tag:www.blog.dgsa.de,2013:/posts DGSA Blog Soziale Arbeit 2020-05-20T11:22:47Z Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1546906 2020-05-20T11:22:47Z 2020-05-20T11:22:47Z Jugendliche brauchen Freiräume!

Wie Perspektiven junger Menschen in Corona-Zeiten aus dem öffentlichen Blick entschwinden… - eine essayistische Betrachtung

„Jugendliche brauchen Freiräume“ – dieser Appell ist nicht neu, bekommt in Corona-Zeiten aber eine neue Dimension. Den 12- bis -18-Jährigen stehen gerade keinerlei gesellschaftliche Frei- oder Sozialräume zur Verfügung, die es ihnen ermöglichen würden, ihrem jugendlichen Leben nachzugehen. In dieser Altersphase ist es enorm wichtig, sich von der Welt der Eltern, der Lehrer*innen, der Erwachsenen abzusetzen, sich mit Peers zu treffen und gemeinsam Neues auszuprobieren. Wie soll das gehen, wenn für sie sämtliche Räume und Orte außerhalb der zudem sehr unterschiedlich aussehenden häuslichen Umgebung seit mehreren Wochen verschlossen bzw. im wörtlichen Sinne geschlossen sind?

Der 15. Kinder- und Jugendbericht hat die Kernherausforderungen an junge Menschen im Jugendalter auf den Punkt gebracht (Deutscher Bundestag 2017): Qualifizierung, Verselbstständigung, Selbstpositionierung. Durch Qualifizierung sollen Jugendliche eine soziale und berufliche Handlungsfähigkeit erlangen. Es werden Kompetenzen erworben, um die eigene wie gesellschaftliche Zukunft zu gestalten. Mit Verselbstständigung ist der Auftrag verbunden, soziale, politische wie ökonomische Eigenständigkeit zu erlangen, z.B. durch gesicherte Erwerbsarbeit oder eigenständiges Wohnen, aber eben auch in sozialen Bindungen, Beziehungen zur Herkunftsfamilie und neuen Lebensformen. Die Kernherausforderung Selbstpositionierung meint das Finden einer persönlichen, souveränen Haltung zu sich selbst, dem Gegenüber, den Mitmenschen. Sie verlangt danach, die eigenen Anliegen in ein Verhältnis zur Gesellschaft zu setzen und durch politische Teilhabe Gesellschaft mitzuprägen. Wie kann das für Jugendliche in Covid-19-Zeiten möglich sein?


Jugendliche brauchen Freiräume zur Ermöglichung von Selbstpositionierung

Bereits im 15. Kinder- und Jugendbericht ist kritisiert, dass der Schwerpunkt in den politischen Debatten und Weichenstellungen fast ausschließlich auf den Aspekt der Qualifizierung und, wenn überhaupt, ab und an noch auf die Verselbstständigung gerichtet sei, die Herausforderung der Selbstpositionierung aber kaum Beachtung finde (Deutscher Bundestag 2017). Es ist nach mehr als zwei Monaten im als „Lockdown“ bezeichneten gesellschaftlichen Corona-Krisen-Modus zu beobachten, dass diese Fokussierung sich in dramatischer Art und Weise verstärkt und die Interessen von jungen Menschen im Jugendalter dabei komplett aus dem Fokus geraten sind.

Das „Projekt Erwachsen-werden“ zu meistern, ist (noch) schwieriger geworden. In der Krise im Blick erscheint es auf jeden Fall nicht. Wie so oft wird die „Altersgruppe Jugend“ in den derzeitigen Entscheidungen nicht nur nicht beteiligt, sondern vor allem werden ihre Interessen weder berücksichtigt noch gehört. Mitunter fehlen in diesen so anderen, uns alle überraschenden Zeiten sogar die Stimmen, die ihre Interessen überhaupt artikulieren. Zugegeben gerade ein altersübergreifendes Phänomen: Denn auch die vielen älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen oder zuhause fragt niemand, wie sie sich ihr Leben eigentlich derzeit vorstellen und wie ihre Ideen des Zusammenlebens zwischen den Parametern Schutz und Freiheit in dieser Pandemie aussähen.

Es erscheint menschenrechtlich fragwürdig, auf jeden Fall aber unverständlich, wenn in dieser Zeit, in der in allen Altersgruppen viele Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen vor große psychische Herausforderungen gestellt sind, bei den Entscheidungen für die Jugendphase der Fokus ausschließlich auf die Qualifizierung gelegt wird.

 

Einige Beispiele, die diese Gedanken konkretisieren, seien aufgeführt:

·        Die zeitliche Staffelung der Schulöffnungen orientiert sich ausschließlich daran, wer gerade besondere Leistungen vollbringen soll: „Abschlussjahrgänge“, die, als sei nichts gewesen, Prüfungen schreiben sollen, bitte zuerst. Wer von uns Erwachsenen, wer von den Entscheider*innen in den Kultusbehörden möchte unter den derzeitigen Bedingungen seine für die Berufseinmündungsphase so wichtigen Schulabschlussprüfungen schreiben? Hochschulen haben bereits an vielen Orten ihre Prüfungsordnungen flexibilisiert, bieten „Nullversuche“ an. Das heißt: Studierende können die Prüfungen versuchen; wenn sie nicht bestehen, wird dies nicht als Fehlversuch gewertet. Schüler*innen aber müssen ihre Prüfungen schreiben, als sei nichts gewesen. Ihnen wird weder die Wahl noch eine Alternative angeboten.

·        In den Schulöffnungen der Bundesländer folgen dann als nächstes die Viertklässler*innen, wohl damit bei der Einsortierung in Schullaufbahnen bloß nichts schiefläuft. Das weitere Öffnungsszenario orientiert sich daran, wer nach Meinung Erwachsener am besten zuhause lernen könne: Das seien die Jugendlichen! Deshalb bleiben sie, weitestgehend auf sich allein gestellt mit einer Fülle schulischen Lernstoffs, am längsten zu Hause. Sie sind es damit, die ihre Freund*innen am längsten nicht sehen dürfen. Und das, obwohl wir aus der Jugendforschung wissen, wie wichtig die Begegnungen mit Gleichaltrigen am Ort Schule gerade in dieser Altersgruppe sind. Wie soll da Verselbstständigung und Selbstpositionierung gelingen? Diese Frage spielt in den Debatten erkennbar keine Rolle.

[…]

Die Öffnung von Schulen, der Blick auf die Optionen, einen möglichst guten Schulabschluss zu erreichen, sind Überlegungen, die ihre Berechtigung haben. Denn natürlich: Qualifizierung ist eine der drei Kernherausforderungen des Jugendalters – und sie entscheidet über weitere Lebenswege. Bitter – nein katastrophal ist aber, dass die Überlegungen einzig und allein an dieser Stelle stehen bleiben: Was ist mit den Optionen für die Verselbstständigung? Was mit den Optionen zur Selbstpositionierung? Sind sie nicht mindestens so wichtig, weil auf ihrem Weg der Entwicklung Selbstsicherheit, Stärke in der Gemeinschaft, stützender Austausch mit anderen stattfinden kann? Die Jugendpsychologie wie Hirnforschung zeigt uns auf, dass es in der Jugendphase (insbesondere im gerade weltweiten Krisenmodus) für das Aufwachsen wichtigere Dinge gibt, als ein sich gerade komplett umbildendes Gehirn mit vermeintlich notwendigem Wissen zu füllen. Nicht nur aus Kinder- und Jugendschutzaspekten ist es fatal, junge Menschen nahezu komplett in private Räume zurückzudrängen und als einziges Licht am Ende des Tunnels an die Öffnung von Schulen zu denken. Jugendliche benötigen Menschen, die sie (auch psychisch) unterstützen können. Was Jugendliche in dieser Situation am wenigsten gebrauchen können, dürfte Leistungsdruck durch Homeschooling sein.


Mediale Blicke auf Jugendliche

Der mediale und öffentliche Blick auf Jugendliche wird ihrer Rolle und ihrem Engagement selbst in gewöhnlichen Zeiten meistens wenig gerecht, fokussiert häufig auf Randerscheinungen, Delinquenz oder Extremismus. Eine erfreuliche Wendung zeichnete sich dank „Fridays-for-Future“ zumindest in Teilen ab. Derzeit ist ein „Rollback“ zu beobachten: Kinder werden im ARD-Brennpunkt als „Virenschleudern“ bezeichnet, Jugendliche in den Printmedien und den Nachrichtenportalen als unverantwortlich handelnde Gruppe vorgeführt, die „Corona-Partys“ oder „Geburtstage mit Lagerfeuer“ feiere und sich in großen Gruppen an abgelegenen Plätzen treffe. […]

Das „Opfer“, welches diese Altersgruppe gerade bringt, wird in den medialen Inszenierungen so gut wie nicht thematisiert. Es ist ihr Auftrag, sich von Eltern zu lösen, sich in der Gesellschaft neu zu positionieren. Dazu brauchen sie Peers, dazu brauchen sie reale Orte, an denen sie sich treffen können, dazu brauchen sie die Option, sich außerhalb (enger) familiärer Wohnflächen bewegen zu können. Diese Option ist ihnen genommen: „Bleibt zuhause. Stay Home.“ lautet das Credo auch für diese Altersgruppe. Möglichkeiten, ihren eigenen Weg als junge Menschen autonom und gemeinsam mit Gleichaltrigen zu finden, sind ihnen ohne erkennbare Aussicht auf Veränderung für lange Zeit genommen.

 

Manifestierung sozialer Unterschiede in der Jugendphase

[…] Die Unterschiede der sozialen Lagen und der damit verbundenen Chancen und Risiken verschärfen sich für junge Menschen gerade enorm. Nicht erst seit dem 15. Kinder- und Jugendbericht wissen wir, dass die Jugendphase entscheidend für die mögliche Aufstellung im weiteren Leben ist, dass sich nicht wieder einholbare Entwicklungen vollziehen, die „Schere“ auseinandergeht. Dies verstärkt sich in Corona-Zeiten. Die einen leben in finanziell gut aufgestellten Elternhäusern, mit eigenen, den aktuellen Standards entsprechenden digitalen Endgeräten, haben neben ihrem eigenen Zimmer im familiären Haushalt auch andere Orte des Aufenthalts ohne ständige erwachsene Störungen zur Verfügung, im Garten, in der Werkstatt oder dem Hobbyraum – und dazu die Möglichkeit, mit Hilfe der gut gedeckten Kreditkarten der Eltern alles das bestellen zu lassen, was man in diesen Zeiten zuhause benötigt, um trotzdem irgendwie „angenehm“ leben zu können. Die anderen können davon nur träumen: Sie teilen die ohnehin zu kleine Wohnung oder den engen Raum in der Flüchtlingsunterkunft mit zahlreichen Familienmitgliedern, der Bolzplatz oder Basketballkorb vor dem Hochhaus ist gesperrt, die jüngeren Geschwister sind nicht betreut, die Eltern überfordert, das Geld lange vor der nächsten eingehenden Zahlung aufgebraucht, das W-LAN gar nicht erst vorhanden, ein Elternteil erkrankt.

Dennoch wird in Corona-Zeiten politisch wieder verstärkt so getan, als hätten alle jungen Menschen gleiche Startchancen und Gelingensbedingungen. Dass die Schließung der Jugendzentren und des Fußballfeldes für die einen jungen Menschen eine ganz andere Bedeutung hat als für andere, bleibt außen vor. In diesen Zeiten erscheint es doppelt schwierig, dass Entscheider*innen sich kaum vorstellen können, wie es ist, so zu leben wie zuletzt skizziert. Viele Jugendliche in Deutschland wissen das dagegen sehr genau.

Als besonders entwürdigend ist zu bewerten, dass in den ersten Tagen der Kontaktsperren und des „Lockdown“ auch Anlaufstellen für obdachlose junge Menschen geschlossen wurden. Junge Menschen mit Beeinträchtigungen wurden ohne ihre Schulbegleitungen von heute auf morgen in das Home-Schooling geschickt. Viele, viele Fragen sind hier weiter ungeklärt, zahlreiche Bedarfe unberücksichtigt.

[…]

Digitale Welten sind nicht alles

Eine interessante Beobachtung ist weiterhin, dass einiges, was „früher“ vor dem „Lockdown“ als schlecht galt, nun zum Qualitätsmerkmal wird. Das mediale Nutzungsverhalten junger Menschen wurde bisher überwiegend problematisiert. […] Könnte nicht wenigstens hier der Blick gewendet werden und Jugendlichen als Teil unserer Gesellschaft zugestanden werden, dass sie das, was wir jetzt plötzlich alle brauchen, schon lange vorgemacht haben?

[…]

Quintessenz: Was also könnte zu tun sein?

Etwas sarkastisch betrachtet sollte vielleicht allen religiösen Jugendeinrichtungen und Jugendverbänden geraten werden, ihre Treffen jetzt als Gottesdienste oder Freitagsgebete zu titulieren und in Kirchen oder Moscheen stattfinden zu lassen. Je nach Bundesland dürften dann eine Menge Jugendlicher zusammenkommen und von den vereinzelt stehenden Stühlen miteinander in Kontakt treten. Jugendliche haben laute Stimmen, das würde ihnen bestimmt gelingen.

Den sportlich orientierten Angeboten in Jugendverbänden und der offenen Arbeit sollte geraten werden, sich als bundesliga-reif neu zu erfinden, dann ist ein regelmäßiges Treffen und Spaßhaben mit viel Bewegung wahrscheinlich schon sehr bald wieder möglich. Trainiert werden dürfte schon jetzt in Kleingruppen. Corona-Teststreifen ständen auch genügend zur Verfügung. Vor allem würden die Medien und die politischen Vertreter*innen sich dann sehr intensiv mit ihren Interessen beschäftigen, auf Videoschalten über ihre Anliegen beraten und auf Pressekonferenzen über sie berichten. Und TV-Sender würden noch dafür bezahlen.

[…]

Wer aufgrund der zum Teil zugespitzten Formulierungen nun den Vorwurf formulieren möchte, dass die Pandemie-Situation nicht ernst genommen werde, dem sei erwidert: Doch, das wird sie! Es ist und bleibt oberstes Ziel, diese Zeiten ohne den Verlust vieler Menschenleben in gegenseitiger Verantwortung zu gestalten und zu durchleben. Aber genau aus diesem Grund ist es wichtig zu verdeutlichen, dass viele Jugendliche – und vielleicht gerade sie – einen immensen Verzicht leisten. Sie verzichten auf ihr „Recht auf Jugend“ – oder besser: sie werden dazu gezwungen. Zeitgleich engagieren sie sich zahlreich bei der Hilfe in den eigenen Familien und für andere Menschen. Das verdient es in den „Öffnungsorgien“ bzw. in den sachlichen Debatten und den ernsthaften Versuchen der politisch Verantwortlichen, die Welt für alle „gut“ zu gestalten, zu sehen und mitzudenken. Jugendliche verzichten in einer für sie so wichtigen, kurzen Lebensphase auf Dinge, die ihnen nie jemand wird zurückgeben können. Im Kleinen jeden Tag, aber auch im Großen: Abibälle oder andere Schulabschlussfeiern, 18. Geburtstage, Konfirmationen mit vielen Gästen, selbst mit geplante Jugendverbandslager, die ausgespielte Meisterschaft mit der gerade in dieser Saison so guten eigenen Mannschaft, das lang vorbereitete Theaterstück, die Tanzaufführung oder der erste eigene Bandauftritt. Dinge, die wir Erwachsenen heute noch rückblickend mit ganz besonderen Erinnerungen verbinden. Die jungen Menschen leisten diesen Verzicht weitestgehend, ohne zu revoltieren. Das mindeste, was wir ihnen zu bieten haben, sollte unsere (auch mediale) Anerkennung dafür sein. In den Plänen der politisch Verantwortlichen muss endlich deutlich werden, welche Wege sie planen, um baldmöglichst für alle Jugendlichen wieder Freiräume zu ermöglichen!

[…]

Nicht nur für Eltern (insbesondere Mütter) mit Kleinkindern und isolierte Senioren*innen fehlt die Perspektive, sie fehlt auch für die Jugendlichen! Wir müssen uns alle gemeinsam dafür einsetzen, diese schnell wieder zu ermöglichen! […]

Quellen: Deutscher Bundestag (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.

[…]

Der komplette Text ist auf dem Jugendhilfeportal zu lesen unter: https://www.jugendhilfeportal.de/politik/kinder-und-jugendpolitik/artikel/wie-perspektiven-junger-menschen-in-corona-zeiten-aus-dem-oeffentlichen-blick-entschwinden/

 

Gunda Voigts, Professorin an der HAW Hamburg  

Kontakt: gunda.voigts(@)haw-hamburg.de

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1527189 2020-04-04T15:40:44Z 2020-04-04T15:56:34Z Corona-Partys von Jugendlichen. Kritische (Zwischendurch-)Gedanken zum Generationsverhältnis in Zeiten der Pandemie

Am 21.3.2020 titelt „merkur.de“ in dramatischem Duktus: „Gefährlicher Jugendtrend Corona-Partys: Söder schockiert - Polizei in Bayern greift durch“. Im nachfolgenden Artikel wird vermeldet: “Die Polizei hat in Nürnberg und Schwabach zwei sogenannte Corona-Partys beendet. Rund 100 junge Menschen hatten sich am Montagabend (16. März) in einem Nürnberger Stadtpark zum Feiern getroffen. Dabei hatte die Gruppe auch eine mit Generatoren betriebene Musik- und Lichtanlage, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. [...] In Schwabach trafen sich 50 Jugendliche in einem Skater-Park und feierten den Angaben nach ebenfalls lautstark mit einer mitgebrachten Musikanlage. Offenbar hatten sich die jungen Leute über soziale Medien zu der Feier verabredet. Beamte stellten die Anlage sicher und erteilten Platzverweise. [...] Auch Bayerns Ministerpräsident appellierte auf einer Pressekonferenz an die Jugendlichen: „Wir haben Nachrichten bekommen, dass es Corona-Partys gibt bei Jugendlichen“, erzählte Markus Söder. Die Polizei würde solche Aktionen beenden, wie er weiter erklärte. Man könne Eltern und Großeltern anstecken, „wer möchte denn dafür verantwortlich sein?“, fragt Söder.

In kürzester Zeit hat sich ein neues Wort verbreitet, das sogar schon einen Eintrag bei Wikipedia hat. Es ist – wie schon die sog. Masernpartys –  mit Blauäugigkeit und Verantwortungslosigkeit assoziiert und mit hohem Aufregungspotential aufgeladen: Während das Land um sein gesundheitliches Überleben ringt und die Bevölkerung in isolierende Klausur geschickt worden ist, gibt es Menschen, die sich den staatlichen Verhaltensauflagen verweigern und gemeinsam eine schöne Zeit machen. Und diese Menschen sind vor allem Jugendliche, glaubt man den Medien. Meldungen zu subversiven Partys kursieren in diversen lokalen Varianten im Netz. Die meisten erzählen von Jugendlichen, die sich nach dem Beginn der allgemeinen Schulschließungen zum fröhlichen Beisammensein an öffentlichen Plätzen trafen, statt wie erwünscht zuhause zu bleiben. In Windeseile formiert sich damit eine Problemfigur als Wahrheit in unser aller Köpfe, die als solche nicht mehr kritisch befragbar ist. Es sind Jugendliche, die erstens den Ernst der Lage nicht erkennen und sich überschätzen, zweitens rebellieren und drittens unser aller Untergang provozieren.

Alle Konstrukte sind vermutlich genau deshalb öffentlich so konsensfähig, weil sie wohlbekannte und uralte Narrative zur jungen Generation mobilisieren. Nicht erst seit der Corona-Krise gibt es schließlich die Klagen der Erwachsenengesellschaft über Jugendliche, die zu einfältig sind und Unterweisung durch wissensüberlegene Erwachsene brauchen – eine Idee, die die Schulpflicht hervorbrachte. Auch das Klagen über jugendliche Rebellion ist ein Kontinuum des Generationsverhältnisses. Schon Sokrates schimpfte in der griechischen Antike: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Aus den aktuellen Meldungen zu den jugendlichen Corona-Partys springen uns alle diese Vorwürfe genau wieder an – ausgenommen die der Tyrannisierung der Lehrkräfte, die angesichts der Schulschließungen ausfällt.   

Was das Bild von den Jugendlichen betrifft, die die Ausbreitung der Seuche durch ihr Verhalten verstärken und damit die gesellschaftliche Zukunft gefährden, so aktualisiert auch dieses ein etabliertes Narrativ – das der Kinder und Jugendlichen, die sich fehlentwickeln, was gesellschaftliche Untergangsszenarien provoziert. Es tritt uns derzeit entgegen in den Alarmmeldungen zu den steigenden Gewichtsraten der Kinder und Jugendlichen, ihrer ungesunden Ernährung, ihren motorischen Kompetenzverschlechterungen, ihrem Medienkonsum, ihrer Handy- und Selfie-Sucht oder ihren Ohrstöpseln, aus denen zu laute Musik kommt. Zu anderen Zeiten war es ihr Sexualverhalten, ihr Drogenkonsum oder ihre, durch Goethes „Werther“ ausgelöste Suizid-Neigung, die Anlass zu gesellschaftlicher Sorge gaben.   

So populär die Bilder der feiernden Jugendlichen sind, so vage ist jedoch ihre empirische Grundlage.  Denn solide Zahlen zu den Corona-Partys werden nie vorgelegt, sondern ausschließlich episodische ‚Beweise‘ von lokalen Ereignissen. Niemand weiß letztlich, wo wie viele Jugendliche wie viele Corona-Partys wie lange gefeiert haben. Und niemand sagt etwas dazu, welche weiteren Verstöße gegen die Kontaktsperre von wem in welchem Umfang im gleichen Zeitraum noch stattgefunden haben. Dass so zahlreich von feiernden Jugendlichen berichtet wird, heißt schließlich noch lange nicht, dass es tatsächlich vor allem diese Altersgruppe ist, die sich über die Auflagen hinwegsetzt. Und es sagt uns auch überhaupt nichts über das tatsächliche quantitative Ausmaß. Es ist nichts Neues: Viel Berichterstattung vergrößert soziale Phänomene automatisch in unseren Köpfen und vernebelt den realistischen Blick.   

Im Netz wird genau dieses stellenweise auch problematisiert. So machten sich Reporter*innen bei zuständigen Behörden auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie viele Corona-Partys es denn nun wirklich gab. Am Ende mussten sie feststellen, dass alles „überraschend unklar“ ist und es viel Hörensagen, aber „wenige dokumentierte Fälle“ gibt: „Dort, wo Partys dokumentiert sind, fanden sie oft [... ] statt [... ] bevor Verfügungen und Verordnungen verkündet wurden und kurz nachdem Schulen geschlossen wurden.“  

Die Berichte zu Corona-Party-feiernden Jugendlichen erzählen uns also genau genommen sehr viel mehr zu sozialen Konstrukten des Generationenverhältnisses als zu den tatsächlichen jugendkulturellen Praktiken. Sie erzählen uns zudem ganz viel dazu, wie Gesellschaften versuchen Krisen zu bewältigen – nämlich offenbar über die Suche nach Schuldigen, die für das Unglück haftbar gemacht werden können. Es ist eine immer wiederkehrende Form, Ängste vor einer wenig greifbaren und unverständlichen Bedrohung zu verarbeiten. Im Mittelalter wurden jüdische Menschen für die Pest verantwortlich gemacht: Ihnen wurde unterstellt, aus die Brunnen vergiftet zu haben, die die Krankheit brachten. Später wurde immer wieder Menschen aus anderen Ländern vorgeworfen, Träger*innen von Krankheiten zu sein, die sie einschleppen würden.

Es ist alltäglich, normal und legitim geworden, Gruppen und sogar einzelne Personen – wenn auch ohne Namen, so doch vermutlich identifizierbar – öffentlich zu benennen, die durch ihr vermeintliches Fehlverhalten für Ansteckungen gesorgt haben. Was zunächst noch vorzugsweise Jugendliche betraf, flottiert als latente oder auch offene Stigmatisierungsmaschinerie weiter. Am Pranger stehen Ski-Tourist*innen aus Tirol, Bar-Betreibende, religiöse Gruppen oder auch einzelne Personen, die Regeln nicht eingehalten haben, und jederzeit können neue dazu kommen. Schon fast vergessen ist, dass es zu Jahresbeginn noch asiatisch gelesene und markierte Menschen traf, von denen man befürchtete, dass sie die Infektion nach Europa bringen würden oder schon längst gebracht hätten. Fest verankert ist auch längst das ‚(Halb-)Wissen‘ um den initialen Ursprungsherd der Pandemie: ein Markt in China, auf dem das Virus von einem Gürteltier auf den Menschen übersprang – ein Narrativ mit rassistischen Zügen, das vom sowieso schon vorhandenen europäischen Ekel vor Kulturen genährt wird, in denen Tiere gegessen werden, die für den europäischen Speiseplan verpönt sind.  

In Zeiten von Corona greifen also Denunziationsreflexe um sich, die längst nicht mehr allein Jugendliche treffen. Voller Begeisterung ist allenthalben von den neuen spontanen Formen gesellschaftlicher Solidarität zu lesen und zu hören, die die Krise hervorbringt. Kollektives oder individuelles Fehlverhalten medial voyeuristisch auszubreiten und ketzerische Stimmungen damit anzufachen, tut das Gegenteil. Es polarisiert und entsolidarisiert – und es hilft bei der Bewältigung der Krise in keinster Weise, außer dass wir eine Zielscheibe für das Abreagieren von Missstimmung und Angst haben. Aber im nächsten Moment können wir selbst zur Zielscheibe werden. 

Der anonyme digitale Raum macht polarisierend-diskriminierenden Sprech‘s dieser Art salonfähig. So kommentiert die digitale Polizeiflotte Nordrhein-Westphalens am 01.04.2020 einen ihrer täglichen Arbeitseinsätze im Twitter-Account: „Noch immer nicht kapiert: Junge Leute trafen sich Dienstagabend auf einem Schulhof […] zu einer sogenannten #Coronaparty. Sechs von ihnen im Alter von 17 b. 20 J. kommt das teuer zu stehen. Sie bekommen eine Strafanzeige. Dem Rest gelang die Flucht.“ Im restriktiv-autoritären Duktus wird hier vom Kampf zwischen Staatsgewalt und Jugendlichen erzählt – Jugendlichen, die dumm sind, Verbotenes tun und sich dann auch noch der legitimen Strafe  durch „Flucht“ entziehen. Dies lädt wiederum ein zu meterlangen Kommentarspalten, in denen junge Menschen zum Sündenbock der Corona-Pandemie verklärt werden. Der Fluchtbegriff bekommt hier eine neue geschmacklose Note. Er vermischt Diskurse, lenkt davon ab, dass menschenfreundliche und kosmopolitische Entscheidungen im Umgang mit Geflüchteten weltweit, insbesondere am Mittelmeerraum, seit Langem ausstehen und eine politische Diskussion um Flucht und Corona nur marginal oder dem Deckmantel der Eigengefährdung stattfindet. Jugendliche mit Fluchtgeschichten spielen in diesem Kontext kaum eine Rolle.

Fragt sich die Mehrheitsgesellschaft eigentlich überhaupt, wie Jugendliche die derzeitigen Entwicklungen unserer Gesellschaft sehen und spricht einer mit ihnen darüber? Medienformate wie die täglichen Seifenopern tun so, als würde die Gesellschaft so weiterlaufen wie bisher. Aber sie tut es ja nicht! Für Erwachsene, aber auch Jugendliche ist alles auf den Kopf gestellt.

Vielleicht rücken die öffentlichen Reden zu den jugendlichen Corona-Partys auch schlicht das Jugend-Narrativ der Erwachsenengesellschaft wieder zurecht, das für kurze Zeit durch Fridays for Future durcheinandergeraten schien. Denn über viele Monate wurde eine junge Schwedin in der Erwachsenenwelt als ökologische Heilsbringerin gefeiert und die Schüler*innen-Protestbewegung als Ausdruck einer neuen politisierten Jugend begrüßt, nachdem über Jahre hinweg immer nur voller Sorge über die unpolitische Jugend lamentiert worden war. Aber auch diese Idealisierung der Jugend blieb gebrochen. Noch gut in Erinnerung sind die süffisanten Sprüche aus der Erwachsenenwelt, Schüler*innen sollten protestieren, wenn keine Schule ist, und die Lösung der ökologischen Probleme besser den Experten überlassen. Besonders tat sich Christian Lindner dabei hervor: So schrieb er am 30. November 2019: „Liebe Luisa Neubauer, sind SIE eigentlich irgendwie legitimiert oder gewählt? Wie läuft das in so einer Bewegung? Welchen Einfluss hat die Schülerin am Freitag auf einer Demo auf das, was sie im Fernsehen sagen? Bei mir ist das klar.“

Solche schulmeisterlichen Bemerkungen stellen die hegemoniale Generationen- und Politikordnung – vielleicht auch Geschlechterordnung – wieder her: Nur die parlamentarischen Politikpraxen der – männlichen – Erwachsenen sind die korrekten. Jugendliches Politik-Engagement wird demgegenüber als überengagiert, selbstsüchtig, formal ungeordnet und damit illegitim abgewertet. Da kommt es diskurspolitisch vielleicht gut zupass, wenn mit den Bildern der Corona-Partys die Verunglimpfung von Jugendlichen weiter geführt werden und die Held*innen der Umweltbewegung, die den Erwachsenen gerade noch die Leviten gelesen haben, zunichte gemacht werden durch die Bilder einer ungehorsamen, exzessiv-genusssüchtigen Jugend.

Wie erfolgreich die generationelle Machthierarchie derzeit (re)stabilisiert wird, dazu legt auch die öffentliche Verhandlung zur bundesweiten Schließung von Schulen ein beredtes Zeugnis ab. Als die Schulen ihre Tore schlossen, gingen die Schüler*innen nicht nach Hause, um dort zu lernen, sondern sie strömten in die Parks um zu feiern – so wird es zumindest kolportiert. Frei nach dem Motto: Wenn Schüler*innen ‚freigelassen‘ werden, führt dies über gähnende Leere zu jugendlichem ‚Bockmist‘ – nämlich Corona-Partys. Junge Menschen bedürfen also doch der streng regulierenden Hand der Erwachsenen!

Abgelenkt wird damit vom gerade stattfindenden ‚Bockmist‘ der Schule: Das schulische Lernen muss weiter gehen, nur eben jetzt zu Hause und ohne Lehrkraft. Damit dies funktioniert, schnüren Lehrkräfte Hausaufgabenpakete für mehrere Wochen, die bestenfalls elektronisch versendet werden, manches Mal aber am Schultor abgeholt werden müssen. Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schüler*innen gibt es nicht mehr oder kaum. Schule mogelt sich wie eh und je in die Lebenswelten der Jugendlichen und verpasst dabei die Reflexion über ihr eigenes Unvermögen, Lernen längst anders als im traditionellen, autoritär strukturierten Unterrichtsformat zu organisieren – nämlich räumlich, zeitlich und individuell flexibel.

Im Gegenteil: Alles wird dafür getan, den herkömmlichen Modus schulischen Lernens trotz der Verlagerung in den häuslichen Raum aufrechtzuerhalten und Eltern zu Ersatzlehrkräften zu machen. Sie sollen feste ‚Schulzeiten‘ im Tagesablauf fixieren, darauf achten, dass die Aufträge der Schule erledigt werden und dabei helfen. Jugendliche können sich vor Homeschooling-Angeboten derzeit nicht retten, weil Erwachsene in ihren neuen Homeoffices in Fingerschnipp-Mentalität Aufgaben verteilen und zur unermüdlichen Leistungsfähigkeit animieren. Zahlreiche Tipps und Tricks zu Hausaufgabenhilfe und Prüfungsvorbereitungen – unter einer vermeintlich defizitären Lebensbewältigungsperspektive – kursieren im Netz und repräsentieren die eigentliche Erwartungshaltung an junge Menschen in Zeiten des heutigen Turbokapitalismus: Zeit muss sinnvoll verwertet werden, freie Zeit gibt es nicht, und selbstbestimmte oder gar sinnfreie Zeit schon gar nicht – auch nicht zu Zeiten von Corona!

Klar ist auch, dass schulisches Abprüfen und Bewerten weiter gehen muss. Ein Abitur darf auch in Zeiten von Corona nicht ohne das stressende Initiationsritual der Abi-Klausuren ‚geschenkt‘ werden, wie dies die Bildungsministerin Schleswig-Holsteins versuchte. Die größte schulische Sorge scheint aktuell zu sein, wie die unterrichtstechnisch anstehenden Klassenarbeiten noch zu schaffen sind, falls der Shutdown noch länger andauert. Die Deutungshoheit der Schule bei der Frage, was junge Menschen wann, wie und wo lernen und können müssen, steht ehern. Es ist also wie immer. Sprechen Erwachsene vom besinnlichen Innehalten und Entschleunigen in der temporeichen globalisierten Welt als Chance der Corona-Krise, werden junge Menschen unter Druck gesetzt, das Tempo zu halten und Unmögliches möglich zu machen. Warum ist es so schwer, endlich damit aufzuhören?!

Während vielfach die Corona-Krise genutzt wird, um Schwächen unseres Gesundheitswesens anzuprangern, bleibt schulische Bildung – auch hochschulische – bislang noch verschont von solcher Kritik. Was aktuell in peinlicher Weise nur zu deutlich wird, ist aber, dass Whiteboards herzlich wenig mit digitalisiertem Lernen zu tun haben, sondern nur Tafeln und Tageslichtprojekttoren modernisiert haben, um unverändert weiter traditionelle Unterrichtskonzepte zu fahren. Für und mit Schüler*innen innovative digitale Lern- und Interaktionsräume zu entwickeln und zu bespielen – und zwar als Standard und nicht als Behelf in Corona-Nöten – dazu gibt es noch keine Routinen. Dabei gibt es hierzu an so vielen Stellen längst Entwicklungen, die faszinierend vormachen, dass es bestens geht: Im Netz selbst wie auch in der Jugendarbeit oder der Arbeitswelt.  

Wir sehen: Die Corona-Pandemie bringt einiges an sozialen Verwerfungen. Sie fördert wie in einem Brennglas Provinzialitäten und Deprivationen einzelner gesellschaftlicher Institutionen zu Tage. Im Zentrum steht dabei aus der Sache heraus das Gesundheitswesen. Aber auch für die Bildungsinstitutionen wird mit einem Schlag als ein echtes Problem sichtbar, wie sehr sie ‚aus der Zeit gefallen‘ sind und den technologischen Entwicklungen hinterherhinken. Die ausgebliebene Digitalisierung des Lernens, die immer nur als nettes Luxus-Anliegen für Schulen verhandelt wurde, fällt ihr jetzt schmerzhaft auf die Füße, und sie schafft für Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte eine unerfreuliche Situation. Dies alles gilt im Prinzip auch für die Hochschulen.

Gleichzeitig sehen wir, dass einige der Polarisierungen und Konfrontationen, die gerade noch akut waren, ihr Zentrum verschoben haben. Gruppen und Protagonist*innen, die bis vor kurzem im Fokus standen, stehen es nicht mehr. Stattdessen gibt es neue relevante Differenzlinien. Im Zuge dessen ist Jugend plötzlich wieder eine triggernde Problemfigur, an der sich abgearbeitet wird. Dies hat wahrscheinlich sehr viel damit zu tun, dass die zentrale Institution zur Bändigung dieser sozialen Gruppe gerade auf existentielle Weise ihrer Gebräuche beraubt ist. Diese Situation ist offenbar dazu angetan, defizitäre und diskriminierende Bilder zu Jugendlichen – aus Angst? – zu beleben. Weil Jugendliche durch den Shutdown institutionellen und pädagogischen Lebens plötzlich losgelassen sind, erscheinen sie als besondere Risikogruppe.

Wir haben es selbst in der Hand, welchen Blick wir auf junge Menschen in unserer Gesellschaft haben (wollen). Schließt man sich den stereotypisierten Karikaturen an und projiziert man gesellschaftliche Ängste auf sie oder wendet man sich ihnen zu als Menschen, die auch Betroffene der Krise sind, sich in ihr arrangieren. Und noch was:  Vielleicht fragt man sie auch einfach mal selbst, wie sie die Sache so sehen!

Jennifer Hübner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alice-Salomon-Hochschule

Lotte Rose, Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences

 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1522893 2020-03-23T15:22:45Z 2020-03-25T12:09:30Z Besser gestern als heute: Digitale Kompetenzen in der (Lehre der) Sozialen Arbeit während der Corona-Krise

Bettina Radeiski und Michelle Mittmann blicken auf digitale Herausforderungen zu Zeiten der Corona-Krise, wie sie im Netz diskutiert und an Hochschulen umgesetzt werden.

Die Ausbreitung des Coronavirus/COVID-19 schränkt uns ein und verpflichtet uns zur räumlichen Distanz. Dass vor etwa einer Woche bundesweit Hochschulen geschlossen wurden, ist unter Berücksichtigung der rasanten Verbreitung des Virus nur logisch und zu begrüßen gewesen. Diese Entscheidung bringt nun allerdings Herausforderungen mit sich, die von Einzelnen nur mit größten Anstrengungen zu bewältigen sind. Schließlich stehen SozialarbeiterInnen und Lehrende gerade vor der Herausforderung, „mal eben so“ auf digitale Formate umzusteigen, häufig, ohne auf Erfahrungen zurückgreifen zu können.

In Social Media lässt sich beobachten, dass das Engagement zur Kollaboration im Netz bereits besonders groß und extrem dynamisch ist. Da helfen SozialarbeiterInnen einander in Gruppen, indem sie kollegiale Beratung anbieten. Sie unterstützen Initiativen wie die #NachbarschaftsChallenge und stellen kostenfreies Bildmaterial für Flyer, Aushänge und Handzettel zur Verfügung. Und eine Linksammlung nach der nächsten vermehrt das Schwarmwissen um kostenlose und praktische Tools. Dabei reichen die Tipps von der Herstellung von Online-Konferenzen über Online-Lehr-Lern-Arrangements bis hin zum „Corona-Home-Office-Guide“. Auch die Bundesregierung wusste diesen Tatendrang für sich zu nutzen: Am 20.03.2020 startete ein 48 Stunden andauernder Hackathon, bei dem sich die TeilnehmerInnen online engagierten und Lösungsansätze für gesellschaftlich relevante Fragestellungen mit Blick auf die Corona-Krise entwickelten.

Geht es um die Organisation von Hilfen für AdressatInnen bzw. Formen adäquater Zusammenarbeit, erfahren Facebook-Gruppen der Sozialen Arbeit zwecks Austausch untereinander großen Zuspruch. Auch Verbände und Organisationen wie die Caritas verweisen derzeit auf ihre digitalen Kompetenzen. Zurzeit wirbt sie mit der Aufforderung „Bleib zuhause, aber bleib gut beraten“ für das eigene Online-Beratungsangebot. Das Deutsche Rote Kreuz vermeldet auf Twitter einen rasanten Anstieg der Klickzahlen auf eigenen Sonderseiten rund ums Thema Home Office.

Ähnliches lässt sich in der Hochschullehre beobachten. Um in Studiengängen der Sozialen Arbeit den Studierenden auch im Sommersemester 2020 den erfolgreichen Abschluss von Modulen und Prüfungen zu ermöglichen, ist es notwendig, dass die Lehre kurzfristig an diese Situation angepasst und auf digitale Formate (synchrone wie asynchrone) umgestiegen wird. Ideen und gemeinsame Lösungen werden auf diversen E-Learning- und Kommunikationsplattformen ausgetauscht. Dort können KollegInnen zusammen mit den ExpertInnen des „Digitalen Lehrens und Lernens“ über ihre Erfahrungen mit der Online-Lehre sprechen, Fragen stellen und good practices teilen.

Das Studieren in räumlicher Distanz zum Hochschulgebäude und wahrscheinlich auch in räumlicher Distanz zur Praxis auf einen längeren und unbestimmten Zeitraum erscheint trotz des hohen Engagements surreal. Aufgrund der grundsätzlich anderen Lehr- und Lernformen werden sich vermutlich nicht nur die Art und Weise der Kommunikation, sondern auch die geplanten Seminarinhalte verändern. Dies betrifft insbesondere Seminare, in denen Gruppenarbeiten oder das Seminargespräch, also der Austausch von Argumenten, das Reflektieren eigener und anderer Standpunkte im Vordergrund standen. Gewohnte Lernatmosphären verändern sich, Bibliotheken und Schreibwerkstätten haben geschlossen. Und auch der Alltag – sei es mit oder ohne Kind – bekommt eine andere Struktur. Auf der anderen Seite geraten nun ganz neue Formate wie Podcasts oder Live-Chats in den Blick, auch sie werfen neue Fragen der Didaktik auf. Inwieweit digitale Lehr- und Lernformate neue Kompetenzen und eine neue Form des Wissenserwerbs einfordern und auf diese Weise fördern, wird sich zeigen. Das nun begonnene Sommersemester als „Nichtsemester“ zu deklarieren und Lehrenden wie Studierenden damit Zeit und Raum zu geben, sich auf neue Formate einzulassen, wäre aus unserer Sicht sinnvoll. Es bleibt abzuwarten, was die Initiative der drei Kolleginnen, die sich dafür einsetzen, bewirkt.

Sowohl an Hochschulen als auch in Einrichtungen der Sozialen Arbeit ist zu erkennen, dass digitale Kompetenzen breit gestreut sind und werden. Leider gibt es dennoch keine „digitale eierlegende Wollmilchsau“. Niemand vereint alle guten Ideen in einer Person oder in einer Einrichtung. Für den Moment (vermutlich auch noch in den nächsten Jahren) wäre es wichtig, in Fragen digitaler Kompetenzen zusammenzuarbeiten und einander zu ergänzen – #digitalsolidarisch für die #digitaleSoA wenn man so will.

Michelle Mittmann, Social-Media-Beauftragte der DGSA, bietet daher an, einen neuen ExpertInnen-Pool mit digitalen Kompetenzen der Mitglieder zu erstellen. Hier haben sie nun die Möglichkeit, ihre digitalen Skills preiszugeben. Außerdem entsteht so die Möglichkeit an zentraler Stelle in Erfahrung zu bringen, an wen man sich im persönlichen Bedarfsfall wenden kann – auch abseits von Social Media.

Es ist zu vermuten, dass sich anhand der dann vorliegenden Liste ein bereits riesiger Wissens- und Erfahrungsschatz abzeichnen wird, der hoffentlich bald in der Gründung einer neuen Fachgruppe zum Thema Digitalisierung und Soziale Arbeit mündet.

 

Bettina Radeiski, Professorin an der HAW Hamburg

Michelle Mittmann, Social-Media-Beauftragte der DGSA

 


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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1504804 2020-01-31T12:51:42Z 2020-01-31T12:51:42Z Fachgruppe Alter: „Was machen die eigentlich?“

Es wird uns wohl niemand widersprechen: Die Lebenslagen im Alter sowie Herausforderungen und Potenziale des Alter(n)s gewinnen seit einigen Jahren auch fachspezifisch für die Soziale Arbeit in verschiedenen Handlungskontexten an Bedeutung. Was lag da näher als die Gründung einer Fachgruppe zu eben diesem Gegenstand in der DGSA? Nichts! Also hat sich im Rahmen der Jahrestagung der DGSA 2019 in Stuttgart die Fachgruppe „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s” gegründet. Der Titel vereint dabei zwei Perspektiven: Zum einen die Beschäftigung mit einer spezifischen Zielgruppe der Angebote der Sozialen Arbeit – nämlich ältere und alte Menschen – und zum anderen die Auseinandersetzung mit einer spezifischen Perspektive auf den Gegenstand Alter(n) – nämlich die der Profession und Disziplin Soziale Arbeit. 

Wir versuchen beide Aspekte zu berücksichtigen und haben folgende (erste) Inhalte und Themen für die Arbeit der Fachgruppe festgehalten:

-     Aufarbeiten des Spektrums der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s und der Diskurse zum Alter(n) in der (Alters-)Sozialpolitik und Sozialen Arbeit,

-     Formulierung der Herausforderungen für die Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s (u.a. auch politische Rahmenbedingungen),

-     (Weiter-)Entwicklung von professionstheoretischen Grundlagen für die Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s,

-     Herausarbeiten von Forschungsdesideraten und -fragen Sozialer Arbeit in Kontexten des Alter(n)s,

-     Aufarbeiten der Situation in der Lehre in BA-/MA-Studiengängen (in grundständigen/generalistischen Studiengängen Sozialer Arbeit sowie themenspezifischen Studiengängen Sozialer Arbeit und Gerontologie).

Kurz gesagt hat es sich die Fachgruppe „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s“ zur Aufgabe gemacht, Fragen der Sozialen Arbeit in Bezug auf das Alter(n) grundlegend und handlungsfeldübergreifend, aber originär in disziplinärer und professioneller Perspektive der Sozialen Arbeit zu thematisieren, kritisch zu reflektieren und zu bearbeiten. 

Als alle formalen Fragen geklärt waren, konnte die inhaltliche Arbeit beginnen: Dazu fand ein erstes Arbeitstreffen der Fachgruppe – eine mittlerweile rund 20 Personen umfassende, interdisziplinäre Gruppe von Tätigen in Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit mit unterschiedlichen Bezügen zum Thema Alter – im September 2019 in Kassel statt. Bei aller Heterogenität vereinte uns quasi die Frage: „Wie muss man den wissenschaftlichen Witz erzählen, damit die Pointe Soziale Arbeit ist?“ Welche Fragen müssen also im Kontext von Alter(n) gestellt werden, damit die Antwort „Soziale Arbeit“ ist? Klar ist, ein Bezug auf den Gegenstand Alter(n) findet bereits aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven statt. Und auch die Arbeit mit älteren und alten Menschen in verschiedenen Handlungsfeldern ist nicht rein der Sozialen Arbeit vorbehalten, sondern wird durch unterschiedliche Berufsgruppen geleistet. Da lässt sich doch fragen, was die spezifische Perspektive der Sozialen Arbeit eigentlich ausmacht. Nun könnte diese Frage einerseits normativ (was soll Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit zum Gegenstand beitragen?), andererseits deskriptiv gestellt werden (was leistet die Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit bereits?). Es geht also darum, die eigene Perspektive zu schärfen und von der der Nachbardisziplinen abzugrenzen. Wobei bereits die Metapher der Nachbarschaft eine inhaltliche und/oder methodische Nähe suggeriert, die wiederum die Frage nach Differenzierungskriterien aufwirft. Das bringt uns zum nächsten wichtigen Aspekt: Bei aller Schärfung des eigenen Blicks soll der Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und Berufsgruppen nicht vernachlässigt werden – zumal Soziale Arbeit in Disziplin und Profession ja auch explizit durch Transdisziplinarität und multiprofessionelle Kontexte gekennzeichnet ist. Klingt nach einer komplizierten Angelegenheit? Dass es das irgendwie auch ist, zeigte eine erste Diskussion um die Zusammenstellung einer Literaturliste: Was gehört auf eine solche Liste, sofern sie das Spezifische des Blicks der Sozialen Arbeit auf Kontexte des Alter(n)s sowie den aktuellen Forschungsstand wiedergeben soll? Und was sind dann adäquate Such-/ bzw. Recherchekriterien? 

So viele offene Fragen... Wie geht es nun weiter? Für die gemeinsame Jahrestagung der DGSA, OGSA und SGSA im April 2020 in Landshut hat die Fachgruppe ein erstes Panel mit dem Titel „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s: Ausgrenzungs- und Kohäsionsperspektiven“ eingereicht. In Bezug auf verschiedene Berufsfelder und -gruppen in der Altenhilfe soll kritisch reflektiert werden, mit welchen Ausgrenzungs- und Kohäsionserfahrungen die im Feld tätigen Akteur_innen konfrontiert sind sowie zu welchen Ausgrenzungs- und Kohäsionsprozessen ihr Handeln beitragen kann. Dafür werden aus aktuellen Promotionsprojekten die Erfahrungen und Deutungen von 1. Fachkräften Sozialer Arbeit, 2. Pflegekräften mit Migrationshintergrund und 3. Alltagsbegleiter_innen mit Behinderung vorgestellt und in ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit – in der multiprofessionellen Zusammenarbeit – diskutiert. Darüber hinaus ist in Zusammenarbeit der AG ‚Altern und Soziale Arbeit‘ (OGSA) und der FG ‚Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s‘ (DGSA) ein trinationales Panel entstanden. Unter dem Titel „Immer mehr Alte – Und jetzt? – Ein trinationaler Blick auf die Soziale Arbeit mit alten Menschen“ wird gefragt, welche Rolle die Soziale Arbeit in der Arbeit mit alten Menschen spielt und spielen kann. Dafür wird ein Blick auf die Spezifika der drei Länder Deutschland, Österreich und Schweiz gerichtet. In allen drei Ländern steigt der Anteil der ab 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung. Die gleichzeitige Unterversorgung in diversen Lebenslagen-Dimensionen stellt insbesondere die Daseinsvorsorge vor Herausforderungen. Das Panel soll genutzt werden, um mit den Kolleg_innen aus Österreich und der Schweiz in Kontakt zu kommen und Möglichkeiten gegenseitiger Lernprozesse zu diskutieren.

Auch unabhängig von der Jahrestagung in Landshut wird es in diesem Jahr wieder Gelegenheit zum Austausch rund um Fragen der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s geben: Das nächste Fachgruppentreffen findet am 19./20.06.2020 in Frankfurt a.M. statt.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, dazu zu kommen und die aufgeworfenen offenen Fragen, die sicher noch nicht abschließend gesammelt sind, zu diskutieren.

Eva Maria Löffler und Sabrina Reuther für die FG Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1502904 2020-01-26T16:20:13Z 2020-01-30T08:09:36Z Was ist die Wissenschaft Soziale Arbeit und seit wann gibt es sie?

Die Überschrift bildende Frage ist so simpel gestellt und doch kompliziert zu beantworten. Denn mindestens drei verschiedene Ebenen können herangezogen werden, wenn man diese Frage beantworten will. Eine wissenschaftstheoretische Antwort, eine strukturell-institutionelle Antwort sowie eine (wissenschafts)-politische Antwort. Und schnell merkt man, dass es nicht zwangsweise reicht, wenn eine zufriedenstellende Antwort auf nur einer Ebene gegeben wird. Also sortieren wir ein wenig.

Die wissenschaftstheoretische Antwort

Die wissenschaftstheoretisch fundierte Antwort auf die Frage, seit wann es die Wissenschaft Soziale Arbeit gibt, lautet: seit rund 100 Jahren und damit seit Beginn der institutionalisierten professionellen Ausbildung. Die Argumentation ist hier relativ einfach. Jede Wissenschaft braucht (1) eigene Theorien und diese müssen sich (2) auf einen abgrenzbaren Gegenstand beziehen. Lassen sich diese beiden Kriterien für die Wissenschaft Soziale Arbeit als erfüllt feststellen, muss man nur noch fragen, seit wann diese erfüllt werden.

Also: Mein Verständnis des Formalobjekts der Sozialen Arbeit lässt sich mit „Verhindern und Bewältigen von sozial problematisch angesehenen Lebenssituationen“ benennen. Damit bin ich nicht alleine. Es ließen sich jetzt eine zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aufzählen, die den Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser oder einer ähnlichen Weise definiert haben oder deren Definition bei genauerem Hinsehen, eben auch die genannten Komponenten enthält. Nehmen wir aber an dieser Stelle bewusst einen Vertreter, der der Propagierung einer eigenständigen Wissenschaft Soziale Arbeit eher unverdächtig ist, weil ihm aufgrund seiner disziplinären Herkunft (Erziehungswissenschaft/Pädagogik) und akademischen Verortung (Universität) keine Nebeninteressen unterstellt werden können.

Hans Thiersch schrieb in der Auflage von 1996 des Wörterbuch Soziale Arbeit: „Sozialarbeit hat zum Gegenstand Probleme der Unterprivilegierung, der fehlenden materiellen Ressourcen, also der Armut und der Unterstützung in belasteten, unterprivilegierten, ausgegrenzten Lebensverhältnissen. (...) Sozialpädagogik versteht sich als ein Moment der spezifisch neuzeitlichen gesellschaftlichen Reaktion auf die ,Entwicklungstatsache‘ (Bernfeld 1970). Sie zielt – begründet im besonderen Entwicklungs- und Lernstatus der Kinder – auf Hilfs-, Erziehungs- und Bildungsangebote für Kinder, Heranwachsende und ihre Familien in ihrem Lebensfeld und dabei zunächst auf kompensierende Angebote in belasteten Lebensverhältnissen. (...) Den Problemen angemessen ist allein die unterschiedliche Traditionen integrierende Handlungswissenschaft Soziale Arbeit“ (Thiersch 1996, 619f.).

Allein an diesem Zitat wird deutlich, dass der Gegenstand der Sozialen Arbeit eben nicht gleich dem der Erziehungswissenschaft, der Soziologie, der Psychologie, etc. ist, sondern etwas Eigenes abbildet. Damit ist der erste Schritt erfolgt. Bleibt die Frage, seit wann von dem Gegenstand der Sozialen Arbeit in dieser Art und Weise – Verhindern und Bewältigen sozial problematisch angesehener Problemlagen – und dessen wissenschaftlicher Bearbeitung gesprochen werden kann. Und da muss man auch nicht lange suchen. Schon die Pionierinnen der Sozialen Arbeit (Addams, Arlt, Richmond, Salomon, etc.) haben sich in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf Gegenstände bezogen, die dieser Kurzformel des abgrenzbaren Formalobjekts entsprechen. Und ja, dass waren wissenschaftliche Arbeiten. Wer dies nicht glaubt, sollte die Bücher der Pionierinnen einmal im Original lesen.

Die erste Antwort lautet also: Aus wissenschaftstheoretischer Sicht gibt es die Wissenschaft Soziale Arbeit seit gut 100 Jahren.

Die strukturell-institutionelle Antwort

Die strukturell-institutionelle Antwort hingegen lautet seit rund 30 bis 35 Jahren und damit seit Beginn eines neuen „Selbstbewusstseins“ Sozialer Arbeit an Fachhochschulen. Ausgangspunkt hierbei sind mit Sicherheit die „Empfehlungen zur Aufgabe und Strukturen der Fachhochschulen“ des Wissenschaftsrates von 1981. In diesen wurde der Forschungsauftrag der FHs nochmals betont. Für die Soziale Arbeit dauerte es noch ein wenig, bis sich dieses Selbstbewusstsein auch in konkrete inhaltliche Reformen und Forderungen niederschlug. Aber spätestens seit Mitte der 1990er hat sich Soziale Arbeit an den FHs von den Bezugswissenschaften zu emanzipieren begonnen und die eigenständige Formulierung einer Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft Soziale Arbeit erfolgte. Das war kein „Zwergenaufstand“, sondern die logische Fortführung eines Bedeutungswandels und neuer Aufgabengebiete der Fachhochschulen. Wo disziplinär geforscht wird, entwickelt sich eine Wissenschaft. 

Die zweite Antwort lautet also: Aus strukturell-institutioneller Sicht gibt es die Wissenschaft Soziale Arbeit seit gut 30 bis 35 Jahren. 

Die wissenschafts-politische Antwort 

Um die Frage, wann Soziale Arbeit auch wissenschafts-politisch anerkannt wurde und sie es deshalb „gibt“, zu beantworten, muss man zwei unterschiedliche Blickwinkel einnehmen. Zum einen gibt es die politischen Akteure, die die Rahmenbedingungen für Wissenschaft definieren. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, sind hier vor allem die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sowie die Kultusministerkonferenz (KMK) von Bedeutung. Zum anderen organisiert sich Wissenschaft auch selbst. Und diese Wissenschaftsorganisationen – seien es akademische Fachgesellschaften oder Forschungsförderorganisationen – machen auch Politik. Es wäre naiv zu glauben, dass alle Äußerungen, Stellungnahmen und Entscheidungen dieser Organisationen nach rein wissenschaftlichen Kriterien getroffen werden. Aus diesem Grund soll die wissenschafts-politische Antwort zweigeteilt sein.

Die (wissenschafts-)politische Antwort lautet: es gibt die Wissenschaft Soziale Arbeit seit dem 3.7. bzw. 11.10.2001. Es mag jetzt ein wenig überraschen, dass hier zwei konkrete Tage benannt werden. Aber dennoch: an diesen Tagen haben die HRK bzw. KMK die Wissenschaft Soziale Arbeit explizit als Fachwissenschaft und wissenschaftliche Grundlage für das Studium der Sozialen Arbeit anerkannt. Denn an diesen Tagen wurde die „Rahmenordnung für die Diplom-Prüfung im Studiengang Soziale Arbeit“ jeweils von der HRK und KMK verabschiedet.

In dieser heisst es: „Die Prüfungsgebiete folgen nicht der Gliederung der üblichen Wissenschaftsdisziplinen (Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Rechtswissenschaft usw.), sondern gehen davon aus, dass die heute der Sozialen Arbeit zugrunde liegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse/Theorien und Methoden unter dem Begriff einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit zusammengefasst werden können, auch wenn diese wissenschaftspolitisch nicht allseits anerkannt ist und sich noch nicht institutionalisiert hat.“ 

Eindeutiger kann man es nicht formulieren. 

Deshalb bleibt alleinig noch die wissenschafts-(politische) Antwort offen: Wann erkennen die wissenschaftlichen Selbstverwaltungsorganisationen – vor allem die DFG – die Wissenschaft Soziale Arbeit an? Und hier sieht es nicht so gut aus. Ein Antrag auf Aufnahme der Wissenschaft Soziale Arbeit in die DFG-Fächersystematik durch die DGSA wurde 2018 gestellt und abgelehnt. Das hat aber etwas mit strukturellen politischen Fragen zu tun und nicht mit wissenschaftstheoretischen.  Aber es bleibt zu konstatieren, dass eine Wissenschaft, die von der institutionellen Forschungsförderung zum großen Teil abgeschnitten ist, es schwierig hat, sich weiter zu entwickeln. 

Wissenschaft braucht Forschung(sförderung)! 

Aus diesem Grund hat der Vorstand der DGSA eine aktuelle Stellungnahme herausgegeben, in der die zentralen Forderungen zur Förderung von Forschung in der Sozialen Arbeit zusammengestellt sind und argumentativ begründet werden. 

Sie finden die Stellungnahme hier. Der Vorstand der DGSA freut sich, wenn diese möglichst weit verbreitet wird, wenn Sie mit politischen Entscheidungsträger*innen in Ländern und im Bund zum Thema Forschung sprechen. 


Prof. Dr. Stefan Borrmann

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1496481 2020-01-07T12:25:35Z 2020-01-07T19:02:31Z Lebens- und Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Sozialen Arbeit - Ergebnisse einer Online-Umfrage

Laufzeit der Umfrage: November 2018 bis April 2019

Mit der Gründung der „netzwerkAGsozialearbeit“ während der DGSA-Jahrestagung 2018 gibt es eine organisierte „Nachwuchs“-Gruppe, die lose an die DGSA angebunden ist.

Als Organisationsteam erschien es uns nur allzu nachvollziehbar, sich zuerst mit den eigenen Lebens-und Arbeitsbedingungen zu beschäftigen. Hierfür wurde von Fabian Fritz (HAW Hamburg) eine Online-Umfrage beim wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit durchgeführt. Die Umfrage verfolgte drei wesentliche Ziele. Sie sollte:

·       Informationen bzgl. der Beschäftigungsbedingungen der jungen Wissenschaft Sozialer Arbeit generieren und Transparenz schaffen,

·       Forschungsinteressen und Zukunftsperspektiven der jungen Wissenschaft erheben,

·       Verbesserungsvorschläge bündeln und kommunizieren, um somit zu Diskussionen innerhalb der jungen Netzwerke und darüber hinaus anzuregen.

Die Ergebnisse wurden auf der DGSA-Jahrestagung im April 2019 in Stuttgart vorgestellt. Eine ausführliche und kommentierte Publikation wird im entsprechenden Tagungsband erscheinen (voraussichtlicher Termin: Frühjahr 2020).

Zur Vorbereitung der trinationalen Tagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizer Gesellschaften für Soziale Arbeit (DGSA/OGSA/SGSA) an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut am 24./25. April 2020 möchten wir die wichtigsten Ergebnisse vorab zur Verfügung stellen.

Im Panel möchten wir die Lebens- und Arbeitsbedingungen „junger“ Wissenschaftler_innen Sozialer Arbeit und einen (möglichen) Protest diskutieren. Im akademischen Mittelbau ist Prekarität eher die Regel als die Ausnahme. Grund ist, dass die Hochschulsysteme in Österreich und Deutschland nur einer Minderheit der Wissenschaftler*innen eine existenzsichernde, verlässliche und planbare Perspektive bieten können. Inzwischen regen sich kontinuierlich Kritik und Widerstand gegen die aktuellen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das Panel schafft eine Übersicht und regt zur Diskussion an.

Der Blick auf die Ergebnisse unserer Umfrage zeigt, dass es u.a. kaum unbefristete Verträge gibt und nicht einmal der Hälfte in ihren Anstellungsverhältnissen Zeit zur Arbeit am eigenen Qualifikationsprojekt zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass nur ein Viertel über eine volle Stelle verfügt und über die Hälfte mehreren Arbeitsverträgen gleichzeitig nachkommt. Die Bedingungen spiegeln sich in einer ambivalenten Zufriedenheit der „Nachwuchs“-Wissenschaftler_innen wider. Diese und weitere Ergebnisse werden vorgestellt und diskutiert. Hier ist ein Poster mit der Zusammenfassung als PDF zu finden.

Aber wie nun weiter?

Nicht meckern, sondern Banden bilden. In einer Podiumsdiskussion soll in Landshut die Frage diskutiert werden, was die unterschiedlichen Beteiligten und Statusgruppen jeweils dazu beitragen können, sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für die Wissenschaftler*innen im sogenannten „Mittelbau” bzw. den „Nachwuchs“ einzusetzen. Gemeinsam mit Podiumsgästen und Plenum werden Ideen entwickelt und deren Ambivalenzen diskutiert. Hierbei sollen sowohl gewerkschaftliche als auch innerwissenschaftliche Perspektiven zu Wort kommen.

Wir laden alle Interessieren herzlich ein, sich unsere Ergebnisse anzuschauen, mit uns in Landshut oder über andere Kanäle in Diskussion zu treten und gemeinsam aktuelle Problemlagen anzugehen.

Wir freuen uns über Feedback, Nachfragen und eine angeregte Diskussion.

Kontakt

Zur Umfrage: f.fritz@haw-hamburg.de  

Zum Panel: f.fritz@haw-hamburg.de & julia.hille@hs-nordhausen.de

Zum Nachwuchsnetzwerk: netzwerkagsozialearbeit@gmail.com

 

Fabian Fritz (HAW Hamburg)

Julia Hille (HS Nordhausen)

Nils Klevermann (Universität Tübingen)

Eva Maria Löffler (Universität Kassel)

Vera Taube (FH Würzburg-Schweinfurt)

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1490365 2019-12-18T09:10:00Z 2019-12-18T09:13:16Z Und dazwischen - die Lücke: Bedeutung von Genderwissen in der Sozialen Arbeit

Wir sind auf dem Weg ins Feld, zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Fachbereichs Soziale Arbeit einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Wir wollen Kooperationspartnerinnen bei der Kreisverwaltung im ländlichen Raum interviewen. Es geht um die Frage: Wie kann die Öffentlichkeitsarbeit im Landkreis verbessert werden, um eine Sensibilisierung der Bevölkerung zum Thema Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer (60+) zu erreichen? Dort angekommen, haben wir noch etwas Zeit bis das Interview beginnt und stehen im Vorraum vor drei Regalen mit Flyern und Broschüren, von denen wir uns einige mitnehmen. Erst als wir ein paar Schritte zurücktreten, fällt uns auf: Das Regal links richtet sich an Frauen. Hier finden sich Informationen zu Mutterschaft, Elternzeit, Kindern, frauenspezifischen Krankheiten und zu Hilfeangeboten bei häuslicher und sexueller Gewalt. Das Regal rechts ist überschrieben mit „Informationen für unsere älteren Mitbürger“. Darunter finden sich Flyer und Broschüren zu Pflege, Wohnheimen, Freizeitangeboten und weiteren auf Rentner*innen bezogene Themen und Angebote. Dem Thema Sicherheit und Gewalt ist eine ganze Reihe gewidmet, aber beide Themen werden in diesem Material, das die Gruppe der Älteren mit Schrift und Bild explizit anspricht, nur im Kontext von unbekannten Täter*innen und Delikten wie z.B. Trickbetrug und Diebstahl thematisiert. Das Regal in der Mitte enthält allgemeine Informationen zum Landkreis.

Für uns ist das Arrangement dieser Regale wie ein Symbol für das Spannungsfeld, in dem wir uns mit unserem Forschungsthema bewegen: Alter und Partnergewalt - und dazwischen eine Lücke.

 

Nicht im Fokus: Gewalt in Paarbeziehungen Älterer (60+) 

Empirische Studien zeigen, dass jede vierte Frau von 16 bis 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt. Die Studien, die ältere Frauen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, zeigen, dass physische, psychische und sexuelle Gewalt in langjährigen Gewaltbeziehungen auch mit fortschreitendem Alter nicht endet bzw. auf Grund verschiedener Faktoren wie Verrentung, nachlassender Gesundheit und sozialer Isolation, von den Täter*innen ausgeübt und den Opfern erduldet wird. Zugleich ist die Gruppe der betroffenen älteren Frauen (und auch Männer) nur unzureichend über die Einrichtungen des Gewaltschutzes informiert und wird von diesen kaum erreicht. Und selbst wenn sie die Beratungsstellen kennen, fühlen sie sich oft nicht von den Angeboten angesprochen. „Ich weiß, dass es ein Frauenhaus gibt“ sagte uns eine ältere Gesprächspartnerin, „aber das ist doch nicht für uns! Das ist für jüngere Frauen mit Kindern“. Während Gewalt in der Pflege älterer Menschen seit den 2000er Jahren zunehmend enttabuisiert und skandalisiert wurde, steht die Problematik der Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer (60+) kaum im Bewusstsein der (Fach) Öffentlichkeit. Mit unserem Anliegen, für Gewalt in Paarbeziehungen älterer Frauen und Männer zu sensibilisieren, stoßen wir bei Gesprächspartner*innen oft zunächst auf Unkenntnis und manchmal auch auf Abwehr. Dass ältere Menschen „immer noch“ von Gewalt in der Paarbeziehung betroffen sein sollen, das können (oder wollen) sich viele nicht vorstellen. Es ist schlicht nicht im Fokus.

 

Geschlechtervergessenheit

Gewalt gegen ältere Menschen wird vor allem als Gefahr „von außen“ und durch Fremde wahrgenommen. Insbesondere die Polizei ist hier mit Information und Aufklärung sehr aktiv. Wenn Gewalt gegen Ältere im sozialen Nahraum thematisiert wird, dann meist im Kontext häuslicher oder stationärer Pflege. Die Maßnahmen zur Prävention und Intervention sind entsprechend ausgerichtet auf Schulung, Beratung und Unterstützung der Pflegenden (Angehörigen) mit dem Ziel der Entlastung, da die Überlastung aller Beteiligten als einer der Hauptfaktoren für die ausgeübte Gewalt gesehen wird. Vor diesem Hintergrund kann also nicht gesagt werden, dass Gewalt gegen Ältere grundsätzlich mit Gleichgültigkeit und Untätigkeit begegnet wird. Wenn allerdings eine der insbesondere für Frauen gefährlichste Form der Gewalt, die Gewalt in der Paarbeziehung, die von den Vereinten Nationen ausdrücklich als Menschenrechtsverletzung benannt wird, für die Gruppe der Älteren ausgeklammert und im Kontext Pflege nicht berücksichtigt wird, muss eine Geschlechtervergessenheit bzgl. Alter(n) festgestellt werden. Und es müsste gefragt werden: Wer pflegt hier wen? Und besteht Alter nur aus Pflegebeziehungen? Was ist mit den Paaren, die nicht oder erst im Kontext Pflege in den Fokus der Fachkräfte geraten? Und wie fallen - sprichwörtlich - Interventionen aus, wenn wir Genderaspekte bei Gewalt gegen Ältere Menschen nicht berücksichtigen?


Wissens- und Versorgungslücke

Mit Blick auf die Fachkräfte in den für die Zielgruppe der Älteren relevanten Bereichen der Altenhilfe, Gesundheit, Frauen und Gleichstellung und Gewaltschutz möchten wir einige Aspekte herausgreifen: 

Wissen und Bewusstsein: Wird das (Fort)bestehen von vitalen, auch konflikthaften Paarbeziehungen im Alter nicht gesehen und werden sich fortsetzende und kumulierende Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis im Alter nicht erkannt (vom Gender Pay Gap zum Gender Renten Gap bspw.), gerät die Gruppe der älteren Frauen nicht nur aus dem Blick des Gewaltschutzes (im Fokus der Öffentlichkeitsarbeit sind überwiegend „Frauen mit Kindern“ d.h. implizit Frauen im reproduktiven Alter auch wenn ältere Frauen nicht explizit ausgeschlossen werden). Sie werden auch bei Maßnahmen der Gewaltprävention für Ältere nicht berücksichtigt (z.B. keine Nennung von Einrichtungen des Gewaltschutzes wie Frauenhaus, Frauenberatungsstellen oder Täterberatung in Seniorenwegweisern etc.). 

Kompetenzen und Vernetzung: Die Motivation zur Intervention bei Gewalt in Paarbeziehungen Älterer steht in einem engen Zusammenhang mit den Handlungskompetenzen der Professionellen und den strukturellen Bedingungen ihrer Arbeitsfelder. So gibt es nur wenig auf die spezifischen Bedarfe älterer Frauen ausgerichteten Schutzeinrichtungen. Und es gibt selten Notbetten für eine_n auf Hilfe angewiesene_n Täter*in, der_die der Wohnung verwiesen werden soll. Die für die Zielgruppe Älteren relevanten Bereiche - Altenhilfe, Gesundheit, Frauen und Gleichstellung, Gewaltschutz – haben bzgl. ihrer Angebote und Aktivitäten entweder das Thema Gewalt in Paarbeziehungen oder die Gruppe der Älteren nicht ausreichend im Blick. Eine Vernetzung und Kooperation dieser Bereiche würde dazu beitragen, die Versorgungslücke für die Zielgruppe der Betroffenen zu schließen. Zudem könnten die einzelnen Bereiche auch von Synergieeffekten aus einer Kooperation und Vernetzung sowie der jeweiligen hohen aber oft spezifischen Fachlichkeit profitieren.

Adäquate Analyse und Interventionen: Besteht bei den Fachkräften kein Wissen über das Phänomen von Gewalt in Paarbeziehungen generell sowie als Form geschlechtsbezogener Gewalt gegen Frauen und erfolgt die Analyse eines Gewaltverhältnisses ohne Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses, so bleibt die Analyse eine vorläufige und damit können die Interventionen ggf. zu kurz greifen. Das kann bedeuten, dass allgemeine Seniorenberatungsstellen Einrichtungen des Gewaltschutzes nicht oder zu spät hinzuziehen. Oder mit Blick auf die Pflege, dass das Gewaltgeschehen nur als Folge von Überforderung durch Pflegearbeit oder dementieller Erkrankung betrachtet wird. Das kann zu Entlastungsangeboten für einen oder beide Partner*innen führen. Im Fokus steht dann ein weiteres (als funktionierend empfundenes) Zusammenleben eines Paares durch kleinere Auszeiten zu ermöglichen. Allerdings wird so die Dynamik einer (oft langjährigen) Gewaltbeziehung, die ambivalenten Haltungen und Abhängigkeiten der Betroffenen und der Täter*innen sowie eine eventuell akute und lebensbedrohliche Gefährdung nicht erfasst. Laut der Statistik des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2018 wurden 122 Frauen von ihrem (Ex)Partner getötet. Eine Reportage der „Zeit“ dokumentiert die Hintergründe zu den Taten und meist auch das Alter der getöteten Frauen und der Täter. Nach diesen Recherchen waren 16 der getöteten Frauen älter als 60 Jahre, 7 davon älter als 80. Die älteste Frau war 91 Jahre alt.

Hieran zeigt sich, dass Genderwissen kein vernachlässigbares Wissen in der Sozialen Arbeit ist, sondern vielmehr dazu beiträgt, die richtigen Analysen vorzunehmen und daraus folgend passende Maßnahmen, Interventionen und Kooperationen einzuleiten. Denn jeder Mensch – unabhängig von Alter und Geschlecht - hat das Recht auf ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit und auf körperliche wie seelische Unversehrtheit.


Angela Merkle und Franziska Peters von der Hochschule RheinMain


Dieser Beitrag wurde anlässlich der Wissenschaftstages Gender Studies und mit Bezug auf #4genderstudies verfasst. 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1488520 2019-12-13T07:32:03Z 2020-02-18T11:02:22Z „Systemsprenger“ oder: Wie Hilfen besser gelingen können! Gedanken zum Spielfilm „Systemsprenger“

Der nachfolgende Text entstand auf Anregung meiner Kollegin Prof. Dr. Michaela Köttig und nach einem intensiven gemeinsamen wechselseitigen Austausch.

Mitte September 2019 kam der Spielfilm „Systemsprenger“ der Regisseurin Nora Fingscheidt in die Kinos. Vor dem Kinostart wurde er bundesweit in Einzelvorführungen bereits Fachkräften, vor allem der Sozialen Arbeit und Pädagogik, gezeigt und mit Podiumsdiskussionen zum Thema flankiert. Die Reaktionen der Fachkräfte auf den Film waren enorm. Es wurde unter anderem benannt, dass der Film sehr emotional und aufwühlend sei. Dies einerseits, weil er einen Fall zeige, bei denen die Angebote und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht greifen. Und andererseits, weil er ein Kind zeigt, dessen Hilfebedürftigkeit und auch Not gesehen wird, welches aber eben das System „sprengt“. Hinzu kommen der fachliche Anspruch und das Bemühen, jedem jungen Menschen und auch dessen Familie helfen zu wollen. Ein Dilemma war zu sehen, welches Fachkräfte nachhaltig beschäftigte. Teilweise wurde auch Unverständnis darüber geäußert, warum an bestimmten Stellen im Film fachlich nicht anders gehandelt wurde. Es müsse und könne doch auch besser gehen. Von mancher Seite wurde eingeräumt, dass der Film auch Idealbedingungen der Hilfepraxis zeige. Dies beispielsweise in der durchgängigen Verfügbarkeit und Zugewandtheit der zuständigen Fachkraft des Jugendamtes sowie der problemlosen Finanzierung der Hilfe-Maßnahmen. Die Rahmen- und Strukturbedingungen in der Praxis seien weitaus schlechter. Vor allem aber die Szene, in der die Jugendamtsmitarbeiterin resigniert und weinend zusammensackt, wurde als stark emotional empfunden und bewegte auch gestandene Fachkräfte.[1]

Nüchtern betrachtet verwundern diese Reaktionen im Grunde nicht. Das Anliegen des Films besteht ja gerade darin, am Beispiel eines neunjährigen Mädchens Verständnis für junge Menschen zu erzeugen, die in ihrem bisherigen Leben bereits viel Schlimmes und großes Leid erfahren mussten, in ihren Familien nicht leben können, in innerer und äußerer Not sind, die Wohneinrichtungen mehrfach wechseln und nirgendwo einen Ort finden, an dem sie zur Ruhe kommen und dauerhaft Aufwachsen können. Und zur Botschaft des Films gehört auch, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pädagogik im Kontakt mit diesen Kindern immer wieder an ihre Grenzen geraten – fachlich und emotional. Und somit wird in diesem Spielfilm auch das Scheitern von sozialpädagogischen und psychiatrischen Maßnahmen dargestellt. Und auch weil ein Kind – und kein*e Jugendliche*r - im Mittelpunkt des Geschehens steht, welches Sicherheit und Schutz benötigt, dem Menschen helfen wollen, welches immer wieder Erwachsene trifft, die dies probieren und eben nicht schaffen, spricht der Film Emotionen an. Er hinterlässt die Zuschauer*innen mit seinem offenen Ende in der jeweils eigenen Phantasie, der dann endlos nachgegangen werden kann. Nicht umsonst erhielt der Film bereits mehrere bedeutende nationale Preise und wurde für den internationalen Oscar vorgeschlagen. Er ist filmerisch hervorragend gemacht, ebenso wie die Leistungen der Schauspieler*innen herausragend sind, vor allem die von Helena Zengel, welche das neunjährige Mädchen Benni spielt.

Nun sind „aussichtslose Fälle“, also Fälle, die im Hilfesystem scheitern und an denen das Hilfesystem scheitert, seit jeher ein Teil der Kinder- und Jugendhilfe. Diese umfassen in etwa 10% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung. Diese jungen Menschen sowie deren Hilfeverläufe bewegen Fachkräfte seit Jahrzehnten in der Praxis, auch emotional. Und tatsächlich erleben Fachkräfte in diesem Zusammenhang auch ihre eigenen, persönlichen Grenzen.
Was leistet dieser Film nun, indem er das Thema „Systemsprenger“ eindrücklich einer breiten nationalen und internationalen Öffentlichkeit präsentiert? Zunächst kann festgestellt werden, dass mit der filmischen Inszenierung ein Bild gezeigt wird, welches die Menschen im Jahr 2019 bereit waren, zu dieser Problematik in sich aufzunehmen. Es werden damit eine aktuelle gesellschaftliche Perspektive und ein vorhandener Diskurs zum Thema abgebildet. Von dieser Seite aus betrachtet, ist die Aussage des Films beruhigend. Denn es wird im Film, anders als in aufgeheizten Medienberichten und häufig auch der Fachpraxis, nicht nach Schuldigen für diese erschütternde Geschichte und deren Verlauf gesucht. Die Schuld liegt weder einseitig beim Kind, noch bei der Mutter oder im Hilfesystem. Und überhaupt wird die Schuldfrage im Film gar nicht gestellt. Die Regisseurin vermag es, die Perspektive aller Beteiligten im Spiel zu behalten. Auch gelingt es, die beständigen Versuche aller Erwachsenen, um Wege zu finden, damit Benni einen Ort zum Leben findet, deutlich zu machen. Die Tragik der Handlung besteht genau darin, dass eben jenes Bemühen nicht ausreicht.

So führt beispielsweise das aggressive Handeln von Benni immer wieder zum Ausschluss aus der jeweiligen Wohneinrichtung/dem Heim. In den dargestellten Szenen wird angedeutet, dass gerade jenes für andere Menschen bedrohliche Handeln des Kindes auf eine frühkindliche Traumatisierung zurückgeführt werden kann. Bei Re-Traumatisierungen wird es als aktives Handlungsmuster reproduziert. Fatalerweise erlebt das Kind Benni aber gerade in diesen Situationen der Re-Traumatisierung keine Unterstützung durch professionelle Fachkräfte. Statt einer emotionalen, sicheren und haltenden Zuwendung zum Kind erfolgt ein standardisiertes, auf die Einhaltung von Regeln und Normen ausgerichtetes Handeln. Und schließlich die institutionelle Entscheidung der Wohneinrichtung/des Heims über den Ausschluss bzw. Rauswurf. Dieses Muster wiederholt sich permanent. Es enthält die ‚Bestrafung‘ eines Kindes durch den Entzug existentieller Lebensgrundlagen aufgrund einer sozialen und psychischen Auffälligkeit. Allerdings war genau diese Auffälligkeit Anlass der professionellen Unterstützung und durch diese wird die Hilfe weiter begründet. Aber sie wird durch keine*n der beteiligten Akteure bewältigt. Das, was das Kind also am meisten zu brauchen scheint, nämlich einen bedingungslosen, emotional-haltenden Lebensort mit fürsorgenden erwachsenen Menschen sowie die Befriedigung basaler Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen, Körperkontakt, erfährt Benni im Hilfesystem nicht. Und auch in der hoffnungsvollen Sequenz mit dem Einzelfallhelfer Micha, der Benni zumindest manchmal in den Arm nimmt und tröstet, bleibt das Kind einsam und ohne haltende Verbindung. Und so stellt sich nur eine Person im Film die Schuldfrage, nämlich Benni selbst. Sie sagt, dass sie wegen ihrer Ausbrüche nicht zu ihrer Mutter kann bzw. erst wieder zurück kann, wenn sie diese nicht mehr hat. Da wird also in der Gesamtheit betrachtet der Erfolg der Hilfe zu deren Voraussetzung. Das ist bitter und begründet eine Endlosschleife. Diese Darstellung ist der Regisseurin durchgängig gelungen. Es wird die Ausweglosigkeit der Situation deutlich. Darüber hinaus wird den Zuschauer*innen auch veranschaulicht, dass Benni selbst die Logik des Hilfesystems verstanden hat. Die daraus entstehende Aufgabe ist für sie unlösbar.

Nun ist auch aus der Fachliteratur bekannt, dass das Stellen und Verfolgen der Schuldfrage eine Sackgasse für die Verbesserung sozialer Situationen und die Lösung von Konflikten ist. Es eröffnet auch keine sozialpädagogischen Handlungsmöglichkeiten. Diese basieren unter anderem darauf, dass die Kinder Neues lernen und destruktives Handeln verändern können. Lernen ist aber nur möglich, wenn das Innere des Kindes sich gegenüber der Außenwelt öffnen kann. Dazu braucht es einen basalen Kontakt zu Menschen und einen einigermaßen sicheren sozialen Ort. Diese vorsichtigen Kontaktbemühungen, gerade emotional belasteter Kinder, sind anfangs weit davon entfernt, Vertrauen in die Umwelt bzw. in Personen zu haben. Es sind ganz zarte Fäden, die schnell zerreißen können. Vorwürfe und Schuldzuschreibungen setzen junge Menschen unter Druck. Dadurch verschließen sie im wahrsten Sinne des Wortes ihr Inneres, gerade dann, wenn sie sich in diesen vorsichtig tastenden Kontaktbemühungen befinden. Sie sind dann für andere Menschen nicht mehr erreichbar. Dies häufig für längere Zeit.

Im Hinblick auf den öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs leistet der Film einen großartigen Beitrag. Er zeigt, wie ein Kind groß wird, welches mit (Re-)Traumatisierungen und beständigen Verstößen bzw. Weg-Stößen von anderen Menschen leben muss. Dies ist Bestandteil des Alltags dieses Kindes. Diese Erfahrung wird zu einem Teil der eigenen Biografie. Sie wird in eigenes Handeln des Kindes als Reaktion darauf umgesetzt. Es gibt für das Kind keine Therapie, die es wieder gut macht. Es gibt auch keine andere Heilung oder gar Reparatur. Das Kind ist gefordert, damit und mit den dahinter liegenden Erfahrungen zu leben. Und ist auf diese Weise sehr allein. Und wächst damit auf. Es ist anzunehmen, dass es etlichen Menschen, ob Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, ähnlich geht wie Benni im Film. Sie haben ein solches Leben zu bewältigen. Sie brauchen dafür kein Bedauern und keine Wundermittel. Sie brauchen eine Welt, in der diese Lebensleistung wahrgenommen, anerkannt und gewürdigt wird. Dies wäre schon eine entscheidende Hilfe.

Und der Film macht auch deutlich, dass ‚Kinder keine Systeme sprengen‘! Diese Metapher trifft auf das Geschehen im Grunde nicht zu. Menschen können ohne technische Hilfsmittel keine Systeme sprengen – schon gar nicht Kinder. Systeme funktionieren ohne menschliche Intention. Systemtheoretisch betrachtet haben sie eine funktionale Eigenlogik. Sie bestehen unbeirrt weiter. Dies auch wenn Kinder dort emotional und kognitiv nicht ankommen und auch, wenn Kinder und Fachkräfte aneinander scheitern. Aus systemtheoretischer Perspektive ist das im Film dargestellte stringent und logisch. Systeme agieren selbstreferentiell. Die damit verbundenen Logiken u.a. von Inklusion und Exklusion sind bei Niklas Luhmann nachlesbar, der sich ja ausführlich mit funktionalen Systemen beschäftigt hat. Das bedeutet auch: Systeme allein können Menschen nicht helfen! Systeme können lediglich funktional bereit stehen, um Leistungen zu erbringen. Von daher braucht es, um Kindern wie Benni tatsächlich zu helfen, noch eine andere Denkrichtung als die der „Systemsprenger“.

Tatsächlich gibt es ja ausreichendes sozialpädagogisches Fachwissen darüber, wie Kindern (und Jugendlichen) wie Benni geholfen werden kann. Dieses Wissen wurde seit ca. einhundert Jahren beständig erweitert und fortentwickelt. Es ist inzwischen auch empirisch gut erforscht, nur (leider) nicht durchgängiger Bestandteil von (Hilfe-)Systemen. Obwohl es deutschlandweit Fachkräfte gibt, die sich klug und reflektiert mit jungen Menschen wie Benni auf einen gemeinsamen Weg machen. Und dabei nicht resignieren, weil sie aus Sackgassen immer wieder herausfinden.

Kinder benötigen soziale Beziehungen/soziale Kontakte zu anderen Menschen sowie soziale Orte. Diese müssen für die kindliche Entwicklung nicht perfekt, aber ausreichend gut sein. Sie müssen dem Kind gleichermaßen Schutz geben und Autonomieentwicklung ermöglichen. Und natürlich basale Grundbedürfnisse befriedigen. Kinder benötigen Zeit für ihre Entwicklung und Zeit, um zu lernen. Gerade, wenn sie traumatische Erfahrungen gemacht haben, benötigen sie sichere Orte, die für sie zur Verfügung stehen, bedingungslose Zuwendung von anderen Menschen und schrittweise Heilung. Kinder müssen die Chance erhalten, ihre eigene Lebens- und Familiengeschichte zu verstehen und sich selbst zu verstehen.
Mit Kindern muss geredet werden, aber vor allem muss ihnen zugehört werden. Damit Kinder verstehen können, was ihnen passiert ist, was geschieht und was sie handelnd beeinflussen können. Nicht-Wissen erzeugt diffuse Angst und schließlich auch aggressives Handeln. Wissen dagegen eröffnet Handlungsmächtigkeit. Kinder müssen informiert werden, gerade dann, wenn das Hilfesystem Handlungen an ihnen plant bzw. über ihr weiteres Leben entscheidet. Auch wenn Kinder an diesen Entscheidungen nicht direkt beteiligt werden (können), bspw. wenn sich leibliche Eltern gegen ein Zusammenleben entscheiden, müssen die Kinder in für sie nachvollziehbarer Weise darüber informiert werden. Und Kinder brauchen Menschen, die sie bei Abschieden, in Trauerphasen und bei Übergängen begleiten. Das ist alles aus der Fachliteratur bekannt.

Diese hier skizzierten Bedingungen braucht jedes Kind, nicht nur ein Kind, wie Benni. Etliche Kinder im Hilfesystem müssen diesen häufig entsagen und werden nicht zu „Systemsprengern“. Diese Leistung der jungen Menschen soll an dieser Stelle ausdrücklich gewürdigt werden.

Hilfeinstitutionen der Sozialen Arbeit und Pädagogik sind gefordert, sich als Organisationen zu verstehen, die zwar systemisch Handeln, aber nicht ausschließlich Systemlogiken unterliegen. Dies bedeutet, die Rahmenbedingungen zu analysieren und Veränderungspotentiale, die durch Menschen gestaltbar sind, auszumachen. Mit systemisch Handeln ist gemeint, dass diese nicht kausal beeinflussbar sind, ebenso wenig wie das menschliche Handeln selbst. Es kann aber als Mensch, insbesondere als professionelle Fachkraft, Verantwortung übernommen werden. Diese Verantwortung umfasst vor allem das eigene und institutionelle Handeln an, mit und gegenüber Kindern. Die Frage, ob Professionalität Menschlichkeit ausschließt oder beinhaltet, können nur die Fachkräfte beantworten. Aus Sicht der Kinder ist die Antwort klar: Ohne Menschlichkeit und menschliche Begegnung können sie in Hilfesystemen nur sehr schwer überleben! Eindrücklich wurde das im Film in der Szene gezeigt, als Benni abends im Bett liegt und sinngemäß sagt: „Erzieherin, gib mir deine Hand!“ Die menschliche Hand der ‚Erzieherin ohne Namen‘ benötigte Benni zum Einschlafen vor dem bevorstehenden Übergang in ein anderes Kinderheim am nächsten Tag. Und auch eine andere Szene war diesbezüglich erhellend: Als die Jugendamtsmitarbeiterin zusammensackt und weint, ist es Benni, die sich zu ihr setzt und sie liebevoll tröstet. Eine Handlung, die Benni selbst im ganzen Film nicht erfährt.

Mit Blick auf vorhandenes Fachwissen in Praxis und Forschung ist eine bessere sozialpädagogische Fachlichkeit als im Film gezeigt möglich, wenn:

- ein biografisches Fallverstehen und damit ein Nachvollziehen der Handlungsmuster des Kindes als Ansatz für Lernen und Veränderungsprozesse dient;

- Biografiearbeit mit dem Kind zum Selbstverstehen der eigenen Geschichte, der eigenen Handlungen und der Akzeptanz der eigenen Lebenssituation sich durch den Hilfeprozess zieht;

- eine umfassende Beteiligung des Kindes, auch unter Gewährleistung der Rechte des Kindes (Stichwort: Kinderrechte) erfolgt;

- Institutionen/Organisationen sich flexibel in der Gestaltung von Hilfesettings zeigen, um sichere soziale Orte und für den Einzelfall geeignete Maßnahmen für das Aufwachsens von Kindern zu gewährleisten;

- Fachkräfte Beziehung und Nähe zum Kind herstellen;

- Krisen und Eskalationen von Fachkräften und Kindern bewältigt werden können und daraus immer wieder Anfänge für gemeinsame Lernprozesse möglich werden;

- Fachkräfte ihr eigenes Handeln fortwährend reflektieren, um sich u.a. nicht in die Dynamik des Falls zu verstricken;

- und auch Verantwortung für die Aufrechterhaltung von Menschlichkeit und Menschenwürde durchgängig übernehmen.

Es gilt, auf der Basis einer fundierten fachlichen Qualifikation, die eigene professionelle Aufgabe und Rolle zu kennen und diese in der Arbeit mit Menschen vor allem zwischenmenschlich zu gestalten.

Im Film „Systemsprenger“, der ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm ist, wird im Grunde die Geschichte eines Kindes erzählt, welchem basale Grundbedürfnisse nach Nähe, bedingungsloser Zuwendung und Liebe verwehrt werden, welches mit traumatischen Erfahrungen und deshalb auch Re-Traumatisierungen leben muss und nirgendwo einen Ort zum Leben und Aufwachsen findet. Dabei wird das Kind als ein aktiv handelnder Mensch gezeigt, welches selbst beständig Lösungsversuche zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation unternimmt. Benni gibt im Grunde nicht auf und verfällt auch nicht in (kindliche) Depressionen. Sie versucht stattdessen immer wieder aktiv einen Kontakt zu anderen Menschen und zur Außenwelt herzustellen. Ihr Ziel, bei der Mutter leben zu können, erhält sie trotz wiederholter Zurückweisung aufrecht. Die Tragik im Film besteht auch darin, dass nicht gezeigt wird, dass diese Bemühungen des Kindes zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation wahr- und ernstgenommen werden. Sie bleiben im Grunde ohne Resonanz für Benni. Es wird keine erwachsene helfende Person gezeigt, die in Ruhe mit Benni über ihr bisheriges Leben, ihre reale Lebenssituation, ihre Wünsche und die Möglichkeiten und Grenzen der Realisierung eben dieser redet. Benni selbst wird in den Hilfeprozess nicht einbezogen. Es wird über sie gesprochen und an ihr gehandelt. Es wird ihr nicht die Chance gegeben, selbst zu verstehen, was passiert und mit ihr gemeinsam reale Lebensperspektiven zu entwickeln. Diesbezüglich sind das fachliche Wissen und die Rechtslage weitaus weiter entwickelt als dies im Film zu sehen ist. Unter anderem ist Beteiligung von Kindern in Hilfeprozessen im SGB VIII gesetzlich geregelt. Dabei unterscheidet der Gesetzgeber beispielsweise nicht in Kinder, die schwieriger oder weniger schwierig oder überhaupt nicht schwierig sind. Beteiligung ist keine ‚Auszeichnung‘. Beteiligungsrechte gelten für jedes Kind! Es ist aber tatsächlich ein Phänomen der Praxis Sozialer Arbeit und Pädagogik, dass nicht allen Menschen ihre Rechte auf Beteiligung sowie weitere Bürger*innenrechte zu gestanden werden. Insbesondere Menschen, die sich in belastenden Lebenslagen, in Krisensituationen oder in schwierigen psychischen und sozialen Situationen befinden, sind davon betroffen. Diese Erfahrungen treffen im Übrigen für Erwachsene in solchen Lebenslagen genauso zu wie für Kinder. Damit werden die Menschen jedoch zu ‚Empfänger*innen‘ von Hilfen, die andere Personen, vornehmlich Fachkräfte, an ihnen ‚ausführen‘. Sie geraten in den Status eines ‚Objektes‘. Hilfe kann jedoch nur gelingen, wenn die Menschen, denen geholfen werden soll, diese als sinnvoll erachten und erfahren können. Ein wesentlicher Anteil besteht deshalb im Mit-Handeln oder im Gemeinsam-Handeln. Und dieser Prozess beginnt wiederrum mit der Realisierung der Rechte auf Beteiligung bei jedem Kind. Dass Kindern, die als schwierig gelten, möglicherweise diese und andere Rechte abgesprochen werden, wäre allerdings Stoff für einen weiteren Film.

Regina Rätz, Dr. phil., Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Alice Salomon Hochschule Berlin



[1] Eigene Zusammenstellung aus verschiedenen Gesprächen und Diskussionen mit Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe.

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1475864 2019-11-11T06:19:09Z 2020-01-03T22:27:19Z Promotionsrundmail Nr. 200: Persönliche Betrachtungen

Die Promotionsrundmail Nr. 200 ist verschickt worden. Nun haben diese runden Zahlen im Dezimalsystem nicht von sich aus eine Bedeutung, man muss ihnen eine zuerkennen: Im Hexadezimal-System lautet die dezimale 200 einfach: C8, im Oktalsystem: 310 und binär: 11001000 – das sieht alles wenig symbolisch aufgeladen aus. Bedeutung ist also etwas, das gegeben, verliehen werden muss. Die Bedeutung, welche die Promotionsrundmail für uns als einzelne Personen von der Redaktion und im Weiteren für die Mitglieder von Fachgruppe und Beirat hat, ist je nach biografischer Situation verschieden. Wir haben daher beschlossen, in diesem Blog der DGSA als Personen sichtbar zu werden, die hinter der Promotionsrundmail stehen.


Rudolf Schmitt - Redaktion und ehemaliger Sprecher der Fachgruppe Promotionsförderung

Ich habe den Vorteil eines kleinen Vorsprungs in der Routine, einen Rückblick zu schreiben, und kann auf meine Anmerkungen in der einhundertsten Rundmail zurückblicken (vom 11.7.2011, siehe). Dort stand das Erstaunen über das schnelle Wachstum der Rundmail seit der ersten Ausgabe im Dezember 2006 im Vordergrund, auch über die mit der Rundmail induzierten Notwendigkeiten des Schreibens einer zusammenfassenden Promotionsbroschüre, der Erstellung einer Liste zu abgeschlossenen Promotionen und einer Bibliografie zur Literatur zum Promovieren in der Sozialen Arbeit, Anfragen zu Fortbildungen und Aufsätzen, die Gründung einer Fachgruppe zur Promotionsförderung in der DGSA... Diese Institutionalisierung war nie intendiert, war es doch ein aus dem Affekt geborenes Unterfangen, mit dem ich etwas gegen die Unzulänglichkeits- und Fremdheitsgefühle der ersten von mir mitbetreuten Promotionsinteressentin bei ihrem Kontakt mit Universitäten tun wollte, auch etwas gegen meinen Zorn darüber, wie mit ihr dort umgegangen wurde. In der Gestaltung einer Rundmail hatte ich als Zuständiger für die fakultätseigene Rundmail für die Absolvent_innen schon einige Jahre Routine und übertrug es auf den neuen Bereich. Dass ich damit an die Hauptkampflinie einer Zweiklassengesellschaft der Hochschulbildung geraten war, wurde mir in seinem ganzen Ausmaß erst später bewusst.

Wie die Rundmail bis zur hundertsten Ausgabe weiter gewachsen ist, steht in dem oben genannten Rückblick. Was hat sich seit diesem verändert?

Zum einen ist die Rundmail viel weniger auf mich als Person zentriert. Eine Zeitlang arbeitete Franziska Günauer in der Redaktion mit. Sie gründete auch das mit der Rundmail verbundene Facebook-Forum zur Promotion in der Sozialen Arbeit. Nach ihrem Rückzug aus privaten Gründen haben Oliver Zetsche, Julia Reimer, Sebastian Schröer-Werner und Vera Taube bis heute in beiden Medien mitgearbeitet - und sie werden sich in diesem Blog noch mit ihrer Perspektive vorstellen.

Zum anderen ist die Zahl der Teilnehmenden an der Rundmail seit der einhundertsten Ausgabe von ca. 1.000 auf über 2.600 Teilnehmende gestiegen. Damit hat sich auch der Fokus erweitert: Der Kampf gegen die Exklusion von promovierenden FH-Absolvent_innen und -Angehörigen aus den universitären Informationszirkeln ist immer noch ein wichtiges Motiv der Redaktionsarbeit, aber die Rundmail ist auf dem Weg dahin, eine allgemeine Wissenschaftsrundmail der Sozialen Arbeit für Fachhochschulen zu werden. Das hat sich damals schon angedeutet. 

Etwas ist zum Glück geblieben: Seit Anfang an lebt die Rundmail von den Einsendungen ihrer Abonnent_innen. Unsere "Technik" dagegen ist noch so rudimentär wie damals und nutzt Standardsoftware. Ein zeitgemäßes Redaktionssystem mit Adressenverwaltung wäre wünschenswert. Ich wünsche mir, dass die Fachgruppen und Sektionen der DGSA in ihren Veranstaltungen den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht vergessen und relevante Nachrichten regelmäßig auch an die Promotionsrundmail senden. Und weitere Überlegungen für die Zukunft? Da übernehme ich meinen nicht vergangenen Wunsch aus dem vergangenen Rückblick: "Die Promotionsrundmail ist außerhalb klassischer Medien oder Zeitschriften entstanden, und das wird sicher zunächst so bleiben. Aber warum sollte ausgeschlossen werden, dass sie irgendwann mit einer DGSA-nahen Open-Access-Online-Zeitschrift kooperiert? Die müsste freilich erst erfunden werden, wobei das österreichische Beispiel der Online-Zeitschrift der Fachhochschulen 'soziales_kapital' zur Inspiration dienen könnte."


Julia Reimer - Redaktion

In mir zumindest grau erscheinenden Vorzeiten (gefühlt sehr klein und sehr weit weg vom Doktorhut) habe ich an meiner damaligen Bürotür über die Promotionsrundmail und das Informationsangebot von Rudolf Schmitt (in Papierform) aufmerksam gemacht. Jahre oder vielleicht auch fast ein Jahrzehnt später (mit Hut in Aussicht) sitze ich an der Überarbeitung meiner Dissertation für einen Verlag und stolpere im Schreiben hier über einen kleinen, aber sehr bedeutsamen Teil meines Vorwortes: “Das Engagement von Prof. Dr. Rudolf Schmitt hat dazu beigetragen, dass ich mich nach dem Fachhochschulabschluss überhaupt an das Projekt Promotion herangetraut habe, deshalb an dieser Stelle vielen Dank für die wertschätzende Ermutigung.” Die Promotionsrundmail in jeder Fassung (ob rund oder ungerade) ist für mich genau das: ein Versuch Ermutigung und Unterstützung weiterzugeben, Mut, sich an etwas Neues zu wagen, Mut, dran zu bleiben, Mut, sich zu zeigen, Mut dazu, kooperativ zu sein und sich kollegial zu unterstützen (egal, ob ohne Hut, ob mit Hut in Arbeit oder Aussicht oder mit Hut). Also benötigte die Promotionsrundmail auf ihrem Weg vielleicht eine Portion Wut (oder Zorn zu Beginn) und benötigt viel kollegiales Engagement und Mut (immer mal wieder). Was braucht sie sonst noch? Verdient die Rundmail auch einen Hut oder ein Jubiläumskrönchen? Mich interessieren dazu weitere Perspektiven und Ideen.

 

Oliver Zetsche - Redaktion

Promovieren – was das heißt, war mir anfangs in keinster Weise bewusst. Nicht einmal im entferntesten Sinne konnte ich mir – als mich mein Betreuer der Diplomarbeit fragte, ob ich nicht auch promovieren wollen würde – vorstellen, was das bedeutet. Und das war – wenn man sich das so im Nachhinein überlegt – vielleicht auch gut so – in einer naiven Vorstellung an einen riesigen Berg Arbeit heranzutreten, um ihn nach und nach abzutragen bzw. ihn zu bezwingen. Insbesondere am Anfang könnte diese Naivität „überlebenswichtig“ sein (der Ausdruck ist bestimmt eine Steilvorlage für Rudolf Schmitts Metaphernanalyse). Denn: Welche Herausforderungen werden sich bspw. zeigen? Die Suche nach einem*einer Doktorvater/Doktormutter i. V. m. einer Universität, die sich mir “annimmt”; hochschulspezifische Macht- und Befindlichkeitsstrukturen, die buchstäblich ertragen werden müssen; Einkommensausfälle und Existenzsorgen i. V. m. prekären Arbeitsverhältnissen, die das Selbstbewusstsein nicht gerade fördern; Selbstzweifel und ein ständiges schlechtes Gewissen, sofern man einmal eine Pause macht; dafür aber „Urlaube“ und Wochenenden vollgepackt mit Arbeit; Unverständnis bei Freunden und Familie für die rare Verfügbarkeit der eigenen Person usw.
Bevor ich jedoch zur Promotionsrundmail überleite, möchte ich der negativen Seite der Medaille natürlich noch eine Auswahl motivierender Anreize entgegensetzen. Was macht also den Weg so spannend? Das kann sein: Die tiefgründige, intensive, manchmal sogar im Sinne des Flow-Erlebens berauschende Auseinandersetzung mit einem Thema. Das klingt abgedroschen, erscheint mir aber wirklich so. Eine Promotion kann in meinen Augen zu einer spürbaren Persönlichkeitsentwicklung, bspw. in Form einer Weiterentwicklung des Durchhaltevermögens, der Frustrationstoleranz und der Metareflexion führen. Sie trägt zum  Erleben von Selbstwirksamkeit bei. u. U. ist eine sehr freie Einteilung der Arbeitszeit an der Dissertation i. V. m. mit einer stetigen Ausdifferenzierung von Projekt- und Selbstmanagementkompetenzen möglich, die auch anderweitig nützlich sein können. Ich verspürte Freude über Kleinigkeiten des Fortschritts, die andere Menschen vermutlich kaum nachvollziehen können: die Freude über eine funktionierende SPSS-Syntax, das Auffinden und Einbauen eines perfekt passenden Zitats, erhellende Momente in methodischen Workshops, der spannende Austausch mit Leidensgenoss*innen auf Konferenzen und in Workshops und natürlich noch vieles mehr!
Und was hilft dabei? Wie bereits anhand des vorletzten Punktes angerissen, ist die Partizipation an einem Netzwerk, durch das man nicht nur informiert wird, sondern wodurch man auch das Gefühl bekommt, nicht alleine durch Höhen und Tiefen des Promotionsprozesses zu gehen, eine wesentliche Säule. Diese Eingebundenheit kann und sollte m. E. dabei sowohl virtuell über die digitale Vernetzung als auch anhand von (analogen) Präsenzveranstaltungen erfolgen. Und an dieser Stelle kommt die Promotionsrundmail buchstäblich “zum Tragen”. Nachdem ich mich erst einmal – u. a. unter Zuhilfenahme von Handbüchern, wie bspw. das „Handbuch Promotion“ von Nünning und Sommer (2007) – informierte, was eine Promotion überhaupt ist, stieß ich auf die Broschüre für Promotionsinteressierte und Promovierende von Rudolf Schmitt und auch auf die damit einhergehende Rundmail. Durch ihr regelmäßiges Erscheinen und damit die monatliche Information, was in Sachen „Promotion für Sozialarbeitende“ aktuell „los und möglich ist“, flankiert vom Austausch während der Promotionskolloquien und den jeweiligen Meldungen im Facebook-Forum, empfand ich diese Kombination als wahre Stütze. Das Wissen um Kolleg*innen in der Ferne half/hilft auf unerklärliche Weise. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die Schaffung dieser Struktur, lieber Rudolf!
Nach und nach erschloss ich mir auch weitere Mailinglisten, Newsletter und RSS-Feeds. Obgleich die Rundmail neben den direkten Zusendungen auch aus Nachrichten besteht, die aus anderen Verteilern entstammen, kenne ich keinen Newsletter, der eine derartig übersichtliche und präzise Zusammenfassung bzw. Fokussierung bietet. Bei der Sichtung anderer Newsletter und Mailinglisten frage ich mich dagegen oft: „Muss es denn so unübersichtlich und unvorteilhaft lesbar sein?”, und: “Geht es nur mir so oder gleicht die Durchsicht derartiger Mailinglisten/Newsletter einem durchwühlenden/durchkämpfenden Akt?“ Naja ... ich möchte nicht abschweifen und eigentlich nur ohne theatralische Überschwänglichkeit mitteilen, dass ich mir nicht vorstellen möchte, wie meine Promotion ohne diese Quelle verlaufen wäre. Vielleicht mag ja jede*r Lesende der 200. Rundmail einmal dieses Gedankenexperiment wagen und sich vorstellen, ob/was dann fehlen würde. Und falls noch etwas fehlen sollte, wäre das Redaktionsteam natürlich sehr an ebendiesem Feedback interessiert.

 

Vera Taube - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Mit der Entscheidung für die Promotion im Anschluss an mein Studium Sozialer Arbeit war für mich klar: dazu geht es ins Ausland. Prima Idee, klingt auch ganz gut - vor allem wenn man anderen davon erzählt und einem ein kleiner stolzer Schauer über Rücken läuft, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt.

Was ich nicht bedacht hatte: Promovieren ist ein echtes Gemeinschaftsunternehmen und nichts, was im stillen Kämmerlein passiert. Oder zumindest nicht die ganze Zeit.

Das habe ich allerdings erst begriffen, als ich weitab meiner finnischen Universität in Deutschland wohnend und als Sozialarbeiterin beschäftigt schnell an die engen Grenzen meiner Möglichkeiten gestoßen bin. Ohne physische Anbindung an das akademische Umfeld und ohne Kolleg*innen oder Kollegiat*innen, die sich ebenfalls mit den großen Fragen des Promotionsprozesses auseinandersetzen, war der Schauer nun nicht mehr ganz so klein und ganz sicher nicht wohlig.

Doch wenn man glaubt, es geht nicht mehr… kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Dieses Lichtlein kam in Form der Promotionsrundmail und all den anderen Info- und Vernetzungsangeboten von Rudolf Schmitt. Unglaublich aber wahr, durch die Rundmail habe ich von den relevanten Veranstaltungen erfahren, dort die schmerzlich vermissten Kontakte geknüpft und bin nun mitten drin im Geschehen. Dabei ist die Rundmail ein Mittel nach Maß, jederzeit verfügbar, zuverlässig und vielseitig. Irgendwie ist immer was dabei. Suche ich nach Finanzierung, Austausch oder Anregung - schnell mal in die Mail geguckt und schon gefunden.

Was mich darüber hinaus noch mehr beeindruckt: Die Mail ist ein Paradebeispiel für ein Gemeinschaftsunternehmen und lässt das Netzwerk von Unterstützer*innen hinter der Promotion in der Sozialen Arbeit erkennen. Das ist beeindruckend im Hinblick auf die strukturell noch in den Kinderschuhen steckende und - wie in meinem und vielleicht auch in vielen anderen Fällen - von Ausnahmen und Umwegen gespickten Verläufe dieser Qualifizierungsphase. Ich freue mich, Teil dieser Unternehmung zu sein und nun als Mit-Redakteurin und Fachgruppenmitglied die Hilfe und Unterstützung, die ich erfahren habe, anderen weiter zu geben.

 

Sebastian Schröer-Werner - Redaktion und Fachgruppe Promotionsförderung

Ich zähle zu den ersten Profiteur*innen der Aktivitäten von Rudolf Schmitt, den ich bereits im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit an der damaligen Fachhochschule Zittau/Görlitz kennengelernt habe. Als ich später die Idee verfolgte, eine Promotion anzustreben, war er mein erster Ansprechpartner. Schon damals (2003) trafen wir uns mit weiteren Promotionsinteressierten und Doktorand*innen in einem eher informellen Kreis, um Informationen auszutauschen und uns gegenseitig zu unterstützen. Anfangs waren die Themen noch eher methodisch ausgerichtet. Schnell kamen wir aber dazu, strukturelle und diskriminierende Rahmenbedingungen der Promotion von Absolvent*innen der Sozialen Arbeit mit Fachhochschulabschluss zu hinterfragen. Zu dieser Zeit reifte auch die Idee, Informationen für Promotionsinteressierte und Doktorand*innen zu bündeln, weiterzutragen und die Bildung von Netzwerken zu fördern. Vera Taube hat in Ihrem Blogbeitrag die oftmals frustrierenden Erfahrungen des Einzelkämpfer*innentums bereits angedeutet. Aus der anfangs nur wenige Meldungen umfassenden Rundmail mit einer überschaubaren Anzahl von Abonnent*innen – die erste Rundmail umfasste lediglich sechs Punkte – wuchs schnell eine heute für viele nicht mehr wegzudenkende Plattform heran. Anfangs habe ich mich eher als Zuträger von Informationen verstanden, mit zunehmender Komplexität und dem Wunsch von Rudolf Schmitt nach Unterstützung habe ich mich gern bereit erklärt, in der Redaktion mitzuwirken. Heute möchte ich auch als Mitglied des Sprecher*innenteams der Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA dazu beitragen, die Situation promotionsinteressierter Absolvent*innen der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen zu verbessern und auch fachpolitische Impulse zu setzen, um nach wie vor vorhandenen Barrieren hinsichtlich des Zugangs zur Promotion abzubauen.

 

Stefanie Sauer - Fachgruppe Promotionsförderung

Willkommenskultur

Vor nicht allzu langer Zeit war die Promotion ein exklusives Vergnügen, gewissermaßen der „Adelstitel des Bildungsbürgertums“ („Die Zeit“ Nr. 9/2019, siehe) und dementsprechend schwer war der Zutritt zum erlesenen Kreis der Anwärter. Besonders hoch sind die Hürden – auch heute noch – für viele Absolvent*innen von Fachhochschulen bzw. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Zu der Zeit, als ich promovierte waren Informationen über die Promotion betreffende Fortbildungsangebote, Methodentrainings und Kolloquien häufig nicht öffentlich zugänglich: echtes Insider-Wissen eben. Nicht selten hatte ich als Promovendin den Eindruck, kein Recht zu haben, an dieser oder jener Veranstaltung teilnehmen zu dürfen. Ich war nicht willkommen, sondern fühlte mich als Zaungast.

Die Zeiten haben sich geändert und nach und nach haben sogar (!) einige FH und HAW ein fast (!!) eigenständiges Promotionsrecht. Und für die Kommiliton*innen der HAW gibt es mittlerweile reichhaltige Angebote an Programmen und Förderungen. Dass diese Angebote von den Hochschulen offen kommuniziert werden, ist nicht immer selbstverständlich. Von umso höherem Wert ist die Promotionsrundmail Soziale Arbeit (FH), deren 200. Ausgabe dieser Tage erscheint. Diese von Rudolf Schmitt aufgelegte und bis heute von vielen Beitragenden unermüdlich und vor allem partizipativ betriebene Plattform erfüllt ihren Sinn auf zweierlei Weise: Zum einen bietet die schiere Fülle, strukturiert aufbereitet und übersichtlich dargeboten, ein unverzichtbares Reservoir an Informationen für Promovierende. Zum anderen vermittelt die Promotionsrundmail ihren Bezieher*innen das Gefühl, in der Welt der Forschung willkommen zu sein. Neben dem praktischen Nutzen stiftet die Rundmail Identität und Zugehörigkeit.

Die Fachgruppe Promotionsförderung in der DGSA dankt Rudolf Schmitt und allen Kolleg*innen, die mit der Promotionsrundmail zum Gelingen der Promotionstätigkeit von Absolvent*innen der HAW beitragen und freut sich auf die kommenden 200 Ausgaben.

 

Claudia Steckelberg - Vorstand und wissenschaftlicher Beirat der DGSA

Beim Promovieren an einer Universität vor vielen Jahren habe ich eben diese Fremdheitserfahrungen gemacht, von denen Rudolf Schmitt schreibt. Was ich zu Beginn meines Dissertationsprojekts noch gar nicht so begriffen hatte, wurde im Laufe des Forschens und Schreibens immer klarer für mich: wie wichtig der wissenschaftliche disziplinäre Bezug ist für die eigene akademische Entwicklung und Verortung. Die Anfänge der Promotionsrundmail haben für mich dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Die Erfahrung, dass Promovieren sehr viel mehr ist als das Schreiben einer Arbeit, nämlich eine Lebensphase, in der unter anderem Vernetzung, wissenschafts- und hochschulpolitische Fragen, Existenzsicherung und berufliche Zukunftsängste, Prozesse der fachlichen Positionierung und Unsicherheiten in der Karrieregestaltung bedeutsam sind, ist für mich Motivation, mich dafür zu engagieren, dass sich die Rahmenbedingungen für diese Qualifikationsphase verbessern. Zum einen durch die Graduiertenförderung an der Hochschule, zum anderen aber auch durch die Einmischung und Positionierung bei wissenschafts- und hochschulpolitischen Themen auch als Vorstandsmitglied im Promotionsbeirat der DGSA. Dabei ist immer Verlass auf die Promotionsrundmail als Quelle für aktuelle Entwicklungen, Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten und sie ist damit unverzichtbar als Grundlage für ein kollektives Engagement in Sachen Promotion in der Sozialen Arbeit (nicht nur) seitens der DGSA.


 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1473364 2019-11-03T14:37:41Z 2019-11-04T18:41:31Z „Rechtsextremismus“ – Mandat der Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit!?

Rückblick auf den gemeinsamen Studientag „Rechtsextremismus“ der Frankfurt University of Applied Sciences und der IUBH Internationale Hochschule

Rund 480 angemeldete Studierende, über 50 Referent*innen und die Erkenntnis: Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und seinen Strukturen sollte viel stärker in den Curricula der Studiengänge Soziale Arbeit verankert sein. So lässt sich der gemeinsame Studientag „Rechtsextremismus“ von Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS) und IUBH Internationale Hochschule bilanzieren.

Der Studientag, organisiert von Michaela Köttig und mir, setzt an einem aktuellen Themenfeld an: Das gesellschaftliche Klima verändert sich in Deutschland und die rassistische Hetze ‚wirkt‘: In der gesamten BRD steigen im ersten Halbjahr 2019 die Zahlen rechter Straftaten auf mehr als 8600. Dass dies nicht Normalität wird, dafür ist eine konsequente Auseinandersetzung mit den Strukturen und den Strategien von Rechtsextremist*innen, aber auch dem staatlichen und gesellschaftlichen Umgang damit, wie es dieser Studientag zum Ziel hatte, absolut notwendig. Soziale Arbeit ist dabei auf vielen Ebenen mit extrem rechten Erscheinungsformen konfrontiert: Rechte greifen seit Jahren Adressat*innen sozialer Berufe ebenso wie Jugendclubs und -häuser an. Sie attackieren Kolleg*innen, weil diese keine „klassischen Familienideale“ vermitteln würden. Rechte verbreiten in den sozialen Medien Gerüchte über Einrichtungen und provozieren damit einen medialen Shitstorm. Rechte Parteien versuchen über parlamentarische Anfragen zu Personal und Finanzierung Einfluss auf die Strukturen Sozialer Arbeit zu nehmen.

Allerdings ist die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus weder in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit selbstverständlich, noch ist sie in den Curricula der Studiengänge Sozialer Arbeit in Deutschland verankert. In angrenzenden Fachgebieten stellt sich die Situation übrigens ähnlich dar:

Dass die Erziehungswissenschaften im Allgemeinen offenbar kein besonderes Augenmerk auf den Nationalsozialismus und Holocaust legen, zeigt eine aktuelle Studie von Nägel und Kahle (2018): Hier wurden über einen Erhebungszeitraum von vier Semestern insgesamt 468 Ver-anstaltungen zum Holocaust in der Bundesrepublik ermittelt (ebd., S. 22). Dabei wurden 45 der 468 Veranstaltungen dem „disziplinären Schwerpunkt“ „Pädagogik, Erziehungswissenschaften“ zugeordnet, was rund 9,6% entspricht. Offen bleibt, ob es sich in diesen Fällen um Veranstaltungen im Kontext erziehungswissenschaftlicher Studiengänge oder auch um Veranstaltungen aus den erziehungswissenschaftlichen Anteilen der Lehramtsausbildung handelt. Insofern überrascht die Erkenntnis einer weiteren Untersuchung (Meyer & Voßberg 2019) nicht: In den untersuchten Modulhandbüchern sowie Studien- und Prüfungsordnungen von 45 erziehungswissenschaftlichen Studiengängen an 27 Universitäten in der Bundesrepublik zeigt sich ein ambivalentes Bild in der Thematisierung des Nationalsozialismus sowie aus den daraus resultierenden Folgen für das pädagogische Handeln. Auf die von Adorno geforderte „Erziehung nach Auschwitz“ wird nur in wenigen institutionellen Selbstbeschreibungen explizit eingegangen und in diesen Fällen in einer Art Anrufung verwendet, die dabei weder auf konkrete inhaltliche Dimensionen des Auftrags fokussieren noch sich in ihrer inhaltlichen Struktur auf diesen beziehen. Sie kommen inhaltlich über das bloße Labeling kaum hinaus. Weder erfolgt eine dezidierte Thematisierung von konkreten Aspekten noch die Übertragung dieser Ideen in eine Studienstruktur, was sich in der Logik und konzeptionellen Geschlossenheit des jeweiligen Curriculums ausdrücken könnte.

Zwar fehlt bisher eine fundierte empirische Forschung, die die Studienstruktur von Studiengängen Sozialer Arbeit auf die gezeigten Aspekte hin untersucht, allerdings dürften die Ergebnisse nicht viel ermutigender ausfallen. In den Hochschulen findet eine Auseinandersetzung mit Strategien der extremen Rechten deshalb nur bedingt Eingang und nicht institutionalisiert statt, so dass die Studierenden auf die sie erwartenden Praxisrealitäten in diesem Themenfeld zu wenig vorbereitet werden. Dieser Studientag ermöglichte durch die Verzahnung von Theorie und Praxis die Anschlussfähigkeit im Beruf, denn die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ist in der Arbeit mit Klient*innen zur Entwicklung von Professionalität unerlässlich. Mit diesem Studientag wurden zentrale Themen angesprochen, die für die Analysefähigkeit der Studierenden und die kritische Reflexion gesellschaftlicher Erscheinungsformen relevant sind. 

Der Studientag wurde am Vorabend durch die Staatssekretärin im Hessischen Wissenschaftsministerium, Ayse Asar, eröffnet. Im anschließenden Vortrag reflektierte Prof. Dr. Micha Brumlik (Goethe-Universität) unter dem Titel „Rechtspopulismus, Rechtsextremismus – Soziale Arbeit“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und kommentierte das Erstarken rechter Gruppierungen. An den Vortrag schloss sich bei sommerlichen Temperaturen ein Open Air-Konzert der Band „Strom & Wasser“ auf dem Gelände der Frankfurt University of Applied Sciences an. Die „Ska-Punk-Polka-Randfiguren-Rock Liedermacher-Band aus Kiel“ sammelt eine Million Euro zur Unterstützung von Soziokulturellen Zentren und selbstverwalteten Jugendhäusern in Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Der eigentliche Studientag begann mit der Begrüßung durch Prof. Dr. Gero Lipsmeier, Dekan des Fachbereichs 4 der FRA-UAS, sowie mit der Verleihung des Henriette Fürth-Preises an Steve Massoth für seine Arbeit „Antifeminismus in der ‚Identitären Bewegung‘ – eine Videoanalyse am Beispiel ausgewählter Videos der Kampagnen Radikal Feminin und 120 Dezibel“ und einer Laudatio von Prof. Dr. Lotte Rose. Danach standen für die Studierenden Workshops auf dem Programm. Ziel war es, den heterogenen Kenntnisstand der Studierenden aus verschiedenen Hochschulen sowie Fachsemestern zusammenzuführen und zu einem spezifischen Gegenstandsbereich theoretisch zu unterfüttern.

Der Mittagsvortrag von Prof. Dr. Michaela Köttig (Frankfurt University of Applied Sciences) bildete eine Art Scharnierstelle zwischen den beiden Teilen des Studientags. Auf Basis der historischen Entwicklungen des NSU skizziert sie, welche Rolle sozialarbeitswissenschaftliche Theorien und ihre Anwendung durch die Fachkräfte bei der Entstehung des NSU hatten.

In den anschließenden Arbeitsgruppen griffen die Referent*innen indirekt auf die Themengebiete der Workshops als theoretischer Setzung zurück. Gleichwohl veränderten sie den Blickwinkel und arbeiteten einerseits die spezifischen Verbindungen des jeweiligen AG-Themas mit Sozialer Arbeit sowie andererseits die Arbeit an potentiellen Gegenstrategien heraus.

Im Plenum stellten zum Abschluss der studentischen Arbeitsphase Vertreter*innen der AG zu Beginn kurz Inhalte und Diskussionen aus der jeweiligen AG vor und begründeten so die anschließenden Thesen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion brachten Prof. Dr. Bettina Hünersdorf (Kommission Sozialpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) sowie Prof. Dr. Barbara Thiessen (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit) die verschiedenen Positionen bei der möglichen Implementierung des Themengebiets „Rechtsextremismus“ in ein Curriculum der Sozialen Arbeit zur Sprache. Michael Leinenbach (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit) und Prof. Dr. Maria-Elenora Karsten (Leuphana-Universität Lüneburg) verwiesen in ihren Beiträgen auf die dringende Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen, denn diese seien Alltag Sozialer Arbeit und die Hochschule der Ort, an dem die künftigen Fachkräfte darauf vorbereitet werden müssten. 

Prof. Dr. Nikolaus Meyer von der IUBH Internationale Hochschule

 

Meyer, N.; Voßberg, T. (2019): Die Verankerung einer „Erziehung nach Auschwitz“ in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen deutscher Universitäten. Eine empirische Spurensuche in institutionellen Selbstbeschreibungen. In: Sabine Andresen, Dieter Nittel, Christiane Thompson (Hg.): Erziehung nach Auschwitz. Zur Aktualität von Adornos Maxime im Zeichen einer historischen Kontextualisierung. Frankfurt am Main: Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität (Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft).

Nägel, V. & Kahle, L. (2018). Die universitäre Lehre über den Holocaust in Deutschland. Berlin: Freie Universität Berlin. Verfügbar unter: https://refubium.fu-ber-lin.de/bitstream/handle/fub188/21625/Naegel_Kahle_universitaere_Lehre_ueber_Holocaust_Deutschland.pdf?sequence=7&isAllowed=y [11.01.2019].]]>
Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1423316 2019-06-23T11:15:58Z 2019-06-23T11:15:58Z Rezo-ziale Arbeit?!

Kurz vor der Europawahl 2019 landete der Youtuber „Rezo“ mit dem Video „Die Zerstörung der CDU“ einen viralen Hit. Das Video wurde mittlerweile fast 15 mio. mal angeklickt – eine fraglos enorme Reichweite. Es erfuhr sowohl öffentlichen Zu- als auch Widerspruch. Letzterer konzentrierte sich insbesondere auch darauf, die im Video kommunizierten Aspekte und Quellen seien zu einseitig und würden komplexen gesellschaftspolitischen Sachverhalten somit nicht gerecht werden. Dies mag zutreffen, inwieweit eine tiefergehende Betrachtung von Für und Wider bezüglich gesellschaftspolitischer Sachverhalte allerdings Aufgabe von Influencer*innen ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Auffällig ist die Art und Weise, wie mit der gewählten Präsentationsform Video Sachverhalte diskutiert werden. Theoretische Annahmen (die CDU betreibe Klientelpolitik, Klimawandel habe natürliche Ursachen, etc.) werden anhand empirischer Evidenz geprüft. Hierzu werden im Verlauf des 55-minütigen Videos 252 Quellen angegeben. Darunter finden sich neben Wikipediaeinträgen und Youtube-Videos etwa auch zahlreiche Artikel aus peer-reviewed top-tier Journals. Der Physiker Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, attestiert Rezo im Tagesspiegel dabei vornehmlich sauberes Zitieren. Ein solch starker Bezug auf (teils) wissenschaftliches Wissen ist im Kontext deutscher Influencer auf Youtube mutmaßlich ein neues Phänomen, welches einem aus der Popkultur entspringenden Youtube-Video einen durchaus wissenschaftlichen „touch“ verleiht. Ergeben sich daraus Implikationen für die disziplinäre Soziale Arbeit (in diesem Beitrag ist damit generell die deutschsprachige gemeint)? Ja, meine ich, und zwar in Bezug auf Potentiale, ihre Anliegen, Erkenntnisse, Empfehlungen, etc. mit Praxis und Gesellschaft (also insbesondere im sozialpolitischen Diskurs) zu kommunizieren (Wissenschaftskommunikation). Diskutieren wir im Folgenden Aspekte, die sich aus besagtem Phänomen ableiten lassen und die für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation der disziplinären Sozialen Arbeit relevant sein könnten. 

Interessant sind in diesem Kontext meiner Ansicht nach vier Aspekte: 
(1) das Rezo-Video im Vergleich zu ähnlichen Formaten, die zur Wissenschaftskommunikation bereits genutzt werden, 
(2) der Status quo der Wissenschaftskommunikation generell und in der Sozialen Arbeit im Besonderen 
(3) Besonderheiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich Wissenschaftskommunikation und 
(4) mögliche Implikationen für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in der Sozialen Arbeit. Sehen wir uns diese vier Aspekte genauer an. 

Das Rezo-Video im Vergleich zu ähnlichen Formaten, die in der Wissenschaft bereits genutzt werden

Rezo bezieht sich also auf (vornehmlich empirisches) wissenschaftliches Wissen. Und das in einem der Popkultur zuzuschreibenden Youtube-Video. Was ist das Interessante daran? Ich meine, die Haltung und Kommunikationsweise des Protagonisten. Man spürt sein Interesse am wissenschaftlichen Wissen, er hat richtig Lust drauf, es in seine Argumente einzuweben. Dabei ist jedoch keine auf das System „Wissenschaft“ zurückzuführende Exklusionsindividualität (Luhmann, 1989) zu spüren, nope, der ganze Typ ist von oben bis unten authentisch. Nun ist es keine Rezo-Erfindung, wissenschaftliches Wissen über Videos im Internet zu kommunizieren, im Wissenschaftsbereich gibt es seit geraumer Zeit „scientific video abstracts“, kurze Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien. Etwa 70% dieser Videos funktionieren so: Die/der leitende Wissenschaftler*in steht oder sitzt vor einem Bücherregal und erzählt ein paar Minuten was über eine Studie. Mhm. In einem Workshop zur Erstellung von wissenschaftlichen video abstracts lernte ich, dass Zuschauer*innen nach kurzem anfangen, die Titel der Bücherrücken zu lesen und nicht mehr wirklich zuhören. Daher sei der Hintergrund in diesen Videos nun meist nur noch verschwommen zu sehen. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist oder aber doch authentisches Auftreten mit spürbarer Lust an der Sache, sei dahingestellt. Vermerkt sei an dieser Stelle, dass natürlich der Inhalt einer Studie eine Rolle spielt. Eine Studie über den Einfluss von Erdnussbutter auf die Erdrotation (ja, die gibt´s wirklich!) lässt sich wahrscheinlich besser verkaufen, als Mutmaßungen über die Reflektion von Ambivalenzen in der Sozialen Arbeit. Ein kürzlich von mir veröffentlichtes Video soll zeigen, dass es dennoch geht, auch sperrigere Themen (in diesem Fall über die Lehre von Evidence-based Practice in der Sozialen Arbeit) entsprechend lustvoll zu verpacken. Wie ist es nun derzeit um die Wissenschaftskommunikation bestellt?

Status quo der Wissenschaftskommunikation generell und in der Sozialen Arbeit im Besonderen

Die Diskussion zu diesem Thema ist keine neue, Anstrengungen wie PUSH (Public Understanding of Science and Humanities) des Stifterverbands oder die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR gibt es schon seit längerem – wenn vielleicht auch mit zweifelhaftem Erfolg. Dennoch findet sich Wissenschaft – sicherlich je nach Disziplin mehr oder weniger – sehr wohl in vielen öffentlichen Diskursen wieder, insbesondere im Zuge der Klimadiskussion, aber auch bezüglich der Wirtschaftspolitik oder in Diskussionen zur sozialen Frage. Gleichzeitig macht sich gefühlt mehr und mehr eine gewisse Elitenskepsis breit, worunter auch die Wissenschaft in ihrer öffentlichen Wahrnehmung leiden mag. Laut dem Wissenschaftsbarometer 2018 glauben beispielsweise nur 40% der Bürger*innen, dass Wissenschaft zum Wohle der Gesellschaft arbeitet. Generell ist für die Wissenschaft in Bezug auf die Kommunikation ihres generierten Wissens also wohl etwas Luft nach oben.  

Wie sieht es nun speziell bei der Sozialen Arbeit aus? Ohne die Inhalte der folgenden Beispiele werten zu wollen, gibt es lobenswerte Anstrengungen, beispielsweise wäre die Video-Reihe „30 Jahre – 30 Köpfe“ zu nennen, auch wenn hier keine wissenschaftliche Evidenz kommuniziert wird (zu einer ganzheitlichen Wissenschaftskommunikation gehört sicherlich mehr als die bloße Präsentation von Ergebnissen). Oder auch Youtube-Videos, die Bücher „in a nutshell“ vorstellen, gibt es bereits. Über diese ersten Versuche der disziplinären Sozialen Arbeit, Wissenschaft über neue Medien zu kommunizieren, hinaus ist zumindest mir wenig in dieser Richtung bekannt. Scientific video abstracts, die sich auf wissenschaftliches Wissen aus der deutschsprachigen Sozialen Arbeit beziehen, sind mir auch noch nicht untergekommen. Auch die disziplinäre Soziale Arbeit könnte also hinsichtlich der Kommunikation des von ihr produzierten Wissens noch zulegen. Warum tut sich die disziplinäre Soziale Arbeit da offenbar etwas schwer?

Besonderheiten der Sozialen Arbeit hinsichtlich Wissenschaftskommunikation

Meines Erachtens gibt es für die disziplinäre Soziale Arbeit hinsichtlich effektiver Wissenschaftskommunikation zwei erschwerende Aspekte. 1. Ihre Affinität zur Theorie. Dies gilt vor allem im Hinblick auf die Kommunikation von wissenschaftlichem Wissen mit Praktiker*innen. Theorien sind Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte. Diese intersubjektiv zu kommunizieren, ist mutmaßlich schwieriger als empirisch erforschte Daten. Zudem sind Theorien der Sozialen Arbeit weder falsifizierbar, noch werden sie generell empirischer Testung unterzogen. Sie verbleiben damit Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte. Wäre das Rezo-Video ohne Rückgriffe auf empirisch erforschtes Wissen, aber dafür mit Bezügen auf Mutmaßungen darüber, was wahr sein könnte, ähnlich rezipiert worden? Ich bezweifle es. 2. Der geisteswissenschaftlich geprägte Duktus in ihrer Theoriebildung und Forschung. Dies gilt sowohl für die Kommunikation mit der Praxis als auch hinsichtlich des sozialpolitischen Diskurses. Dieser geisteswissenschaftliche Fokus bedient sich – nehmen wir an, um analytische Tiefe zu erreichen – oft einer Sprache, die mitunter bereits innerhalb der entsprechenden scientific community für Verwirrung sorgt und in der bisweilen vorhandene Subtanzlosigkeit mit teils ausladender, teils geschickter Eloquenz kaschiert wird. Die dadurch entstehenden sprachlich komplexen Konstrukte sind halt schwer an die Frau/ den Mann zu bringen. So weit, so gut, aber welche Implikationen ergeben sich nun daraus?

Mögliche Implikationen für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaftskommunikation in der Sozialen Arbeit

Nun, was wir von Rezo hinsichtlich zukünftiger Wissenschaftskommunikation lernen können, habe ich bereits erwähnt: Haltung. Mit Lust und Überzeugung, insbesondere natürlich auch durch Nutzung neuer Medien, wissenschaftliches Wissen kommunizieren. Das, was Rezo selbst im Gespräch mit Jan Böhmermann „den Unterschied zwischen institutionellem und menschlichem Reden“ nannte. Klingt trivial, aber allzu viel sehe ich davon von der disziplinären Sozialen Arbeit im öffentlichen Raum bisher nicht. 

Hierbei stellt sich aber auch die Frage: Produziert disziplinäre Soziale Arbeit Wissen, dass bei entsprechender Kommunikation von Praktiker*innen bzw. im (sozial-) politischen Diskurs mit hoher Wahrscheinlichkeit rezipiert werden würde? Falls ja, warum wird es offenbar nicht entsprechend kommuniziert? Im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz müsste die disziplinäre Soziale Arbeit doch in der Lage sein, ständig solche Videos wie das von Rezo raus zu hauen! Und falls nein, wie können diesbezüglich mögliche Barrieren in der Weiterentwicklung ihres Wissenskorpus überwunden werden?

Klar ist dabei aber auch: Nur weil manche Inhalte vielleicht schwieriger in einer Art und Weise zu kommunizieren sind, die catchy ist, heißt das natürlich nicht, dass Wissen, für das dies nicht gilt, nicht relevant wäre. Aber wie angesprochen ginge es ja vielleicht dennoch, eine entsprechend erfolgsversprechende Kommunikation solcher Inhalte zu gestalten. Vielleicht wird es also einfach noch nicht genügend versucht? Oder das nötige Wissen dazu wird nicht vermittelt? Könnte man ja ändern. Möglicherweise findet sich zukünftig ja beispielsweise in Doktorand*innenkollegs neben dem fünften Zeitmanagement-Seminar gegen Ende der Promotion Platz für einen science communication workshop, idealerweise mit entsprechendem Output!

Fazit

Damit Wissen genutzt wird, muss es erfolgreich kommuniziert werden. Die disziplinäre Soziale Arbeit kann dahingehend sicherlich noch zulegen und verdient eine selbstbewusste und lustvolle Wissenskommunikation. Dazu gehört unter anderem auch die Bereitstellung von Ressourcen (wissenschaftliches Wissen; Wissen darüber, wie dieses effektiv kommuniziert werden kann; Investitionen wie Geld und/oder Zeit zur Erstellung entsprechender Medien) sowie die Akzeptanz alternativer Kommunikationsformen in der scientific community. All dies gibt’s nicht einfach so, die entscheidende Frage ist also, ob die disziplinäre Soziale Arbeit einen Diskurs über Verbesserungspotentiale ihrer Wissenskommunikation braucht und eingehen sollte. Ich meine ja. 

Florian Spensberger, Mitglied der netzwerkAGsozialearbeit


Literatur:

Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989


 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1417087 2019-06-06T11:30:23Z 2019-06-06T11:45:04Z Gesichter der Sozialen Arbeit

Seit 2008 wurden mithilfe des Projekts „Gesichter der Sozialen Arbeit“ Plakate im DIN A2 Format erarbeitet, die zu einer Dauerausstellung an der DHBW Stuttgart führten. Die „Gesichter“, die Soziale Arbeit prägten, sollten sichtbar werden. Dazu  tauchten wir in die Geschichte Sozialer Arbeit ein. Mit jeder Person wird eine neue Facette Sozialer Arbeit sichtbar. Die Personen und ihre „Gesichter“ wurden durch die Rezeption der Geschichtsschreibung entdeckt. Wir fragten uns: Wer gehört zu den „Lichtgestalten“? Wer legt eigentlich fest, wer dazu gehört? Was meint der Begriff Soziale Arbeit? Wie hat sich das, was mit dem Sammelbegriff Soziale Arbeit ausgedrückt wird entwickelt? Welche Anstöße kamen aus der konkreten Politik, aus der Wirtschaft und aus der Zivilgesellschaft? Welche Funktion haben die sogenannten sozialen Bewegungen wie Frauen-, Arbeiter-, Jugend-, Antikriegs-, und Ökologiebewegungen? Welche Probleme, Zielgruppen und Lösungen hatten die Personen im Blick, die die Geschichte Sozialer Arbeit prägten?  


Der Anfang
Sozialer Arbeit
Schon die Frage, wann die Spurensuche beginnt, muss definiert werden. Soziale Arbeit hat viele „Gesichter“ und sie hat viele Geschichten, die mit den Epochen und modernen Umwälzungen der Gesellschaft zusammenhängen. Hier beginnt die Spurensuche mit der Epoche der Aufklärung. Schon dieses Eintauchen in die Geschichte ist faszinierend. Wir verstanden immer besser, wie sich dieser Beruf entwickelte und welche Bedeutung Soziale Arbeit für die Gesellschaft hat.

Durch die Forderungen der Französischen Revolution (1789 bis 1799), wurde damals der feudal- absolutistische Ständestaat abgeschafft. Universalistische Werte wie die Idee der Freiheit, Gleichheit und Solidarität wurden als Menschenrechte proklamiert, die in Europa handlungsleitend waren. Der Liberalismus und der Sozialismus prägten nicht nur das moderne Sozialstaats- und Demokratieverständnis unserer Zeit, sondern waren Motoren für sozialen Wandel. Die tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaften Europas betrafen deren Staats-, Wirtschafts-, Sozial-, und Erziehungssysteme, die durch den Wiener Kongress von 1814 bis 1815 und die neuen Staatsgrenzen insgesamt neu ausgerichtet wurden. Die Geschichte Sozialer Arbeit ist natürlich Teil der Epochen- und Sozialgeschichte in Deutschland.
In Deutschland hatten die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nach der Französischen Revolution zum Pauperismus geführt. Die Armut des frühen 19. Jahrhunderts zeigte sich vor allem in Städten als ein soziales Problem. Die Armutsbekämpfung richtete deshalb auf die Beseitigung des Hungers, die Eingrenzung von Epidemien sowie die Begrenzung der Bettelei. Aber auch die Versorgung von verwundeten Soldaten und Witwen, die durch die ständig drohenden Kriege zu leisten waren, belasteten die Länder und Kommunen. Waisenkinder und Kinder aus kinderreichen Familien fanden in sogenannten Rettungshäusern Aufnahme. Hier bestand die Hilfe in der Disziplinierung und Arbeitsbefähigung und schulischen Bildung. Die Frauen, denen Rechte fehlten, suchten nach Möglichkeiten für ihre Emanzipation. Sie engagierten sich in der Kleinkindererziehung und in Vereinen, die caritativ tätig waren. In Deutschland hat das Vereinsleben eine starke Tradition. Im 18. Jahrhundert hießen Vereine meist "Gesellschaften", die Menschen ständeübergreifend zusammenbrachten und zur Geselligkeit beitrugen. Adelige und höhere Beamte diskutierten auch mit Frauen in sogenannten „Salons“ über Tagesereignisse und politisch-philosophische Zeitprobleme. Die Menschen kannten „Lesegesellschaften", in denen das aufgeklärte Bürgertum politische Vorstellungen gedanklich verwirklichen konnte. Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff "Verein". Das Vereinswesen trug entscheidend dazu bei, dass gemeinsame Werte tradiert wurden und Gemeinschaft erlebbar wurde. Viele Turnvereine, Gesangs- oder Kleingärtnervereine haben eine lange Tradition. Damals waren sie ein städtisches Phänomen und sie galten als modern und zukunftsorientiert. Die sogenannte Zivilgesellschaft spielt in Deutschland auf der Ebene von Vereinen bis heute eine wichtige Rolle und hält die Gesellschaft zusammen. Die, die der Sozialen Arbeit den Weg bereiteten, nutzten häufig den Verein, um mit ihrer Innovation nicht allein zu bleiben. Die Wegbereiter*innen dieser Jahre setzten sich mit den veränderten Lebensverhältnissen auseinander und sie versuchten die sozialen Probleme der Armut zu lösen. Die Schule, der Kindergarten, das Rettungshaus, die Zucht- und Krankenhäuser entstanden, weil die Menschen, die sie gründeten von der Philosophie, Pädagogik, Theologie, Medizin und Juristerei ihrer Zeit inspiriert waren und mit diesem Wissen Hilfe anboten und auch konzeptualisierten.

Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass der Kindergarten eine zentrale Funktion hat, um die Entstehung Sozialer Arbeit zu begreifen. Viele Frauen waren Fröbelpädagoginnen und sie verbreiteten die sozialintegrierende Funktion des Kindergartens. In Preußen war der Kindergarten von 1851 bis 1860 sogar verboten, weil die Politik seine emanzipatorische Wirkung fürchtete. Was ist daraus geworden? 

Politisch betrachtet wurde das Europa der frühen Moderne von Fürstentümern und Königreichen regiert, die meist eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden waren. Als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ 1806 untergegangen war, versuchte Napoleon I. Macht über den europäischen Kontinent zu bekommen. Das provozierte zahlreiche Befreiungskriege. In Deutschland führte dies zu einer politischen Neuordnung in Form des Norddeutschen Bundes unter preußischer und österreichischer Führung. Dagegen richtete sich wiederum die Revolution von 1848/49, die vom preußischen Militär niedergeschlagen wurde. Die 1948er- Märzrevolution stärkte die Monarchie. Preußen und Österreich bekamen innerhalb des Deutschen Bundes eine Vormachtstellung und Berlin wurde zur politischen Metropole. Hier wurde 1862 der  konservative preußische Politiker Otto von Bismarck (1815- 1898) von König Wilhelm I. zum Ministerpräsidenten berufen. Bismarck spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung Sozialer Arbeit. In seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident grenzte er den Einfluss der katholischen Kirche ein und wurde im Zuge der Gründung des Kaiserreiches 1871, in den erblichen Fürstenstand erhoben. 1870 hatte der Sieg des Norddeutschen Bundes im Deutsch- Französischen Krieg zur Gründung des Kaiserreiches geführt, das als eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen wurde. Somit hatte der Kaiser die politische und militärische Führung und war zu gleich preußischer König und oberster Kirchenherr der Protestanten. Er ernannte den Reichskanzler, der auch preußischer Ministerpräsident war und damit zur Machtelite gehörte. Die Rechte des nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht gewählten Reichstags beschränkten sich zu der Zeit auf die Mitwirkung beim Gesetzgebungsverfahren und die Verabschiedung des Budgets. Damals wurden die Forderungen nach Einführung einer parlamentarischen Monarchie mit einer Verantwortlichkeit der Minister gegenüber der gewählten Volksvertretung von den konservativen Eliten vehement abgelehnt. In Deutschland war der Einfluss des Protestantismus spürbar und als Reichskanzler Otto von Bismarck die Festigung des Nationalstaats vorantrieb, bekam er starke Unterstützung seitens der Kirchen. Die Bismarckschen Sozialgesetze, die Krankenversicherung von 1883, die Unfallversicherung von 1884 und die Invaliditäts- und Alterssicherung von 1893, bilden bis heute die Basis für den Sozialstaat. Bismarck verbesserte dadurch nicht nur den Schutz der Arbeiter, sondern wirkte auf die durch die Industrialisierung entstandenen Probleme der Arbeiter sozialpolitisch deeskalierend. Die extreme Sprengkraft der sozialen Gegensätze zeigte sich damals in Streiks, Straßenkämpfen und kommunistischen Parteibildungen. Bismarck erhoffte sich damit auch, die sozialistische Bewegung einzugrenzen. Die junge Nation Deutschland musste sich ja beweisen und der Staat sollte auch als ein fürsorglicher Staat die parteipolitischen Entwicklungen innerhalb der Arbeiterklasse fester an die Regierung zu binden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 ging das Kaiserreich seinem Ende entgegen und die Weimarer Republik von 1919 bis 1933 löste die Monarchie ab. Sozialgeschichtlich relevant waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert die industrielle Revolution und Hochindustrialisierung, die viele soziale Probleme erzeugte. Das hohe Bevölkerungswachstum und der Prozess der Urbanisierung führten weiterhin zu Armut und nach wie vor starben Menschen an Epidemien. Viele Menschen wanderten in die USA aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten noch einmal zwei Kriege das europäische Leben. Diese Weltkriege veränderten die Menschen und mit dem Holocaust wurden die Widersprüche der Aufklärung unübersehbar sichtbar. Soziale Arbeit wurde auch dadurch beeinflusst und die Spurensuche führte zur Frage nach dem Widerstand im Nationalsozialismus und der Entwicklung nach 1945. Diese Ausstellung erklärt die Hintergründe, die die Pioniere veranlassten, Lösungen für soziale Probleme zu finden. Sie macht deren Einstellung zur Politik und zur sozialen Frage ihrer Zeit mithilfe der Plakate sichtbar.

Soziale Arbeit als Hilfe zur Bewältigung sozialer Probleme

Dass Helfen zur sozialen Arbeit, also zum Beruf wurde, war ein Prozess, der während des Kaiserreiches (1871 bis 1918) begann. Der Manchesterkapitalismus hatte seine sozialzerstörerische Seite entwickelt und gezeigt. Soziale Projekte wie „Toynbeehall“ in London und „Hull House“ in Chicago zeigten, wie in anderen Ländern mit den Problemen der Migration, der Siedler und der Armen umgegangen wurde. Die Wirkung der „Settlements“ reichte bis nach Berlin, um hier die „Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost“ zu gründen und als ein deutsches Settlement zu erproben. Die Einzelfallhilfe in der Kombination mit der Gemeinwesenarbeit setzte sich durch. Bildung galt zwar bereits seit der Aufklärung als Zaubermittel für die Schaffung einer „neuen Gesellschaft“, die Menschen befähigt, ihre Verhältnisse zu verändern. Doch erst im 20. Jahrhundert wurde sie innerhalb sozialer Arbeit zum Vehikel für die Professionalisierung. Neben der Armutsbekämpfung sollten nun auch die herrschenden Verhältnisse verändert werden. Die Überzeugung, dass der Mensch eine Würde besitzt, die angesichts des kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder in Frage gestellt wird, wurde erst im 20. Jahrhundert zum Motor weiterer Entwicklungen. Die sozialen Institutionen, die bis heute zur Infrastruktur Sozialer Arbeit gehören, wurden im Kaiserreich gegründet. Dazu gehören Ausbildungseinrichtungen, diakonische und caritative Einrichtungen für Kinder, Alte, Behinderte, die Wohlfahrtsverbände, die soziale Statistik, der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ e.V. und die durch den Weimarer Wohlfahrtstaat ermöglichte rechtliche Absicherung Sozialer Arbeit. Seit der Weimarer Republik (1919 bis 1933) besteht das Netzwerk der Sozialarbeit aus Verbindungen von sozialpolitischer und zivilgesellschaftlicher Hilfe, die in Deutschland ein umfassendes Sozialsystem hervorgebracht hat, das bis heute den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft sichert. Diese institutionalisierte Solidarität stärkt nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern sie ist längst so bedeutsam, wie die Wirtschaftsunternehmen, ohne die wir kein menschenwürdiges Leben führen können. Wer zählt zu den Wegbereiter*innen Sozialer Arbeit? Was haben Menschen angestoßen und in oft mühevoller Kleinarbeit gesellschaftlich durchgesetzt? Die Dauerausstellung erzählt von ihnen und lässt Platz für eigene und weitere Entdeckungen.  

Soziale Arbeit hat sich immer wieder gewandelt. Ob sie systemstabilisierend oder systemkritisch wirkt, ob sie praktisch oder theoretisch wirksam ist und was diesen Beruf kennzeichnet, darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Sie lädt dazu ein, die Pioniere und Pionierinnen kennenzulernen und das Entwicklungspotential Sozialer Arbeit zu verstehen. Die Plakate werden in der Lehre genutzt, um die Geschichte Sozialer anschaulich und biografisch einordbar zu machen. Die Arbeit an den „Gesichtern“ ist faszinierend und reich an neuen Entdeckungen.  

Gastbeitrag von Prof. Dr. Christiane Vetter, Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der DHBW Stuttgart

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1405075 2019-05-04T08:01:11Z 2019-05-04T08:01:11Z „Gemeinsam Strukturen schaffen, um zu gestalten…”

… das ist wohl einer der Sätze, die wir Organisator*innen zum Leitmotiv für die Vorkonferenz des wissenschaftlichen Nachwuchses der Sozialen Arbeit machen könnten. Warum? Das wollen wir in dem vorliegenden Beitrag erläutern. 

Bereits zum zweiten Mal haben sich im Rahmen der Vorkonferenz zur Jahrestagung der DGSA am 25. und 26. April 2019 Nachwuchswissenschaftler*innen der Sozialen Arbeit in Stuttgart getroffen, in diesem Jahr mit knapp 120 Teilnehmenden sogar doppelt so viele wie beim ersten Mal. Schon die stürmischen Begrüßungen verhießen zwei großartige Tage. Die am häufigsten gestellte Frage war sicherlich: „Und was ist bei dir so passiert? Erzähl doch mal!“ Aus wissenschaftlicher Sicht eine wunderbare Einstiegsfrage in eine längere Phase der Narration, die sicher häufig funktionierte, in manchen Momenten dann aber doch durch scheppernde Töne aus dem Mikrofon unterbrochen wurde, sodass pausiert werden musste. 

Schnell war uns Organisator*innen klar: Mit der Vorkonferenz hatte die Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA einen Treffpunkt für Austausch und gegenseitige Unterstützung geschaffen. Es ist dadurch eine Plattform für Promovierende und Promotionsinteressierte aus der Sozialen Arbeit entstanden, wie es sie in dieser Form bis dato nicht gab. Und das große Interesse an der Vorkonferenz signalisiert uns, dass wir hiermit auf einen dringenden Bedarf eine Antwort gefunden haben.

 Antworten oder zumindest intensive Diskussionen zu einer Vielzahl an Fragen standen im Fokus der Konferenz. Wir wollten Raum für ein solidarisches Miteinander schaffen, in dem Wissens- und Erfahrungsaustausch im Zentrum stehen. Also brachten wir, neben anderen Programmpunkten, die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen zusammen, in denen sie dann Gelegenheit hatten, über alle Anliegen und Gedanken, aber auch Ängste und Sorgen rund um das Thema Promotion, in einen Austausch untereinander zu treten. Im Raum standen ganz unterschiedliche Fragen, je nachdem wo im Promotionsprozess sich die Teilnehmenden gerade befanden. Das führte dazu, dass alle Anwesenden einmal Wissende und ein anderes Mal Fragende waren: Unser Plan, Solidarität untereinander zu schaffen, schien aufzugehen. Statt expertokratischer Wissensvermittlung setzten wir – ganz im Sinne eines deutenden Verstehensprozesses als Handeln professioneller Sozialarbeiter*innen – auf die diskursive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven. 

Heiß diskutiert wurde die Frage der Vereinbarkeit: Wie soll man 50% in der beruflichen Praxis arbeiten und nebenbei noch 50% an der Hochschule oder Uni? Was, wenn die 50%-Stelle dann keinen Stellenanteil für die Promotion enthält? Soll man das dann noch on-top machen? Ist das möglich? Soll man neben der Promotion überhaupt noch irgendwas machen? Macht es denn vielleicht nicht mehr Sinn sich voll und ganz darauf zu konzentrieren? Doch wovon dann leben? Vielleicht doch lieber ein Stipendium? Und was, wenn zu Beruf und Promotion auch noch Familie hinzukommt? Wer schafft das? Wie macht ihr das? 

Heiß diskutiert wurde auch die Frage der eigenen Identität: Wie ist das, wenn man als Sozialarbeiter*in fachfremd promoviert? Oder was ist, wenn man eine Stelle in einem Graduiertenzentrum bekommt, in dem es eigentlich nicht um die Soziale Arbeit geht? Wer ist man dann? Mit wem oder was kann man sich dann identifizieren? Wo findet man fachlich Anschluss? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo verlaufen disziplinäre Grenzen? Und wer zieht diese mit welchen Mitteln? Und wie kann man bei alledem auch noch das Profil der eigenen Identität als Sozialarbeiter*in weiter schärfen, statt davon abzukommen? 

Es schwirrten noch viele weitere Fragen durch die Räume und Flure, doch sie alle zu nennen, würde wohl den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Darum seien diese zwei Blöcke gewählt, vor allem, weil sie aufzeigen, woran in Zukunft gearbeitet werden kann – oder gar muss? Von wem? Von uns! Denn wie Cendrese Sadiku während der Podiumsdiskussion auf der Vorkonferenz an uns appellierte: „Ihr als Mittelbau (wir nennen uns ja lieber Nachwuchswissenschaftler*innen, immerhin sind nicht alle von uns überhaupt Teil der Statusgruppe ‘Mittelbau’) müsst für euch selbst aufstehen und eure Interessen vertreten, sonst wird es niemand tun!“ Nur gemeinsam können wir für Bedingungen kämpfen, die die Fragen zur Vereinbarkeit zum Positiven verändern. 

Dafür ist es wichtig, dass wir uns darüber klar werden, wer wir eigentlich sind, wer wir sein wollen, was uns auszeichnet und wie wir die Zukunft unserer Profession gestalten wollen. Denn, und auch das ist während der Podiumsdiskussion sehr deutlich geworden: Die Promovierenden in der Sozialen Arbeit, das ist zum einen der Nachwuchs einer ganz bestimmten Profession und dessen sollten wir alle uns auch klar sein. Zum anderen ist unsere Gruppe geprägt von einer überwältigenden Vielfalt, wie sie sonst wohl nur auf wenige Professionen zuzutreffen scheint – zumindest waren selbst die Diskutant*innen der Podiumsdiskussion überrascht, mit welcher Vielfalt prekären Promovierens wir aufwarten konnten. 

Doch uns allen ist an der Gestaltung der Zukunft der Sozialen Arbeit gelegen. Das verbindet uns. Wir müssen diese Vielfalt, die unsere Qualifikationsbedingungen betrifft, als Herausforderung und Chance begreifen, „uns zusammentun und nach Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen schauen, statt uns abzugrenzen“, um es in den Worten Sylvia Bühlers auf der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung zu sagen. Und da schließt sich der Gedankenkreis und wir sind wieder bei der Vorkonferenz: Damit ist eine Struktur geschaffen, um die Zukunft zu gestalten. Nicht irgendeine Zukunft, sondern die Zukunft der Sozialen Arbeit durch ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. 

Und, so viel ist sicher, auch im kommenden Jahr in Landshut wird es wieder eine Vorkonferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben – vielleicht im Sinne des solidarischen Miteinanders sogar gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftler*innen aus Österreich und der Schweiz. Lassen wir uns überraschen – oder selbst gestalten?!

 

Eva Maria Löffler, Nils Klevermann, Vera Taube, Julia Hille und Fabian Fritz 

Das Orga-Team der Vorkonferenz 2019

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1399850 2019-04-20T10:00:11Z 2019-04-20T10:00:11Z Mit Blick auf die Jahrestagung 2019: Digitalisierung, ein Querschnittsthema?

Inzwischen hat es fast jede/r mindestens einmal gelesen: Phrasen wie „Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche“, „Digitalisierung ist allgegenwärtig“ oder schlicht „Digitalisierung verändert alles“. Da liegt es doch nahe, von Digitalisierung als Querschnittsthema, auch in der Sozialen Arbeit, zu sprechen. Oder nicht?

Ich wäre auch nicht die erste, der diese Formulierung über die Lippen käme. In Blogs, Statements und Thesenpapieren ist man längst zu dem Schluss gekommen, dass es Tatsache ist, dass die Digitalisierung ein Querschnittsthema in der Sozialen Arbeit ist.

Daher schickte ich mich an, darüber eine Master-Thesis zu schreiben. Ich wollte prüfen, ob das Thema Digitalisierung als Querschnittsthema für die Lehre der Sozialen Arbeit geeignet ist. Jedoch fiel mir schnell auf: Es gibt keine Definition des Begriffs Querschnittsthema. Dabei bildet er doch die Grundlage für so viele wichtige Themen der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise Gender und Gesundheit.

Wenn eine präzise Definition des Begriffes „Querschnittsthema“ in Bezug auf die Soziale Arbeit tatsächlich fehlt, laufen SozialarbeitswissenschaftlerInnen Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen, wie ich es beinahe tat. Sie übernähmen gesellschaftlich relevante Themen, machten sie zum Gegenstand ihrer Untersuchung, ohne jedoch zuvor abgearbeitet zu haben, ob es die Soziale Arbeit tatsächlich transversal beeinflusst. Vermutlich bräuchte ich in diesem Zusammenhang den Konjunktiv 2 nicht als zwingend zu betrachten, fehlten mir an dieser Stelle nicht noch stichhaltige Beweise, um aufzuzeigen, dass der Begriff längst für alles Mögliche verwendet wird.

Wäre es da nicht an der Zeit, für die Profession Soziale Arbeit festzulegen, was sie (und aus welchem Grund) transversal betrifft? Ansonsten blieben allzu viele Themen, wie auch das mir so sehr am Herzen liegende Thema „Digitalisierung“, im Morast des Postfaktischen stecken.

Für die nächste Woche stattfindende Jahrestagung der DGSA, die den Titel „Wandel der Arbeitsgesellschaft - Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ trägt, schreibe ich mir dieses Thema auf meine persönliche Agenda. Sobald die Rede von „Digitalisierung als Querschnittsthema“ ist, werde ich hinterfragen, was genau ein Querschnittsthema generell ausmacht. Denn insbesondere bei solchen Trend-Themen, wie derzeit die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit, braucht es Tagungen, um im Austausch mit anderen die Liebe zum Detail wiederzuentdecken und die Dinge auch mal bis ins Kleinste zu zerdenken. Im sonst so schnellen, dynamischen Studien- oder Arbeitsalltag bleibt dies allzu oft auf der Strecke.

 

Michelle Mittmann

Social-Media-Beauftragte der DGSA

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1383026 2019-03-09T12:37:22Z 2019-03-10T13:07:28Z Doing Social Work – Einladung zur Entwicklung einer dynamischen grounded Theorie Sozialer Arbeit

Warum warten wir in unseren Seminaren in Studiengängen Sozialer Arbeit eigentlich auf kollektives Stöhnen, wenn wir über Theorien sprechen? Warum reproduzieren wir damit selbst immer wieder die Geschichte des Gaps zwischen Theorie und Praxis in der Sozialen Arbeit? Immer wenn wir uns theoretisierend mit Sozialer Arbeit auseinandersetzen, macht das Spaß: in der Lehre ebenso wie in der Forschung, zusammen mit Studierenden und mit Kolleg*innen. Warum? Weil wir miteinander im Gespräch sind, weil wir gemeinsam etwas entwickeln und erleben, dass uns diese Auseinandersetzung weiterbringt im Nachdenken darüber, was Soziale Arbeit ist.

Theoretisieren macht Spaß

Mit Studierenden im 7. Semester des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit diskutiere ich (Rebekka Streck) verschiedenste Definitionen Sozialer Arbeit. Ansätze Sozialer Arbeit von Staub-Bernasconi und Thiersch, über Winkler bis hin zur viel zitierten Definition der IFSW, die eher einem Potpourri an ‚großen Begriffen‘ gleicht, als einer theoretischen Fassung dessen, was Soziale Arbeit ist. Oder besser, sein soll? Denn diese Fassungen Sozialer Arbeit (und das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was in Lehrbüchern zu Theorien und Methoden Sozialer Arbeit benannt wird), scheinen häufig mit Situationen Sozialer Arbeit, wie sie sowohl die Studierenden als auch wir in der Praxis erlebt haben, nicht viel zu tun zu haben. Die Praxis ist neben den hehren sozialpolitischen, subjektorientierten oder dialogischen Ansprüchen geprägt von Zeitdruck und Ressourcenknappheit, Eigenwilligkeit der Akteur*innen, institutionellen Möglichkeiten und Begrenzungen und vielem mehr. Spaß macht, mit den Studierenden die unterschiedlichen Facetten der Definitionen zu entdecken und ihnen den wunderbaren Reichtum an Perspektiven auf Soziale Arbeit zugänglich zu machen. Spaß macht, sie so auch immer wieder zu Sichtweisen und Bewertungen ihrer Praxiserfahrungen aufzufordern, sie zum Nachdenken anzuregen. Spaß macht auch herauszufinden, wo das eine im anderen versteckt, verdeckt und entdeckt werden kann.

In der Begleitung der Studierenden während der Praxisphasen versuche ich (Ursula Unterkofler) mit den Studierenden zu verstehen, was an Praxissituationen, die sie erlebt haben, typisch ist für Situationen Sozialer Arbeit. Die Studierenden dokumentieren ihre Situationen in Form von Beobachtungsprotokollen. Diese dienen als Grundlage, Situationen im Seminar nachzuspielen. Wir versuchen, durch ethnografisches Spiel die Situationen in ihrer kognitiven, emotionalen und normativen Komplexität aufzubrechen und Zugang zu ihnen zu finden. In der anschließenden Reflexion beschreiben und interpretieren die Studierenden die Situationen, und allein dadurch, dass sie sie in Begriffe fassen, beziehen sie sich auf Theorie. Begriffe wie Alltag, Macht oder Anerkennung bekommen so konkrete Bedeutung, da sie an (eigene) Handlungsvollzüge geknüpft werden. Spaß macht, dass die Studierenden ihr theoretisches Vorwissen neu entdecken bzw. es als relevant entdecken. Spaß macht, aus der Rolle der Wissensempfänger*innen im Praktikum herauszutreten und eigene Kritik zu fundieren. Spaß macht auch, zu sehen, dass in Situationen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern –  wie verschieden sie auch sind – ähnliche Phänomene aufscheinen, in Bezug auf die Handlungsebene ebenso wie auf die strukturelle Rahmung von Situationen.

Durch solche Verknüpfungen zwischen Praxiserfahrung und theoretischer Rahmung unternehmen wir Versuche, uns dem anzunähern, was Soziale Arbeit ist. Aber geht es wirklich darum zu klären, was Soziale Arbeit ist? Was das angeht, wurden wir kürzlich produktiv irritiert. Im hessischen Promotionszentrum Soziale Arbeit in Wiesbaden diskutierten wir mit Promovend*innen über das Wissenschaftsverständnis, das unserem Buch „Doing Social Work“ zugrunde liegt. Marcel Schmidt merkte an, dass er in vielem Karl Popper nicht folge, dass dieser aber in seinen Lehrveranstaltungen „Was ist“-Fragen abgelehnt hat. Sie seien essentialistisch. Sie vereinfachen, entkontextualisieren, verdinglichen.

Doing Social Work – wie wird Soziale Arbeit hergestellt?

Wir fragen deshalb, wie Soziale Arbeit hergestellt wird. Diese Perspektive nehmen wir in unserem Buch „Doing Social Work“ ein, das wir zusammen mit Kathrin Aghamiri und Anja Reinecke-Terner herausgegeben haben. Mit dem heuristischen Begriff des Doing Social Work blicken wir auf Situationen Sozialer Arbeit als interaktive Konstruktionsleistung und konzeptualisieren damit, was wer denn mit wem in welchem Kontext unter welchen Bedingungen tut. Wir verbinden die oben benannten Zugänge, indem wir uns Situationen Sozialer Arbeit anschauen und fragen, wenn da Soziale Arbeit entsteht, was macht den Herstellungsprozess und dessen situatives Produkt ‚Soziale Arbeit‘ aus? Um eben dieses Entstehen von Sozialer Arbeit in der Praxis in den Blick zu bekommen, haben wir in dem Buch unterschiedliche ethnografischen Studien versammelt und deren Ergebnisse verglichen. Wie schon in unserer gemeinsamen Arbeit mit dem Datenmaterial unserer Dissertationen, haben wir ähnliche Phänomene in den unterschiedlichen Studien gesehen und –theoretisieren macht Spaß – in Kategorien formuliert. Kategorien, die versuchen zu fassen, wie das Handeln der Akteur*innen auf den Kontext Bezug nimmt: So müssen Sozialarbeiter*innen fortwährend in Ungewissheit entscheiden wenn sie überlegen, wie sie Risiken beurteilen, dabei Regelorientierung und individuelle Falleinschätzung abwägen und schließlich mehr oder weniger maßgeblich in ein Geschehen eingreifen. Nutzer*innen und Sozialarbeiter*innen bespielen Diffusitäten der sozialarbeiterischen Handlungssituation, die durch (auch) alltagsnahe Tätigkeiten oft nicht explizit als professionelle Interaktion erkennbar sind. Rollen oder Interaktionsregeln erscheinen oft verhandelbar und müssen ausgelotet werden. Zugleich, in Interaktionen, (be)nutzen Sozialarbeiter*innen Differenzkategorien, um Situationen zu typisieren, Hierarchien herzustellen oder Aus- und Einschluss in Institutionen Sozialer Arbeit zu begründen. Und schließlich schlägt sich Alltägliches disziplinieren vor allem in den Situationen durch, die nicht explizit als sozialarbeiterisches Handeln gerahmt werden, wie Essen oder Arbeiten, in denen sich das Herstellen von Ordnung im Sinne normgerechten Verhaltens als vorrangiges Ziel sozialarbeiterischer Intervention zeigt.

Mit diesen ersten Kategorisierungen möchten wir eine Theorie jenseits aller „Wünschbarkeit oder Nicht-Wünschbarkeit“ (Schütze) auf den Weg bringen, die versucht das auf den Punkt zu bringen, was Akteur*innen alltäglich tun. Damit werfen wir – zugegebenermaßen etwas hemdsärmelig – einem Großteil der als solche gelabelten und ständig wieder reproduzierten (großen) Theorien Sozialer Arbeit vor, sich mehr mit dem ‚Soll‘ als mit dem ‚Ist‘ zu beschäftigen. Eben dadurch entstehen Definitionen, die eher vernebeln als klären und insbesondere für Praktiker*innen wenig Anknüpfungspunkte bieten – außer zu erkennen, dass sie all die hehren Ziele praktisch nicht erfüllen. Die von uns konstruierten Modi der Herstellung Sozialer Arbeit sind sicher nur ein Anfang. Sie sollen diskutiert, verglichen, weiterentwickelt und verworfen werden. Wir möchten damit kein Gerüst einbetonieren, sondern dynamische Begriffsnetzwerke auf den Weg bringen. Trotz dieser Vorläufigkeit machen wir die Erfahrung, dass unsere Herangehensweise und die Kategorien zur Diskussion anregen. Das erkenntnistheoretische Dilemma (das war ein Thema der Diskussion im Promotionszentrum Soziale Arbeit in Wiesbaden) können auch wir nicht umgehen, dass wir immer schon einen Begriff von etwas haben müssen, um es zu erkennen (und ethnografisch zu beschreiben). Somit rückt in den Fokus unserer Betrachtung und Theoretisierung (nur) das, was wir vorher schon als Soziale Arbeit deuteten. Genau daher wünschen wir uns Diskussionsbeiträge, Studien, Kritik, die ergänzen, konkretisieren, den Fokus verschieben, neu sortieren, wiederlegen.  Denn zu fragen, wie Soziale Arbeit hergestellt wird, macht nicht nur Spaß, es scheint auch bei praktisch tätigen Sozialarbeiter*innen Zustimmung zu ernten. Wir hören ‚ja, das kenn ich auch‘ oder ‚dazu fällt mir eine Situation ein‘. Für Diana Bruski, erfahrene Sozialarbeiterin, eröffnet die Perspektive, Theorie von der Praxis aus zu denken, den Blick auf die ‚Räume dazwischen‘, den Blick auf ihre alltäglichen Praxen zwischen den großen Ansprüchen und den strukturellen Begrenzungen.

Einladung zur gemeinsamen Arbeit an einer dynamischen Theorie Sozialer Arbeit

Unser Ansatz, unser Buch ist als Einladung zur Diskussion zu verstehen: darüber, welchen Mehrwert empirische Forschungsergebnisse für die Theoriedebatte haben; wie empirisch Vorfindbares und theoretische Beschreibung zusammenhängen; wie legitime und gehörte Theorien zu Stande kommen (dürfen) und von wem sie formuliert werden; welche (verschiedenen) Arten von Theorien wir in der Sozialen Arbeit brauchen, und welche uns wofür nützen; welche Distanz oder auch Nähe zur Praxis nötig ist, um theoretische Strukturen zu erkennen und wie Theorien die Praxis bereichern. Vor allem möchten wir aber bestehende (und zukünftige) Ergebnisse aus empirischen Studien – gleich welcher Methodologien, Methoden, Forschungsstategien sie sich bedienen – zusammentragen und versuchen, diese zueinander in Bezug zu setzen. Ist es möglich ein Netzwerk von Kategorien zu spinnen, die auf unterschiedlichsten empirischen Ergebnisse basieren? Ist es möglich, so gemeinsam eine Theorie Sozialer Arbeit entstehen zu lassen, die Praxis Sozialer Arbeit dynamisch und prozesshaft fasst, laufend weiter entwickelt werden kann und die Diskussion in Praxis und Wissenschaft anregt?

Ein Ort hierfür ist die Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Soziale Arbeit am 22. und 23. November 2019 in Hannover. Unter dem Titel „Was Soziale Arbeit (aus)macht“  laden wir ein zum Präsentieren, Diskutieren, Vergleichen, aufeinander Beziehen von Forschungsergebnissen, kurz: zum Mitmachen.

 

Rebekka Streck und Ursula Unterkofler

 

 


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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1354179 2018-12-17T08:48:22Z 2018-12-17T08:53:11Z „Bist du stark genug für meine Paprika?“ Was unterscheidet Soziale Arbeit ohne und mit Gender Studies?

Gender Studies seien unnütz – dies ist immer häufiger und immer lauter zu hören. Entsprechende Lehrstühle, Institute, Studiengänge und Forschungsprojekte werden zu ideologischen Kaderschmieden erklärt, in denen eine feministische Weltherrschaft vorbereitet würde, statt seriöse Wissenschaft zu betreiben. Jeder Cent öffentlicher Förderung sei einer zu viel. Tatsächlich hat die ungarische Regierung kürzlich die Gender Studies aus der Liste der zugelassenen Studiengänge gestrichen. Auch hierzulande scheint die Lobby für entsprechende Maßnahmen zu wachsen, zumindest verschafft sie sich mehr öffentliches Gehör.    

Doch welche Folgen hat es eigentlich, wenn ein Berufs- und Wissenschaftsfeld wie Soziale Arbeit nicht (mehr) auf Genderwissen zurückgreift – weil dieses für obsolet erklärt wird – oder zurückgreifen kann – weil es demontiert und nicht mehr weiterentwickelt worden ist? Was passiert konkret, wenn die „Zukunftsvision einer gender-freien Wissenschaft und Praxis“ sich erfüllt?

Wir wollen dies modellhaft durchspielen an einer Fallvignette aus dem Berufsfeld der Sozialen Arbeit. Fresia Klug-Durán hat sie in einem Beitrag zur Bedeutung des Essens in der Sozialpädagogischen Familienhilfe dokumentiert, der 2009 im Sammelband „Erst kommt das Fressen! Über Essen und Kochen in der Sozialen Arbeit“ erschien (S. 85 - 97). Die Autorin schildert den Fall mit den üblichen Angaben zum Geschlecht der beteiligten Personen, was bereits widerspiegelt, dass Geschlechtszugehörigkeiten offenbar für das Fallverstehen von Bedeutung sind.

Wir schreiben diese Fallvignette vor dem Hintergrund der kritischen Debatten zu den Gender Studies um und löschen sämtliche Geschlechter-Informationen, um auszuprobieren, was dann passiert. Wie wird also die Problemsituation einer Familie, die Adressatin Sozialer Arbeit ist, ‚geschlechtsfrei‘ erzählt? 

Familie Yildiz wird von zwei Fachkräften der Familienhilfe unterstützt. Der eine Elternteil hat Depressionen, zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, leiden unter psychosomatischen Symptomen, zwei weitere Kinder, 16 und 17 Jahre alt, fallen außerhalb der Familie durch Aggressivität auf und kommen zeitweise nachts nicht mehr nach Hause. Die Eltern suchen mehrmals wöchentlich nachts nach eines dieser Kinder. Auftrag der Familienhilfe ist zunächst, sich einen Einblick in das Familienleben zu verschaffen und Hypothesen für das nächtliche Fernbleiben der Jugendlichen zu entwickeln. Erst im Verlauf der Hilfemaßnahme werden Hinweise auf eine psychische Erkrankung auch des anderen Elternteils sichtbar.

Die eine Fachkraft der Familienhilfe kommt einmal in der Woche vormittags zur Familie nachhause, um mit dem einen Elternteil zu sprechen. Die Kinder sind in dieser Zeit in der Schule. Der andere Elternteil, der im Schichtdienst arbeitet, ist während dieses Besuchs entweder an der Arbeit oder er schläft. Gegen Ende des Termins kommen einzelne der Kinder von der Schule zurück, der andere Elternteil bereitet sich manchmal für die Arbeit vor. Die Gespräche mit dem einen Elternteil drehen sich um die Familie, Erziehung der Kinder und seinen Sorgen. Sie finden in der Küche statt, während man gemeinsam frühstückt und er später seine alltäglichen Küchenarbeiten erledigt wie Geschirrreinigung und Kochen. Der andere Elternteil toleriert die Anwesenheit der Fachkraft nur unter diesen Bedingungen.  

Die andere Fachkraft der Familienhilfe betreut eine der jugendlichen Kinder der Familie. Wenn sie sie zuhause zu einem Termin abholt, hält sie sich bewusst einen Moment in der Familie auf, um Gelegenheiten für Gespräche zu schaffen. Dem anderen Elternteil ist sie suspekt. Weil er sich jedoch nicht mehr zu helfen weiß bei seinen Kindern, akzeptiert er sie. Die kurzen Zusammentreffen nutzt dieser Elternteil jedes Mal, um die Fachkraft aufzufordern, mit ihm scharfe Paprika zu essen. Er bereitet die Paprika dann auf dem Elektrogrill zu und betont dabei, wie gut seine Paprika sei und wie hervorragend er sie zubereite. Die Aufforderung wird von Mal zu Mal provokanter: „Bist du stark genug für meine Paprika? Bist du ein Mensch? Wie viele Paprika isst du? ... ha, ha! Ich esse mehr scharfe Paprika, ...“ Auch die Kinder werden von diesem Elternteil gefragt, wer ihrer Meinung nach mehr scharfe Paprika essen könne. Die Fachkraft isst zum Ausdruck der Wertschätzung der elterlichen Zubereitungsleistung eine Paprika, lobt sie und betont ausdrücklich, dass sie wirklich sehr scharf sei und dass sie keine weitere essen könne. Der Elternteil freut sich darüber und wirkt beruhigt.

Auch ohne irgendeinen Hinweis zur Geschlechtszugehörigkeit der Akteur_innen des Falls wird deutlich, dass es hier einer Familie nicht gut geht und Handlungsbedarf besteht. Sowohl die vier Kinder zeigen Belastungssymptome als auch die Eltern. Zudem werden Spannungen zwischen den Eltern sichtbar: Das Angebot der Familienhilfe wird von beiden Elternteilen höchst unterschiedlich angenommen. Während ein Elternteil schnell ein kooperatives Arbeitsbündnis mit der für sie zuständigen Fachkraft eingeht, erlebt der andere Elternteil die Familienhilfe eher als Gefahr für die herrschende Familienordnung. Er reagiert aggressiv und versucht, die eigene Machtposition demonstrativ zu sichern. So diktiert dieser Elternteil erfolgreich die Bedingungen, unter denen die Familienhilfe überhaupt mit seinem_r Ehepartner_in arbeiten darf. Zudem inszeniert er mit der Paprika vor den Augen der gesamten Familie einen Wettkampf mit einer der beiden Professionellen, bei der diese unterliegt. Dass dieses Spiel nicht nur eine singuläre Episode ist, sondern sich jedes Mal vollzieht, wenn die Fachkraft in der Familie erscheint, verweist auf den hohen Druck, unter dem dieser Elternteil steht.

Für den Einsatz der Familienhilfe offenbaren sich damit diverse wichtige Ansatzpunkte. Zum ersten muss reflektiert werden, wie sich die Professionellen in dem elterlichen Machtverhältnis positionieren, um den beruflichen Auftrag gut erfüllen zu können. So wie es in der Fallvignette aussieht, fügen sie sich relativ reibungslos als ‚Unterlegene‘ ein. Sie lassen das Dominanzgebaren des einen Elternteils zu, während sie mit dem anderen – unterlegenen – Elternteil gut zusammenarbeiten. Dies kann funktional sein, wirft aber auch die Frage danach auf, was mit dem beruflich-strategischen Verzicht auf eine machtvolle Selbstinszenierung eventuell verspielt wird.

Zum zweiten ist darüber nachzudenken, wie für den ‚mächtigen‘, aggressiven Elternteil der Stress reduziert werden kann, um sich perspektivisch möglicherweise produktiver auf das Hilfeangebot einzulassen. Zum dritten ist schließlich auch kritisch zu fragen, warum das nächtliche Fernbleiben der älteren Kinder in der Familie mehr institutionelle und familiale Aufmerksamkeit erfährt als die psychosomatischen Leidenssymptome der jüngeren. Deuten sich hier weitere – geschwisterliche – Machtverhältnisse, bei denen Familienhilfe wachsam sein muss, um dies nicht zu reproduzieren?

Soweit die erste geschlechtsfreie Fallanalyse. Was verändert sich nun, wenn Wissensbestände der Gender Studies aktiviert werden?

In diesem Moment wird zugänglich, dass die herausgearbeiteten virulenten Macht- und Konfliktverhältnisse innerhalb der Familie und zwischen Professionellen und Familie auch mit Geschlechterordnungen zu tun haben. Erkennbar wird, dass bereits die Krisensymptome der Geschwister von Geschlechtersymboliken gezeichnet sind. Es sind nämlich die Töchter, deren Leiden sich in psychosomatischen Störungen manifestiert, und es sind die Söhne, deren Leiden sich in spektakulärer Rebellion gegen Verhaltensnormen Bahn bricht. Alle Kinder versuchen also, die bedrückenden familialen Generationenkonflikte irgendwie zu bewältigen, gleichzeitig bearbeiten sie dabei ihre hierarchischen Geschlechterpositionen: die Mädchen verhalten sich relativ still und defensiv mit ihrer Artikulation des eigenen Unwohlseins, die Jungen aktivieren sehr viel wirkungsvoller elterliche – und institutionelle – Ängste und Fürsorge. Dies alles wirft die Frage danach auf, wie den Geschwistern geschlechtskonforme, aber weniger destruktive Räume der Artikulation von Nöten eröffnet werden können.  

Beim Blick auf die Eltern wird wiederum begreifbar, dass beide stark in geschlechterspezifischen Normalitätszwängen gefangen sind. Während der Mutter die Position der Hausfrau vorbehalten ist, die dem Patriarchen untersteht, muss der Vater das Geld für die Familie in belastender Schichtarbeit erwirtschaften und seine Dominanz sichern. Dies gibt der Arbeit der Familienhilfe einen weiteren Entwicklungsimpuls. Denn wenn es gilt, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu verbessern, muss es auch darum gehen, beiden Elternteilen soziale und geschlechtliche Anerkennung zu verschaffen, die nicht mehr an Über- und Unterordnung gebunden ist, die für beide letztlich zerstörerisch ist.       

Der in diesem Fall tätige Träger der Familienhilfe hat im Übrigen ganz bewusst aus geschlechterfachlichen Gründen ein gemischtgeschlechtliches Team in die Familie geschickt: die weibliche Fachkraft soll mit der Mutter der Familie arbeiten, die männliche mit dem Sohn der Familie. Dahinter steht die Überlegung, dass bei der Mutter zu erwarten ist, dass sie sich leichter auf eine weibliche Familienhelferin einlassen kann. Dies löst sich ja auch ein. Da die Beratungssituation mit der Mutter an die vertrauten Routinen privater Frauen und Nachbarschaftskultur anknüpft, erweist sie sich für Frau Yildiz niedrigschwellig. Bei dem Sohn ist demgegenüber zu erwarten, dass das Beziehungsangebot eines männlichen Familienhelfers günstiger ist. Er ist damit davon befreit, sich als junger – also im Generationenverhältnis unterlegener – Mann gegenüber einer erwachsenen Frau als der Überlegene ausweisen zu müssen.

Gleichwohl potenziert sich aber für den Vater durch die Männlichkeit des Familienhelfers der Stress. Seine familiale Dominanzposition, die sich aus der Generationen- und Geschlechterasymmetrie nährt, ist durch den weiteren männlichen Erwachsenen im Familiengefüge gefährdet. Die neue Konkurrenz ist umso brisanter für ihn, als sein Status bereits durch die Auffälligkeiten seiner Kinder erheblich angegriffen ist. Von daher ist es letztlich der aus der Perspektive des Sohnes notwendige Einsatz des männlichen Professionellen, der dann einen ‚renitenten‘ Vater für die Soziale Arbeit hervorbringt.

Dies alles zeigt: Die Antworten dazu, wie Menschen in Schwierigkeiten in geeigneter Weise professionell geholfen werden kann, sind nicht einfach. Dies gilt auch dann, wenn Erkenntnisse der Gender Studies für die Entwicklung von Lösungen genutzt werden. Aber mit diesen Erkenntnissen werden zumindest die Möglichkeiten des Fallverstehens wie auch berufliche Handlungsspielräume erweitert, was wiederum die Chancen erhöht, die Passgenauigkeit der Praxis für die Adressat_innen zu erhöhen.  Gender Studies in der Sozialen Arbeit zu nutzen bereitet also nicht den feministischen Umsturz der Weltordnung vor, sondern ist schlicht und sachlich ein Gebot qualifizierten Arbeitens – nicht mehr und nicht weniger.

 

Ein Kommentar der Fachgruppe Gender der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit zum Aktionstag #4genderstudies am 18.12.2018  

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1352465 2018-12-12T13:10:09Z 2018-12-12T13:10:10Z Die DGSA im Jahr 2018 - ein Rückblick

Ende des Jahres ist in vielen Bereichen ein guter Zeitpunkt, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen. Auch wir als Vorstand wollen auf das vergangene Jahr zurückblicken und einige Highlights und besondere Entwicklungen für die DGSA nochmals in den Blick nehmen. 

Das Herzstück der DGSA sind die Fachgruppen und Sektionen, in denen mit viel Engagement und Sachverstand an der Weiterentwicklung der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit gearbeitet wird. Einen guten Einblick in diese Arbeit geben die zweimal im Jahr publizierten Berichte aus der Fachgruppen- und Sektionsarbeit im Newsletter. Diesen erhalten die Mitglieder der DGSA nun seit zwei Jahren als Beilage zur Zeitschrift Soziale Arbeit. Sie finden die (alten) Ausgaben aber auch immer auf der Webseite hinterlegt. Die Kontinuität in der Arbeit über die Jahre hinweg, die in den Fachgruppen und Sektionen vorhanden ist, ist außerordentlich bemerkenswert. 

Die DGSA hat mit nun die Grenze von 700 Mitgliedern überschritten. Das ist beeindruckend, wenn bedacht wird, dass noch vor fünf Jahren „nur“ 350 Mitglieder eingetragen waren. Eine Verdoppelung in nur fünf Jahren! Dies stellt aber natürlich auch die Organisation und Betreuung der Mitglieder vor immer neue Herausforderungen. An dieser Stelle ein großer Dank an die Geschäftsstelle, Frau Weimar, dass sie diese Mehrarbeit so professionell bewältigt. 

Wie in jedem Jahr wird bei den Jahrestagungen der DGSA dieses Wachstum und damit auch die Vielfalt der Fachgesellschaft deutlich. In Hamburg nahmen knapp 600 Personen teil, die sich in ca. 50 Panels mit rund 160 Referierenden über Demokratie und Soziale Arbeit auseinandersetzten. Dies war die bislang größte Jahrestagung der DGSA. Wir sind als Vorstand in intensiven Diskussionen, was dieses Wachstum auch für die interne Organisation der Fachgesellschaft bedeutet, weil es natürlich auch neue Herausforderungen mit sich bringt. Wird die Mitgliederstruktur der DGSA betrachtet, so werden zwei Trends seit Jahren deutlich. Zum einen scheint es mittlerweile für viele in der Sozialen Arbeit neuberufene Professorinnen und Professoren selbstverständlich zu sein, in die DGSA einzutreten. Zum anderen gibt es auch viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Forschungskontexten arbeiten und sich in und durch die DGSA vernetzen. Deshalb freuen wir uns als Vorstand ausdrücklich, dass in 2018 vor der Jahrestagung eine zweitägige Pre-Konferenz junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stattgefunden hat, die selbstorganisiert ihre eigenen Themenschwerpunkte setzte. In 2019 wird dieses Format fortgesetzt und wir unterstützen dies gerne. 

Wir haben uns vorgenommen, dass wir uns als DGSA verstärkt in den (fach-)öffentlichen Diskurs einmischen wollen. Entsprechend hat sich die DGSA in die Debatte um Flucht und Asyl mit einem Positionspapier eingebracht, das als offener Brief an die Bundesregierung und die Bundestagsfraktionen versendet wurde. In den kommenden Wochen wird eine Positionierung des Vorstands der DGSA zur Debatte um Qualitätskriterien für Studiengänge veröffentlicht, die wir anlässlich der Debatte um duale, trägernahe oder private Studiengänge auf der Grundlage einer eigenen Erhebung erstellt haben. Und auch zur Frage des Promotionsrechts an FHs/HaWs wird sich der Vorstand äußern. Damit wollen wir ein Signal der Positionierung der Sozialen Arbeit in fachinternen, aber eben auch im gesellschaftlichen Diskurs leisten. Und auch die Fachgruppen und Sektionen positionieren sich immer wieder in gesellschaftlichen Diskursen durch öffentliche Stellungnahmen und tragen so zu einem sichtbaren Profil der DGSA bei. 

Die Wissenschaft Soziale Arbeit entwickelt sich auch im Bereich der eigenständigen Forschung weiter. Die Bedeutung und die Vielfalt von Forschungsaktivitäten – insbesondere bei den Mitgliedern der DGSA – wurde im Auftrag des Vorstands Anfang 2018 erhoben. Die Ergebnisse wurden nun in der Sozialen Arbeit Heft 12/2018 (Sommer/Thiessen 2018), das allen Mitgliedern zugeht, publiziert. Ein wesentlicher Befund ist der hohe Anteil grundlagenbezogener Forschungsanteile. Auch auf dieser Basis haben wir uns als Vorstand bemüht, die Positionierung der Wissenschaft Soziale Arbeit bei den großen Forschungsförderungsorganisationen zu stärken. Dass dies ein dickes Brett ist, was gebohrt werden will, ist uns dabei bewusst. Und auch, wenn wir momentan diesbezüglich noch nicht erfolgreich waren, hoffen wir, dass sich die vielen Hintergrundgespräche und Initiativen auf ganz unterschiedlichen Ebenen in der Zukunft auszahlen werden. Um die fachliche Hoheit in forschungsethischen Fragestellungen sicherzustellen, hat die DGSA ebenfalls in diesem Jahr eine eigenständige Forschungsethikkommission etabliert, die Ethikgutachten für empirische Forschungsprojekte erstellt. 

Der Blick zurück ist zugleich auch ein Blick nach vorn: Wir werden dynamisch in das 2019 starten und uns weiter dafür einsetzen, Disziplin und Profession Sozialer Arbeit zu stärken. Bei der Jahrestagung Ende April in Stuttgart werden wir nicht nur gemeinsame fachliche Debatten voranbringen, sondern auch das 30-jährige Jubiläum der DGSA feiern. 

Ihnen allen eine erholsame Winterpause und einen guten Start ins neue Jahr!


Der Vorstand der DGSA


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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1346091 2018-11-21T12:27:46Z 2018-11-21T12:28:26Z Vom (Nach-)Denken

Als mich die Anfrage der Social-Media-Beauftragten der DGSA erreichte, ob ich Lust und Zeit hätte, etwas für den Blog der DGSA zu schreiben, war ich nicht nur positiv überrascht, dass „die Macher*innen“ mich überhaupt gefunden hatten, ich freute mich besonders, dass sie mir die Gelegenheit geben wollten, zumindest einen Teil meiner Gedanken mit den Leser*innen zu teilen. „Zu welchem Thema soll ich denn schreiben?“, fragte ich die Verantwortliche. „Das Thema können Sie im Grunde frei wählen (irgendwie Pre-Con)“, kam prompt als Antwort. Und ich sagte kurzentschlossen zu. Und damit begann die Herausforderung… Was würden die Leute denn hören, bzw. lesen wollen? Wozu wollte ich mich denn eigentlich äußern? Und wie konnte ich das mit der Pre-Con verbinden?

Die Anfrage fiel (glücklicherweise) mit dem Semesterstart zusammen und so konnte ich sie zunächst einmal auf die lange Liste der Dinge schieben, die ich so nebenbei noch machen wollen würde, wenn es der ganz normale Alltags-Wahnsinn des beginnenden Semesters mal zulassen würde. Begleitet hat mich die Frage danach, was ich hier aufschreiben werden würde dennoch permanent. Wie eine unsichtbare Fliege schwirrte sie in meinem Kopf umher und trieb mich um. „Irgendwie Pre-Con“, säuselte sie mir immer wieder mal ins Ohr.

„Pre-Con“, gemeint ist die erste Vorkonferenz für den „wissenschaftlichen Nachwuchs“ der Sozialen Arbeit im Vorfeld der DGSA Jahrestagung 2018. Den Begriff „wissenschaftlicher Nachwuchs“ benutze ich trotz der Infantilität, die durch ihn tendenziell transportiert wird. Denn zugegebenermaßen hat sich der „wissenschaftliche Nachwuchs“ der DGSA, mich eingeschlossen, zwar getroffen und sich unter anderem mit diesem Begriff kritisch auseinandergesetzt. Doch ersetzen konnten wir die Formulierung bis dato nicht. Immerhin haben wir ein Netzwerk gegründet, um den Austausch fortzusetzen.

Kritische Auseinandersetzung, miteinander reden und diskutieren, vernetzen und Ideen entwickeln… da haben wir ja alles richtig gemacht, denn genau das, war das Ziel der ersten Vorkonferenz für die Promovierenden und Promotionsinteressierten in und aus der Sozialen Arbeit im Jahr 2018 in Hamburg. „Ich war dabei!“ Sich mit Menschen auszutauschen, die in ähnlichen beruflichen Phasen steckten wie ich, die aber gleichzeitig auch aus meiner Profession kamen – großartige Idee! Und gleichzeitig, durch die Öffnung der Pre-Con für Promotionsinteressierte, auch die Möglichkeit bot, andere „Nachwuchsler*innen“ für wissenschaftliches Denken und Arbeiten als einen Bestandteil der Sozialen Arbeit zu begeistern, sie zu ermutigen, den Schritt der Promotion zu wagen, das war doch eine geniale Idee! Da musste ich einfach hin.

Daran musste ich denken, als ich zu Beginn des Semesters wieder vor einer Gruppe von „Erstis“ im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit stand, die ich mit einem Seminar zur „Einführung in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten“ beglücken durfte. Und manch eine*r mag bei der Formulierung „beglücken“ schmunzeln oder aber die Stirn runzeln. Aber ist es nicht wirklich ein Glück, in der Arbeit zum intensiven Nachdenken aufgefordert zu sein und anderen den nötigen Raum schaffen zu können, dasselbe zu tun? Das Seminar gibt mir die Möglichkeit, einige Studierende der Sozialen Arbeit gleich von Beginn des Studiums an für die Wissenschaft zu begeistern. Darunter verstehe ich zunächst einmal, sie zu ermutigen, Fragen zu stellen, vor allem scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und sich kritisch mit vermeintlich unumstößlichen Gegebenheiten und behaupteten Tatsachen auseinanderzusetzen. Und egal, ob sie nach dem Studium mal in der Wissenschaft oder einem anderen Arbeitsfeld „landen“, die Kompetenz und auch der Mut, Fragen zu stellen und Dinge zu hinterfragen, werden hoffentlich den/die eine*n oder andere*n weiterhin begleiten.

Und ist es nicht das, worum es im Grunde nicht nur auf der Vorkonferenz und in der Gruppe des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern auch in jedem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit geht? Geht es nicht genau darum, die Augen offen zu halten und neugierig zu sein? Geht es nicht darum, den Mut zu haben, Dinge, z.B. soziale Ungleichheiten, hemmende Rahmenbedingungen und strukturelle Schwierigkeiten aufzudecken, zu thematisieren und zu kritisieren? Und das sowohl in der Praxis, als auch der Lehre sowie der Forschung und Wissenschaft. Sollte das Denken und Fragen also nicht eine Grundkompetenz des, wo auch immer hinterher arbeitenden Nachwuchses der Sozialen Arbeit sein? Ich würde sagen: Unbedingt!

Und was machen die Sozialarbeiter*innen dann mit ihren Gedanken und konkreten Ideen, mit ihren Befürchtungen und ihrem Ärger? Im besten Falle teilen sie diese mit Kolleg*innen, tauschen sich über Beobachtungen und Fragen aus, diskutieren sie gemeinsam und entwickeln Lösungsansätze innerhalb der Sozialen Arbeit und vielleicht auch darüber hinaus.

Und da schließt sich der Kreis meiner Gedanken und ich komme wieder zurück zur Vorkonferenz, nun schon 2.0 für Promovierende und Promotionsinteressierte der Sozialen Arbeit, die ich mit diesem Beitrag ankündigen darf. Auch 2019 in Stuttgart wird der Austausch, die kollegiale Beratung und das knüpfen von Kontakten wieder im Zentrum stehen – so viel sei schon mal verraten. Im Fokus stehen die Forschungsideen und -projekte des „wissenschaftlichen Nachwuchses“, die gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden sollen. Wir sind schon jetzt mehr als neugierig auf die Promotionsvorhaben, Fragen und Anregungen, die mit- und eingebracht werden.

Das Thema der Jahrestagung der DGSA „Wandel der Arbeitsgesellschaft – Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ wird uns am Rande auch beschäftigen. Wieso, weshalb, warum und wie, diese Fragen bleiben vorerst offen, lassen Raum für kreatives Nachdenken und werden sich spätestens am 25. und 26. April 2019 in Stuttgart klären, wenngleich im Sinne der Wissenschaft: wohl nie vollständig.

 

Weitere Infos und den Call zur Pre-Con 2019 gibt es hier!

 

Eva Maria Löffler, M.A. Soziale Arbeit

Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Fachgebiet für Lebenslagen und Altern, Institut für Sozialwesen, Universität Kassel

Mit-Organisatorin der Vorkonferenz im Rahmen der DGSA Jahrestagung 2019

 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1318213 2018-09-04T11:09:35Z 2020-01-26T15:21:13Z Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Die rasante technische Entwicklung ist nicht mehr zu übersehen, digitale Geräte sind in jedem Haushalt zu finden und die Auswirkungen auf die Individuen und die Gesellschaft zeigen sich deutlich. (vgl. JIM-Studie 2017). 

Dadurch verändern sich auch die Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit. War vor einigen Jahren die Digitalisierung im sozialen Bereich noch Sache der Medienpädagogik, kann sich nun, bedingt durch die Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitalen Medien, die Soziale Arbeit nicht mehr auf diese Expert*innen verlassen. Sozialarbeiter*innen müssen selbst aktiv werden. 

Aktuell verändern sich klassische Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit drastisch, es kommen aber auch neue Arbeitsbereiche hinzu, die noch kaum Beachtung gefunden haben.

Ein paar Beispiele: 

Schulsozialarbeit hat nahezu täglich mit Onlinemobbing, Onlinestress, exzessiver Mediennutzung, Sexting (Verbreiten von Nacktfotos) und klassischen Medienerziehungsthemen zu tun. Sozialarbeiter*innen sollen sich dieser Probleme annehmen. 

Im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes spielen Computerspiele, Pornographie im Netz und Cybergrooming eine große Rolle. 

Doch Digitalisierung ist längst kein Kinder- und Jugendthema mehr. Auch Teilhabe von Senioren, Inklusion und Partizipationsprozesse können über digitale Medien ermöglicht oder verbessert werden. Digitale Medien bieten viele Chancen für die Soziale Arbeit, die oft noch ungenutzt bleiben. 

Hinzu kommt die gesellschaftliche Ebene: Meinungsbildung findet im Netz statt, Hetze und Rassismus können durch das Internet verbreitet und gefördert werden. Daten können ausgewertet werden – es gibt bereits erste Gedankenexperimente eine Art „predictive social work“ zu installieren. Also durch Datenauswertung, ähnlich wie beim „predictive policing“, bei dem die Polizei an Orten Präsenz zeigt, die durch einen Algorithmus vorgegeben werden, Soziale Arbeit schon zu installieren, bevor etwas passiert. Was sich zunächst gut und sinnvoll anhört, ist natürlich im Zuge der persönlichen Freiheit und Entwicklungsfähigkeit der Individuen kritisch zu hinterfragen. Datenanalysen sind selten neutral, künstliche Intelligenz kann nur mit bereits vorhandenen Daten trainiert werden. Diese spiegeln häufig vorhandene gesellschaftliche Strukturen wieder. So kann künstliche Intelligenz z.B. Sexismus fördern (vgl. auch Rob LoCascio). 

In den USA sollen Internetfilter auf schulischen Geräten z.B. Suizidabsichten erkennen und dann Schulsozialarbeiter informieren. 

Die Veränderung der Arbeitswelt durch Digitalisierung und der damit verbundene Wegfall bestimmter Arbeitsplätze stellt Soziale Arbeit vor eine andere große Herausforderung. Wie gehen wir mit Menschen um, die durch Digitalisierung ihre Arbeit verlieren? Betroffen sind hier nicht nur Personen aus dem Niedriglohnsektor, sondern auch gut bezahlte und gesellschaftlich angesehene Jobs. Der Begriff der Risikogesellschaft bekommt so eine neue Dimension. Die Definition des eigenen Wertes in unserer Gesellschaft über die Arbeit muss hier in Frage gestellt werden.  Sind z.B. politische Veränderungen im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens sinnvoll? 

Zu all dem kommen völlig neue Arbeitsfelder, z.B. im Bereich des e-sport (elektronischer Sport). Jugendliche wollen die Schule hinschmeißen, um e-sportler zu werden, gescheiterte e-Sportler müssen betreut werden und ähnlich wie in Fußballvereinen ist eine Fanbetreuung zwingend angebracht. In skandinavischen Ländern ist es beispielsweise normal, dass Schulen eine e-sport Mannschaft haben und dies auch als pädagogisches Mittel nutzen. 

Es ist zu sehen, dass die Digitalisierung weitreichende Veränderungen für die Soziale Arbeit mit sich bringt. Deshalb muss sich die Profession diesen Fragen stellen, bestimmen, wo sie Ihre Verantwortung sieht und wie die Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeiter*innen entsprechend gewährleistet werden kann. 

Ich freue mich besonders, dass die DGSA als Thema für ihre Jahrestagung 2019 den Wandel der Arbeitsgesellschaft gewählt hat. Die u.a. durch die Digitalisierung bedingten Veränderungen werden hier aufgegriffen und diskutiert. Ein guter Anfang, um sich den weitreichenden Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Profession zu nähern. 

Ein Gastbeitrag von 

Prof. Dr. Angelika Beranek von der Hochschule München

 

Prof. Dr. Angelika Beranek ist Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Hochschule München. Sie hat jahrelange praktische Erfahrung in der medienpädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen und ist Mitgründerin der Digitalen Helden. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit reichen von digitalen Spielen, Onlinemobbing, exzessiver Mediennutzung bis hin zu gesellschaftlichen und medienethischen Fragestellungen der Digitalisierung.

 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1300752 2018-07-07T13:17:01Z 2018-07-08T13:15:03Z „Draußen sterben die Leut‘“

Ob man aus der Perspektive eines „langen Sommers der Migration“ (Sabine Hess et al.) oder auch eines „kurzen Sommers der Barmherzigkeit“ (Paul Mecheril) auf das Jahr 2015 schaut – drei Jahre später scheinen die europäischen Gesellschaften weit entfernt von einer positiven Sicht auf Migration, von offenen Armen und Willkommen.

„Draußen sterben die Leut‘“, so hat die taz am 03.07.18 getitelt. Wir sind in einer Situation, in der selbst die zivile Seenotrettung der NGOs von der Wucht der europäischen Staatsmächte getroffen wird. Sie werden angegangen, lahmgelegt und angeklagt, mit dem Ziel sie systematisch davon abzuhalten, Leben zu retten, mit dem Ziel den zivilgesellschaftlichen Mut auszuschalten und mit dem Ziel, die Menschen sterben zu lassen.

Und zugleich und ganz nach innen gerichtet, soll das Recht, Rechte zu haben (Arendt), sterben. Der Koalitionskrach zwischen CDU/CSU bzw. zwischen Herrn Seehofer und Frau Merkel stellt den vermeintlichen Höhepunkt im „Asylstreit“ dar. Was jetzt in der Diskussion um Transitzentren als neu und Eskalation daherkommt, ist aber schon seit Jahren gemeinsame politische Linie und Realität der Parteien, unter dem Strich nun eben realisiert mit verteilten Rollen von bad guy und good woman. Es setzt die Linie der migrationspolitischen Maßnahmen fort, die unter der Merkel-Regierung verabschiedet wurden, der Ausbau von Exklusionen und von rassistischer (Infra)Struktur findet in der absurden Debatte um Transitzentren seinen traurigen Höhepunkt. Naja, bestenfalls ist es der Höhepunkt, denn wir wissen ja nicht, was noch kommen wird. 

Und dabei geraten andere Themen im Kontext Flucht völlig aus dem Blick. Einige, die auch für die Soziale Arbeit folgenreich sind, möchte ich hier benennen: 

1. Die tatsächliche, oft hochprekäre bis aberwitzige Situation in der sich viele Geflüchtete in der Bundesrepublik befinden.

2. Der postkoloniale Habitus, in dem sich deutsche Politik wie selbstverständlich bewegt. 

3. Die Belastungen, in die Sozialarbeiter_innen und freiwillig Engagierte getrieben werden – und zwar nicht durch die geflüchteten Menschen, sondern aufgrund der massiven Rigidität der Asylpolitik, der Engstirnigkeit und der engen Auslegung in Entscheidungen über das Bleiben, über die Arbeitsaufnahme usw., selbst in Fällen, in denen es genügend Spielräume gibt. Was 2015/2016 auch an unkonventionellen Lösungen möglich war, hat sich heute häufig wieder in den alten Modus behäbiger Bürokratie und engstirniger Auslegung zurechtgeruckelt.

4. Die Zunahme von Rassismus und von rechtsextremistisch motivierter Gewalt und Einstellungen. Es ist Folge genau jener Politiken, die das, was öffentlich sagbar und vernehmbar ist, in den letzten zwei Jahren und verstärkt in den letzten Monaten extrem nach rechts verschoben hat. 

 

Ein Beispiel, in dem diese vier Punkte sich in der Geschichte einer Person widerspiegeln, ist der Fall einer jungen Düsseldorferin: 

Zu1. Die junge Frau, die, 2015 aus Albanien geflüchtet, in einer Containerunterkunft in Düsseldorf lebt und ihren Bruder, der eine Behinderung hat, versorgt, hatte eine Ausbildung zu Altenpflegerin begonnen. Im Nachhinein wurde behördlich festgestellt, dass sie wohl nach dem Stichtag 31.08.2015 registriert worden war. Als sie im Juli 2015 nach Deutschland kam, waren die Behörden voll und die Schlangen lang. Für eine Person aus einem so genannten „sicheren Herkunftsland“ wird dies, so will es das Integrationsgesetz, zum Grund, sie aus der Ausbildungsduldung auszuschließen. Die Konsequenz für sie: Sie musste die Ausbildung umgehend beenden. Statt einer zumindest für einige Jahre gesicherten Zukunft, droht ihr nach drei Jahren im Container Deutschland mit nahezu perfekten deutschen Sprachkenntnissen und mit einer begonnenen Ausbildungsstelle nun endgültig die Abschiebung.

Zu 2. Die Antwort von Jens Spahn auf die Mangelsituation an Pflegekräften sieht indes vor, junges Personal, das in Albanien ausgebildet wurde, nach Deutschland zu rekrutieren, denn „dort ist die Ausbildung häufig besser, als wir denken“, wie in der Welt vom 01.07.18 von Herrn Spahn zu vernehmen ist. Ob wir das nun als Brain-Drain oder als Global Care Chain bezeichnen, die Selbstverständlichkeit mit der „wir“ die einen anwerben und die anderen nicht ausbilden und zudem noch abschieben zeigt eine unfassbar selbstverständliche Haltung der Überlegenheit, aus der heraus „wir“ uns aussuchen, wen und was „wir“ wollen. 

Zu 3. Gleichzeitig setzt sich der Arbeitgeber (in dem Fall die Caritas) für die junge Frau ein und versucht, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die noch bleiben, um ihr das Bleiben und eine Fortsetzung der Ausbildung zu ermöglichen. Statt also einen Menschen mit Motivation für die Pflege alter Menschen in der Einrichtung zu haben, muss Soziale Arbeit die Grundlage wiederherstellen, überhaupt arbeiten zu können.  

Zu 4. Das direkte Nachbarhaus der Containerunterkunft, in der die junge Frau nun auf ihre Abschiebung warten muss, ist demonstrativ (und nicht nur zu Zeiten der WM) mit riesigen Deutschlandfahnen bestückt.

Insgesamt ist es wichtiger denn je, dass wir das politische Mandat Sozialer Arbeit ernst nehmen. Wir müssen sie als eine gesellschaftliche Kraft positionieren, die nah am Thema Flucht, an den Menschen und an den Folgen migrationspolitischer Entscheidungen ist. Es ist eigentlich nie, und jetzt gerade nicht, die Zeit dafür, in aller Bescheidenheit nur seine Fallberatungen zu machen. Nicht „nur“ die Geflüchteten sind betroffen, es sind wir alle. Es ist die Solidarität, die untergraben werden soll, wie es die Angriffe auf die zivile Seenotrettung nun in aller Deutlichkeit zu Tage bringt. Und es ist auch Soziale Arbeit mit ihren Grundprinzipien, die direkt angegangen wird. Vermehrt lassen sich zur Zeit Vorstöße direkter politischer und behördlicher Einflussnahme auf die Tätigkeiten der Sozialarbeiter_innen und damit einhergehende Beschränkungen der Grundprinzipien Sozialer Arbeit, zeigen. So z.B. im Schreiben des bayrischen Sozialministeriums an die Asylberatungsstellen, ihre Rechtsberatung auf das Ziel der „freiwilligen Rückkehr“ auszurichten – ansonsten drohe der Entzug der Mittel. Es sind die Versuche des Entzugs von Rechten und Aufgaben Sozialer Arbeit, und der Einschränkung des Personals gerade im Bereich Flucht. Es sind die Versuche der Indienstnahme Sozialer Arbeit für ordnungspolitische Zwecke, wenn die Polizei Sozialarbeiter_innen auffordert, mit Informationen zur Abschiebung ihrer Adressat_innen beizutragen.

Die gesellschaftlichen Kräfte, die für eine solidarische und soziale Gesellschaft stehen, werden, und das ist die gute Nachricht, gerade wieder sichtbarer. Sie analysieren die vorhandene Situation wachsam, nutzen Spielräume und kämpfen für erweiterte Spielräume. Ich freue mich sehr über die vielen Stellungnahmen gegen rigide nationale und europäische Politiken (die vorgeblich in „unserem Namen“ gemacht werden) und für humane Gesellschaften, die den Rechten eines jeden Einzelnen und den Menschenrechten ihren Stellenwert beimessen. Ich freue mich über die vielen alten und neuen gesellschaftlichen Stimmen, die sich gerade in dieser Situation formieren, neu zusammenschließen, und über die die alltäglichen solidarischen Praxen in Willkommensinitiativen, Schulen und anderswo. Ich freue mich über Protestbündnisse wie die Seebrücke, die Solidarity Cities, die vielen migrantischen Selbstorganisationen. Auch die Soziale Arbeit ist involviert und hat auch aus ihren Dachorganisationen heraus fachliche und politische Stellungnahmen formuliert, wie die Positionierung der DGSA, die direkt an die Politik appelliert. All das sind notwendige Zeichen für die Gesellschaft, dass es Rechte und Werte gibt und dass man nicht aus der Defensive heraus alles ertragen muss. Es ist eben nicht die Zeit, leise zu sein. 


Prof. Dr. Susanne Spindler

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1292603 2018-06-10T13:17:26Z 2018-06-11T08:09:17Z Dual ist die Lösung!? Was war nochmal das Problem?

Seit nunmehr fast 50 Jahren wird Soziale Arbeit (und ihre Vorläuferfächer Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialwesen u.a.) als Studienfach einerseits an Fachhochschulen respektive Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und andererseits als Sozialpädagogik/Soziale Arbeit an Universitäten gelehrt. Seit einiger Zeit gibt es jedoch auch mit Berufsakademien bzw. Dualen Hochschulen und anderen Institutionen alternative Modelle, die allesamt ein (noch) deutliche(re)s Gewicht auf hohe/höhere Anteile von integrierter Praxis legen.

Seit Anbeginn der akademischen Vermittlung Sozialer Arbeit steht diese im Verdacht, zu praxisfern zu sein. In jüngerer Zeit wird sogar behauptet, sie sei „verkopft“, zu wissenschaftlich und würde sich immer mehr in den akademischen Elfenbeinturm zurückziehen. Absolventinnen und Absolventen seien nicht gut genug auf die professionelle Praxis vorbereitet und würden in der Berufseinmündungsphase einen Theorie-Praxis-Schock erleiden.

Duale Studiengänge, so die Annahme vieler, würden dieses vermeiden können, da sie Praxis und Theorie in ein besseres Verhältnis – qualitativ wie quantitativ – bringen würden. 

Was ist dran an dieser Kritik und sind duale Studiengänge die Lösung? Diese Frage stelle ich mir vor dem Hintergrund folgender Positionen: Zum einen als Hochschullehrer, dessen Hochschule sich seit ca. zwei Jahren mit der Anfrage auseinandersetzen muss, ob sie nicht ein duales Studienmodell Sozialer Arbeit umsetzen könne bzw. wolle. Zum anderen jedoch als Sozialarbeiter, der sich mit breiter Brust für eine hohe Professionalität der Sozialen Arbeit einsetzt, in beruflicher wie wissenschaftlicher Perspektive. An dem Modell des/der wissenschaftlich ausgebildeten Professionellen geht diesbezüglich kein Weg (mehr) vorbei. Die Zeiten sind vorüber, in denen man der Meinung sein konnte, Soziale Arbeit sei eine Semi-Profession, und man sich damit abfinden musste, das Studium als Halb-Akademiker_in abzuschließen. Die wissenschaftlichen Entwicklungen, zu deren Erfolg auch die DGSA und die in ihrem Rahmen sich entfaltenden Aktivitäten beigetragen haben, wie auch die professionellen Entwicklungen (Berufsethik, qualifizierte Methodenentwicklung, Fachkräftebedarf u.a.m.) zeigen, dass es keinen Weg zurück gibt zu einer schulischen Ausbildung oder auch einer mehr oder weniger laienhaften Arbeit. Dieser ist – für immer? - verstellt und das ist auch gut so. Am wichtigsten ist dabei jedoch, dass die Unterstützung von Menschen, die sich in prekären Lebenslagen befinden und eine professionelle Unterstützung in ihrer Lebensführung dringend benötigen, keine Semiprofessionalität verträgt, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Kompetenz.

 

Eine Behauptung und ihre Hinterfragung 

Was ist aber dran der Behauptung, dass diese Professionalität im dualen Studienmodell besser erworben werden könne? Zunächst erstmal aus meiner Sicht nicht viel, denn schaut man genau hin, steht die Kritik aus mehreren Gründen auf unserem Grund: 

-        Am wichtigsten: Wo ist der empirische Beweis für die unzureichende Professionalität der Sozialarbeiter_innen in den verschiedensten Handlungsfeldern? Wo kann die Kritik tatsächlich Belege anführen, und wo handelt es sich um Behauptungen, die teilweise nur Probleme der Praxis widerspiegeln oder besser gesagt projizieren?

-        Mindestens ebenso bedeutsam: Woran bemisst sich professionelles Können, reflektiertes Wissen und eine angemessene Haltung? Besteht sie darin, sich als wissenschaftlich ausgebildete_r Professionelle_r eine Kompetenz angeeignet zu haben, die es ermöglicht, sich situativ und fortwährend in bestimmte, jeweils nur zum Teil vergleichbare Fallsituationen, konzeptionelle Entwicklungsbedarfe und gesellschaftliche Diskurse einbringen und diese bearbeiten zu können? Oder besteht sie schlichtweg darin, „in der Praxis zu funktionieren“, gemessen an den Anforderungen praktischer Arbeit, die immer konkretes Problemlösen ist? Eventuell sogar darin, möglichst passförmig die systemisch-organisational erzeugten Anforderungen erfüllen zu können?

-        Und schließlich: Woher könnte man wissen, was „später“ in der Praxis benötigt wird, in einer Zeit der sich wandelnden Praxis und sich immer wieder neu zeigenden Anforderungen, Problemlagen und Entwicklungen? Angesichts der Breite und Fülle der verschiedensten Berufsfelder und Tätigkeitsbereiche käme es wohl einer individuellen (auf Seiten der Professionellen) wie auch institutionellen (auf Seiten der Hochschulen) Überforderung gleich, auf alles gleichermaßen gut vorbereitet zu sein bzw. vorzubereiten. 

Die zugegebenermaßen zugespitzten Positionen sind natürlich als Pole eines Kontinuums zu verstehen, zwischen denen sich die Wirklichkeit erst entfaltet: Kein_e Absolvent_in verlässt die Hochschule ohne spezielles Wissen (je nach Schwerpunktsetzung aber unterschiedliches), ohne spezifisches, wenn auch exemplarisch erworbenes Wissen, ohne ein methodisches Können, das natürlich nicht voll ausgebildet ist und (schon gar nicht) ohne eine reflektierte Haltung, mit mehr oder weniger praktischer Erfahrung während des Studiums.

Jedenfalls dürfte niemand bestreiten, dass dies in „nicht-dualen“ Studiengängen der Sozialen Arbeit, die sich hoffentlich am Kerncurriculum Soziale Arbeit der DGSA und/oder am Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit des FBTS orientieren, anvisiert wird. Natürlich ginge es spezifischer, bezogen auf bestimmte Anforderungen oder Handlungsfelder.

 

Dual als Lösung? 

Das alles bedeutet nicht, dass nicht-duale Studiengänge besser oder überlegener wären, aber eben auch nicht, dass duale Studienprogramme überlegen oder unterlegen wären. Sie sind schlichtweg anders und – wenn auch sie sich am Kerncurriculum und am Qualifikationsrahmen festhalten – gleichwertig. Anders aufgrund (hochschul-)politischer Entscheidungen, anders bezogen auf studentische Erwartungen (mehr Praxis bitte) und auch anders bezogen auf Erwartungen von Anstellungsträgern.

Und es bedeutet auch nicht, dass andere Studienmodelle – wie kann man sie anders als „normal“ oder „nicht-dual“ bezeichnen? – obsolet oder gar minderwertig wären. Und schließlich bedeutet es auch nicht, dass diese Studienmodelle sich nicht verbessern könnten. Ein (hochschulgelenktes) integriertes Praktikum, an vielen Hochschulen Usus, mehrere (nicht hochschulgelenkte) Praktikumsphasen oder auch das Berufspraktikum sind mögliche Varianten, aber keine sticht die andere per se aus, wenngleich aus meiner Sicht vieles für das frühere einjährige Berufspraktikum sprach. Jede dieser Formen der Einbindung von Praxis in Hochschule, in Lehre kann für sich selbst genommen auch nicht auf alles vorbereiten, es bleibt exemplarisch und damit unvollständig. Duale Studiengänge lösen dieses Problem, wie gesagt, nicht, wohl aber verknüpfen sie praktische Erfahrungen häufiger mit wissenschaftlicher Reflexion, lassen Antworten und Fragen häufiger systematisch-strukturell aufeinandertreffen. Denn das scheint mir wohl das größte Problem hochschulischer Lehre: Dass dort zu häufig Antworten gegeben werden (in Bereichen von Wissen, Können und Haltung), ohne dass Studierende die Fragen schon hätten. Natürlich können aus Antworten rekursiv auch Fragen entstehen, aber häufig ist es so herum schwieriger bzw. es dauert länger, die Fragen formulieren zu können. 

Daraus ergeben sich didaktische Probleme, die man aber lösen kann, auch in „nicht-dualen“ Studiengängen. Sich jeweils einer entsprechenden Studienreform zu widmen bzw. eine fortlaufende Verbesserung der Lehre zu überlegen, ist übliches Geschäft an Hochschulen. Dabei sollten sich alle – duale wie nicht-duale Studienprogramme – eines bewusst sein: Dual kann also, muss aber nicht die Lösung sein, doch die Frage bzw. das Problem dürfte verstanden worden sein.

 

Prof. Dr. Dieter Röh

 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1278614 2018-04-30T10:39:23Z 2018-04-30T10:39:23Z Nach der Jahrestagung 2018: „Lassen Sie uns auf uns schauen!“

Die Jahrestagung der DGSA war auch in 2018 rekordverdächtig: Mit 650 Anmeldungen konnte die Zahl der TeilnehmerInnen aus dem Vorjahr übertroffen werden. Ein kleines Outtake sei mir gestattet. Das Organisationsteam kam zwischenzeitlich ordentlich ins Schwitzen, da diese große Menge an Menschen, insbesondere während der Auftaktveranstaltung, kaum unterzubringen war. Aufgrund des enormen Engagements aller Beteiligten gelang es schlussendlich doch, einen passenden Saal in der Laeiszhalle anzumieten. Gebührlicher und hanseatischer hätte die Begrüßung aus meiner Sicht kaum ausfallen können. 

Die vielen Anmeldungen, ebenso wie die zahlreichen Vorschläge für Panels, sind zudem sicherlich auch mit dem Titel der Veranstaltung „Demokratie und Soziale Arbeit - Teilhabe, Solidarität und bürgerschaftliche Identifikation in einer pluralen Gesellschaft“ zu begründen. Hier hat der Vorstand erneut den Nerv der Zeit getroffen. Höchst aktuelle Themen, wie der Wahlerfolg der AfD sowie das Erstarken des Rechtsextremismus, wurden aufs Tableau gehoben. Prof. Dr. Sabine Hark sah in ihrer Keynote am Freitag den Neoliberalismus als eine Ursache dieser Phänomene. 

Zu neuen Ansichten kam ich allerdings erst am Samstag. In einem schmerzhaften Prozess musste ich mir am Ende eingestehen, dass Demokratie zunächst bei mir selbst beginnt – als Haltung, in einer persönlichen Verfasstheit. Dies scheint unerlässlich, bevor ich als Sozialarbeiterin die Welt verbessern will. Rückblickend durchlief ich während des Prozesses Trauerphasen, wie sie einst Verena Kast beschrieb. 

1.     Trauerphase: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Am Samstagmorgen besuchte ich das Panel „Rechtspopulismus in der Sozialen Arbeit“. Dort hörte ich von den ReferentInnen, wie schwierig der Umgang mit rechtsorientierten StudentInnen sei. Für sie als Lehrende an unterschiedlichen Hochschulen des Landes schien dies auch nicht die Ausnahme zu sein. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass KommilitonInnen rechte Ansichten vertreten könnten. 

2.     Trauerphase: Aufbrechende Emotionen

Aus der Fassungslosigkeit wurde Zorn. Ein Zornigsein auf StudentInnen, auf die Politik, und ja, auch ein wenig auf die ReferentInnen. Ich wollte wohl immer noch nicht wahrhaben, dass ihre Beobachtungen der Realität entsprachen. 

3.     Trauerphase: Suchen und Sich-Trennen

Der Erkenntsnisgewinn setzte sich im Panel 3.1 „Die extreme Rechte als Herausforderung für eine gelingende Soziale Arbeit im Kontext von Demokratiebildung“ fort. Auch hier wurde die Haltung der professionellen HelferInnen besprochen und die Frage aufgeworfen, welche Erwartungen wir beispielsweise an AussteigerInnen haben bzw. ob diese nicht oftmals überzogen seien. Nun keimte zum ersten Mal der Gedanke in mir auf, mich selbst und meine Haltung genauer unter die Lupe nehmen zu müssen und erst in einem zweiten Schritt auf andere (ein)wirken zu können. Ähnlich formulierte es Prof. Dr. Gesa Köbberling im selbigen Panel: Das eigene Handeln nicht nur aus den Interessen der Betroffenen ableiten, sondern eigene Positionen erarbeiten. 

4.     Trauerphase: Neuer Selbst- und Wertbezug

Von der Überprüfung meiner eigenen Haltung überzeugte mich schlussendlich Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker in seinem flammenden Plädoyer: „Lassen Sie uns auf uns schauen!“ StudentInnen und Lehrende an Hochschulen sollten sich wieder berufen fühlen, als Community zu agieren und füreinander einzustehen. Sie sollten gemeinsam zu Überzeugungen kommen, die schadhaften Ansichten gegenüber standhaft vertreten werden können. 

Sturzenheckers Wunsch war es, seine eigene Forderung ernst zu nehmen und für mehr Demokratie an der Uni zu sorgen. Sich dem anzuschließen, steht uns nun aus meiner Sicht bevor - sowohl uns StudentInnen und den Lehrenden an Hochschulen als auch den PraktikerInnen. 

Michelle Mittmann,

Studentin der Sozialen Arbeit im Master und Social-Media-Beauftragte der DGSA

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1265376 2018-03-26T13:30:16Z 2018-03-26T16:52:22Z Gedanken aus dem Vorbereitungskreis der „Pre-Con“ zum Tagungsthema „Demokratie und Soziale Arbeit” der DGSA-Jahrestagung 2018

Warum dieser Beitrag?

Eigentlich immer, wenn eine Konferenz, an der Mensch teilnehmen möchte, ansteht und der Call for Papers ins Haus flattert, stehen die großen Fragen an: Was hat der eigene Themenschwerpunkt mit diesem Call zu tun? Wie finde ich die passenden Verbindungen, wo gibt es Anknüpfungspunkte und wie formuliere ich das am besten aus?

Auch wenn unsere Aktivitäten und Planungen zur neuen Vorkonferenz, oder moderner gesprochen „Pre-Con“, für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit nicht notwendigerweise zum Thema der Konferenz passen müssen, beschäftigt uns natürlich die Frage, welche Verknüpfungen Sozialer Arbeit zur Demokratie bestehen. Für uns als Mitorganisator*innen ist dies nicht nur eine Frage, die auf theoretischer Ebene zu klären ist. Das diesjährige Thema der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit Jahrestagung zur „Demokratie und Soziale Arbeit” betrifft uns auch persönlich, sowohl als Nachwuchsforscher*innen als auch als Sozialarbeiter*innen.

Im Folgenden wollen wir daher aus unserer Rolle als Vorbereiter*innen der „Pre-Con, aber auch als Vertreter*innen unserer wissenschaftlichen Disziplin unsere (nicht immer widerspruchsfreie) Debatte zum Thema kurz darlegen. Dabei spannen wir den Bogen ausgehend von unserer Sichtweise auf die gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit bis hin zu der persönlichen Motivation der (Mit-) Organisation einer „Pre-Con“.

 

Die aktuelle Debatte um Demokratie und Soziale Arbeit auf den Punkt gebracht

Der Sozialphilosoph Oskar Negt schreibt, dass Demokratie die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung ist, die stetig und von allen Mitgliedern der Gesellschaft erlernt werden muss. Bildung stellt somit also ein zentrales Element für das demokratische Miteinander dar. Das aktuelle politische Geschehen verdeutlicht die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Demokratie und Bildung, was sich auch im Call zur Tagung der DGSA wiederspiegelt.

Das Erstarken von rechtspopulistischen Einstellungen in der sogenannten „Mitte“ der deutschen Gesellschaft wie auch die rassistischen und fremdenfeindlichen Begleiterscheinungen sind Anzeichen einer Haltungsänderung zum demokratischen Miteinander. Die Lage in Europa und weltweit ist ähnlich. Demokratische und diskursive Aushandlungsprozesse weichen zusehends autokratischen Strömungen. Von der Aushöhlung demokratischer Grundwerte zugunsten von Sicherheit und vermeintlich gefestigter Ordnung bis hin zu offener Unterdrückung und Krieg – die Formen sind vielfältig. Es überrascht also nicht, dass in diesem Zusammenhang die Debatte um Demokratie aktuell wieder intensiver geführt wird. 

Im Rahmen dieser Debatte verstehen wir auch die Absicht der DGSA, sich in diesem Jahr mit dem Thema zu beschäftigen und nehmen die im Call aufgeworfenen Fragen als Anregung auf, uns mit eben dieser Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Demokratie aus Sicht der eigenen wissenschaftlichen Disziplin aktiv zu befassen. Es fällt uns besonders positiv auf, dass hinführend auf die zentrale Frage danach, in welcher Welt wir leben wollen, einige Umstände klar beim Namen genannt werden. Diese Frage zu stellen oder generell kritisch über Gesellschaft nachzudenken, ist gar nicht so selbstverständlich. Menschen, die diese Fragen stellen, werden gerade in der Debatte um Soziale Arbeit häufig genug in eine linksextreme Ecke gerückt und als systemzersetzende enfants terribles gelabelt. Die hessische Debatte rund um die „Extremismusklausel“ und die Förderung von Demokratieprojekten untermalt diese Tendenz – auch für die Soziale Arbeit.

Es ist für uns als kritische Wissenschaftler*innen daher absolut anschlussfähig, dass der Call der DGSA das Kind beim sogenannten Namen nennt und klar verdeutlicht, dass es rechtspopulistische Kräfte sind, die die Demokratie ablehnen und einer vielfältigen und offenen Zivilgesellschaft entgegenstehen. Hier zeichnet sich ein aktueller Fokus für die Sozialarbeitswissenschaft ab: Das Aufkommen neurechter Strukturen als Folge der sich aus dem Neoliberalismus ergebenden Verteilungsfragen.

Wenn die Soziale Arbeit Demokratie und die Menschenrechtskonvention als Grundlagen ihrer Arbeit versteht, dann ist es nur konsequent, wenn die DGSA die Fragen so fundamental formuliert. Wir freuen uns daher auf die Beiträge, die, dem Call folgend, eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen erwarten lassen. In unserem Blogbeitrag wollen wir nun aber unsere eigene Position als Teil der jungen Wissenschaft in ein Verhältnis zum Thema Demokratie setzen. Eine kritische Perspektive einnehmen heißt für uns, die demokratische Gestaltung der eigenen Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft voranzutreiben und solidarisch zu handeln. Diese Absicht wollen wir nun anhand der von uns (mit-) organisierten Vorkonferenz skizzieren und anschließend kurz einen Blick auf andere Bereiche unserer Aktivitäten werfen.

 

Die Vorkonferenz als Konsequenz und Praxis partizipativer Mitgestaltungsmöglichkeiten 

Was zuerst als lose Idee in kleiner Runde begonnen hat, zog ziemlich schnell große Kreise. Die hohe Zustimmung und große Resonanz auf die Ausschreibung der Vorkonferenz deutet auf einen Bedarf hin, der von uns vorher so nicht erwartet wurde. Die Vorkonferenz für Nachwuchswissenschaftler*innen an die Jahrestagung der Organisation anzugliedern, die sich die Förderung der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit auf die Fahnen schreibt, liegt nahe und steht in der Tradition der Bemühungen der Fachgruppe Promotionsförderung sowie der Sektion Forschung der DGSA.

An dieser Stelle gehen wir nicht noch einmal auf die laufende Wissenschaftsdebatte hinsichtlich der Sozialen Arbeit ein. Vielmehr folgen wir Ilse Arlts Forderung, dass die Fürsorge, wenn sie ihren ungeheuren Aufgaben in der modernen Welt entsprechen will, sich des Werkzeuges bedienen muss, das sie begründet: der Wissenschaft! Und ihr folgend muss sie anschließend auch handeln.

Arlts zeitlose Aussage ist aktuell wie eh und je: Will die Soziale Arbeit ihre Aufgaben im Sinne der Demokratie jetzt und auch zukünftig ausfüllen, muss sie forschen und sich als wissenschaftliche Disziplin weiterentwickeln.

Wie auch immer man zu einer Wissenschaft Sozialer Arbeit stehen mag, die Zahl derer, die sich in diesem Feld promovieren wollen und dies auch erfolgreich zu Ende bringen, steigt. Eine Wegmarke dieser Entwicklung stellt u.a. die Tagung „Forschen und Promovieren in der Sozialen Arbeit” dar, die 2016 in Kooperation von Vertreter*innen von Wissenschaft, Lehre und Praxis Sozialer Arbeit mit dem Ziel ausgetragen wurde, Möglichkeiten und Ist-Stand der Promotionsförderung öffentlich zu diskutieren.

Ein Ergebnis dieser Tagung war die Übersicht über bestehende Angebote und Möglichkeiten, die durch das fehlende Promotionsrecht und fehlende Repräsentanz des Fachs auf Universitäts-Ebene nach wie vor komplizierten und aufwändigen organisatorischen Prozesse einer Promotion nach Fachhochschul-Abschluss zu unterstützen. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan: Von der Entstehung von Promotionskollegs und Promotionszentren sowie des Formats der kooperativen Promotion bis hin zur Verleihung des eigenständigen Promotionsrechts für das Promotionszentrum der Fakultät Sozialwissenschaften der Hochschule Fulda durch das hessische Kultusministerium.

Hierbei sollte man trotzdem nicht übersehen, dass alle diese hochschulpolitischen Entscheidungen die Notwendigkeit beinhalten, Universitäten in den Prozess mit einzubeziehen. Weil die Soziale Arbeit dort nicht etabliert ist, bewegen sich Forscher*innen der Sozialen Arbeit auf dem Weg zur Promotion also noch immer in fachfremden Gefilden und werden von Professor*innen anderer, wenn auch benachbarter, Disziplinen angeleitet. Unbestritten hat das seine Vorteile und erweitert die Perspektive. Allerdings erleichtert es nicht unbedingt die Identitätsfindung als Sozialarbeitsforscher*in und die selbstbewusste Vertretung der eigenen disziplinären Perspektive.

Hochschulpolitisch wurde ein gutes Stück Weg gegangen (nicht ohne den Verdacht zu erwecken, dass damit den Forderungen nach eigenständigem Promotionsrecht für Fachhochschulen der Wind aus den Segeln genommen wird). Es wurden Infrastrukturen geschaffen, aber Promovieren in der Sozialen Arbeit findet nach wie vor größtenteils im akademischen Exil statt.

Mit anderer Perspektive starteten 1998 die Bemühungen der DGSA-Fachgruppe Promotionsförderung und ihre organisatorischen Vorläufer:

Die Gründung der Fachgruppe, eine Kampagne zur Benennung von Promotionsbeauftragten an Fakultäten Sozialer Arbeit und die Etablierung eines wissenschaftlichen Beirats zur Promotion durch den Vorstand der DGSA waren strategisch wichtige Schritte.

Weitere Angebote richten sich handlungsorientiert direkt an die Nachwuchsforscher*innen: Mit der Fachgruppe als Basis und Netzwerkbildung als Ziel etablierten sich regelmäßige jährliche Kolloquien, Informationsnetzwerke (Promotionsrundmail und Facebook-Forum), Tagungen und Info-Panels zum Thema sowie die Sammlung nützlichen Wissens über die Forschungslandschaft der Sozialen Arbeit (Sammlung der Fachzeitschriften Sozialer Arbeit und relevanter Bezugswissenschaften, Bibliographie zur Thematik der Promotion nach Fachhochschul-Abschluss sowie Sammlung von Promotionen nach Fachhochschul-Abschluss).

Hier wollen wir mit der Vorkonferenz ansetzen und nehmen uns dazu genuin sozialarbeiterische Prinzipien zu Hilfe: Netzwerkarbeit, Teilhabe und Empowerment für die zukünftigen und aktuellen Forscher*innen in der Sozialen Arbeit. Dieses Angebot ist, gerade weil Forscher*innen der Sozialen Arbeit im Rahmen der herrschenden Bedingungen größtenteils keine fachbezogene Basis an den Hochschulen finden, nicht an eine bestimmte Hochschulzugehörigkeit gebunden, sondern sieht sich der Disziplin der Sozialen Arbeit als gemeinsames Element verpflichtet.

 

Über Alternativen ins Gespräch kommen

Wenn man so will, kann man die Vorkonferenz als ‘grassroot’ Aktion sehen: Auch wenn noch tausende hochschulpolitische Fragen und Strukturen zu klären sind, wir fangen schon einmal an. Denn die Soziale Arbeit braucht eine passende und eigene Wissensbasis. Eine, die im Zusammenspiel von Forschung und Praxis entwickelt und ausgebaut wird. Und dafür braucht es gut ausgebildete und untereinander vernetzte Sozialarbeiter*innen, die diese Aufgabe meistern und ihre Expertise weitertragen. Die steigende Anzahl von Promotionen nach Fachhochschulabschluss in der Sozialen Arbeit zeigt, dass wir das können. Jetzt gilt es Wege zu ebnen und Strukturen zu schaffen, die unabhängig von hochschulpolitischen Entscheidungen sind und die bisherige Entwicklung weiterführen.

Die „Pre-Con“ bietet im Rahmen der Vernetzung nicht nur ein Zusammenkommen innerhalb des eigenen Rahmens, sondern bietet darüber hinaus bewusst auch die Möglichkeit, andere Netzwerke und vor allem auch alternative Wege eines gemeinsamen Promovierens vorzustellen. So blicken beide Autor*innen bereits auf unterschiedliche Erfahrungen zurück. Mit dem Engagement von Vera Taube in der DGSA-Fachgruppe Promotionsförderung und ihren Erfahrungen hinsichtlich promotionsbezogener Vernetzung auf internationaler Ebene sowie den Aktivitäten von Fabian Fritz als Gründungsmitglied eines solidarischen und selbstverwalteten „Promotionskolloquiums Kinder- und Jugendarbeit im deutschsprachigen Raum“ sollen hier nur zwei Varianten genannt werden. Die Erfahrungen der rund 60 weiteren Teilnehmer*innen versprechen einen fruchtbaren Austausch über verschiedenste Strategien, in der Sozialen Arbeit zu promovieren.

Uns erscheint es sinnvoll, auch die eigenen Arbeitsbedingungen in ein Verhältnis zur Promotion und dem Wirken als junge Wissenschaftler*innen zu setzen. Wir hoffen daher, dass auch Themen wie Befristungen, hohe Lehrverpflichtungen usw., wie sie vom „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ (NGAWiss) angeprangert werden, zur Sprache kommen und so der Vernetzung des akademischen Mittelbaus zuträglich sind.

An dieser Stelle möchten wir auf die anfangs skizzierten Ideen zum Thema Demokratiebildung zurückkommen. Auch wir als Vertreter*innen der jungen Wissenschaft lernen Demokratie stetig neu und auf unterschiedlichen Eben kennen. Sie tritt als Regierungsform auf und ist in den Gremien und den formal geregelten Satzungen unserer Hochschulen und Berufsverbände festgeschrieben. Aber auch die Demokratie als Lebensform darf nicht vergessen werden. Sie tritt in Bündnissen, in ‘grassroot’ Initiativen oder eben auf Vorkonferenzen auf, wenn es darum geht, kollektiv handlungsfähig zu werden. Für uns ist daher die Nähe von kritischen Sozialarbeiter*innen bzw. Sozialpädagog*innen zu Berufsverbänden, Gewerkschaften und Initiativen genuin mit der Feststellung verbunden, die die DGSA im Call aufwirft, wenn sie Soziale Arbeit eng mit Aspekten von Demokratie und Teilhabe verbunden sieht.

So steht am Ende also die Frage, wo Mensch Demokrat*in wird, wie sie der Hamburger Erziehungswissenschaftler Helmut Richter stellt und die Antwort in kommunalen Vereinen und Initiativen verortet, da sich die Demokratie dort als Lebensform verwirklicht. Diese Frage wollen wir zum Ende für unser eigenes Wirken stellen und beantworten.

Wir sehen in Netzwerken, Initiativen, Tagungen, Vereinen, Berufsverbänden und Gewerkschaften Orte, an denen wir eine Möglichkeit schaffen, um miteinander in Diskurs zu treten. Dort agieren wir als Demokrat*innen und praktizieren Demokratiebildung. Ein praktisches Beispiel sehen wir, um konkreter zu werden, im "Netzwerk junge Wissenschaft der Sozialen Arbeit" in der DGfE-Kommission Sozialpädagogik, welches die Mitsprache der jungen Wissenschaft in der Kommission sicherstellt.

Wir wollen die „Pre-Con“ nutzen, um gleiche oder ähnliche Modelle für uns zu diskutieren. Wir sind davon überzeugt, dass wir so zu dem beitragen, was uns als Sozialarbeitswissenschaftler*innen eine kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise dem Tagungsthema, ermöglicht: Weltanschauung und Haltung und einem Ort, um darüber öffentlich in Diskurs zu treten.

Oder, um es mit den Worten von Alice Salomon zu sagen: „Wissen und Handeln, Denken und Tun muss auf einer Weltanschauung ruhen“.

 

Vera Taube & Fabian Fritz, 

OrganisatorInnen der Vorkonferenz für Nachwuchswissenschaftler*innen in der Sozialen Arbeit

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1252842 2018-02-25T19:02:46Z 2018-02-25T19:02:46Z Erklärung der Tagungsteilnehmenden der Tagung „gender_wissen in den Forschungsfeldern der Sozialen Arbeit“ 22.-23.2.2018, an der Alice Salomon Hochschule Berlin

Die Tagung „gender_wissen in den Forschungsfeldern der Sozialen Arbeit“ beschäftigte sich mit der Bedeutung von Genderwissen für Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft.

Dabei befasste sie sich auch mit der teilweise fehlenden Bereitschaft der Öffentlichkeit, Genderwissen zur Kenntnis und ernst zu nehmen.  

Angesichts aktueller Angriffe auf die Gender Studies, auf gendersensible, queere und feministische Forscher_innen und entsprechende Positionen von Hochschulangehörigen hält sie diese Thematisierung sowie deutliche Positionierungen von Wissenschaftler_innen und Hochschulen für die Akzeptanz von Genderwissen, Genderforschung und gendersensiblem Handeln für nötig.

Zugespitzt wird der Versuch, die Autonomie von Hochschule und die Freiheit wissenschaftlicher Erkenntnisbildung im Diskurs fundamental anzugreifen, in den antidemokratischen Äußerungen in der Debatte um die Fassade der ASH Berlin 2017/18 (vgl. eine Dokumentation der Debatte auf: www.ash-berlin.eu/fassadendebatte).

1.    Die Tagungsteilnehmer_innen weisen mit Nachdruck auf die beteiligungsorientierte Entscheidungsfindung über die Gestaltung der Fassade der ASH hin. Sie können nachvollziehen, dass der Akademische Senat der Hochschule zu der Auffassung gelangt ist, dass das Gedicht „avenidas“ an der Fassade einer Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung und Bildung im Kindesalter als nicht stimmig für die Außendarstellung der Hochschule erlebt wird, weil es ein nicht mehr zeitgemäßes, verobjektivierendes Geschlechterbild transportiert. 

2.    Die Tagungsteilnehmer_innen regen Studierende, Wissenschaftler_innen sowie die Fachorganisationen der Sozialen Arbeit dazu an:

   a.     aktiv Positionen zu formulieren, die Genderwissen als wissenschaftlich fundiertes Wissen fördern,

   b.    Argumentationen der Selbstbestimmung, gender-, queertheoretische und feministische Positionen zu unterstützen und sich dabei selbst zu stärken,

   c.     diese Positionen in den Hochschulen und der medialen Öffentlichkeit verstärkt zu formulieren. 

3.    Die Tagungsteilnehmenden setzen sich für die Freiheit der Wissenschaft, die Autonomie von Hochschule sowie die Freiheit der Kunst gleichermaßen ein. 

   a.     Sie empfinden die Debatte um die Südfassade der ASH Berlin als überzogen in ihrer Heftigkeit, ihren Zuschreibungen und Wortwahlen.

   b.    Sie unterstützen alle Stimmen, die die Autonomie der Hochschule und die Freiheit der Kunst produktiv ins Gespräch bringen und ins Verhältnis setzen und zu produktiven Lösungen bei konfligierenden Interessenslagen kommen.

   c.     Sie rufen dazu auf, sich nicht nur im wissenschaftlichen Kontext, sondern auch in konflikthaft und streitbar geführten Debatten im öffentlichen Raum quellenkritisch zu informieren und eine faire, differenzierte Auseinandersetzung zu führen, die das Ziel verfolgt, zu produktiven, unterschiedliche Positionen einbeziehenden und weiterführenden Lösungen zu kommen.

 

Berlin, 23.2.2018

gez.

Sektion Forschung der DGSA

Fachgruppe Gender der DGSA

 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1243626 2018-02-06T14:01:25Z 2018-02-07T10:29:59Z Gewalt gegen Frauen – Istanbul-Konvention und Folgerungen für die Soziale Arbeit

Seit dem 1.2.2018 gelten neue Rechtsgrundlagen für Gewalt gegen Frauen. Häusliche Gewalt ist damit endgültig keine Privatsache mehr, sondern dem Staat kommt eine Schutzpflicht gegenüber gewaltbetroffenen Frauen zu. Für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit bedeutet dies, staatliche Stellen auf bestehende Unterversorgung aufmerksam zu machen und den notwendigen Ausbau an Schutzräumen und Beratungsstellen voranzutreiben und fachlich auszugestalten.

Drei Botschaften lassen sich m.E. aus dieser Neuregelung ziehen.

1.)    Die Istanbul-Konvention ist ein großer Erfolg der internationalen Frauenbewegung im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Es war ein langer Weg, der in den 1970er Jahren mit der Enttabuisierung häuslicher Gewalt begann und mittlerweile als Menschenrechtsverletzung von Frauen international verankert ist (Brückner 2011). Und es waren auch in Deutschland vor allem engagierte Studentinnen Sozialer Arbeit, die auf Demonstrationen und in Arbeitskreisen der autonomen Frauenhausbewegung vorne mit dabei waren. Sie machten aus WG-Telefonanschlüssen Hotlines für betroffene Frauen, erkämpften Stadtratsbeschlüsse für Frauenhäuser in einer Zeit, als Sozialdezernenten noch behaupteten, für gewalttätige Ehemänner reiche eine Schubkarre, um sie einzusammeln, so wenige seien es. Neben der autonomen Frauenhausbewegung, die für Frauenhäuser und Beratungsstellen gekämpft hat, die heute als selbstverständliches Angebot gelten, sorgte die antisexistische Männerbewegung für den – immer noch zu geringen – Aufbau von Beratungsarbeit mit gewalttätigen Männern („Männer gegen Männergewalt“). Die Einführung des Gewaltschutzgesetzes von 2002 gilt als weiterer Meilenstein. Seither ist es der Polizei möglich, häusliche Gewalttäter der Wohnung zu verweisen. Es bleibt allerdings die hohe Gefahr von Nachstellung und Bedrohung, die grade in Trennungssituationen tödlich sein kann: Allein in 2015 wurde nach Angaben der polizeilichen Kriminalstatistik fast jeden Tag in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet, genauer: 331 Frauen starben in einem Jahr! In der Presse wird dies bis heute als „Familiendrama“ verharmlost. Weitere wissenschaftliche Befunde zu häuslicher Gewalt gibt es hier.

 

2.)    Dieser Terror im Privaten wird mit dem Inkrafttreten des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt (Istanbul-Konvention) in neuer Weise zur öffentlichen Angelegenheit. Es ist daher ein Paradigmenwechsel: Der Staat verpflichtet sich, „Frauen vor allen Formen von Gewalt zu  schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen“ (Artikel 1, Absatz 1.a IK). Dieser due diligence standard (staatliche Schutzpflicht) bedeutet, dass es nicht ausreicht, hier und da Frauenhäuser oder Beratungsstellen anzubieten. Gesetzlich verankert ist nun die staatliche Verpflichtung, ein flächendeckendes, umfassendes und allgemein zugängliches Unterstützungssystem für gewaltbetroffene Frauen zu schaffen (vgl. Stellungname des djb). Frauen, die abgewiesen werden, weil Frauenhäuser voll sind – wie immer noch Alltag in Deutschland - haben nun die Möglichkeit, bei erneuter Gewalthandlung den Staat auf unterlassene Hilfeleistung zu verklagen. Zwar ist in den letzten Jahren schon viel passiert, etwa die Einrichtung der bundesweiten Hotline für Gewaltbetroffene, aber es fehlt an

·        Unterkünften, Beratungsstellen im ländlichen Raum

·        Schutz für Flüchtlingsfrauen ebenso wie für Frauen mit Behinderungen sowie Frauen mit Psychiatrieerfahrung. Auch der Schutz wohnungsloser und obdachloser Frauen steht noch aus.

·        Schutzmaßnahmen von Frauen in Sorge- und Umgangsverfahren, wenn gewalttätige Männer versuchen Kontaktverbote durch Umgangsrechte zu unterlaufen. Ebenso braucht es Fachwissen v.a. in Gerichten und Jugendämtern im Hinblick auf die Relevanz von Kindeswohlgefährdung durch das Miterleben häuslicher Gewalt.

Die erste umfassende Bestandsaufnahme des bundesweiten Hilfesystems bei Gewalt gegen Frauen (Helfferich et al. 2012) zeigte ebenso wie die Untersuchung von Schröttle 2016 für Bayern erhebliche Versorgungslücken. Es braucht daher weiter ein forschungsgeleitetes Monitoring für die Umsetzung der Istanbul-Konvention.

 

3.)    Das Inkrafttreten der Istanbul-Konvention zeigt: Es braucht einen langen Atem im langen Kampf gegen Gewalt an Frauen – mit Rückschlägen ist zu rechnen. Erst 1947 wurde etwa in Bayern das Züchtigungsrecht des Ehemanns offiziell aufgehoben, es hat im bayerischen Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis seit 1758 bestanden. Dort wurde dem Mann in der Ehe das Recht eingeräumt, die Ehefrau „nötigenfalls mit Mäßigkeit“ zu züchtigen, um seine Stellung und Rechte durchzusetzen. Heute nicht mehr vorstellbar? Die Entwicklungen in Russland, der Türkei und anderen Staaten unter rechtspopulistischen Einflüssen zeigen, dass Menschenrechte für Frauen schnell auch wieder aufgegeben werden können. Der Straftatbestand Gewalt in der Ehe wurde zurückgenommen. Auch in Deutschland versuchen aktuell rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise, Gewalt gegen Frauen als Einwanderungsproblem erscheinen zu lassen. Dem ist deutlich und faktenbasiert zu widersprechen! Z.B. tut dies die Arbeitsstelle Gender und Rechtsextremismus 2016. Tatsächlich haben Frauen und Mädchen in rechtsextremen Kontexten erhebliche Gewaltrisiken in Intimbeziehungen innerhalb ihrer Szene (vgl. Lehnert/Radwan 2016, Betzler/Degen 2016). Bemerkenswert sind hier auch Berichte von Aussteigerinnen aus der rechten Szene, die zeigen, wie alltäglich in der extremen Rechten Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Kinder sind. Daher braucht es verstärkte Ausstiegsangebote für Frauen und Mädchen, die mithin in doppelter Weise der Gewaltprävention dienen.

Genderreflektierte und kritische Soziale Arbeit sollte im Sinne des Tripelmandats agieren: Neben der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen, Tätern, Kindern und dem weiteren Ausbau an Beratungs- und Schutzangeboten, Therapieplätzen und Fortbildungen für Fachkräfte, um Frauen und ihre Kinder nachhaltig zu schützen und auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen braucht es weiterhin eine lautstarke und kompetente Öffentlichkeitsarbeit zu Gewalt gegen Frauen und dem Recht von Frauen auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung. Falschmeldungen und perfide Indienstnahme von Gewalt an Frauen für Rechtspopulismus sind entschieden entgegen zu treten.


Prof. Dr. Barbara Thiessen

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1217847 2017-12-18T07:28:13Z 2017-12-21T14:56:05Z Stellungnahme Fachgruppe Gender der DGSA: Gender Studies – unverzichtbar in der Wissenschaft Sozialer Arbeit

Heute, am 18.12.2018, findet bundesweit der Wissenschaftstag Geschlechterforschung statt. Wissenschaftler_innen aller Disziplinen, die Gender Studies betreiben, beteiligen sich. Die Fachgruppe Gender der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) schließt sich dieser Aktion an. 

Seit 2000 existiert unser bundesweiter Zusammenschluss von Genderforscher_innen in der Sozialen Arbeit. Wir verstehen uns als offenes Forum für Fachkolleg_innen aus Hochschulen sowie Fortbildungs- und Praxisinstitutionen der Sozialen Arbeit, die an der Weiterentwicklung von Genderfragen in Lehre, Praxis und Forschung der Sozialen Arbeit interessiert sind.

Seit mehreren Jahren häufen sich Diffamierungen, Unterstellungen und Falschinformationen zu den Gender Studies. Dabei werden Forschungsgegenstände der Gender Studies auf Themenfelder wie Sexualität oder Identität verkürzt und politische Gleichstellungsstrategien wie Gender Mainstreaming mit empirischen und theoretischen wissenschaftlichen Erschließungen der Geschlechterverhältnisse vermengt. Begannen diese Vorgänge in Kreisen der Neuen Rechten sind sie rasch auch in Feuilletons angesehener Tages- und Wochenzeitungen aufgegriffen worden. Darunter gibt es sehr differenzierte und aufklärende Berichterstattung. Allerdings gibt es auch anderes: Je kruder und provokanter, desto besser, so scheint es. Denn dies sichert mediale Aufmerksamkeit und zahlreiche Klicks Diese Entwicklungen hinterlassen ihre Wirkungen in den Praxisfeldern, aber auch in der Wissenschaftsdisziplin der Sozialen Arbeit. Bei Institutionen, Trägern und Verbänden und bei Drittmittelgebern, bei Studierenden und Fachkräften sind zunehmend Verunsicherung und Irritation zu Genderfragen zu registrieren. Erreichte Qualitätsstandards einer geschlechtsspezifischen Sozialen Arbeit werden neu in Frage gestellt.  

Dies nehmen wir zum Anlass aufzuzeigen, welchen Beitrag Gender Studies im Feld der Wissenschaft Soziale Arbeit leisten, um zu einer Versachlichung der öffentlich-medialen Diskurse zu den Gender Studies beizutragen.

Soziale Arbeit basiert auf den allgemeinen Menschenrechten und den Grundrechten wie sie unser Grundgesetz festgeschrieben hat. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sie sich in ihrem Kern mit der Frage, wie soziale Probleme, die aus gesellschaftspolitisch ungleich verteilten Chancen zum ‚guten Leben‘ resultieren, zu lösen und Menschen bei der Bewältigung ihrer Benachteiligungen zu helfen. Solche Benachteiligungen umfassen den Mangel an Bildung, Beeinträchtigungen der Gesundheit, der beruflichen Erwerbsarbeit, des Einkommens, der sozialen Beziehungen und Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen. Mit der Unterstützung von Teilhabe, der Förderung von Bildung und Entwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe ist Soziale Arbeit unverzichtbarer Teil wohlfahrtsstaatlicher Daseinsvorsorge.

Geschlecht als Wissenskategorie begleiten Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit seit ihrem Entstehen. Schon die Gründerinnen der Sozialen Arbeit – Jane Addams in den USA, Alice Salomon in Deutschland, aber auch Marie Baum, Elisabeth Gnauck-Kühne, Lily Braun oder Henriette Fürth – beschäftigten sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts bspw. intensiv mit der prekären Situation von Frauen, um ihr Leben zu verbessern, z.B. der Alleinerziehenden, Arbeiterinnen, Kriegswitwen und Prostituierten. 

Auch heute ist die Umsetzung die fachlichen Qualitätsstandards in den Einsatzfeldern Sozialer Arbeit – ob beim Kinderschutz, in der Kinderbetreuung und der Jugendarbeit, Gemeinwesenarbeit, Familienhilfe, Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Gesundheitshilfe, Flüchtlingshilfe, Altenhilfe, Gewaltschutz und Altenarbeit – ohne Genderkompetenzen nicht realisierbar. Denn schließlich gehören zu den Zielgruppen Sozialer Arbeit Menschen aller Geschlechtergruppen. Leistungen Sozialer Arbeit bedürfen von daher Wissen zu Geschlechterdimensionen in unserer Welt, wollen sie ‚passgenau‘ für die Zielgruppen sein. 

Die Entwicklung von Genderkompetenz als Schlüsselqualifikation in der Sozialen Arbeit gehört von daher zu einer der notwendigen Standards beruflicher Qualifikation. Sie ist auf die Generierung der Wissensbestände der Gender Studies angewiesen – auf ihre Theoriebildung und ihre Empirie, ihre Erkenntnisse zur Entstehung von gesellschaftlicher Benachteiligung und der Entwicklung von Strategien zu deren Abbau. Konkrete Erträge der Gender Studies für Soziale Arbeit sind bspw.:

·        Forschungen zu den Geschlechterarrangements in Einrichtungen der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern haben nicht nur für alltägliche ‚Geschlechterinszenierungen‘ und geschlechtsbezogene Zuschreibungen, Kränkungen und Konflikte sensibilisiert, sondern auch ein umfangreiches methodisches Repertoire an geschlechterpädagogischer Praxis hervorgebracht.

·        Die genderbezogene Care- und Familienforschung hat Wissen dazu geschaffen, wie die gesellschaftlich erforderlichen Reproduktionsarbeiten der Sorge, Pflege und Betreuung im Privaten organisiert werden, welche Arbeitsteilungen zwischen den Geschlechtern dabei bestehen und warum es insbesondere Frauen sind, die diese Arbeit leisten. Damit verbunden ist auch die Frage, wie Care-Aufgaben als Teil gesellschaftlicher Solidarität mehr Anerkennung erfahren können und Überlastungen und Benachteiligungen bei denen, die diese Aufgaben erfüllen, verhindert werden können.

·        Ohne die Gender Studies hätten wir heute nicht das kritische Bewusstsein zur Alltäglichkeit von Gewalt im Leben von Frauen – aber auch von Kindern und mittlerweile auch ansatzweise im Leben von Männern. Und es gäbe auch nicht Infrastruktur von institutionellen Hilfen gegen häusliche Gewalt: Frauenhäuser, Beratungsstellen, staatliche Gewaltschutzprogramme.  

·        Die intensive Debatte zu den quantitativen Geschlechterungleichheiten in Studium und Beruf der Sozialen Arbeit hat ein Problembewusstsein dafür geschaffen, was es wohlfahrtsstaatlich und für die Zielgruppen bedeutet, wenn soziale Dienstleistungen überwiegend von Frauen geleistet werden. Sie hat aber auch die Frage danach aufgeworfen, was es für Männer bedeutet, in diesem Beruf in der Minderheit zu sein, und was es für Frauen und Männer bedeutet, wenn sie in diesen gesellschaftlich wenig anerkannten und gering honorierten Berufen tätig sind.

·        Es waren schließlich auch die Gender Studies, die für versteckte geschlechtliche Aufladungen in den Ressentiments gegen geflüchtete Menschen sensibilisieren konnten und aufgezeigt haben, wie hier Männer mit dem Merkmal muslimischer Religionszugehörigkeit pauschal zu Repräsentanten unerwünschter Fremdheit gemacht werden. Umgekehrt machten sie deutlich, wie sehr Soziale Arbeit mit Geflüchteten forschungsbasierter gendersensibler Praxiskonzepte bedarf, um Männern, Frauen und Kindern gut helfen zu können.

Für eine emanzipatorische Soziale Arbeit sind Gender Studies unverzichtbar. Wir stehen gerne zur Verfügung, wenn es um kontrovers-produktive Auseinandersetzungen mit Genderfragen geht. Wir verwehren uns jedoch gegen diffamierende Vorwürfe eines neuen ‚Genderismus‘ wie sie heutzutage hoffähig geworden sind.

Die gesetzlich verankerten Prinzipien von Bildungsgerechtigkeit, Gleichstellung, Abbau von sozialer Ungleichheit und Antidiskriminierung sind nicht nur für Soziale Arbeit grundlegend, sondern gehen alle an. Sie tragen zu sozialem Ausgleich und einer lebendigen demokratischen Kultur bei. Deshalb brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Gender Studies und genderreflektierte Soziale Arbeit.

Für die Fachgruppe Gender der DGSA

Prof. Dr. Lotte Rose, University of Applied Sciences Frankfurt/ Prof. Dr. Gudrun Ehlert, Hochschule Mittweida

 

P.S.: Wer mehr zu den Gender Studies in der Sozialen Arbeit erfahren möchte, ist herzlich eingeladen zur Tagung „Gender_Wissen in Forschungsfeldern der Sozialen Arbeit“ am 22.-23.02.2018, an der Alice Salomon Hochschule Berlin, veranstaltet von der Sektion Forschung und der Fachgruppe Gender der DGSA

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1203636 2017-11-06T14:29:33Z 2017-11-06T14:29:33Z Soziale Überwachung und Kategorisierung zur Förderung des Gemeinwohls? China plant ein flächendeckendes Sozialkreditsystem bis 2020

Um was geht es?

China hat seit 2014 in zahlreichen Städten ein Sozialkreditsystem für alle Bürger_innen eingeführt. Ziel ist es, bis 2020 dies flächendeckend auf ganz China und damit die gesamte Bevölkerung ausgeweitet zu haben. Soziales Verhalten, das dem Gemeinwohl nutzt, wird belohnt. Sozial nicht-akzeptables Verhalten wird sanktioniert. So startet man mit einem Basiswert von 1000 Punkten und dann gibt es je nach Verhalten Bonus- oder Maluspunkte. Dies mündet in eine Kategorisierung analog unserer Einstufung des Energieverbrauchs von Haushaltsgeräten: A++ für die beste Einstufung, D für die schlechteste (weniger als 599 Punkte).

Positiv ist z.B., 

• wenn man mit dem Auto an einem Zebrastreifen anhält und einen Fußgänger passieren lässt, 

• wenn man bei der Arbeit freundlich und produktiv ist, 

• wenn man alle Kredite zurückzahlt, 

• wenn man Verträge einhält, 

• wenn man seine Eltern im Altenheim regelmäßig besucht, 

• wenn man den Müll ordnungsgemäß entsorgt, 

• wenn man nicht kriminell wird, 

• wenn man seine Bücher in der Bibliothek fristgerecht zurückgibt, 

• wenn man Kinder bekommt, ...

Negativ ist z.B., 

• wenn man Verträge nicht einhält, 

• wenn man 10h pro Tag Computerspiele spielt und damit unproduktiv ist, 

• wenn man bei Rot über die Ampel geht, 

• wenn man unfreundlich ist, 

• wenn man Blogbeiträge gegen das System schreibt, 

• wenn man sein Essen nicht aufisst (Achtung: Ironie!). 

Und Verstöße haben schon jetzt massive Auswirkungen. So waren im Jahr 2016 bis zu 6,7 Millionen Bürger_innen Chinas von „Reisebeschränkungen“ betroffen; sprich sie durften aufgrund ihres negativen Eintrags in der „local credit black list“ keine Tickets für Schnellzüge und Flugzeuge kaufen und damit nicht mit diesen Verkehrsmitteln reisen. Im Transrapid wird (auch auf Englisch) davor gewarnt, dass Schwarzfahren zu einem solchen negativen Eintrag in die „local credit black list“ führt. 

Und woher weiß das Alles der Staat, bzw. besser das vom Staat beauftragte Softwareunternehmen, das ALLE verfügbaren Datenbanken (staatlich und privat) bis Anfang der 2020er Jahre in eine Datenbank zur Bewertung des Sozialkredits ALLER Bürger zusammenführen soll? Durch eine flächendeckende Sammlung nationaler Daten (big data) und einer Kategorisierung sozialen Verhaltens in Nachbarschaftskommitees (hello: friendly visiting). 

Das Ganze war mir bis eben neu. Da habe ich auf NDR Info eine Reportage im Forum gehört (hier), die mich ehrlich gesagt geschockt hat. Nicht weil mir neu ist, dass China seine Bürger systematisch überwacht, nicht weil mir neu ist, dass autoritäre Regime eine spezifische Vorstellung von sozialer Kohäsion haben und nicht weil mir neu ist, dass Menschen oft auch freiwillig sich auf nur vermeintlich positive Dinge einlassen. Aber: Der Umfang der Vollerfassung der Bevölkerung im sozialen Verhalten (bei der Volkszählung in den 1980er Jahren in Deutschland ging es im Vergleich um Basisdaten und das hat massive Proteste ausgelöst), die Offenheit und „Transparenz“ in diesem Bestreben, die „Nachvollziehbarkeit“ der Argumentation (niemand kann doch was gegen Ehrlichkeit, Höflichkeit und Respekt haben) und die meines Erachtens massive Relevanz für die Soziale Arbeit, zum einen (a) als in China aufstrebende Profession und (b) weltweit, wenn man sich die Diskussionen um internationale Soziale Arbeit ansieht, hat mich geschockt.

Warum ist dies für Soziale Arbeit relevant?

Die „Global Definition of Social Work“ definiert: „Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt, sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit.“ (hier)

Gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und insbesondere der soziale Zusammenhalt werden durch ein solches Sozialkreditsystem deutlich gefördert. Das kann man ja nun nicht bestreiten. Veränderungen sind ohnehin neutral und soziale Entwicklung und Zusammenhalt können ja nun durch Ehrlichkeit, Fleiß und Höflichkeit nicht wirklich in Frage gestellt werden, oder? Aber was ist mit Autonomie und Selbstbestimmung? Soziale Gerechtigkeit, gemeinsame Verantwortung und auch irgendwie noch Achtung von Vielfalt lassen sich als normative Prinzipien ebenfalls für die Begründung eines solchen Sozialkreditsystems heranziehen. Aber was ist mit den Menschenrechten?

Hier wird es interessant, wenn der führende Kopf der wissenschaftlichen Begleitung und der entsprechenden Forschungsstelle einer Shanghaier Universität in der Reportage davon spricht, dass das System natürlich offen ist, was die dem Kreditscore zu Grunde liegenden Kriterien angeht. „Es kommt auf die Bedürfnisse der Städte und Gemeinden an“, wird er in der verlinkten Radioreportage zitiert. Na, das ist interessant: Bedürfnisse sind in einer westlichen Sicht IMMER an Individuen gebunden. Wenn nun von Bedürfnissen der Städte und Gemeinden gesprochen wird, dann ist dies eine spezifische Sichtweise auf die „person-in-enviroment“. Das Individuum scheint nur ALS TEIL der Gemeinschaft zu zählen und nur als Teil dieser Selbstbestimmung und Autonomie zu besitzen. Damit ist genau das angesprochen, was schon bei der Diskussion der „Global Definition“ im Vorfeld der Verabschiedung angemerkt wurde. Eine bloße additive Aufzählung von System und Individuum ohne einen Bezug herzustellen, öffnet Tür und Tor für Relativierungen. 

Absurde Idee? Ein Gedankenexperiment 

Aber gibt es nicht auch in Deutschland genügend Systeme, wo eine soziale Kategorisierung vorgenommen wird und ein nicht befolgen, zu Sanktionen führt? Und muss man wirklich so weit weg gucken? Was ist mit der Schule als pädagogisches Setting? Was ist mit Jugendhilfeeinrichtungen? Gelten nicht auch hier Regeln, deren befolgen positiv sanktioniert wird und wo der Verstoß gegen diese zu negativen Sanktionen führt? Und sind diese Regeln des Zusammenlebens transparent? 

An dieser Stelle ein kleiner Perspektivwechsel in diesem Blogbeitrag. Ich habe die Radioreportage mit einer Lehrerin zusammengehört und wir haben darüber diskutiert. In dem Gespräch haben wir festgestellt, dass in der Schulklasse / der Schule viele Regeln gelten, die das soziale Miteinander betreffen. Viele sind kommuniziert, aber nicht alle. Und natürlich sanktioniert „das System Schule“ entsprechendes Fehlverhalten. Zwar nicht in Kreditpunkten, aber in Verweisen und Strafarbeiten. Das kann jedeR nachvollziehen, der auch in der sozialen Gruppenarbeit in verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit tätig ist. Was ist also der Unterschied zum chinesischen Sozialkreditsystem mit seinen Punktabzügen? Und hier kommt der entscheidende Satz aus dem Gespräch mit der Lehrerin. Sie sagte: „Also wenn die Schüler nicht von selbst merken, dass ihr Verhalten gegen eine Gruppenregel verstößt, dann muss ich es verbalisieren.“ Ja, genau. Man muss einen Diskursrahmen eröffnen, der über die Kriterien informiert, sie hinterfragbar macht und für Akzeptanz sorgt. Und wo ist dieser Diskursrahmen in einem autoritär-zentralistischen Land wie China? 

Was fehlt, ist genau der Diskurs über diese Kriterien. Diese werden von der Regierung vorgegeben und der Wirtschaft diktiert. Hier sind kein Diskurs und keine Partizipation vorgesehen. Mehr noch: Das System ist softwaregestützt. Notwendigerweise basiert es also auf einem binären System, dass ein konkretes Verhalten kategorisiert und nur Eindeutigkeiten zulässt. Damit ist es nicht nur ein utilitaristisches System in absoluter Zuspitzung, sondern versucht sich zudem in einer absurden Weise in einer Technologisierung sozialen Verhaltens. 

Was tun?

Ich weiß es nicht! Aber abschließend zwei simple Fragen: Wie positionieren sich eigentlich die Sozialarbeitsverbände in China und weltweit dazu? Und: Muss nicht vor dem Hintergrund solcher Überlegungen der Stellenwert des Individuums in zukünftigen internationalen Definitionen der Sozialen Arbeit viel stärker in den Mittelpunkt gerückt werden (bzw. in Beziehung zu sozialen Strukturen gesetzt werden) - strukturell UND normativ?

Prof. Dr. Stefan Borrmann


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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1195101 2017-10-01T13:33:33Z 2017-10-01T13:33:33Z Social Media und das Engagement von rechts

Die Anhänger_innen der AfD und Donald Trump haben vermutlich vieles gemeinsam. Sie könnten sich wohl mit gegenseitiger Zustimmung über Migration beziehungsweise über deren Verhinderung austauschen. Auch in Fragen des Nationalstolzes würden sie, sehr wohl erst einmal für das eigene Land, ins Schwärmen geraten, um dann wieder auf einen Nenner zu kommen, wenn es um die Frage geht, wer ihren Stolz gefährdet.

Blicke ich auf die bisherige Amtszeit von Donald Trump und auf die vergangene Bundestagswahl und die Reaktionen bei Twitter und Co. fällt mir eines auf: der ähnliche Umgang mit den sozialen Medien.

Trump, der die US-amerikanische Presselandschaft flächendeckend in Verdacht hat, „Fake News“ zu verbreiten, greift seit Beginn seiner Präsidentschaft bevorzugt zur Kurznachricht via Twitter. Die Vorteile liegen auf der Hand: kein Gatekeeping von Redakteur_innen, um die Relevanz für die Leserschaft einzuschätzen. Kein/e Rechercheur_in, der/die die Fakten prüft. Kein/e Publizist_in, kein Medium, das aufgrund des Auftrags der Meinungsbildung sein Werk kritisiert.  

Doch was ich bei Twitter von der potentiellen Wählerschaft der AfD lesen musste, hat mich erstaunt. Etwas naiv dachte ich, es entspräche nicht der „Netiquette“, Sympathien für die AfD in den sozialen Netzwerken zu bekunden. Das Gegenteil ist der Fall. Unter dem Hashtag #btw17 (Bundestagswahl 2017) rangieren unter den Top-Beiträgen zig Tweets und Facebook-Beiträge, deren brauner Inhalt kein Zitat wert ist. Meine Vermutung wird durch eine Analyse des fög (Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich) bestätigt, wonach die AfD pro Post am meisten Engagement auslöst. Leider konnte ich den Studienergebnissen nicht entnehmen, ob es sich beim Engagement ausschließlich um positive Unterstützung oder auch um negative Reaktionen handelte. Beides führt in den sozialen Medien jedoch zum selben Ergebnis: Aufmerksamkeit.

Nun leben wir in einer Demokratie, in deren Grundgesetz der Artikel 5 besagt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ Umso wichtiger ist aus meiner Sicht ein differenzierter Umgang mit sozialen Medien. Es stellt sich mir die Frage: Wie kann Soziale Arbeit zur politischen Teilhabe und Partizipation im Netz beitragen? Wie kann es gelingen, Adressat_innen zum kritischen Medienkonsum und zu einer eigenständigen Meinungsbildung zu befähigen?

Die Jahrestagung der DGSA im nächsten Jahr in Hamburg trägt den Titel „Demokratie und Soziale Arbeit – Teilhabe, Solidarität und bürgerschaftliche Identifikation in einer pluralen Gesellschaft“. Panels und Einzelbeiträge können bis zum 03.10.2017 eingereicht werden. Ich hoffe, auf meine vorangegangenen Fragen im Laufe der Tagung eine Antwort zu erhalten.

Gleichzeitig möchte ich junge Wissenschaftler_innen, die erstmals im Rahmen einer Pre-Conference im Vorfeld der Jahrestagung am 26. und 27.04.2018 die Chance erhalten, ihre Themen auf Postern zu platzieren, dazu animieren, das Arbeitsfeld der Medienpädagogik im digitalen Zeitalter zu bedenken und Konzepte zur politischen Meinungsbildung im Netz vorzustellen.

Weitere Informationen zur Pre-Conference seitens der DGSA folgen in Kürze. Bitte beachten Sie hierzu die Webseite sowie die Auftritte bei Facebook und Twitter.

 

Michelle Mittmann

Social-Media-Beauftragte der DGSA

 

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1179286 2017-08-01T12:50:45Z 2017-08-01T12:50:45Z ‚Refugee’ oder ‚Asylum Seeker’ – Zweiklassenbehandlung in Australiens Umgang mit Geflohenen

Vor einigen Tagen sprach ich mit einer Mitarbeiterin eines der ‚migrant resource centres’ in Sydney. Ich bin seit einigen Wochen im Rahmen meines Forschungssemesters hier und beschäftige mich mit Sozialer Arbeit, insbesondere im Umgang mit Geflohenen. Von dieser Mitarbeiterin ließ ich mich im Community Centre herumführen: mindestens 20 Mitarbeiter_innen, sehr viele Projekte mit spezieller Ausrichtung, bspw. im Bereich Arbeitsvermittlung, Jugendliche, häusliche Gewalt. Später erklärte sie mir das ‚australische Modell’ in der Sozialen Arbeit mit Geflohenen: Zunächst – das heißt in den ersten sechs Monaten nach Ankunft – so beschrieb sie, werden Geflohene durch die ‚Australia settlement services for refugees and migrants’ betreut. „The aim of settlement services is to assist new migrants to participate as soon and as fully as possible in Australia economy and society”[1]. Mitarbeiter_innen dieser Services bringen Ankommende kurzfristig unter, suchen für sie und gemeinsam mit ihnen eine Wohnung und Arbeit. Nach sechs Monaten übernehmen dann die ‚migrant resource centres’, ab hier werden Refugees, die dann auch bald als reguläre australische Staatsbürger anerkannt werden, mit Hilfe von ‚case work’ betreut. Häufig arbeiten diese Centre mit einem community developement Ansatz. Es geht darum, eng mit den Menschen zusammen zu arbeiten, sie dabei zu unterstützen Anschluss im Stadtviertel zu finden, Ansprechpartner_innen bei Fragen und Problemen zu haben und sich zunehmend allein im neuen Land zurecht zu finden. Diese Phase der Betreuung erstreckt sich über einen Zeitraum von 5 Jahren und kann darüber hinaus verlängert werden.

WOW, dachte ich, und machte dies auch im Gespräch deutlich, ein solches Programm würde ich mir für Deutschland unbedingt wünschen. Es wäre genau so ausgerichtet, wie ich es für Ankommende sinnvoll finde. Allerdings war ich auch etwas verwirrt, da bisher mein Eindruck war, dass der Umgang mit Geflohenen in Australien sehr restriktiv und abschreckend ist. „Ja und Nein“ war die Antwort. Das beschriebene Procedere nennt sich ‚onshore protection’ und ist an alle ‚refugees’ gerichtet, die über bestimmte Visa[2] einreisen. D.h. diese Personen haben ein spezifisches Visum für ‚refugees’ beantragt (warten – wie ich aus verschiedenen Interviews weiß – dann einige Jahre) und sind dann, nachdem das Visum akzeptiert wurde, ggf. eingereist. Sie sind damit als ‚refugees’ anerkannt. Pro Jahr vergibt Australien ca. 13.500 Visa mit einem solchen Hintergrund. Etwa 2000 Menschen mit einem solchen Visum befinden sich bei der Anerkennung bereits in Australien, die restlichen sind außerhalb des Landes und es ist unklar ob sie einreisen werden.

Ganz anders dagegen ist der Umgang mit denjenigen Geflohenen, die ‚offshore’ versuchen nach Australien einzureisen, meist tatsächlich über das Meer, allerdings auch per Flugzeug. Sie werden abwertend als ‚boat people’ und offiziell meist als ‚asylum seekers’ bezeichnet. Das gemeinsame Merkmal ist, dass diese Menschen kein Visum beantragt haben. Die Politik ist hier ganz eindeutig: „Wenn ihr ohne Visum in unser Land kommt, wird Australien niemals eure Heimat werden – es gibt keine Ausnahmen“ – heißt es bspw. in einem von der australischen Regierung über Youtube verbreiteten Video[3], das in 17 Sprachen übersetzt ist. Menschen die offshore einreisen erhalten keinerlei Art von Serviceleistungen. Es kann eher davon gesprochen werden, dass ihnen jeglicher Service verweigert wird. In jedem Fall werden sie in sogenannten ‚detention camps’ festgehalten – sofern sie es bis nach Australien schaffen. Es gibt und gab unterschiedliche von der Regierung mit sehr viel Geld finanzierte Praktiken dies bereits vorher zu verhindern: Fischerboote mit Geflohenen werden bspw. auf dem Meer dazu gebracht umzukehren, Geflohene aus solchen Fischerbooten werden in sogenannte ‚lifeboats’[4] umquartiert und zurück ins Meer gelassen, damit sie wieder nach Asien zurückgetrieben werden. Es ist unklar, was genau auf dem Meer passiert, da die Regierung ‚aus Sicherheitsgründen’ verweigert Auskunft zu geben. Zudem wurden seit Beginn der 2000er und erneut seit 2012 Menschen auf dem Meer aufgefangen und außerhalb von Australien bspw. auf Manus Island (Papua Neuguinea) oder in Nauru über Jahre in ‚detention camps’ festgehalten. Ihren Berichten zufolge wird ihnen nicht gesagt wo sie sich befinden, wie lange sie dort bleiben werden und es wird ihnen vermittelt, dass sie keine Chance haben jemals nach Australien einreisen zu können. Durch einen gerade veröffentlichten Dokumentarfilm, gedreht mit einem Mobiltelefon von einem im Iran verfolgten Journalisten, der seit 4 Jahren festgehalten wird, werden Gerüchte belegt, wonach es zu Folterungen im Camp von in Manus Island kommt[5]. Besonders schwierig ist die Situation für inhaftierte Kinder. Sie erleben Gewalt und sexuelle Übergriffe[6]. Sozialarbeiter_innen, die in diesen Camps eingesetzt wurden, sind in der Regel nicht ausreichend ausgebildet, haben unglaubliche Arbeitsbedingungen (vier Wochen arbeiten, zwei Wochen frei), werden vertraglich gezwungen nichts über die Arbeitsbedingungen nach außen dringen zu lassen. Es wird erheblicher Druck auf sie ausgeübt damit sie sich unfreundlich und distanziert gegenüber den geflohenen Menschen verhalten (vgl. Briskman/Doe 2016[7]). Die Australische Association of Social Workers (AASW) hat unterschiedliche Statements[8] zur Situation der Geflohenen und insbesondere der Kinder in offshore detention abgegeben und vor allem auch darauf verwiesen, dass diese Art der Beschäftigung von Sozialarbeiter_innen mit dem Code of Ethics[9] nicht vereinbar ist, ohne dass dies wesentlich zu einer Veränderung der Situation beigetragen hätte. Nachdem Selbstmorde und Selbstverletzungen in diesen Camps extreme Ausmaße angenommen hatten, soll das Camp in Neuguinea auf Beschluss des obersten australischen Gerichtshofes aufgelöst werden. Und da die australische Regierung dem nicht nachkam, bot die USA an, die offshore festsitzenden Geflohenen aufzunehmen (vgl. Washingtoner Deal[10]) – eine Abmachung, die mit der neuen Trump-Regierung nicht mehr sicher zu sein scheint. Mitte Juni nun hat die australische Regierung einer relativ hohen Entschädigungssumme zugestimmt, die Inhaftierten in Manus Island ausgezahlt werden soll, um einen sich lange hinziehenden Prozess mit noch höheren zu erwartenden Kosten zu vermeiden[11]. Allerdings ist auch damit nicht verbunden, dass die zum größten Teil über mehrere Jahre festsitzenden offshore-Geflohenen als refugees in Australien anerkannt werden.

Als Gründe für diesen inhumanen Umgang der australischen Regierung mit offshore Geflohenen kann gemutmaßt werden, dass sie Australien als Einwanderungsland definiert und damit die Kontrolle darüber behalten will, wer nach Australien einreist. Und es geht sicher auch darum beonders abschreckend auf solche Menschen zu wirken, die sich diesem Procedere nicht unterworfen haben/nicht unterwerfen können. Gleichzeitig bedeutet dieses Vorgehen jedoch, dass es faktisch nicht wirklich ein Asylverfahren gibt, denn diejenigen Menschen, die über Jahre in einem anderen Land leben können, sind weit weniger in Gefahr als diejenigen, die die Flucht – trotz aller Abschreckung – über das Meer auf sich nehmen (müssen). Ein solches Verfahren kann als menschenunwürdig angesehen werden und sollte für eine zivilisierte Gesellschaft unmöglich sein. Dies wird von Human Rights Organisationen und vielen NGO’s, dem AASW und engagierten Jurist_innen in Australien immer wieder so formuliert, auch offiziell wurde Australien bspw. von der UNO heftig kritisiert. Wenn also in Österreich[12] breit diskutiert, in Deutschland eher laut gedacht als ausgesprochen wird, das ‚australische Modell’ in der Geflohenenpolitik einzuführen, so kann dem zugestimmt werden – was den Umgang mit ‚refugees’ angeht. Der Umgang mit ‚asylum seekern’ ist jedoch eindeutig als menschenrechtswidrig abzulehnen.

Michaela Köttig, Vorstandsvorsitzende der DGSA



[2] see: https://www.border.gov.au/Trav/Refu/Offs/Refugee-and-Humanitarian-visas, Zugriff 11.06.2017

[3] see: https://www.youtube.com/watch?v=rT12WH4a92w , Zugriff 11.06.2017

[5]  Film: Chauka, please tell us the time (von dem niederländischen Filmemacher Arash Kamali Sarvestani und dem in Manus festgehaltenen iranischen Journalisten Behrouz Boochani) see: http://honisoit.com/2017/06/sydney-film-festival-chauka-please-tell-us-the-time/ Zugriff 22.06.2017

[7] vgl. Briskman, Linda/Doe, Jane (2016): Social Work in Dark Places: Clash of values in offshore immigration detention. In: Social Alternatives, vol 35, No. 4

[12] see: http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlingskrise-das-modell-australien-ist-fuer-die-eu-kein-vorbild-a-1106179.html, Zugriff 11.06.2017

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA
tag:www.blog.dgsa.de,2013:Post/1170274 2017-07-04T12:09:34Z 2017-07-04T12:12:40Z Gegen den Strich: das Prostituiertenschutzgesetz tritt in Kraft

Das umstrittene Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), das bereits im letzten Jahr vom Gesetzgeber beschlossen wurde, ist am 01.07.17 in Kraft getreten. Der Name ist vielversprechend: ein Gesetz, das eine marginalisierte und stigmatisierte soziale Gruppe unter rechtlichen Schutz stellt, klingt wie eine gute Sache. Ist es aber nicht. Das jedenfalls sagen diejenigen, die geschützt werden sollen. So ist beispielsweise eine Verfassungsklage von mehr als 20 Sexarbeiter_innen (und zwei Freiern) in Vorbereitung, die vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen unterstützt wird. Aber auch der Deutsche Juristinnenbund, die Deutsche Aidshilfe sowie zahlreiche Gesundheitsämter und Fachberatungsstellen der Sozialen Arbeit äußern sich kritisch. 

Worum geht es? Das Prostituiertenschutzgesetz führt unter anderem eine Pflicht zur Anmeldung der Prostitutionstätigkeit ein, bei der eine namentliche Registrierung erfolgt und eine Bescheinigung mit Lichtbild ausgestellt wird, die bei der Arbeit mitzuführen und vorzuzeigen ist. Im Zuge dieser Anmeldung muss ein Informations- und Beratungsgespräch geführt werden, bei dem unter anderem eingeschätzt werden soll, ob die Tätigkeit freiwillig oder unter dem Druck Dritter ausgeführt wird. Oder ob weitere Unterstützung und Hilfe nötig sind. Es besteht außerdem eine Verpflichtung seitens der Sexarbeiter_innen zur gesundheitlichen Beratung in regelmäßigen Abständen.

Was diese Einführung von Kontrolle und Zwang mit dem Schutz von Sexarbeiter_innen zu tun haben soll, diese Logik erschließt sich aus der Begründung des Gesetzentwurfs durch die Bundesregierung. Prostituierte, heißt es da, befänden sich vielfach in einer „besonders verletzlichen und belastenden Situation“. Daraus wird dann geschlossen, dass sie nicht in der Lage seien, „selbstbestimmt für ihre Rechte einzutreten“ zum Beispiel im Kontext von Menschenhandel, Gewalt und Zuhälterei. Als ein Ziel des Gesetzes wird konsequenterweise die Stärkung der Selbstbestimmungsrechte von Sexarbeiter_innen formuliert. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Maßnahmen wie Kontrolle und Zwang als wirksam angesehen. Die Pflicht zu Registrierung und Beratung stärke den Zugang von „Frauen und Männern in der Prostitution zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten“. 

Hinter dieser Logik steht ein recht paternalistisches Verständnis von Schutz. Der Fremdbestimmung und Ausbeutung von Prostituierten wird nicht etwa mit einem empowernden Ansatz durch die Stärkung der Selbstbestimmung und des Selbstschutzes entgegengewirkt. Vielmehr wird der „bösen“ Bevormundung im Milieu die „gute“ Bevormundung durch die Behörden entgegengesetzt. Zu Recht kritisiert Hydra e.V., dass das Gesetz die „Mitbestimmung durch die Betroffenen und den Rückgriff auf deren Expertise in Bezug auf ihre eigene Lebensrealität“ vermissen lässt.

Freiwilligkeit und Anonymität in der Beratung und nicht Zwang und Kontrolle, das zeigen schon allein die Erfahrungen aus der Praxis der Gesundheitsämter und der Fachberatungsstellen, eröffnen den Sexarbeiter_innen in ihren sehr heterogenen Lebenslagen den Zugang zu Unterstützung und Hilfe.

Vor diesem Hintergrund ist es schwer vorstellbar, dass das Prostituiertenschutzgesetz einlöst, was der Name verspricht. Vielmehr ist zu befürchten, dass der Alltag zusätzlich erschwert und Selbstbestimmung weiterhin eingeschränkt wird. Dass eine wesentliche Belastung von Sexarbeiter_innen durch strukturelle Verhältnisse (wie dem Ausländerrecht oder dem Arbeitsmarkt) verursacht wird, wird bei der Begründung der Schutzbedürftigkeit völlig ausgespart. Eine besondere Belastung stellt die Anmeldepflicht für nicht deutsche Frauen (und Männer) dar, die bei der Anmeldung eine Arbeitsberechtigung nachweisen müssen. Ist ihnen dies nicht möglich, haben sie ein zusätzliches Problem. Diese Sexarbeiter_innen werden durch das neue Gesetz keineswegs geschützt. Sie werden erpressbar und sind in der Illegalität gefährdeter als zuvor.

 

Wichtig ist es jetzt, fachliche Qualitätsstandards in der Umsetzung des Gesetzes zu formulieren und einzufordern. Den Kommunen steht es frei zu entscheiden, welche Behörde mit welchem Personal für den Prostituiertenschutz zuständig sein wird. Gefordert wird von Seiten der Gesundheitsämter und der Fachberatungsstellen der Sozialen Arbeit, dass Informations- und Gesundheitsberatung im Rahmen des Anmeldeverfahrens durch Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit und dem Gesundheitswesen durchgeführt werden. Anonyme und freiwillige Angebote müssen erhalten und ausgebaut werden, die auf einem Vertrauensverhältnis aufbauend „eine zielführende Beratung im Sinne von Selbststärkung und Selbsthilfe“ zulassen.


Prof. Dr. Claudia Steckelberg, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg und Vorstandsmitglied der DGSA

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Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA