr stattfindet? Ohne eine entsprechende Affinität, das technisches Know-how und zur Verfügung stehende Unterstützungsangebote bedeuteten nicht nur IT-Probleme während der Pandemie für einige Mitstudierende der Sozialen Arbeit das Studienaus: Lockdown = Knockout. Dies sollte bei zukünftigen Reflexionsprozessen mit Blick auf die Gestaltbarkeit von digitalen Orten berücksichtigt werden.


Ein Gastbeitrag von Ottje Bunjes, Master-Student der Sozialen Arbeit an der HAW Hamburg


Quellen: 

Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS 2020). Kongress 2020 - Gesellschaft unter Spannung - 17. September 2020. Sonderveranstaltung zu soziologischen Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnung mit oder nach Corona. Diskussionsimpulse: Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz und Martina Löw. https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU (Aufgerufen am 10.10.20).

Stanescu, Lea (2020). Struktureller Rassismus an der Universität Leipzig. In: Leipzigs unabhängige Hochschulzeitung (luhze). https://www.luhze.de/2020/08/14/struktureller-rassismus-an-der-universitaet-leipzig/ (Aufgerufen am 10.10.20).

Winkler, Michael (1988). Eine Theorie der Sozialpädagogik Stuttgart, Klett-Cotta, 1988.

Wohnungslosigkeit im Vergrößerungsglas der Krise

„Wo Händewaschen unmöglich ist“ – unter dieser Überschrift veröffentlichte Gangway e.V. (Berlin) im August dieses Jahres eine Pressemitteilung, die auf die besonders prekäre und lebensbedrohliche Situation von Menschen ohne Wohnung während der Pandemie verweist. Wohnungslosigkeit bedeutet für die Betroffenen nicht nur, dass sie ungeschützt vor Witterung ihren Alltag im öffentlichen Raum bestreiten müssen, was eine besondere gesundheitliche Belastung darstellt. Ohne eigenen Wohnraum zurechtkommen zu müssen, heißt zudem, keinen Rückzugsort und Schutz vor Gewalt zu haben, keinen Ort zur Essenszubereitung, zur Aufbewahrung von Kleidung, Medikamenten und anderen wichtigen persönlichen Sachen oder für die Hygiene zu haben – mit einer Reihe von Konsequenzen, die die Teilhabe an medizinischer Versorgung und gesellschaftlichem Leben unmöglich machen.

„Stay at home“ – dieser Hinweis, sich vornehmlich im privaten Raum aufzuhalten, den öffentlichen Raum weitgehend zu vermeiden und die Kontakte zu anderen Menschen zu reduzieren, der als Schlüssel zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus und zum Schutz der eigenen Gesundheit gilt, ignoriert die Lebensrealität der zunehmenden Zahl von Menschen, die kein Zuhause haben.

Durch die Pandemie haben Menschen in Wohnungsnot einen erhöhten und besonders dringenden Unterstützungsbedarf, während gleichzeitig die Soziale Arbeit vor der nie dagewesenen Herausforderung stand und steht, ihre Hilfen unter den veränderten Bedingungen so anzupassen, dass sie möglichst umfassend weiterhin angeboten werden können. In einem Interview im Juli 2020 erklärt der Leiter der Tagesaufenthaltsstätte „Panama“ aus Kassel, Stefan Jünemann, dass er in dreißig Jahren Berufserfahrung im Feld keine vergleichbare Situation erlebt habe. Wie kann dem gesteigerten Beratungsbedarf begegnet werden in Zeiten, in denen Home-Office als die sicherste Variante der Arbeit empfohlen wird? Wie können haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende und Adressat*innen so geschützt werden, dass sie miteinander in Kontakt bleiben können? Wie kann weiterhin umfassend präventiv gearbeitet werden, wenn Wohnen durch Kurzarbeit und Jobverlust für viele Menschen kaum mehr leistbar ist? Wie können Angebote der existenziellen hygienischen und materiellen Versorgung aufrechterhalten werden, ohne dass zusätzliche finanzielle Mittel für den zwangsläufig erhöhten Aufwand zur Verfügung stehen?

Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe haben hier vielfach zusammen mit den politisch Verantwortlichen kurzfristige Lösungen gefunden – das zeigt auch der internationale Blick auf Europa. In einem ersten Monitoring verweist die FEANTSA[1] darauf, dass in vielen Ländern zusätzliche Notunterkünfte auch über den Sommer geschaffen wurden, in denen sich Betroffene zum Teil auch tagsüber aufhalten könnten, die Unterbringung in Hotels oder Hostels wurde ermöglicht und der Wohnraumverlust durch Zwangsräumungen konnte für einen kurzen Zeitraum verhindert werden. In vielen Bereichen steht dem gestiegenen existenziell notwendigen Unterstützungsbedarf jedoch ein reduziertes Angebot gegenüber. Niedrigschwellige Angebote wie Tagestreffs oder Mittagstische waren zu einem großen Teil geschlossen oder können auch aktuell nur sehr reduziert Hilfe und Unterstützung anbieten. Hinzu kam, dass die Mitarbeitenden zunächst nur mangelhaft mit Schutzkleidung und Atemmasken ausgerüstet waren und sind. Aufgrund von Behördenschließungen hatten und haben Betroffene Schwierigkeiten ihren ALG-II-Tagessatz zu erhalten oder dringend benötigte Ausweispapiere zu beantragen, die aber wiederum Voraussetzung zur Beantragung von Sozialleistungen sind. Einnahmequellen für wohnungslose Menschen sind versiegt: Das Sammeln von Pfandflaschen, der Verkauf von Straßenzeitungen und auch das Betteln war und ist in leergefegten öffentlichen Räumen mit Abstandsgebot kaum mehr möglich. Es ist sicherlich als ein positives Zeichen der Solidarität anzusehen, dass wohnungslose Menschen in einigen Städten Lebensmittelspenden erhalten haben, die von Mitmenschen an dafür vorgesehen Zäune gehängt wurden. Es bleibt allerdings ein fader Beigeschmack, wenn man sich vor Augen führt, dass solche Almosen nötig waren, um Menschen in Not das Überleben zu sichern.

Die Lebenssituation von Menschen in Wohnungsnot hat sich durch die Pandemie erheblich verschlechtert. Sie sind im verschärften Maße Gefährdungen ausgesetzt. Die Ursache dafür ist jedoch kein Virus, sondern sozial- und wohnungspolitische Versäumnisse, die in der aktuellen Krise wie durch ein Vergrößerungsglas[2] sehr viel deutlicher sichtbar werden. In einem Vortrag im Rahmen eines Webinars von FEANTSA konstatiert Ruth Owen im September 2020: „(The) Pandemic is confirming what we already knew.“ 

Ein menschenwürdiges und sicheres Leben sowie die körperliche und psychische Unversehrtheit sind ohne eigenen Wohnraum nicht möglich. Um allen Menschen dieses Grundrecht zu gewähren, ist ein wohnungspolitischer Paradigmenwechsel notwendig, bei dem Wohnraum nicht primär als Ware und Investition angesehen (und davon ausgegangen wird, dass der Markt es schon richten werde). Dass Wohnungen zu Spekulationsobjekten werden oder leerstehen, um maximalen Profit zu erwirtschaften, ist angesichts der Tatsache, dass Menschen auf der Straße überleben müssen, ein Missstand, den die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen zuletzt zum Tag der Wohnungslosen am 11.09.20 beklagt hat.

Der Winter naht und ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht. Notunterkünfte waren bereits unter normalen Bedingungen keine adäquate Antwort auf Obdachlosigkeit. Auf engstem Raum mit fremden Menschen unter zum Teil bedenklichen hygienischen Bedingungen die Nacht zu verbringen, morgens wieder raus in die Kälte und sich abends wieder für einen Schlafplatz anstellen zu müssen, stellt eine Zumutung dar, die von wohnungslosen Menschen und der Wohnungslosenhilfe gleichermaßen beklagt wird. In Berlin beginnt gerade, wie in vielen anderen Städten, die Saison der Kältehilfe. Die Berliner Obdachlosenhilfe e.V. blickt mit Sorge auf die kommenden Monate und hat auf Facebook unter dem Hashtag #WirWollenLösungen eine Reihe von Forderungen formuliert, die als akute Lösungen für das Überleben wohnungsloser Menschen notwendig sind und gleichzeitig auch nachhaltige Strategien über den Winter hinaus aufzeigen.

Die zahlreichen Stellungnahmen und Pressemitteilungen von sozialen und politischen Organisationen, die sich gegen Wohnungsnot und für das Recht auf Wohnen engagieren haben gezeigt, dass es an konkreten Strategien und Ideen für die Lösung der Missstände nicht mangelt. „Political will and ressources“, das ist es, was es laut Ruth Owen von FEANTSA braucht, um solche Strategien und Ideen erfolgreich umzusetzen.


Claudia Steckelberg (HS Neubrandenburg) und Gabriele Wawrok (Caritasverband für den Landkreis Donau-Ries e. V.)

                       

 



[1] FEANTSA ist die European Federation of National Organisations Working with the Homeless.

[2] vgl. dazu auch: Horak, Gabi (2020): Entschleunigung am Arsch. In: an.schläge. das feministische magazin. 3/2020. URL: https://anschlaege.at/an-sage-entschleunigung-am-arsch/ (Abruf vom 02.10.2020)



Aktivierungs- und weitere Methoden in der digitalen Seminargestaltung: Wie die aktuelle Situation dazu einlädt, Neues auszuprobieren

Nicht nur an Universitäten, sondern im ganzen Land gehen die Vorbereitungen auf ein weiteres digitales Semester gerade in die Zielgerade. Viele Bereiche Sozialer Arbeit stehen nach wie vor vor der Herausforderung, hybrid oder digital Menschen zu erreichen, zu begleiten und zu schulen. Zeit, inne zu halten und das bisher Erlebte zu reflektieren, ist im Alltag mit all den neuen Anforderungen und Herausforderungen oft knapp bemessen - obwohl alltägliche Erlebnisse aufzeigen, wie wichtig die Reflexion dessen, was medial zuweilen als kollektives Schockerlebnis oder gar Trauma bezeichnet wird, insbesondere für die Soziale Arbeit ist. Die Corona-Krise wird weiterhin nicht einschätzbare Folgen auf das Soziale haben und alle Akteure Sozialer Arbeit - egal ob in Forschung und Lehre, in Beratung und Begleitung, in Heimeinrichtungen und Jugendhäusern, in Ämtern und Schulen - werden sich vermehrt im digitalen Raum bewegen müssen.

Mit dem nachfolgenden Beispiel aus der Praxis der Seminar- bzw. Gruppenarbeitsgestaltung in formellen und informellen Bildungssettings während des Corona-Lockdowns, soll dafür geworben werden, sich gerade jetzt erneut der Ressourcen der Sozialen Arbeit bewusst zu werden sowie voneinander und miteinander zu lernen, um weiterhin Zielgruppen erreichen zu können - auch digital.

Zoom? Noch nie gehört.

Noch im November 2019 hätte es niemand für möglich gehalten, was im März 2020 plötzlich Alltag war: Anstatt vor Menschengruppen zu stehen, saßen Lehrende und viele Akteure der Sozialen Arbeit vor ihren heimischen Computerbildschirmen und waren plötzlich gezwungen, digitale Wege zu gehen. Schnell wurde klar, dass soziale Interaktionen, die sonst eine wichtige Rolle in Lern- und Gruppenprozessen spielen, hinter einer Kontakt-Barriere verbaut waren. Vielmehr noch wurden Erfahrungen darin gesammelt, wie es ist, die Menschen gar nicht zu sehen, zu und mit denen man spricht und das alles neben eigenen Fragen zur Funktionalität von Software und Videokonferenzsystemen. Auf der anderen Seite mehrten sich die Bedarfsmeldungen: der Wunsch nach Austausch war und ist nach wie vor groß. Auch Lehrende in formaler Bildung z.B. in Hochschulen, machen die Erfahrung, dass Studierende Methoden einfordern, die es ihnen ermöglichen, sich digital begegnen zu können. Nachvollziehbar, dass es den Wunsch gibt, sich auch informell auszutauschen, wenn alle gewohnten Räume zur Begegnung im Hochschulalltag wegfallen. Auch nach dem Ende des Lockdowns ist davon auszugehen, dass insbesondere Studierende sog. Risikogruppen weiterhin isoliert leben.  Für Lehrende scheint es ebenso legitim zu sein, ein Gefühl zu den Menschen zu entwickeln, mit denen Methodik/Didaktik ausprobiert oder Gruppenarbeiten absolviert werden sollen. Außerdem eröffneten sich bei der Gestaltung von Seminaren oder Großgruppenprozessen neue Problemfelder. Fragen wie: “Wie schaffe ich es, dass sich über 200 Studierende nach Interessen in Gruppenräumen einfinden?“, “Was kann ich tun, um ein wenig Abwechslung in Tagesabläufe vor dem Computer zu bringen?“ und „Wie wende ich eigentlich meine Methoden im digitalen Raum an?“, bilden nur Teilaspekte der Komplexität der kurzfristigen Digitalisierung ab.

Herausforderung angenommen!

Diesen Fragen zur methodisch abwechslungsreichen Gestaltung von digitalen Seminaren in formellen und informellen Bildungssettings stellte sich eine Gruppe von Menschen, die in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit und Erwachsenenbildung tätig sind, zu der auch ich gehörte. Ausgehend von der These, dass alle Elemente der Vor-Ort- Seminargestaltung auch digital umsetzbar sind, probierten wir insbesondere Aktivierungs-, Kennenlern- und weitere Methoden in Videokonferenzen aus und holten Rückmeldungen von Teilnehmenden und Kolleg*innen ein. Für unsere Arbeit mit diversen Menschengruppen halten wir fest, dass digitale Aktivierungsmethoden in Videokonferenzen dazu genutzt werden können, persönliche Begegnung in Gruppen zu ermöglichen. Neben dem erlebten wir, dass sie „frische Luft“ in Körper und Geist bringen, das Setting für einen Moment verändern, den Druck rausnehmen sowie in Einheiten einleiten und/oder die Wissensvermittlung unterstützen können. Aktivierungsmethoden im digitalen Raum können dazu beitragen, dass Anleitende und Teilnehmende sich anders begegnen und ein „Miteinander Sein“ ermöglicht wird. Auch für Lehrpersonen in formellen Bildungssettings, die Teilnehmende für ihre Leistungen bewerten müssen, können sich so nochmal andere Seiten einer Person aufzeigen lassen, was insbesondere innerhalb digitaler Seminare von Vorteil sein kann. Für Teilnehmende hingegen zeigt sich an einer bewusst und gut eingesetzten Methode, dass Lehrpersonen ihre Seminargestaltung didaktisch und methodisch durchdacht haben.

Medienkompetenzerwerb durch Aktivierungsmethoden

Aktivierungsmethoden können gleichermaßen dazu genutzt werden, das Kennenlernen von Funktionsweisen digitaler Plattformen und Videokonferenzsysteme zu ermöglichen. Auch die Generation der sog. „digital natives“ ist nicht mit einem umfassenden Wissen über entsprechende Systeme ausgestattet. Aktivierungs- und weitere Methoden werden so zu einem Werkzeug im Erwerb von Medienkompetenzen.

Altbewährtes digital und barrierefrei

Eine wichtige Erkenntnis während des Ausprobierens war zudem: Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden! Viele Methoden, die im realen Raum anwendbar sind, können weiterhin im digitalen Raum angewendet werden. Gleichermaßen sind Aktivierungsmethoden auch im digitalen Raum für Menschengruppen mit unterschiedlichen Bedarfen anpassbar. Videokonferenzsysteme sind oftmals mit einer Vielzahl von Funktionen ausgestattet, die Barrierefreiheit ermöglichen. Insbesondere in der Auswahl von Aktivierungsmethoden kann es notwendig sein, die Bedarfe einer Seminargruppe zu kennen, um alle Teilnehmenden gut eingebunden zu wissen. Aktivierungsmethoden sind in ihrer praktischen Anwendung keine feststehenden Gebilde, sondern Bausteine, die so angepasst werden können, dass sie zu einem Seminar und/oder zur Gruppe passen.

Die aktuelle Situation als Chance nutzen!

Im Prozess des Ausprobierens und Austauschens über den Einsatz von (digitalen) Aktivierungsmethoden fiel auf, dass Lehrende an Hochschulen eher weniger Erfahrungen hatten, wohingegen Akteure informeller Bildungssettings oft ein breites Wissen an, in entsprechenden Kontexten oftmals „Energizer“ genannten Methoden, aufwiesen und ein hohes Interesse am Austausch zu digitalen und barrierefreien Versionen vorhanden war. Verständlich ist es, dass es Bedenken geben kann, im Rahmen formeller Strukturen die Anwendungen von Methoden, die im ersten Augenschein nicht die Form wahren, anzuwenden. Vielleicht ist es jedoch eben nun genau dieser Moment, in dem durch die notwendige Umstrukturierung von Seminaren eine Tür geöffnet wird, mal was Neues auszuprobieren. Insbesondere in Seminaren in Fachbereichen der Sozialen Arbeit lassen sich Studierende finden, die bereits Erfahrung mit der Anleitung von Aktivierungsmethoden haben. So lässt sich auch für Skeptiker*innen aus einer beobachtenden Rolle heraus prüfen, ob es dem Fluss von digitalen Seminaren wirklich dienlich ist, (keine) Aktivierungsmethoden anzuwenden. Vielleicht ist es auch ansprechend, die Methoden gar nicht auszuprobieren, sondern lediglich an passender Stelle darauf hinzuweisen, dass es bereits praktische Auseinandersetzungen mit dem Thema gibt. Gerne kann auf das Ergebnis der oben genannten Gruppe verwiesen werden: einer Ideensammlung mit Energizern und weiteren Methoden für die digitale Seminargestaltung, die frei zugänglich hier zu finden ist. Für Rückmeldungen und Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.

Ob mit oder ohne Aktivierungsmethoden: Wir wünschen einen guten Start ins neue Semester bzw. viel Erfolg und Mut, Neues zu wagen - für jegliche digitale Umsetzung des Lehrens und Lernens Sozialer Arbeit!

Ein Gastbeitrag von Kathrin Hölscher

Diplom Sozialpädagogin / Diplom Sozialarbeiterin (FH)

Master of Arts Empowerment Studies

Mitbegründerin Di-World e.V.

Ganztagsschule und Schulsozialarbeit – Auf dem Weg zu einer „neuen Normalität“?

Ganztagsschule vor Corona

Es ist etwa fünf Monate her, die Idee einer Corona-Pandemie war noch lange nicht in unseren Köpfen, als ich gemeinsam mit Kommiliton*innen im Rahmen eines Master-Seminars eine Streitschrift[1] mit folgenden Forderungen formuliert habe:

„Als Sozialarbeiter*innen und als Master-Studierende der Sozialen Arbeit fordern wir:

-  Gleichgewichtung von fachlich-qualifizierendem, leistungsbezogenem Lernen und sozialem, nicht leistungsbezogenem Lernen im Rahmen der Ganztagsschule

-  Ausreichend Raum und Sozialarbeiter*innen für das soziale, nicht-leistungsbezogene Lernen, für jugendkulturelle Bildung und die Gestaltung von Aneignungsprozessen der Jugendlichen an Ganztagsschulen

-  Ein einheitliches bundesweites Konzept für das soziale Lernen an der Ganztagsschule, das unter Federführung der Sozialen Arbeit entwickelt wird. 

-  In Verbindung damit: finanzielle Förderung der Sozialarbeitsforschung, um wissenschaftlich fundiert zu evaluieren, zu vergleichen und darauf aufbauend Konzepte weiter entwickeln zu können, ein Promotionsrecht für Hochschulen der Sozialen Arbeit und mehr Forschungsstunden für Lehrende der Sozialen Arbeit“

Wir stellten diese Forderungen mit dem Wissen, dass es die Soziale Arbeit ist, die über wissenschaftlich fundierte und langjährig bewährte Konzepte und Methoden verfügt, um soziales Lernen und Gemeinschaftsfähigkeit von Jugendlichen zu stärken. Die Kompetenz der Sozialen Arbeit ist es, den Menschen in seiner Umwelt, „the-person-in-environment“, in den Blick zu nehmen. Soziale Arbeit weiß um die hohe Bedeutung von sozialräumlichen Aneignungsprozessen, von Peergroup-Learning und der Entwicklung eigener jugendkultureller Prägungen für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen. Basierend auf systemischen Ansätzen ist es ihr möglich, die verschiedenen Lebenswelten der Jugendlichen, wie Familie, Schule und Freizeit zusammenzubringen, aufeinander zu beziehen und so zu einem gelingenderen Alltag der Jugendlichen beizutragen. Deshalb ist Soziale Arbeit in der Lage, die Ganztagsschule zu einem Ort zu machen, von dem nicht nur Politik und Gesellschaft profitieren, sondern vor allem die Jugendlichen selbst. Deshalb muss Jugendsozialarbeit mit ihrer Kompetenz in die Ganztagsschulen vordringen. Dann ist es möglich, wie im 15. Kinder- und Jugendbericht empfohlen, an Ganztagsschulen ebenso optimal fachlich zu qualifizieren, sowie das soziale Lernen und die Gemeinschaftsfähigkeit der jungen Menschen in der Gesellschaft zu unterstützen. Dann können an Ganztagsschulen Leistungs- und Chancenunterschiede ausgeglichen werden. Dann kann Schule als Erfahrungsraum und Ort der Sozialisation für Jugendliche ermöglicht und Jugendkultur im Schulalltag gelebt werden. 


Wie kann es weitergehen?

Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, wirken unsere Forderungen und Ideen, angesichts der Corona-Pandemie, wie aus der Zeit gefallen. Sie scheinen sich aufzulösen im länderspezifischen Notbetreuungs-Modus. Anstatt jugendgerechter Ganztagsschule steht plötzlich Home-Schooling (fast) den ganzen Tag auf dem Programm. Mit großen Anstrengungen von Seiten der Schüler*innen und Lehrer*innen kann wenigstens die fachliche Qualifizierung an Schulen teilweise sichergestellt werden. Soziales Lernen, jugendkulturelle Bildung und Chancengerechtigkeit scheinen dagegen zunehmend utopisch in unserer „neuen Schulnormalität“. Denn wie kann soziales Lernen und Gemeinschaftsfähigkeit unterstützt werden, wenn Schule nur noch online oder stundenweise im Schichtbetrieb und in kleinen Gruppen mit großem Abstand stattfindet? Wie lassen sich Leistungs- und Chancenunterschiede ausgleichen, wenn viele Schüler*innen zuhause weder über ausreichend Raum, Ruhe, Unterstützung oder die notwendige Hardware verfügen? Wie kann Schule Erfahrungsraum und Ort der Sozialisation sein, an dem Jugendkultur entwickelt und gelebt wird, wenn weder Raum noch Zeit zur Verfügung stehen?


Ganztagsschule in unserer „neuen Corona-Normalität“

Bundesweit beweisen Schulsozialarbeiter*innen gerade, dass sie auch in Krisenzeiten handlungsfähig sind. Mit allen Mitteln und viel Kreativität halten sie den Kontakt zu ihren Schüler*innen. Sie drehen Videos, gestalten Facebook-Seiten, initiieren Online-Beratungsangebote oder laden ein zur digitalen Teestunde per Videokonferenz. Aber auch mit Telefonanrufen, Verabredungen zum Spazierengehen, mit Abstand versteht sich, oder durch Hausbesuche zeigen sie Präsenz und sind bereit zu unterstützen, wo es notwendig ist. Auf der anderen Seite verlagert sich Schulsozialarbeit dadurch nach außen, wird mehr und mehr zu einer aufsuchenden Sozialen Arbeit. Schule als sozialer Raum, als Freiraum, der Schüler*innen Möglichkeiten bietet, sich selbst auszuprobieren und Beziehungen aufzubauen, als Ort dem soziales Lernen stattfinden kann, ist momentan nicht vorhanden. Was sich dagegen abzeichnet, ist, dass wir mit Hygiene- und Abstandsregeln noch eine geraume Zeit werden leben müssen.

Was bedeutet das für Soziale Arbeit im Kontext von Schule? Was können wir daraus lernen? Oder besser: Wie können wir weitermachen und in eine „neue Normalität“ von Schulsozialarbeit und Ganztagsschule starten?

„Eine Utopie ist ein Kompass auf dem Weg zu den Werten, um die es geht“. Es ist dieses Zitat, von Ruth Cohn, dass mich trotz allem an den eingangs gestellten Forderungen festhalten lässt. Selbst wenn ihre Verwirklichung durch die Corona-Krise in noch weitere Ferne gerückt ist, sollten sie uns als Kompass den Weg weisen. Es gilt Soziale Arbeit im Kontext von Schule, gerade im Ganztag, weiter zu stärken und auf Augenhöhe zu bringen, mit dem bisher stark dominierenden Leistungsbereich. Das ist notwendig, um Jugend, im Sinne des 15. Kinder- und Jugendberichts, zu ermöglichen. Für die nächsten Schritte habe ich ergänzend zu den Forderungen zwei Vorschläge zu machen:

1.      Soziale Arbeit im Kontext von Schule braucht ein einheitliches Konzept, mit dem die Wiederaufnahme der Tätigkeiten am Lern- und Erfahrungsort Schule unter den geltenden Hygiene- und Abstandsregelungen in möglichst großem Umfang wiederaufgenommen werden kann. Dies könnte beispielsweise von Schulsozialarbeiter*innen aus der Praxis, unter Federführung des DBSH, erstellt werden.

2.      Soziale Arbeit sollte offiziell Systemrelevanz für sich beanspruchen und einen eigenen Sektor im Bereich der Kritischen Infrastrukturen darstellen. Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie wichtig Soziale Arbeit in allen Tätigkeitsfeldern ist, um das staatliche Gemeinwesen aufrechtzuerhalten - sei es in den Kitas und Schulen, in Heimen für alte Menschen und Menschen mit Behinderung, im Jugendamt oder in der psychosozialen Beratung, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Resilienz eines Gemeinwesens steht und fällt mit der Resilienz der Menschen, die darin leben. Diese Resilienz kann die Soziale Arbeit maßgeblich unterstützen. Das sollten wir Sozialarbeiter*innen uns bewusst machen. Dafür sollten wir einstehen.

Simone Hieronymus, Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin B. A. und Master-Studierende an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen



[1] Bei Interesse kann ich Ihnen die Streitschrift, die im Seminar entwickelt wurde, zukommen lassen. Schreiben Sie mir einfach persönlich unter simone.hieronymus(@)gmx.de.