Nach der Jahrestagung 2018: „Lassen Sie uns auf uns schauen!“

Die Jahrestagung der DGSA war auch in 2018 rekordverdächtig: Mit 650 Anmeldungen konnte die Zahl der TeilnehmerInnen aus dem Vorjahr übertroffen werden. Ein kleines Outtake sei mir gestattet. Das Organisationsteam kam zwischenzeitlich ordentlich ins Schwitzen, da diese große Menge an Menschen, insbesondere während der Auftaktveranstaltung, kaum unterzubringen war. Aufgrund des enormen Engagements aller Beteiligten gelang es schlussendlich doch, einen passenden Saal in der Laeiszhalle anzumieten. Gebührlicher und hanseatischer hätte die Begrüßung aus meiner Sicht kaum ausfallen können. 

Die vielen Anmeldungen, ebenso wie die zahlreichen Vorschläge für Panels, sind zudem sicherlich auch mit dem Titel der Veranstaltung „Demokratie und Soziale Arbeit - Teilhabe, Solidarität und bürgerschaftliche Identifikation in einer pluralen Gesellschaft“ zu begründen. Hier hat der Vorstand erneut den Nerv der Zeit getroffen. Höchst aktuelle Themen, wie der Wahlerfolg der AfD sowie das Erstarken des Rechtsextremismus, wurden aufs Tableau gehoben. Prof. Dr. Sabine Hark sah in ihrer Keynote am Freitag den Neoliberalismus als eine Ursache dieser Phänomene. 

Zu neuen Ansichten kam ich allerdings erst am Samstag. In einem schmerzhaften Prozess musste ich mir am Ende eingestehen, dass Demokratie zunächst bei mir selbst beginnt – als Haltung, in einer persönlichen Verfasstheit. Dies scheint unerlässlich, bevor ich als Sozialarbeiterin die Welt verbessern will. Rückblickend durchlief ich während des Prozesses Trauerphasen, wie sie einst Verena Kast beschrieb. 

1.     Trauerphase: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Am Samstagmorgen besuchte ich das Panel „Rechtspopulismus in der Sozialen Arbeit“. Dort hörte ich von den ReferentInnen, wie schwierig der Umgang mit rechtsorientierten StudentInnen sei. Für sie als Lehrende an unterschiedlichen Hochschulen des Landes schien dies auch nicht die Ausnahme zu sein. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass KommilitonInnen rechte Ansichten vertreten könnten. 

2.     Trauerphase: Aufbrechende Emotionen

Aus der Fassungslosigkeit wurde Zorn. Ein Zornigsein auf StudentInnen, auf die Politik, und ja, auch ein wenig auf die ReferentInnen. Ich wollte wohl immer noch nicht wahrhaben, dass ihre Beobachtungen der Realität entsprachen. 

3.     Trauerphase: Suchen und Sich-Trennen

Der Erkenntsnisgewinn setzte sich im Panel 3.1 „Die extreme Rechte als Herausforderung für eine gelingende Soziale Arbeit im Kontext von Demokratiebildung“ fort. Auch hier wurde die Haltung der professionellen HelferInnen besprochen und die Frage aufgeworfen, welche Erwartungen wir beispielsweise an AussteigerInnen haben bzw. ob diese nicht oftmals überzogen seien. Nun keimte zum ersten Mal der Gedanke in mir auf, mich selbst und meine Haltung genauer unter die Lupe nehmen zu müssen und erst in einem zweiten Schritt auf andere (ein)wirken zu können. Ähnlich formulierte es Prof. Dr. Gesa Köbberling im selbigen Panel: Das eigene Handeln nicht nur aus den Interessen der Betroffenen ableiten, sondern eigene Positionen erarbeiten. 

4.     Trauerphase: Neuer Selbst- und Wertbezug

Von der Überprüfung meiner eigenen Haltung überzeugte mich schlussendlich Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker in seinem flammenden Plädoyer: „Lassen Sie uns auf uns schauen!“ StudentInnen und Lehrende an Hochschulen sollten sich wieder berufen fühlen, als Community zu agieren und füreinander einzustehen. Sie sollten gemeinsam zu Überzeugungen kommen, die schadhaften Ansichten gegenüber standhaft vertreten werden können. 

Sturzenheckers Wunsch war es, seine eigene Forderung ernst zu nehmen und für mehr Demokratie an der Uni zu sorgen. Sich dem anzuschließen, steht uns nun aus meiner Sicht bevor - sowohl uns StudentInnen und den Lehrenden an Hochschulen als auch den PraktikerInnen. 

Michelle Mittmann,

Studentin der Sozialen Arbeit im Master und Social-Media-Beauftragte der DGSA