Jugendliche brauchen Freiräume!

Wie Perspektiven junger Menschen in Corona-Zeiten aus dem öffentlichen Blick entschwinden… - eine essayistische Betrachtung

„Jugendliche brauchen Freiräume“ – dieser Appell ist nicht neu, bekommt in Corona-Zeiten aber eine neue Dimension. Den 12- bis -18-Jährigen stehen gerade keinerlei gesellschaftliche Frei- oder Sozialräume zur Verfügung, die es ihnen ermöglichen würden, ihrem jugendlichen Leben nachzugehen. In dieser Altersphase ist es enorm wichtig, sich von der Welt der Eltern, der Lehrer*innen, der Erwachsenen abzusetzen, sich mit Peers zu treffen und gemeinsam Neues auszuprobieren. Wie soll das gehen, wenn für sie sämtliche Räume und Orte außerhalb der zudem sehr unterschiedlich aussehenden häuslichen Umgebung seit mehreren Wochen verschlossen bzw. im wörtlichen Sinne geschlossen sind?

Der 15. Kinder- und Jugendbericht hat die Kernherausforderungen an junge Menschen im Jugendalter auf den Punkt gebracht (Deutscher Bundestag 2017): Qualifizierung, Verselbstständigung, Selbstpositionierung. Durch Qualifizierung sollen Jugendliche eine soziale und berufliche Handlungsfähigkeit erlangen. Es werden Kompetenzen erworben, um die eigene wie gesellschaftliche Zukunft zu gestalten. Mit Verselbstständigung ist der Auftrag verbunden, soziale, politische wie ökonomische Eigenständigkeit zu erlangen, z.B. durch gesicherte Erwerbsarbeit oder eigenständiges Wohnen, aber eben auch in sozialen Bindungen, Beziehungen zur Herkunftsfamilie und neuen Lebensformen. Die Kernherausforderung Selbstpositionierung meint das Finden einer persönlichen, souveränen Haltung zu sich selbst, dem Gegenüber, den Mitmenschen. Sie verlangt danach, die eigenen Anliegen in ein Verhältnis zur Gesellschaft zu setzen und durch politische Teilhabe Gesellschaft mitzuprägen. Wie kann das für Jugendliche in Covid-19-Zeiten möglich sein?


Jugendliche brauchen Freiräume zur Ermöglichung von Selbstpositionierung

Bereits im 15. Kinder- und Jugendbericht ist kritisiert, dass der Schwerpunkt in den politischen Debatten und Weichenstellungen fast ausschließlich auf den Aspekt der Qualifizierung und, wenn überhaupt, ab und an noch auf die Verselbstständigung gerichtet sei, die Herausforderung der Selbstpositionierung aber kaum Beachtung finde (Deutscher Bundestag 2017). Es ist nach mehr als zwei Monaten im als „Lockdown“ bezeichneten gesellschaftlichen Corona-Krisen-Modus zu beobachten, dass diese Fokussierung sich in dramatischer Art und Weise verstärkt und die Interessen von jungen Menschen im Jugendalter dabei komplett aus dem Fokus geraten sind.

Das „Projekt Erwachsen-werden“ zu meistern, ist (noch) schwieriger geworden. In der Krise im Blick erscheint es auf jeden Fall nicht. Wie so oft wird die „Altersgruppe Jugend“ in den derzeitigen Entscheidungen nicht nur nicht beteiligt, sondern vor allem werden ihre Interessen weder berücksichtigt noch gehört. Mitunter fehlen in diesen so anderen, uns alle überraschenden Zeiten sogar die Stimmen, die ihre Interessen überhaupt artikulieren. Zugegeben gerade ein altersübergreifendes Phänomen: Denn auch die vielen älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen oder zuhause fragt niemand, wie sie sich ihr Leben eigentlich derzeit vorstellen und wie ihre Ideen des Zusammenlebens zwischen den Parametern Schutz und Freiheit in dieser Pandemie aussähen.

Es erscheint menschenrechtlich fragwürdig, auf jeden Fall aber unverständlich, wenn in dieser Zeit, in der in allen Altersgruppen viele Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen vor große psychische Herausforderungen gestellt sind, bei den Entscheidungen für die Jugendphase der Fokus ausschließlich auf die Qualifizierung gelegt wird.

 

Einige Beispiele, die diese Gedanken konkretisieren, seien aufgeführt:

·        Die zeitliche Staffelung der Schulöffnungen orientiert sich ausschließlich daran, wer gerade besondere Leistungen vollbringen soll: „Abschlussjahrgänge“, die, als sei nichts gewesen, Prüfungen schreiben sollen, bitte zuerst. Wer von uns Erwachsenen, wer von den Entscheider*innen in den Kultusbehörden möchte unter den derzeitigen Bedingungen seine für die Berufseinmündungsphase so wichtigen Schulabschlussprüfungen schreiben? Hochschulen haben bereits an vielen Orten ihre Prüfungsordnungen flexibilisiert, bieten „Nullversuche“ an. Das heißt: Studierende können die Prüfungen versuchen; wenn sie nicht bestehen, wird dies nicht als Fehlversuch gewertet. Schüler*innen aber müssen ihre Prüfungen schreiben, als sei nichts gewesen. Ihnen wird weder die Wahl noch eine Alternative angeboten.

·        In den Schulöffnungen der Bundesländer folgen dann als nächstes die Viertklässler*innen, wohl damit bei der Einsortierung in Schullaufbahnen bloß nichts schiefläuft. Das weitere Öffnungsszenario orientiert sich daran, wer nach Meinung Erwachsener am besten zuhause lernen könne: Das seien die Jugendlichen! Deshalb bleiben sie, weitestgehend auf sich allein gestellt mit einer Fülle schulischen Lernstoffs, am längsten zu Hause. Sie sind es damit, die ihre Freund*innen am längsten nicht sehen dürfen. Und das, obwohl wir aus der Jugendforschung wissen, wie wichtig die Begegnungen mit Gleichaltrigen am Ort Schule gerade in dieser Altersgruppe sind. Wie soll da Verselbstständigung und Selbstpositionierung gelingen? Diese Frage spielt in den Debatten erkennbar keine Rolle.

[…]

Die Öffnung von Schulen, der Blick auf die Optionen, einen möglichst guten Schulabschluss zu erreichen, sind Überlegungen, die ihre Berechtigung haben. Denn natürlich: Qualifizierung ist eine der drei Kernherausforderungen des Jugendalters – und sie entscheidet über weitere Lebenswege. Bitter – nein katastrophal ist aber, dass die Überlegungen einzig und allein an dieser Stelle stehen bleiben: Was ist mit den Optionen für die Verselbstständigung? Was mit den Optionen zur Selbstpositionierung? Sind sie nicht mindestens so wichtig, weil auf ihrem Weg der Entwicklung Selbstsicherheit, Stärke in der Gemeinschaft, stützender Austausch mit anderen stattfinden kann? Die Jugendpsychologie wie Hirnforschung zeigt uns auf, dass es in der Jugendphase (insbesondere im gerade weltweiten Krisenmodus) für das Aufwachsen wichtigere Dinge gibt, als ein sich gerade komplett umbildendes Gehirn mit vermeintlich notwendigem Wissen zu füllen. Nicht nur aus Kinder- und Jugendschutzaspekten ist es fatal, junge Menschen nahezu komplett in private Räume zurückzudrängen und als einziges Licht am Ende des Tunnels an die Öffnung von Schulen zu denken. Jugendliche benötigen Menschen, die sie (auch psychisch) unterstützen können. Was Jugendliche in dieser Situation am wenigsten gebrauchen können, dürfte Leistungsdruck durch Homeschooling sein.


Mediale Blicke auf Jugendliche

Der mediale und öffentliche Blick auf Jugendliche wird ihrer Rolle und ihrem Engagement selbst in gewöhnlichen Zeiten meistens wenig gerecht, fokussiert häufig auf Randerscheinungen, Delinquenz oder Extremismus. Eine erfreuliche Wendung zeichnete sich dank „Fridays-for-Future“ zumindest in Teilen ab. Derzeit ist ein „Rollback“ zu beobachten: Kinder werden im ARD-Brennpunkt als „Virenschleudern“ bezeichnet, Jugendliche in den Printmedien und den Nachrichtenportalen als unverantwortlich handelnde Gruppe vorgeführt, die „Corona-Partys“ oder „Geburtstage mit Lagerfeuer“ feiere und sich in großen Gruppen an abgelegenen Plätzen treffe. […]

Das „Opfer“, welches diese Altersgruppe gerade bringt, wird in den medialen Inszenierungen so gut wie nicht thematisiert. Es ist ihr Auftrag, sich von Eltern zu lösen, sich in der Gesellschaft neu zu positionieren. Dazu brauchen sie Peers, dazu brauchen sie reale Orte, an denen sie sich treffen können, dazu brauchen sie die Option, sich außerhalb (enger) familiärer Wohnflächen bewegen zu können. Diese Option ist ihnen genommen: „Bleibt zuhause. Stay Home.“ lautet das Credo auch für diese Altersgruppe. Möglichkeiten, ihren eigenen Weg als junge Menschen autonom und gemeinsam mit Gleichaltrigen zu finden, sind ihnen ohne erkennbare Aussicht auf Veränderung für lange Zeit genommen.

 

Manifestierung sozialer Unterschiede in der Jugendphase

[…] Die Unterschiede der sozialen Lagen und der damit verbundenen Chancen und Risiken verschärfen sich für junge Menschen gerade enorm. Nicht erst seit dem 15. Kinder- und Jugendbericht wissen wir, dass die Jugendphase entscheidend für die mögliche Aufstellung im weiteren Leben ist, dass sich nicht wieder einholbare Entwicklungen vollziehen, die „Schere“ auseinandergeht. Dies verstärkt sich in Corona-Zeiten. Die einen leben in finanziell gut aufgestellten Elternhäusern, mit eigenen, den aktuellen Standards entsprechenden digitalen Endgeräten, haben neben ihrem eigenen Zimmer im familiären Haushalt auch andere Orte des Aufenthalts ohne ständige erwachsene Störungen zur Verfügung, im Garten, in der Werkstatt oder dem Hobbyraum – und dazu die Möglichkeit, mit Hilfe der gut gedeckten Kreditkarten der Eltern alles das bestellen zu lassen, was man in diesen Zeiten zuhause benötigt, um trotzdem irgendwie „angenehm“ leben zu können. Die anderen können davon nur träumen: Sie teilen die ohnehin zu kleine Wohnung oder den engen Raum in der Flüchtlingsunterkunft mit zahlreichen Familienmitgliedern, der Bolzplatz oder Basketballkorb vor dem Hochhaus ist gesperrt, die jüngeren Geschwister sind nicht betreut, die Eltern überfordert, das Geld lange vor der nächsten eingehenden Zahlung aufgebraucht, das W-LAN gar nicht erst vorhanden, ein Elternteil erkrankt.

Dennoch wird in Corona-Zeiten politisch wieder verstärkt so getan, als hätten alle jungen Menschen gleiche Startchancen und Gelingensbedingungen. Dass die Schließung der Jugendzentren und des Fußballfeldes für die einen jungen Menschen eine ganz andere Bedeutung hat als für andere, bleibt außen vor. In diesen Zeiten erscheint es doppelt schwierig, dass Entscheider*innen sich kaum vorstellen können, wie es ist, so zu leben wie zuletzt skizziert. Viele Jugendliche in Deutschland wissen das dagegen sehr genau.

Als besonders entwürdigend ist zu bewerten, dass in den ersten Tagen der Kontaktsperren und des „Lockdown“ auch Anlaufstellen für obdachlose junge Menschen geschlossen wurden. Junge Menschen mit Beeinträchtigungen wurden ohne ihre Schulbegleitungen von heute auf morgen in das Home-Schooling geschickt. Viele, viele Fragen sind hier weiter ungeklärt, zahlreiche Bedarfe unberücksichtigt.

[…]

Digitale Welten sind nicht alles

Eine interessante Beobachtung ist weiterhin, dass einiges, was „früher“ vor dem „Lockdown“ als schlecht galt, nun zum Qualitätsmerkmal wird. Das mediale Nutzungsverhalten junger Menschen wurde bisher überwiegend problematisiert. […] Könnte nicht wenigstens hier der Blick gewendet werden und Jugendlichen als Teil unserer Gesellschaft zugestanden werden, dass sie das, was wir jetzt plötzlich alle brauchen, schon lange vorgemacht haben?

[…]

Quintessenz: Was also könnte zu tun sein?

Etwas sarkastisch betrachtet sollte vielleicht allen religiösen Jugendeinrichtungen und Jugendverbänden geraten werden, ihre Treffen jetzt als Gottesdienste oder Freitagsgebete zu titulieren und in Kirchen oder Moscheen stattfinden zu lassen. Je nach Bundesland dürften dann eine Menge Jugendlicher zusammenkommen und von den vereinzelt stehenden Stühlen miteinander in Kontakt treten. Jugendliche haben laute Stimmen, das würde ihnen bestimmt gelingen.

Den sportlich orientierten Angeboten in Jugendverbänden und der offenen Arbeit sollte geraten werden, sich als bundesliga-reif neu zu erfinden, dann ist ein regelmäßiges Treffen und Spaßhaben mit viel Bewegung wahrscheinlich schon sehr bald wieder möglich. Trainiert werden dürfte schon jetzt in Kleingruppen. Corona-Teststreifen ständen auch genügend zur Verfügung. Vor allem würden die Medien und die politischen Vertreter*innen sich dann sehr intensiv mit ihren Interessen beschäftigen, auf Videoschalten über ihre Anliegen beraten und auf Pressekonferenzen über sie berichten. Und TV-Sender würden noch dafür bezahlen.

[…]

Wer aufgrund der zum Teil zugespitzten Formulierungen nun den Vorwurf formulieren möchte, dass die Pandemie-Situation nicht ernst genommen werde, dem sei erwidert: Doch, das wird sie! Es ist und bleibt oberstes Ziel, diese Zeiten ohne den Verlust vieler Menschenleben in gegenseitiger Verantwortung zu gestalten und zu durchleben. Aber genau aus diesem Grund ist es wichtig zu verdeutlichen, dass viele Jugendliche – und vielleicht gerade sie – einen immensen Verzicht leisten. Sie verzichten auf ihr „Recht auf Jugend“ – oder besser: sie werden dazu gezwungen. Zeitgleich engagieren sie sich zahlreich bei der Hilfe in den eigenen Familien und für andere Menschen. Das verdient es in den „Öffnungsorgien“ bzw. in den sachlichen Debatten und den ernsthaften Versuchen der politisch Verantwortlichen, die Welt für alle „gut“ zu gestalten, zu sehen und mitzudenken. Jugendliche verzichten in einer für sie so wichtigen, kurzen Lebensphase auf Dinge, die ihnen nie jemand wird zurückgeben können. Im Kleinen jeden Tag, aber auch im Großen: Abibälle oder andere Schulabschlussfeiern, 18. Geburtstage, Konfirmationen mit vielen Gästen, selbst mit geplante Jugendverbandslager, die ausgespielte Meisterschaft mit der gerade in dieser Saison so guten eigenen Mannschaft, das lang vorbereitete Theaterstück, die Tanzaufführung oder der erste eigene Bandauftritt. Dinge, die wir Erwachsenen heute noch rückblickend mit ganz besonderen Erinnerungen verbinden. Die jungen Menschen leisten diesen Verzicht weitestgehend, ohne zu revoltieren. Das mindeste, was wir ihnen zu bieten haben, sollte unsere (auch mediale) Anerkennung dafür sein. In den Plänen der politisch Verantwortlichen muss endlich deutlich werden, welche Wege sie planen, um baldmöglichst für alle Jugendlichen wieder Freiräume zu ermöglichen!

[…]

Nicht nur für Eltern (insbesondere Mütter) mit Kleinkindern und isolierte Senioren*innen fehlt die Perspektive, sie fehlt auch für die Jugendlichen! Wir müssen uns alle gemeinsam dafür einsetzen, diese schnell wieder zu ermöglichen! […]

Quellen: Deutscher Bundestag (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.

[…]

Der komplette Text ist auf dem Jugendhilfeportal zu lesen unter: https://www.jugendhilfeportal.de/politik/kinder-und-jugendpolitik/artikel/wie-perspektiven-junger-menschen-in-corona-zeiten-aus-dem-oeffentlichen-blick-entschwinden/

 

Gunda Voigts, Professorin an der HAW Hamburg  

Kontakt: gunda.voigts(@)haw-hamburg.de

Corona-Partys von Jugendlichen. Kritische (Zwischendurch-)Gedanken zum Generationsverhältnis in Zeiten der Pandemie

Am 21.3.2020 titelt „merkur.de“ in dramatischem Duktus: „Gefährlicher Jugendtrend Corona-Partys: Söder schockiert - Polizei in Bayern greift durch“. Im nachfolgenden Artikel wird vermeldet: “Die Polizei hat in Nürnberg und Schwabach zwei sogenannte Corona-Partys beendet. Rund 100 junge Menschen hatten sich am Montagabend (16. März) in einem Nürnberger Stadtpark zum Feiern getroffen. Dabei hatte die Gruppe auch eine mit Generatoren betriebene Musik- und Lichtanlage, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. [...] In Schwabach trafen sich 50 Jugendliche in einem Skater-Park und feierten den Angaben nach ebenfalls lautstark mit einer mitgebrachten Musikanlage. Offenbar hatten sich die jungen Leute über soziale Medien zu der Feier verabredet. Beamte stellten die Anlage sicher und erteilten Platzverweise. [...] Auch Bayerns Ministerpräsident appellierte auf einer Pressekonferenz an die Jugendlichen: „Wir haben Nachrichten bekommen, dass es Corona-Partys gibt bei Jugendlichen“, erzählte Markus Söder. Die Polizei würde solche Aktionen beenden, wie er weiter erklärte. Man könne Eltern und Großeltern anstecken, „wer möchte denn dafür verantwortlich sein?“, fragt Söder.

In kürzester Zeit hat sich ein neues Wort verbreitet, das sogar schon einen Eintrag bei Wikipedia hat. Es ist – wie schon die sog. Masernpartys –  mit Blauäugigkeit und Verantwortungslosigkeit assoziiert und mit hohem Aufregungspotential aufgeladen: Während das Land um sein gesundheitliches Überleben ringt und die Bevölkerung in isolierende Klausur geschickt worden ist, gibt es Menschen, die sich den staatlichen Verhaltensauflagen verweigern und gemeinsam eine schöne Zeit machen. Und diese Menschen sind vor allem Jugendliche, glaubt man den Medien. Meldungen zu subversiven Partys kursieren in diversen lokalen Varianten im Netz. Die meisten erzählen von Jugendlichen, die sich nach dem Beginn der allgemeinen Schulschließungen zum fröhlichen Beisammensein an öffentlichen Plätzen trafen, statt wie erwünscht zuhause zu bleiben. In Windeseile formiert sich damit eine Problemfigur als Wahrheit in unser aller Köpfe, die als solche nicht mehr kritisch befragbar ist. Es sind Jugendliche, die erstens den Ernst der Lage nicht erkennen und sich überschätzen, zweitens rebellieren und drittens unser aller Untergang provozieren.

Alle Konstrukte sind vermutlich genau deshalb öffentlich so konsensfähig, weil sie wohlbekannte und uralte Narrative zur jungen Generation mobilisieren. Nicht erst seit der Corona-Krise gibt es schließlich die Klagen der Erwachsenengesellschaft über Jugendliche, die zu einfältig sind und Unterweisung durch wissensüberlegene Erwachsene brauchen – eine Idee, die die Schulpflicht hervorbrachte. Auch das Klagen über jugendliche Rebellion ist ein Kontinuum des Generationsverhältnisses. Schon Sokrates schimpfte in der griechischen Antike: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Aus den aktuellen Meldungen zu den jugendlichen Corona-Partys springen uns alle diese Vorwürfe genau wieder an – ausgenommen die der Tyrannisierung der Lehrkräfte, die angesichts der Schulschließungen ausfällt.   

Was das Bild von den Jugendlichen betrifft, die die Ausbreitung der Seuche durch ihr Verhalten verstärken und damit die gesellschaftliche Zukunft gefährden, so aktualisiert auch dieses ein etabliertes Narrativ – das der Kinder und Jugendlichen, die sich fehlentwickeln, was gesellschaftliche Untergangsszenarien provoziert. Es tritt uns derzeit entgegen in den Alarmmeldungen zu den steigenden Gewichtsraten der Kinder und Jugendlichen, ihrer ungesunden Ernährung, ihren motorischen Kompetenzverschlechterungen, ihrem Medienkonsum, ihrer Handy- und Selfie-Sucht oder ihren Ohrstöpseln, aus denen zu laute Musik kommt. Zu anderen Zeiten war es ihr Sexualverhalten, ihr Drogenkonsum oder ihre, durch Goethes „Werther“ ausgelöste Suizid-Neigung, die Anlass zu gesellschaftlicher Sorge gaben.   

So populär die Bilder der feiernden Jugendlichen sind, so vage ist jedoch ihre empirische Grundlage.  Denn solide Zahlen zu den Corona-Partys werden nie vorgelegt, sondern ausschließlich episodische ‚Beweise‘ von lokalen Ereignissen. Niemand weiß letztlich, wo wie viele Jugendliche wie viele Corona-Partys wie lange gefeiert haben. Und niemand sagt etwas dazu, welche weiteren Verstöße gegen die Kontaktsperre von wem in welchem Umfang im gleichen Zeitraum noch stattgefunden haben. Dass so zahlreich von feiernden Jugendlichen berichtet wird, heißt schließlich noch lange nicht, dass es tatsächlich vor allem diese Altersgruppe ist, die sich über die Auflagen hinwegsetzt. Und es sagt uns auch überhaupt nichts über das tatsächliche quantitative Ausmaß. Es ist nichts Neues: Viel Berichterstattung vergrößert soziale Phänomene automatisch in unseren Köpfen und vernebelt den realistischen Blick.   

Im Netz wird genau dieses stellenweise auch problematisiert. So machten sich Reporter*innen bei zuständigen Behörden auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie viele Corona-Partys es denn nun wirklich gab. Am Ende mussten sie feststellen, dass alles „überraschend unklar“ ist und es viel Hörensagen, aber „wenige dokumentierte Fälle“ gibt: „Dort, wo Partys dokumentiert sind, fanden sie oft [... ] statt [... ] bevor Verfügungen und Verordnungen verkündet wurden und kurz nachdem Schulen geschlossen wurden.“  

Die Berichte zu Corona-Party-feiernden Jugendlichen erzählen uns also genau genommen sehr viel mehr zu sozialen Konstrukten des Generationenverhältnisses als zu den tatsächlichen jugendkulturellen Praktiken. Sie erzählen uns zudem ganz viel dazu, wie Gesellschaften versuchen Krisen zu bewältigen – nämlich offenbar über die Suche nach Schuldigen, die für das Unglück haftbar gemacht werden können. Es ist eine immer wiederkehrende Form, Ängste vor einer wenig greifbaren und unverständlichen Bedrohung zu verarbeiten. Im Mittelalter wurden jüdische Menschen für die Pest verantwortlich gemacht: Ihnen wurde unterstellt, aus die Brunnen vergiftet zu haben, die die Krankheit brachten. Später wurde immer wieder Menschen aus anderen Ländern vorgeworfen, Träger*innen von Krankheiten zu sein, die sie einschleppen würden.

Es ist alltäglich, normal und legitim geworden, Gruppen und sogar einzelne Personen – wenn auch ohne Namen, so doch vermutlich identifizierbar – öffentlich zu benennen, die durch ihr vermeintliches Fehlverhalten für Ansteckungen gesorgt haben. Was zunächst noch vorzugsweise Jugendliche betraf, flottiert als latente oder auch offene Stigmatisierungsmaschinerie weiter. Am Pranger stehen Ski-Tourist*innen aus Tirol, Bar-Betreibende, religiöse Gruppen oder auch einzelne Personen, die Regeln nicht eingehalten haben, und jederzeit können neue dazu kommen. Schon fast vergessen ist, dass es zu Jahresbeginn noch asiatisch gelesene und markierte Menschen traf, von denen man befürchtete, dass sie die Infektion nach Europa bringen würden oder schon längst gebracht hätten. Fest verankert ist auch längst das ‚(Halb-)Wissen‘ um den initialen Ursprungsherd der Pandemie: ein Markt in China, auf dem das Virus von einem Gürteltier auf den Menschen übersprang – ein Narrativ mit rassistischen Zügen, das vom sowieso schon vorhandenen europäischen Ekel vor Kulturen genährt wird, in denen Tiere gegessen werden, die für den europäischen Speiseplan verpönt sind.  

In Zeiten von Corona greifen also Denunziationsreflexe um sich, die längst nicht mehr allein Jugendliche treffen. Voller Begeisterung ist allenthalben von den neuen spontanen Formen gesellschaftlicher Solidarität zu lesen und zu hören, die die Krise hervorbringt. Kollektives oder individuelles Fehlverhalten medial voyeuristisch auszubreiten und ketzerische Stimmungen damit anzufachen, tut das Gegenteil. Es polarisiert und entsolidarisiert – und es hilft bei der Bewältigung der Krise in keinster Weise, außer dass wir eine Zielscheibe für das Abreagieren von Missstimmung und Angst haben. Aber im nächsten Moment können wir selbst zur Zielscheibe werden. 

Der anonyme digitale Raum macht polarisierend-diskriminierenden Sprech‘s dieser Art salonfähig. So kommentiert die digitale Polizeiflotte Nordrhein-Westphalens am 01.04.2020 einen ihrer täglichen Arbeitseinsätze im Twitter-Account: „Noch immer nicht kapiert: Junge Leute trafen sich Dienstagabend auf einem Schulhof […] zu einer sogenannten #Coronaparty. Sechs von ihnen im Alter von 17 b. 20 J. kommt das teuer zu stehen. Sie bekommen eine Strafanzeige. Dem Rest gelang die Flucht.“ Im restriktiv-autoritären Duktus wird hier vom Kampf zwischen Staatsgewalt und Jugendlichen erzählt – Jugendlichen, die dumm sind, Verbotenes tun und sich dann auch noch der legitimen Strafe  durch „Flucht“ entziehen. Dies lädt wiederum ein zu meterlangen Kommentarspalten, in denen junge Menschen zum Sündenbock der Corona-Pandemie verklärt werden. Der Fluchtbegriff bekommt hier eine neue geschmacklose Note. Er vermischt Diskurse, lenkt davon ab, dass menschenfreundliche und kosmopolitische Entscheidungen im Umgang mit Geflüchteten weltweit, insbesondere am Mittelmeerraum, seit Langem ausstehen und eine politische Diskussion um Flucht und Corona nur marginal oder dem Deckmantel der Eigengefährdung stattfindet. Jugendliche mit Fluchtgeschichten spielen in diesem Kontext kaum eine Rolle.

Fragt sich die Mehrheitsgesellschaft eigentlich überhaupt, wie Jugendliche die derzeitigen Entwicklungen unserer Gesellschaft sehen und spricht einer mit ihnen darüber? Medienformate wie die täglichen Seifenopern tun so, als würde die Gesellschaft so weiterlaufen wie bisher. Aber sie tut es ja nicht! Für Erwachsene, aber auch Jugendliche ist alles auf den Kopf gestellt.

Vielleicht rücken die öffentlichen Reden zu den jugendlichen Corona-Partys auch schlicht das Jugend-Narrativ der Erwachsenengesellschaft wieder zurecht, das für kurze Zeit durch Fridays for Future durcheinandergeraten schien. Denn über viele Monate wurde eine junge Schwedin in der Erwachsenenwelt als ökologische Heilsbringerin gefeiert und die Schüler*innen-Protestbewegung als Ausdruck einer neuen politisierten Jugend begrüßt, nachdem über Jahre hinweg immer nur voller Sorge über die unpolitische Jugend lamentiert worden war. Aber auch diese Idealisierung der Jugend blieb gebrochen. Noch gut in Erinnerung sind die süffisanten Sprüche aus der Erwachsenenwelt, Schüler*innen sollten protestieren, wenn keine Schule ist, und die Lösung der ökologischen Probleme besser den Experten überlassen. Besonders tat sich Christian Lindner dabei hervor: So schrieb er am 30. November 2019: „Liebe Luisa Neubauer, sind SIE eigentlich irgendwie legitimiert oder gewählt? Wie läuft das in so einer Bewegung? Welchen Einfluss hat die Schülerin am Freitag auf einer Demo auf das, was sie im Fernsehen sagen? Bei mir ist das klar.“

Solche schulmeisterlichen Bemerkungen stellen die hegemoniale Generationen- und Politikordnung – vielleicht auch Geschlechterordnung – wieder her: Nur die parlamentarischen Politikpraxen der – männlichen – Erwachsenen sind die korrekten. Jugendliches Politik-Engagement wird demgegenüber als überengagiert, selbstsüchtig, formal ungeordnet und damit illegitim abgewertet. Da kommt es diskurspolitisch vielleicht gut zupass, wenn mit den Bildern der Corona-Partys die Verunglimpfung von Jugendlichen weiter geführt werden und die Held*innen der Umweltbewegung, die den Erwachsenen gerade noch die Leviten gelesen haben, zunichte gemacht werden durch die Bilder einer ungehorsamen, exzessiv-genusssüchtigen Jugend.

Wie erfolgreich die generationelle Machthierarchie derzeit (re)stabilisiert wird, dazu legt auch die öffentliche Verhandlung zur bundesweiten Schließung von Schulen ein beredtes Zeugnis ab. Als die Schulen ihre Tore schlossen, gingen die Schüler*innen nicht nach Hause, um dort zu lernen, sondern sie strömten in die Parks um zu feiern – so wird es zumindest kolportiert. Frei nach dem Motto: Wenn Schüler*innen ‚freigelassen‘ werden, führt dies über gähnende Leere zu jugendlichem ‚Bockmist‘ – nämlich Corona-Partys. Junge Menschen bedürfen also doch der streng regulierenden Hand der Erwachsenen!

Abgelenkt wird damit vom gerade stattfindenden ‚Bockmist‘ der Schule: Das schulische Lernen muss weiter gehen, nur eben jetzt zu Hause und ohne Lehrkraft. Damit dies funktioniert, schnüren Lehrkräfte Hausaufgabenpakete für mehrere Wochen, die bestenfalls elektronisch versendet werden, manches Mal aber am Schultor abgeholt werden müssen. Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schüler*innen gibt es nicht mehr oder kaum. Schule mogelt sich wie eh und je in die Lebenswelten der Jugendlichen und verpasst dabei die Reflexion über ihr eigenes Unvermögen, Lernen längst anders als im traditionellen, autoritär strukturierten Unterrichtsformat zu organisieren – nämlich räumlich, zeitlich und individuell flexibel.

Im Gegenteil: Alles wird dafür getan, den herkömmlichen Modus schulischen Lernens trotz der Verlagerung in den häuslichen Raum aufrechtzuerhalten und Eltern zu Ersatzlehrkräften zu machen. Sie sollen feste ‚Schulzeiten‘ im Tagesablauf fixieren, darauf achten, dass die Aufträge der Schule erledigt werden und dabei helfen. Jugendliche können sich vor Homeschooling-Angeboten derzeit nicht retten, weil Erwachsene in ihren neuen Homeoffices in Fingerschnipp-Mentalität Aufgaben verteilen und zur unermüdlichen Leistungsfähigkeit animieren. Zahlreiche Tipps und Tricks zu Hausaufgabenhilfe und Prüfungsvorbereitungen – unter einer vermeintlich defizitären Lebensbewältigungsperspektive – kursieren im Netz und repräsentieren die eigentliche Erwartungshaltung an junge Menschen in Zeiten des heutigen Turbokapitalismus: Zeit muss sinnvoll verwertet werden, freie Zeit gibt es nicht, und selbstbestimmte oder gar sinnfreie Zeit schon gar nicht – auch nicht zu Zeiten von Corona!

Klar ist auch, dass schulisches Abprüfen und Bewerten weiter gehen muss. Ein Abitur darf auch in Zeiten von Corona nicht ohne das stressende Initiationsritual der Abi-Klausuren ‚geschenkt‘ werden, wie dies die Bildungsministerin Schleswig-Holsteins versuchte. Die größte schulische Sorge scheint aktuell zu sein, wie die unterrichtstechnisch anstehenden Klassenarbeiten noch zu schaffen sind, falls der Shutdown noch länger andauert. Die Deutungshoheit der Schule bei der Frage, was junge Menschen wann, wie und wo lernen und können müssen, steht ehern. Es ist also wie immer. Sprechen Erwachsene vom besinnlichen Innehalten und Entschleunigen in der temporeichen globalisierten Welt als Chance der Corona-Krise, werden junge Menschen unter Druck gesetzt, das Tempo zu halten und Unmögliches möglich zu machen. Warum ist es so schwer, endlich damit aufzuhören?!

Während vielfach die Corona-Krise genutzt wird, um Schwächen unseres Gesundheitswesens anzuprangern, bleibt schulische Bildung – auch hochschulische – bislang noch verschont von solcher Kritik. Was aktuell in peinlicher Weise nur zu deutlich wird, ist aber, dass Whiteboards herzlich wenig mit digitalisiertem Lernen zu tun haben, sondern nur Tafeln und Tageslichtprojekttoren modernisiert haben, um unverändert weiter traditionelle Unterrichtskonzepte zu fahren. Für und mit Schüler*innen innovative digitale Lern- und Interaktionsräume zu entwickeln und zu bespielen – und zwar als Standard und nicht als Behelf in Corona-Nöten – dazu gibt es noch keine Routinen. Dabei gibt es hierzu an so vielen Stellen längst Entwicklungen, die faszinierend vormachen, dass es bestens geht: Im Netz selbst wie auch in der Jugendarbeit oder der Arbeitswelt.  

Wir sehen: Die Corona-Pandemie bringt einiges an sozialen Verwerfungen. Sie fördert wie in einem Brennglas Provinzialitäten und Deprivationen einzelner gesellschaftlicher Institutionen zu Tage. Im Zentrum steht dabei aus der Sache heraus das Gesundheitswesen. Aber auch für die Bildungsinstitutionen wird mit einem Schlag als ein echtes Problem sichtbar, wie sehr sie ‚aus der Zeit gefallen‘ sind und den technologischen Entwicklungen hinterherhinken. Die ausgebliebene Digitalisierung des Lernens, die immer nur als nettes Luxus-Anliegen für Schulen verhandelt wurde, fällt ihr jetzt schmerzhaft auf die Füße, und sie schafft für Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte eine unerfreuliche Situation. Dies alles gilt im Prinzip auch für die Hochschulen.

Gleichzeitig sehen wir, dass einige der Polarisierungen und Konfrontationen, die gerade noch akut waren, ihr Zentrum verschoben haben. Gruppen und Protagonist*innen, die bis vor kurzem im Fokus standen, stehen es nicht mehr. Stattdessen gibt es neue relevante Differenzlinien. Im Zuge dessen ist Jugend plötzlich wieder eine triggernde Problemfigur, an der sich abgearbeitet wird. Dies hat wahrscheinlich sehr viel damit zu tun, dass die zentrale Institution zur Bändigung dieser sozialen Gruppe gerade auf existentielle Weise ihrer Gebräuche beraubt ist. Diese Situation ist offenbar dazu angetan, defizitäre und diskriminierende Bilder zu Jugendlichen – aus Angst? – zu beleben. Weil Jugendliche durch den Shutdown institutionellen und pädagogischen Lebens plötzlich losgelassen sind, erscheinen sie als besondere Risikogruppe.

Wir haben es selbst in der Hand, welchen Blick wir auf junge Menschen in unserer Gesellschaft haben (wollen). Schließt man sich den stereotypisierten Karikaturen an und projiziert man gesellschaftliche Ängste auf sie oder wendet man sich ihnen zu als Menschen, die auch Betroffene der Krise sind, sich in ihr arrangieren. Und noch was:  Vielleicht fragt man sie auch einfach mal selbst, wie sie die Sache so sehen!

Jennifer Hübner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice-Salomon-Hochschule

Lotte Rose, Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences

 

Besser gestern als heute: Digitale Kompetenzen in der (Lehre der) Sozialen Arbeit während der Corona-Krise

Bettina Radeiski und Michelle Mittmann blicken auf digitale Herausforderungen zu Zeiten der Corona-Krise, wie sie im Netz diskutiert und an Hochschulen umgesetzt werden.

Die Ausbreitung des Coronavirus/COVID-19 schränkt uns ein und verpflichtet uns zur räumlichen Distanz. Dass vor etwa einer Woche bundesweit Hochschulen geschlossen wurden, ist unter Berücksichtigung der rasanten Verbreitung des Virus nur logisch und zu begrüßen gewesen. Diese Entscheidung bringt nun allerdings Herausforderungen mit sich, die von Einzelnen nur mit größten Anstrengungen zu bewältigen sind. Schließlich stehen SozialarbeiterInnen und Lehrende gerade vor der Herausforderung, „mal eben so“ auf digitale Formate umzusteigen, häufig, ohne auf Erfahrungen zurückgreifen zu können.

In Social Media lässt sich beobachten, dass das Engagement zur Kollaboration im Netz bereits besonders groß und extrem dynamisch ist. Da helfen SozialarbeiterInnen einander in Gruppen, indem sie kollegiale Beratung anbieten. Sie unterstützen Initiativen wie die #NachbarschaftsChallenge und stellen kostenfreies Bildmaterial für Flyer, Aushänge und Handzettel zur Verfügung. Und eine Linksammlung nach der nächsten vermehrt das Schwarmwissen um kostenlose und praktische Tools. Dabei reichen die Tipps von der Herstellung von Online-Konferenzen über Online-Lehr-Lern-Arrangements bis hin zum „Corona-Home-Office-Guide“. Auch die Bundesregierung wusste diesen Tatendrang für sich zu nutzen: Am 20.03.2020 startete ein 48 Stunden andauernder Hackathon, bei dem sich die TeilnehmerInnen online engagierten und Lösungsansätze für gesellschaftlich relevante Fragestellungen mit Blick auf die Corona-Krise entwickelten.

Geht es um die Organisation von Hilfen für AdressatInnen bzw. Formen adäquater Zusammenarbeit, erfahren Facebook-Gruppen der Sozialen Arbeit zwecks Austausch untereinander großen Zuspruch. Auch Verbände und Organisationen wie die Caritas verweisen derzeit auf ihre digitalen Kompetenzen. Zurzeit wirbt sie mit der Aufforderung „Bleib zuhause, aber bleib gut beraten“ für das eigene Online-Beratungsangebot. Das Deutsche Rote Kreuz vermeldet auf Twitter einen rasanten Anstieg der Klickzahlen auf eigenen Sonderseiten rund ums Thema Home Office.

Ähnliches lässt sich in der Hochschullehre beobachten. Um in Studiengängen der Sozialen Arbeit den Studierenden auch im Sommersemester 2020 den erfolgreichen Abschluss von Modulen und Prüfungen zu ermöglichen, ist es notwendig, dass die Lehre kurzfristig an diese Situation angepasst und auf digitale Formate (synchrone wie asynchrone) umgestiegen wird. Ideen und gemeinsame Lösungen werden auf diversen E-Learning- und Kommunikationsplattformen ausgetauscht. Dort können KollegInnen zusammen mit den ExpertInnen des „Digitalen Lehrens und Lernens“ über ihre Erfahrungen mit der Online-Lehre sprechen, Fragen stellen und good practices teilen.

Das Studieren in räumlicher Distanz zum Hochschulgebäude und wahrscheinlich auch in räumlicher Distanz zur Praxis auf einen längeren und unbestimmten Zeitraum erscheint trotz des hohen Engagements surreal. Aufgrund der grundsätzlich anderen Lehr- und Lernformen werden sich vermutlich nicht nur die Art und Weise der Kommunikation, sondern auch die geplanten Seminarinhalte verändern. Dies betrifft insbesondere Seminare, in denen Gruppenarbeiten oder das Seminargespräch, also der Austausch von Argumenten, das Reflektieren eigener und anderer Standpunkte im Vordergrund standen. Gewohnte Lernatmosphären verändern sich, Bibliotheken und Schreibwerkstätten haben geschlossen. Und auch der Alltag – sei es mit oder ohne Kind – bekommt eine andere Struktur. Auf der anderen Seite geraten nun ganz neue Formate wie Podcasts oder Live-Chats in den Blick, auch sie werfen neue Fragen der Didaktik auf. Inwieweit digitale Lehr- und Lernformate neue Kompetenzen und eine neue Form des Wissenserwerbs einfordern und auf diese Weise fördern, wird sich zeigen. Das nun begonnene Sommersemester als „Nichtsemester“ zu deklarieren und Lehrenden wie Studierenden damit Zeit und Raum zu geben, sich auf neue Formate einzulassen, wäre aus unserer Sicht sinnvoll. Es bleibt abzuwarten, was die Initiative der drei Kolleginnen, die sich dafür einsetzen, bewirkt.

Sowohl an Hochschulen als auch in Einrichtungen der Sozialen Arbeit ist zu erkennen, dass digitale Kompetenzen breit gestreut sind und werden. Leider gibt es dennoch keine „digitale eierlegende Wollmilchsau“. Niemand vereint alle guten Ideen in einer Person oder in einer Einrichtung. Für den Moment (vermutlich auch noch in den nächsten Jahren) wäre es wichtig, in Fragen digitaler Kompetenzen zusammenzuarbeiten und einander zu ergänzen – #digitalsolidarisch für die #digitaleSoA wenn man so will.

Michelle Mittmann, Social-Media-Beauftragte der DGSA, bietet daher an, einen neuen ExpertInnen-Pool mit digitalen Kompetenzen der Mitglieder zu erstellen. Hier haben sie nun die Möglichkeit, ihre digitalen Skills preiszugeben. Außerdem entsteht so die Möglichkeit an zentraler Stelle in Erfahrung zu bringen, an wen man sich im persönlichen Bedarfsfall wenden kann – auch abseits von Social Media.

Es ist zu vermuten, dass sich anhand der dann vorliegenden Liste ein bereits riesiger Wissens- und Erfahrungsschatz abzeichnen wird, der hoffentlich bald in der Gründung einer neuen Fachgruppe zum Thema Digitalisierung und Soziale Arbeit mündet.

 

Bettina Radeiski, Professorin an der HAW Hamburg

Michelle Mittmann, Social-Media-Beauftragte der DGSA

 


Fachgruppe Alter: „Was machen die eigentlich?“

Es wird uns wohl niemand widersprechen: Die Lebenslagen im Alter sowie Herausforderungen und Potenziale des Alter(n)s gewinnen seit einigen Jahren auch fachspezifisch für die Soziale Arbeit in verschiedenen Handlungskontexten an Bedeutung. Was lag da näher als die Gründung einer Fachgruppe zu eben diesem Gegenstand in der DGSA? Nichts! Also hat sich im Rahmen der Jahrestagung der DGSA 2019 in Stuttgart die Fachgruppe „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s” gegründet. Der Titel vereint dabei zwei Perspektiven: Zum einen die Beschäftigung mit einer spezifischen Zielgruppe der Angebote der Sozialen Arbeit – nämlich ältere und alte Menschen – und zum anderen die Auseinandersetzung mit einer spezifischen Perspektive auf den Gegenstand Alter(n) – nämlich die der Profession und Disziplin Soziale Arbeit. 

Wir versuchen beide Aspekte zu berücksichtigen und haben folgende (erste) Inhalte und Themen für die Arbeit der Fachgruppe festgehalten:

-     Aufarbeiten des Spektrums der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s und der Diskurse zum Alter(n) in der (Alters-)Sozialpolitik und Sozialen Arbeit,

-     Formulierung der Herausforderungen für die Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s (u.a. auch politische Rahmenbedingungen),

-     (Weiter-)Entwicklung von professionstheoretischen Grundlagen für die Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s,

-     Herausarbeiten von Forschungsdesideraten und -fragen Sozialer Arbeit in Kontexten des Alter(n)s,

-     Aufarbeiten der Situation in der Lehre in BA-/MA-Studiengängen (in grundständigen/generalistischen Studiengängen Sozialer Arbeit sowie themenspezifischen Studiengängen Sozialer Arbeit und Gerontologie).

Kurz gesagt hat es sich die Fachgruppe „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s“ zur Aufgabe gemacht, Fragen der Sozialen Arbeit in Bezug auf das Alter(n) grundlegend und handlungsfeldübergreifend, aber originär in disziplinärer und professioneller Perspektive der Sozialen Arbeit zu thematisieren, kritisch zu reflektieren und zu bearbeiten. 

Als alle formalen Fragen geklärt waren, konnte die inhaltliche Arbeit beginnen: Dazu fand ein erstes Arbeitstreffen der Fachgruppe – eine mittlerweile rund 20 Personen umfassende, interdisziplinäre Gruppe von Tätigen in Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit mit unterschiedlichen Bezügen zum Thema Alter – im September 2019 in Kassel statt. Bei aller Heterogenität vereinte uns quasi die Frage: „Wie muss man den wissenschaftlichen Witz erzählen, damit die Pointe Soziale Arbeit ist?“ Welche Fragen müssen also im Kontext von Alter(n) gestellt werden, damit die Antwort „Soziale Arbeit“ ist? Klar ist, ein Bezug auf den Gegenstand Alter(n) findet bereits aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven statt. Und auch die Arbeit mit älteren und alten Menschen in verschiedenen Handlungsfeldern ist nicht rein der Sozialen Arbeit vorbehalten, sondern wird durch unterschiedliche Berufsgruppen geleistet. Da lässt sich doch fragen, was die spezifische Perspektive der Sozialen Arbeit eigentlich ausmacht. Nun könnte diese Frage einerseits normativ (was soll Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit zum Gegenstand beitragen?), andererseits deskriptiv gestellt werden (was leistet die Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit bereits?). Es geht also darum, die eigene Perspektive zu schärfen und von der der Nachbardisziplinen abzugrenzen. Wobei bereits die Metapher der Nachbarschaft eine inhaltliche und/oder methodische Nähe suggeriert, die wiederum die Frage nach Differenzierungskriterien aufwirft. Das bringt uns zum nächsten wichtigen Aspekt: Bei aller Schärfung des eigenen Blicks soll der Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und Berufsgruppen nicht vernachlässigt werden – zumal Soziale Arbeit in Disziplin und Profession ja auch explizit durch Transdisziplinarität und multiprofessionelle Kontexte gekennzeichnet ist. Klingt nach einer komplizierten Angelegenheit? Dass es das irgendwie auch ist, zeigte eine erste Diskussion um die Zusammenstellung einer Literaturliste: Was gehört auf eine solche Liste, sofern sie das Spezifische des Blicks der Sozialen Arbeit auf Kontexte des Alter(n)s sowie den aktuellen Forschungsstand wiedergeben soll? Und was sind dann adäquate Such-/ bzw. Recherchekriterien? 

So viele offene Fragen... Wie geht es nun weiter? Für die gemeinsame Jahrestagung der DGSA, OGSA und SGSA im April 2020 in Landshut hat die Fachgruppe ein erstes Panel mit dem Titel „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s: Ausgrenzungs- und Kohäsionsperspektiven“ eingereicht. In Bezug auf verschiedene Berufsfelder und -gruppen in der Altenhilfe soll kritisch reflektiert werden, mit welchen Ausgrenzungs- und Kohäsionserfahrungen die im Feld tätigen Akteur_innen konfrontiert sind sowie zu welchen Ausgrenzungs- und Kohäsionsprozessen ihr Handeln beitragen kann. Dafür werden aus aktuellen Promotionsprojekten die Erfahrungen und Deutungen von 1. Fachkräften Sozialer Arbeit, 2. Pflegekräften mit Migrationshintergrund und 3. Alltagsbegleiter_innen mit Behinderung vorgestellt und in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit – in der multiprofessionellen Zusammenarbeit – diskutiert. Darüber hinaus ist in Zusammenarbeit der AG ‚Altern und Soziale Arbeit‘ (OGSA) und der FG ‚Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s‘ (DGSA) ein trinationales Panel entstanden. Unter dem Titel „Immer mehr Alte – Und jetzt? – Ein trinationaler Blick auf die Soziale Arbeit mit alten Menschen“ wird gefragt, welche Rolle die Soziale Arbeit in der Arbeit mit alten Menschen spielt und spielen kann. Dafür wird ein Blick auf die Spezifika der drei Länder Deutschland, Österreich und Schweiz gerichtet. In allen drei Ländern steigt der Anteil der ab 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung. Die gleichzeitige Unterversorgung in diversen Lebenslagen-Dimensionen stellt insbesondere die Daseinsvorsorge vor Herausforderungen. Das Panel soll genutzt werden, um mit den Kolleg_innen aus Österreich und der Schweiz in Kontakt zu kommen und Möglichkeiten gegenseitiger Lernprozesse zu diskutieren.

Auch unabhängig von der Jahrestagung in Landshut wird es in diesem Jahr wieder Gelegenheit zum Austausch rund um Fragen der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s geben: Das nächste Fachgruppentreffen findet am 19./20.06.2020 in Frankfurt a.M. statt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, dazu zu kommen und die aufgeworfenen offenen Fragen, die sicher noch nicht abschließend gesammelt sind, zu diskutieren.

Eva Maria Löffler und Sabrina Reuther für die FG Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s

Was ist die Wissenschaft Soziale Arbeit und seit wann gibt es sie?

Die Überschrift bildende Frage ist so simpel gestellt und doch kompliziert zu beantworten. Denn mindestens drei verschiedene Ebenen können herangezogen werden, wenn man diese Frage beantworten will. Eine wissenschaftstheoretische Antwort, eine strukturell-institutionelle Antwort sowie eine (wissenschafts)-politische Antwort. Und schnell merkt man, dass es nicht zwangsweise reicht, wenn eine zufriedenstellende Antwort auf nur einer Ebene gegeben wird. Also sortieren wir ein wenig.

Die wissenschaftstheoretische Antwort

Die wissenschaftstheoretisch fundierte Antwort auf die Frage, seit wann es die Wissenschaft Soziale Arbeit gibt, lautet: seit rund 100 Jahren und damit seit Beginn der institutionalisierten professionellen Ausbildung. Die Argumentation ist hier relativ einfach. Jede Wissenschaft braucht (1) eigene Theorien und diese müssen sich (2) auf einen abgrenzbaren Gegenstand beziehen. Lassen sich diese beiden Kriterien für die Wissenschaft Soziale Arbeit als erfüllt feststellen, muss man nur noch fragen, seit wann diese erfüllt werden.

Also: Mein Verständnis des Formalobjekts der Sozialen Arbeit lässt sich mit „Verhindern und Bewältigen von sozial problematisch angesehenen Lebenssituationen“ benennen. Damit bin ich nicht alleine. Es ließen sich jetzt eine zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aufzählen, die den Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser oder einer ähnlichen Weise definiert haben oder deren Definition bei genauerem Hinsehen, eben auch die genannten Komponenten enthält. Nehmen wir aber an dieser Stelle bewusst einen Vertreter, der der Propagierung einer eigenständigen Wissenschaft Soziale Arbeit eher unverdächtig ist, weil ihm aufgrund seiner disziplinären Herkunft (Erziehungswissenschaft/Pädagogik) und akademischen Verortung (Universität) keine Nebeninteressen unterstellt werden können.

Hans Thiersch schrieb in der Auflage von 1996 des Wörterbuch Soziale Arbeit: „Sozialarbeit hat zum Gegenstand Probleme der Unterprivilegierung, der fehlenden materiellen Ressourcen, also der Armut und der Unterstützung in belasteten, unterprivilegierten, ausgegrenzten Lebensverhältnissen. (...) Sozialpädagogik versteht sich als ein Moment der spezifisch neuzeitlichen gesellschaftlichen Reaktion auf die ,Entwicklungstatsache‘ (Bernfeld 1970). Sie zielt – begründet im besonderen Entwicklungs- und Lernstatus der Kinder – auf Hilfs-, Erziehungs- und Bildungsangebote für Kinder, Heranwachsende und ihre Familien in ihrem Lebensfeld und dabei zunächst auf kompensierende Angebote in belasteten Lebensverhältnissen. (...) Den Problemen angemessen ist allein die unterschiedliche Traditionen integrierende Handlungswissenschaft Soziale Arbeit“ (Thiersch 1996, 619f.).

Allein an diesem Zitat wird deutlich, dass der Gegenstand der Sozialen Arbeit eben nicht gleich dem der Erziehungswissenschaft, der Soziologie, der Psychologie, etc. ist, sondern etwas Eigenes abbildet. Damit ist der erste Schritt erfolgt. Bleibt die Frage, seit wann von dem Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser Art und Weise – Verhindern und Bewältigen sozial problematisch angesehener Problemlagen – und dessen wissenschaftlicher Bearbeitung gesprochen werden kann. Und da muss man auch nicht lange suchen. Schon die Pionierinnen der Sozialen Arbeit (Addams, Arlt, Richmond, Salomon, etc.) haben sich in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf Gegenstände bezogen, die dieser Kurzformel des abgrenzbaren Formalobjekts entsprechen. Und ja, dass waren wissenschaftliche Arbeiten. Wer dies nicht glaubt, sollte die Bücher der Pionierinnen einmal im Original lesen.

Die erste Antwort lautet also: Aus wissenschaftstheoretischer Sicht gibt es die Wissenschaft Soziale Arbeit seit gut 100 Jahren.

Die strukturell-institutionelle Antwort

Die strukturell-institutionelle Antwort hingegen lautet seit rund 30 bis 35 Jahren und damit seit Beginn eines neuen „Selbstbewusstseins“ Sozialer Arbeit an Fachhochschulen. Ausgangspunkt hierbei sind mit Sicherheit die „Empfehlungen zur Aufgabe und Strukturen der Fachhochschulen“ des Wissenschaftsrates von 1981. In diesen wurde der Forschungsauftrag der FHs nochmals betont. Für die Soziale Arbeit dauerte es noch ein wenig, bis sich dieses Selbstbewusstsein auch in konkrete inhaltliche Reformen und Forderungen niederschlug. Aber spätestens seit Mitte der 1990er hat sich Soziale Arbeit an den FHs von den Bezugswissenschaften zu emanzipieren begonnen und die eigenständige Formulierung einer Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft Soziale Arbeit erfolgte. Das war kein „Zwergenaufstand“, sondern die logische Fortführung eines Bedeutungswandels und neuer Aufgabengebiete der Fachhochschulen. Wo disziplinär geforscht wird, entwickelt sich eine Wissenschaft. 

Die zweite Antwort lautet also: Aus strukturell-institutioneller Sicht gibt es die Wissenschaft Soziale Arbeit seit gut 30 bis 35 Jahren. 

Die wissenschafts-politische Antwort 

Um die Frage, wann Soziale Arbeit auch wissenschafts-politisch anerkannt wurde und sie es deshalb „gibt“, zu beantworten, muss man zwei unterschiedliche Blickwinkel einnehmen. Zum einen gibt es die politischen Akteure, die die Rahmenbedingungen für Wissenschaft definieren. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, sind hier vor allem die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie die Kultusministerkonferenz (KMK) von Bedeutung. Zum anderen organisiert sich Wissenschaft auch selbst. Und diese Wissenschaftsorganisationen – seien es akademische Fachgesellschaften oder Forschungsförderorganisationen – machen auch Politik. Es wäre naiv zu glauben, dass alle Äußerungen, Stellungnahmen und Entscheidungen dieser Organisationen nach rein wissenschaftlichen Kriterien getroffen werden. Aus diesem Grund soll die wissenschafts-politische Antwort zweigeteilt sein.

Die (wissenschafts-)politische Antwort lautet: es gibt die Wissenschaft Soziale Arbeit seit dem 3.7. bzw. 11.10.2001. Es mag jetzt ein wenig überraschen, dass hier zwei konkrete Tage benannt werden. Aber dennoch: an diesen Tagen haben die HRK bzw. KMK die Wissenschaft Soziale Arbeit explizit als Fachwissenschaft und wissenschaftliche Grundlage für das Studium der Sozialen Arbeit anerkannt. Denn an diesen Tagen wurde die „Rahmenordnung für die Diplom-Prüfung im Studiengang Soziale Arbeit“ jeweils von der HRK und KMK verabschiedet.

In dieser heisst es: „Die Prüfungsgebiete folgen nicht der Gliederung der üblichen Wissenschaftsdisziplinen (Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Rechtswissenschaft usw.), sondern gehen davon aus, dass die heute der Sozialen Arbeit zugrunde liegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse/Theorien und Methoden unter dem Begriff einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit zusammengefasst werden können, auch wenn diese wissenschaftspolitisch nicht allseits anerkannt ist und sich noch nicht institutionalisiert hat.“ 

Eindeutiger kann man es nicht formulieren. 

Deshalb bleibt alleinig noch die wissenschafts-(politische) Antwort offen: Wann erkennen die wissenschaftlichen Selbstverwaltungsorganisationen – vor allem die DFG – die Wissenschaft Soziale Arbeit an? Und hier sieht es nicht so gut aus. Ein Antrag auf Aufnahme der Wissenschaft Soziale Arbeit in die DFG-Fächersystematik durch die DGSA wurde 2018 gestellt und abgelehnt. Das hat aber etwas mit strukturellen politischen Fragen zu tun und nicht mit wissenschaftstheoretischen.  Aber es bleibt zu konstatieren, dass eine Wissenschaft, die von der institutionellen Forschungsförderung zum großen Teil abgeschnitten ist, es schwierig hat, sich weiter zu entwickeln. 

Wissenschaft braucht Forschung(sförderung)! 

Aus diesem Grund hat der Vorstand der DGSA eine aktuelle Stellungnahme herausgegeben, in der die zentralen Forderungen zur Förderung von Forschung in der Sozialen Arbeit zusammengestellt sind und argumentativ begründet werden. 

Sie finden die Stellungnahme hier. Der Vorstand der DGSA freut sich, wenn diese möglichst weit verbreitet wird, wenn Sie mit politischen Entscheidungsträger*innen in Ländern und im Bund zum Thema Forschung sprechen. 


Prof. Dr. Stefan Borrmann

Lebens- und Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Sozialen Arbeit - Ergebnisse einer Online-Umfrage

Laufzeit der Umfrage: November 2018 bis April 2019

Mit der Gründung der „netzwerkAGsozialearbeit“ während der DGSA-Jahrestagung 2018 gibt es eine organisierte „Nachwuchs“-Gruppe, die lose an die DGSA angebunden ist.

Als Organisationsteam erschien es uns nur allzu nachvollziehbar, sich zuerst mit den eigenen Lebens-und Arbeitsbedingungen zu beschäftigen. Hierfür wurde von Fabian Fritz (HAW Hamburg) eine Online-Umfrage beim wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit durchgeführt. Die Umfrage verfolgte drei wesentliche Ziele. Sie sollte:

·       Informationen bzgl. der Beschäftigungsbedingungen der jungen Wissenschaft Sozialer Arbeit generieren und Transparenz schaffen,

·       Forschungsinteressen und Zukunftsperspektiven der jungen Wissenschaft erheben,

·       Verbesserungsvorschläge bündeln und kommunizieren, um somit zu Diskussionen innerhalb der jungen Netzwerke und darüber hinaus anzuregen.

Die Ergebnisse wurden auf der DGSA-Jahrestagung im April 2019 in Stuttgart vorgestellt. Eine ausführliche und kommentierte Publikation wird im entsprechenden Tagungsband erscheinen (voraussichtlicher Termin: Frühjahr 2020).

Zur Vorbereitung der trinationalen Tagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizer Gesellschaften für Soziale Arbeit (DGSA/OGSA/SGSA) an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut am 24./25. April 2020 möchten wir die wichtigsten Ergebnisse vorab zur Verfügung stellen.

Im Panel möchten wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen „junger“ Wissenschaftler_innen Sozialer Arbeit und einen (möglichen) Protest diskutieren. Im akademischen Mittelbau ist Prekarität eher die Regel als die Ausnahme. Grund ist, dass die Hochschulsysteme in Österreich und Deutschland nur einer Minderheit der Wissenschaftler*innen eine existenzsichernde, verlässliche und planbare Perspektive bieten können. Inzwischen regen sich kontinuierlich Kritik und Widerstand gegen die aktuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das Panel schafft eine Übersicht und regt zur Diskussion an.

Der Blick auf die Ergebnisse unserer Umfrage zeigt, dass es u.a. kaum unbefristete Verträge gibt und nicht einmal der Hälfte in ihren Anstellungsverhältnissen Zeit zur Arbeit am eigenen Qualifikationsprojekt zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass nur ein Viertel über eine volle Stelle verfügt und über die Hälfte mehreren Arbeitsverträgen gleichzeitig nachkommt. Die Bedingungen spiegeln sich in einer ambivalenten Zufriedenheit der „Nachwuchs“-Wissenschaftler_innen wider. Diese und weitere Ergebnisse werden vorgestellt und diskutiert. Hier ist ein Poster mit der Zusammenfassung als PDF zu finden.

Aber wie nun weiter?

Nicht meckern, sondern Banden bilden. In einer Podiumsdiskussion soll in Landshut die Frage diskutiert werden, was die unterschiedlichen Beteiligten und Statusgruppen jeweils dazu beitragen können, sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die Wissenschaftler*innen im sogenannten „Mittelbau” bzw. den „Nachwuchs“ einzusetzen. Gemeinsam mit Podiumsgästen und Plenum werden Ideen entwickelt und deren Ambivalenzen diskutiert. Hierbei sollen sowohl gewerkschaftliche als auch innerwissenschaftliche Perspektiven zu Wort kommen.

Wir laden alle Interessieren herzlich ein, sich unsere Ergebnisse anzuschauen, mit uns in Landshut oder über andere Kanäle in Diskussion zu treten und gemeinsam aktuelle Problemlagen anzugehen.

Wir freuen uns über Feedback, Nachfragen und eine angeregte Diskussion.

Kontakt

Zur Umfrage: f.fritz@haw-hamburg.de  

Zum Panel: f.fritz@haw-hamburg.de & julia.hille@hs-nordhausen.de

Zum Nachwuchsnetzwerk: netzwerkagsozialearbeit@gmail.com

 

Fabian Fritz (HAW Hamburg)

Julia Hille (HS Nordhausen)

Nils Klevermann (Universität Tübingen)

Eva Maria Löffler (Universität Kassel)

Vera Taube (FH Würzburg-Schweinfurt)

Und dazwischen - die Lücke: Bedeutung von Genderwissen in der Sozialen Arbeit

Wir sind auf dem Weg ins Feld, zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Fachbereichs Soziale Arbeit einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Wir wollen Kooperationspartnerinnen bei der Kreisverwaltung im ländlichen Raum interviewen. Es geht um die Frage: Wie kann die Öffentlichkeitsarbeit im Landkreis verbessert werden, um eine Sensibilisierung der Bevölkerung zum Thema Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer (60+) zu erreichen? Dort angekommen, haben wir noch etwas Zeit bis das Interview beginnt und stehen im Vorraum vor drei Regalen mit Flyern und Broschüren, von denen wir uns einige mitnehmen. Erst als wir ein paar Schritte zurücktreten, fällt uns auf: Das Regal links richtet sich an Frauen. Hier finden sich Informationen zu Mutterschaft, Elternzeit, Kindern, frauenspezifischen Krankheiten und zu Hilfeangeboten bei häuslicher und sexueller Gewalt. Das Regal rechts ist überschrieben mit „Informationen für unsere älteren Mitbürger“. Darunter finden sich Flyer und Broschüren zu Pflege, Wohnheimen, Freizeitangeboten und weiteren auf Rentner*innen bezogene Themen und Angebote. Dem Thema Sicherheit und Gewalt ist eine ganze Reihe gewidmet, aber beide Themen werden in diesem Material, das die Gruppe der Älteren mit Schrift und Bild explizit anspricht, nur im Kontext von unbekannten Täter*innen und Delikten wie z.B. Trickbetrug und Diebstahl thematisiert. Das Regal in der Mitte enthält allgemeine Informationen zum Landkreis.

Für uns ist das Arrangement dieser Regale wie ein Symbol für das Spannungsfeld, in dem wir uns mit unserem Forschungsthema bewegen: Alter und Partnergewalt - und dazwischen eine Lücke.

 

Nicht im Fokus: Gewalt in Paarbeziehungen Älterer (60+) 

Empirische Studien zeigen, dass jede vierte Frau von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt. Die Studien, die ältere Frauen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, zeigen, dass physische, psychische und sexuelle Gewalt in langjährigen Gewaltbeziehungen auch mit fortschreitendem Alter nicht endet bzw. auf Grund verschiedener Faktoren wie Verrentung, nachlassender Gesundheit und sozialer Isolation, von den Täter*innen ausgeübt und den Opfern erduldet wird. Zugleich ist die Gruppe der betroffenen älteren Frauen (und auch Männer) nur unzureichend über die Einrichtungen des Gewaltschutzes informiert und wird von diesen kaum erreicht. Und selbst wenn sie die Beratungsstellen kennen, fühlen sie sich oft nicht von den Angeboten angesprochen. „Ich weiß, dass es ein Frauenhaus gibt“ sagte uns eine ältere Gesprächspartnerin, „aber das ist doch nicht für uns! Das ist für jüngere Frauen mit Kindern“. Während Gewalt in der Pflege älterer Menschen seit den 2000er Jahren zunehmend enttabuisiert und skandalisiert wurde, steht die Problematik der Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer (60+) kaum im Bewusstsein der (Fach) Öffentlichkeit. Mit unserem Anliegen, für Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer zu sensibilisieren, stoßen wir bei Gesprächspartner*innen oft zunächst auf Unkenntnis und manchmal auch auf Abwehr. Dass ältere Menschen „immer noch“ von Gewalt in der Paarbeziehung betroffen sein sollen, das können (oder wollen) sich viele nicht vorstellen. Es ist schlicht nicht im Fokus.

 

Geschlechtervergessenheit

Gewalt gegen ältere Menschen wird vor allem als Gefahr „von außen“ und durch Fremde wahrgenommen. Insbesondere die Polizei ist hier mit Information und Aufklärung sehr aktiv. Wenn Gewalt gegen Ältere im sozialen Nahraum thematisiert wird, dann meist im Kontext häuslicher oder stationärer Pflege. Die Maßnahmen zur Prävention und Intervention sind entsprechend ausgerichtet auf Schulung, Beratung und Unterstützung der Pflegenden (Angehörigen) mit dem Ziel der Entlastung, da die Überlastung aller Beteiligten als einer der Hauptfaktoren für die ausgeübte Gewalt gesehen wird. Vor diesem Hintergrund kann also nicht gesagt werden, dass Gewalt gegen Ältere grundsätzlich mit Gleichgültigkeit und Untätigkeit begegnet wird. Wenn allerdings eine der insbesondere für Frauen gefährlichste Form der Gewalt, die Gewalt in der Paarbeziehung, die von den Vereinten Nationen ausdrücklich als Menschenrechtsverletzung benannt wird, für die Gruppe der Älteren ausgeklammert und im Kontext Pflege nicht berücksichtigt wird, muss eine Geschlechtervergessenheit bzgl. Alter(n) festgestellt werden. Und es müsste gefragt werden: Wer pflegt hier wen? Und besteht Alter nur aus Pflegebeziehungen? Was ist mit den Paaren, die nicht oder erst im Kontext Pflege in den Fokus der Fachkräfte geraten? Und wie fallen - sprichwörtlich - Interventionen aus, wenn wir Genderaspekte bei Gewalt gegen Ältere Menschen nicht berücksichtigen?


Wissens- und Versorgungslücke

Mit Blick auf die Fachkräfte in den für die Zielgruppe der Älteren relevanten Bereichen der Altenhilfe, Gesundheit, Frauen und Gleichstellung und Gewaltschutz möchten wir einige Aspekte herausgreifen: 

Wissen und Bewusstsein: Wird das (Fort)bestehen von vitalen, auch konflikthaften Paarbeziehungen im Alter nicht gesehen und werden sich fortsetzende und kumulierende Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis im Alter nicht erkannt (vom Gender Pay Gap zum Gender Renten Gap bspw.), gerät die Gruppe der älteren Frauen nicht nur aus dem Blick des Gewaltschutzes (im Fokus der Öffentlichkeitsarbeit sind überwiegend „Frauen mit Kindern“ d.h. implizit Frauen im reproduktiven Alter auch wenn ältere Frauen nicht explizit ausgeschlossen werden). Sie werden auch bei Maßnahmen der Gewaltprävention für Ältere nicht berücksichtigt (z.B. keine Nennung von Einrichtungen des Gewaltschutzes wie Frauenhaus, Frauenberatungsstellen oder Täterberatung in Seniorenwegweisern etc.). 

Kompetenzen und Vernetzung: Die Motivation zur Intervention bei Gewalt in Paarbeziehungen Älterer steht in einem engen Zusammenhang mit den Handlungskompetenzen der Professionellen und den strukturellen Bedingungen ihrer Arbeitsfelder. So gibt es nur wenig auf die spezifischen Bedarfe älterer Frauen ausgerichteten Schutzeinrichtungen. Und es gibt selten Notbetten für eine_n auf Hilfe angewiesene_n Täter*in, der_die der Wohnung verwiesen werden soll. Die für die Zielgruppe Älteren relevanten Bereiche - Altenhilfe, Gesundheit, Frauen und Gleichstellung, Gewaltschutz – haben bzgl. ihrer Angebote und Aktivitäten entweder das Thema Gewalt in Paarbeziehungen oder die Gruppe der Älteren nicht ausreichend im Blick. Eine Vernetzung und Kooperation dieser Bereiche würde dazu beitragen, die Versorgungslücke für die Zielgruppe der Betroffenen zu schließen. Zudem könnten die einzelnen Bereiche auch von Synergieeffekten aus einer Kooperation und Vernetzung sowie der jeweiligen hohen aber oft spezifischen Fachlichkeit profitieren.

Adäquate Analyse und Interventionen: Besteht bei den Fachkräften kein Wissen über das Phänomen von Gewalt in Paarbeziehungen generell sowie als Form geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen und erfolgt die Analyse eines Gewaltverhältnisses ohne Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses, so bleibt die Analyse eine vorläufige und damit können die Interventionen ggf. zu kurz greifen. Das kann bedeuten, dass allgemeine Seniorenberatungsstellen Einrichtungen des Gewaltschutzes nicht oder zu spät hinzuziehen. Oder mit Blick auf die Pflege, dass das Gewaltgeschehen nur als Folge von Überforderung durch Pflegearbeit oder dementieller Erkrankung betrachtet wird. Das kann zu Entlastungsangeboten für einen oder beide Partner*innen führen. Im Fokus steht dann ein weiteres (als funktionierend empfundenes) Zusammenleben eines Paares durch kleinere Auszeiten zu ermöglichen. Allerdings wird so die Dynamik einer (oft langjährigen) Gewaltbeziehung, die ambivalenten Haltungen und Abhängigkeiten der Betroffenen und der Täter*innen sowie eine eventuell akute und lebensbedrohliche Gefährdung nicht erfasst. Laut der Statistik des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2018 wurden 122 Frauen von ihrem (Ex)Partner getötet. Eine Reportage der „Zeit“ dokumentiert die Hintergründe zu den Taten und meist auch das Alter der getöteten Frauen und der Täter. Nach diesen Recherchen waren 16 der getöteten Frauen älter als 60 Jahre, 7 davon älter als 80. Die älteste Frau war 91 Jahre alt.

Hieran zeigt sich, dass Genderwissen kein vernachlässigbares Wissen in der Sozialen Arbeit ist, sondern vielmehr dazu beiträgt, die richtigen Analysen vorzunehmen und daraus folgend passende Maßnahmen, Interventionen und Kooperationen einzuleiten. Denn jeder Mensch – unabhängig von Alter und Geschlecht - hat das Recht auf ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit und auf körperliche wie seelische Unversehrtheit.


Angela Merkle und Franziska Peters von der Hochschule RheinMain


Dieser Beitrag wurde anlässlich der Wissenschaftstages Gender Studies und mit Bezug auf #4genderstudies verfasst. 

„Systemsprenger“ oder: Wie Hilfen besser gelingen können! Gedanken zum Spielfilm „Systemsprenger“

Der nachfolgende Text entstand auf Anregung meiner Kollegin Prof. Dr. Michaela Köttig und nach einem intensiven gemeinsamen wechselseitigen Austausch.

Mitte September 2019 kam der Spielfilm „Systemsprenger“ der Regisseurin Nora Fingscheidt in die Kinos. Vor dem Kinostart wurde er bundesweit in Einzelvorführungen bereits Fachkräften, vor allem der Sozialen Arbeit und Pädagogik, gezeigt und mit Podiumsdiskussionen zum Thema flankiert. Die Reaktionen der Fachkräfte auf den Film waren enorm. Es wurde unter anderem benannt, dass der Film sehr emotional und aufwühlend sei. Dies einerseits, weil er einen Fall zeige, bei denen die Angebote und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht greifen. Und andererseits, weil er ein Kind zeigt, dessen Hilfebedürftigkeit und auch Not gesehen wird, welches aber eben das System „sprengt“. Hinzu kommen der fachliche Anspruch und das Bemühen, jedem jungen Menschen und auch dessen Familie helfen zu wollen. Ein Dilemma war zu sehen, welches Fachkräfte nachhaltig beschäftigte. Teilweise wurde auch Unverständnis darüber geäußert, warum an bestimmten Stellen im Film fachlich nicht anders gehandelt wurde. Es müsse und könne doch auch besser gehen. Von mancher Seite wurde eingeräumt, dass der Film auch Idealbedingungen der Hilfepraxis zeige. Dies beispielsweise in der durchgängigen Verfügbarkeit und Zugewandtheit der zuständigen Fachkraft des Jugendamtes sowie der problemlosen Finanzierung der Hilfe-Maßnahmen. Die Rahmen- und Strukturbedingungen in der Praxis seien weitaus schlechter. Vor allem aber die Szene, in der die Jugendamtsmitarbeiterin resigniert und weinend zusammensackt, wurde als stark emotional empfunden und bewegte auch gestandene Fachkräfte.[1]

Nüchtern betrachtet verwundern diese Reaktionen im Grunde nicht. Das Anliegen des Films besteht ja gerade darin, am Beispiel eines neunjährigen Mädchens Verständnis für junge Menschen zu erzeugen, die in ihrem bisherigen Leben bereits viel Schlimmes und großes Leid erfahren mussten, in ihren Familien nicht leben können, in innerer und äußerer Not sind, die Wohneinrichtungen mehrfach wechseln und nirgendwo einen Ort finden, an dem sie zur Ruhe kommen und dauerhaft Aufwachsen können. Und zur Botschaft des Films gehört auch, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pädagogik im Kontakt mit diesen Kindern immer wieder an ihre Grenzen geraten – fachlich und emotional. Und somit wird in diesem Spielfilm auch das Scheitern von sozialpädagogischen und psychiatrischen Maßnahmen dargestellt. Und auch weil ein Kind – und kein*e Jugendliche*r - im Mittelpunkt des Geschehens steht, welches Sicherheit und Schutz benötigt, dem Menschen helfen wollen, welches immer wieder Erwachsene trifft, die dies probieren und eben nicht schaffen, spricht der Film Emotionen an. Er hinterlässt die Zuschauer*innen mit seinem offenen Ende in der jeweils eigenen Phantasie, der dann endlos nachgegangen werden kann. Nicht umsonst erhielt der Film bereits mehrere bedeutende nationale Preise und wurde für den internationalen Oscar vorgeschlagen. Er ist filmerisch hervorragend gemacht, ebenso wie die Leistungen der Schauspieler*innen herausragend sind, vor allem die von Helena Zengel, welche das neunjährige Mädchen Benni spielt.

Nun sind „aussichtslose Fälle“, also Fälle, die im Hilfesystem scheitern und an denen das Hilfesystem scheitert, seit jeher ein Teil der Kinder- und Jugendhilfe. Diese umfassen in etwa 10% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung. Diese jungen Menschen sowie deren Hilfeverläufe bewegen Fachkräfte seit Jahrzehnten in der Praxis, auch emotional. Und tatsächlich erleben Fachkräfte in diesem Zusammenhang auch ihre eigenen, persönlichen Grenzen.
Was leistet dieser Film nun, indem er das Thema „Systemsprenger“ eindrücklich einer breiten nationalen und internationalen Öffentlichkeit präsentiert? Zunächst kann festgestellt werden, dass mit der filmischen Inszenierung ein Bild gezeigt wird, welches die Menschen im Jahr 2019 bereit waren, zu dieser Problematik in sich aufzunehmen. Es werden damit eine aktuelle gesellschaftliche Perspektive und ein vorhandener Diskurs zum Thema abgebildet. Von dieser Seite aus betrachtet, ist die Aussage des Films beruhigend. Denn es wird im Film, anders als in aufgeheizten Medienberichten und häufig auch der Fachpraxis, nicht nach Schuldigen für diese erschütternde Geschichte und deren Verlauf gesucht. Die Schuld liegt weder einseitig beim Kind, noch bei der Mutter oder im Hilfesystem. Und überhaupt wird die Schuldfrage im Film gar nicht gestellt. Die Regisseurin vermag es, die Perspektive aller Beteiligten im Spiel zu behalten. Auch gelingt es, die beständigen Versuche aller Erwachsenen, um Wege zu finden, damit Benni einen Ort zum Leben findet, deutlich zu machen. Die Tragik der Handlung besteht genau darin, dass eben jenes Bemühen nicht ausreicht.

So führt beispielsweise das aggressive Handeln von Benni immer wieder zum Ausschluss aus der jeweiligen Wohneinrichtung/dem Heim. In den dargestellten Szenen wird angedeutet, dass gerade jenes für andere Menschen bedrohliche Handeln des Kindes auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückgeführt werden kann. Bei Re-Traumatisierungen wird es als aktives Handlungsmuster reproduziert. Fatalerweise erlebt das Kind Benni aber gerade in diesen Situationen der Re-Traumatisierung keine Unterstützung durch professionelle Fachkräfte. Statt einer emotionalen, sicheren und haltenden Zuwendung zum Kind erfolgt ein standardisiertes, auf die Einhaltung von Regeln und Normen ausgerichtetes Handeln. Und schließlich die institutionelle Entscheidung der Wohneinrichtung/des Heims über den Ausschluss bzw. Rauswurf. Dieses Muster wiederholt sich permanent. Es enthält die ‚Bestrafung‘ eines Kindes durch den Entzug existentieller Lebensgrundlagen aufgrund einer sozialen und psychischen Auffälligkeit. Allerdings war genau diese Auffälligkeit Anlass der professionellen Unterstützung und durch diese wird die Hilfe weiter begründet. Aber sie wird durch keine*n der beteiligten Akteure bewältigt. Das, was das Kind also am meisten zu brauchen scheint, nämlich einen bedingungslosen, emotional-haltenden Lebensort mit fürsorgenden erwachsenen Menschen sowie die Befriedigung basaler Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen, Körperkontakt, erfährt Benni im Hilfesystem nicht. Und auch in der hoffnungsvollen Sequenz mit dem Einzelfallhelfer Micha, der Benni zumindest manchmal in den Arm nimmt und tröstet, bleibt das Kind einsam und ohne haltende Verbindung. Und so stellt sich nur eine Person im Film die Schuldfrage, nämlich Benni selbst. Sie sagt, dass sie wegen ihrer Ausbrüche nicht zu ihrer Mutter kann bzw. erst wieder zurück kann, wenn sie diese nicht mehr hat. Da wird also in der Gesamtheit betrachtet der Erfolg der Hilfe zu deren Voraussetzung. Das ist bitter und begründet eine Endlosschleife. Diese Darstellung ist der Regisseurin durchgängig gelungen. Es wird die Ausweglosigkeit der Situation deutlich. Darüber hinaus wird den Zuschauer*innen auch veranschaulicht, dass Benni selbst die Logik des Hilfesystems verstanden hat. Die daraus entstehende Aufgabe ist für sie unlösbar.

Nun ist auch aus der Fachliteratur bekannt, dass das Stellen und Verfolgen der Schuldfrage eine Sackgasse für die Verbesserung sozialer Situationen und die Lösung von Konflikten ist. Es eröffnet auch keine sozialpädagogischen Handlungsmöglichkeiten. Diese basieren unter anderem darauf, dass die Kinder Neues lernen und destruktives Handeln verändern können. Lernen ist aber nur möglich, wenn das Innere des Kindes sich gegenüber der Außenwelt öffnen kann. Dazu braucht es einen basalen Kontakt zu Menschen und einen einigermaßen sicheren sozialen Ort. Diese vorsichtigen Kontaktbemühungen, gerade emotional belasteter Kinder, sind anfangs weit davon entfernt, Vertrauen in die Umwelt bzw. in Personen zu haben. Es sind ganz zarte Fäden, die schnell zerreißen können. Vorwürfe und Schuldzuschreibungen setzen junge Menschen unter Druck. Dadurch verschließen sie im wahrsten Sinne des Wortes ihr Inneres, gerade dann, wenn sie sich in diesen vorsichtig tastenden Kontaktbemühungen befinden. Sie sind dann für andere Menschen nicht mehr erreichbar. Dies häufig für längere Zeit.

Im Hinblick auf den öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs leistet der Film einen großartigen Beitrag. Er zeigt, wie ein Kind groß wird, welches mit (Re-)Traumatisierungen und beständigen Verstößen bzw. Weg-Stößen von anderen Menschen leben muss. Dies ist Bestandteil des Alltags dieses Kindes. Diese Erfahrung wird zu einem Teil der eigenen Biografie. Sie wird in eigenes Handeln des Kindes als Reaktion darauf umgesetzt. Es gibt für das Kind keine Therapie, die es wieder gut macht. Es gibt auch keine andere Heilung oder gar Reparatur. Das Kind ist gefordert, damit und mit den dahinter liegenden Erfahrungen zu leben. Und ist auf diese Weise sehr allein. Und wächst damit auf. Es ist anzunehmen, dass es etlichen Menschen, ob Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, ähnlich geht wie Benni im Film. Sie haben ein solches Leben zu bewältigen. Sie brauchen dafür kein Bedauern und keine Wundermittel. Sie brauchen eine Welt, in der diese Lebensleistung wahrgenommen, anerkannt und gewürdigt wird. Dies wäre schon eine entscheidende Hilfe.

Und der Film macht auch deutlich, dass ‚Kinder keine Systeme sprengen‘! Diese Metapher trifft auf das Geschehen im Grunde nicht zu. Menschen können ohne technische Hilfsmittel keine Systeme sprengen – schon gar nicht Kinder. Systeme funktionieren ohne menschliche Intention. Systemtheoretisch betrachtet haben sie eine funktionale Eigenlogik. Sie bestehen unbeirrt weiter. Dies auch wenn Kinder dort emotional und kognitiv nicht ankommen und auch, wenn Kinder und Fachkräfte aneinander scheitern. Aus systemtheoretischer Perspektive ist das im Film dargestellte stringent und logisch. Systeme agieren selbstreferentiell. Die damit verbundenen Logiken u.a. von Inklusion und Exklusion sind bei Niklas Luhmann nachlesbar, der sich ja ausführlich mit funktionalen Systemen beschäftigt hat. Das bedeutet auch: Systeme allein können Menschen nicht helfen! Systeme können lediglich funktional bereit stehen, um Leistungen zu erbringen. Von daher braucht es, um Kindern wie Benni tatsächlich zu helfen, noch eine andere Denkrichtung als die der „Systemsprenger“.

Tatsächlich gibt es ja ausreichendes sozialpädagogisches Fachwissen darüber, wie Kindern (und Jugendlichen) wie Benni geholfen werden kann. Dieses Wissen wurde seit ca. einhundert Jahren beständig erweitert und fortentwickelt. Es ist inzwischen auch empirisch gut erforscht, nur (leider) nicht durchgängiger Bestandteil von (Hilfe-)Systemen. Obwohl es deutschlandweit Fachkräfte gibt, die sich klug und reflektiert mit jungen Menschen wie Benni auf einen gemeinsamen Weg machen. Und dabei nicht resignieren, weil sie aus Sackgassen immer wieder herausfinden.

Kinder benötigen soziale Beziehungen/soziale Kontakte zu anderen Menschen sowie soziale Orte. Diese müssen für die kindliche Entwicklung nicht perfekt, aber ausreichend gut sein. Sie müssen dem Kind gleichermaßen Schutz geben und Autonomieentwicklung ermöglichen. Und natürlich basale Grundbedürfnisse befriedigen. Kinder benötigen Zeit für ihre Entwicklung und Zeit, um zu lernen. Gerade, wenn sie traumatische Erfahrungen gemacht haben, benötigen sie sichere Orte, die für sie zur Verfügung stehen, bedingungslose Zuwendung von anderen Menschen und schrittweise Heilung. Kinder müssen die Chance erhalten, ihre eigene Lebens- und Familiengeschichte zu verstehen und sich selbst zu verstehen.
Mit Kindern muss geredet werden, aber vor allem muss ihnen zugehört werden. Damit Kinder verstehen können, was ihnen passiert ist, was geschieht und was sie handelnd beeinflussen können. Nicht-Wissen erzeugt diffuse Angst und schließlich auch aggressives Handeln. Wissen dagegen eröffnet Handlungsmächtigkeit. Kinder müssen informiert werden, gerade dann, wenn das Hilfesystem Handlungen an ihnen plant bzw. über ihr weiteres Leben entscheidet. Auch wenn Kinder an diesen Entscheidungen nicht direkt beteiligt werden (können), bspw. wenn sich leibliche Eltern gegen ein Zusammenleben entscheiden, müssen die Kinder in für sie nachvollziehbarer Weise darüber informiert werden. Und Kinder brauchen Menschen, die sie bei Abschieden, in Trauerphasen und bei Übergängen begleiten. Das ist alles aus der Fachliteratur bekannt.

Diese hier skizzierten Bedingungen braucht jedes Kind, nicht nur ein Kind, wie Benni. Etliche Kinder im Hilfesystem müssen diesen häufig entsagen und werden nicht zu „Systemsprengern“. Diese Leistung der jungen Menschen soll an dieser Stelle ausdrücklich gewürdigt werden.

Hilfeinstitutionen der Sozialen Arbeit und Pädagogik sind gefordert, sich als Organisationen zu verstehen, die zwar systemisch Handeln, aber nicht ausschließlich Systemlogiken unterliegen. Dies bedeutet, die Rahmenbedingungen zu analysieren und Veränderungspotentiale, die durch Menschen gestaltbar sind, auszumachen. Mit systemisch Handeln ist gemeint, dass diese nicht kausal beeinflussbar sind, ebenso wenig wie das menschliche Handeln selbst. Es kann aber als Mensch, insbesondere als professionelle Fachkraft, Verantwortung übernommen werden. Diese Verantwortung umfasst vor allem das eigene und institutionelle Handeln an, mit und gegenüber Kindern. Die Frage, ob Professionalität Menschlichkeit ausschließt oder beinhaltet, können nur die Fachkräfte beantworten. Aus Sicht der Kinder ist die Antwort klar: Ohne Menschlichkeit und menschliche Begegnung können sie in Hilfesystemen nur sehr schwer überleben! Eindrücklich wurde das im Film in der Szene gezeigt, als Benni abends im Bett liegt und sinngemäß sagt: „Erzieherin, gib mir deine Hand!“ Die menschliche Hand der ‚Erzieherin ohne Namen‘ benötigte Benni zum Einschlafen vor dem bevorstehenden Übergang in ein anderes Kinderheim am nächsten Tag. Und auch eine andere Szene war diesbezüglich erhellend: Als die Jugendamtsmitarbeiterin zusammensackt und weint, ist es Benni, die sich zu ihr setzt und sie liebevoll tröstet. Eine Handlung, die Benni selbst im ganzen Film nicht erfährt.

Mit Blick auf vorhandenes Fachwissen in Praxis und Forschung ist eine bessere sozialpädagogische Fachlichkeit als im Film gezeigt möglich, wenn:

- ein biografisches Fallverstehen und damit ein Nachvollziehen der Handlungsmuster des Kindes als Ansatz für Lernen und Veränderungsprozesse dient;

- Biografiearbeit mit dem Kind zum Selbstverstehen der eigenen Geschichte, der eigenen Handlungen und der Akzeptanz der eigenen Lebenssituation sich durch den Hilfeprozess zieht;

- eine umfassende Beteiligung des Kindes, auch unter Gewährleistung der Rechte des Kindes (Stichwort: Kinderrechte) erfolgt;

- Institutionen/Organisationen sich flexibel in der Gestaltung von Hilfesettings zeigen, um sichere soziale Orte und für den Einzelfall geeignete Maßnahmen für das Aufwachsens von Kindern zu gewährleisten;

- Fachkräfte Beziehung und Nähe zum Kind herstellen;

- Krisen und Eskalationen von Fachkräften und Kindern bewältigt werden können und daraus immer wieder Anfänge für gemeinsame Lernprozesse möglich werden;

- Fachkräfte ihr eigenes Handeln fortwährend reflektieren, um sich u.a. nicht in die Dynamik des Falls zu verstricken;

- und auch Verantwortung für die Aufrechterhaltung von Menschlichkeit und Menschenwürde durchgängig übernehmen.

Es gilt, auf der Basis einer fundierten fachlichen Qualifikation, die eigene professionelle Aufgabe und Rolle zu kennen und diese in der Arbeit mit Menschen vor allem zwischenmenschlich zu gestalten.

Im Film „Systemsprenger“, der ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm ist, wird im Grunde die Geschichte eines Kindes erzählt, welchem basale Grundbedürfnisse nach Nähe, bedingungsloser Zuwendung und Liebe verwehrt werden, welches mit traumatischen Erfahrungen und deshalb auch Re-Traumatisierungen leben muss und nirgendwo einen Ort zum Leben und Aufwachsen findet. Dabei wird das Kind als ein aktiv handelnder Mensch gezeigt, welches selbst beständig Lösungsversuche zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation unternimmt. Benni gibt im Grunde nicht auf und verfällt auch nicht in (kindliche) Depressionen. Sie versucht stattdessen immer wieder aktiv einen Kontakt zu anderen Menschen und zur Außenwelt herzustellen. Ihr Ziel, bei der Mutter leben zu können, erhält sie trotz wiederholter Zurückweisung aufrecht. Die Tragik im Film besteht auch darin, dass nicht gezeigt wird, dass diese Bemühungen des Kindes zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation wahr- und ernstgenommen werden. Sie bleiben im Grunde ohne Resonanz für Benni. Es wird keine erwachsene helfende Person gezeigt, die in Ruhe mit Benni über ihr bisheriges Leben, ihre reale Lebenssituation, ihre Wünsche und die Möglichkeiten und Grenzen der Realisierung eben dieser redet. Benni selbst wird in den Hilfeprozess nicht einbezogen. Es wird über sie gesprochen und an ihr gehandelt. Es wird ihr nicht die Chance gegeben, selbst zu verstehen, was passiert und mit ihr gemeinsam reale Lebensperspektiven zu entwickeln. Diesbezüglich sind das fachliche Wissen und die Rechtslage weitaus weiter entwickelt als dies im Film zu sehen ist. Unter anderem ist Beteiligung von Kindern in Hilfeprozessen im SGB VIII gesetzlich geregelt. Dabei unterscheidet der Gesetzgeber beispielsweise nicht in Kinder, die schwieriger oder weniger schwierig oder überhaupt nicht schwierig sind. Beteiligung ist keine ‚Auszeichnung‘. Beteiligungsrechte gelten für jedes Kind! Es ist aber tatsächlich ein Phänomen der Praxis Sozialer Arbeit und Pädagogik, dass nicht allen Menschen ihre Rechte auf Beteiligung sowie weitere Bürger*innenrechte zu gestanden werden. Insbesondere Menschen, die sich in belastenden Lebenslagen, in Krisensituationen oder in schwierigen psychischen und sozialen Situationen befinden, sind davon betroffen. Diese Erfahrungen treffen im Übrigen für Erwachsene in solchen Lebenslagen genauso zu wie für Kinder. Damit werden die Menschen jedoch zu ‚Empfänger*innen‘ von Hilfen, die andere Personen, vornehmlich Fachkräfte, an ihnen ‚ausführen‘. Sie geraten in den Status eines ‚Objektes‘. Hilfe kann jedoch nur gelingen, wenn die Menschen, denen geholfen werden soll, diese als sinnvoll erachten und erfahren können. Ein wesentlicher Anteil besteht deshalb im Mit-Handeln oder im Gemeinsam-Handeln. Und dieser Prozess beginnt wiederrum mit der Realisierung der Rechte auf Beteiligung bei jedem Kind. Dass Kindern, die als schwierig gelten, möglicherweise diese und andere Rechte abgesprochen werden, wäre allerdings Stoff für einen weiteren Film.

Regina Rätz, Dr. phil., Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Alice Salomon Hochschule Berlin



[1] Eigene Zusammenstellung aus verschiedenen Gesprächen und Diskussionen mit Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe.

Promotionsrundmail Nr. 200: Persönliche Betrachtungen

Die Promotionsrundmail Nr. 200 ist verschickt worden. Nun haben diese runden Zahlen im Dezimalsystem nicht von sich aus eine Bedeutung, man muss ihnen eine zuerkennen: Im Hexadezimal-System lautet die dezimale 200 einfach: C8, im Oktalsystem: 310 und binär: 11001000 – das sieht alles wenig symbolisch aufgeladen aus. Bedeutung ist also etwas, das gegeben, verliehen werden muss. Die Bedeutung, welche die Promotionsrundmail für uns als einzelne Personen von der Redaktion und im Weiteren für die Mitglieder von Fachgruppe und Beirat hat, ist je nach biografischer Situation verschieden. Wir haben daher beschlossen, in diesem Blog der DGSA als Personen sichtbar zu werden, die hinter der Promotionsrundmail stehen.


Rudolf Schmitt - Redaktion und ehemaliger Sprecher der Fachgruppe Promotionsförderung

Ich habe den Vorteil eines kleinen Vorsprungs in der Routine, einen Rückblick zu schreiben, und kann auf meine Anmerkungen in der einhundertsten Rundmail zurückblicken (vom 11.7.2011, siehe). Dort stand das Erstaunen über das schnelle Wachstum der Rundmail seit der ersten Ausgabe im Dezember 2006 im Vordergrund, auch über die mit der Rundmail induzierten Notwendigkeiten des Schreibens einer zusammenfassenden Promotionsbroschüre, der Erstellung einer Liste zu abgeschlossenen Promotionen und einer Bibliografie zur Literatur zum Promovieren in der Sozialen Arbeit, Anfragen zu Fortbildungen und Aufsätzen, die Gründung einer Fachgruppe zur Promotionsförderung in der DGSA... Diese Institutionalisierung war nie intendiert, war es doch ein aus dem Affekt geborenes Unterfangen, mit dem ich etwas gegen die Unzulänglichkeits- und Fremdheitsgefühle der ersten von mir mitbetreuten Promotionsinteressentin bei ihrem Kontakt mit Universitäten tun wollte, auch etwas gegen meinen Zorn darüber, wie mit ihr dort umgegangen wurde. In der Gestaltung einer Rundmail hatte ich als Zuständiger für die fakultätseigene Rundmail für die Absolvent_innen schon einige Jahre Routine und übertrug es auf den neuen Bereich. Dass ich damit an die Hauptkampflinie einer Zweiklassengesellschaft der Hochschulbildung geraten war, wurde mir in seinem ganzen Ausmaß erst später bewusst.

Wie die Rundmail bis zur hundertsten Ausgabe weiter gewachsen ist, steht in dem oben genannten Rückblick. Was hat sich seit diesem verändert?

Zum einen ist die Rundmail viel weniger auf mich als Person zentriert. Eine Zeitlang arbeitete Franziska Günauer in der Redaktion mit. Sie gründete auch das mit der Rundmail verbundene Facebook-Forum zur Promotion in der Sozialen Arbeit. Nach ihrem Rückzug aus privaten Gründen haben Oliver Zetsche, Julia Reimer, Sebastian Schröer-Werner und Vera Taube bis heute in beiden Medien mitgearbeitet - und sie werden sich in diesem Blog noch mit ihrer Perspektive vorstellen.

Zum anderen ist die Zahl der Teilnehmenden an der Rundmail seit der einhundertsten Ausgabe von ca. 1.000 auf über 2.600 Teilnehmende gestiegen. Damit hat sich auch der Fokus erweitert: Der Kampf gegen die Exklusion von promovierenden FH-Absolvent_innen und -Angehörigen aus den universitären Informationszirkeln ist immer noch ein wichtiges Motiv der Redaktionsarbeit, aber die Rundmail ist auf dem Weg dahin, eine allgemeine Wissenschaftsrundmail der Sozialen Arbeit für Fachhochschulen zu werden. Das hat sich damals schon angedeutet. 

Etwas ist zum Glück geblieben: Seit Anfang an lebt die Rundmail von den Einsendungen ihrer Abonnent_innen. Unsere "Technik" dagegen ist noch so rudimentär wie damals und nutzt Standardsoftware. Ein zeitgemäßes Redaktionssystem mit Adressenverwaltung wäre wünschenswert. Ich wünsche mir, dass die Fachgruppen und Sektionen der DGSA in ihren Veranstaltungen den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht vergessen und relevante Nachrichten regelmäßig auch an die Promotionsrundmail senden. Und weitere Überlegungen für die Zukunft? Da übernehme ich meinen nicht vergangenen Wunsch aus dem vergangenen Rückblick: "Die Promotionsrundmail ist außerhalb klassischer Medien oder Zeitschriften entstanden, und das wird sicher zunächst so bleiben. Aber warum sollte ausgeschlossen werden, dass sie irgendwann mit einer DGSA-nahen Open-Access-Online-Zeitschrift kooperiert? Die müsste freilich erst erfunden werden, wobei das österreichische Beispiel der Online-Zeitschrift der Fachhochschulen 'soziales_kapital' zur Inspiration dienen könnte."


Julia Reimer - Redaktion

In mir zumindest grau erscheinenden Vorzeiten (gefühlt sehr klein und sehr weit weg vom Doktorhut) habe ich an meiner damaligen Bürotür über die Promotionsrundmail und das Informationsangebot von Rudolf Schmitt (in Papierform) aufmerksam gemacht. Jahre oder vielleicht auch fast ein Jahrzehnt später (mit Hut in Aussicht) sitze ich an der Überarbeitung meiner Dissertation für einen Verlag und stolpere im Schreiben hier über einen kleinen, aber sehr bedeutsamen Teil meines Vorwortes: “Das Engagement von Prof. Dr. Rudolf Schmitt hat dazu beigetragen, dass ich mich nach dem Fachhochschulabschluss überhaupt an das Projekt Promotion herangetraut habe, deshalb an dieser Stelle vielen Dank für die wertschätzende Ermutigung.” Die Promotionsrundmail in jeder Fassung (ob rund oder ungerade) ist für mich genau das: ein Versuch Ermutigung und Unterstützung weiterzugeben, Mut, sich an etwas Neues zu wagen, Mut, dran zu bleiben, Mut, sich zu zeigen, Mut dazu, kooperativ zu sein und sich kollegial zu unterstützen (egal, ob ohne Hut, ob mit Hut in Arbeit oder Aussicht oder mit Hut). Also benötigte die Promotionsrundmail auf ihrem Weg vielleicht eine Portion Wut (oder Zorn zu Beginn) und benötigt viel kollegiales Engagement und Mut (immer mal wieder). Was braucht sie sonst noch? Verdient die Rundmail auch einen Hut oder ein Jubiläumskrönchen? Mich interessieren dazu weitere Perspektiven und Ideen.

 

Oliver Zetsche - Redaktion

Promovieren – was das heißt, war mir anfangs in keinster Weise bewusst. Nicht einmal im entferntesten Sinne konnte ich mir – als mich mein Betreuer der Diplomarbeit fragte, ob ich nicht auch promovieren wollen würde – vorstellen, was das bedeutet. Und das war – wenn man sich das so im Nachhinein überlegt – vielleicht auch gut so – in einer naiven Vorstellung an einen riesigen Berg Arbeit heranzutreten, um ihn nach und nach abzutragen bzw. ihn zu bezwingen. Insbesondere am Anfang könnte diese Naivität „überlebenswichtig“ sein (der Ausdruck ist bestimmt eine Steilvorlage für Rudolf Schmitts Metaphernanalyse). Denn: Welche Herausforderungen werden sich bspw. zeigen? Die Suche nach einem*einer Doktorvater/Doktormutter i. V. m. einer Universität, die sich mir “annimmt”; hochschulspezifische Macht- und Befindlichkeitsstrukturen, die buchstäblich ertragen werden müssen; Einkommensausfälle und Existenzsorgen i. V. m. prekären Arbeitsverhältnissen, die das Selbstbewusstsein nicht gerade fördern; Selbstzweifel und ein ständiges schlechtes Gewissen, sofern man einmal eine Pause macht; dafür aber „Urlaube“ und Wochenenden vollgepackt mit Arbeit; Unverständnis bei Freunden und Familie für die rare Verfügbarkeit der eigenen Person usw.
Bevor ich jedoch zur Promotionsrundmail überleite, möchte ich der negativen Seite der Medaille natürlich noch eine Auswahl motivierender Anreize entgegensetzen. Was macht also den Weg so spannend? Das kann sein: Die tiefgründige, intensive, manchmal sogar im Sinne des Flow-Erlebens berauschende Auseinandersetzung mit einem Thema. Das klingt abgedroschen, erscheint mir aber wirklich so. Eine Promotion kann in meinen Augen zu einer spürbaren Persönlichkeitsentwicklung, bspw. in Form einer Weiterentwicklung des Durchhaltevermögens, der Frustrationstoleranz und der Metareflexion führen. Sie trägt zum  Erleben von Selbstwirksamkeit bei. u. U. ist eine sehr freie Einteilung der Arbeitszeit an der Dissertation i. V. m. mit einer stetigen Ausdifferenzierung von Projekt- und Selbstmanagementkompetenzen möglich, die auch anderweitig nützlich sein können. Ich verspürte Freude über Kleinigkeiten des Fortschritts, die andere Menschen vermutlich kaum nachvollziehen können: die Freude über eine funktionierende SPSS-Syntax, das Auffinden und Einbauen eines perfekt passenden Zitats, erhellende Momente in methodischen Workshops, der spannende Austausch mit Leidensgenoss*innen auf Konferenzen und in Workshops und natürlich noch vieles mehr!
Und was hilft dabei? Wie bereits anhand des vorletzten Punktes angerissen, ist die Partizipation an einem Netzwerk, durch das man nicht nur informiert wird, sondern wodurch man auch das Gefühl bekommt, nicht alleine durch Höhen und Tiefen des Promotionsprozesses zu gehen, eine wesentliche Säule. Diese Eingebundenheit kann und sollte m. E. dabei sowohl virtuell über die digitale Vernetzung als auch anhand von (analogen) Präsenzveranstaltungen erfolgen. Und an dieser Stelle kommt die Promotionsrundmail buchstäblich “zum Tragen”. Nachdem ich mich erst einmal – u. a. unter Zuhilfenahme von Handbüchern, wie bspw. das „Handbuch Promotion“ von Nünning und Sommer (2007) – informierte, was eine Promotion überhaupt ist, stieß ich auf die Broschüre für Promotionsinteressierte und Promovierende von Rudolf Schmitt und auch auf die damit einhergehende Rundmail. Durch ihr regelmäßiges Erscheinen und damit die monatliche Information, was in Sachen „Promotion für Sozialarbeitende“ aktuell „los und möglich ist“, flankiert vom Austausch während der Promotionskolloquien und den jeweiligen Meldungen im Facebook-Forum, empfand ich diese Kombination als wahre Stütze. Das Wissen um Kolleg*innen in der Ferne half/hilft auf unerklärliche Weise. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die Schaffung dieser Struktur, lieber Rudolf!
Nach und nach erschloss ich mir auch weitere Mailinglisten, Newsletter und RSS-Feeds. Obgleich die Rundmail neben den direkten Zusendungen auch aus Nachrichten besteht, die aus anderen Verteilern entstammen, kenne ich keinen Newsletter, der eine derartig übersichtliche und präzise Zusammenfassung bzw. Fokussierung bietet. Bei der Sichtung anderer Newsletter und Mailinglisten frage ich mich dagegen oft: „Muss es denn so unübersichtlich und unvorteilhaft lesbar sein?”, und: “Geht es nur mir so oder gleicht die Durchsicht derartiger Mailinglisten/Newsletter einem durchwühlenden/durchkämpfenden Akt?“ Naja ... ich möchte nicht abschweifen und eigentlich nur ohne theatralische Überschwänglichkeit mitteilen, dass ich mir nicht vorstellen möchte, wie meine Promotion ohne diese Quelle verlaufen wäre. Vielleicht mag ja jede*r Lesende der 200. Rundmail einmal dieses Gedankenexperiment wagen und sich vorstellen, ob/was dann fehlen würde. Und falls noch etwas fehlen sollte, wäre das Redaktionsteam natürlich sehr an ebendiesem Feedback interessiert.

 

Vera Taube - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Mit der Entscheidung für die Promotion im Anschluss an mein Studium Sozialer Arbeit war für mich klar: dazu geht es ins Ausland. Prima Idee, klingt auch ganz gut - vor allem wenn man anderen davon erzählt und einem ein kleiner stolzer Schauer über Rücken läuft, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt.

Was ich nicht bedacht hatte: Promovieren ist ein echtes Gemeinschaftsunternehmen und nichts, was im stillen Kämmerlein passiert. Oder zumindest nicht die ganze Zeit.

Das habe ich allerdings erst begriffen, als ich weitab meiner finnischen Universität in Deutschland wohnend und als Sozialarbeiterin beschäftigt schnell an die engen Grenzen meiner Möglichkeiten gestoßen bin. Ohne physische Anbindung an das akademische Umfeld und ohne Kolleg*innen oder Kollegiat*innen, die sich ebenfalls mit den großen Fragen des Promotionsprozesses auseinandersetzen, war der Schauer nun nicht mehr ganz so klein und ganz sicher nicht wohlig.

Doch wenn man glaubt, es geht nicht mehr… kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Dieses Lichtlein kam in Form der Promotionsrundmail und all den anderen Info- und Vernetzungsangeboten von Rudolf Schmitt. Unglaublich aber wahr, durch die Rundmail habe ich von den relevanten Veranstaltungen erfahren, dort die schmerzlich vermissten Kontakte geknüpft und bin nun mitten drin im Geschehen. Dabei ist die Rundmail ein Mittel nach Maß, jederzeit verfügbar, zuverlässig und vielseitig. Irgendwie ist immer was dabei. Suche ich nach Finanzierung, Austausch oder Anregung - schnell mal in die Mail geguckt und schon gefunden.

Was mich darüber hinaus noch mehr beeindruckt: Die Mail ist ein Paradebeispiel für ein Gemeinschaftsunternehmen und lässt das Netzwerk von Unterstützer*innen hinter der Promotion in der Sozialen Arbeit erkennen. Das ist beeindruckend im Hinblick auf die strukturell noch in den Kinderschuhen steckende und - wie in meinem und vielleicht auch in vielen anderen Fällen - von Ausnahmen und Umwegen gespickten Verläufe dieser Qualifizierungsphase. Ich freue mich, Teil dieser Unternehmung zu sein und nun als Mit-Redakteurin und Fachgruppenmitglied die Hilfe und Unterstützung, die ich erfahren habe, anderen weiter zu geben.

 

Sebastian Schröer-Werner - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Ich zähle zu den ersten Profiteur*innen der Aktivitäten von Rudolf Schmitt, den ich bereits im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit an der damaligen Fachhochschule Zittau/Görlitz kennengelernt habe. Als ich später die Idee verfolgte, eine Promotion anzustreben, war er mein erster Ansprechpartner. Schon damals (2003) trafen wir uns mit weiteren Promotionsinteressierten und Doktorand*innen in einem eher informellen Kreis, um Informationen auszutauschen und uns gegenseitig zu unterstützen. Anfangs waren die Themen noch eher methodisch ausgerichtet. Schnell kamen wir aber dazu, strukturelle und diskriminierende Rahmenbedingungen der Promotion von Absolvent*innen der Sozialen Arbeit mit Fachhochschulabschluss zu hinterfragen. Zu dieser Zeit reifte auch die Idee, Informationen für Promotionsinteressierte und Doktorand*innen zu bündeln, weiterzutragen und die Bildung von Netzwerken zu fördern. Vera Taube hat in Ihrem Blogbeitrag die oftmals frustrierenden Erfahrungen des Einzelkämpfer*innentums bereits angedeutet. Aus der anfangs nur wenige Meldungen umfassenden Rundmail mit einer überschaubaren Anzahl von Abonnent*innen – die erste Rundmail umfasste lediglich sechs Punkte – wuchs schnell eine heute für viele nicht mehr wegzudenkende Plattform heran. Anfangs habe ich mich eher als Zuträger von Informationen verstanden, mit zunehmender Komplexität und dem Wunsch von Rudolf Schmitt nach Unterstützung habe ich mich gern bereit erklärt, in der Redaktion mitzuwirken. Heute möchte ich auch als Mitglied des Sprecher*innenteams der Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA dazu beitragen, die Situation promotionsinteressierter Absolvent*innen der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen zu verbessern und auch fachpolitische Impulse zu setzen, um nach wie vor vorhandenen Barrieren hinsichtlich des Zugangs zur Promotion abzubauen.

 

Stefanie Sauer - Fachgruppe Promotionsförderung

Willkommenskultur

Vor nicht allzu langer Zeit war die Promotion ein exklusives Vergnügen, gewissermaßen der „Adelstitel des Bildungsbürgertums“ („Die Zeit“ Nr. 9/2019, siehe) und dementsprechend schwer war der Zutritt zum erlesenen Kreis der Anwärter. Besonders hoch sind die Hürden – auch heute noch – für viele Absolvent*innen von Fachhochschulen bzw. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Zu der Zeit, als ich promovierte waren Informationen über die Promotion betreffende Fortbildungsangebote, Methodentrainings und Kolloquien häufig nicht öffentlich zugänglich: echtes Insider-Wissen eben. Nicht selten hatte ich als Promovendin den Eindruck, kein Recht zu haben, an dieser oder jener Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Ich war nicht willkommen, sondern fühlte mich als Zaungast.

Die Zeiten haben sich geändert und nach und nach haben sogar (!) einige FH und HAW ein fast (!!) eigenständiges Promotionsrecht. Und für die Kommiliton*innen der HAW gibt es mittlerweile reichhaltige Angebote an Programmen und Förderungen. Dass diese Angebote von den Hochschulen offen kommuniziert werden, ist nicht immer selbstverständlich. Von umso höherem Wert ist die Promotionsrundmail Soziale Arbeit (FH), deren 200. Ausgabe dieser Tage erscheint. Diese von Rudolf Schmitt aufgelegte und bis heute von vielen Beitragenden unermüdlich und vor allem partizipativ betriebene Plattform erfüllt ihren Sinn auf zweierlei Weise: Zum einen bietet die schiere Fülle, strukturiert aufbereitet und übersichtlich dargeboten, ein unverzichtbares Reservoir an Informationen für Promovierende. Zum anderen vermittelt die Promotionsrundmail ihren Bezieher*innen das Gefühl, in der Welt der Forschung willkommen zu sein. Neben dem praktischen Nutzen stiftet die Rundmail Identität und Zugehörigkeit.

Die Fachgruppe Promotionsförderung in der DGSA dankt Rudolf Schmitt und allen Kolleg*innen, die mit der Promotionsrundmail zum Gelingen der Promotionstätigkeit von Absolvent*innen der HAW beitragen und freut sich auf die kommenden 200 Ausgaben.

 

Claudia Steckelberg - Vorstand und wissenschaftlicher Beirat der DGSA

Beim Promovieren an einer Universität vor vielen Jahren habe ich eben diese Fremdheitserfahrungen gemacht, von denen Rudolf Schmitt schreibt. Was ich zu Beginn meines Dissertationsprojekts noch gar nicht so begriffen hatte, wurde im Laufe des Forschens und Schreibens immer klarer für mich: wie wichtig der wissenschaftliche disziplinäre Bezug ist für die eigene akademische Entwicklung und Verortung. Die Anfänge der Promotionsrundmail haben für mich dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Die Erfahrung, dass Promovieren sehr viel mehr ist als das Schreiben einer Arbeit, nämlich eine Lebensphase, in der unter anderem Vernetzung, wissenschafts- und hochschulpolitische Fragen, Existenzsicherung und berufliche Zukunftsängste, Prozesse der fachlichen Positionierung und Unsicherheiten in der Karrieregestaltung bedeutsam sind, ist für mich Motivation, mich dafür zu engagieren, dass sich die Rahmenbedingungen für diese Qualifikationsphase verbessern. Zum einen durch die Graduiertenförderung an der Hochschule, zum anderen aber auch durch die Einmischung und Positionierung bei wissenschafts- und hochschulpolitischen Themen auch als Vorstandsmitglied im Promotionsbeirat der DGSA. Dabei ist immer Verlass auf die Promotionsrundmail als Quelle für aktuelle Entwicklungen, Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten und sie ist damit unverzichtbar als Grundlage für ein kollektives Engagement in Sachen Promotion in der Sozialen Arbeit (nicht nur) seitens der DGSA.


 

„Rechtsextremismus“ – Mandat der Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit!?

Rückblick auf den gemeinsamen Studientag „Rechtsextremismus“ der Frankfurt University of Applied Sciences und der IUBH Internationale Hochschule

Rund 480 angemeldete Studierende, über 50 Referent*innen und die Erkenntnis: Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und seinen Strukturen sollte viel stärker in den Curricula der Studiengänge Soziale Arbeit verankert sein. So lässt sich der gemeinsame Studientag „Rechtsextremismus“ von Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS) und IUBH Internationale Hochschule bilanzieren.

Der Studientag, organisiert von Michaela Köttig und mir, setzt an einem aktuellen Themenfeld an: Das gesellschaftliche Klima verändert sich in Deutschland und die rassistische Hetze ‚wirkt‘: In der gesamten BRD steigen im ersten Halbjahr 2019 die Zahlen rechter Straftaten auf mehr als 8600. Dass dies nicht Normalität wird, dafür ist eine konsequente Auseinandersetzung mit den Strukturen und den Strategien von Rechtsextremist*innen, aber auch dem staatlichen und gesellschaftlichen Umgang damit, wie es dieser Studientag zum Ziel hatte, absolut notwendig. Soziale Arbeit ist dabei auf vielen Ebenen mit extrem rechten Erscheinungsformen konfrontiert: Rechte greifen seit Jahren Adressat*innen sozialer Berufe ebenso wie Jugendclubs und -häuser an. Sie attackieren Kolleg*innen, weil diese keine „klassischen Familienideale“ vermitteln würden. Rechte verbreiten in den sozialen Medien Gerüchte über Einrichtungen und provozieren damit einen medialen Shitstorm. Rechte Parteien versuchen über parlamentarische Anfragen zu Personal und Finanzierung Einfluss auf die Strukturen Sozialer Arbeit zu nehmen.

Allerdings ist die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus weder in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit selbstverständlich, noch ist sie in den Curricula der Studiengänge Sozialer Arbeit in Deutschland verankert. In angrenzenden Fachgebieten stellt sich die Situation übrigens ähnlich dar:

Dass die Erziehungswissenschaften im Allgemeinen offenbar kein besonderes Augenmerk auf den Nationalsozialismus und Holocaust legen, zeigt eine aktuelle Studie von Nägel und Kahle (2018): Hier wurden über einen Erhebungszeitraum von vier Semestern insgesamt 468 Ver-anstaltungen zum Holocaust in der Bundesrepublik ermittelt (ebd., S. 22). Dabei wurden 45 der 468 Veranstaltungen dem „disziplinären Schwerpunkt“ „Pädagogik, Erziehungswissenschaften“ zugeordnet, was rund 9,6% entspricht. Offen bleibt, ob es sich in diesen Fällen um Veranstaltungen im Kontext erziehungswissenschaftlicher Studiengänge oder auch um Veranstaltungen aus den erziehungswissenschaftlichen Anteilen der Lehramtsausbildung handelt. Insofern überrascht die Erkenntnis einer weiteren Untersuchung (Meyer & Voßberg 2019) nicht: In den untersuchten Modulhandbüchern sowie Studien- und Prüfungsordnungen von 45 erziehungswissenschaftlichen Studiengängen an 27 Universitäten in der Bundesrepublik zeigt sich ein ambivalentes Bild in der Thematisierung des Nationalsozialismus sowie aus den daraus resultierenden Folgen für das pädagogische Handeln. Auf die von Adorno geforderte „Erziehung nach Auschwitz“ wird nur in wenigen institutionellen Selbstbeschreibungen explizit eingegangen und in diesen Fällen in einer Art Anrufung verwendet, die dabei weder auf konkrete inhaltliche Dimensionen des Auftrags fokussieren noch sich in ihrer inhaltlichen Struktur auf diesen beziehen. Sie kommen inhaltlich über das bloße Labeling kaum hinaus. Weder erfolgt eine dezidierte Thematisierung von konkreten Aspekten noch die Übertragung dieser Ideen in eine Studienstruktur, was sich in der Logik und konzeptionellen Geschlossenheit des jeweiligen Curriculums ausdrücken könnte.

Zwar fehlt bisher eine fundierte empirische Forschung, die die Studienstruktur von Studiengängen Sozialer Arbeit auf die gezeigten Aspekte hin untersucht, allerdings dürften die Ergebnisse nicht viel ermutigender ausfallen. In den Hochschulen findet eine Auseinandersetzung mit Strategien der extremen Rechten deshalb nur bedingt Eingang und nicht institutionalisiert statt, so dass die Studierenden auf die sie erwartenden Praxisrealitäten in diesem Themenfeld zu wenig vorbereitet werden. Dieser Studientag ermöglichte durch die Verzahnung von Theorie und Praxis die Anschlussfähigkeit im Beruf, denn die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ist in der Arbeit mit Klient*innen zur Entwicklung von Professionalität unerlässlich. Mit diesem Studientag wurden zentrale Themen angesprochen, die für die Analysefähigkeit der Studierenden und die kritische Reflexion gesellschaftlicher Erscheinungsformen relevant sind. 

Der Studientag wurde am Vorabend durch die Staatssekretärin im Hessischen Wissenschaftsministerium, Ayse Asar, eröffnet. Im anschließenden Vortrag reflektierte Prof. Dr. Micha Brumlik (Goethe-Universität) unter dem Titel „Rechtspopulismus, Rechtsextremismus – Soziale Arbeit“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und kommentierte das Erstarken rechter Gruppierungen. An den Vortrag schloss sich bei sommerlichen Temperaturen ein Open Air-Konzert der Band „Strom & Wasser“ auf dem Gelände der Frankfurt University of Applied Sciences an. Die „Ska-Punk-Polka-Randfiguren-Rock Liedermacher-Band aus Kiel“ sammelt eine Million Euro zur Unterstützung von Soziokulturellen Zentren und selbstverwalteten Jugendhäusern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Der eigentliche Studientag begann mit der Begrüßung durch Prof. Dr. Gero Lipsmeier, Dekan des Fachbereichs 4 der FRA-UAS, sowie mit der Verleihung des Henriette Fürth-Preises an Steve Massoth für seine Arbeit „Antifeminismus in der ‚Identitären Bewegung‘ – eine Videoanalyse am Beispiel ausgewählter Videos der Kampagnen Radikal Feminin und 120 Dezibel“ und einer Laudatio von Prof. Dr. Lotte Rose. Danach standen für die Studierenden Workshops auf dem Programm. Ziel war es, den heterogenen Kenntnisstand der Studierenden aus verschiedenen Hochschulen sowie Fachsemestern zusammenzuführen und zu einem spezifischen Gegenstandsbereich theoretisch zu unterfüttern.

Der Mittagsvortrag von Prof. Dr. Michaela Köttig (Frankfurt University of Applied Sciences) bildete eine Art Scharnierstelle zwischen den beiden Teilen des Studientags. Auf Basis der historischen Entwicklungen des NSU skizziert sie, welche Rolle sozialarbeitswissenschaftliche Theorien und ihre Anwendung durch die Fachkräfte bei der Entstehung des NSU hatten.

In den anschließenden Arbeitsgruppen griffen die Referent*innen indirekt auf die Themengebiete der Workshops als theoretischer Setzung zurück. Gleichwohl veränderten sie den Blickwinkel und arbeiteten einerseits die spezifischen Verbindungen des jeweiligen AG-Themas mit Sozialer Arbeit sowie andererseits die Arbeit an potentiellen Gegenstrategien heraus.

Im Plenum stellten zum Abschluss der studentischen Arbeitsphase Vertreter*innen der AG zu Beginn kurz Inhalte und Diskussionen aus der jeweiligen AG vor und begründeten so die anschließenden Thesen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion brachten Prof. Dr. Bettina Hünersdorf (Kommission Sozialpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) sowie Prof. Dr. Barbara Thiessen (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit) die verschiedenen Positionen bei der möglichen Implementierung des Themengebiets „Rechtsextremismus“ in ein Curriculum der Sozialen Arbeit zur Sprache. Michael Leinenbach (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit) und Prof. Dr. Maria-Elenora Karsten (Leuphana-Universität Lüneburg) verwiesen in ihren Beiträgen auf die dringende Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen, denn diese seien Alltag Sozialer Arbeit und die Hochschule der Ort, an dem die künftigen Fachkräfte darauf vorbereitet werden müssten. 

Prof. Dr. Nikolaus Meyer von der IUBH Internationale Hochschule

 

Meyer, N.; Voßberg, T. (2019): Die Verankerung einer „Erziehung nach Auschwitz“ in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen deutscher Universitäten. Eine empirische Spurensuche in institutionellen Selbstbeschreibungen. In: Sabine Andresen, Dieter Nittel, Christiane Thompson (Hg.): Erziehung nach Auschwitz. Zur Aktualität von Adornos Maxime im Zeichen einer historischen Kontextualisierung. Frankfurt am Main: Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität (Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft).

Nägel, V. & Kahle, L. (2018). Die universitäre Lehre über den Holocaust in Deutschland. Berlin: Freie Universität Berlin. Verfügbar unter: https://refubium.fu-ber-lin.de/bitstream/handle/fub188/21625/Naegel_Kahle_universitaere_Lehre_ueber_Holocaust_Deutschland.pdf?sequence=7&isAllowed=y [11.01.2019].