Promotionsrundmail Nr. 200: Persönliche Betrachtungen

Die Promotionsrundmail Nr. 200 ist verschickt worden. Nun haben diese runden Zahlen im Dezimalsystem nicht von sich aus eine Bedeutung, man muss ihnen eine zuerkennen: Im Hexadezimal-System lautet die dezimale 200 einfach: C8, im Oktalsystem: 310 und binär: 11001000 – das sieht alles wenig symbolisch aufgeladen aus. Bedeutung ist also etwas, das gegeben, verliehen werden muss. Die Bedeutung, welche die Promotionsrundmail für uns als einzelne Personen von der Redaktion und im Weiteren für die Mitglieder von Fachgruppe und Beirat hat, ist je nach biografischer Situation verschieden. Wir haben daher beschlossen, in diesem Blog der DGSA als Personen sichtbar zu werden, die hinter der Promotionsrundmail stehen.


Rudolf Schmitt - Redaktion und ehemaliger Sprecher der Fachgruppe Promotionsförderung

Ich habe den Vorteil eines kleinen Vorsprungs in der Routine, einen Rückblick zu schreiben, und kann auf meine Anmerkungen in der einhundertsten Rundmail zurückblicken (vom 11.7.2011, siehe). Dort stand das Erstaunen über das schnelle Wachstum der Rundmail seit der ersten Ausgabe im Dezember 2006 im Vordergrund, auch über die mit der Rundmail induzierten Notwendigkeiten des Schreibens einer zusammenfassenden Promotionsbroschüre, der Erstellung einer Liste zu abgeschlossenen Promotionen und einer Bibliografie zur Literatur zum Promovieren in der Sozialen Arbeit, Anfragen zu Fortbildungen und Aufsätzen, die Gründung einer Fachgruppe zur Promotionsförderung in der DGSA... Diese Institutionalisierung war nie intendiert, war es doch ein aus dem Affekt geborenes Unterfangen, mit dem ich etwas gegen die Unzulänglichkeits- und Fremdheitsgefühle der ersten von mir mitbetreuten Promotionsinteressentin bei ihrem Kontakt mit Universitäten tun wollte, auch etwas gegen meinen Zorn darüber, wie mit ihr dort umgegangen wurde. In der Gestaltung einer Rundmail hatte ich als Zuständiger für die fakultätseigene Rundmail für die Absolvent_innen schon einige Jahre Routine und übertrug es auf den neuen Bereich. Dass ich damit an die Hauptkampflinie einer Zweiklassengesellschaft der Hochschulbildung geraten war, wurde mir in seinem ganzen Ausmaß erst später bewusst.

Wie die Rundmail bis zur hundertsten Ausgabe weiter gewachsen ist, steht in dem oben genannten Rückblick. Was hat sich seit diesem verändert?

Zum einen ist die Rundmail viel weniger auf mich als Person zentriert. Eine Zeitlang arbeitete Franziska Günauer in der Redaktion mit. Sie gründete auch das mit der Rundmail verbundene Facebook-Forum zur Promotion in der Sozialen Arbeit. Nach ihrem Rückzug aus privaten Gründen haben Oliver Zetsche, Julia Reimer, Sebastian Schröer-Werner und Vera Taube bis heute in beiden Medien mitgearbeitet - und sie werden sich in diesem Blog noch mit ihrer Perspektive vorstellen.

Zum anderen ist die Zahl der Teilnehmenden an der Rundmail seit der einhundertsten Ausgabe von ca. 1.000 auf über 2.600 Teilnehmende gestiegen. Damit hat sich auch der Fokus erweitert: Der Kampf gegen die Exklusion von promovierenden FH-Absolvent_innen und -Angehörigen aus den universitären Informationszirkeln ist immer noch ein wichtiges Motiv der Redaktionsarbeit, aber die Rundmail ist auf dem Weg dahin, eine allgemeine Wissenschaftsrundmail der Sozialen Arbeit für Fachhochschulen zu werden. Das hat sich damals schon angedeutet. 

Etwas ist zum Glück geblieben: Seit Anfang an lebt die Rundmail von den Einsendungen ihrer Abonnent_innen. Unsere "Technik" dagegen ist noch so rudimentär wie damals und nutzt Standardsoftware. Ein zeitgemäßes Redaktionssystem mit Adressenverwaltung wäre wünschenswert. Ich wünsche mir, dass die Fachgruppen und Sektionen der DGSA in ihren Veranstaltungen den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht vergessen und relevante Nachrichten regelmäßig auch an die Promotionsrundmail senden. Und weitere Überlegungen für die Zukunft? Da übernehme ich meinen nicht vergangenen Wunsch aus dem vergangenen Rückblick: "Die Promotionsrundmail ist außerhalb klassischer Medien oder Zeitschriften entstanden, und das wird sicher zunächst so bleiben. Aber warum sollte ausgeschlossen werden, dass sie irgendwann mit einer DGSA-nahen Open-Access-Online-Zeitschrift kooperiert? Die müsste freilich erst erfunden werden, wobei das österreichische Beispiel der Online-Zeitschrift der Fachhochschulen 'soziales_kapital' zur Inspiration dienen könnte."


Julia Reimer - Redaktion

In mir zumindest grau erscheinenden Vorzeiten (gefühlt sehr klein und sehr weit weg vom Doktorhut) habe ich an meiner damaligen Bürotür über die Promotionsrundmail und das Informationsangebot von Rudolf Schmitt (in Papierform) aufmerksam gemacht. Jahre oder vielleicht auch fast ein Jahrzehnt später (mit Hut in Aussicht) sitze ich an der Überarbeitung meiner Dissertation für einen Verlag und stolpere im Schreiben hier über einen kleinen, aber sehr bedeutsamen Teil meines Vorwortes: “Das Engagement von Prof. Dr. Rudolf Schmitt hat dazu beigetragen, dass ich mich nach dem Fachhochschulabschluss überhaupt an das Projekt Promotion herangetraut habe, deshalb an dieser Stelle vielen Dank für die wertschätzende Ermutigung.” Die Promotionsrundmail in jeder Fassung (ob rund oder ungerade) ist für mich genau das: ein Versuch Ermutigung und Unterstützung weiterzugeben, Mut, sich an etwas Neues zu wagen, Mut, dran zu bleiben, Mut, sich zu zeigen, Mut dazu, kooperativ zu sein und sich kollegial zu unterstützen (egal, ob ohne Hut, ob mit Hut in Arbeit oder Aussicht oder mit Hut). Also benötigte die Promotionsrundmail auf ihrem Weg vielleicht eine Portion Wut (oder Zorn zu Beginn) und benötigt viel kollegiales Engagement und Mut (immer mal wieder). Was braucht sie sonst noch? Verdient die Rundmail auch einen Hut oder ein Jubiläumskrönchen? Mich interessieren dazu weitere Perspektiven und Ideen.

 

Oliver Zetsche - Redaktion

Promovieren – was das heißt, war mir anfangs in keinster Weise bewusst. Nicht einmal im entferntesten Sinne konnte ich mir – als mich mein Betreuer der Diplomarbeit fragte, ob ich nicht auch promovieren wollen würde – vorstellen, was das bedeutet. Und das war – wenn man sich das so im Nachhinein überlegt – vielleicht auch gut so – in einer naiven Vorstellung an einen riesigen Berg Arbeit heranzutreten, um ihn nach und nach abzutragen bzw. ihn zu bezwingen. Insbesondere am Anfang könnte diese Naivität „überlebenswichtig“ sein (der Ausdruck ist bestimmt eine Steilvorlage für Rudolf Schmitts Metaphernanalyse). Denn: Welche Herausforderungen werden sich bspw. zeigen? Die Suche nach einem*einer Doktorvater/Doktormutter i. V. m. einer Universität, die sich mir “annimmt”; hochschulspezifische Macht- und Befindlichkeitsstrukturen, die buchstäblich ertragen werden müssen; Einkommensausfälle und Existenzsorgen i. V. m. prekären Arbeitsverhältnissen, die das Selbstbewusstsein nicht gerade fördern; Selbstzweifel und ein ständiges schlechtes Gewissen, sofern man einmal eine Pause macht; dafür aber „Urlaube“ und Wochenenden vollgepackt mit Arbeit; Unverständnis bei Freunden und Familie für die rare Verfügbarkeit der eigenen Person usw.
Bevor ich jedoch zur Promotionsrundmail überleite, möchte ich der negativen Seite der Medaille natürlich noch eine Auswahl motivierender Anreize entgegensetzen. Was macht also den Weg so spannend? Das kann sein: Die tiefgründige, intensive, manchmal sogar im Sinne des Flow-Erlebens berauschende Auseinandersetzung mit einem Thema. Das klingt abgedroschen, erscheint mir aber wirklich so. Eine Promotion kann in meinen Augen zu einer spürbaren Persönlichkeitsentwicklung, bspw. in Form einer Weiterentwicklung des Durchhaltevermögens, der Frustrationstoleranz und der Metareflexion führen. Sie trägt zum  Erleben von Selbstwirksamkeit bei. u. U. ist eine sehr freie Einteilung der Arbeitszeit an der Dissertation i. V. m. mit einer stetigen Ausdifferenzierung von Projekt- und Selbstmanagementkompetenzen möglich, die auch anderweitig nützlich sein können. Ich verspürte Freude über Kleinigkeiten des Fortschritts, die andere Menschen vermutlich kaum nachvollziehen können: die Freude über eine funktionierende SPSS-Syntax, das Auffinden und Einbauen eines perfekt passenden Zitats, erhellende Momente in methodischen Workshops, der spannende Austausch mit Leidensgenoss*innen auf Konferenzen und in Workshops und natürlich noch vieles mehr!
Und was hilft dabei? Wie bereits anhand des vorletzten Punktes angerissen, ist die Partizipation an einem Netzwerk, durch das man nicht nur informiert wird, sondern wodurch man auch das Gefühl bekommt, nicht alleine durch Höhen und Tiefen des Promotionsprozesses zu gehen, eine wesentliche Säule. Diese Eingebundenheit kann und sollte m. E. dabei sowohl virtuell über die digitale Vernetzung als auch anhand von (analogen) Präsenzveranstaltungen erfolgen. Und an dieser Stelle kommt die Promotionsrundmail buchstäblich “zum Tragen”. Nachdem ich mich erst einmal – u. a. unter Zuhilfenahme von Handbüchern, wie bspw. das „Handbuch Promotion“ von Nünning und Sommer (2007) – informierte, was eine Promotion überhaupt ist, stieß ich auf die Broschüre für Promotionsinteressierte und Promovierende von Rudolf Schmitt und auch auf die damit einhergehende Rundmail. Durch ihr regelmäßiges Erscheinen und damit die monatliche Information, was in Sachen „Promotion für Sozialarbeitende“ aktuell „los und möglich ist“, flankiert vom Austausch während der Promotionskolloquien und den jeweiligen Meldungen im Facebook-Forum, empfand ich diese Kombination als wahre Stütze. Das Wissen um Kolleg*innen in der Ferne half/hilft auf unerklärliche Weise. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die Schaffung dieser Struktur, lieber Rudolf!
Nach und nach erschloss ich mir auch weitere Mailinglisten, Newsletter und RSS-Feeds. Obgleich die Rundmail neben den direkten Zusendungen auch aus Nachrichten besteht, die aus anderen Verteilern entstammen, kenne ich keinen Newsletter, der eine derartig übersichtliche und präzise Zusammenfassung bzw. Fokussierung bietet. Bei der Sichtung anderer Newsletter und Mailinglisten frage ich mich dagegen oft: „Muss es denn so unübersichtlich und unvorteilhaft lesbar sein?”, und: “Geht es nur mir so oder gleicht die Durchsicht derartiger Mailinglisten/Newsletter einem durchwühlenden/durchkämpfenden Akt?“ Naja ... ich möchte nicht abschweifen und eigentlich nur ohne theatralische Überschwänglichkeit mitteilen, dass ich mir nicht vorstellen möchte, wie meine Promotion ohne diese Quelle verlaufen wäre. Vielleicht mag ja jede*r Lesende der 200. Rundmail einmal dieses Gedankenexperiment wagen und sich vorstellen, ob/was dann fehlen würde. Und falls noch etwas fehlen sollte, wäre das Redaktionsteam natürlich sehr an ebendiesem Feedback interessiert.

 

Vera Taube - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Mit der Entscheidung für die Promotion im Anschluss an mein Studium Sozialer Arbeit war für mich klar: dazu geht es ins Ausland. Prima Idee, klingt auch ganz gut - vor allem wenn man anderen davon erzählt und einem ein kleiner stolzer Schauer über Rücken läuft, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt.

Was ich nicht bedacht hatte: Promovieren ist ein echtes Gemeinschaftsunternehmen und nichts, was im stillen Kämmerlein passiert. Oder zumindest nicht die ganze Zeit.

Das habe ich allerdings erst begriffen, als ich weitab meiner finnischen Universität in Deutschland wohnend und als Sozialarbeiterin beschäftigt schnell an die engen Grenzen meiner Möglichkeiten gestoßen bin. Ohne physische Anbindung an das akademische Umfeld und ohne Kolleg*innen oder Kollegiat*innen, die sich ebenfalls mit den großen Fragen des Promotionsprozesses auseinandersetzen, war der Schauer nun nicht mehr ganz so klein und ganz sicher nicht wohlig.

Doch wenn man glaubt, es geht nicht mehr… kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Dieses Lichtlein kam in Form der Promotionsrundmail und all den anderen Info- und Vernetzungsangeboten von Rudolf Schmitt. Unglaublich aber wahr, durch die Rundmail habe ich von den relevanten Veranstaltungen erfahren, dort die schmerzlich vermissten Kontakte geknüpft und bin nun mitten drin im Geschehen. Dabei ist die Rundmail ein Mittel nach Maß, jederzeit verfügbar, zuverlässig und vielseitig. Irgendwie ist immer was dabei. Suche ich nach Finanzierung, Austausch oder Anregung - schnell mal in die Mail geguckt und schon gefunden.

Was mich darüber hinaus noch mehr beeindruckt: Die Mail ist ein Paradebeispiel für ein Gemeinschaftsunternehmen und lässt das Netzwerk von Unterstützer*innen hinter der Promotion in der Sozialen Arbeit erkennen. Das ist beeindruckend im Hinblick auf die strukturell noch in den Kinderschuhen steckende und - wie in meinem und vielleicht auch in vielen anderen Fällen - von Ausnahmen und Umwegen gespickten Verläufe dieser Qualifizierungsphase. Ich freue mich, Teil dieser Unternehmung zu sein und nun als Mit-Redakteurin und Fachgruppenmitglied die Hilfe und Unterstützung, die ich erfahren habe, anderen weiter zu geben.

 

Sebastian Schröer-Werner - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Ich zähle zu den ersten Profiteur*innen der Aktivitäten von Rudolf Schmitt, den ich bereits im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit an der damaligen Fachhochschule Zittau/Görlitz kennengelernt habe. Als ich später die Idee verfolgte, eine Promotion anzustreben, war er mein erster Ansprechpartner. Schon damals (2003) trafen wir uns mit weiteren Promotionsinteressierten und Doktorand*innen in einem eher informellen Kreis, um Informationen auszutauschen und uns gegenseitig zu unterstützen. Anfangs waren die Themen noch eher methodisch ausgerichtet. Schnell kamen wir aber dazu, strukturelle und diskriminierende Rahmenbedingungen der Promotion von Absolvent*innen der Sozialen Arbeit mit Fachhochschulabschluss zu hinterfragen. Zu dieser Zeit reifte auch die Idee, Informationen für Promotionsinteressierte und Doktorand*innen zu bündeln, weiterzutragen und die Bildung von Netzwerken zu fördern. Vera Taube hat in Ihrem Blogbeitrag die oftmals frustrierenden Erfahrungen des Einzelkämpfer*innentums bereits angedeutet. Aus der anfangs nur wenige Meldungen umfassenden Rundmail mit einer überschaubaren Anzahl von Abonnent*innen – die erste Rundmail umfasste lediglich sechs Punkte – wuchs schnell eine heute für viele nicht mehr wegzudenkende Plattform heran. Anfangs habe ich mich eher als Zuträger von Informationen verstanden, mit zunehmender Komplexität und dem Wunsch von Rudolf Schmitt nach Unterstützung habe ich mich gern bereit erklärt, in der Redaktion mitzuwirken. Heute möchte ich auch als Mitglied des Sprecher*innenteams der Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA dazu beitragen, die Situation promotionsinteressierter Absolvent*innen der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen zu verbessern und auch fachpolitische Impulse zu setzen, um nach wie vor vorhandenen Barrieren hinsichtlich des Zugangs zur Promotion abzubauen.

 

Stefanie Sauer - Fachgruppe Promotionsförderung

Willkommenskultur

Vor nicht allzu langer Zeit war die Promotion ein exklusives Vergnügen, gewissermaßen der „Adelstitel des Bildungsbürgertums“ („Die Zeit“ Nr. 9/2019, siehe) und dementsprechend schwer war der Zutritt zum erlesenen Kreis der Anwärter. Besonders hoch sind die Hürden – auch heute noch – für viele Absolvent*innen von Fachhochschulen bzw. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Zu der Zeit, als ich promovierte waren Informationen über die Promotion betreffende Fortbildungsangebote, Methodentrainings und Kolloquien häufig nicht öffentlich zugänglich: echtes Insider-Wissen eben. Nicht selten hatte ich als Promovendin den Eindruck, kein Recht zu haben, an dieser oder jener Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Ich war nicht willkommen, sondern fühlte mich als Zaungast.

Die Zeiten haben sich geändert und nach und nach haben sogar (!) einige FH und HAW ein fast (!!) eigenständiges Promotionsrecht. Und für die Kommiliton*innen der HAW gibt es mittlerweile reichhaltige Angebote an Programmen und Förderungen. Dass diese Angebote von den Hochschulen offen kommuniziert werden, ist nicht immer selbstverständlich. Von umso höherem Wert ist die Promotionsrundmail Soziale Arbeit (FH), deren 200. Ausgabe dieser Tage erscheint. Diese von Rudolf Schmitt aufgelegte und bis heute von vielen Beitragenden unermüdlich und vor allem partizipativ betriebene Plattform erfüllt ihren Sinn auf zweierlei Weise: Zum einen bietet die schiere Fülle, strukturiert aufbereitet und übersichtlich dargeboten, ein unverzichtbares Reservoir an Informationen für Promovierende. Zum anderen vermittelt die Promotionsrundmail ihren Bezieher*innen das Gefühl, in der Welt der Forschung willkommen zu sein. Neben dem praktischen Nutzen stiftet die Rundmail Identität und Zugehörigkeit.

Die Fachgruppe Promotionsförderung in der DGSA dankt Rudolf Schmitt und allen Kolleg*innen, die mit der Promotionsrundmail zum Gelingen der Promotionstätigkeit von Absolvent*innen der HAW beitragen und freut sich auf die kommenden 200 Ausgaben.

 

Claudia Steckelberg - Vorstand und wissenschaftlicher Beirat der DGSA

Beim Promovieren an einer Universität vor vielen Jahren habe ich eben diese Fremdheitserfahrungen gemacht, von denen Rudolf Schmitt schreibt. Was ich zu Beginn meines Dissertationsprojekts noch gar nicht so begriffen hatte, wurde im Laufe des Forschens und Schreibens immer klarer für mich: wie wichtig der wissenschaftliche disziplinäre Bezug ist für die eigene akademische Entwicklung und Verortung. Die Anfänge der Promotionsrundmail haben für mich dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Die Erfahrung, dass Promovieren sehr viel mehr ist als das Schreiben einer Arbeit, nämlich eine Lebensphase, in der unter anderem Vernetzung, wissenschafts- und hochschulpolitische Fragen, Existenzsicherung und berufliche Zukunftsängste, Prozesse der fachlichen Positionierung und Unsicherheiten in der Karrieregestaltung bedeutsam sind, ist für mich Motivation, mich dafür zu engagieren, dass sich die Rahmenbedingungen für diese Qualifikationsphase verbessern. Zum einen durch die Graduiertenförderung an der Hochschule, zum anderen aber auch durch die Einmischung und Positionierung bei wissenschafts- und hochschulpolitischen Themen auch als Vorstandsmitglied im Promotionsbeirat der DGSA. Dabei ist immer Verlass auf die Promotionsrundmail als Quelle für aktuelle Entwicklungen, Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten und sie ist damit unverzichtbar als Grundlage für ein kollektives Engagement in Sachen Promotion in der Sozialen Arbeit (nicht nur) seitens der DGSA.


 

„Rechtsextremismus“ – Mandat der Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit!?

Rückblick auf den gemeinsamen Studientag „Rechtsextremismus“ der Frankfurt University of Applied Sciences und der IUBH Internationale Hochschule

Rund 480 angemeldete Studierende, über 50 Referent*innen und die Erkenntnis: Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und seinen Strukturen sollte viel stärker in den Curricula der Studiengänge Soziale Arbeit verankert sein. So lässt sich der gemeinsame Studientag „Rechtsextremismus“ von Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS) und IUBH Internationale Hochschule bilanzieren.

Der Studientag, organisiert von Michaela Köttig und mir, setzt an einem aktuellen Themenfeld an: Das gesellschaftliche Klima verändert sich in Deutschland und die rassistische Hetze ‚wirkt‘: In der gesamten BRD steigen im ersten Halbjahr 2019 die Zahlen rechter Straftaten auf mehr als 8600. Dass dies nicht Normalität wird, dafür ist eine konsequente Auseinandersetzung mit den Strukturen und den Strategien von Rechtsextremist*innen, aber auch dem staatlichen und gesellschaftlichen Umgang damit, wie es dieser Studientag zum Ziel hatte, absolut notwendig. Soziale Arbeit ist dabei auf vielen Ebenen mit extrem rechten Erscheinungsformen konfrontiert: Rechte greifen seit Jahren Adressat*innen sozialer Berufe ebenso wie Jugendclubs und -häuser an. Sie attackieren Kolleg*innen, weil diese keine „klassischen Familienideale“ vermitteln würden. Rechte verbreiten in den sozialen Medien Gerüchte über Einrichtungen und provozieren damit einen medialen Shitstorm. Rechte Parteien versuchen über parlamentarische Anfragen zu Personal und Finanzierung Einfluss auf die Strukturen Sozialer Arbeit zu nehmen.

Allerdings ist die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus weder in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit selbstverständlich, noch ist sie in den Curricula der Studiengänge Sozialer Arbeit in Deutschland verankert. In angrenzenden Fachgebieten stellt sich die Situation übrigens ähnlich dar:

Dass die Erziehungswissenschaften im Allgemeinen offenbar kein besonderes Augenmerk auf den Nationalsozialismus und Holocaust legen, zeigt eine aktuelle Studie von Nägel und Kahle (2018): Hier wurden über einen Erhebungszeitraum von vier Semestern insgesamt 468 Ver-anstaltungen zum Holocaust in der Bundesrepublik ermittelt (ebd., S. 22). Dabei wurden 45 der 468 Veranstaltungen dem „disziplinären Schwerpunkt“ „Pädagogik, Erziehungswissenschaften“ zugeordnet, was rund 9,6% entspricht. Offen bleibt, ob es sich in diesen Fällen um Veranstaltungen im Kontext erziehungswissenschaftlicher Studiengänge oder auch um Veranstaltungen aus den erziehungswissenschaftlichen Anteilen der Lehramtsausbildung handelt. Insofern überrascht die Erkenntnis einer weiteren Untersuchung (Meyer & Voßberg 2019) nicht: In den untersuchten Modulhandbüchern sowie Studien- und Prüfungsordnungen von 45 erziehungswissenschaftlichen Studiengängen an 27 Universitäten in der Bundesrepublik zeigt sich ein ambivalentes Bild in der Thematisierung des Nationalsozialismus sowie aus den daraus resultierenden Folgen für das pädagogische Handeln. Auf die von Adorno geforderte „Erziehung nach Auschwitz“ wird nur in wenigen institutionellen Selbstbeschreibungen explizit eingegangen und in diesen Fällen in einer Art Anrufung verwendet, die dabei weder auf konkrete inhaltliche Dimensionen des Auftrags fokussieren noch sich in ihrer inhaltlichen Struktur auf diesen beziehen. Sie kommen inhaltlich über das bloße Labeling kaum hinaus. Weder erfolgt eine dezidierte Thematisierung von konkreten Aspekten noch die Übertragung dieser Ideen in eine Studienstruktur, was sich in der Logik und konzeptionellen Geschlossenheit des jeweiligen Curriculums ausdrücken könnte.

Zwar fehlt bisher eine fundierte empirische Forschung, die die Studienstruktur von Studiengängen Sozialer Arbeit auf die gezeigten Aspekte hin untersucht, allerdings dürften die Ergebnisse nicht viel ermutigender ausfallen. In den Hochschulen findet eine Auseinandersetzung mit Strategien der extremen Rechten deshalb nur bedingt Eingang und nicht institutionalisiert statt, so dass die Studierenden auf die sie erwartenden Praxisrealitäten in diesem Themenfeld zu wenig vorbereitet werden. Dieser Studientag ermöglichte durch die Verzahnung von Theorie und Praxis die Anschlussfähigkeit im Beruf, denn die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ist in der Arbeit mit Klient*innen zur Entwicklung von Professionalität unerlässlich. Mit diesem Studientag wurden zentrale Themen angesprochen, die für die Analysefähigkeit der Studierenden und die kritische Reflexion gesellschaftlicher Erscheinungsformen relevant sind. 

Der Studientag wurde am Vorabend durch die Staatssekretärin im Hessischen Wissenschaftsministerium, Ayse Asar, eröffnet. Im anschließenden Vortrag reflektierte Prof. Dr. Micha Brumlik (Goethe-Universität) unter dem Titel „Rechtspopulismus, Rechtsextremismus – Soziale Arbeit“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und kommentierte das Erstarken rechter Gruppierungen. An den Vortrag schloss sich bei sommerlichen Temperaturen ein Open Air-Konzert der Band „Strom & Wasser“ auf dem Gelände der Frankfurt University of Applied Sciences an. Die „Ska-Punk-Polka-Randfiguren-Rock Liedermacher-Band aus Kiel“ sammelt eine Million Euro zur Unterstützung von Soziokulturellen Zentren und selbstverwalteten Jugendhäusern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Der eigentliche Studientag begann mit der Begrüßung durch Prof. Dr. Gero Lipsmeier, Dekan des Fachbereichs 4 der FRA-UAS, sowie mit der Verleihung des Henriette Fürth-Preises an Steve Massoth für seine Arbeit „Antifeminismus in der ‚Identitären Bewegung‘ – eine Videoanalyse am Beispiel ausgewählter Videos der Kampagnen Radikal Feminin und 120 Dezibel“ und einer Laudatio von Prof. Dr. Lotte Rose. Danach standen für die Studierenden Workshops auf dem Programm. Ziel war es, den heterogenen Kenntnisstand der Studierenden aus verschiedenen Hochschulen sowie Fachsemestern zusammenzuführen und zu einem spezifischen Gegenstandsbereich theoretisch zu unterfüttern.

Der Mittagsvortrag von Prof. Dr. Michaela Köttig (Frankfurt University of Applied Sciences) bildete eine Art Scharnierstelle zwischen den beiden Teilen des Studientags. Auf Basis der historischen Entwicklungen des NSU skizziert sie, welche Rolle sozialarbeitswissenschaftliche Theorien und ihre Anwendung durch die Fachkräfte bei der Entstehung des NSU hatten.

In den anschließenden Arbeitsgruppen griffen die Referent*innen indirekt auf die Themengebiete der Workshops als theoretischer Setzung zurück. Gleichwohl veränderten sie den Blickwinkel und arbeiteten einerseits die spezifischen Verbindungen des jeweiligen AG-Themas mit Sozialer Arbeit sowie andererseits die Arbeit an potentiellen Gegenstrategien heraus.

Im Plenum stellten zum Abschluss der studentischen Arbeitsphase Vertreter*innen der AG zu Beginn kurz Inhalte und Diskussionen aus der jeweiligen AG vor und begründeten so die anschließenden Thesen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion brachten Prof. Dr. Bettina Hünersdorf (Kommission Sozialpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) sowie Prof. Dr. Barbara Thiessen (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit) die verschiedenen Positionen bei der möglichen Implementierung des Themengebiets „Rechtsextremismus“ in ein Curriculum der Sozialen Arbeit zur Sprache. Michael Leinenbach (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit) und Prof. Dr. Maria-Elenora Karsten (Leuphana-Universität Lüneburg) verwiesen in ihren Beiträgen auf die dringende Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen, denn diese seien Alltag Sozialer Arbeit und die Hochschule der Ort, an dem die künftigen Fachkräfte darauf vorbereitet werden müssten. 

Prof. Dr. Nikolaus Meyer von der IUBH Internationale Hochschule

 

Meyer, N.; Voßberg, T. (2019): Die Verankerung einer „Erziehung nach Auschwitz“ in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen deutscher Universitäten. Eine empirische Spurensuche in institutionellen Selbstbeschreibungen. In: Sabine Andresen, Dieter Nittel, Christiane Thompson (Hg.): Erziehung nach Auschwitz. Zur Aktualität von Adornos Maxime im Zeichen einer historischen Kontextualisierung. Frankfurt am Main: Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität (Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft).

Nägel, V. & Kahle, L. (2018). Die universitäre Lehre über den Holocaust in Deutschland. Berlin: Freie Universität Berlin. Verfügbar unter: https://refubium.fu-ber-lin.de/bitstream/handle/fub188/21625/Naegel_Kahle_universitaere_Lehre_ueber_Holocaust_Deutschland.pdf?sequence=7&isAllowed=y [11.01.2019].

Rezo-ziale Arbeit?!

Kurz vor der Europawahl 2019 landete der Youtuber „Rezo“ mit dem Video „Die Zerstörung der CDU“ einen viralen Hit. Das Video wurde mittlerweile fast 15 mio. mal angeklickt – eine fraglos enorme Reichweite. Es erfuhr sowohl öffentlichen Zu- als auch Widerspruch. Letzterer konzentrierte sich insbesondere auch darauf, die im Video kommunizierten Aspekte und Quellen seien zu einseitig und würden komplexen gesellschaftspolitischen Sachverhalten somit nicht gerecht werden. Dies mag zutreffen, inwieweit eine tiefergehende Betrachtung von Für und Wider bezüglich gesellschaftspolitischer Sachverhalte allerdings Aufgabe von Influencer*innen ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Auffällig ist die Art und Weise, wie mit der gewählten Präsentationsform Video Sachverhalte diskutiert werden. Theoretische Annahmen (die CDU betreibe Klientelpolitik, Klimawandel habe natürliche Ursachen, etc.) werden anhand empirischer Evidenz geprüft. Hierzu werden im Verlauf des 55-minütigen Videos 252 Quellen angegeben. Darunter finden sich neben Wikipediaeinträgen und Youtube-Videos etwa auch zahlreiche Artikel aus peer-reviewed top-tier Journals. Der Physiker Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, attestiert Rezo im Tagesspiegel dabei vornehmlich sauberes Zitieren. Ein solch starker Bezug auf (teils) wissenschaftliches Wissen ist im Kontext deutscher Influencer auf Youtube mutmaßlich ein neues Phänomen, welches einem aus der Popkultur entspringenden Youtube-Video einen durchaus wissenschaftlichen „touch“ verleiht. Ergeben sich daraus Implikationen für die disziplinäre Soziale Arbeit (in diesem Beitrag ist damit generell die deutschsprachige gemeint)? Ja, meine ich, und zwar in Bezug auf Potentiale, ihre Anliegen, Erkenntnisse, Empfehlungen, etc. mit Praxis und Gesellschaft (also insbesondere im sozialpolitischen Diskurs) zu kommunizieren (Wissenschaftskommunikation). Diskutieren wir im Folgenden Aspekte, die sich aus besagtem Phänomen ableiten lassen und die für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation der disziplinären Sozialen Arbeit relevant sein könnten. 

Interessant sind in diesem Kontext meiner Ansicht nach vier Aspekte: 
(1) das Rezo-Video im Vergleich zu ähnlichen Formaten, die zur Wissenschaftskommunikation bereits genutzt werden, 
(2) der Status quo der Wissenschaftskommunikation generell und in der Sozialen Arbeit im Besonderen 
(3) Besonderheiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich Wissenschaftskommunikation und 
(4) mögliche Implikationen für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in der Sozialen Arbeit. Sehen wir uns diese vier Aspekte genauer an. 

Das Rezo-Video im Vergleich zu ähnlichen Formaten, die in der Wissenschaft bereits genutzt werden

Rezo bezieht sich also auf (vornehmlich empirisches) wissenschaftliches Wissen. Und das in einem der Popkultur zuzuschreibenden Youtube-Video. Was ist das Interessante daran? Ich meine, die Haltung und Kommunikationsweise des Protagonisten. Man spürt sein Interesse am wissenschaftlichen Wissen, er hat richtig Lust drauf, es in seine Argumente einzuweben. Dabei ist jedoch keine auf das System „Wissenschaft“ zurückzuführende Exklusionsindividualität (Luhmann, 1989) zu spüren, nope, der ganze Typ ist von oben bis unten authentisch. Nun ist es keine Rezo-Erfindung, wissenschaftliches Wissen über Videos im Internet zu kommunizieren, im Wissenschaftsbereich gibt es seit geraumer Zeit „scientific video abstracts“, kurze Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien. Etwa 70% dieser Videos funktionieren so: Die/der leitende Wissenschaftler*in steht oder sitzt vor einem Bücherregal und erzählt ein paar Minuten was über eine Studie. Mhm. In einem Workshop zur Erstellung von wissenschaftlichen video abstracts lernte ich, dass Zuschauer*innen nach kurzem anfangen, die Titel der Bücherrücken zu lesen und nicht mehr wirklich zuhören. Daher sei der Hintergrund in diesen Videos nun meist nur noch verschwommen zu sehen. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist oder aber doch authentisches Auftreten mit spürbarer Lust an der Sache, sei dahingestellt. Vermerkt sei an dieser Stelle, dass natürlich der Inhalt einer Studie eine Rolle spielt. Eine Studie über den Einfluss von Erdnussbutter auf die Erdrotation (ja, die gibt´s wirklich!) lässt sich wahrscheinlich besser verkaufen, als Mutmaßungen über die Reflektion von Ambivalenzen in der Sozialen Arbeit. Ein kürzlich von mir veröffentlichtes Video soll zeigen, dass es dennoch geht, auch sperrigere Themen (in diesem Fall über die Lehre von Evidence-based Practice in der Sozialen Arbeit) entsprechend lustvoll zu verpacken. Wie ist es nun derzeit um die Wissenschaftskommunikation bestellt?

Status quo der Wissenschaftskommunikation generell und in der Sozialen Arbeit im Besonderen

Die Diskussion zu diesem Thema ist keine neue, Anstrengungen wie PUSH (Public Understanding of Science and Humanities) des Stifterverbands oder die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR gibt es schon seit längerem – wenn vielleicht auch mit zweifelhaftem Erfolg. Dennoch findet sich Wissenschaft – sicherlich je nach Disziplin mehr oder weniger – sehr wohl in vielen öffentlichen Diskursen wieder, insbesondere im Zuge der Klimadiskussion, aber auch bezüglich der Wirtschaftspolitik oder in Diskussionen zur sozialen Frage. Gleichzeitig macht sich gefühlt mehr und mehr eine gewisse Elitenskepsis breit, worunter auch die Wissenschaft in ihrer öffentlichen Wahrnehmung leiden mag. Laut dem Wissenschaftsbarometer 2018 glauben beispielsweise nur 40% der Bürger*innen, dass Wissenschaft zum Wohle der Gesellschaft arbeitet. Generell ist für die Wissenschaft in Bezug auf die Kommunikation ihres generierten Wissens also wohl etwas Luft nach oben.  

Wie sieht es nun speziell bei der Sozialen Arbeit aus? Ohne die Inhalte der folgenden Beispiele werten zu wollen, gibt es lobenswerte Anstrengungen, beispielsweise wäre die Video-Reihe „30 Jahre – 30 Köpfe“ zu nennen, auch wenn hier keine wissenschaftliche Evidenz kommuniziert wird (zu einer ganzheitlichen Wissenschaftskommunikation gehört sicherlich mehr als die bloße Präsentation von Ergebnissen). Oder auch Youtube-Videos, die Bücher „in a nutshell“ vorstellen, gibt es bereits. Über diese ersten Versuche der disziplinären Sozialen Arbeit, Wissenschaft über neue Medien zu kommunizieren, hinaus ist zumindest mir wenig in dieser Richtung bekannt. Scientific video abstracts, die sich auf wissenschaftliches Wissen aus der deutschsprachigen Sozialen Arbeit beziehen, sind mir auch noch nicht untergekommen. Auch die disziplinäre Soziale Arbeit könnte also hinsichtlich der Kommunikation des von ihr produzierten Wissens noch zulegen. Warum tut sich die disziplinäre Soziale Arbeit da offenbar etwas schwer?

Besonderheiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich Wissenschaftskommunikation

Meines Erachtens gibt es für die disziplinäre Soziale Arbeit hinsichtlich effektiver Wissenschaftskommunikation zwei erschwerende Aspekte. 1. Ihre Affinität zur Theorie. Dies gilt vor allem im Hinblick auf die Kommunikation von wissenschaftlichem Wissen mit Praktiker*innen. Theorien sind Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte. Diese intersubjektiv zu kommunizieren, ist mutmaßlich schwieriger als empirisch erforschte Daten. Zudem sind Theorien der Sozialen Arbeit weder falsifizierbar, noch werden sie generell empirischer Testung unterzogen. Sie verbleiben damit Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte. Wäre das Rezo-Video ohne Rückgriffe auf empirisch erforschtes Wissen, aber dafür mit Bezügen auf Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte, ähnlich rezipiert worden? Ich bezweifle es. 2. Der geisteswissenschaftlich geprägte Duktus in ihrer Theoriebildung und Forschung. Dies gilt sowohl für die Kommunikation mit der Praxis als auch hinsichtlich des sozialpolitischen Diskurses. Dieser geisteswissenschaftliche Fokus bedient sich – nehmen wir an, um analytische Tiefe zu erreichen – oft einer Sprache, die mitunter bereits innerhalb der entsprechenden scientific community für Verwirrung sorgt und in der bisweilen vorhandene Subtanzlosigkeit mit teils ausladender, teils geschickter Eloquenz kaschiert wird. Die dadurch entstehenden sprachlich komplexen Konstrukte sind halt schwer an die Frau/ den Mann zu bringen. So weit, so gut, aber welche Implikationen ergeben sich nun daraus?

Mögliche Implikationen für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in der Sozialen Arbeit

Nun, was wir von Rezo hinsichtlich zukünftiger Wissenschaftskommunikation lernen können, habe ich bereits erwähnt: Haltung. Mit Lust und Überzeugung, insbesondere natürlich auch durch Nutzung neuer Medien, wissenschaftliches Wissen kommunizieren. Das, was Rezo selbst im Gespräch mit Jan Böhmermann „den Unterschied zwischen institutionellem und menschlichem Reden“ nannte. Klingt trivial, aber allzu viel sehe ich davon von der disziplinären Sozialen Arbeit im öffentlichen Raum bisher nicht. 

Hierbei stellt sich aber auch die Frage: Produziert disziplinäre Soziale Arbeit Wissen, dass bei entsprechender Kommunikation von Praktiker*innen bzw. im (sozial-) politischen Diskurs mit hoher Wahrscheinlichkeit rezipiert werden würde? Falls ja, warum wird es offenbar nicht entsprechend kommuniziert? Im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz müsste die disziplinäre Soziale Arbeit doch in der Lage sein, ständig solche Videos wie das von Rezo raus zu hauen! Und falls nein, wie können diesbezüglich mögliche Barrieren in der Weiterentwicklung ihres Wissenskorpus überwunden werden?

Klar ist dabei aber auch: Nur weil manche Inhalte vielleicht schwieriger in einer Art und Weise zu kommunizieren sind, die catchy ist, heißt das natürlich nicht, dass Wissen, für das dies nicht gilt, nicht relevant wäre. Aber wie angesprochen ginge es ja vielleicht dennoch, eine entsprechend erfolgsversprechende Kommunikation solcher Inhalte zu gestalten. Vielleicht wird es also einfach noch nicht genügend versucht? Oder das nötige Wissen dazu wird nicht vermittelt? Könnte man ja ändern. Möglicherweise findet sich zukünftig ja beispielsweise in Doktorand*innenkollegs neben dem fünften Zeitmanagement-Seminar gegen Ende der Promotion Platz für einen science communication workshop, idealerweise mit entsprechendem Output!

Fazit

Damit Wissen genutzt wird, muss es erfolgreich kommuniziert werden. Die disziplinäre Soziale Arbeit kann dahingehend sicherlich noch zulegen und verdient eine selbstbewusste und lustvolle Wissenskommunikation. Dazu gehört unter anderem auch die Bereitstellung von Ressourcen (wissenschaftliches Wissen; Wissen darüber, wie dieses effektiv kommuniziert werden kann; Investitionen wie Geld und/oder Zeit zur Erstellung entsprechender Medien) sowie die Akzeptanz alternativer Kommunikationsformen in der scientific community. All dies gibt’s nicht einfach so, die entscheidende Frage ist also, ob die disziplinäre Soziale Arbeit einen Diskurs über Verbesserungspotentiale ihrer Wissenskommunikation braucht und eingehen sollte. Ich meine ja. 

Florian Spensberger, Mitglied der netzwerkAGsozialearbeit


Literatur:

Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989


 

Gesichter der Sozialen Arbeit

Seit 2008 wurden mithilfe des Projekts „Gesichter der Sozialen Arbeit“ Plakate im DIN A2 Format erarbeitet, die zu einer Dauerausstellung an der DHBW Stuttgart führten. Die „Gesichter“, die Soziale Arbeit prägten, sollten sichtbar werden. Dazu  tauchten wir in die Geschichte Sozialer Arbeit ein. Mit jeder Person wird eine neue Facette Sozialer Arbeit sichtbar. Die Personen und ihre „Gesichter“ wurden durch die Rezeption der Geschichtsschreibung entdeckt. Wir fragten uns: Wer gehört zu den „Lichtgestalten“? Wer legt eigentlich fest, wer dazu gehört? Was meint der Begriff Soziale Arbeit? Wie hat sich das, was mit dem Sammelbegriff Soziale Arbeit ausgedrückt wird entwickelt? Welche Anstöße kamen aus der konkreten Politik, aus der Wirtschaft und aus der Zivilgesellschaft? Welche Funktion haben die sogenannten sozialen Bewegungen wie Frauen-, Arbeiter-, Jugend-, Antikriegs-, und Ökologiebewegungen? Welche Probleme, Zielgruppen und Lösungen hatten die Personen im Blick, die die Geschichte Sozialer Arbeit prägten?  


Der Anfang
Sozialer Arbeit
Schon die Frage, wann die Spurensuche beginnt, muss definiert werden. Soziale Arbeit hat viele „Gesichter“ und sie hat viele Geschichten, die mit den Epochen und modernen Umwälzungen der Gesellschaft zusammenhängen. Hier beginnt die Spurensuche mit der Epoche der Aufklärung. Schon dieses Eintauchen in die Geschichte ist faszinierend. Wir verstanden immer besser, wie sich dieser Beruf entwickelte und welche Bedeutung Soziale Arbeit für die Gesellschaft hat.

Durch die Forderungen der Französischen Revolution (1789 bis 1799), wurde damals der feudal- absolutistische Ständestaat abgeschafft. Universalistische Werte wie die Idee der Freiheit, Gleichheit und Solidarität wurden als Menschenrechte proklamiert, die in Europa handlungsleitend waren. Der Liberalismus und der Sozialismus prägten nicht nur das moderne Sozialstaats- und Demokratieverständnis unserer Zeit, sondern waren Motoren für sozialen Wandel. Die tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaften Europas betrafen deren Staats-, Wirtschafts-, Sozial-, und Erziehungssysteme, die durch den Wiener Kongress von 1814 bis 1815 und die neuen Staatsgrenzen insgesamt neu ausgerichtet wurden. Die Geschichte Sozialer Arbeit ist natürlich Teil der Epochen- und Sozialgeschichte in Deutschland.
In Deutschland hatten die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nach der Französischen Revolution zum Pauperismus geführt. Die Armut des frühen 19. Jahrhunderts zeigte sich vor allem in Städten als ein soziales Problem. Die Armutsbekämpfung richtete deshalb auf die Beseitigung des Hungers, die Eingrenzung von Epidemien sowie die Begrenzung der Bettelei. Aber auch die Versorgung von verwundeten Soldaten und Witwen, die durch die ständig drohenden Kriege zu leisten waren, belasteten die Länder und Kommunen. Waisenkinder und Kinder aus kinderreichen Familien fanden in sogenannten Rettungshäusern Aufnahme. Hier bestand die Hilfe in der Disziplinierung und Arbeitsbefähigung und schulischen Bildung. Die Frauen, denen Rechte fehlten, suchten nach Möglichkeiten für ihre Emanzipation. Sie engagierten sich in der Kleinkindererziehung und in Vereinen, die caritativ tätig waren. In Deutschland hat das Vereinsleben eine starke Tradition. Im 18. Jahrhundert hießen Vereine meist "Gesellschaften", die Menschen ständeübergreifend zusammenbrachten und zur Geselligkeit beitrugen. Adelige und höhere Beamte diskutierten auch mit Frauen in sogenannten „Salons“ über Tagesereignisse und politisch-philosophische Zeitprobleme. Die Menschen kannten „Lesegesellschaften", in denen das aufgeklärte Bürgertum politische Vorstellungen gedanklich verwirklichen konnte. Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff "Verein". Das Vereinswesen trug entscheidend dazu bei, dass gemeinsame Werte tradiert wurden und Gemeinschaft erlebbar wurde. Viele Turnvereine, Gesangs- oder Kleingärtnervereine haben eine lange Tradition. Damals waren sie ein städtisches Phänomen und sie galten als modern und zukunftsorientiert. Die sogenannte Zivilgesellschaft spielt in Deutschland auf der Ebene von Vereinen bis heute eine wichtige Rolle und hält die Gesellschaft zusammen. Die, die der Sozialen Arbeit den Weg bereiteten, nutzten häufig den Verein, um mit ihrer Innovation nicht allein zu bleiben. Die Wegbereiter*innen dieser Jahre setzten sich mit den veränderten Lebensverhältnissen auseinander und sie versuchten die sozialen Probleme der Armut zu lösen. Die Schule, der Kindergarten, das Rettungshaus, die Zucht- und Krankenhäuser entstanden, weil die Menschen, die sie gründeten von der Philosophie, Pädagogik, Theologie, Medizin und Juristerei ihrer Zeit inspiriert waren und mit diesem Wissen Hilfe anboten und auch konzeptualisierten.

Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass der Kindergarten eine zentrale Funktion hat, um die Entstehung Sozialer Arbeit zu begreifen. Viele Frauen waren Fröbelpädagoginnen und sie verbreiteten die sozialintegrierende Funktion des Kindergartens. In Preußen war der Kindergarten von 1851 bis 1860 sogar verboten, weil die Politik seine emanzipatorische Wirkung fürchtete. Was ist daraus geworden? 

Politisch betrachtet wurde das Europa der frühen Moderne von Fürstentümern und Königreichen regiert, die meist eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden waren. Als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ 1806 untergegangen war, versuchte Napoleon I. Macht über den europäischen Kontinent zu bekommen. Das provozierte zahlreiche Befreiungskriege. In Deutschland führte dies zu einer politischen Neuordnung in Form des Norddeutschen Bundes unter preußischer und österreichischer Führung. Dagegen richtete sich wiederum die Revolution von 1848/49, die vom preußischen Militär niedergeschlagen wurde. Die 1948er- Märzrevolution stärkte die Monarchie. Preußen und Österreich bekamen innerhalb des Deutschen Bundes eine Vormachtstellung und Berlin wurde zur politischen Metropole. Hier wurde 1862 der  konservative preußische Politiker Otto von Bismarck (1815- 1898) von König Wilhelm I. zum Ministerpräsidenten berufen. Bismarck spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung Sozialer Arbeit. In seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident grenzte er den Einfluss der katholischen Kirche ein und wurde im Zuge der Gründung des Kaiserreiches 1871, in den erblichen Fürstenstand erhoben. 1870 hatte der Sieg des Norddeutschen Bundes im Deutsch- Französischen Krieg zur Gründung des Kaiserreiches geführt, das als eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen wurde. Somit hatte der Kaiser die politische und militärische Führung und war zu gleich preußischer König und oberster Kirchenherr der Protestanten. Er ernannte den Reichskanzler, der auch preußischer Ministerpräsident war und damit zur Machtelite gehörte. Die Rechte des nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht gewählten Reichstags beschränkten sich zu der Zeit auf die Mitwirkung beim Gesetzgebungsverfahren und die Verabschiedung des Budgets. Damals wurden die Forderungen nach Einführung einer parlamentarischen Monarchie mit einer Verantwortlichkeit der Minister gegenüber der gewählten Volksvertretung von den konservativen Eliten vehement abgelehnt. In Deutschland war der Einfluss des Protestantismus spürbar und als Reichskanzler Otto von Bismarck die Festigung des Nationalstaats vorantrieb, bekam er starke Unterstützung seitens der Kirchen. Die Bismarckschen Sozialgesetze, die Krankenversicherung von 1883, die Unfallversicherung von 1884 und die Invaliditäts- und Alterssicherung von 1893, bilden bis heute die Basis für den Sozialstaat. Bismarck verbesserte dadurch nicht nur den Schutz der Arbeiter, sondern wirkte auf die durch die Industrialisierung entstandenen Probleme der Arbeiter sozialpolitisch deeskalierend. Die extreme Sprengkraft der sozialen Gegensätze zeigte sich damals in Streiks, Straßenkämpfen und kommunistischen Parteibildungen. Bismarck erhoffte sich damit auch, die sozialistische Bewegung einzugrenzen. Die junge Nation Deutschland musste sich ja beweisen und der Staat sollte auch als ein fürsorglicher Staat die parteipolitischen Entwicklungen innerhalb der Arbeiterklasse fester an die Regierung zu binden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 ging das Kaiserreich seinem Ende entgegen und die Weimarer Republik von 1919 bis 1933 löste die Monarchie ab. Sozialgeschichtlich relevant waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert die industrielle Revolution und Hochindustrialisierung, die viele soziale Probleme erzeugte. Das hohe Bevölkerungswachstum und der Prozess der Urbanisierung führten weiterhin zu Armut und nach wie vor starben Menschen an Epidemien. Viele Menschen wanderten in die USA aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten noch einmal zwei Kriege das europäische Leben. Diese Weltkriege veränderten die Menschen und mit dem Holocaust wurden die Widersprüche der Aufklärung unübersehbar sichtbar. Soziale Arbeit wurde auch dadurch beeinflusst und die Spurensuche führte zur Frage nach dem Widerstand im Nationalsozialismus und der Entwicklung nach 1945. Diese Ausstellung erklärt die Hintergründe, die die Pioniere veranlassten, Lösungen für soziale Probleme zu finden. Sie macht deren Einstellung zur Politik und zur sozialen Frage ihrer Zeit mithilfe der Plakate sichtbar.

Soziale Arbeit als Hilfe zur Bewältigung sozialer Probleme

Dass Helfen zur sozialen Arbeit, also zum Beruf wurde, war ein Prozess, der während des Kaiserreiches (1871 bis 1918) begann. Der Manchesterkapitalismus hatte seine sozialzerstörerische Seite entwickelt und gezeigt. Soziale Projekte wie „Toynbeehall“ in London und „Hull House“ in Chicago zeigten, wie in anderen Ländern mit den Problemen der Migration, der Siedler und der Armen umgegangen wurde. Die Wirkung der „Settlements“ reichte bis nach Berlin, um hier die „Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost“ zu gründen und als ein deutsches Settlement zu erproben. Die Einzelfallhilfe in der Kombination mit der Gemeinwesenarbeit setzte sich durch. Bildung galt zwar bereits seit der Aufklärung als Zaubermittel für die Schaffung einer „neuen Gesellschaft“, die Menschen befähigt, ihre Verhältnisse zu verändern. Doch erst im 20. Jahrhundert wurde sie innerhalb sozialer Arbeit zum Vehikel für die Professionalisierung. Neben der Armutsbekämpfung sollten nun auch die herrschenden Verhältnisse verändert werden. Die Überzeugung, dass der Mensch eine Würde besitzt, die angesichts des kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder in Frage gestellt wird, wurde erst im 20. Jahrhundert zum Motor weiterer Entwicklungen. Die sozialen Institutionen, die bis heute zur Infrastruktur Sozialer Arbeit gehören, wurden im Kaiserreich gegründet. Dazu gehören Ausbildungseinrichtungen, diakonische und caritative Einrichtungen für Kinder, Alte, Behinderte, die Wohlfahrtsverbände, die soziale Statistik, der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ e.V. und die durch den Weimarer Wohlfahrtstaat ermöglichte rechtliche Absicherung Sozialer Arbeit. Seit der Weimarer Republik (1919 bis 1933) besteht das Netzwerk der Sozialarbeit aus Verbindungen von sozialpolitischer und zivilgesellschaftlicher Hilfe, die in Deutschland ein umfassendes Sozialsystem hervorgebracht hat, das bis heute den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft sichert. Diese institutionalisierte Solidarität stärkt nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern sie ist längst so bedeutsam, wie die Wirtschaftsunternehmen, ohne die wir kein menschenwürdiges Leben führen können. Wer zählt zu den Wegbereiter*innen Sozialer Arbeit? Was haben Menschen angestoßen und in oft mühevoller Kleinarbeit gesellschaftlich durchgesetzt? Die Dauerausstellung erzählt von ihnen und lässt Platz für eigene und weitere Entdeckungen.  

Soziale Arbeit hat sich immer wieder gewandelt. Ob sie systemstabilisierend oder systemkritisch wirkt, ob sie praktisch oder theoretisch wirksam ist und was diesen Beruf kennzeichnet, darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Sie lädt dazu ein, die Pioniere und Pionierinnen kennenzulernen und das Entwicklungspotential Sozialer Arbeit zu verstehen. Die Plakate werden in der Lehre genutzt, um die Geschichte Sozialer anschaulich und biografisch einordbar zu machen. Die Arbeit an den „Gesichtern“ ist faszinierend und reich an neuen Entdeckungen.  

Gastbeitrag von Prof. Dr. Christiane Vetter, Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der DHBW Stuttgart

„Gemeinsam Strukturen schaffen, um zu gestalten…”

… das ist wohl einer der Sätze, die wir Organisator*innen zum Leitmotiv für die Vorkonferenz des wissenschaftlichen Nachwuchses der Sozialen Arbeit machen könnten. Warum? Das wollen wir in dem vorliegenden Beitrag erläutern. 

Bereits zum zweiten Mal haben sich im Rahmen der Vorkonferenz zur Jahrestagung der DGSA am 25. und 26. April 2019 Nachwuchswissenschaftler*innen der Sozialen Arbeit in Stuttgart getroffen, in diesem Jahr mit knapp 120 Teilnehmenden sogar doppelt so viele wie beim ersten Mal. Schon die stürmischen Begrüßungen verhießen zwei großartige Tage. Die am häufigsten gestellte Frage war sicherlich: „Und was ist bei dir so passiert? Erzähl doch mal!“ Aus wissenschaftlicher Sicht eine wunderbare Einstiegsfrage in eine längere Phase der Narration, die sicher häufig funktionierte, in manchen Momenten dann aber doch durch scheppernde Töne aus dem Mikrofon unterbrochen wurde, sodass pausiert werden musste. 

Schnell war uns Organisator*innen klar: Mit der Vorkonferenz hatte die Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA einen Treffpunkt für Austausch und gegenseitige Unterstützung geschaffen. Es ist dadurch eine Plattform für Promovierende und Promotionsinteressierte aus der Sozialen Arbeit entstanden, wie es sie in dieser Form bis dato nicht gab. Und das große Interesse an der Vorkonferenz signalisiert uns, dass wir hiermit auf einen dringenden Bedarf eine Antwort gefunden haben.

 Antworten oder zumindest intensive Diskussionen zu einer Vielzahl an Fragen standen im Fokus der Konferenz. Wir wollten Raum für ein solidarisches Miteinander schaffen, in dem Wissens- und Erfahrungsaustausch im Zentrum stehen. Also brachten wir, neben anderen Programmpunkten, die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen zusammen, in denen sie dann Gelegenheit hatten, über alle Anliegen und Gedanken, aber auch Ängste und Sorgen rund um das Thema Promotion, in einen Austausch untereinander zu treten. Im Raum standen ganz unterschiedliche Fragen, je nachdem wo im Promotionsprozess sich die Teilnehmenden gerade befanden. Das führte dazu, dass alle Anwesenden einmal Wissende und ein anderes Mal Fragende waren: Unser Plan, Solidarität untereinander zu schaffen, schien aufzugehen. Statt expertokratischer Wissensvermittlung setzten wir – ganz im Sinne eines deutenden Verstehensprozesses als Handeln professioneller Sozialarbeiter*innen – auf die diskursive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven. 

Heiß diskutiert wurde die Frage der Vereinbarkeit: Wie soll man 50% in der beruflichen Praxis arbeiten und nebenbei noch 50% an der Hochschule oder Uni? Was, wenn die 50%-Stelle dann keinen Stellenanteil für die Promotion enthält? Soll man das dann noch on-top machen? Ist das möglich? Soll man neben der Promotion überhaupt noch irgendwas machen? Macht es denn vielleicht nicht mehr Sinn sich voll und ganz darauf zu konzentrieren? Doch wovon dann leben? Vielleicht doch lieber ein Stipendium? Und was, wenn zu Beruf und Promotion auch noch Familie hinzukommt? Wer schafft das? Wie macht ihr das? 

Heiß diskutiert wurde auch die Frage der eigenen Identität: Wie ist das, wenn man als Sozialarbeiter*in fachfremd promoviert? Oder was ist, wenn man eine Stelle in einem Graduiertenzentrum bekommt, in dem es eigentlich nicht um die Soziale Arbeit geht? Wer ist man dann? Mit wem oder was kann man sich dann identifizieren? Wo findet man fachlich Anschluss? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo verlaufen disziplinäre Grenzen? Und wer zieht diese mit welchen Mitteln? Und wie kann man bei alledem auch noch das Profil der eigenen Identität als Sozialarbeiter*in weiter schärfen, statt davon abzukommen? 

Es schwirrten noch viele weitere Fragen durch die Räume und Flure, doch sie alle zu nennen, würde wohl den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Darum seien diese zwei Blöcke gewählt, vor allem, weil sie aufzeigen, woran in Zukunft gearbeitet werden kann – oder gar muss? Von wem? Von uns! Denn wie Cendrese Sadiku während der Podiumsdiskussion auf der Vorkonferenz an uns appellierte: „Ihr als Mittelbau (wir nennen uns ja lieber Nachwuchswissenschaftler*innen, immerhin sind nicht alle von uns überhaupt Teil der Statusgruppe ‘Mittelbau’) müsst für euch selbst aufstehen und eure Interessen vertreten, sonst wird es niemand tun!“ Nur gemeinsam können wir für Bedingungen kämpfen, die die Fragen zur Vereinbarkeit zum Positiven verändern. 

Dafür ist es wichtig, dass wir uns darüber klar werden, wer wir eigentlich sind, wer wir sein wollen, was uns auszeichnet und wie wir die Zukunft unserer Profession gestalten wollen. Denn, und auch das ist während der Podiumsdiskussion sehr deutlich geworden: Die Promovierenden in der Sozialen Arbeit, das ist zum einen der Nachwuchs einer ganz bestimmten Profession und dessen sollten wir alle uns auch klar sein. Zum anderen ist unsere Gruppe geprägt von einer überwältigenden Vielfalt, wie sie sonst wohl nur auf wenige Professionen zuzutreffen scheint – zumindest waren selbst die Diskutant*innen der Podiumsdiskussion überrascht, mit welcher Vielfalt prekären Promovierens wir aufwarten konnten. 

Doch uns allen ist an der Gestaltung der Zukunft der Sozialen Arbeit gelegen. Das verbindet uns. Wir müssen diese Vielfalt, die unsere Qualifikationsbedingungen betrifft, als Herausforderung und Chance begreifen, „uns zusammentun und nach Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen schauen, statt uns abzugrenzen“, um es in den Worten Sylvia Bühlers auf der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung zu sagen. Und da schließt sich der Gedankenkreis und wir sind wieder bei der Vorkonferenz: Damit ist eine Struktur geschaffen, um die Zukunft zu gestalten. Nicht irgendeine Zukunft, sondern die Zukunft der Sozialen Arbeit durch ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. 

Und, so viel ist sicher, auch im kommenden Jahr in Landshut wird es wieder eine Vorkonferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben – vielleicht im Sinne des solidarischen Miteinanders sogar gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftler*innen aus Österreich und der Schweiz. Lassen wir uns überraschen – oder selbst gestalten?!

 

Eva Maria Löffler, Nils Klevermann, Vera Taube, Julia Hille und Fabian Fritz 

Das Orga-Team der Vorkonferenz 2019

Mit Blick auf die Jahrestagung 2019: Digitalisierung, ein Querschnittsthema?

Inzwischen hat es fast jede/r mindestens einmal gelesen: Phrasen wie „Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche“, „Digitalisierung ist allgegenwärtig“ oder schlicht „Digitalisierung verändert alles“. Da liegt es doch nahe, von Digitalisierung als Querschnittsthema, auch in der Sozialen Arbeit, zu sprechen. Oder nicht?

Ich wäre auch nicht die erste, der diese Formulierung über die Lippen käme. In Blogs, Statements und Thesenpapieren ist man längst zu dem Schluss gekommen, dass es Tatsache ist, dass die Digitalisierung ein Querschnittsthema in der Sozialen Arbeit ist.

Daher schickte ich mich an, darüber eine Master-Thesis zu schreiben. Ich wollte prüfen, ob das Thema Digitalisierung als Querschnittsthema für die Lehre der Sozialen Arbeit geeignet ist. Jedoch fiel mir schnell auf: Es gibt keine Definition des Begriffs Querschnittsthema. Dabei bildet er doch die Grundlage für so viele wichtige Themen der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise Gender und Gesundheit.

Wenn eine präzise Definition des Begriffes „Querschnittsthema“ in Bezug auf die Soziale Arbeit tatsächlich fehlt, laufen SozialarbeitswissenschaftlerInnen Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen, wie ich es beinahe tat. Sie übernähmen gesellschaftlich relevante Themen, machten sie zum Gegenstand ihrer Untersuchung, ohne jedoch zuvor abgearbeitet zu haben, ob es die Soziale Arbeit tatsächlich transversal beeinflusst. Vermutlich bräuchte ich in diesem Zusammenhang den Konjunktiv 2 nicht als zwingend zu betrachten, fehlten mir an dieser Stelle nicht noch stichhaltige Beweise, um aufzuzeigen, dass der Begriff längst für alles Mögliche verwendet wird.

Wäre es da nicht an der Zeit, für die Profession Soziale Arbeit festzulegen, was sie (und aus welchem Grund) transversal betrifft? Ansonsten blieben allzu viele Themen, wie auch das mir so sehr am Herzen liegende Thema „Digitalisierung“, im Morast des Postfaktischen stecken.

Für die nächste Woche stattfindende Jahrestagung der DGSA, die den Titel „Wandel der Arbeitsgesellschaft - Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ trägt, schreibe ich mir dieses Thema auf meine persönliche Agenda. Sobald die Rede von „Digitalisierung als Querschnittsthema“ ist, werde ich hinterfragen, was genau ein Querschnittsthema generell ausmacht. Denn insbesondere bei solchen Trend-Themen, wie derzeit die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit, braucht es Tagungen, um im Austausch mit anderen die Liebe zum Detail wiederzuentdecken und die Dinge auch mal bis ins Kleinste zu zerdenken. Im sonst so schnellen, dynamischen Studien- oder Arbeitsalltag bleibt dies allzu oft auf der Strecke.

 

Michelle Mittmann

Social-Media-Beauftragte der DGSA

Doing Social Work – Einladung zur Entwicklung einer dynamischen grounded Theorie Sozialer Arbeit

Warum warten wir in unseren Seminaren in Studiengängen Sozialer Arbeit eigentlich auf kollektives Stöhnen, wenn wir über Theorien sprechen? Warum reproduzieren wir damit selbst immer wieder die Geschichte des Gaps zwischen Theorie und Praxis in der Sozialen Arbeit? Immer wenn wir uns theoretisierend mit Sozialer Arbeit auseinandersetzen, macht das Spaß: in der Lehre ebenso wie in der Forschung, zusammen mit Studierenden und mit Kolleg*innen. Warum? Weil wir miteinander im Gespräch sind, weil wir gemeinsam etwas entwickeln und erleben, dass uns diese Auseinandersetzung weiterbringt im Nachdenken darüber, was Soziale Arbeit ist.

Theoretisieren macht Spaß

Mit Studierenden im 7. Semester des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit diskutiere ich (Rebekka Streck) verschiedenste Definitionen Sozialer Arbeit. Ansätze Sozialer Arbeit von Staub-Bernasconi und Thiersch, über Winkler bis hin zur viel zitierten Definition der IFSW, die eher einem Potpourri an ‚großen Begriffen‘ gleicht, als einer theoretischen Fassung dessen, was Soziale Arbeit ist. Oder besser, sein soll? Denn diese Fassungen Sozialer Arbeit (und das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was in Lehrbüchern zu Theorien und Methoden Sozialer Arbeit benannt wird), scheinen häufig mit Situationen Sozialer Arbeit, wie sie sowohl die Studierenden als auch wir in der Praxis erlebt haben, nicht viel zu tun zu haben. Die Praxis ist neben den hehren sozialpolitischen, subjektorientierten oder dialogischen Ansprüchen geprägt von Zeitdruck und Ressourcenknappheit, Eigenwilligkeit der Akteur*innen, institutionellen Möglichkeiten und Begrenzungen und vielem mehr. Spaß macht, mit den Studierenden die unterschiedlichen Facetten der Definitionen zu entdecken und ihnen den wunderbaren Reichtum an Perspektiven auf Soziale Arbeit zugänglich zu machen. Spaß macht, sie so auch immer wieder zu Sichtweisen und Bewertungen ihrer Praxiserfahrungen aufzufordern, sie zum Nachdenken anzuregen. Spaß macht auch herauszufinden, wo das eine im anderen versteckt, verdeckt und entdeckt werden kann.

In der Begleitung der Studierenden während der Praxisphasen versuche ich (Ursula Unterkofler) mit den Studierenden zu verstehen, was an Praxissituationen, die sie erlebt haben, typisch ist für Situationen Sozialer Arbeit. Die Studierenden dokumentieren ihre Situationen in Form von Beobachtungsprotokollen. Diese dienen als Grundlage, Situationen im Seminar nachzuspielen. Wir versuchen, durch ethnografisches Spiel die Situationen in ihrer kognitiven, emotionalen und normativen Komplexität aufzubrechen und Zugang zu ihnen zu finden. In der anschließenden Reflexion beschreiben und interpretieren die Studierenden die Situationen, und allein dadurch, dass sie sie in Begriffe fassen, beziehen sie sich auf Theorie. Begriffe wie Alltag, Macht oder Anerkennung bekommen so konkrete Bedeutung, da sie an (eigene) Handlungsvollzüge geknüpft werden. Spaß macht, dass die Studierenden ihr theoretisches Vorwissen neu entdecken bzw. es als relevant entdecken. Spaß macht, aus der Rolle der Wissensempfänger*innen im Praktikum herauszutreten und eigene Kritik zu fundieren. Spaß macht auch, zu sehen, dass in Situationen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern –  wie verschieden sie auch sind – ähnliche Phänomene aufscheinen, in Bezug auf die Handlungsebene ebenso wie auf die strukturelle Rahmung von Situationen.

Durch solche Verknüpfungen zwischen Praxiserfahrung und theoretischer Rahmung unternehmen wir Versuche, uns dem anzunähern, was Soziale Arbeit ist. Aber geht es wirklich darum zu klären, was Soziale Arbeit ist? Was das angeht, wurden wir kürzlich produktiv irritiert. Im hessischen Promotionszentrum Soziale Arbeit in Wiesbaden diskutierten wir mit Promovend*innen über das Wissenschaftsverständnis, das unserem Buch „Doing Social Work“ zugrunde liegt. Marcel Schmidt merkte an, dass er in vielem Karl Popper nicht folge, dass dieser aber in seinen Lehrveranstaltungen „Was ist“-Fragen abgelehnt hat. Sie seien essentialistisch. Sie vereinfachen, entkontextualisieren, verdinglichen.

Doing Social Work – wie wird Soziale Arbeit hergestellt?

Wir fragen deshalb, wie Soziale Arbeit hergestellt wird. Diese Perspektive nehmen wir in unserem Buch „Doing Social Work“ ein, das wir zusammen mit Kathrin Aghamiri und Anja Reinecke-Terner herausgegeben haben. Mit dem heuristischen Begriff des Doing Social Work blicken wir auf Situationen Sozialer Arbeit als interaktive Konstruktionsleistung und konzeptualisieren damit, was wer denn mit wem in welchem Kontext unter welchen Bedingungen tut. Wir verbinden die oben benannten Zugänge, indem wir uns Situationen Sozialer Arbeit anschauen und fragen, wenn da Soziale Arbeit entsteht, was macht den Herstellungsprozess und dessen situatives Produkt ‚Soziale Arbeit‘ aus? Um eben dieses Entstehen von Sozialer Arbeit in der Praxis in den Blick zu bekommen, haben wir in dem Buch unterschiedliche ethnografischen Studien versammelt und deren Ergebnisse verglichen. Wie schon in unserer gemeinsamen Arbeit mit dem Datenmaterial unserer Dissertationen, haben wir ähnliche Phänomene in den unterschiedlichen Studien gesehen und –theoretisieren macht Spaß – in Kategorien formuliert. Kategorien, die versuchen zu fassen, wie das Handeln der Akteur*innen auf den Kontext Bezug nimmt: So müssen Sozialarbeiter*innen fortwährend in Ungewissheit entscheiden wenn sie überlegen, wie sie Risiken beurteilen, dabei Regelorientierung und individuelle Falleinschätzung abwägen und schließlich mehr oder weniger maßgeblich in ein Geschehen eingreifen. Nutzer*innen und Sozialarbeiter*innen bespielen Diffusitäten der sozialarbeiterischen Handlungssituation, die durch (auch) alltagsnahe Tätigkeiten oft nicht explizit als professionelle Interaktion erkennbar sind. Rollen oder Interaktionsregeln erscheinen oft verhandelbar und müssen ausgelotet werden. Zugleich, in Interaktionen, (be)nutzen Sozialarbeiter*innen Differenzkategorien, um Situationen zu typisieren, Hierarchien herzustellen oder Aus- und Einschluss in Institutionen Sozialer Arbeit zu begründen. Und schließlich schlägt sich Alltägliches disziplinieren vor allem in den Situationen durch, die nicht explizit als sozialarbeiterisches Handeln gerahmt werden, wie Essen oder Arbeiten, in denen sich das Herstellen von Ordnung im Sinne normgerechten Verhaltens als vorrangiges Ziel sozialarbeiterischer Intervention zeigt.

Mit diesen ersten Kategorisierungen möchten wir eine Theorie jenseits aller „Wünschbarkeit oder Nicht-Wünschbarkeit“ (Schütze) auf den Weg bringen, die versucht das auf den Punkt zu bringen, was Akteur*innen alltäglich tun. Damit werfen wir – zugegebenermaßen etwas hemdsärmelig – einem Großteil der als solche gelabelten und ständig wieder reproduzierten (großen) Theorien Sozialer Arbeit vor, sich mehr mit dem ‚Soll‘ als mit dem ‚Ist‘ zu beschäftigen. Eben dadurch entstehen Definitionen, die eher vernebeln als klären und insbesondere für Praktiker*innen wenig Anknüpfungspunkte bieten – außer zu erkennen, dass sie all die hehren Ziele praktisch nicht erfüllen. Die von uns konstruierten Modi der Herstellung Sozialer Arbeit sind sicher nur ein Anfang. Sie sollen diskutiert, verglichen, weiterentwickelt und verworfen werden. Wir möchten damit kein Gerüst einbetonieren, sondern dynamische Begriffsnetzwerke auf den Weg bringen. Trotz dieser Vorläufigkeit machen wir die Erfahrung, dass unsere Herangehensweise und die Kategorien zur Diskussion anregen. Das erkenntnistheoretische Dilemma (das war ein Thema der Diskussion im Promotionszentrum Soziale Arbeit in Wiesbaden) können auch wir nicht umgehen, dass wir immer schon einen Begriff von etwas haben müssen, um es zu erkennen (und ethnografisch zu beschreiben). Somit rückt in den Fokus unserer Betrachtung und Theoretisierung (nur) das, was wir vorher schon als Soziale Arbeit deuteten. Genau daher wünschen wir uns Diskussionsbeiträge, Studien, Kritik, die ergänzen, konkretisieren, den Fokus verschieben, neu sortieren, wiederlegen.  Denn zu fragen, wie Soziale Arbeit hergestellt wird, macht nicht nur Spaß, es scheint auch bei praktisch tätigen Sozialarbeiter*innen Zustimmung zu ernten. Wir hören ‚ja, das kenn ich auch‘ oder ‚dazu fällt mir eine Situation ein‘. Für Diana Bruski, erfahrene Sozialarbeiterin, eröffnet die Perspektive, Theorie von der Praxis aus zu denken, den Blick auf die ‚Räume dazwischen‘, den Blick auf ihre alltäglichen Praxen zwischen den großen Ansprüchen und den strukturellen Begrenzungen.

Einladung zur gemeinsamen Arbeit an einer dynamischen Theorie Sozialer Arbeit

Unser Ansatz, unser Buch ist als Einladung zur Diskussion zu verstehen: darüber, welchen Mehrwert empirische Forschungsergebnisse für die Theoriedebatte haben; wie empirisch Vorfindbares und theoretische Beschreibung zusammenhängen; wie legitime und gehörte Theorien zu Stande kommen (dürfen) und von wem sie formuliert werden; welche (verschiedenen) Arten von Theorien wir in der Sozialen Arbeit brauchen, und welche uns wofür nützen; welche Distanz oder auch Nähe zur Praxis nötig ist, um theoretische Strukturen zu erkennen und wie Theorien die Praxis bereichern. Vor allem möchten wir aber bestehende (und zukünftige) Ergebnisse aus empirischen Studien – gleich welcher Methodologien, Methoden, Forschungsstategien sie sich bedienen – zusammentragen und versuchen, diese zueinander in Bezug zu setzen. Ist es möglich ein Netzwerk von Kategorien zu spinnen, die auf unterschiedlichsten empirischen Ergebnisse basieren? Ist es möglich, so gemeinsam eine Theorie Sozialer Arbeit entstehen zu lassen, die Praxis Sozialer Arbeit dynamisch und prozesshaft fasst, laufend weiter entwickelt werden kann und die Diskussion in Praxis und Wissenschaft anregt?

Ein Ort hierfür ist die Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Soziale Arbeit am 22. und 23. November 2019 in Hannover. Unter dem Titel „Was Soziale Arbeit (aus)macht“  laden wir ein zum Präsentieren, Diskutieren, Vergleichen, aufeinander Beziehen von Forschungsergebnissen, kurz: zum Mitmachen.

 

Rebekka Streck und Ursula Unterkofler

 

 


„Bist du stark genug für meine Paprika?“ Was unterscheidet Soziale Arbeit ohne und mit Gender Studies?

Gender Studies seien unnütz – dies ist immer häufiger und immer lauter zu hören. Entsprechende Lehrstühle, Institute, Studiengänge und Forschungsprojekte werden zu ideologischen Kaderschmieden erklärt, in denen eine feministische Weltherrschaft vorbereitet würde, statt seriöse Wissenschaft zu betreiben. Jeder Cent öffentlicher Förderung sei einer zu viel. Tatsächlich hat die ungarische Regierung kürzlich die Gender Studies aus der Liste der zugelassenen Studiengänge gestrichen. Auch hierzulande scheint die Lobby für entsprechende Maßnahmen zu wachsen, zumindest verschafft sie sich mehr öffentliches Gehör.    

Doch welche Folgen hat es eigentlich, wenn ein Berufs- und Wissenschaftsfeld wie Soziale Arbeit nicht (mehr) auf Genderwissen zurückgreift – weil dieses für obsolet erklärt wird – oder zurückgreifen kann – weil es demontiert und nicht mehr weiterentwickelt worden ist? Was passiert konkret, wenn die „Zukunftsvision einer gender-freien Wissenschaft und Praxis“ sich erfüllt?

Wir wollen dies modellhaft durchspielen an einer Fallvignette aus dem Berufsfeld der Sozialen Arbeit. Fresia Klug-Durán hat sie in einem Beitrag zur Bedeutung des Essens in der Sozialpädagogischen Familienhilfe dokumentiert, der 2009 im Sammelband „Erst kommt das Fressen! Über Essen und Kochen in der Sozialen Arbeit“ erschien (S. 85 - 97). Die Autorin schildert den Fall mit den üblichen Angaben zum Geschlecht der beteiligten Personen, was bereits widerspiegelt, dass Geschlechtszugehörigkeiten offenbar für das Fallverstehen von Bedeutung sind.

Wir schreiben diese Fallvignette vor dem Hintergrund der kritischen Debatten zu den Gender Studies um und löschen sämtliche Geschlechter-Informationen, um auszuprobieren, was dann passiert. Wie wird also die Problemsituation einer Familie, die Adressatin Sozialer Arbeit ist, ‚geschlechtsfrei‘ erzählt? 

Familie Yildiz wird von zwei Fachkräften der Familienhilfe unterstützt. Der eine Elternteil hat Depressionen, zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, leiden unter psychosomatischen Symptomen, zwei weitere Kinder, 16 und 17 Jahre alt, fallen außerhalb der Familie durch Aggressivität auf und kommen zeitweise nachts nicht mehr nach Hause. Die Eltern suchen mehrmals wöchentlich nachts nach eines dieser Kinder. Auftrag der Familienhilfe ist zunächst, sich einen Einblick in das Familienleben zu verschaffen und Hypothesen für das nächtliche Fernbleiben der Jugendlichen zu entwickeln. Erst im Verlauf der Hilfemaßnahme werden Hinweise auf eine psychische Erkrankung auch des anderen Elternteils sichtbar.

Die eine Fachkraft der Familienhilfe kommt einmal in der Woche vormittags zur Familie nachhause, um mit dem einen Elternteil zu sprechen. Die Kinder sind in dieser Zeit in der Schule. Der andere Elternteil, der im Schichtdienst arbeitet, ist während dieses Besuchs entweder an der Arbeit oder er schläft. Gegen Ende des Termins kommen einzelne der Kinder von der Schule zurück, der andere Elternteil bereitet sich manchmal für die Arbeit vor. Die Gespräche mit dem einen Elternteil drehen sich um die Familie, Erziehung der Kinder und seinen Sorgen. Sie finden in der Küche statt, während man gemeinsam frühstückt und er später seine alltäglichen Küchenarbeiten erledigt wie Geschirrreinigung und Kochen. Der andere Elternteil toleriert die Anwesenheit der Fachkraft nur unter diesen Bedingungen.  

Die andere Fachkraft der Familienhilfe betreut eine der jugendlichen Kinder der Familie. Wenn sie sie zuhause zu einem Termin abholt, hält sie sich bewusst einen Moment in der Familie auf, um Gelegenheiten für Gespräche zu schaffen. Dem anderen Elternteil ist sie suspekt. Weil er sich jedoch nicht mehr zu helfen weiß bei seinen Kindern, akzeptiert er sie. Die kurzen Zusammentreffen nutzt dieser Elternteil jedes Mal, um die Fachkraft aufzufordern, mit ihm scharfe Paprika zu essen. Er bereitet die Paprika dann auf dem Elektrogrill zu und betont dabei, wie gut seine Paprika sei und wie hervorragend er sie zubereite. Die Aufforderung wird von Mal zu Mal provokanter: „Bist du stark genug für meine Paprika? Bist du ein Mensch? Wie viele Paprika isst du? ... ha, ha! Ich esse mehr scharfe Paprika, ...“ Auch die Kinder werden von diesem Elternteil gefragt, wer ihrer Meinung nach mehr scharfe Paprika essen könne. Die Fachkraft isst zum Ausdruck der Wertschätzung der elterlichen Zubereitungsleistung eine Paprika, lobt sie und betont ausdrücklich, dass sie wirklich sehr scharf sei und dass sie keine weitere essen könne. Der Elternteil freut sich darüber und wirkt beruhigt.

Auch ohne irgendeinen Hinweis zur Geschlechtszugehörigkeit der Akteur_innen des Falls wird deutlich, dass es hier einer Familie nicht gut geht und Handlungsbedarf besteht. Sowohl die vier Kinder zeigen Belastungssymptome als auch die Eltern. Zudem werden Spannungen zwischen den Eltern sichtbar: Das Angebot der Familienhilfe wird von beiden Elternteilen höchst unterschiedlich angenommen. Während ein Elternteil schnell ein kooperatives Arbeitsbündnis mit der für sie zuständigen Fachkraft eingeht, erlebt der andere Elternteil die Familienhilfe eher als Gefahr für die herrschende Familienordnung. Er reagiert aggressiv und versucht, die eigene Machtposition demonstrativ zu sichern. So diktiert dieser Elternteil erfolgreich die Bedingungen, unter denen die Familienhilfe überhaupt mit seinem_r Ehepartner_in arbeiten darf. Zudem inszeniert er mit der Paprika vor den Augen der gesamten Familie einen Wettkampf mit einer der beiden Professionellen, bei der diese unterliegt. Dass dieses Spiel nicht nur eine singuläre Episode ist, sondern sich jedes Mal vollzieht, wenn die Fachkraft in der Familie erscheint, verweist auf den hohen Druck, unter dem dieser Elternteil steht.

Für den Einsatz der Familienhilfe offenbaren sich damit diverse wichtige Ansatzpunkte. Zum ersten muss reflektiert werden, wie sich die Professionellen in dem elterlichen Machtverhältnis positionieren, um den beruflichen Auftrag gut erfüllen zu können. So wie es in der Fallvignette aussieht, fügen sie sich relativ reibungslos als ‚Unterlegene‘ ein. Sie lassen das Dominanzgebaren des einen Elternteils zu, während sie mit dem anderen – unterlegenen – Elternteil gut zusammenarbeiten. Dies kann funktional sein, wirft aber auch die Frage danach auf, was mit dem beruflich-strategischen Verzicht auf eine machtvolle Selbstinszenierung eventuell verspielt wird.

Zum zweiten ist darüber nachzudenken, wie für den ‚mächtigen‘, aggressiven Elternteil der Stress reduziert werden kann, um sich perspektivisch möglicherweise produktiver auf das Hilfeangebot einzulassen. Zum dritten ist schließlich auch kritisch zu fragen, warum das nächtliche Fernbleiben der älteren Kinder in der Familie mehr institutionelle und familiale Aufmerksamkeit erfährt als die psychosomatischen Leidenssymptome der jüngeren. Deuten sich hier weitere – geschwisterliche – Machtverhältnisse, bei denen Familienhilfe wachsam sein muss, um dies nicht zu reproduzieren?

Soweit die erste geschlechtsfreie Fallanalyse. Was verändert sich nun, wenn Wissensbestände der Gender Studies aktiviert werden?

In diesem Moment wird zugänglich, dass die herausgearbeiteten virulenten Macht- und Konfliktverhältnisse innerhalb der Familie und zwischen Professionellen und Familie auch mit Geschlechterordnungen zu tun haben. Erkennbar wird, dass bereits die Krisensymptome der Geschwister von Geschlechtersymboliken gezeichnet sind. Es sind nämlich die Töchter, deren Leiden sich in psychosomatischen Störungen manifestiert, und es sind die Söhne, deren Leiden sich in spektakulärer Rebellion gegen Verhaltensnormen Bahn bricht. Alle Kinder versuchen also, die bedrückenden familialen Generationenkonflikte irgendwie zu bewältigen, gleichzeitig bearbeiten sie dabei ihre hierarchischen Geschlechterpositionen: die Mädchen verhalten sich relativ still und defensiv mit ihrer Artikulation des eigenen Unwohlseins, die Jungen aktivieren sehr viel wirkungsvoller elterliche – und institutionelle – Ängste und Fürsorge. Dies alles wirft die Frage danach auf, wie den Geschwistern geschlechtskonforme, aber weniger destruktive Räume der Artikulation von Nöten eröffnet werden können.  

Beim Blick auf die Eltern wird wiederum begreifbar, dass beide stark in geschlechterspezifischen Normalitätszwängen gefangen sind. Während der Mutter die Position der Hausfrau vorbehalten ist, die dem Patriarchen untersteht, muss der Vater das Geld für die Familie in belastender Schichtarbeit erwirtschaften und seine Dominanz sichern. Dies gibt der Arbeit der Familienhilfe einen weiteren Entwicklungsimpuls. Denn wenn es gilt, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu verbessern, muss es auch darum gehen, beiden Elternteilen soziale und geschlechtliche Anerkennung zu verschaffen, die nicht mehr an Über- und Unterordnung gebunden ist, die für beide letztlich zerstörerisch ist.       

Der in diesem Fall tätige Träger der Familienhilfe hat im Übrigen ganz bewusst aus geschlechterfachlichen Gründen ein gemischtgeschlechtliches Team in die Familie geschickt: die weibliche Fachkraft soll mit der Mutter der Familie arbeiten, die männliche mit dem Sohn der Familie. Dahinter steht die Überlegung, dass bei der Mutter zu erwarten ist, dass sie sich leichter auf eine weibliche Familienhelferin einlassen kann. Dies löst sich ja auch ein. Da die Beratungssituation mit der Mutter an die vertrauten Routinen privater Frauen und Nachbarschaftskultur anknüpft, erweist sie sich für Frau Yildiz niedrigschwellig. Bei dem Sohn ist demgegenüber zu erwarten, dass das Beziehungsangebot eines männlichen Familienhelfers günstiger ist. Er ist damit davon befreit, sich als junger – also im Generationenverhältnis unterlegener – Mann gegenüber einer erwachsenen Frau als der Überlegene ausweisen zu müssen.

Gleichwohl potenziert sich aber für den Vater durch die Männlichkeit des Familienhelfers der Stress. Seine familiale Dominanzposition, die sich aus der Generationen- und Geschlechterasymmetrie nährt, ist durch den weiteren männlichen Erwachsenen im Familiengefüge gefährdet. Die neue Konkurrenz ist umso brisanter für ihn, als sein Status bereits durch die Auffälligkeiten seiner Kinder erheblich angegriffen ist. Von daher ist es letztlich der aus der Perspektive des Sohnes notwendige Einsatz des männlichen Professionellen, der dann einen ‚renitenten‘ Vater für die Soziale Arbeit hervorbringt.

Dies alles zeigt: Die Antworten dazu, wie Menschen in Schwierigkeiten in geeigneter Weise professionell geholfen werden kann, sind nicht einfach. Dies gilt auch dann, wenn Erkenntnisse der Gender Studies für die Entwicklung von Lösungen genutzt werden. Aber mit diesen Erkenntnissen werden zumindest die Möglichkeiten des Fallverstehens wie auch berufliche Handlungsspielräume erweitert, was wiederum die Chancen erhöht, die Passgenauigkeit der Praxis für die Adressat_innen zu erhöhen.  Gender Studies in der Sozialen Arbeit zu nutzen bereitet also nicht den feministischen Umsturz der Weltordnung vor, sondern ist schlicht und sachlich ein Gebot qualifizierten Arbeitens – nicht mehr und nicht weniger.

 

Ein Kommentar der Fachgruppe Gender der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit zum Aktionstag #4genderstudies am 18.12.2018  

Die DGSA im Jahr 2018 - ein Rückblick

Ende des Jahres ist in vielen Bereichen ein guter Zeitpunkt, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen. Auch wir als Vorstand wollen auf das vergangene Jahr zurückblicken und einige Highlights und besondere Entwicklungen für die DGSA nochmals in den Blick nehmen. 

Das Herzstück der DGSA sind die Fachgruppen und Sektionen, in denen mit viel Engagement und Sachverstand an der Weiterentwicklung der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit gearbeitet wird. Einen guten Einblick in diese Arbeit geben die zweimal im Jahr publizierten Berichte aus der Fachgruppen- und Sektionsarbeit im Newsletter. Diesen erhalten die Mitglieder der DGSA nun seit zwei Jahren als Beilage zur Zeitschrift Soziale Arbeit. Sie finden die (alten) Ausgaben aber auch immer auf der Webseite hinterlegt. Die Kontinuität in der Arbeit über die Jahre hinweg, die in den Fachgruppen und Sektionen vorhanden ist, ist außerordentlich bemerkenswert. 

Die DGSA hat mit nun die Grenze von 700 Mitgliedern überschritten. Das ist beeindruckend, wenn bedacht wird, dass noch vor fünf Jahren „nur“ 350 Mitglieder eingetragen waren. Eine Verdoppelung in nur fünf Jahren! Dies stellt aber natürlich auch die Organisation und Betreuung der Mitglieder vor immer neue Herausforderungen. An dieser Stelle ein großer Dank an die Geschäftsstelle, Frau Weimar, dass sie diese Mehrarbeit so professionell bewältigt. 

Wie in jedem Jahr wird bei den Jahrestagungen der DGSA dieses Wachstum und damit auch die Vielfalt der Fachgesellschaft deutlich. In Hamburg nahmen knapp 600 Personen teil, die sich in ca. 50 Panels mit rund 160 Referierenden über Demokratie und Soziale Arbeit auseinandersetzten. Dies war die bislang größte Jahrestagung der DGSA. Wir sind als Vorstand in intensiven Diskussionen, was dieses Wachstum auch für die interne Organisation der Fachgesellschaft bedeutet, weil es natürlich auch neue Herausforderungen mit sich bringt. Wird die Mitgliederstruktur der DGSA betrachtet, so werden zwei Trends seit Jahren deutlich. Zum einen scheint es mittlerweile für viele in der Sozialen Arbeit neuberufene Professorinnen und Professoren selbstverständlich zu sein, in die DGSA einzutreten. Zum anderen gibt es auch viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Forschungskontexten arbeiten und sich in und durch die DGSA vernetzen. Deshalb freuen wir uns als Vorstand ausdrücklich, dass in 2018 vor der Jahrestagung eine zweitägige Pre-Konferenz junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stattgefunden hat, die selbstorganisiert ihre eigenen Themenschwerpunkte setzte. In 2019 wird dieses Format fortgesetzt und wir unterstützen dies gerne. 

Wir haben uns vorgenommen, dass wir uns als DGSA verstärkt in den (fach-)öffentlichen Diskurs einmischen wollen. Entsprechend hat sich die DGSA in die Debatte um Flucht und Asyl mit einem Positionspapier eingebracht, das als offener Brief an die Bundesregierung und die Bundestagsfraktionen versendet wurde. In den kommenden Wochen wird eine Positionierung des Vorstands der DGSA zur Debatte um Qualitätskriterien für Studiengänge veröffentlicht, die wir anlässlich der Debatte um duale, trägernahe oder private Studiengänge auf der Grundlage einer eigenen Erhebung erstellt haben. Und auch zur Frage des Promotionsrechts an FHs/HaWs wird sich der Vorstand äußern. Damit wollen wir ein Signal der Positionierung der Sozialen Arbeit in fachinternen, aber eben auch im gesellschaftlichen Diskurs leisten. Und auch die Fachgruppen und Sektionen positionieren sich immer wieder in gesellschaftlichen Diskursen durch öffentliche Stellungnahmen und tragen so zu einem sichtbaren Profil der DGSA bei. 

Die Wissenschaft Soziale Arbeit entwickelt sich auch im Bereich der eigenständigen Forschung weiter. Die Bedeutung und die Vielfalt von Forschungsaktivitäten – insbesondere bei den Mitgliedern der DGSA – wurde im Auftrag des Vorstands Anfang 2018 erhoben. Die Ergebnisse wurden nun in der Sozialen Arbeit Heft 12/2018 (Sommer/Thiessen 2018), das allen Mitgliedern zugeht, publiziert. Ein wesentlicher Befund ist der hohe Anteil grundlagenbezogener Forschungsanteile. Auch auf dieser Basis haben wir uns als Vorstand bemüht, die Positionierung der Wissenschaft Soziale Arbeit bei den großen Forschungsförderungsorganisationen zu stärken. Dass dies ein dickes Brett ist, was gebohrt werden will, ist uns dabei bewusst. Und auch, wenn wir momentan diesbezüglich noch nicht erfolgreich waren, hoffen wir, dass sich die vielen Hintergrundgespräche und Initiativen auf ganz unterschiedlichen Ebenen in der Zukunft auszahlen werden. Um die fachliche Hoheit in forschungsethischen Fragestellungen sicherzustellen, hat die DGSA ebenfalls in diesem Jahr eine eigenständige Forschungsethikkommission etabliert, die Ethikgutachten für empirische Forschungsprojekte erstellt. 

Der Blick zurück ist zugleich auch ein Blick nach vorn: Wir werden dynamisch in das 2019 starten und uns weiter dafür einsetzen, Disziplin und Profession Sozialer Arbeit zu stärken. Bei der Jahrestagung Ende April in Stuttgart werden wir nicht nur gemeinsame fachliche Debatten voranbringen, sondern auch das 30-jährige Jubiläum der DGSA feiern. 

Ihnen allen eine erholsame Winterpause und einen guten Start ins neue Jahr!


Der Vorstand der DGSA


Vom (Nach-)Denken

Als mich die Anfrage der Social-Media-Beauftragten der DGSA erreichte, ob ich Lust und Zeit hätte, etwas für den Blog der DGSA zu schreiben, war ich nicht nur positiv überrascht, dass „die Macher*innen“ mich überhaupt gefunden hatten, ich freute mich besonders, dass sie mir die Gelegenheit geben wollten, zumindest einen Teil meiner Gedanken mit den Leser*innen zu teilen. „Zu welchem Thema soll ich denn schreiben?“, fragte ich die Verantwortliche. „Das Thema können Sie im Grunde frei wählen (irgendwie Pre-Con)“, kam prompt als Antwort. Und ich sagte kurzentschlossen zu. Und damit begann die Herausforderung… Was würden die Leute denn hören, bzw. lesen wollen? Wozu wollte ich mich denn eigentlich äußern? Und wie konnte ich das mit der Pre-Con verbinden?

Die Anfrage fiel (glücklicherweise) mit dem Semesterstart zusammen und so konnte ich sie zunächst einmal auf die lange Liste der Dinge schieben, die ich so nebenbei noch machen wollen würde, wenn es der ganz normale Alltags-Wahnsinn des beginnenden Semesters mal zulassen würde. Begleitet hat mich die Frage danach, was ich hier aufschreiben werden würde dennoch permanent. Wie eine unsichtbare Fliege schwirrte sie in meinem Kopf umher und trieb mich um. „Irgendwie Pre-Con“, säuselte sie mir immer wieder mal ins Ohr.

„Pre-Con“, gemeint ist die erste Vorkonferenz für den „wissenschaftlichen Nachwuchs“ der Sozialen Arbeit im Vorfeld der DGSA Jahrestagung 2018. Den Begriff „wissenschaftlicher Nachwuchs“ benutze ich trotz der Infantilität, die durch ihn tendenziell transportiert wird. Denn zugegebenermaßen hat sich der „wissenschaftliche Nachwuchs“ der DGSA, mich eingeschlossen, zwar getroffen und sich unter anderem mit diesem Begriff kritisch auseinandergesetzt. Doch ersetzen konnten wir die Formulierung bis dato nicht. Immerhin haben wir ein Netzwerk gegründet, um den Austausch fortzusetzen.

Kritische Auseinandersetzung, miteinander reden und diskutieren, vernetzen und Ideen entwickeln… da haben wir ja alles richtig gemacht, denn genau das, war das Ziel der ersten Vorkonferenz für die Promovierenden und Promotionsinteressierten in und aus der Sozialen Arbeit im Jahr 2018 in Hamburg. „Ich war dabei!“ Sich mit Menschen auszutauschen, die in ähnlichen beruflichen Phasen steckten wie ich, die aber gleichzeitig auch aus meiner Profession kamen – großartige Idee! Und gleichzeitig, durch die Öffnung der Pre-Con für Promotionsinteressierte, auch die Möglichkeit bot, andere „Nachwuchsler*innen“ für wissenschaftliches Denken und Arbeiten als einen Bestandteil der Sozialen Arbeit zu begeistern, sie zu ermutigen, den Schritt der Promotion zu wagen, das war doch eine geniale Idee! Da musste ich einfach hin.

Daran musste ich denken, als ich zu Beginn des Semesters wieder vor einer Gruppe von „Erstis“ im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit stand, die ich mit einem Seminar zur „Einführung in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten“ beglücken durfte. Und manch eine*r mag bei der Formulierung „beglücken“ schmunzeln oder aber die Stirn runzeln. Aber ist es nicht wirklich ein Glück, in der Arbeit zum intensiven Nachdenken aufgefordert zu sein und anderen den nötigen Raum schaffen zu können, dasselbe zu tun? Das Seminar gibt mir die Möglichkeit, einige Studierende der Sozialen Arbeit gleich von Beginn des Studiums an für die Wissenschaft zu begeistern. Darunter verstehe ich zunächst einmal, sie zu ermutigen, Fragen zu stellen, vor allem scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und sich kritisch mit vermeintlich unumstößlichen Gegebenheiten und behaupteten Tatsachen auseinanderzusetzen. Und egal, ob sie nach dem Studium mal in der Wissenschaft oder einem anderen Arbeitsfeld „landen“, die Kompetenz und auch der Mut, Fragen zu stellen und Dinge zu hinterfragen, werden hoffentlich den/die eine*n oder andere*n weiterhin begleiten.

Und ist es nicht das, worum es im Grunde nicht nur auf der Vorkonferenz und in der Gruppe des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern auch in jedem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit geht? Geht es nicht genau darum, die Augen offen zu halten und neugierig zu sein? Geht es nicht darum, den Mut zu haben, Dinge, z.B. soziale Ungleichheiten, hemmende Rahmenbedingungen und strukturelle Schwierigkeiten aufzudecken, zu thematisieren und zu kritisieren? Und das sowohl in der Praxis, als auch der Lehre sowie der Forschung und Wissenschaft. Sollte das Denken und Fragen also nicht eine Grundkompetenz des, wo auch immer hinterher arbeitenden Nachwuchses der Sozialen Arbeit sein? Ich würde sagen: Unbedingt!

Und was machen die Sozialarbeiter*innen dann mit ihren Gedanken und konkreten Ideen, mit ihren Befürchtungen und ihrem Ärger? Im besten Falle teilen sie diese mit Kolleg*innen, tauschen sich über Beobachtungen und Fragen aus, diskutieren sie gemeinsam und entwickeln Lösungsansätze innerhalb der Sozialen Arbeit und vielleicht auch darüber hinaus.

Und da schließt sich der Kreis meiner Gedanken und ich komme wieder zurück zur Vorkonferenz, nun schon 2.0 für Promovierende und Promotionsinteressierte der Sozialen Arbeit, die ich mit diesem Beitrag ankündigen darf. Auch 2019 in Stuttgart wird der Austausch, die kollegiale Beratung und das knüpfen von Kontakten wieder im Zentrum stehen – so viel sei schon mal verraten. Im Fokus stehen die Forschungsideen und -projekte des „wissenschaftlichen Nachwuchses“, die gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden sollen. Wir sind schon jetzt mehr als neugierig auf die Promotionsvorhaben, Fragen und Anregungen, die mit- und eingebracht werden.

Das Thema der Jahrestagung der DGSA „Wandel der Arbeitsgesellschaft – Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ wird uns am Rande auch beschäftigen. Wieso, weshalb, warum und wie, diese Fragen bleiben vorerst offen, lassen Raum für kreatives Nachdenken und werden sich spätestens am 25. und 26. April 2019 in Stuttgart klären, wenngleich im Sinne der Wissenschaft: wohl nie vollständig.

 

Weitere Infos und den Call zur Pre-Con 2019 gibt es hier!

 

Eva Maria Löffler, M.A. Soziale Arbeit

Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Fachgebiet für Lebenslagen und Altern, Institut für Sozialwesen, Universität Kassel

Mit-Organisatorin der Vorkonferenz im Rahmen der DGSA Jahrestagung 2019