Soziale Arbeit und die Systemrelevanz - Kritische Gedanken über ein fragwürdiges Etikett

In Anbetracht der Coronavirus-Pandemie und der mit ihr einhergehenden gesellschaftlichen Herausforderungen ist die Soziale Arbeit derzeit an verschiedenen Stellen damit befasst, sich über ihr Selbstverständnis und ihre gegenwärtigen wie zukünftigen Aufgaben zu vergewissern. Teil dieses Reflexionsprozesses ist die vom DBSH initiierte Fachkräftekampagne „#dauerhaftsystemrelevant“. Ich möchte den kürzlich in diesem Blog erschienenen Beitrag über die Kampagne zum Anlass nehmen, einige kritische Fragen aufzuwerfen, die sich mir angesichts des Kampagnentitels gestellt haben. Denn der durch die Kampagne in den Anerkennungs- und Professionsdiskurs der Sozialen Arbeit eingebrachte Begriff der „Systemrelevanz“ macht es aus meiner Sicht einmal mehr nötig, über die Angemessenheit professionsfremder Begrifflichkeiten und damit einhergehender Implikationen für die Soziale Arbeit nachzudenken. Ich gebe hier Gedanken aus einem von mir geschriebenen Artikel wieder, der im Sammelband Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade (Kniffki/Lutz/Steinhaußen 2021) erscheinen wird und den ich für diesen Blog gekürzt und leicht abgeändert habe. Die Vorabveröffentlichung ist mit den Herausgebern des Sammelbandes abgestimmt.

#dauerhaftsystemrelevant – die Fachkräfte-Kampagne macht Soziale Arbeit in der Pandemie sichtbar

Wird Soziale Arbeit während einer Pandemie benötigt? Ist es notwendig, dass soziale Einrichtungen während einer Pandemie geöffnet bleiben? Wie sollen Fachkräfte der Sozialen Arbeit mit ihren Klient*innen im Kontakt bleiben? Was passiert, wenn Fachkräfte Sozialer Arbeit sich und ihre Klient*innen nicht vor einer Virusansteckung schützen können, weil es keine Schutzkonzepte, Schutzmaßnahmen und Schutzausrüstung gibt? Und wie bleiben Fachkräfte der Sozialen Arbeit handlungsfähig, wenn die Kommunikation und der fachliche Austausch, zum Beispiel durch nicht mehr gestattete Teamsitzungen, stark reduziert wird?

Steine aus dem Weg räumen – aber wie? Promovieren in der Sozialen Arbeit an HAW/FH

 „Steinige Wege zur Promotion“ – unter diesem Titel fand im November eine Arbeits-Vorkonferenz von Nachwuchswissenschaftler*innen im Rahmen des Fachbereichstags Soziale Arbeit statt. Trotz der vielfältigen Entwicklungen in einzelnen Bundesländern, die Graduierteninstitute, Promotionszentren und politische Bekenntnisse zur kooperativen Promotion hervorgebracht haben, sind die Steine auf dem Weg zur und durch die Promotion in der Sozialen Arbeit noch längst nicht aus dem Weg geräumt.

Studieren unter Corona – Erfahrungen unmittelbarer Ortsveränderungen

Die beginnenden Reaktionen auf die Corona-Pandemie während des Studiums der Sozialen Arbeit begleitete auf der Orientierungsveranstaltung zum Master-Studiengang an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg noch Gekicher und ironische Süffisanz. So wurde jedenfalls in der zweiten Märzwoche das Anliegen über die Anfertigung einer Teilnehmer:innen-Liste mit Blick auf mögliche Ansteckungsketten kommentiert. Dass schon zwei Wochen später die Hochschule geschlossen wurde und alle analogen Formen der Zusammenkunft abrupt in den digitalen Raum wandern mussten, lag zu diesem Zeitpunkt zwar schon irgendwo in der Luft, konnte aber erst mit dem Hereinbrechen dieser Realität begriffen werden. Letzterer Prozess hält wohl immer noch an.

Wohnungslosigkeit im Vergrößerungsglas der Krise

„Wo Händewaschen unmöglich ist“ – unter dieser Überschrift veröffentlichte Gangway e.V. (Berlin) im August dieses Jahres eine Pressemitteilung, die auf die besonders prekäre und lebensbedrohliche Situation von Menschen ohne Wohnung während der Pandemie verweist. Wohnungslosigkeit bedeutet für die Betroffenen nicht nur, dass sie ungeschützt vor Witterung ihren Alltag im öffentlichen Raum bestreiten müssen, was eine besondere gesundheitliche Belastung darstellt. Ohne eigenen Wohnraum zurechtkommen zu müssen, heißt zudem, keinen Rückzugsort und Schutz vor Gewalt zu haben, keinen Ort zur Essenszubereitung, zur Aufbewahrung von Kleidung, Medikamenten und anderen wichtigen persönlichen Sachen oder für die Hygiene zu haben – mit einer Reihe von Konsequenzen, die die Teilhabe an medizinischer Versorgung und gesellschaftlichem Leben unmöglich machen.

Aktivierungs- und weitere Methoden in der digitalen Seminargestaltung: Wie die aktuelle Situation dazu einlädt, Neues auszuprobieren

Nicht nur an Universitäten, sondern im ganzen Land gehen die Vorbereitungen auf ein weiteres digitales Semester gerade in die Zielgerade. Viele Bereiche Sozialer Arbeit stehen nach wie vor vor der Herausforderung, hybrid oder digital Menschen zu erreichen, zu begleiten und zu schulen. Zeit, inne zu halten und das bisher Erlebte zu reflektieren, ist im Alltag mit all den neuen Anforderungen und Herausforderungen oft knapp bemessen - obwohl alltägliche Erlebnisse aufzeigen, wie wichtig die Reflexion dessen, was medial zuweilen als kollektives Schockerlebnis oder gar Trauma bezeichnet wird, insbesondere für die Soziale Arbeit ist. Die Corona-Krise wird weiterhin nicht einschätzbare Folgen auf das Soziale haben und alle Akteure Sozialer Arbeit - egal ob in Forschung und Lehre, in Beratung und Begleitung, in Heimeinrichtungen und Jugendhäusern, in Ämtern und Schulen - werden sich vermehrt im digitalen Raum bewegen müssen.

Mit dem nachfolgenden Beispiel aus der Praxis der Seminar- bzw. Gruppenarbeitsgestaltung in formellen und informellen Bildungssettings während des Corona-Lockdowns, soll dafür geworben werden, sich gerade jetzt erneut der Ressourcen der Sozialen Arbeit bewusst zu werden sowie voneinander und miteinander zu lernen, um weiterhin Zielgruppen erreichen zu können - auch digital.

Ganztagsschule und Schulsozialarbeit – Auf dem Weg zu einer „neuen Normalität“?

Ganztagsschule vor Corona

Es ist etwa fünf Monate her, die Idee einer Corona-Pandemie war noch lange nicht in unseren Köpfen, als ich gemeinsam mit Kommiliton*innen im Rahmen eines Master-Seminars eine Streitschrift [1] mit folgenden Forderungen formuliert habe:

„Als Sozialarbeiter*innen und als Master-Studierende der Sozialen Arbeit fordern wir:

-  Gleichgewichtung von fachlich-qualifizierendem, leistungsbezogenem Lernen und sozialem, nicht leistungsbezogenem Lernen im Rahmen der Ganztagsschule

-  Ausreichend Raum und Sozialarbeiter*innen für das soziale, nicht-leistungsbezogene Lernen, für jugendkulturelle Bildung und die Gestaltung von Aneignungsprozessen der Jugendlichen an Ganztagsschulen

-  Ein einheitliches bundesweites Konzept für das soziale Lernen an der Ganztagsschule, das unter Federführung der Sozialen Arbeit entwickelt wird. 

-  In Verbindung damit: finanzielle Förderung der Sozialarbeitsforschung, um wissenschaftlich fundiert zu evaluieren, zu vergleichen und darauf aufbauend Konzepte weiter entwickeln zu können, ein Promotionsrecht für Hochschulen der Sozialen Arbeit und mehr Forschungsstunden für Lehrende der Sozialen Arbeit.“

Jugendliche brauchen Freiräume!

Wie Perspektiven junger Menschen in Corona-Zeiten aus dem öffentlichen Blick entschwinden… - eine essayistische Betrachtung

„Jugendliche brauchen Freiräume“ – dieser Appell ist nicht neu, bekommt in Corona-Zeiten aber eine neue Dimension. Den 12- bis -18-Jährigen stehen gerade keinerlei gesellschaftliche Frei- oder Sozialräume zur Verfügung, die es ihnen ermöglichen würden, ihrem jugendlichen Leben nachzugehen. In dieser Altersphase ist es enorm wichtig, sich von der Welt der Eltern, der Lehrer*innen, der Erwachsenen abzusetzen, sich mit Peers zu treffen und gemeinsam Neues auszuprobieren. Wie soll das gehen, wenn für sie sämtliche Räume und Orte außerhalb der zudem sehr unterschiedlich aussehenden häuslichen Umgebung seit mehreren Wochen verschlossen bzw. im wörtlichen Sinne geschlossen sind?

Corona-Partys von Jugendlichen. Kritische (Zwischendurch-)Gedanken zum Generationsverhältnis in Zeiten der Pandemie

Am 21.3.2020 titelt „merkur.de“ in dramatischem Duktus: „Gefährlicher Jugendtrend Corona-Partys: Söder schockiert - Polizei in Bayern greift durch“. Im nachfolgenden Artikel wird vermeldet: “Die Polizei hat in Nürnberg und Schwabach zwei sogenannte Corona-Partys beendet. Rund 100 junge Menschen hatten sich am Montagabend (16. März) in einem Nürnberger Stadtpark zum Feiern getroffen. Dabei hatte die Gruppe auch eine mit Generatoren betriebene Musik- und Lichtanlage, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. [...] In Schwabach trafen sich 50 Jugendliche in einem Skater-Park und feierten den Angaben nach ebenfalls lautstark mit einer mitgebrachten Musikanlage. Offenbar hatten sich die jungen Leute über soziale Medien zu der Feier verabredet. Beamte stellten die Anlage sicher und erteilten Platzverweise. [...] Auch Bayerns Ministerpräsident appellierte auf einer Pressekonferenz an die Jugendlichen: „Wir haben Nachrichten bekommen, dass es Corona-Partys gibt bei Jugendlichen“, erzählte Markus Söder. Die Polizei würde solche Aktionen beenden, wie er weiter erklärte. Man könne Eltern und Großeltern anstecken, „wer möchte denn dafür verantwortlich sein?“, fragt Söder.

Besser gestern als heute: Digitale Kompetenzen in der (Lehre der) Sozialen Arbeit während der Corona-Krise

Bettina Radeiski und Michelle Mittmann blicken auf digitale Herausforderungen zu Zeiten der Corona-Krise, wie sie im Netz diskutiert und an Hochschulen umgesetzt werden.

Die Ausbreitung des Coronavirus/COVID-19 schränkt uns ein und verpflichtet uns zur räumlichen Distanz. Dass vor etwa einer Woche bundesweit Hochschulen geschlossen wurden, ist unter Berücksichtigung der rasanten Verbreitung des Virus nur logisch und zu begrüßen gewesen. Diese Entscheidung bringt nun allerdings Herausforderungen mit sich, die von Einzelnen nur mit größten Anstrengungen zu bewältigen sind. Schließlich stehen SozialarbeiterInnen und Lehrende gerade vor der Herausforderung, „mal eben so“ auf digitale Formate umzusteigen, häufig, ohne auf Erfahrungen zurückgreifen zu können.

In Social Media lässt sich beobachten, dass das Engagement zur Kollaboration im Netz bereits besonders groß und extrem dynamisch ist. Da helfen SozialarbeiterInnen einander in Gruppen, indem sie kollegiale Beratung anbieten. Sie unterstützen Initiativen wie die #NachbarschaftsChallenge und stellen kostenfreies Bildmaterial für Flyer, Aushänge und Handzettel zur Verfügung. Und eine Linksammlung nach der nächsten vermehrt das Schwarmwissen um kostenlose und praktische Tools. Dabei reichen die Tipps von der Herstellung von Online-Konferenzen über Online-Lehr-Lern-Arrangements bis hin zum „Corona-Home-Office-Guide“. Auch die Bundesregierung wusste diesen Tatendrang für sich zu nutzen: Am 20.03.2020 startete ein 48 Stunden andauernder Hackathon, bei dem sich die TeilnehmerInnen online engagierten und Lösungsansätze für gesellschaftlich relevante Fragestellungen mit Blick auf die Corona-Krise entwickelten.

Geht es um die Organisation von Hilfen für AdressatInnen bzw. Formen adäquater Zusammenarbeit, erfahren Facebook-Gruppen der Sozialen Arbeit zwecks Austausch untereinander großen Zuspruch. Auch Verbände und Organisationen wie die Caritas verweisen derzeit auf ihre digitalen Kompetenzen. Zurzeit wirbt sie mit der Aufforderung „Bleib zuhause, aber bleib gut beraten“ für das eigene Online-Beratungsangebot. Das Deutsche Rote Kreuz vermeldet auf Twitter einen rasanten Anstieg der Klickzahlen auf eigenen Sonderseiten rund ums Thema Home Office.

Ähnliches lässt sich in der Hochschullehre beobachten. Um in Studiengängen der Sozialen Arbeit den Studierenden auch im Sommersemester 2020 den erfolgreichen Abschluss von Modulen und Prüfungen zu ermöglichen, ist es notwendig, dass die Lehre kurzfristig an diese Situation angepasst und auf digitale Formate (synchrone wie asynchrone) umgestiegen wird. Ideen und gemeinsame Lösungen werden auf diversen E-Learning- und Kommunikationsplattformen ausgetauscht. Dort können KollegInnen zusammen mit den ExpertInnen des „Digitalen Lehrens und Lernens“ über ihre Erfahrungen mit der Online-Lehre sprechen, Fragen stellen und good practices teilen.

Das Studieren in räumlicher Distanz zum Hochschulgebäude und wahrscheinlich auch in räumlicher Distanz zur Praxis auf einen längeren und unbestimmten Zeitraum erscheint trotz des hohen Engagements surreal. Aufgrund der grundsätzlich anderen Lehr- und Lernformen werden sich vermutlich nicht nur die Art und Weise der Kommunikation, sondern auch die geplanten Seminarinhalte verändern. Dies betrifft insbesondere Seminare, in denen Gruppenarbeiten oder das Seminargespräch, also der Austausch von Argumenten, das Reflektieren eigener und anderer Standpunkte im Vordergrund standen. Gewohnte Lernatmosphären verändern sich, Bibliotheken und Schreibwerkstätten haben geschlossen. Und auch der Alltag – sei es mit oder ohne Kind – bekommt eine andere Struktur. Auf der anderen Seite geraten nun ganz neue Formate wie Podcasts oder Live-Chats in den Blick, auch sie werfen neue Fragen der Didaktik auf. Inwieweit digitale Lehr- und Lernformate neue Kompetenzen und eine neue Form des Wissenserwerbs einfordern und auf diese Weise fördern, wird sich zeigen. Das nun begonnene Sommersemester als „Nichtsemester“ zu deklarieren und Lehrenden wie Studierenden damit Zeit und Raum zu geben, sich auf neue Formate einzulassen, wäre aus unserer Sicht sinnvoll. Es bleibt abzuwarten, was die Initiative der drei Kolleginnen, die sich dafür einsetzen, bewirkt.

Sowohl an Hochschulen als auch in Einrichtungen der Sozialen Arbeit ist zu erkennen, dass digitale Kompetenzen breit gestreut sind und werden. Leider gibt es dennoch keine „digitale eierlegende Wollmilchsau“. Niemand vereint alle guten Ideen in einer Person oder in einer Einrichtung. Für den Moment (vermutlich auch noch in den nächsten Jahren) wäre es wichtig, in Fragen digitaler Kompetenzen zusammenzuarbeiten und einander zu ergänzen – #digitalsolidarisch für die #digitaleSoA wenn man so will.

Michelle Mittmann, Social-Media-Beauftragte der DGSA, bietet daher an, einen neuen ExpertInnen-Pool mit digitalen Kompetenzen der Mitglieder zu erstellen. Hier haben sie nun die Möglichkeit, ihre digitalen Skills preiszugeben. Außerdem entsteht so die Möglichkeit an zentraler Stelle in Erfahrung zu bringen, an wen man sich im persönlichen Bedarfsfall wenden kann – auch abseits von Social Media.

Es ist zu vermuten, dass sich anhand der dann vorliegenden Liste ein bereits riesiger Wissens- und Erfahrungsschatz abzeichnen wird, der hoffentlich bald in der Gründung einer neuen Fachgruppe zum Thema Digitalisierung und Soziale Arbeit mündet.

 

Bettina Radeiski, Professorin an der HAW Hamburg

Michelle Mittmann, Social-Media-Beauftragte der DGSA