Aktivierungs- und weitere Methoden in der digitalen Seminargestaltung: Wie die aktuelle Situation dazu einlädt, Neues auszuprobieren

Nicht nur an Universitäten, sondern im ganzen Land gehen die Vorbereitungen auf ein weiteres digitales Semester gerade in die Zielgerade. Viele Bereiche Sozialer Arbeit stehen nach wie vor vor der Herausforderung, hybrid oder digital Menschen zu erreichen, zu begleiten und zu schulen. Zeit, inne zu halten und das bisher Erlebte zu reflektieren, ist im Alltag mit all den neuen Anforderungen und Herausforderungen oft knapp bemessen - obwohl alltägliche Erlebnisse aufzeigen, wie wichtig die Reflexion dessen, was medial zuweilen als kollektives Schockerlebnis oder gar Trauma bezeichnet wird, insbesondere für die Soziale Arbeit ist. Die Corona-Krise wird weiterhin nicht einschätzbare Folgen auf das Soziale haben und alle Akteure Sozialer Arbeit - egal ob in Forschung und Lehre, in Beratung und Begleitung, in Heimeinrichtungen und Jugendhäusern, in Ämtern und Schulen - werden sich vermehrt im digitalen Raum bewegen müssen.

Mit dem nachfolgenden Beispiel aus der Praxis der Seminar- bzw. Gruppenarbeitsgestaltung in formellen und informellen Bildungssettings während des Corona-Lockdowns, soll dafür geworben werden, sich gerade jetzt erneut der Ressourcen der Sozialen Arbeit bewusst zu werden sowie voneinander und miteinander zu lernen, um weiterhin Zielgruppen erreichen zu können - auch digital.

Zoom? Noch nie gehört.

Noch im November 2019 hätte es niemand für möglich gehalten, was im März 2020 plötzlich Alltag war: Anstatt vor Menschengruppen zu stehen, saßen Lehrende und viele Akteure der Sozialen Arbeit vor ihren heimischen Computerbildschirmen und waren plötzlich gezwungen, digitale Wege zu gehen. Schnell wurde klar, dass soziale Interaktionen, die sonst eine wichtige Rolle in Lern- und Gruppenprozessen spielen, hinter einer Kontakt-Barriere verbaut waren. Vielmehr noch wurden Erfahrungen darin gesammelt, wie es ist, die Menschen gar nicht zu sehen, zu und mit denen man spricht und das alles neben eigenen Fragen zur Funktionalität von Software und Videokonferenzsystemen. Auf der anderen Seite mehrten sich die Bedarfsmeldungen: der Wunsch nach Austausch war und ist nach wie vor groß. Auch Lehrende in formaler Bildung z.B. in Hochschulen, machen die Erfahrung, dass Studierende Methoden einfordern, die es ihnen ermöglichen, sich digital begegnen zu können. Nachvollziehbar, dass es den Wunsch gibt, sich auch informell auszutauschen, wenn alle gewohnten Räume zur Begegnung im Hochschulalltag wegfallen. Auch nach dem Ende des Lockdowns ist davon auszugehen, dass insbesondere Studierende sog. Risikogruppen weiterhin isoliert leben.  Für Lehrende scheint es ebenso legitim zu sein, ein Gefühl zu den Menschen zu entwickeln, mit denen Methodik/Didaktik ausprobiert oder Gruppenarbeiten absolviert werden sollen. Außerdem eröffneten sich bei der Gestaltung von Seminaren oder Großgruppenprozessen neue Problemfelder. Fragen wie: “Wie schaffe ich es, dass sich über 200 Studierende nach Interessen in Gruppenräumen einfinden?“, “Was kann ich tun, um ein wenig Abwechslung in Tagesabläufe vor dem Computer zu bringen?“ und „Wie wende ich eigentlich meine Methoden im digitalen Raum an?“, bilden nur Teilaspekte der Komplexität der kurzfristigen Digitalisierung ab.

Herausforderung angenommen!

Diesen Fragen zur methodisch abwechslungsreichen Gestaltung von digitalen Seminaren in formellen und informellen Bildungssettings stellte sich eine Gruppe von Menschen, die in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit und Erwachsenenbildung tätig sind, zu der auch ich gehörte. Ausgehend von der These, dass alle Elemente der Vor-Ort- Seminargestaltung auch digital umsetzbar sind, probierten wir insbesondere Aktivierungs-, Kennenlern- und weitere Methoden in Videokonferenzen aus und holten Rückmeldungen von Teilnehmenden und Kolleg*innen ein. Für unsere Arbeit mit diversen Menschengruppen halten wir fest, dass digitale Aktivierungsmethoden in Videokonferenzen dazu genutzt werden können, persönliche Begegnung in Gruppen zu ermöglichen. Neben dem erlebten wir, dass sie „frische Luft“ in Körper und Geist bringen, das Setting für einen Moment verändern, den Druck rausnehmen sowie in Einheiten einleiten und/oder die Wissensvermittlung unterstützen können. Aktivierungsmethoden im digitalen Raum können dazu beitragen, dass Anleitende und Teilnehmende sich anders begegnen und ein „Miteinander Sein“ ermöglicht wird. Auch für Lehrpersonen in formellen Bildungssettings, die Teilnehmende für ihre Leistungen bewerten müssen, können sich so nochmal andere Seiten einer Person aufzeigen lassen, was insbesondere innerhalb digitaler Seminare von Vorteil sein kann. Für Teilnehmende hingegen zeigt sich an einer bewusst und gut eingesetzten Methode, dass Lehrpersonen ihre Seminargestaltung didaktisch und methodisch durchdacht haben.

Medienkompetenzerwerb durch Aktivierungsmethoden

Aktivierungsmethoden können gleichermaßen dazu genutzt werden, das Kennenlernen von Funktionsweisen digitaler Plattformen und Videokonferenzsysteme zu ermöglichen. Auch die Generation der sog. „digital natives“ ist nicht mit einem umfassenden Wissen über entsprechende Systeme ausgestattet. Aktivierungs- und weitere Methoden werden so zu einem Werkzeug im Erwerb von Medienkompetenzen.

Altbewährtes digital und barrierefrei

Eine wichtige Erkenntnis während des Ausprobierens war zudem: Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden! Viele Methoden, die im realen Raum anwendbar sind, können weiterhin im digitalen Raum angewendet werden. Gleichermaßen sind Aktivierungsmethoden auch im digitalen Raum für Menschengruppen mit unterschiedlichen Bedarfen anpassbar. Videokonferenzsysteme sind oftmals mit einer Vielzahl von Funktionen ausgestattet, die Barrierefreiheit ermöglichen. Insbesondere in der Auswahl von Aktivierungsmethoden kann es notwendig sein, die Bedarfe einer Seminargruppe zu kennen, um alle Teilnehmenden gut eingebunden zu wissen. Aktivierungsmethoden sind in ihrer praktischen Anwendung keine feststehenden Gebilde, sondern Bausteine, die so angepasst werden können, dass sie zu einem Seminar und/oder zur Gruppe passen.

Die aktuelle Situation als Chance nutzen!

Im Prozess des Ausprobierens und Austauschens über den Einsatz von (digitalen) Aktivierungsmethoden fiel auf, dass Lehrende an Hochschulen eher weniger Erfahrungen hatten, wohingegen Akteure informeller Bildungssettings oft ein breites Wissen an, in entsprechenden Kontexten oftmals „Energizer“ genannten Methoden, aufwiesen und ein hohes Interesse am Austausch zu digitalen und barrierefreien Versionen vorhanden war. Verständlich ist es, dass es Bedenken geben kann, im Rahmen formeller Strukturen die Anwendungen von Methoden, die im ersten Augenschein nicht die Form wahren, anzuwenden. Vielleicht ist es jedoch eben nun genau dieser Moment, in dem durch die notwendige Umstrukturierung von Seminaren eine Tür geöffnet wird, mal was Neues auszuprobieren. Insbesondere in Seminaren in Fachbereichen der Sozialen Arbeit lassen sich Studierende finden, die bereits Erfahrung mit der Anleitung von Aktivierungsmethoden haben. So lässt sich auch für Skeptiker*innen aus einer beobachtenden Rolle heraus prüfen, ob es dem Fluss von digitalen Seminaren wirklich dienlich ist, (keine) Aktivierungsmethoden anzuwenden. Vielleicht ist es auch ansprechend, die Methoden gar nicht auszuprobieren, sondern lediglich an passender Stelle darauf hinzuweisen, dass es bereits praktische Auseinandersetzungen mit dem Thema gibt. Gerne kann auf das Ergebnis der oben genannten Gruppe verwiesen werden: einer Ideensammlung mit Energizern und weiteren Methoden für die digitale Seminargestaltung, die frei zugänglich hier zu finden ist. Für Rückmeldungen und Austausch stehen wir gerne zur Verfügung.

Ob mit oder ohne Aktivierungsmethoden: Wir wünschen einen guten Start ins neue Semester bzw. viel Erfolg und Mut, Neues zu wagen - für jegliche digitale Umsetzung des Lehrens und Lernens Sozialer Arbeit!

Ein Gastbeitrag von Kathrin Hölscher

Diplom Sozialpädagogin / Diplom Sozialarbeiterin (FH)

Master of Arts Empowerment Studies

Mitbegründerin Di-World e.V.

2 responses
Vielen Dank für das Teilen dieser Überlegungen und dem Link zu der praktischen Ressource! Mit freundlichen Grüßen Sabine Stövesand — Prof. Dr. Sabine Stövesand University of Applied Sciences Hamburg Department Social Work Alexanderstr. 1 20099 Hamburg R 3.22, +49 40 42875-7101 sabine.stoevesand@haw-hamburg.de Am 15.09.2020 um 09:49 schrieb Posthaven Posts >:
Vielen Dank! Wir freuen uns, dass sich unsere Anregungen vervielfältigen. Wenn Sie Fragen oder Ergänzungen zu den beschriebenen Methoden haben, stehen wir sehr gerne zur Verfügung.