Sozialarbeit im Kontext von Migration und Flucht

Sozialarbeitende leisten im Kontext von Migration und Flucht sehr viel und sehr wertvolle Arbeit. Sie können aber auch – wie in allen anderen Feldern – paternalistisch und rassistisch handeln und tragen damit (nicht intendiert) zur Infantilisierung der Adressat_innen und/oder zur Verletzung ihrer Menschenrechte bei. Gerade im Kontext Sozialer Arbeit mit Geflüchteten - wo sehr wenig effektive Schutzmechanismen für Adressat_innen fest verankert sind - entsteht der Eindruck, dass dies eine Erfahrung ist, die häufig gemacht wird.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Chemnitz am 13.12.2016 äußerten Vertreterinnen von Jugendliche ohne Grenzen (http://jogspace.net/) und Asylum Seekers Movement (https://www.facebook.com/AsylumSeekersMovement/) eine Skepsis gegenüber Sozialarbeitenden auf Grund ihrer Erfahrung. Sie wurden daraufhin gefragt, was Soziale Arbeit ihrer Ansicht nach unterlassen soll. Alle drei Vertreterinnen nannten ohne lange zu überlegen Folgendes:

·      Bevormundung

·      Anpassung der Jugendlichen an Projekte und nicht an ihren Bedürfnissen

·      Für Jugendliche entscheiden

·      Fehlerhaftes Verhalten Einzelner verallgemeinern

·      Kulturalisierung

·      Auf starre Regeln bestehen; „one size fits all“

·      Dont patronize us

 

Weitere Anlässe zur Sorge sind, wenn Sozialarbeitende professionelle Kernstandards bei Geflüchteten nicht anwenden bzw. hier „andere Werte“ zugrunde legen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Dankbarkeit von Adressat_innen erwartet oder selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Fehlverhalten von Geflüchteten „weiter zu melden“ sei oder aber, dass über Geflüchtete gesprochen wird, ohne mit ihnen zu sprechen. Besonders problematisch wird es, wenn Sozialarbeitende in Tätigkeiten verwickelt werden, die im Konflikt mit einem professionellen Mandatsverständnis stehen oder diesen gar verletzen.

Vor diesem Hintergrund wurde von einer Arbeitsgruppe von Hochschullehrenden der Sozialen Arbeit ein Positionspapier zu „Soziale Arbeit mit Geflüchteten - Professionelle Standards und sozialpolitische Basis“ im Frühjahr 2016 entwickelt (www.fluechtlingssozialarbeit.de). Es soll Sozialarbeitenden ermöglichen, sich in ihrem Handeln und dessen Begründung auf geteilte berufsethische und fachliche Standards zu berufen. Die dort vorgelegten Standards konkretisieren allgemeine Grundsätze der Sozialen Arbeit, bezogen auf die Unterstützung von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften.

 

Um die Diskussionen, die das Papier angeregt haben, weiterhin in einem professionellen Rahmen zu führen, wurde eine DGSA-Fachgruppe mit dem Titel „Flucht, Migration und Rassismuskritik“ gegründet. Sie wird sich auf der DGSA Tagung 2017 in Berlin erstmalig vorstellen. Sprecherinnen dieser Gruppe sind Prof. Dr. Annette Müller (KHSB, Berlin), Prof. Dr. Nivedita Prasad (ASH, Berlin) und Barbara Schäuble (ASH, Berlin).


Prof. Dr. Nivedita Prasad

Anrims Hoffnungen und die traurige Realität in Deutschland - Unbegleitete, minderjährige Geflüchtete und ihr Bedarf an psychosozialer Unterstützung

Die 16jährige Anrim trägt die Hoffnung ihrer Familie in sich. Nachdem die kriegerischen Auseinandersetzungen in ihrem Heimatland lebensbedrohliche Ausmaße angenommen hatten, wurde das Mädchen von den Eltern mit einer kleinen Gruppe weiterer Minderjähriger auf die Reise geschickt. Diese Reise von ihrem 3000 km entfernten Zuhause nach Deutschland wird Anrim nie vergessen. Sie musste vieles aushalten: beschwerliche Wege, die Gefahr der Zurückweisung, Ausnutzung und Gewalt. Nach einer Vergewaltigung wünschte sie sich, sie hätte sich niemals auf diese Reise gemacht. Zuhause aber, das weiß sie, hoffen alle darauf, dass sie in Europa ihren Platz findet, eine Perspektive bekommt und die Familie zuhause unterstützen kann. Doch wird Anrim das schaffen, nach all den traumatischen Erlebnissen? Findet sie in Deutschland die nötige Unterstützung?

Zehntausende minderjährige Geflüchtete sind derzeit in Deutschland in Erstaufnahmeeinrichtungen nur mit dem Nötigsten versorgt: Unterkunft, Essen, Kleidung, Zeitvertreib. Was sie zusätzlich brauchen, sind eine dauerhafte Perspektive, Wohnungen, Sprachkurse, Vermittlung in Schulen, Ausbildungen und Arbeitsplätze. Viele benötigen zudem psychosoziale Hilfen. Freiwillig Engagierte allein können das nicht leisten, die Betroffenen brauchen darüber hinaus professionelle Hilfe von Seiten der Sozialen Arbeit: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die beraten, vermitteln, vernetzen, motivieren und – bei Bedarf – auch für sie sprechen, für ihre Rechte kämpfen und sie vertreten.

Für minderjährige Geflüchtete, die, wie Anrim, traumatische Erfahrungen verarbeiten müssen, bietet die Klinische Sozialarbeit angemessene Hilfen: professionell, lebenswelt- und ressourcenorientiert und zugeschnitten auf Klientinnen und Klienten mit besonderem psychosozialen Unterstützungsbedarf. Eine solche Unterstützung kann zum Beispiel in entlastenden Gesprächen im Rahmen der Möglichkeiten der Erstaufnahmelage oder in der Vermittlung zu einem geeigneten Jugendhilfeangebot bestehen. 

Anrim sagt, sie sei durch die Flucht „irgendwie stärker“ geworden, sie habe sich selbst „durchgeschlagen“ und sei daher selbstbewusster geworden. Das sind gute Voraussetzungen, doch ohne professionelle Unterstützung wird es trotzdem schwer werden, zu viel Altes und Neues gilt es zu verarbeiten und eine Perspektive aufzubauen. So fasst Namika, eine Klientin aus einem Modellprojekt der Klinischen Sozialarbeit zusammen: „Als ich hierhergekommen bin, das war für mich einfach eine andere Welt. Und da bin ich auch nochmal froh, dass ich irgendwie wenn irgendwas bei mir psychisch kritisch wird, dann weiß ich, ich habe eine Anlaufstelle“.

Wird auch Anrim eine solche Anlaufstelle finden? An fachkompetenten Konzepten für Diagnostik und Intervention der Klinischen Sozialarbeit sowie erprobten Praxismodellen fehlt es nicht. Doch die strukturellen Bedingungen in Deutschland sind alles andere als günstig: zu wenig professionelle Fachkräfte, keine geeigneten Wohnmöglichkeiten für Geflüchtete, keine Räumlichkeiten für professionelle Hilfen. Anrim hat es weit geschafft, doch ob sie auch in Deutschland weiterkommen wird und die Hoffnungen ihrer Familie erfüllen kann, hängt nicht zuletzt von den Kostenträgern und der Politik ab. Die nötigen Kompetenzen sind in der Klinischen Sozialarbeit längst vorhanden: Die Situation der Betroffenen angemessen aufzunehmen (psychosoziale Diagnostik), sie zu beraten und die richtige Hilfe zu planen (psychosoziale Intervention) und in weitere Angebote zu vermitteln. Und somit ein Stück weit zum Ankommen und Bleiben beizutragen.

 

Prof. Dr. Dieter Röh, Prof. Dr. Eva Wunderer

Die Letzten werden die Ersten sein.

Die Automatisierung von Berufen aufgrund des Siegeszugs einer immer tiefgreifenderen Digitalisierung ist in aller Munde und ist der neue Megatrend in der Arbeitswelt. Einige vergleichen diese Entwicklung mit ihren Auswirkungen schon mit den Folgen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Und zweifellos ist diese Diskussion wirklich voll entbrannt: da geht es um selbstfahrende Autos, Taxis und Züge, die den individuellen und kollektiven Nah- und Fernverkehr revolutionieren und ganz nebenbei die Fahrer_innen überflüssig machen. Da geht es um Drohnen, die Pakete und Post zustellen und die Logistikbranche umkrempeln und da geht es um kontaktloses Bezahlen ohne Kassierer_innen im Supermarkt oder am Besten gleich den sich selbst füllenden Kühlschrank. Das alles wird unter dem Label einer zunehmenden Effizienzsteigerung einer (produzierenden) Dienstleistungsgesellschaft diskutiert. Dass dies aber natürlich auch ganz schwerwiegende Folgen für die bislang in diesen Bereich arbeitenden Menschen haben wird, die dann ihren Job verlieren, versteht sich von selbst - noch kommen diese aber in der Diskussion nicht vor. 


Interessant ist aber der Blick von der anderen Seite. Welche Berufe profitieren eigentlich davon, wenn verschiedene Tätigkeiten in 20, 30, 40 Jahren automatisiert von Maschinen ausgeübt werden können? Und werden diese Berufe im Ansehen und Bezahlung entsprechend an Bedeutung gewinnen? Angesichts der marktwirtschaftlichen Logik könnte man vermuten: „ja, werden sie“. Und da passt ein Befund einer Studie von zwei Wissenschaftlern aus Oxford gut ins Bild. Die beiden haben 700 Berufe anhand einer US-amerikanischen Datenbank auf typische Tätigkeiten im Berufsalltag untersucht. Anschließend wurde diesen Tätigkeiten ein Wert mit Bezug auf die Wahrscheinlichkeit einer Automatisierung in der Zukunft zugeordnet und schließlich wurde aus diesen Werten eine Rangfolge der Berufe mit der geringsten bzw. höchsten Wahrscheinlichkeit der Automatisierung erstellt.

And the winner is: Soziale Arbeit!

Ja, richtig gelesen. Zumindest in der in einer Computerzeitschrift (ct, 7/2015) veröffentlichten Kurzliste, die die 700 Berufe nochmals zusammenfasst, steht Soziale Arbeit ganz oben - für die detaillierte Liste vgl. den link zur ursprünglichen Studie oben im Text)

Aus: ct, 7/2015
Und wenn man dann noch bedenkt, dass in weiten Teilen Deutschlands der Arbeitsmarkt für Sozialarbeiter_innen fast leergefegt ist (vgl. Blogpost zuvor), dann ist das für die Zukunft der Sozialen Arbeit doch eine ganz gute Nachricht. 


Sozialarbeiter*innen – gefragt wie noch nie, schlecht bezahlt wie bisher?

Aus der Süddeutschen Zeitung kommen positive Nachrichten: Für den April 2016 meldet die Bundesagentur 120 offene Stellen pro hundert arbeitslose Sozialarbeiter*innen. Real vermutet Oliver Koppel, Arbeitsmarktexperte vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sogar ein Verhältnis von bis zu 500 zu hundert. Längst nicht alle offenen Stellen werden bei der Arbeitsagentur gemeldet und über andere Wege besetzt.

Auch die Zeit bestätigte vor kurzem diese Nachrichten. Die Berufsgruppe der Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen wurde dort als die auf dem Arbeitsmarkt für das Jahr 2015 gefragteste Berufsgruppe beschrieben. Bereits 2015 stiegen die offenen Stellen pro 100 Arbeitslose von 45 auf 114 an. Im Vergleich lag die Berufsgruppe der Ingenieur*innen der Energie- und Elektrotechnik hier bei 60 bis 71 offenen Stellen pro 100 Arbeitslose. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft gibt bekannt, dass damit die "klassische Ordnung der Engpassberufe ... auf den Kopf gestellt" wurde.

Nun ist diese Entwicklung nicht ganz neu. Bereits 2010 wurde in den "Materialien zur Entwicklung des Arbeitsmarktes für SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen" die positive Arbeitsmarktentwicklung der Sozialen Arbeit im Vergleich mit anderen Berufsgruppen festgestellt.

Dennoch bleibt es sehr erfreulich, dass der "Wachstumsberuf Soziale Arbeit" nun in den Medien als solcher erkannt und benannt wird. Und es kann festgehalten werden, dass die Soziale Arbeit in den beiden Artikeln als relevanter, attraktiver, und abwechslungsreicher "sozialer Expertenberuf" auftaucht und nicht als Tätigkeit, die notfalls auch von gutmeinenden Laien oder anderen Berufsgruppen einfach übernommen werden kann.

Weniger glücklich ist, dass die Soziale Arbeit in beiden Zeitungen sehr stark als Flüchtlingsprofession dargestellt wird und viele ihrer weiteren Handlungsfelder dabei unter den Tisch fallen.

Und es bleibt zu fragen, ob der wachsende Bedarf an Sozialarbeiter*innen sich auch in verbesserten Arbeitsbedingungen und einer Vergütung bemerkbar machen wird, die einem akademischen Expert*innenberuf angemessen ist. Wenn auch hier die Sozialarbeiter*innen die Ingenieur*innen ein- und überholen werden, dann werden einige der hier noch offenen Fragen auch geklärt sein.



DGSA startet Blog!

Um in einer Mediengesellschaft auch mit Inhalten wahrgenommen zu werden, die über die eigene Zielgruppe der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit hinaus auch für eine breitere Bevölkerungsgruppe relevant sind, brauchen Wissenschaftler_innen eine gesunde Mischung aus medienwirksamem Pragmatismus, der bestimmte Inhalte zu vermitteln hilft, und der nötigen wissenschaftlichen Qualität, damit das vom Publikum Gehörte auch differenziert genug ist und dem aktuellen Stand der Fachdiskussion entspricht.

Die DGSA startet in diesem Sinne mit einem neuen Angebot: In regelmäßigen Abständen schreiben Personen aus dem Umfeld der DGSA in diesem Blog und kommentieren, analysieren, erklären oder beschreiben aktuelle Ereignisse aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Schreiben werden Personen aus dem Vorstand, die Sektions- und FachgruppensprecherInnen und eingeladene GastautorInnen. 

Der Blog soll der Sozialen Arbeit helfen, sich in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu zeigen und gleichzeitig die ihr wichtigen Inhalte zu transportieren.

 

Wir freuen uns auf vielseitige Kommentare und Debatten!