Kohäsion und Spaltung in Social Media: Welchen Beitrag können wir leisten?

Im Folgenden möchte ich die Titel-gebenden Begriffe der Kohäsion und der Spaltung der diesjährigen trinationalen Tagung vor dem Hintergrund der Kommunikation in Social Media diskutieren. Mir ist besonders daran gelegen, die Vorteile von Dissens – insbesondere in Social Media – herauszustreichen, die zu einem vielfältigen Wir führen können.

Für die am 23. und 24. April 2021 anstehende trinationale Tagung der DGSA, OGSA und SGSA wählten die drei Fachgesellschaften den Titel „Europäische Gesellschaft(en) zwischen Kohäsion und Spaltung“. Dabei sei es für die Soziale Arbeit von Bedeutung, „nach ihrem Beitrag zum Herstellen oder auch zum Verhindern sozialer und gesellschaftlicher Kohäsion zu fragen“. Vor dem Hintergrund der Social-Media-Kommunikation interessiert mich besonders der zweite Teil dieser Aufgabe. Und ich interpretiere ihn positiv und entwickle daraus die Frage: Wie gestalten wir Wissenschaftskommunikation, oder allgemeiner: Öffentlichkeitsarbeit, im Netz, die Dissens ausdrücklich erlaubt?

Echokammern, Filterblasen, Cancel Culture

Social-Media-Plattformen, die einstigen Heilsbringer, die freie Meinungsäußerung, Beteiligung und Vielfalt versprachen, scheiterten diesbezüglich an ihren eigenen monetären Interessen. Von ihnen eingesetzte Algorithmen führen uns in Echokammern und Filterblasen, die ungefähr so vielfältig sind, wie Monokulturen. Hinzu kommt ein Phänomen, das scheinbar im letzten Jahr an Prominenz gewann: die sog. Cancel-Culture. In einem, wie ich finde, sehr lesenswerten Artikel der ZEIT beschreibt es der Autor Yascha Mounk wie folgt: „Ein Phänomen, das nicht mehr nur falsche Meinungen bekämpfen will – sondern auch die vermeintlich Falschmeinenden dahinter“. Während seines Doktorstudiums an der Harvard konnte er diesen Shift beobachten. Die vormals so streitlustigen Professor*innen und Student*innen verstummten aus der Angst heraus, sich angreifbar zu machen (vgl. ebd.). Das System Cancel-Culture richte sich eben gegen Einzelne und versuche, sie zu verdrängen. Die Methode ist zudem maximal unsachlich. Denn: „Sie begegnen einer Aussage nicht mit einem Gegenargument“ (ebd.). Im Fazit mahnt Mounk, Organisationen müssten sich ihrer Verantwortung stellen und dürften sich dem „Twitter-Mob“ nicht so einfach beugen. Es bräuchte häufiger ein „selbstbewusstes Nein“.

Nun ist es nicht mein Ziel, in diesem Beitrag diese Phänomene ausführlich zu vertiefen oder gar mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger grundsätzliche Empfehlungen für Social-Media-Kommunikation auszusprechen. Vielmehr bin ich daran interessiert, einen Blick zurück zu werfen – auf die vergangenen (fast) fünf Jahre, in denen ich als Social-Media-Beauftragte der DGSA die Profile bei Twitter, Facebook und Instagram gestaltet habe. Eine Sonderrolle nimmt zudem noch dieses Blog ein. Anlass gibt mir die baldige Aufgabe des Amtes.

Im nächsten Absatz stellt sich also die Frage: Welchen Beitrag konnten wir als Team (der Vorstand, die Mitglieder und ich) leisten, um Spaltungsprozesse, verstanden als die Unterteilung in ein „Guter Cop, böser Cop“-Schema, zu verhindern? Und wie konnten wir Kohäsion, die von Meinungsvielfalt profitiert, befördern?

Dissens erlauben, Vielfalt fördern

Nachdem ich mich zu Beginn meiner Tätigkeit in 2016 mit dem Vorstand zwar auf zwei oder drei konkrete Ziele verständigt hatte (u.a. Steigerung der Sichtbarkeit der DGSA in Social Media), bemühte ich mich zunächst „nach bestem Wissen und Gewissen“. Dies tat ich voller Selbstvertrauen in meine Skills. Schließlich war ich in meinem ersten Berufsleben PR-Beraterin und hatte somit Social-Media-Management von der Pike auf gelernt.

Nun, zum Ende meiner Tätigkeit und v.a. mit Blick auf eine gute und fundierte Übergabe an meine Nachfolgerin Julia Kneuse, sollte ein Konzept entstehen, das das Gute der letzten Jahre zusammenfasst und gleichzeitig theoretisch und methodisch auf sichere Füße stellt.

Die Reflexion der vergangenen Jahre führte mir (mal abgesehen von einigen grafischen Schwachstellen aufgrund mangelnder Photoshop-Kenntnisse meinerseits) vor Augen, dass wir es gut gemacht haben. Nicht, weil die Fan- und Follower-Zahlen schick aussehen. Nicht, weil sich eine gut funktionierende Routine eingestellt hat. Vor allem haben wir es gut gemacht, weil sich durch unser Tun eine Arbeitsweise etabliert hat, die Meinungsvielfalt willkommen heißt und für sie einsteht.

Dabei spielt das Blog eine wichtige Rolle. Hier soll es Mitgliedern der DGSA sowie auch Nicht-Mitgliedern gestattet sein, persönliche Anliegen in Form von kurzen Beiträgen zu veröffentlichen. Und obwohl ich (und zukünftig Julia Kneuse) darauf achte, dass die Beiträge nicht der Satzung der Fachgesellschaft widersprechen, soll es explizit um die Haltung der Verfasser*innen gehen. Bisweilen widersprechen sich die Blog-Beiträge in ihren grundsätzlichen Ausrichtungen und Haltungen, wie man an den Beiträgen von Bogorinsky/Lehmann und Eichhorn sehen kann.

Auf den Social-Media-Seiten der DGSA werden diese Meinungen weitergegeben. Dabei gehe ich neutral vor. Posts der DGSA sind niemals politisch oder tendenziös gefärbt – es sei denn, es wurde zuvor in der großen Runde so beschlossen.

A propos „große Runde“: Mit Stolz erfüllt mich die hervorragende Zusammenarbeit mit dem offenen und engagierten Vorstand. Sofern es nötig war, in eine Diskussion einzusteigen, konnte ich stets die meiner Meinung nach geeignete Person im Vorstand kontaktieren und um Unterstützung „in persona“ bitten. Die notwendigen Diskussionen und Aushandlungen wurden also geführt, indem Fachkundige dafür die Bühne betreten haben und nicht gleich mit dem Account der DGSA das Wort stellvertretend für alle ergriffen wurde.

Der Blick zurück erleichtert und erschwert den Abschied zu gleich. Ich habe den Job sehr gern gemacht. Für mich ergeben sich glücklicherweise im Rahmen der Fachgruppe Soziale Arbeit und Digitalisierung neue Aufgaben innerhalb der DGSA. Mit Julia Kneuse ist außerdem von nun an eine im Amt, die (endlich!) für mehr Bildqualität, v.a. auf Instagram, sorgen kann. Darüber hinaus wird sie mit ihrer einfühlsamen, aufmerksamen und engagierten Art ebenso den Nährboden für eine Mischkultur säen können, um weiterhin offen für Diskurs und Vielfalt zu bleiben. Hierfür wünsche ich ihr nur das Beste!


Michelle Mittmann (M.A. Soziale Arbeit, Mag. Angew. Kulturwissenschaften)

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Studium Soziale Arbeit trifft Digitalisierung
Sprecherin der Fachgruppe „Soziale Arbeit und Digitalisierung

 

 



Dickes Brett und Gefahr für die Qualität der Wissenschaft - oder forsch voran und eigensinnig?

Selbst- und Fremdbilder des Promovierens in der Sozialen Arbeit und ihre Konsequenzen für die Promotionsförderung

Wir schreiben Erfolgsgeschichten – jeden Tag. Wir, das sind die Promovierenden in der Sozialen Arbeit. Wir promovieren in einem Spannungsfeld zwischen Diskussionen um die „wahre Wissenschaft“, hochschulpolitischen Interessen verschiedenster Institutionen und deren Standesdünkel und Statusgerangel sowie der Konkurrenz um knappe Ressourcen. Wir promovieren aufgrund des fehlenden Promotionsrechts an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) meistens in Kompromisslösungen wie Graduiertenkollegs, Formen kooperativer Promotionen und „fremdplatziert“ an universitären Fakultäten mit mehr oder weniger Nähe zur Profession und Disziplin Soziale Arbeit. Trotzdem sollte hier nicht vergessen werden zu erwähnen, dass Soziale Arbeit auch an der ein oder anderen Universität zu finden ist (die wenigen Ausnahmen in der deutschen Hochschullandschaft sind die Standorte Duisburg-Essen, Kassel, Siegen, Cottbus-Senftenberg oder Eichstätt-Ingolstadt). Das lässt den Schluss zu, dass Promotionen in der Sozialen Arbeit unter besonderen Bedingungen stattfinden. Man könnte also sagen, dass Promotionen in der Sozialen Arbeit neben den üblichen Anforderungen an die Forscher*innen in dieser Qualifizierungsphase außerdem einer besonderen Fähigkeit der Selbstorganisation und Orientierungsfähigkeit bedürfen.

Und trotz der skizzierten Herausforderungen ist es angebracht, von Erfolgsgeschichten zu sprechen. Diesen Erfolg belegt zum Beispiel die Liste abgeschlossener Promotionen: Sie umfasst mittlerweile über 190 Einträge ­– und die „Dunkelziffer“ ist mit Sicherheit wesentlich höher. Dieses Wir, das sind die, die es geschafft haben, in diesem Spannungsfeld ihren Platz zu finden und für die Disziplin der Sozialen Arbeit zu forschen. Das sind die, die sich in vielen Punkten von Promovierenden in den gängigen universitären Disziplinen unterscheiden – und in vielen Punkten auch wieder nicht (Fritz et al., 2020).

Das sind die, um die sich viele Bemühungen drehen, nicht nur seitens der betreuenden Fakultäten und Professor*innen, sondern auch seitens politischer Akteur*innen wie der DGSA und dem Fachbereichstag (FBTS). Hier geht es nicht nur um die Sozialarbeits-Promovierenden, sondern auch um das große Ganze der Sozialarbeitsforschung. Die Bemühungen zielen auf das Promotionsrecht für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und darauf, die Soziale Arbeit in die Fächersystematik der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufzunehmen. Beide Aktivitäten sind wichtige Aspekte für die Schreiber*innen von Erfolgsgeschichten, denn sie bestimmen in hohem Maße die Rahmenbedingungen, in denen an den Geschichten gearbeitet wird. Nicht zuletzt können diese Rahmenbedingungen für den Erfolg oder das Scheitern – oder zumindest den Aufwand und die entstehenden Reibungsverluste beim Schreiben – ausschlaggebend sein.

Erfolgsgeschichten schreiben übrigens nicht nur die Promovierenden, sondern auch diejenigen, die diese Qualifizierungsphase bereits hinter sich haben. Diejenigen, die als Professor*innen und Forscher*innen in der Sozialen Arbeit grundlagen- und anwendungsbezogen forschen und die Wissensbasis der Disziplin aus der eigenen Perspektive heraus erweitern (Sommer & Thiessen, 2018).

Gefahr für die Qualität der Wissenschaft?

Laut Wissenschaftsrat (2010) und Deutschem Hochschullehrer*innenverband (2014) sind diese Promovierenden auch die, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Sozialisation und Ausbildung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften eine „Gefahr“ für die Wissenschaft darstellen. Sie „[verwässern] die hohe Qualität der Promotionen“ und vermischen die voneinander zu unterscheidenden Aufgaben von Ausbildung und Wissenschaft auf unzulässige Weise. Wer sich an dieser Stelle wundert über die Antiken Quellen, die ich hier zitiere: Auch wenn sich die Lage rund ums Promovieren in der Sozialen Arbeit seitdem sehr verändert hat, sind das die aktuellsten offiziellen Statements dieser beiden Institutionen zum Thema Promotionsrecht an HAWs. Auch nach eingehender Recherche musste ich feststellen, dass diese elf bzw. sieben Jahre alten Aussagen bis heute gelten bzw. nicht durch ein neueres Statement abgelöst oder verändert wurden (siehe auch Zitierung des Wissenschaftsrates in der Stellungnahme der DGSA zur Promotion aus dem Jahr 2019). Die erste Idee des bayerischen Wissenschaftsministers Bernd Sibler zur Frage nach HAW-Promotionen im Zuge der bayerischen Hochschulrechtsreform ist: „Wir wollen keine Entwertungen von Promotionen, sondern eine Stärkung“ (Wissenschaftsminister Bernd Sibler Im Dialog: Die Hochschulrechtsreform in Bayern, 2021). Viele stellen sich außerdem die Frage: Wo sollen bloß all die promovierten Sozialarbeiter*innen hin? Wenn die Promotionswege geebnet werden, was fangen wir mit der zu erwartenden Schwemme von für die Praxis hoffnungslos überakademisierten und für die Wissenschaft laut Wissenschaftsrat und Hochschullehrer*innenverband leider absolut unterqualifizierten Sozialarbeiter*innen an? Man verzeihe mir an dieser Stelle neben der Hyperbel auch den durchaus gewollten ironischen Einschlag. Es ist nicht immer einfach, Fremdbeschreibungen ohne emotionale Regung hinzunehmen – vor allem wenn sie sich von der Eigenwahrnehmung so kategorisch unterscheiden. Und dabei spreche ich nicht nur von meiner persönlichen Eigenwahrnehmung, sondern beziehe mich dabei auch auf Aussagen und Selbstbilder meiner Mitstreiter*innen aus den Reihen der Promovierenden und der Promotionsförderung.

Zum Alltag der Sozialarbeitspromovierenden

Um ehrlich zu sein, bewegt sich die Eigenwahrnehmung zwischen Extremen - einer unbändigen Neugier und Lust, zur Wissensbasis der eigenen Disziplin beizutragen und dieses Wissen zu teilen und zu erweitern. Und dem (durch den dargestellten Diskurs durchaus mit bedingten) Zweifel, ob und wie das gelingen kann. Neben den ganz normalen Selbstzweifeln und Imposter-Ängsten und dem nicht eben ermutigenden zuvor dargestellten Diskurs über die Forschungsfähigkeit von HAW-Absolvent*innen muss an dieser Stelle auch noch auf das besondere Verhältnis der meisten Sozialarbeitspromovierenden zur Praxis hingewiesen werden. Nicht selten promovieren Sozialarbeiter*innen nebenberuflich, während sie in der Praxis außerhalb der Hochschule arbeiten (Fritz et al., 2020). Je ferner die Hochschule, desto schwieriger scheint es zu sein, sich in die akademischen Kreise einzufinden und sich zugehörig zu fühlen „trotz“ enger Verbindung zur Praxis. Auch wenn sich die Soziale Arbeit als eine Handlungswissenschaft versteht, erreicht die integrierende Wirkung dieser besonderen Forschungshaltung ihre Promovierenden häufig nicht. Eine weit verbreitete Idee ist es im Übrigen auch, „in Sozialer Arbeit“ promovieren zu wollen - um dann des Öfteren ernüchtert feststellen zu müssen, dass das irgendwie nicht so direkt geht. Diejenigen, die an Fakultäten anderer Disziplinen promovieren, ereilt besonders oft das Gefühl „ein Alien“ oder „irgendwie fehl am Platze“ zu sein. Solche Selbstbeschreibungen tauchen vor allem dann auf, wenn das Selbstverständnis der Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft nicht kompatibel ist zur Kultur an der Promotionsfakultät. Hier wird der Findungsprozess dann als besonders langwierig und schwierig beschrieben und hängt nicht zuletzt von einer fähigen Betreuung ab, die durchaus als „Integrationshilfe“ verstanden werden kann (Ghanem & Pankofer, 2017).

Aber halt. Mein Ziel ist es nicht, einen weiteren Text zu verfassen, der darin aufgeht die Benachteiligung der Sozialen Arbeit im Wissenschaftszirkus zu erläutern. Das haben viele andere – übrigens auch im internationalen Kontext – bereits ausführlich und sehr treffend getan (Brekke, 2014; Engelke et al., 2009; Sommerfeld, 2014). Auch über die Benachteiligung von promotionsinteressierten Absolvent*innen von HAWs wurde bereits viel geschrieben und die Thematik soll hier nicht im Mittelpunkt der Überlegungen stehen (Alisch & May, 2020; Müller-Bromley, 2019; Sauer et al., 2021). Gehen wir noch einmal zurück zu Bernd Siblers Idee, der Entwertung von Promotionen entgegen zu wirken und sie stattdessen zu stärken. Er ergänzt seine Aussage nämlich noch durch einen wichtigen Satz: „Promovierende brauchen ein starkes akademisches Umfeld.“ Sehen wir mal über die Entwertungs-, Verwässerungs- und Verwischungsnarrative hinweg und richten unsere Aufmerksamkeit auf die Promotionsförderung in einem zugegeben schwierigen Feld.

Zur Geschichte der Promotionsförderung in der Sozialarbeitswissenschaft

Ein Blick in die Geschichte der Bemühungen um die Förderung von Promotionen in der Sozialen Arbeit zeigt eine zunehmende Bündelung und Strukturierung verschiedener Aktivitäten rund um die DGSA. Schmitt (2017) setzt den Anfangspunkt konkreter und organisierter Untertützung 1998 bei der Gründung des DGSA Promotionskolloquiums am Standort Berlin durch Albert Mühlum, Silvia Staub-Bernasconi und Wolf Rainer Wendt. Ziel dieses jährlich stattfindenden Kolloquiums war es, dem wissenschaftlichen Nachwuchs, der in den Nachbardisziplinen promoviert, die Nähe zur Sozialen Arbeit zu erhalten – durch disziplineigene fachliche Unterstützung und die Einbindung in ein Netzwerk. In diesem Sinne bieten die DGSA-Promotionskolloquien auch heute noch Raum zur Vernetzung unter Promovierenden der Sozialen Arbeit sowie insbesondere für den Austausch im Hinblick auf die inhaltliche und methodische Gestaltung des eigenen Promotionsvorhabens. Im Protokoll des ersten Promotionskolloquiums (Mühlum 1998) ist die Rede von Wegen, die mit Hürden verstellt sind, von unübersichtlichem Gelände und der Zusicherung an die Promovierenden, sie seien Pionier*innen. Seit 2007 tagen diese zweitägigen Kolloquien jährlich (im Frühjahr an der EH Freiburg, im Herbst an der ASH Berlin, seit 2013 auch in Bochum). Im Januar 2021 wurde das vierte, regional im Südosten verortete Kolloquium etabliert. Die Kolloquien haben eine feste Programmstruktur mit Fachvortrag, Erfahrungsaustausch und Präsentationen aktueller Dissertationen aus dem Kreis der Teilnehmenden. Außerdem finden Workshops zu Inhalten und Methoden sowie orientiert am aktuellen Arbeitsstand der Teilnehmenden statt: (bspw. Exposéentwicklung; qualitativ-rekonstruktive Analyse; qualitative Inhaltsanalyse; quantitative Designs). Neben Professor*innen, die zur Unterstützung und zum Austausch zur Verfügung stehen, ist auch die informelle Netzwerkbildung der Promovierenden untereinander ein wichtiger Aspekt der DGSA Promotionskolloquien. Es ist möglich, mehrfach an einem regional verorteten Kolloquium, oder aber an allen deutschlandweiten Kolloquien teilzunehmen (Gahleitner et al., 2012; Schmitt, 2017).

Die Gründung der Fachgruppe Promotionsförderung in der DGSA im Jahr 2009 verfolgte das Ziel, den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit auf politischer Ebene wie auch tatkräftig zu unterstützen. Im gleichen Jahr wurden Promotionsbeauftragte an Fakultäten Sozialer Arbeit eingeführt – als niedrigschwellig zu erreichende Ansprechpartner*innen für promotionsinteressierte Studierende und Multiplikator*innen des Themas an den Hochschulen. Als weiterer wichtiger Aspekt der Promotionsförderung ist die Schaffung von Infrastruktur zu nennen. Eine Sammlung von Fachzeitschriften, Promotionen nach FH-Abschluss und die laufend aktualisierte Bibliographie zur Thematik sollen Orientierung und einen erleichterten Zugang zum Thema Promotion bieten, um weitere Schritte auf dem Weg hin zur Promotion aufzuzeigen. Neben den genannten Aktivitäten wurden Netzwerke etabliert in Form eines Facebook-Forums und der Promotionsrundmail, die seit 2006 monatlich an mittlerweile über 2500 Abonnent*innen versendet wird. Neben der Gründung eines wissenschaftlichen Beirats zur Promotion (hier sind neben der DGSA auch der FBTS, sowie die Sektion Sozialpädagogik der DGfE beteiligt) werden Tagungen rund um das Thema Promovieren veranstaltet. Die neueste Aktivität der Fachgruppe umfasst die seit 2018 stattfindende Vorkonferenz zur DGSA Jahrestagung. Diese zielt auf Vernetzung und Informationsaustausch von Promovierenden und Promotionsinteressierten ab und schließt sich an die Bemühungen um selbstorganisierte Arbeitskreise und Gruppen Promovierender an. Genauer betrachtet findet sich ein gemeinsamer Nenner dieser Aktivitäten, der in der Literatur über und für Promotionsförderung in der Sozialen Arbeit erklärt und beschrieben wird: Ausgleich von strukturell bedingten Nachteilen, speziellen Beratungsbedarfen hinsichtlich der Organisation und des Ablaufs einer Promotion, Verringern der Lücke zwischen HAW-Absolvent*innen und Anlaufstellen an Universitäten (Schmitt, 2017; Schmitt & Gahleitner, 2016). Schon wegen der räumlichen Trennung von HAWs und Universitäten bestehen gewisse Berührungshemmnisse für Promotionsinteressierte der Sozialen Arbeit. Diese Klüfte sind mittlerweile vor allem durch Graduierteninstitute, Promotionsverbünde und kooperative Promotionsformen (darunter z.B. das BayWiss Verbundkolleg Sozialer Wandel in Bayern, das Graduierteninstitut „Soziales und Gesundheit“ in NRW oder das kooperative Promotionskolleg „Raum-Alltag-Produktionsweisen des Sozialen“ in Hessen) deutlich verringert. Seit Stattfinden des ersten DGSA Promotionskolloquiums hat sich durch die Etablierung solcher Verbünde einiges in der Promotionslandschaft geändert. Strukturen wurden geschaffen, werden beworben und genutzt.

Die Zukunft der Promotionsförderung

Was gibt es also noch zu tun für eine zukünftige Promotionsförderung? Viel! Die Verbünde verringern zunächst einmal Zugangsprobleme und Fragen rund um die  Betreuer*innensuche. Nichtsdestotrotz gehen Universitäten und HAWs hier eine nicht ganz voraussetzungsfreie Allianz ein (Sauer et al., 2021). Diese ebnet Wege in und durch die Promotion zwar merklich, stellt jedoch trotzdem eine Kompromisslösung dar. Noch immer finden sich Promovierende der Sozialen Arbeit an Fakultäten anderer Disziplinen verortet und können ihre Forschung in den Kategorien großer Forschungsförderungsprogramme und Drittmittelgeber mangels schierer Existenz nicht einordnen. So ganz einfach ist es also immer noch nicht, sich in der Forschungslandschaft zu orientieren, zu verorten und trotzdem die eigene disziplinäre Anbindung nicht zu verlieren. Also braucht es nicht nur Ausgleich von Defiziten. Wie in allen Fächern braucht es für eine erfolgreiche Promotion vor allem Orientierung und Selbstorganisation. Damit muss die Frage WIE sinnvolle Promotionsförderung gelingen kann das Ziel verfolgen, ein starkes akademisches Umfeld in der eigenen Disziplin zu schaffen. Es kann nicht nur allein aus der Position struktureller Benachteiligung von Promovierenden in der Sozialen Arbeit heraus gedacht werden.

Die Frage danach, wie ein starkes akademisches Umfeld für die Disziplin geschaffen werden kann, fordert Sozialarbeitsforscher*innen weltweit heraus – auch in Ländern in denen Soziale Arbeit längst fest an Universitäten etabliert ist (Fong, 2014; Guerrero et al., 2018). Hier spielt vor allem die Frage, wie die Forschung die Soziale Arbeit in ihrer Beziehung und Rolle zur Praxis erfassen und entwickeln kann, eine zentrale Rolle (Anastas, 2015; Goodman, 2015; Hartocollis et al., 2014). Denn wer sagt, dass die enge Beziehung von Wissenschaft und Praxis in der Sozialen Arbeit ein Mangel sein soll? Liegt nicht im Theorie-Praxis-Spagat der Promovierenden, Forschenden und Lehrenden der Sozialen Arbeit das besondere Potential der Disziplin? Wer käme auf die Idee, der Medizin ihren Wissenschaftsstatus abzusprechen, weil sie Forschungsergebnisse in die Praxis einspeist? Sicherlich niemand. Es braucht also Förderstrukturen, die diesen Spagat zwischen Wissenschaft und Praxis, aber auch zwischen verschiedenen disziplinären Betreuungshäfen meistern.

Fritz et al. (2020) zeigen anhand der Ergebnisse einer Umfrage unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs Sozialer Arbeit eine weitere für Promotionsprozesse in der Sozialen Arbeit typische Problematik auf: Die Qualifizierungsphasen von Sozialarbeitsforscher*innen weisen einen hohen Individualisierungsgrad auf. Die sich in den Ergebnissen der Studie widerspiegelnden Lebens- und Arbeitsbedingungen zeichnen eine höchst heterogene Gruppe, die schwer auf einen Nenner zu bringen ist. Viele Promovierende kehren z.B. nach längerer beruflicher Tätigkeit an die Hochschule zurück, um zu promovieren. Die Altersspanne ist entsprechend weit und auch Familie, Care-Aufgaben oder Kindererziehung gehören häufig zum Alltag der Promovierenden. Durch die vielfältigen Hintergründe und fehlende strukturell verankerte Lösungen für Promotionen für Sozialarbeiter*innen forscht und arbeitet der wissenschaftliche Nachwuchs in unterschiedlichsten Zusammenhängen und organisatorischen Gegebenheiten. Klingt erst einmal nicht schlimm – wir Forscher*innen sind ja immer irgendwie auch Einzelkämpfer*innen, hochspezialisiert in unserem Interessengebiet und wichtigstes Medium unserer Erkenntnisse. Bei genauerem Hinsehen birgt diese Lage aber ein erhöhtes Risiko des Scheiterns von Promotionsprozessen (Barak & Brekke, 2014). Verschlimmert wird diese Gefahr noch, wenn die Verankerung in der eigenen Disziplin fehlt (Cnaan & Ghose, 2018).

Kurzes Zwischenfazit

Promovierende Sozialer Arbeit sehen sich mit struktureller Benachteiligung durch die derzeitige wissenschaftspolitische Situation konfrontiert. Sie sind nach wie vor zu großen Teilen angewiesen auf die Gastfreundschaft fremder Disziplinen, zwar abgemildert durch kooperative Modelle, die aber in Fragen der Begutachtung meist den Schwerpunkt auf die universitäre Betreuung und deren Inhalte legen. Darüber hinaus ist ihr typisches Merkmal, in diversen Lebens- und Arbeitsumständen zu promovieren, ein Risiko für das Gelingen der Promotion, wenn diese Heterogenität nicht fruchtbar gemacht werden kann. Diversität erschwert die Etablierung von Unterstützungsstrukturen, da sie anhand von standardisierten Mitteln kaum den Bedarf der Adressat*innen treffen kann.

Promotionsrecht hin oder her: Eine Konsequenz, die sich daraus für zukunftsweisende – und an den gegebenen Umständen ausgerichtete – Promotionsförderung ergibt, muss also sein: Sie muss die Verwurzelung in und Reibung mit der eigenen Disziplin ermöglichen. Sie kann sich nicht darin erschöpfen, Vermittlungshilfe für Promotionsbetreuungen zu liefern. Sie muss Räume für Diskurs und Auseinandersetzung mit den zentralen Themen der Disziplin Sozialer Arbeit eröffnen. Sie muss Inhalte, Fragen, Ergebnisse und Entscheidungen mit der Brille sozialarbeiterischer Denke betrachten. Sie muss Haltungen, Grundannahmen und Vorgehensweisen aus anderen disziplinären Zusammenhängen als solche kenntlich machen und kritisch auf die Passung für die Soziale Arbeit hinterfragen. Und sie muss unterstützen, dass Sozialarbeitsforscher*innen sich auf der Basis der disziplineigenen Theorien und Haltungen Meinungen bilden und diese im akademischen Diskurs fundiert vertreten können. Eigentlich muss sie sich nur auf die Kernthemen Sozialer Arbeit berufen: Befähigung, Begleitung, Hilfe zur Selbsthilfe und ein gerüttelt Maß an Fremdverstehen, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu erden und die Ergebnisse der Bemühungen für die Disziplin fruchtbar zu machen. Genau hier liegen die Herausforderungen zukünftiger Promotionsförderung auf der Mikroebene der Promovierenden, jenseits des politischen Engagements. Es gilt, die Forschung im Rahmen von disziplineigenen Besonderheiten zu sichern. Es gilt, bestehende Strukturen in diesem Sinne zu ergänzen und Heterogenität fruchtbar zu machen.

Sicherlich liegen weitere Herausforderungen der Promotionsförderung auch im Bohren eines anderen dicken Bretts – dem Brett, das Promotionsrecht an HAWs zu etablieren und so einen großen Anteil struktureller Benachteiligung aufzuheben. Damit würde die Praxisnähe der HAWs und der Sozialen Arbeit, die für viele Kritiker*innen ein Problem darstellt und ihren Forscher*innen manchmal einen zu weiten Spagat abverlangt, endlich als Innovationspotential erkannt, das durch die Forschung aktiviert werden kann anstatt sie zum Scheitern zu bringen. Was wir aber bis dahin tun können, um eine sozialarbeitsorientierte Promotionsförderung voran zu bringen ist, Strukturen zu schaffen, in denen Haltungsentwicklung und Sozialarbeitsperspektive möglich sind. Hierzu wurde die Vorkonferenz als institutionalisierter Treffpunkt für Peer-Vernetzung sowie Informations- und Erfahrungsaustausch geschaffen. Die bestehende Infrastruktur wird laufend aktualisiert, erweitert und immer wieder ins Gedächtnis gebracht. Darüber hinaus liefern die DGSA-Promotionskolloquien eine hochschulübergreifende Struktur des Austausches und Mentorings, die sich auf Reflexion und Diskussion aus der Perspektive der Disziplin konzentriert. In den bestehenden Angeboten finden Promovierende der Sozialen Arbeit Informationen und Modelle, die sie nutzen können, um die eigene Arbeit voran zu bringen, Schwierigkeiten zu überwinden und ihren Weg zu finden.

Unter den gegebenen Umständen müsste also festgestellt werden, dass das Promovieren und die Förderung von Promotionen in der Sozialen Arbeit angesichts der aktuellen hochschulpolitischen Lage gleichzeitig dünnes Eis, ein dickes Brett und eine Pionierleistung ist. Sie geht sehr wohl forsch voran, und arbeitet an ihrem Ausbau. Und nimmt dabei eigensinnig den Spagat zwischen Theorie und Praxis in Angriff. Die Förderung von Nachwuchswissenschaftler*innen erfordert mehr als den Ausgleich von Defiziten. Sie braucht Mitstreiter*innen, „Gangs“ (Fritz et al., 2020), Lotsen, Role-Models und vor allem die Perspektive der Sozialen Arbeit, um den wissenschaftlichen Nachwuchs der Disziplin erfolgreich werden zu lassen.

Was wir also suchen, sind Verbündete beim Bohren dicker Bretter (dieses Bild trifft mit Sicherheit disziplinübergreifend auf alle Promotionen zu) und Begleiter*innen beim forschen(den) Voranschreiten. Wir brauchen außerdem Gelegenheiten und kritische Freund*innen für das nimmermüde Reflektieren, Diskutieren und Rückbeziehen der eigenen Ideen auf Theorien und Diskurse innerhalb und außerhalb der eigenen Disziplin. Das Ziel, ein starkes akademisches Umfeld für die Promovierenden der Sozialen Arbeit zu schaffen, braucht Unterstützung aus den eigenen Reihen. Damit wird die disziplineigene Perspektive gesichert und die Eigensinnigkeit sozialarbeiterischer Forschung bewahrt, die so notwendig ist, um den Anschluss an den differenzierten und umfangreichen Wissensbedarf der Profession zu sichern (Taube, i.E.).

Vera Taube

Sprecherin der Fachgruppe Promotionsförderung und Mit-Organisatorin der Vorkonferenz

 

Vielen Dank für die Hinweise, Kommentare und Impulse von Julia Hille, Fabian Fritz, Eva Maria Löffler, Nils Klevermann und Julia Kneuse, die zur Entstehung dieses Blogposts beigetragen haben!

 

Quellen

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Taube, V., Reimer, J. & Schmitt, R. (2021). Promotion mit Fachhochschulabschluss. In: F. Günauer, A. Kräger, J. Moes, T. Steidten & C. Koerpnik (Eds.), GEW-Handbuch Promovieren mit Perspektive (pp.89-97). WBV.

Wissenschaftsminister Bernd Sibler im Dialog: Die Hochschulrechtsreform in Bayern. https://youtu.be/FbfNKt8OR7k (Zugriff am 11.02.2021).

Wissenschaftsrat. (2010). Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem. www.wissenschaftsrat.de. www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/10031-10.pdf (Zugriff am 20.02.2021).


DGSA wird um Fachgruppe „Digitalisierung und Soziale Arbeit“ ergänzt

Als im Frühjahr 2020 erstmalig sämtliche Universitäten und Hochschulen in Folge der Ausbreitung von COVID-19 schließen mussten, konnte kaum jemand ahnen, dass der Ausdruck „Digitalisierungsschub“ im weiteren Verlauf des Jahres zu einer zentralen Begrifflichkeit werden würde. Dieser Schub hat sich als Beschreibung für einen Wandel etabliert, der Pandemie-bedingt (in Teilen) beschleunigt wurde und zur ‚digitalen Aufrüstung‘ zahlreicher gesellschaftlicher Bereiche geführt hat. Unter anderem waren auch die Ausbildungsinstitutionen für Soziale Arbeit herausgefordert, Inhalte digital zu vermitteln und den Betrieb sicherzustellen. Gleichzeitig wurden die Angestellten zahlreicher Organisationen ins Homeoffice geschickt, für welches es Infrastrukturen zu schaffen galt, um digital oder „auf Distanz“ weiterarbeiten zu können. Die Praxis Sozialer Arbeit war umso stärker betroffen, als dass Kontakte zu Adressat*innen von heute auf morgen auf ein Minimum reduziert werden mussten. Bisweilen waren Kontakte gänzlich unmöglich geworden: So haben z.B. Fachkräfte aus der Schulsozialarbeit auf verschiedenen Konferenzen und Tagungen berichtet, dass mitunter keine adäquaten digitalen, datenschutzkonformen Wege zur Verfügung standen und die Ausstattung der Praxis häufig noch eine zentrale Frage war. Dem muss aber auch gegenübergestellt werden, dass es durchaus etablierte Angebote zur Online-Beratung gibt (und gab) und auch ein Bachelor-Studiengang „Soziale Arbeit Online“, der deutschlandweit angeboten wird, längst existiert. Eine Ausstattung und inhaltliche Arbeit in der Breite ist jedoch das, was bis dato noch oft fehlt und Fachkräften die Arbeit nicht unbedingt einfacher macht.

Bettina Radeiski und Michelle Mittmann blickten bereits im März 2020 auf die digitalen Herausforderungen vor dem Hintergrund der Corona-Krise und nahmen in den Blick, wie sie im Netz diskutiert und an Hochschulen umgesetzt werden. Im Laufe des Jahres ist sowohl im Blog der DGSA aber auch auf eigens geschaffenen Plattformen wie dem „SozPaed-Corona“-Blog über die COVID-19-bedingten Herausforderungen geschrieben und diskutiert worden. Diese gingen stets mit Debatten um den Fortschritt der Digitalisierung einher – in der Praxis wie an den Hochschulen.

Sozialarbeitspraxis unter Lockdown-Bedingungen

Die Sozialarbeitspraxis war 2020 fortan im Krisenmodus: Hilfestellungen mussten den Lebenslagen im Lockdown unter Zeitdruck angepasst werden. Die Herausforderungen, die der Praxis Sozialer Arbeit durch die Corona-Krise „beschert“ worden sind, haben neue Fragen aufgeworfen: Wie überstehen die eigenen Klient*innen die verordneten Einschränkungen im Job und in der Freizeit? Wie lassen sich bewährte Methoden „digitalisieren“, die mehr als einen virtuellen Raum benötigen? Damit einher geht ganz grundsätzlich auch die Frage, wie die Zukunft Sozialer Arbeit im Zuge gesellschaftlicher Digitalisierungsprozesse überhaupt aussehen soll. Dabei befindet sich das Sozialwesen bereits seit Jahren in einem Wandel, der nicht zuletzt maßgeblich durch eine zunehmende Digitalisierung geprägt und durch die COVID-19-Pandemie noch deutlicher geworden ist. Bereits in einer von ver.di im Jahr 2017 in Auftrag gegebenen Studie zeigte sich, dass der Digitalisierungsgrad im Sozialwesen zum damaligen Zeitpunkt bei 67,3 Prozent lag (vgl. Müller/Roth 2017, S. 19). Unter dem Begriff Digitalisierungsgrad fassen die Autor*innen dabei im weitesten Sinne das „Ausmaß und [die] Formen der Arbeit mit digitalen Mitteln“ (ebd., S. 21) zusammen. In anderen Branchen, in denen Sozialarbeiter*innen ebenfalls tätig sind, wie beispielsweise in der Verwaltung oder im Gesundheitswesen, ist der Digitalisierungsgrad laut Studie sogar signifikant höher (vgl. ebd.).

Corona als Ursprung einer breiten Digitalisierungswelle einzustufen, würde jedoch zu kurz greifen. Bereits zuvor stellten sich häufig Fragen nach Ausstattungen und Kompetenzen, die parallel zu zunehmend digitalisierten Lebenswelten von Adressat*innen in den Fokus rückten. Anbieter wie Facebook, Google und Co. und Themen wie Hate Speech, Cybermobbing und Medienbildung beeinflussten die sozialarbeiterische Agenda schon lange vor 2020. Dadurch sind nicht nur Theorien und Methoden herausgefordert, sondern auch die Bearbeitung oder Minimierung von existierenden oder entstehenden sozialen Ungleichheiten ist über die vergangenen Jahre hinweg zu einer zentralen Aufgabe geworden – auch im digitalen Raum (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2013, S. 53 & 2017, S. 64). Hinzu kommt eine langjährige Debatte über die curriculare Verankerung von Digitalisierung“, Medienbildung“ und digitalen Kompetenzen“ (siehe hierzu u.a. Helbig/Roeske 2020; Mittmann 2019), wenngleich zumeist im Einzelfall geklärt werden muss, was das konkret heißt. Dazu gehören Fragen danach, ob und wie Curricula empirisch und wissenschaftlich gestützt weiterentwickelt werden müssen. Sicher ist bis hierher nur, dass die Digitalisierung immer weitere Kreise zieht und Soziale Arbeit auf Meso-, Makro- und Mikroebene zunehmend beeinflusst und verändert. Die COVID-19-Pandemie ist häufig als Brennglas-Metapher herangezogen worden, wenn es zu Fragen rund um Digitalisierung kam.

Digitalisierung in ihren Facetten beleuchten und einbringen

Mit dem Blog-Beitrag im März 2020 wurde der Stein ins Rollen gebracht und fortan entwickelte sich innerhalb der DGSA eine Diskussion darüber, ob eine Fachgruppe zum Themenkomplex Soziale Arbeit und Digitalisierung ins Leben gerufen werden sollte. Im Mai 2020 drang jener Diskurs nach außen, sodass nach und nach Personen kontaktiert wurden, um die Gründung einer Fachgruppe „Soziale Arbeit und Digitalisierung“ in die Wege zu leiten. Dabei wurde schnell klar, dass es vier zentrale Bausteine gibt, die thematisch für die Gruppe relevant werden sollten: „Digitalisierung, Profession und Disziplin Soziale Arbeit“, „Digitalisierung und Sozialwirtschaft“, „Digitalisierung und Adressat*innen Sozialer Arbeit“ sowie „Digitalisierung, Lehren und Lernen in der Sozialen Arbeit“. So entstand Schritt für Schritt ein Gremium bestehend aus verschiedenen Expert*innen [1], welche sich im Juli 2020 zum ersten Mal begegneten – digital. Wenngleich sich einige der beteiligten Personen aus unterschiedlichen Kontexten bereits kannten, so fand die konstituierende Sitzung in der damaligen Zusammensetzung in Form einer Videokonferenz statt. Die Digitalisierung forderte also nicht nur die Zusammenkunft als solche heraus, sondern sie stellt ebenso eine wichtige Säule für die Gründung und Arbeit der Fachgruppe dar. Denn neben Videokonferenzen kommen unterschiedliche Tools zum kollaborativen Arbeiten zum Einsatz, die über eine E-Mail hinausgehen. Zu diesem Zeitpunkt waren viele der im Frühjahr 2020 angestoßenen Prozesse bereits ein Stück weit vorangeschritten, sodass das digitale Aufeinandertreffen keine große Hürde mehr darstellte. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist sich die Fachgruppe dementsprechend mehrfach digital begegnet. Dabei sind nicht nur ein Arbeitspapier und ein produktives Miteinander entstanden, sondern auch die Rahmenbedingungen geschaffen worden, die für die Gründung der Fachgruppe „Soziale Arbeit und Digitalisierung“ notwendig waren. Mit Beginn des Jahres 2021 sind nunmehr auch sämtliche ‚Gründungsmitglieder‘ Mitglieder der DGSA, sodass auch die letzten formalen Anforderungen erfüllt sind.

Auf der Homepage der DGSA gibt es weitere Informationen zu den konkreten Anliegen der neuen Fachgruppe, welche sich zahlreichen Fragestellungen widmen möchte, die Soziale Arbeit nicht erst seit COVID-19 begleiten und auch nicht mit dem Ende der Pandemie wieder verschwinden werden. Wir freuen uns, unsere Arbeit „offiziell“ aufnehmen zu können. Weitere Interessent*innen aus allen Bereichen der Sozialen Arbeit heißen wir ab sofort herzlich willkommen.

Kontakt per email an: digsa@listserv.dfn.de

Die Anmeldung zur Mailingliste der Fachgruppe ist über diesen Link möglich: www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/digsa 

Adrian Roeske (M.A. Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informationsmanagement Bremen, Promovend an der Universität zu Köln (Datafizierung Sozialer Arbeit, digitale Ungleichheiten und Schulsozialarbeit)


[1] Dazu gehören Michelle Mittmann (Sprecherin der FG), Adrian Roeske (stellv. Sprecher der FG), Jan Vanvinkenroye (stellv. Sprecher der FG), Joachim Rennstich, Gabriele Janlewing & Vera Taube. 


Literatur:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. https://www.bmfsfj.de/blob/115438/d7ed644e1b7fac4f9266191459903c62/15-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf (Zugriff 21.12.2020).

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2013): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. https://www.bmfsfj.de/blob/93146/6358c96a697b0c3527195677c61976cd/14-kinder-und-jugendbericht-data.pdf (Zugriff 21.12.2020).

Helbig, Christian; Roeske, Adrian (2020): Digitalisierung in Studium und Weiterbildung der Sozialen Arbeit. In: Kutscher, Nadia; Ley, Thomas; Seelmeyer, Udo; Siller, Friederike; Tillmann, Angela; Zorn, Isabell (Hg.): Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 333-346.

Mittmann, Michelle (2019): Digitale Kompetenzen in der Lehre der Sozialen Arbeit. Entwurf eines Kompetenzrahmens auf Basis inhaltsanalytischer Auseinandersetzungen mit dem Kerncurriculum der DGSA und dem Qualifikationsrahmens des FBTS. [Master-Thesis; bisher unveröffentlicht].

Müller, Nadine; Roth, Ines (2017): Digitalisierung und Arbeitsqualität – Eine Sonderauswertung auf Basis des DGB-Index Gute Arbeit 2016 für den Dienstleistungssektor, Studie im Auftrag der ver.di Bundesverwaltung Ressort 13, Bereich Innovation und Gute Arbeit. Online unter: https://innovation-gute-arbeit.verdi.de/++file++592fd69d086c2653a7bb5b05/download/digitalverdi_web.cleaned.pdf (Zugriff am 21.12.2020).

 


Kindererziehung von Hunden lernen? Fragen zur Empörung über die RTL-Sendung „Train your baby like a dog“

Am 3.1.2021 strahlte RTL eine Pilot-Sendung des Genres des ‚Reality TV‘ aus, die schon im Vorfeld ein Aufreger war: Eine Hundetrainerin unterstützt vor laufender Kamera zwei Familien bei der Bewältigung der Erziehungsprobleme mit ihren Kindern. Das Filmkonzept erinnert an die „Supernanny“, ein Coaching-Fernsehformat, das 2004 bis 2011 in RTL lief und das damals auch schon stark in der Kritik war. Während aber die „Supernanny“ Katharina Saalfrank vom Sender als Diplompädagogin vermarktet wurde, also als einschlägig, formal und akademisch qualifiziert zur Kindererziehung, ist dies nun anders. Zu der aktuellen Erziehungsexpertin Aurea Verebes heißt es, dass sie eine Ausbildung als Hundetrainerin hat und bei der Erziehung der eigenen Kinder mit Techniken des Hunde-Trainings erfolgreich war.

Zu sehen ist, wie die hilfesuchenden Mütter in einfache Konditionierungsverfahren eingewiesen werden, mit denen es möglich ist, ihre Kinder dazu zu bringen, das zu tun, was das Leben mit ihnen leichter macht: Schlafen im eigenen Bett, Zähneputzen, kooperationsbereit sein, der Mutter zuhören und ihren Ansagen folgen. Zentral ist hierbei das Clicker-Training. In der Hundeerziehung wird damit klassisch konditioniert, indem auf erwünschte Handlungen des Hundes ein Click-Geräusch folgt, das mit einem Leckerli verbunden wird. In einem weiteren Schritt geht es dann darum, dass der Hund lernt, das Geräusch – die sekundäre Verstärkung – auch ohne die primäre Verstärkung des Leckerlis als Belohnung zu begreifen. Der schlichte Click soll dem Hund mitteilen: „Gut gemacht, weiter so!“ Auf diese Weise kann der Hund dazu gebracht werden, sich so zu verhalten, wie Herrchen oder Frauchen sich dies wünschen, bis hin zum Erlernen von raffinierten Kunststücken, so heißt es jedenfalls durchgängig auf den Homepages zur Hundeerziehung.

Diese Methode wendet Aurea Verebes nun auch bei den ‚Problem-Kindern‘ an. Mit der Kombination von ‚Leckerlis‘ in Obstform und Clicker werden ‚Umorientierungen‘ eingeübt. Das eine Mädchen soll immer, wenn die Mutter ein gemeinsam vereinbartes Wort sagt, sich ihr aufmerksam zuwenden, um aggressive Eskalationsspiralen zu beenden. Bei dem anderen Mädchen mit Schlafproblemen wird ein „Deckentraining“ durchgeführt. Zunächst wird eine Decke positiv assoziiert, indem auf ihr schöne Tätigkeiten durchgeführt werden, geclickert und Obst vergeben wird, um die Decke anschließend in das verweigerte Kinderbett zu legen und so den Weg dafür zu bereiten, das eigene Bett zu einem annehmbaren Ort zu machen. Auch zum Zähneputzen, gegen das sich das Mädchen mit aller Kraft gewehrt hat, wird so ein Weg gefunden. Zwangloses Spiel mit einer neuen Zahnbürste in Verbindung mit Belohnungen und Clickern lassen das Kind schließlich selbst nach der Zahnbürste greifen.

Es ist ein leichtes, sich mit Verve den öffentlichen Empörungen über dieses Format eines privaten Senders anzuschließen. Da werden Kinder und ihre Eltern ungeschützt zur Schau gestellt, der Lächerlichkeit preisgegeben und damit Geld gemacht. Da wird eine ‚Schein-Realität‘ erfolgreicher Erziehung inszeniert, bei der all die Verwerfungen pädagogischer Prozesse verschleiert werden. Und da wird schließlich Reiz-Reaktionslernen als Wundermittel der Erziehung propagiert, bei dem sämtliche erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse zur Co-Produktion von Erziehung und moderne Paradigmen vom Kind als Subjekt seines Lebens über Bord geworfen sind. Das alles verschafft das gute Gefühl, dass man es selbst natürlich besser weiß als die Filmmachenden und Aurea Verebes. Kinder sind keine Tiere. Ihre Psyche ist komplizierter als eine Hundeseele. Auch sollen sie nicht gehorsam und gefügig sein, sondern zu emanzipierten Erwachsenen heranwachsen, die ihr Leben zu ihrem eigenen und zum gesellschaftlichen Wohlergehen autonom gestalten können. Von daher verbieten sich bei ihnen Dressurtechniken aus der Tiererziehung. Sie brauchen eine menschenspezifische Erziehung! So oder so ähnlich klingt es bei allen Kommentaren, die im Netz zu der Sendung kursieren. Aber ist damit eigentlich alles schon klar? Die Frage ist doch, warum diese Gleichheit von Hund und Kind einerseits überhaupt pädagogisch erzählbar (und filmisch vermarktbar) ist und warum sie andererseits gleichzeitig die Öffentlichkeit so triggert.

Die kurze Antwort darauf ist: Die soziale Demarkationslinie zwischen Tier und Mensch ist schwebend, unsicher und umkämpft zwischen den Polen binärer Differenz und Similarität. Die lange Antwort sieht so aus: Menschliche Gesellschaften haben immer das Verhältnis zwischen Tier und Mensch und die Frage bearbeitet, ob Tiere wie menschliche Lebewesen sind und zur menschlichen Gemeinschaft gehören oder doch ganz anders sind und außerhalb der menschlichen Gesellschaft stehen – mit unterschiedlichen Ergebnissen.  

Für die modernen Gesellschaften des globalen Nordens lässt sich ein eigentümliches Nebeneinander von massiven Vermenschlichungen der Tiere und gleichzeitigen scharfen Grenzziehungen ausmachen. Auf der einen Seite haben wir jene Tiere, die wir als Nutztiere vor allem für Nahrungszwecke funktionalisieren. Sie leben und sterben in Sonderzonen, gut abgeschirmt von den menschlichen Lebenswelten unter desaströsen Bedingungen und weit ab von der Wertewelt der menschlichen Gesellschaft. Für sie gilt all das nicht, was für Menschen gilt. Sie gelten als nicht-menschliche Lebewesen, und dies ermöglicht und legitimiert die speziesistischen Herrschaftsverhältnisse. Doch auch dies ist nicht fix, sondern gesellschaftlich durchaus umkämpft. Soziale Bewegungen prangern bekanntlich diese Situation an und klagen für Tiere jene Lebensrechte ein, die für menschliche Lebewesen selbstverständlich sind.  

Auf der anderen Seite haben wir das Phänomen der Verflüssigung der Mensch-Tier-Grenze. Weit verbreitet sind ‚Animalisierungen‘ vor allem in der Kinderwelt: Kindergartengruppen haben vorzugsweise Namen von Tieren, tierliche Kosenamen – wie Maus, Hase, Spatz oder Schnecke – sind für Kinder gang und gäbe, und die Kinderbücherwelt ist gefüllt mit Tieren als Protagonisten. Haustiere rücken zu Gefährten auf, mit denen der private Lebensraum geteilt wird. Sie werden dabei quasi zu Menschen: sie bekommen vergeschlechtlichte Menschennamen, Bekleidungsutensilien, Spielzeug, Geschirr, eigene Pflegemittel und Speisen, sie werden in (Hunde-)Schulen geschickt, in ‚Hutas‘ betreut, sie gehen mit auf Reisen, sie erhalten Aufmerksamkeit und Fürsorge, im Krankheitsfall werden sie medizinisch versorgt bis dahin, dass sie nach ihrem Tod manches Mal auf einem Friedhof beerdigt werden. Ihre Besitzer_innen binden sich emotional an sie, investieren viel, dass es ihnen gut geht, und erleben das Leben mit ihren Haustieren als kostbare Bereicherung.

Dies schließt auch ein: diese Tiere werden erzogen. Damit das Zusammenleben mit ihnen sozialverträglich ist, müssen sie lernen, sich störungsfrei im komplizierten Gefüge der menschlichen Lebensräume zu verhalten. Dabei ist nun spannend, dass die Gestaltung der erforderlichen Lernprozesse letztlich denselben Prinzipien folgt wie bei Kindern. Jutta Buchner-Fuhs hat dies in einem aufschlussreichen Aufsatz herausgearbeitet (Tiererziehung als Menschenerziehung, in: Buchner-Fuhs/Rose: Tierische Sozialarbeit. VS 2012). So wie in der Menschenerziehung sich ein Wertewandel weg von repressiven Unterwerfungs- und Strafprozeduren, hin zu Gewaltfreiheit, Empathie und Kommunikation als Erziehungsmitteln vollzogen hat, hat sich auch die Tiererziehung – gut wahrnehmbar vor allem bei der Hundeerziehung – in gleicher Weise verändert. Auch hier sind gewalttätige Praktiken der Unterwerfung zunehmend verpönt. Stattdessen werden positive Verstärkung, Zuwendung und Bindung als Techniken der Regulierung des Tierverhaltens propagiert. Wir sehen: Tiere werden in einer Art und Weise erzogen, die der Kindererziehung ähnelt wie dies auch umgekehrt gilt. Die Autorin spricht hier von einer „Entgrenzung von Mensch und Hund“.

Vor diesem Hintergrund kann es also gar nicht weiter erstaunen, sondern ist völlig konsequent, dass in einer Sendung vorgeführt wird, wie Techniken der Hundeerziehung bei der Kindererziehung nutzbar sind. Sie liegen in der Praxis so nah beieinander, dass das, was wir sehen, quasi nur der finalisierende Schritt der Entgrenzung ist, von der Jutta Buchner-Fuhs spricht.

Wie viele Verfahren der Kindererziehung sind letztlich nur eine Variante des gescholtenen Verstärkertrainings, mit dem die Hundetrainerin in den Familien arbeitet? Wenn Eltern empfohlen wird, stabile Einschlafrituale für das Baby zu schaffen, um den Übergang in die Nacht zu erleichtern, wenn in Schulen Smileys unter gute Hausaufgaben gesetzt werden und unter fehlerhafte nicht, wenn der ‚Leisefuchs‘ eingesetzt wird, um Ruhe in der Klasse herzustellen, wenn Punktesysteme installiert werden, mit denen das Verhalten von Kindern erfasst, bewertet und gegebenenfalls belohnt wird, wenn der Nachtisch erst nach der Hauptspeise gegessen und Fernsehen erst geguckt werden darf, wenn das Zimmer aufgeräumt ist, dann ist das alles nah dran am Clickern und Leckerli-Verteilen. Statt sich zu echauffieren über das Sendeformat, wäre es also sinnvoller danach zu schauen, wieviel Konditionierung im pädagogischen Alltag längst (unerkannt) völlig selbstverständlich steckt und sich kritisch damit zu beschäftigen.

Zu guter Letzt: Dass die Empörung über einer Hundetrainerin als Helferin bei der Kindererziehung so überschießt, lässt sich lesen als Ausdruck des Unbehagens angesichts der so offensichtlich werdenden Permeabilität zwischen Mensch und Tier. Der Mensch als Krone der Schöpfung, der eben nicht wie das Tier ist, sondern sich über seine tierlichen Verwandten hinaus entwickelt und sich über sie erhoben hat (eine Idee, die der Kolonialismus variierte) – diese Idee scheint gefährdet angesichts einer Pädagogik, die für Tiere auch passt. Bezeichnenderweise formulieren beide Mütter ihre Bedenken, dass doch ihre Kinder nicht wie Hunde erzogen werden können – um diese Bedenken aber gleich wieder zu zerstreuen. Und ebenso ist bemerkenswert, dass der Hundetrainerin noch ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut in der Sendung an die Seite gestellt wird, der ihr Tun öffentlich gutheißt. Offenbar reicht die hundeerzieherische Qualifikation nicht aus, um Aurea Verebes als Expertin für kindererzieherische Fragen zu legitimieren.

So besehen bietet „Train your baby like a dog“ viel Anlass, um über unser widersprüchliches und fragwürdiges Mensch-Tier-Verhältnis nachzudenken, statt sich im vermeintlich medienkritischen RTL-Bashing zu gefallen.  

 

Prof. Dr. Lotte Rose, Frankfurt University of Applied Sciences, FB Soziale Arbeit und Gesundheit, Sprecherin der Fachgruppe Gender der DGSA

   

 

 

Großputz! Care nach Corona neu gestalten – nicht ohne Profession und Disziplin Soziale Arbeit

Was die Corona-Pandemie lehrt, ist in Sozialer Arbeit alltägliche Erfahrung: Menschsein bedeutet nicht nur der Wunsch nach Autonomie, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, sondern in allen Lebensphasen ist – in unterschiedlicher Ausprägung und differentem Umfang – Verletzlichkeit und Angewiesenheit bedeutsam (Thiessen 2011). Menschen können in ihrer gesamten Biografie ohne Care nicht (über-)leben. Sie sind zudem auf wertschätzende Beziehungen und soziale Netze angewiesen. Soziale Arbeit, die auf das Verhindern und die Bewältigung sozialer Probleme abzielt, befasst sich im Kern mit den „Gegebenheiten des gebrechlichen Lebens“ (Klinger 2014: 22) und stellt einen bedeutenden Anteil an professioneller Care-Arbeit neben Pflege und Erziehung. Sozialarbeitende sind Prekaritätsexpert*innen. Da Soziale Arbeit von der Wiege bis zur Bahre, von individuellen Problemlagen bis Konfliktklärungen in Sozialräumen zuständig ist, fördert diese professionelle Breite zugleich auch ihre Diffusität, Unbestimmbarkeit und letztlich Unsichtbarkeit. Weder ihr Status als akademische Profession noch die Breite der Handlungsfelder sind in der Öffentlichkeit präsent. In Berufsstatistiken wird Soziale Arbeit mit Erziehungsberufen und Heilerziehungspflege zusammengefasst, also mit Fachausbildungen unterhalb einer akademischen Ausbildung (zuletzt Koebe et al. 2020). Und selbst in Lehrbüchern zu Sozialer Arbeit wird unter diesem Titel nicht selten ausschließlich Bezug auf das Praxisfeld der Kinder- und Jugendhilfe im Sinne klassischer Sozialpädagogik genommen (Sandermann/Neumann 2018, siehe insb. S. 16).

 

Soziale Arbeit: „systemrelevant“, aber unsichtbar

So sind die Voraussetzungen schon schlecht, wie Soziale Arbeit in der (Fach-)Öffentlichkeit bereits vor der Pandemie wahrgenommen wurde. Es ist daher nicht verwunderlich, dass nun während der Pandemiesituation in den medialen Debatten und politischen Entscheidungsgremien Profession und Disziplin Sozialer Arbeit kaum eine Rolle spielen, obwohl mehr denn je das alltägliche Überleben Einzelner, von Familien und Lebenszusammenhängen und der soziale Zusammenhalt in unterschiedlichen lebensweltlichen Räumen auf Soziale Arbeit angewiesen sind (vgl. dazu auch Buschle/Meyer 2020). Thematisiert werden in (fach-)öffentlichen Debatten vor allem die Care-Berufe im Feld der Pflege und Erziehung. Wie Fachkräfte Sozialer Arbeit in der Obdachlosenarbeit, in der stationären Jugendhilfe, in der ambulanten Betreuung chronisch psychisch Erkrankter oder in der Gemeinwesenarbeit durch Covid-19 bedroht und betroffen sind, bleibt unsichtbar.

Mit dem Begriff der „Systemrelevanz“ ist in der Pandemiesituation in Deutschland die Unverzichtbarkeit eines Berufsbereiches etikettiert worden, mit dem die Berufsangehörigen auch während eines „Lockdowns“ weiterhin tätig sein müssen und ihnen bei Bedarf Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt wird. Als „systemrelevante“ Bereiche gelten neben Transport- und Reinigungsdiensten sowie Teilen des Verkaufsgewerbes insbesondere Care-Berufe in Gesundheit, Pflege, Erziehung und Sozialer Arbeit. Die – überwiegend weiblich Beschäftigten in den Dienstleistungsberufen sind also diejenigen–, „die den Laden am Laufen“ halten (Eichhorn 2020).

Bemerkenswert ist die empirisch belegte Diskrepanz zwischen der offiziellen Zuschreibung einer „Systemrelevanz“ und der wahrgenommenen gesellschaftlichen Anerkennung durch die Beschäftigten, die Buschle und Meyer (2020: 161f.) im Berufsfeld Sozialer Arbeit im April 2020 untersucht haben. Besonders drastisch fällt diese Diskrepanz in den Handlungsfeldern Arbeit mit obdachlosen sowie suchtkranken Menschen aus (ebd.:161). Zudem wird fraglos erwartet, dass Beschäftigte Sozialer Arbeit sich der Ansteckungsgefahr aussetzen, wenn im Umgang mit Adressat*innen Abstände nicht einzuhalten sind. Während in den Medien fehlende Schutzausrüstung in der Pflege – zu Recht – skandalisiert wurde, wurde derselbe Missstand bezogen auf Soziale Arbeit nicht thematisiert. Ebenso wird die Dringlichkeit prioritärer Impfmöglichkeiten für Fachkräfte Sozialer Arbeit unterschlagen. In der Empfehlung der STIKO (2021: 4) zur Priorisierung von Personengruppen wird Pflegepersonal mit Priorität 1, Tätige in Versorgung von demenziell Erkrankten oder von Personen mit Down-Syndrom mit Priorität 2, Fachkräfte in Gemeinschaftsunterkünften mit Priorität 3 vorgesehen. Erzieher*innen und Lehrer*innen werden in der 4. Stufe aufgeführt. Fachkräfte Sozialer Arbeit, die nicht mit den eben genannten Risikogruppen arbeiten, sondern im Frauenhaus, in ambulanten Hilfen und aufsuchender Arbeit beschäftigt sind, sollen also erst an sechster Stelle, wenn „alle übrigen Personen“ an der Reihe sind, die Chance auf eine Impfung erhalten.

Wenn bereits auf der Praxisebene Belange Sozialer Arbeit kaum in den öffentlichen Diskurs gelangen, wundert es nicht, dass disziplinäre Expertise weder in Politikberatung noch bei in der Vergabe wissenschaftlicher Studien prominent vertreten ist. Hier führen systematische Lücken der Verankerung von Wissenschaft Sozialer Arbeit in Förderstrukturen sowie die Geringschätzung der angewandten Wissenschaften gegenüber den Universitäten als erhebliche Verstärkung eines geflissentlichen Übersehens der Disziplin Sozialer Arbeit.

 

Wenn zur Krise eine Pandemie hinzukommt: Kritische Lücken in der Daseinsvorsorge

Während in der Finanzkrise 2008 das Bankengewerbe als systemrelevant mit erheblichen Mitteln aus öffentlichen Haushalten subventioniert wurde, gilt dies nun für die systemrelevanten Care-Bereiche keineswegs in gleicher Weise. Der personelle Mehraufwand in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, in der Arbeit mit Wohnungslosen, sucht- und psychisch erkrankten Menschen, im Gewaltschutz, in den Beratungsangeboten (wie bspw. Schuldner*innen-, Schwangerschaftskonfliktberatung) wird öffentlich kaum wahrgenommen und von den Kostenträgern zumeist nicht beglichen. Aulenbacher (2020: 398) stellt auch für die Corona-Pandemie fest, dass Wirtschaftssubventionen ungleich höher ausfallen als Sozial(staats)investitionen, Systemrelevanz hin oder her.

Die „Ökonomisierung des Sozialen“ (Olk 1994, Lemke/Krasmann/Bröckling 2007), die in den letzten drei Dekaden stetig vorangetrieben wurde, um öffentliche Haushalte zu entlasten, erweist sich in der Pandemiesituation als fatal. Weder personell noch materiell sind soziale, Bildungs- und Gesundheitsdienste für meine pandemische Situation ausgestattet. Wie die Trägerlandschaft nach der Pandemie aussehen wird, ist noch nicht abzusehen. Die Zunahme privatgewerblicher Anbieter und die Einführung nachfrageorientierte Finanzierungsmodelle im Feld Sozialer Arbeit haben bereits vor der Pandemie zu einer Zunahme atypischer und prekärer Beschäftigung einerseits (Fuchs-Rechlin 2018) und zugleich zu einer Qualitätsminderung der Angebote andererseits (Candeias 2008; Seithe 2010) geführt.

 

Gelegenheit beim Schopfe packen: Großputz im Care-Bereich

Es ist daher höchste Zeit und gute Gelegenheit, die Frage der Unverzichtbarkeit von Care-Arbeit und den Wert des Sozialen für das Gemeinwesen ein weiteres Mal und laut zu stellen. Dabei muss die Bedeutung Sozialer Arbeit neben Pflege- und Erziehungsbedarfen systematisch und selbstbewusst konturiert werden. Benötigt werden Konzepte für eine gesellschaftlich solidarischere Organisation und Finanzierung von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit.

Eine Reihe von Initiativen hat in den letzten Monaten bereits stattgefunden. Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) initiierte die Fachkräfte-Kampagne #dauerhaftsystemrelevant (Bogorinsky 2020) mit dem Ziel der Vernetzung und Kooperation im Feld Sozialer Arbeit. Auch die ver.di-Kampagne #WIRSINDUNVERRZICHTBAR fokussiert explizit Soziale Arbeit, um auf unzumutbare Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen und nachhaltige Verbesserungen anzumahnen. Der Paritätische Gesamtverband hat im Dezember 2020 „20 vorläufige Lehren aus Corona“ aus Sicht eines Wohlfahrtsverbandes formuliert. Darin werden die Themen Armutsgefährdung, Wohnungsmisere und Unterfinanzierung sozialer Leistungen sowie Defizite bei partizipativer Maßnahmengestaltung aufgeführt – mithin langjährig bekannte Missstände, die nun in der Pandemiesituation Notlagen verstärken. Im Januar 2021 startet der Deutsche Caritasverband eine care-politische Kampagne mit einer Bevölkerungsumfrage, nach der die Aufwertung sozialer Berufe als prioritäre Aufgabe eingeschätzt wird und zugleich die Meinung vorherrscht, dass die Corona-Pandemie den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt habe (Caritas 2021).

Zudem gibt es eine Fülle von Stellungnahmen, Positionspapieren und Manifesten aus den vielfältigen Bewegungskontexten zur Care. Das Equal Care Manifest wurde noch kurz vor Ausbruch der Pandemie auf einem Kongress im Februar 2020 beschlossen, wird aber in der Debatte um Neugestaltung von Care und Aufwertung von SAHGE-Berufen seitdem breit rezipiert. Der Deutsche Frauenrat hat im November 2020 „Maßnahmen für eine Umverteilung und Aufwertung von Sorgearbeit“ verabschiedet, in denen an den Forderungen des Zweiten Gleichstellungsberichtes angeknüpft wird. In einem Positionspapier hat die Initiative Care.Macht.Mehr (Thiessen et al. 2020) im August 2020 erste Arbeitspakete für einen „Großputz“ mit dem Ziel einer Neugestaltung von Care vor dem Hintergrund interdisziplinärer und länderübergreifender Forschungen geschnürt. Neben der Einführung von Care-Mainstreaming in ökonomischen und sozialpolitischen Planungsprozessen, um bei allen politischen Maßnahmen die Auswirkungen auf Menschen, die Care-Verantwortung tragen, die Care-Tätigkeiten leisten oder die Care benötigen, als verpflichtende Dimension bei Entscheidungen mit zu berücksichtigen, wird hervorgehoben, Daseinsvorsorge als öffentliche Aufgabe neu zu bestimmen. Weitere Themen betreffen Entlohnungssysteme in den Care-Berufen, Arbeitszeitmodelle und die systematische Verknüpfung privater und öffentlicher Care sowie Digitalisierungsfragen und Beteiligungsrechte von Adressat*innen.

Auch international kommt Bewegung in die Diskussionen um Fürsorgepraxen und sozialstaatliche Verankerung von Care. The Care Manifesto ist ein Beitrag von „The Care Collective“ aus Großbritannien (Chatzidakis et al. 2020), in dem kapitalismuskritische Analysen mit konkreten Vorschlägen für eine systematische Berücksichtigung von Care in Ökonomie, Politik- und Gemeinwesengestaltung vorgestellt werden. Ausgehend von der US-amerikanischen National Domestic Workers Alliance hat sich bereits 2011 das breite Bündnis Caring across Generations gebildet, das private und verberuflichte Care-Arbeit thematisiert und für bessere Care-Bedingungen insbesondere im Bereich haushaltsnaher Dienstleistungen sorgen möchte. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie werden ebenso Vorschläge für eine verbesserte Care-Infrastruktur und Arbeitsbedingungen vorgelegt. Das australische Work + Family Roundtable, in dem über 30 Wissenschaftler*innen aus 18 Universitäten und Forschungsinstituten organisiert sind, veröffentlicht im Dezember 2020 eine politische Agenda für einen neuen Gesellschaftsvertrag, in dem Erwerbs- und Care-Arbeit in genderkritischer Perspektive neu konturiert werden.

Für die Disziplin und Profession Soziale Arbeit liegt in diesen Initiativen eine doppelte Chance, die zugleich eine Aufgabe darstellt: Die (internationale) Care-Debatte hat – verstärkt durch die Corona-Pandemie – einen deutlichen Schub bekommen und zu Vernetzungen zwischen Berufs- und Fachverbänden, migrations-, frauen- und queerpolitischen Initiativen, Selbsthilfegruppen, Gewerkschaften, wissenschaftlichen Projekten und Einzelpersonen geführt. Damit werden unter der Leitkategorie Care zentrale Themen, die auch Soziale Arbeit als Profession und Disziplin wesentlich betreffen, verhandelt (Rerrich/Thiessen 2021). Wenn Verbände und Gruppierungen Sozialer Arbeit sich hier einklinken und deutlich zu Wort melden, können in diesen Bündnissen zentrale Anliegen Sozialer Arbeit transportiert werden und die öffentliche Aufmerksamkeit genutzt werden, um langfristig soziale Missstände und Problemlagen solidarisch zu bearbeiten sowie Bedingungen für Profession und Disziplin Sozialer Arbeit zu verbessern. Oder wie die International Federation of Social Worker im November 2020 pointiert: “We have the capacity to lead transformation and prevent slipback. Inclusive social protection systems and the active prevention of crises that stem from poverty, marginalisation, denial of rights and climate change need to be fundamental for humanity’s continuing story. The social work profession is large and growing. Time and time again, and no more so than during the COVID-19 pandemic, it has demonstrated its capacity to transform crises into better futures.” (IFSW 2020: 40)

 

Prof. Dr. Barbara Thiessen, Co-Vorsitzende der DGSA 


Literatur

Aulenbacher, Brigitte (2020): Covid-19 – Warnzeichen oder Weckruf? Über die Sorglosigkeit des Kapitalismus und die „Systemrelevanz“ der Sorge. In: Thomas Schmidinger, Josef Weidenholzer (Hg.), Virenregime. Wie die Coronakrise unsere Welt verändert. Befunde, Analysen, Anregungen, Wien: bahoe books, 394-400.

Bogorinsky, Ellen (2020): #dauerhaftsystemrelevant – die Fachkräfte-Kampagne macht Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar, https://www.blog.dgsa.de/number-dauerhaftsystemrelevant-die-fachkrafte-kampagne-macht-soziale-arbeit-in-der-pandemie-sichtbar, 10.1.21.

Candeias, Mario (2008): Prekarisierung und prekäre Soziale Arbeit. In: Christian Spatschek, Manuel Arnegger, Sibylle Kraus, Astrid Mattner, Beate Schneider (Hrsg.), Soziale Arbeit und Ökonomisierung: Analysen und Handlungsstrategien. Berlin et al: Schibri-Verlag, 94-110.

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Deutscher Frauenrat, Fachausschuss Sorgearbeit (2020): Das Politische wirkt privat. Maßnahmen für eine Umverteilung und Aufwertung von Sorgearbeit, https://www.frauenrat.de/wp-content/uploads/2020/11/Fachausschuss-Sorgearbeit-Deutscher-Frauenrat-Forderungen.pdf, 10.1.21.

Eichhorn, Anja (2020): Soziale Arbeit und Systemrelevanz, Blogbeitrag für DGSA Blog, https://www.blog.dgsa.de/soziale-arbeit-und-die-systemrelevanz, 10.1.21.

Equal-Care-Day-Konferenz (2020): Das Equal Care Manifest, https://equalcareday.de/manifest/, 10.1.21.

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Klinger, Cornelia (2014): Selbst- und Lebenssorge als Gegenstand sozialphilosophischer Reflexionen auf die Moderne. In: Soziale Welt, Sonderband 20, 21-40.

Koebe, Josefine; Samtleben, Claire; Schrenker, Annekatrin; Zucco, Aline (2020): Systemrelevant und dennoch kaum anerkannt: Das Lohn- und Prestigeniveau unverzichtbarer Berufe in der Corona-Krise unterdurchschnittlich. In: DIW aktuell, Nr. 48, https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.792728.de/diw_aktuell_48.pdf.

Lemke, Thomas; Krasmann, Susanne; Bröckling, Ulrich (2000), Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologie. Eine Einleitung. In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M., 7-40.

Olk, Thomas (1994). Jugendhilfe als Dienstleistung. Vom öffentlichen Gewährleistungsauftrag zur Marktorientierung. In: Widersprüche, 14. Jg., Heft 53, 11-32.

Rerrich, Maria S.; Thiessen, Barbara (2021): Verhältnisbestimmung zwischen Sozialer Arbeit und Care. In: Bomert, Christiane, Sandra Landhäuser, Eva-Maria Lohner und Barbara Stauber (Hg.), Care! Zum Verhältnis von Sorge und Sozialer Arbeit, VS Springer Verlag (i.E.).

Sandermann, Phillipp; Neumann, Sascha (2018): Grundkurs Theorien der Sozialen Arbeit, München: Reinhardt.

Seithe, Mechthild (2010). Schwarzbuch Soziale Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Ständige Impfkommission (STIKO) (2021): Beschluss der STIKO für die Empfehlung der COVID-19-Impfung und die dazugehörige wissenschaftliche Begründung. In: Epidemiologisches Bulletin, Nr. 2, 3-63, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/02_21.pdf?__blob=publicationFile, 14.1.21

Thiessen, Barbara (2011): Verletzte Körper: Intersektionelle Anmerkungen zu Geschlecht und Behinderung, Beitrag für die Zeitschrift für Inklusion-online.net, 1/2011, http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion/article/view/101/103, 8.1.21.

Thiessen, Barbara, Weicht, Bernhard, Rerrich, Maria S., Luck, Frank, Jurczyk, Karin, Gather, Claudia, Fleischer, Eva; Brückner, Margrit (2020). Großputz! Care nach Corona neu gestalten. Ein Positionspapier zur Care-Krise aus Deutschland, Österreich, Schweiz, http://care-macht-mehr.com, 8.1.21.

Work + Family Roundtable 2020: Work +care in a genderinclusive recovery: A bold policy agenda for a new social contract, https://www.workandfamilypolicyroundtable.org/wp-content/uploads/2020/12/Work-Family-Policy-Roundtable_FINAL-Statement_Dec-11.pdf, 10.1.21.

Überlegungen zum Aktionstag #4genderstudies am 18.12.2020: Geschlechtertheoretische Perspektiven auf die Corona-Pandemie

Gender Studies stehen scheinbar zur Disposition: Mit Begriffen wie „Gender-Gaga“ oder „Gender-Wahn“ tituliert, werden Ansätze der Geschlechterforschung diffamiert, neben der AfD will auch die CSU den Studien öffentliche Mittel streichen. In Ungarn wurde das Studienfach Gender Studies abgeschafft.

Solche Forderungen bzw. Diffamierungen lassen unberücksichtigt, dass Theorien der Geschlechterforschung nicht nur einen zentralen Beitrag zu Gesellschaftsanalysen leisten, sondern dass deren Fehlen in gesellschaftlichen Analysen zu umfangreichen Blindstellen und Auslassungen führt. Die Entwicklung und Festsetzung der sogenannten Coronaschutzmaßnahmen erfolgte ohne Bezugnahme auf Geschlechtertheorien und ohne Bezugnahme auf die Expertise Sozialer Arbeit, die sich auf Geschlechtertheorien hätte berufen können. Das scheint überraschend, insbesondere da die Adressat:innen Sozialer Arbeit besonders von den sogenannten Coronaschutzmaßnahmen betroffen sind. Ein Grund für die Abwesenheit Sozialer Arbeit könnte darin zu sehen sein, dass zu Beginn der Corona-Pandemie die zu treffenden Maßnahmen nahezu ausschließlich aus medizinischer Perspektive diskutiert wurden. Aus dieser Perspektive erschien nachvollziehbar – gar alternativlos – Einrichtungen Sozialer Arbeit zu schließen, galt es doch, die Mitarbeitenden und die Adressat:innen durch eine Reduzierung sozialer Kontakte zu schützen.

Heute soll der Aktionstag #4genderstudies zum Anlass genommen werden, um die Phänomene der Corona-Pandemie aus einer geschlechtertheoretischen Perspektive zu betrachten:

„So ist mit der Corona-Krise die Natur zurückgekehrt“ postuliert Udo Thiedeke in seinem Artikel „Der stille Frühling der Soziologie“ und führt aus, dass wir mit „der Unhintergehbarkeit einer kollektiven Gefährdung unserer Physiologie […] drastisch mit der Tatsache konfrontiert [sind], […] dass wir bei aller geistigen Abstraktionsfähigkeit (auch der soziologischen) und trotz aller kultureller Konstruktionen und technischen Manipulationen, biologische Existenzen geblieben sind“ (Thiedeke 2020). Und als solche biologischen Existenzen sind „wir darauf verwiesen, dass es derzeit dem Subjekt wenig nutzt, auf sein Naturrecht zu pochen, weil die Natur ihr Recht einfordert“ (Thiedeke 2020). Thiedeke stellt eine naturalistische Perspektive in den Fokus, er hebt „das Virus auf die Stufe einer Naturgesetzlichkeit, eine Bedrohung, gegen die ‚wir‘ uns zusammenschließen müssen“ (Grüneklee/Heni/Nowak 2020, S. 52).

Eine andere Analysemöglichkeit bieten geschlechtertheoretische Perspektiven: Geschlechtertheoretische Zugänge sind für Soziale Arbeit zentral, ist diese doch seit ihrem Beginn mit geschlechtsbezogenen Dimensionen verwoben. Ende des 19. Jahrhunderts waren es vor allem Frauen, die „für eine sozialpolitisch und gesellschaftstheoretisch rückgebundene Soziale Arbeit stritten“ (Böhnisch 2015, S. 63). Und auch in der weiteren Etablierung der Sozialen Arbeit lassen sich die „Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit und die damit verbundenen ungleichen Zuschreibungen besonders gut betrachten. Liebe und Zuwendung, Sorge, Fürsorge […] werden auf Frauen projiziert“ (ebd., S. 69) und sind dadurch mit gesellschaftlichen Abwertungen konfrontiert (Rubin 2020, 228ff.). Geschlechtsbezogene Zugänge finden sich aber nicht nur im historischen Kontext und auf der strukturellen Ebene der Verhältnisse, geschlechtsbezogene Zugänge finden sich auch als Interaktions- und Herstellungsprozesse auf der Ebene des Doing Gender. Dieser analytische Zugang ist für die Einordnung der Maßnahmen während der Corona-Pandemie insofern relevant, als eine zentrale Aussage des Doing Genders ist, dass es „eine strikte Trennung zwischen Natur, Kultur und Gesellschaft nicht geben kann“ (Ehlert 2017, S. 25). Kurz skizziert sind die Annahmen des Doing Gender folgende: Die Geschlechtszugehörigkeit von Personen scheint zwar „zu den fraglosen und nicht weiter begründungsbedürftigen Selbstverständlichkeiten unseres Alltagswissens“ (Wetterer 2010, S. 126) zu gehören. Zieht man Konzepte zur sozialen Konstruktion von Geschlecht heran, dann wird allerdings deutlich, dass „Geschlechter in Gesellschaften […] als Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse und einer fortlaufenden sozialen Praxis“ (ebd.) zu verstehen sind. Geschlecht stellt nicht die Basis sozialen Handelns dar, es ist der Effekt von Handlungen (Hirschauer 1989, S. 101). Wenn Geschlecht als Herstellungsprozess verstanden wird, dann gibt es „keine außerkulturelle Basis sozialen Handelns, keine vorsoziale Grundlage oder Anschlussstelle sozialer Differenzierungs- und Klassifizierungsprozesse, keine der Geschichte vorgelagerte ‚Natur des Menschen‘ (mehr)“ (Wetterer 2010, S. 126). Es ist nicht der Unterschied, der die Bedeutung konstituiert, es ist die Bedeutung, die die Differenz konstituiert.

Das außer Acht lassen dieser Perspektive führt dazu, dass durch die sogenannten Coronaschutzmaßnahmen bestehende geschlechtsbedingte Ungleichheiten verstärkt werden: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird – zumindest für die Angehörigen privilegierter Berufsgruppen, die ins Homeoffice ‚ziehen‘ können – ganz neu herausgefordert: Betreuung und Homeschooling von Kindern und Jugendlichen müssen zeitgleich mit der Erwerbstätigkeit stattfinden. Angehörige weniger privilegierter Berufsgruppen, z.B. Verkäufer:innen (zumeist Verkäuferinnen) müssen sich einer potenziellen Infektionsgefährdung durch den Kontakt mit anderen Menschen aussetzen. Zudem sind sie mit einer nahezu völlig unberechenbaren Betreuung ihrer Kinder konfrontiert, da die Betreuungseinrichtungen jeden Tag wieder schließen könnten, bzw. Kinder mit Erkältungssymptomen nahezu augenblicklich aus den Einrichtungen abgeholt werden müssen. Kinderbetreuung und Sorgearbeit – schon vor der Corona-Pandemie der hauptsächliche Zuständigkeitsbereich der Frauen – werden auch während der Corona-Pandemie weiterhin hauptsächlich von Frauen übernommen: Frauen sind während der Corona-Pandemie seltener im üblichen Stundenumfang erwerbstätig als Männer und sie haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, gar nicht erwerbstätig zu sein, ihre Erwerbstätigkeit also zu verlieren (Bünning/Hipp/Munnes 2020, S. 4).

Und auch an der Verteilung der zur Verfügung stehenden, bzw. neu geschaffenen Ressourcen, lassen sich geschlechtsbedingte Konnotationen ablesen: Während für die Pfleger:innen (zumeist Pflegerinnen) am Fenster geklatscht und gesungen wurde, wurde die Luftfahrt- und Autoindustrie mehrfach in nicht unerheblichem Umfang finanziell mit staatlichen Hilfen bedacht.

Wenn wir die Erkenntnisse der Geschlechterforschung im Rahmen der Umsetzung der sogenannten Coronaschutzmaßnahmen berücksichtigen, dann können sie entgegengesetzt zu den Annahmen von Thiedeke verstanden werden: ‚Die Natur‘ stellt in diesem Verständnis nichts Absolutes und damit auch nicht die außerkulturelle Basis des Handelns dar. Und diese Erkenntnisse lassen dann schlussfolgern, dass es nicht nur eine richtige Handlungsmöglichkeit gibt, sondern dann eröffnen sich Entscheidungsspielräume, die partizipativ und emanzipatorisch genutzt werden und geschlechtergerecht umgesetzt können.


Dr. Yvonne Rubin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin / M.A. Soziale Arbeit, Hochschule Fulda


Literaturverzeichnis

Böhnisch, Lothar (2015): Bleibende Entwürfe. Impulse aus der Geschichte des sozialpädagogischen Denkens. Weinheim: Beltz Juventa.

Bünning, Mareike/Hipp, Lena/Munnes, Stefan (2020): Erwerbsarbeit in Zeiten von Corona. Berlin.

Ehlert, Gudrun (2017): Gender in der Sozialen Arbeit. Konzepte, Perspektiven, Basiswissen. Berlin: Wochenschau Verlag.

Grüneklee, Gerald/Heni, Clemens/Nowak, Peter (2020): Corona und die Demokratie. Eine linke Kritik. Berlin: Edition Critic.

Hirschauer, Stefan (1989): Die interaktive Konstruktion von Geschlechterzugehörigkeit. In: Zeitschrift für Soziologie 18, H. 2, S. 100–118.

Rubin, Yvonne (2020): „Lohnt sich das denn“? - Zur Vergesellschaftung sorgender Tätigkeiten für ältere Personen durch freiwillig Engagierte. In: Rose, Lotte/Schimpf, Elke (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaftliche Geschlechterforschung. Methodologische Fragen, Forschungsfelder und empirische Erträge. Opladen, Berlin & Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 219–232.

Thiedeke, Udo (2020): Der stille Frühling der Soziologie. Wie die Corona-Krise Gewissheiten der Soziologie herausfordert.

Wetterer, Angelika (2010): Konstruktion von Geschlecht: Reproduktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit. In: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. 3., erw. und durchges. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage, Wiesbaden. S. 126–136.


 

Soziale Arbeit und die Systemrelevanz - Kritische Gedanken über ein fragwürdiges Etikett

In Anbetracht der Coronavirus-Pandemie und der mit ihr einhergehenden gesellschaftlichen Herausforderungen ist die Soziale Arbeit derzeit an verschiedenen Stellen damit befasst, sich über ihr Selbstverständnis und ihre gegenwärtigen wie zukünftigen Aufgaben zu vergewissern. Teil dieses Reflexionsprozesses ist die vom DBSH initiierte Fachkräftekampagne „#dauerhaftsystemrelevant“. Ich möchte den kürzlich in diesem Blog erschienenen Beitrag über die Kampagne zum Anlass nehmen, einige kritische Fragen aufzuwerfen, die sich mir angesichts des Kampagnentitels gestellt haben. Denn der durch die Kampagne in den Anerkennungs- und Professionsdiskurs der Sozialen Arbeit eingebrachte Begriff der „Systemrelevanz“ macht es aus meiner Sicht einmal mehr nötig, über die Angemessenheit professionsfremder Begrifflichkeiten und damit einhergehender Implikationen für die Soziale Arbeit nachzudenken. Ich gebe hier Gedanken aus einem von mir geschriebenen Artikel wieder, der im Sammelband Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade (Kniffki/Lutz/Steinhaußen 2021) erscheinen wird und den ich für diesen Blog gekürzt und leicht abgeändert habe. Die Vorabveröffentlichung ist mit den Herausgebern des Sammelbandes abgestimmt.

Zum Zeitpunkt der Entstehung meines Beitrags ist die Corona-Krise nicht überwunden, und ihre Folgen für die Gesellschaft und die Soziale Arbeit sind noch nicht absehbar. Meine Überlegungen stellen daher eine Momentaufnahme dar, und ich erlaube mir ausdrücklich, auch unfertige Gedanken zu äußern und Fragen aufzuwerfen, zu denen ich vielleicht selbst noch keine Antwort parat habe. Fragen zu stellen, ohne sofort gebrauchsfertige Antworten an der Hand zu haben, mag angesichts mancher mit der Corona-Krise verbundener Zumutungen und Handlungsbedarfe als ein Privileg erscheinen. Angesichts der globalen Krise und der deswegen nötigen Standortbestimmung und Neujustierung Sozialer Arbeit erscheint mir eine „Praxis des Fragens“ (Burzlaff/Eifler 2018) allerdings als eine Kompetenz, die es (neu) zu entdecken und zu etablieren gilt. 

Corona und die Relevanz der Systemrelevanz

In den gesellschaftlichen und medialen Debatten um Systemrelevanz ging und geht es um die Sichtbarmachung von Berufsgruppen und Personen, die sprichwörtlich „den Laden am Laufen halten“. Teil dieser Debatten ist, dass diese – zumeist weiblich besetzten – Berufe und Berufsgruppen traditionell wenig gesellschaftliches Prestige genießen, materiell schlecht ausgestattet, in der Regel personell unterbesetzt und oft unterbezahlt sind. Mit dem Systemrelevanz-Diskurs geht insofern die Hoffnung einher, dass ein Diskussionsprozess in Gang gesetzt wird, der mittelfristig zu mehr Anerkennung und finanzieller Aufwertung dieser Berufsgruppen und Personen führt. Dass eine Einstufung als „systemrelevant“ tatsächlich existenziell sein kann, zeigte sich während des ersten sogenannten „Lockdowns“ im Frühjahr dieses Jahres, als im Zuge der vorübergehenden Schließung von Schulen und Kitas nur noch Eltern aus sogenannten systemrelevanten Berufen einen Anspruch auf Notbetreuung hatten. Außerdem bedeutet eine Einstufung als „systemrelevant“ einen priorisierten Zugang zu Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel. Dass gerade von gewerkschaftlicher Seite der Ruf nach einer Einstufung Sozialer Arbeit und ihrer Beschäftigten als „systemrelevant“ laut geworden ist, ist vor diesen Hintergründen zunächst verständlich. 

Bietet „Systemrelevanz“ wirklich einen Mehrwert?

Nun sind die Anliegen der DBSH-Kampagne nicht grundsätzlich neu. Sie werden von Vertreter*innen einer kritischen Sozialen Arbeit schon länger vorgetragen (z.B. Seithe 2013). Zudem erinnert einiges aus der Systemrelevanz-Kampagne an den Slogan „Soziale Arbeit ist mehr wert!“, unter dem die AWO, ver.di und der DGB bereits verschiedentlich auf die Situation von Beschäftigten in sozialen Dienstleistungsberufen aufmerksam gemacht haben. Auch wenn die Corona-Pandemie als Aufhänger der DBSH-Kampagne neue Aspekte in die Debatte einbringt, so stellt sich aus Professions- und Professionalisierungsaspekten sowie mit Blick auf die Außendarstellung Sozialer Arbeit dennoch die Frage, welcher Mehrwert in der Bemühung des Systemrelevanz-Etiketts liegt: Wird darüber ein Berufsbild vermittelt? Liefert es eine Antwort auf die Frage, was Soziale Arbeit ist, was Sozialarbeiter*innen tun und warum sie es tun wie sie es tun? Gibt „Systemrelevanz“ Aufschluss darüber, was professionelle Identität in der Sozialen Arbeit ausmacht und worin sich eine professionsethische Haltung auszeichnet?

Die Fachkräftekampagne möchte Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar machen – aber sichtbar als was? Um es mit den Worten des Arbeitskreises kritische Soziale Arbeit Hamburg zu formulieren: „Es ist verständlich, dass die eigene Bedeutung betont wird, dabei stellt sich jedoch die Frage, wofür Bedeutung erlangt werden will: was ist mit der ‚Systemrelevanz‘ gemeint? Relevant wofür? Um die ‚Feuerwehr‘ zu sein (nicht nur) in der Krise – und dafür die gebührende […] Anerkennung zu bekommen?“ (AKS Hamburg 2020; Hervorh. im Orig.). 

Systemrelevanz – ein problematisches Etikett für die Soziale Arbeit

Begreifen wir das Systemrelevanz-Etikett als eines, das, von außen vergeben, immer auch politisch motiviert ist, so stellt sich die Frage, ob mit ihm nicht die Gefahr der Fremdmandatierung Sozialer Arbeit einhergeht. Schließlich geht es in der Systemrelevanz-Debatte nicht nur um Fragen von Anerkennung und um die Verteilung von Ressourcen, sondern auch um gesellschaftliche Aufträge (Meyer 2020). So wurde der Nachweis von Systemrelevanz für soziale Dienstleister beispielsweise im Zuge des neu erlassenen Sozialdienstleister-Einsatz-Gesetzes (SodEG) obligat: Um finanzielle Zuschüsse zu erhalten, müssen die Antragstellenden erklären, dass sie „Arbeitskräfte, Räumlichkeiten und Sachmittel in Bereichen zur Verfügung stellen, die für die Bewältigung von Auswirkungen der Coronavirus SARS-CoV-2 Krise geeignet sind“ (§ 1 S. 1 SodEG). Nikolaus Meyer (2020) sieht das Gesetz aus professionstheoretischer Perspektive als „brandgefährlich“ an, denn statt die Funktion Sozialer Arbeit im Hinblick auf Menschen und Gesellschaft anzuerkennen, ermögliche das SodEG, Beschäftigte der Sozialen Arbeit unter dem Label der „Systemrelevanz“ zum Ernteeinsatz oder zum Füllen von Supermarktregalen heranzuziehen. Für die Soziale Arbeit, die im Kontext ihres (De-)Professionalisierungsdiskurses immer wieder mit Fragen ihres Mandats und ihrer Mandatierung befasst ist, sollte eine kritische Auseinandersetzung mit der „Systemrelevanz“ daher grundlegend sein. Möglicherweise schießt sich die Soziale Arbeit, wenn sie sich in dem Wunsch, (endlich) als unverzichtbare Profession mit Prestige wahrgenommen und anerkannt zu werden, als „dauerhaft systemrelevant“ ausweist, aus professionstheoretischer Sicht sogar ein Eigentor. Und ich wage zu behaupten, dass sich dieses auch nicht einfach mit der Feststellung umdeuten lässt, „Systemrelevanz“ bedeute „gleichzeitig auch Systemkritik und -veränderung“ (s. „Unsere Antworten auf die 3 häufigsten Einwände“, www.dauerhaft-systemrelevant.de; Zugriff: 13.12.2020).

Silvia Staub-Bernasconi äußerte einmal den Gedanken, dass die Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit nicht nur eine Gefahr von außen sei, sondern dass sie intern „auf einen Anerkennungshunger [trifft], den man mit Konformität gegenüber dem Zeitgeist zu stillen sucht“ (Staub-Bernasconi 2005, S. 6). Ob im Ruf nach dem Systemrelevanz-Etikett möglicherweise solch eine auf „Anerkennungshunger“ basierende Konformität liegt, wäre zu diskutieren. Angesichts der Tatsache, dass die Soziale Arbeit immer wieder mit der Zuschreibung defizitärer Professionalität konfrontiert ist, wäre aus meiner Sicht zumindest zu überlegen, ob sich in dem Wunsch nach einer von außen vorgenommenen Etikettierung als „systemrelevant“ die Angst der Sozialen Arbeit abbildet, sich angesichts einer globalen Krise von innen heraus kompetent im Sinne einer autonomen Profession zu zeigen – und damit auch die Gefahr des eigenen Scheiterns vor Augen zu haben (Hünersdorf 2019, S. 288). 

Im Spannungsfeld von Systemrelevanz und Systemirrelevanz

Abgesehen von den bisher genannten Punkten, birgt das Kriterium der Systemrelevanz einen weiteren problematischen Aspekt: Gerade weil es in der Debatte vorrangig um gesellschaftliche Anerkennung und die Verteilung von Ressourcen geht, produziert eine Etikettierung als „systemrelevant“ notwendigerweise gesellschaftliche Ausschlüsse und Spaltungen. Denn wo auf der einen Seite die „Systemrelevanten“ stehen, stehen auf der anderen Seite die „Systemirrelevanten“. (Andernfalls würde sich eine Etikettierung faktisch erübrigen.)

Soziale Arbeit ist per definitionem (IFSW/IASSW 2014) aber gerade für diejenigen relevant, die von sozialer Ausgrenzung oder Unterdrückung betroffen oder bedroht sind, und sie zieht ihre Interventionsmotive häufig gerade aus den systemimmanenten Bedingungen, die zu Ausgrenzung, sozialem Ausschluss und Unterdrückung beitragen. Wie verträgt sich ein Systemrelevanz-Etikett damit? Führt es Soziale Arbeit nicht ad absurdum? Was bedeutet eine Systemrelevanz Sozialer Arbeit für ihre Adressat*innen und für die Adressierungsprozesse? Und welchen Stellenwert hätte ein Systemrelevanz-Etikett gegenüber dem Ethikkodex (IFSW/IASSW 2004), wenn Praktiker*innen mit mandatswidrigen Forderungen konfrontiert sind oder in Praktiken verwickelt werden, die im Widerspruch zur Definition Sozialer Arbeit stehen?

Wenn Soziale Arbeit wegfiele, konsequent bestreikt würde – was würde dann zusammenbrechen? Das System? (Zur Verdeutlichung stelle man diese beiden Fragen einmal mit Blick auf die Soziale Arbeit in Frauenhäusern und ersetze „System“ durch „Patriarchat“.)

 Soziale Arbeit in der Krise? Von der Systemrelevanz zum Relevanzsystem

Die eigentliche Frage ist doch: Wie kann Soziale Arbeit auf ihre Anliegen und die Situation von Adressat*innen aufmerksam machen, wie kann sie ihr Handeln begründen und ihre Expertise herausstellen, ohne sich unbedingt der Vokabeln bedienen zu müssen, die in einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Diskurs gerade en vogue sind? Etwas zugespitzt formuliert: Es wird auch nach der Corona-Krise nicht ausreichen, auf die Frage „Was ist Soziale Arbeit?“ mit „Systemrelevant!“ zu antworten. Möglicherweise wird im Zuge der zu erwartenden (Welt-)Wirtschaftskrise nämlich erneut eine semantische Verschiebung des Begriffs „Systemrelevanz“ stattfinden und, wie bereits in der Finanzkrise 2007/08 geschehen, zur Priorisierung derjenigen Institutionen und Branchen führen, die Relevanz für die Stabilität des Finanzsystems haben. Soziale Arbeit müsste sich dann (wieder einmal) damit auseinandersetzen, dass Relevanz hat, wer am effizientesten wirtschaftet und seine Wirksamkeit am besten anhand betriebswirtschaftlicher Kriterien nachweist.

Wir sollten auch bedenken, dass der Fokus Sozialer Arbeit und die Schwerpunkte ihrer Interventionen nicht nur sozioökonomisch, sondern auch historisch, politisch und kulturell beeinflusst werden. Sozialarbeiter*innen agieren nicht jenseits des Zeitgeistes und Soziale Arbeit ist nicht per se eine Profession des Widerstandes. Sollte sich der Rechtsruck in Europa weiter fortsetzen und sollten sich auch in Deutschland die politischen Verhältnisse weiter nach rechts bewegen – mit Blick auf die Corona-Krise denke man dabei auch an die rechtsextreme Mobilisierung und Radikalisierung der sogenannten „Querdenken“-Demonstrationen –, was würde eine heutige „Systemrelevanz“ Sozialer Arbeit dann in zwei oder fünf Jahren bedeuten?

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht mir nicht darum zu klären, wem „wirklich“ Systemrelevanz zuerkannt werden sollte. Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil es eben immer darauf ankommt, wer sie aus welcher Perspektive mit welcher Absicht stellt – und im Übrigen: welcher Systembegriff zugrunde gelegt wird. Genau darin liegt meines Erachtens der springende Punkt der Systemrelevanz-Kampagne: Sie lässt offen, welches System gemeint ist, oder – um den Begriff der Systemrelevanz einmal spielerisch zu wenden – was in Anbetracht einer globalen Krise ein professionelles Relevanzsystem Sozialer Arbeit ist oder sein könnte.

Es brauchte sicher keine Pandemie, um festzustellen, dass die Soziale Arbeit sich zu wenig politisch positioniert und gesellschaftlich zu wenig wahrnehmbar ist. Diese Tatsache ist oft beklagt und die Widerstandslosigkeit sowie das Schweigen der Sozialen Arbeit sind verschiedentlich analysiert worden (z.B. Burzlaff/Eifler 2018; Prasad 2017; Seithe 2013; Seithe 2012). Es wird künftig darauf ankommen, ob und mit welchen Konsequenzen solche Analysen innerhalb der Sozialen Arbeit zur Kenntnis genommen werden.

 

Anja Eichhorn, Sozialarbeiterin (MSW), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen

 

Literatur

AKS Hamburg (2020): Systemrelevanz? Nein! Systemtransformationsrelevant! Ein Zwischenruf. https://akshamburg.files.wordpress.com/2020/06/zwischenruf_akshamburg.pdf (Zugriff 13.12.2020).

Burzlaff, Miriam/Eifler, Naemi (2018): Kritisch intervenieren!? Über Selbstverständnisse, Kritik und Politik Sozialer Arbeit – oder aber: Was ist der ‚weiße Kittel‘ Sozialer Arbeit? In: Prasad, Nivedita (Hrsg.): Soziale Arbeit mit Geflüchteten. Rassismuskritisch, professionell, menschenrechtsorientiert. Stuttgart: Barbara Budrich. S. 345–365.

Hünersdorf, Bettina (2019): Paradoxien der Normalisierung (in) der Sozialpädagogik. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik 17, H. 3, S. 281–296.

IFSW/IASSW (2004): „Ethics in Social Work, Statement of Principles“. www.iassw-aiets.org/wp-content/uploads/2015/10/Ethics-in-Social-Work-Statement-IFSW-IASSW-2004.pdf (Zugriff 13.12.2020).

IFSW/IASSW (2014): „Globale Definition Sozialer Arbeit; deutsche Übersetzung: Avenir Social: Die IFSW/IASSW-Definition der Sozialen Arbeit von 2014“. www.ifsw.org/wp-content/uploads/2019/07/definitive-deutschsprachige-Fassung-IFSW-Definition-mit-Kommentar-1.pdf (Zugriff 13.12.2020).

Kniffki, Johannes/Lutz, Ronald/Steinhaußen, Jan (Hrsg., 2021): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade. Bd. 1. Weinheim/München: Juventa (im Druck).

Meyer, Nikolaus (2020): Verwerfung in der Sozialen Arbeit – Corona als Auslöser? In: Böhmer, Anselm/Engelbracht, Mischa/Hünersdorf, Bettina/Kessl, Fabian/Täubig, Vicki (Hrsg.): Soz Päd Corona. Der sozialpädagogische Blog rund um Corona. https://sozpaed-corona.de (Zugriff 13.12.2020).

Prasad, Nivedita (2017): Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession im Kontext von Flucht. In: Gebrande, Julia/Melter, Claus/Bliemetsrieder, Sandro (Hrsg.): Kritisch ambitionierte Soziale Arbeit. Intersektional praxeologische Perspektiven. Weinheim: Beltz Juventa. S. 349–368.

Seithe, Mechthild (2012): Schwarzbuch Soziale Arbeit. 2., durchges. und erw. Aufl. Wiesbaden: VS-Verlag.

Seithe, Mechthild (2013): Zur Notwendigkeit der Politisierung der Sozialarbeitenden. In: Sozialmagazin 38, 1-2, S. 24–31.

Staub-Bernasconi, Silvia (2005): Deprofessionalisierung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit - gegenläufige Antworten auf die Finanzkrise des Sozialstaates oder Das Selbstabschaffungsprogramm der Sozialen Arbeit. Vortrag an der Staatlichen Fachhochschule München, 4. Mai 2005. https://w3-mediapool.hm.edu/mediapool/media/fk11/fk11_lokal/forschungpublikationen/lehrmaterialen/dokumente_112/sagebiel_1/STB-2005-Deprofessionalisierung.pdf (Zugriff 13.12.2020)

#dauerhaftsystemrelevant – die Fachkräfte-Kampagne macht Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar

Wird Soziale Arbeit während einer Pandemie benötigt? Ist es notwendig, dass soziale Einrichtungen während einer Pandemie geöffnet bleiben? Wie sollen Fachkräfte der Sozialen Arbeit mit ihren Klient*innen im Kontakt bleiben? Was passiert, wenn Fachkräfte Sozialer Arbeit sich und ihre Klient*innen nicht vor einer Virusansteckung schützen können, weil es keine Schutzkonzepte, Schutzmaßnahmen und Schutzausrüstung gibt? Und wie bleiben Fachkräfte der Sozialen Arbeit handlungsfähig, wenn die Kommunikation und der fachliche Austausch, zum Beispiel durch nicht mehr gestattete Teamsitzungen, stark reduziert wird?

Im Zuge der Covid-19-Pandmie stellen sich viele fachliche Fragen für die Soziale Arbeit, die spezifischen Handlungsfelder und die Fachkräfte. Diese einleitenden Fragen sind ein Ausschnitt der Fragen, die Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Rahmen ihrer Praxisberichte für die Kampagne #dauerhaftsystemrelevant nachgegangen sind. 

Das Covid-19-Virus verändert in diesem Jahr unser aller Leben gravierend. Bisher gewohnte Lebens- und Arbeitsweisen sind zurzeit nicht praktizierbar. Diverse politische Ge- und Verbote sind Maßnahmen gegen eine unkontrollierte Verbreitung des Corona-Virus und dienen dem Schutz vor einer Ansteckung. Hygienevorschriften und Schutzkonzepte wurden in allen gesellschaftlichen Bereichen erarbeitet und bestimmen seither maßgeblich den (Arbeits-)Alltag. 

Zu Beginn der Pandemie entstanden in Deutschland eine politische und mediale Debatte und Systematisierung von Berufsgruppen nach dem Merkmal der „Systemrelevanz“. Dies hatte zur Folge, dass einige Professionen und Berufsgruppen in den gesellschaftlichen, politischen und medialen Fokus rückten und als systemrelevant anerkannt wurden. Es handelte sich dabei um Berufsgruppen, aus bspw. der Pflege-, Lebensmittel- und Transportbranche, die vorher kaum Beachtung und Wertschätzung in der Gesellschaft und der öffentlichen Wahrnehmung erfuhren. Die verantwortungsvolle Funktion dieser Berufsgruppen für die Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung wurde zu Beginn der Pandemie besonders deutlich. Doch welche Rolle spielte die Soziale Arbeit in diesen Debatten? Ist Soziale Arbeit systemrelevant, sodass sie auch in Zeiten einer Pandemie in ihrer Funktion und Bedeutung für die Gesellschaft anerkannt werden muss? 

 

Entstehung, Ziele und Arbeitsweise der Kampagne #dauerhaftsystemrelevant 

Zu Beginn der Pandemie stellte die Soziale Arbeit weder in der medialen noch in der politischen Wahrnehmung eine zentrale Rolle hinsichtlich der Systematisierung von systemrelevanten Berufen. Die durch die Pandemie mitunter erheblich erschwerten und zum Teil gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen für Fachkräfte der Sozialen Arbeit und die Auswirkungen der Pandemie auf deren Adressat*innen erhielten keine öffentliche Aufmerksamkeit. Bereits zuvor bestehende Missstände in der Sozialen Arbeit wurden durch die Pandemie für die dort tätigen Fachkräfte sowie deren Adressat*innen noch gravierender. Dies wurde unabhängig von den unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit beobachtet.

Diese fehlende Beachtung der Sozialen Arbeit als ebenfalls relevante Profession für die Bevölkerung, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Versorgung sowie die Unterstützung der vielzähligen Adressat*innen wurde zu einer Antriebskraft unzufriedener Fachkräfte. Initiiert vom Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) e. V. entstand daraus resultierend nach ersten informellen Austauschen Ende März die bundesweite Fachkräfte-Kampagne #dauerhaftsystemrelevant, um für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung Sozialer Arbeit und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Gehälter einzutreten. 

Ein Mitwirkungsaufruf wurde an alle interessierten Studierenden, Fachkräfte der Sozialen Arbeit und die im Feld der Sozialen Arbeit tätigen Verbände gerichtet. Der Aufruf verfolgte das Ziel der Vernetzung und Kooperation nach dem Motto „Gemeinsam finden wir mehr Gehör“. Um digital sichtbar zu werden und eine möglichst breite Reichweite zu generieren, wurden Accounts für die Kampagne auf unterschiedlichen Social-Media-Kanälen, wie Facebook, Instagram, Twitter und Telegram, erstellt. Auch eine Homepage wurde für die Veröffentlichung von Positionspapieren, Stellungnahmen, Praxisberichten etc. eingerichtet. 

Die Kampagne setzt sich gleichermaßen für die Profilierung sowie die gesellschaftliche Anerkennung der Systemrelevanz Sozialer Arbeit ein. Ausgehend von der Überzeugung, dass Soziale Arbeit systemrelevant ist, fordert die Kampagne eine adäquatere Ausstattung (sowohl personell als auch materiell). Systemrelevanz verdeutlicht in diesem Kontext zum einen die Funktion des Zusammenhalts und der Stabilisierung des gesellschaftlichen Systems. Zum anderen beinhaltet der Auftrag Sozialer Arbeit die kritische Auseinandersetzung mit und die Initiierung von Veränderungsprozessen aus der Perspektive der Fachkräfte sowie der Adressat*innen Sozialer Arbeit. 

Das bundesweite Kampagnenteam besteht aus ca. 30 Fachkräften aus unterschiedlichsten Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit und trifft sich regelmäßig montags von 19 bis 21 Uhr digital zu sog. Montags-Meetings. Das Kampagnenteam ist eine offene und sich kontinuierlich verändernde Gruppe, die sich strukturell in drei Arbeitsgemeinschaften gliedert: Kampagnenplanung, Tagebuch und Social Media. Die AG Kampagnenplanung entwickelt die strategische Ausrichtung der Kampagne und leitet daraus die notwendigen Maßnahmen ab. Daran anknüpfend werden Presseerklärungen, Stellungnahmen, Positionspapiere und weitere Publikationen erarbeitet. Weiterhin werden potenzielle Kooperationspartner*innen ermittelt und kontaktiert, um das Netzwerk an Unterstützer*innen kontinuierlich zu vergrößern. Die AG Tagebuch erstellt Aufrufe für Praxisberichte, in denen Fachkräfte der Sozialen Arbeit aus ihrem konkreten Arbeitsalltag berichten können. Diese Praxisberichte dienen einerseits dazu, einen Einblick in die Arbeitsbedingungen des jeweiligen Handlungsfeldes zu erhalten und zu veröffentlichen. Anderseits werden aus diesen Praxisberichten spezifische Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen abgeleitet. Die AG Social Media ist für die mediale Darstellung der Kampagne verantwortlich. Die bereits erwähnten Social-Media-Kanäle werden regelmäßig mit Informationen, Praxisberichten etc. bespielt. Auf diesem Weg können die Öffentlichkeit erreicht und weitere Unterstützer*innen gewonnen werden. Es entsteht dadurch ein kontinuierlicher Kreislauf zwischen Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerkerweiterung,

Sammlung und Weitergabe von Informationen aus und für die Praxis, Ableitung sowie Erstellung von Positionspapieren. 

 

Bisherige Meilensteine und nächste Schritte der Kampagne 

Die Kampagne konnte bereits mehrere Meilensteine erreichen und Erfolge erzielen:

·       Veröffentlichung diverser Tagebucheinträge/ Praxisberichte von Fachkräften Sozialer Arbeit aus unterschiedlichen Handlungsfeldern

·       Generierung von konkreten berufspolitischen Forderungen zu bestimmten Handlungs-feldern und mediale Verbreitung dieser

·       Veröffentlichung der Stellungnahmen „Who cares? - Soziale Arbeit während der Corona Pandemie“ und „Jetzt erst recht! Investitionen statt Einsparungen in der Sozialen Arbeit!“

·       Stetige Zunahme der Follower-Zahlen auf den Social-Media-Kanälen (Twitter: 312 Follower; Facebook: 1.635 Gefällt-mir-Angaben und 1.726 Abonnent*innen; Instagram: 928 Follower; Telegram: 256 Abonnent*innen Stand 28. November 2020)

·       Stetige Zunahme der Kooperationen mit anderen in der Sozialen Arbeit tätigen Verbänden und Organisationen

·       Externe mediale Berichterstattung über die Kampagne und ihre Inhalte in Form von Interviews für Zeitschriften, Blogs und Fernsehen

·       Versendung eines monatlichen Newsletters

·       Berufspolitische Einflussnahme auf die NRW-Kommunalwahlen in Aachen, Bochum, Münster und Köln über das Versenden von Wahlprüfsteinen an die Parteien und die Veröffentlichung der Antworten der Parteien über eigene Social-Media-Kanäle

Die vielfältigen Tätigkeitsfelder Sozialer Arbeit sind von sehr unterschiedlichen gesetzlichen und strukturellen Rahmenbedingungen geprägt. Aus diesem Grund wurden in einem ersten Schritt vier Handlungs- und Wirkungsfelder Sozialer Arbeit ausgewählt, zu denen Profilberichte mit spezifischen Fakten und Forderungen erstellt und auf der Homepage veröffentlicht wurden. Weitere handlungsfeldbezogene Profilberichte sind aktuell in Arbeit und werden im Laufe der nächsten Wochen veröffentlicht. Ebenso werden auch zu Querschnittsthemen der Sozialen Arbeit, wie etwa dem Zeugnisverweigerungsrecht, den prekären Praktikumsbedingungen oder auch dem schwierigen Stand der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin, Forderungen veröffentlicht. 

Mit den konkreten Forderungen zu den spezifischen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit wird das Wahljahr 2021 angesteuert. Die Kampagne möchte die Relevanz Sozialer Arbeit für die Bevölkerung (medial) nachvollziehbar machen und einen richtungsweisenden Einfluss auf die Politik, hinsichtlich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen, nehmen.

In diesem Kontext werden im kommenden Jahr konkrete Aktionen digital sowie bundesweit „vor Ort“ geplant – natürlich unter Berücksichtigung der pandemiebedingten Schutzmaßnahmen. 

 

Fazit 

„Sozialarbeiter*innen wurden vor der Pandemie gebraucht, sie werden nach der Pandemie gebraucht und vor allem hätte es mehr als genug Klient*innen gegeben, welche sie vor allem währenddessen gebraucht hätten!“ (vgl. Praxisbericht „Lockdown für die Teilhabe?“).

Die Arbeit von Sozialarbeiter*innen ist unverzichtbar. Sie halten das soziale Netz stabil und tragen dazu bei, dass soziale Problemlagen bewältigt, abgemildert oder verhindert werden. Mit dieser Arbeit sichern sie gesellschaftliche Teilhabe und tragen dazu bei, dass Grundrechte verwirklicht werden. Auch während einer Pandemie müssen Fachkräfte der Sozialen Arbeit Kontakt zu ihren Klient*innen halten (können)! Es bedarf dafür besserer Arbeitsbedingungen, die unter anderem die fachliche Kommunikation der Fachkräfte auch in der Pandemie sichert. Denn: „Kommunikation und fachlicher Austausch darf auch in der Krise nicht vernachlässigt werden und ist enorm wichtig, um gemeinsam und stark durch diese Zeit zu kommen und ohne dass Schaden genommen oder verursacht wird.“ (vgl. Praxisbericht „Kommunikation und fachlicher Austausch darf auch in der Krise nicht vernachlässigt werden!“). 

Es besteht weit über die Pandemie hinaus noch viel Handlungsbedarf hinsichtlich der Aufwertung der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit. Die Kampagne will einen wichtigen Beitrag leisten, um die Soziale Arbeit in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen und ihre Relevanz für viele Adressat*innen und die Gesellschaft zu verdeutlichen. Soziale Arbeit ist nicht nur während einer Pandemie systemrelevant – Soziale Arbeit ist #dauerhaftsystemrelevant. Dafür steht die Fachkräftekampagne. 

So kann die Kampagne unterstützt werden: Durch Weitersagen und Verbreiten der Kampagne im Freund*innen- und Kolleg*innenkreis, durch das Folgen und Liken der Social-Media-Accounts (Facebook, Instagram, Twitter, Telegram), das Verfassen und Einsenden eigener Praxisberichte sind mögliche Unterstützungsformen. Des Weiteren können Sie gerne aktiv an den Montags-Meetings mitwirken und/oder sich als Institution/Verband mit der Kampagne solidarisieren. 

Schreiben Sie uns daher gerne Ihre Fragen, Anregungen und Rückmeldungen an mail@dauerhaft-systemrelevant.de

Weitere Informationen und alle Stellungnahmen, aktuelle handlungsfeldbezogene Profilberichte mit jeweiligen Fakten und Forderungen, Medienberichte über die Kampagne, Praxisberichte und vieles mehr finden Sie unter: www.dauerhaft-systemrelevant.de

 

Für das Kampagnenteam von #dauerhaftsystemrelevant

Ellen Bogorinsky/Leitungsteam Junger DBSH und Denise Lehmann/Mitglied im Gesamtvorstand der DVSG

Steine aus dem Weg räumen – aber wie? Promovieren in der Sozialen Arbeit an HAW/FH

 „Steinige Wege zur Promotion“ – unter diesem Titel fand im November eine Arbeits-Vorkonferenz von Nachwuchswissenschaftler*innen im Rahmen des Fachbereichstags Soziale Arbeit statt. Trotz der vielfältigen Entwicklungen in einzelnen Bundesländern, die Graduierteninstitute, Promotionszentren und politische Bekenntnisse zur kooperativen Promotion hervorgebracht haben, sind die Steine auf dem Weg zur und durch die Promotion in der Sozialen Arbeit noch längst nicht aus dem Weg geräumt.

Dabei ist die Promotion an HAW/FH in der Sozialen Arbeit inzwischen kein Nischenthema, das nur wenige Beharrliche voranbringen wollen. Im Gegenteil: Eine Vielfalt an Akteur*innen beschäftigt sich mit der Frage, wie Hürden abgebaut und gute Bedingungen geschaffen werden können, um qualitätsvollen Dissertationen in der Sozialen Arbeit den Weg zu ebnen.

So setzt sich der Hochschullehrerbund für ein eigenes Promotionsrecht für HAW/FH ein und macht mit seiner Kampagne „Erfolg braucht…“ mit der Formel 12+1 darauf aufmerksam, dass eine im Vergleich zu den Universitäten sehr hohe Lehrverpflichtung und schlechtere personelle Ausstattung dem differenzierten Aufgaben- und Funktionsspektrum der HAW/FH im 21. Jahrhundert nicht mehr gerecht wird. Allerdings hat der Hochschullehrerbund dabei vor allem die technischen und wirtschaftlichen Disziplinen im Blick und vernachlässigt bisweilen die sozialwissenschaftliche Perspektive Sozialer Arbeit.

Während der Hochschullehrerbund v.a. aus der Perspektive der Professor*innen argumentiert, haben Fabian Fritz et al. die Ergebnisse von einer Studie zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Nachwuchswissenschaftler*innen veröffentlicht. Unter dem Titel „Like a Drug Gang Limbo“ (2020) problematisieren sie dabei auch arbeits- und beschäftigungspolitische Aspekte, die in der Debatte um die Rahmenbedingungen an Hochschulen bislang viel zu wenig zur Sprache kommen.

In der Diskussion sind auch Qualitätskriterien für die Betreuung, Begleitung und Bewertung von Promotionen. Nicht weniger als einen grundlegenden Kulturwandel in den beteiligten Institutionen und im Rollenverständnis der betreuenden Professor*innen, fordert beispielsweise die Projektgruppe der Doktorandinnen und Doktoranden der GEW bereits 2016 in ihrem sehr lesenswerten Positionspapier. Auf einem Workshop, den die Kommission Sozialpädagogik in diesem Herbst veranstaltete, stand in einigen Beiträgen eben dieses öffentliche Nachdenken über die Rahmenbedingungen für das Promovieren (nicht nur) in der Sozialen Arbeit berechtigterweise im Mittelpunkt – und zwar unabhängig vom Hochschultyp, also gleichermaßen an Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Es ist erfreulich, dass die Diskussionen über das Promovieren in der Sozialen Arbeit nicht mehr dominiert werden von den schon fast anachronistischen universitären Ängsten vor einer Inflation und Entwertung der Promotion durch die Verleihung des Promotionsrecht an HAW/FH, sondern das gemeinsame Engagement für eine qualitätsvolle Nachwuchsförderung im Mittelpunkt steht.

 

Die DGSA hat sich in zwei Positionspapieren für kooperative Promotionsverfahren auf Augenhöhe unter gleichberechtigter Beteiligung zwischen HAW und Universitäten eingesetzt und für das Promotionsrecht für HAW/FH ausgesprochen.

Will man dem Thema Promovieren an HAW/FH in der Sozialen Arbeit vollumfänglich gerecht werden, müssen verschiedene Forderungen zusammen gedacht werden, weil sie nur gemeinsam zielführend sind. Das Promotionsrecht für HAW/FH ist überfällig und gerade für die Wissenschaft Soziale Arbeit, die vor allem an diesem Hochschultyp gelehrt, beforscht und weiterentwickelt wird, von zentraler Bedeutung. Um dieses Recht in eine gelingende Praxis umsetzen zu können, müssen die Rahmenbedingungen für Lehre und Forschung an HAW/FH verbessert werden und zwar für alle Statusgruppen gleichermaßen. Zum Dritten muss der geforderte Kulturwandel bei der Promotionsbetreuung auf den Weg gebracht werden, um Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse abzubauen und unterstützende Konzepte für den Promotionsprozess zu entwickeln. Und nicht zuletzt ist es notwendig, dass diese drei Forderungen stärker als bisher gemeinsam mit Nachwuchswissenschaftler*innen zum Ausdruck gebracht und verfolgt werden.

Es gilt, Bündnisse zu schmieden für die gemeinsame Sache, nämlich Steine auf dem Weg zur und während der Promotion aus dem Weg zu räumen und neue gangbare Wege zu ebnen.

 

Prof. Dr. Claudia Steckelberg, Vorstandsmitglied der DGSA und Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg


Literatur

•        Fritz, Fabian et al. (2020): Lika a Drug Gang Limbo. Lebens- und Arbeitsbedingungen „junger“ Wissenschaftler_innen Sozialer Arbeit. Ein Diskussionsbeitrag. In: Steckelberg, Claudia/Thiessen, Barbara (Hg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft– Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung. Opladen. S. 237-249

Studieren unter Corona – Erfahrungen unmittelbarer Ortsveränderungen

Die beginnenden Reaktionen auf die Corona-Pandemie während des Studiums der Sozialen Arbeit begleitete auf der Orientierungsveranstaltung zum Master-Studiengang an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg noch Gekicher und ironische Süffisanz. So wurde jedenfalls in der zweiten Märzwoche das Anliegen über die Anfertigung einer Teilnehmer:innen-Liste mit Blick auf mögliche Ansteckungsketten kommentiert. Dass schon zwei Wochen später die Hochschule geschlossen wurde und alle analogen Formen der Zusammenkunft abrupt in den digitalen Raum wandern mussten, lag zu diesem Zeitpunkt zwar schon irgendwo in der Luft, konnte aber erst mit dem Hereinbrechen dieser Realität begriffen werden. Letzterer Prozess hält wohl immer noch an.

Die große Umstellung

Bevor ich meine Bedenken und Kritik zum Ausdruck bringe, ist es zuvörderst angebracht, Wertschätzung auszusprechen: Die Umstellung auf die digitale Lehre mit dem ersten Hochschulsemester unter „Corona-Bedingungen“ wurde trotz widriger Umstände bewältigt. Rückblickend ist es erstaunlich, wie schnell eine Institution mit ihren Akteur:innen handeln konnte – wohl, weil sie musste –, und dass ad hoc die digitalen Möglichkeiten in Form von Foren, digitalen Konferenzen via Zoom/Teams oder Chaträumen nun nicht nur begleitend, sondern hauptsächlich zur Lehre eingesetzt und genutzt wurden. Im Unterschied zur Lehre an Universitäten traf der Lockdown die Hamburger Hochschule genau zum Semesterstart – ohne jegliche Vorbereitungszeit. Hartmut Rosa hielt auf dem diesjährigen digitalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Folgendes pointiert fest: Für viele Menschen folgte auf die analoge Entschleunigung des Alltages die unmittelbar digitale Beschleunigung des Lebens (vgl. DGS 2020: 10:30). Von heute auf morgen mit Routinen zu brechen, sich didaktisch neu zu verorten, digitale Räume das erste Mal ‚so richtig‘ verantwortlich gestalten zu müssen, erforderte Kraft, Energie und Willen von beiden Seiten: von den Nutzer:innen und Betreiber:innen. Die Leistung der Verantwortlichen, einen Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten und Lehrräume für Studierende nach besten Möglichkeiten anzubieten – zuzüglich einem empathischen Interesse an der Lage der Studierenden und flexiblen Prüfungsregelungen – verdient Anerkennung.

Ein weiterer Begleitumstand dieser prompten Veränderungen allerdings: höhnisches Klatschen. Die Pandemie wurde teilweise als heilsbringender Digitalisierungsbeschleuniger für nicht vollends neoliberalisierte Orte und im Besonderen für vermeintlich ‚altbackene‘ Lehre und Lehrzugänge in den Geistes- und Sozialwissenschaften gefeiert. Dies führt bei mir zu der Sorge, dass es jene Klatschenden sein werden, die zukünftig vehementer dafür votieren, dass neben Bildungs- auch Beratungsprozesse hauptsächlich in digitaler Form angeboten werden sollen. 

University is where your laptop is

Auf Dauer zu Hause im WG-Zimmer zu sitzen, das nun Home-Office, Home-Seminarraum, Home-Bibliothek und Home-Mensa zugleich sein durfte, erfüllt mich in Hinblick auf den Studienablauf nicht unbedingt mit Glück und Zufriedenheit. Was durch den Wegfall der analogen Orte fehlt, ist – freilich ein höchst exklusives und Exklusivität herstellendes Privileg (vgl. Stanescu 2020): Es besteht in dem Gefühl der Eingebundenheit in einen konkreten Denk- und Arbeitszusammenhang. Dieses Gefühl speist sich aus vielen Kleinigkeiten respektive deren Ausbleiben: dem Weg zur Hochschule mit Lektüre, den geplanten und zufälligen Begegnungen mit Studierenden vor und nach einem Seminar oder einer Vorlesung, gemeinsamen Mahlzeiten und Kaffee begleitet von kommunikativer Blödelei, Arbeiten und Recherchieren in der hauseigenen Bibliothek innerhalb vertrauter und von Häuslichkeit geschiedener Arbeitsatmosphäre, Kritik und Diskussionen in den Seminarpausen und besonders inhaltlicher Austausch face to face. In diesem Gefühl schwingt vielleicht der Beigeschmack einer Romantisierung oder einer gewissen Sehnsucht mit. Besonders als Arbeiter:innenkind mit Unizulassung auf dem zweiten Bildungsweg stellt die Hochschule als materiell-erfahrbarer Aufenthaltsort, so schrecklich architektonisch und im gleichen Maße segregierend er sein mag, eben auch einen sinnlich-sinnstiftenden Ort der Anregung zur reflexiven Problematisierung und vielfältig-kritischen Auseinandersetzung dar. Der Begriff des „Ortes“ ist hier nicht zufällig gewählt, sondern verweist auf das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Subjektivierungsprozessen und dementsprechend entfaltungsaffinen und territorialen Arrangements (Winkler 1988). Bei meinem häuslichen Studieren am Laptop, welchen ich jetzt tagsüber so häufig und intensiv nutze, dass ich ihn selbst als digital native mit fünfeckigen Augen in meiner Freizeit kaum mehr sehen mag, fühlte ich mich wie in einer Bildungsparabel, in der ich Gärtner und Blume zugleich sein durfte. Die emsige Bearbeitung von Texten und Aneignung von Inhalten an einem ausschließlich privaten Ort fühlte sich nach einem längeren Zeitraum, ebenfalls im Kontext des digitalen Raumes, wo Inputs von Dozierenden und Studierenden sowie Austausch gegeben waren, kontextlos an.          

Das digitale Seminar

Dieses Wegbrechen von analogen Lehr-Lern-Routinen aufgrund der Corona-Pandemie evoziert Widerstand gegenüber diesbezüglichen Veränderungen und führt zu Verunsicherungen. Diese waren besonders in den digitalen Seminar- und Lehrräumen zu spüren. Wie gestalte(t) (s)ich mit meiner Anwesenheit solch ein(en) Raum? Wann spreche ich, wer spricht überhaupt, wie ‚melde‘ ich mich, wie viel sage ich, was machen die Mitstudierenden, warum haben einige die Kameras deaktiviert, habe ich mir gerade gedankenversunken und im fullscreen zu offensichtlich an der Nase herumgespielt? Fragen des Datenschutzes und der Privatsphäre trugen nicht gerade zu einer allgemeinen Offenheit und großen Beteiligung in den Seminaren bei. Vielleicht ist dieser Maßstab für Partizipation im Zuge einer Pandemie aber auch vermessen. Der unsichere Boden des digitalen Raumes im Rahmen eines Seminares zeigte sich besonders dann, wenn es um Kennenlernprozesse oder freien Austausch abseits der Seminarinhalte ging. Nur sehr zaghaft wurden lockere Gespräche aufgenommen oder off-topic fortgesetzt.

Durch die Ad-Hoc-Digitalisierung wurde auf spontane Gestaltungskräfte gesetzt und so getan, als ob der Ablauf eines solchen Seminares automatisch vonstattengehen könnte. Natürlich ging er das auch, aber sicherlich zum Vorteil der Vorlauten und Fixen und auf Kosten vieler anderer Personen, denen es schwer/er fiel, eine Umstellung plötzlich und zügig zu bewältigen. Es fehlten Räume, in denen der bisherige Ablauf und der weitere Fortgang diskutiert sowie offene Veränderungswünsche und Bedarfe kritisch artikuliert werden konnten. Wie wirken sich die digitalen Bedingungen auf das gemeinsame Lernen, Erfahren, Sprechen und den Austausch aus? Warum wurden bewusst für Flurfunk oder Kaffeepausen-Gespräche für Studierende zur Verfügung gestellte digitale Räume nicht bzw. nur sehr selten genutzt?

Was hier als zu wenig und ungerahmt eine erste Erfahrung darstellt, soll die digitalen Seminarräume nicht vorab desavouieren, sondern die beginnende Notwendigkeit einer transparenten und reflexiven Gestaltbarkeit markieren. Wie werden digitale Räume zu digitalen Orten? Wie kann den Ansprüchen des Lernens, Denkens, aber auch des Fühlens mit allen Sinnen ein wirklicher Erfahrungswert beigemessen werden? 

(Un)Freiheiten?

Andere Erfahrungen hingegen haben einen gleichzeitigen Zugewinn an Freiheiten und Unfreiheiten aufgezeigt. Mit dem Laptop ein ganzes Seminar bzw. Studium „einpacken“ zu können, um ein anderes Territorium als den Studienort temporär aufzusuchen, birgt zum Beispiel viele Annehmlichkeiten. Welche Vorteile könnte ein digitaler Stream von Seminaren und Vorlesungen über die Pandemie hinaus bieten? Was passiert aber, wenn die digitalen Möglichkeiten zum digitalen Imperativ werden und die Debatte sowie freie Auswahl der Formate nicht mehr stattfindet? Ohne eine entsprechende Affinität, das technisches Know-how und zur Verfügung stehende Unterstützungsangebote bedeuteten nicht nur IT-Probleme während der Pandemie für einige Mitstudierende der Sozialen Arbeit das Studienaus: Lockdown = Knockout. Dies sollte bei zukünftigen Reflexionsprozessen mit Blick auf die Gestaltbarkeit von digitalen Orten berücksichtigt werden.


Ein Gastbeitrag von Ottje Bunjes, Master-Student der Sozialen Arbeit an der HAW Hamburg


Quellen: 

Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS 2020). Kongress 2020 - Gesellschaft unter Spannung - 17. September 2020. Sonderveranstaltung zu soziologischen Diagnosen der gegenwärtigen Um_Ordnung mit oder nach Corona. Diskussionsimpulse: Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz und Martina Löw. https://www.youtube.com/watch?v=Na9LIrXeSIU (Aufgerufen am 10.10.20).

Stanescu, Lea (2020). Struktureller Rassismus an der Universität Leipzig. In: Leipzigs unabhängige Hochschulzeitung (luhze). https://www.luhze.de/2020/08/14/struktureller-rassismus-an-der-universitaet-leipzig/ (Aufgerufen am 10.10.20).

Winkler, Michael (1988). Eine Theorie der Sozialpädagogik Stuttgart, Klett-Cotta, 1988.