Gesichter der Sozialen Arbeit

Seit 2008 wurden mithilfe des Projekts „Gesichter der Sozialen Arbeit“ Plakate im DIN A2 Format erarbeitet, die zu einer Dauerausstellung an der DHBW Stuttgart führten. Die „Gesichter“, die Soziale Arbeit prägten, sollten sichtbar werden. Dazu  tauchten wir in die Geschichte Sozialer Arbeit ein. Mit jeder Person wird eine neue Facette Sozialer Arbeit sichtbar. Die Personen und ihre „Gesichter“ wurden durch die Rezeption der Geschichtsschreibung entdeckt. Wir fragten uns: Wer gehört zu den „Lichtgestalten“? Wer legt eigentlich fest, wer dazu gehört? Was meint der Begriff Soziale Arbeit? Wie hat sich das, was mit dem Sammelbegriff Soziale Arbeit ausgedrückt wird entwickelt? Welche Anstöße kamen aus der konkreten Politik, aus der Wirtschaft und aus der Zivilgesellschaft? Welche Funktion haben die sogenannten sozialen Bewegungen wie Frauen-, Arbeiter-, Jugend-, Antikriegs-, und Ökologiebewegungen? Welche Probleme, Zielgruppen und Lösungen hatten die Personen im Blick, die die Geschichte Sozialer Arbeit prägten?  


Der Anfang
Sozialer Arbeit
Schon die Frage, wann die Spurensuche beginnt, muss definiert werden. Soziale Arbeit hat viele „Gesichter“ und sie hat viele Geschichten, die mit den Epochen und modernen Umwälzungen der Gesellschaft zusammenhängen. Hier beginnt die Spurensuche mit der Epoche der Aufklärung. Schon dieses Eintauchen in die Geschichte ist faszinierend. Wir verstanden immer besser, wie sich dieser Beruf entwickelte und welche Bedeutung Soziale Arbeit für die Gesellschaft hat.

Durch die Forderungen der Französischen Revolution (1789 bis 1799), wurde damals der feudal- absolutistische Ständestaat abgeschafft. Universalistische Werte wie die Idee der Freiheit, Gleichheit und Solidarität wurden als Menschenrechte proklamiert, die in Europa handlungsleitend waren. Der Liberalismus und der Sozialismus prägten nicht nur das moderne Sozialstaats- und Demokratieverständnis unserer Zeit, sondern waren Motoren für sozialen Wandel. Die tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaften Europas betrafen deren Staats-, Wirtschafts-, Sozial-, und Erziehungssysteme, die durch den Wiener Kongress von 1814 bis 1815 und die neuen Staatsgrenzen insgesamt neu ausgerichtet wurden. Die Geschichte Sozialer Arbeit ist natürlich Teil der Epochen- und Sozialgeschichte in Deutschland.
In Deutschland hatten die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nach der Französischen Revolution zum Pauperismus geführt. Die Armut des frühen 19. Jahrhunderts zeigte sich vor allem in Städten als ein soziales Problem. Die Armutsbekämpfung richtete deshalb auf die Beseitigung des Hungers, die Eingrenzung von Epidemien sowie die Begrenzung der Bettelei. Aber auch die Versorgung von verwundeten Soldaten und Witwen, die durch die ständig drohenden Kriege zu leisten waren, belasteten die Länder und Kommunen. Waisenkinder und Kinder aus kinderreichen Familien fanden in sogenannten Rettungshäusern Aufnahme. Hier bestand die Hilfe in der Disziplinierung und Arbeitsbefähigung und schulischen Bildung. Die Frauen, denen Rechte fehlten, suchten nach Möglichkeiten für ihre Emanzipation. Sie engagierten sich in der Kleinkindererziehung und in Vereinen, die caritativ tätig waren. In Deutschland hat das Vereinsleben eine starke Tradition. Im 18. Jahrhundert hießen Vereine meist "Gesellschaften", die Menschen ständeübergreifend zusammenbrachten und zur Geselligkeit beitrugen. Adelige und höhere Beamte diskutierten auch mit Frauen in sogenannten „Salons“ über Tagesereignisse und politisch-philosophische Zeitprobleme. Die Menschen kannten „Lesegesellschaften", in denen das aufgeklärte Bürgertum politische Vorstellungen gedanklich verwirklichen konnte. Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff "Verein". Das Vereinswesen trug entscheidend dazu bei, dass gemeinsame Werte tradiert wurden und Gemeinschaft erlebbar wurde. Viele Turnvereine, Gesangs- oder Kleingärtnervereine haben eine lange Tradition. Damals waren sie ein städtisches Phänomen und sie galten als modern und zukunftsorientiert. Die sogenannte Zivilgesellschaft spielt in Deutschland auf der Ebene von Vereinen bis heute eine wichtige Rolle und hält die Gesellschaft zusammen. Die, die der Sozialen Arbeit den Weg bereiteten, nutzten häufig den Verein, um mit ihrer Innovation nicht allein zu bleiben. Die Wegbereiter*innen dieser Jahre setzten sich mit den veränderten Lebensverhältnissen auseinander und sie versuchten die sozialen Probleme der Armut zu lösen. Die Schule, der Kindergarten, das Rettungshaus, die Zucht- und Krankenhäuser entstanden, weil die Menschen, die sie gründeten von der Philosophie, Pädagogik, Theologie, Medizin und Juristerei ihrer Zeit inspiriert waren und mit diesem Wissen Hilfe anboten und auch konzeptualisierten.

Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass der Kindergarten eine zentrale Funktion hat, um die Entstehung Sozialer Arbeit zu begreifen. Viele Frauen waren Fröbelpädagoginnen und sie verbreiteten die sozialintegrierende Funktion des Kindergartens. In Preußen war der Kindergarten von 1851 bis 1860 sogar verboten, weil die Politik seine emanzipatorische Wirkung fürchtete. Was ist daraus geworden? 

Politisch betrachtet wurde das Europa der frühen Moderne von Fürstentümern und Königreichen regiert, die meist eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden waren. Als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ 1806 untergegangen war, versuchte Napoleon I. Macht über den europäischen Kontinent zu bekommen. Das provozierte zahlreiche Befreiungskriege. In Deutschland führte dies zu einer politischen Neuordnung in Form des Norddeutschen Bundes unter preußischer und österreichischer Führung. Dagegen richtete sich wiederum die Revolution von 1848/49, die vom preußischen Militär niedergeschlagen wurde. Die 1948er- Märzrevolution stärkte die Monarchie. Preußen und Österreich bekamen innerhalb des Deutschen Bundes eine Vormachtstellung und Berlin wurde zur politischen Metropole. Hier wurde 1862 der  konservative preußische Politiker Otto von Bismarck (1815- 1898) von König Wilhelm I. zum Ministerpräsidenten berufen. Bismarck spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung Sozialer Arbeit. In seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident grenzte er den Einfluss der katholischen Kirche ein und wurde im Zuge der Gründung des Kaiserreiches 1871, in den erblichen Fürstenstand erhoben. 1870 hatte der Sieg des Norddeutschen Bundes im Deutsch- Französischen Krieg zur Gründung des Kaiserreiches geführt, das als eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen wurde. Somit hatte der Kaiser die politische und militärische Führung und war zu gleich preußischer König und oberster Kirchenherr der Protestanten. Er ernannte den Reichskanzler, der auch preußischer Ministerpräsident war und damit zur Machtelite gehörte. Die Rechte des nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht gewählten Reichstags beschränkten sich zu der Zeit auf die Mitwirkung beim Gesetzgebungsverfahren und die Verabschiedung des Budgets. Damals wurden die Forderungen nach Einführung einer parlamentarischen Monarchie mit einer Verantwortlichkeit der Minister gegenüber der gewählten Volksvertretung von den konservativen Eliten vehement abgelehnt. In Deutschland war der Einfluss des Protestantismus spürbar und als Reichskanzler Otto von Bismarck die Festigung des Nationalstaats vorantrieb, bekam er starke Unterstützung seitens der Kirchen. Die Bismarckschen Sozialgesetze, die Krankenversicherung von 1883, die Unfallversicherung von 1884 und die Invaliditäts- und Alterssicherung von 1893, bilden bis heute die Basis für den Sozialstaat. Bismarck verbesserte dadurch nicht nur den Schutz der Arbeiter, sondern wirkte auf die durch die Industrialisierung entstandenen Probleme der Arbeiter sozialpolitisch deeskalierend. Die extreme Sprengkraft der sozialen Gegensätze zeigte sich damals in Streiks, Straßenkämpfen und kommunistischen Parteibildungen. Bismarck erhoffte sich damit auch, die sozialistische Bewegung einzugrenzen. Die junge Nation Deutschland musste sich ja beweisen und der Staat sollte auch als ein fürsorglicher Staat die parteipolitischen Entwicklungen innerhalb der Arbeiterklasse fester an die Regierung zu binden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 ging das Kaiserreich seinem Ende entgegen und die Weimarer Republik von 1919 bis 1933 löste die Monarchie ab. Sozialgeschichtlich relevant waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert die industrielle Revolution und Hochindustrialisierung, die viele soziale Probleme erzeugte. Das hohe Bevölkerungswachstum und der Prozess der Urbanisierung führten weiterhin zu Armut und nach wie vor starben Menschen an Epidemien. Viele Menschen wanderten in die USA aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten noch einmal zwei Kriege das europäische Leben. Diese Weltkriege veränderten die Menschen und mit dem Holocaust wurden die Widersprüche der Aufklärung unübersehbar sichtbar. Soziale Arbeit wurde auch dadurch beeinflusst und die Spurensuche führte zur Frage nach dem Widerstand im Nationalsozialismus und der Entwicklung nach 1945. Diese Ausstellung erklärt die Hintergründe, die die Pioniere veranlassten, Lösungen für soziale Probleme zu finden. Sie macht deren Einstellung zur Politik und zur sozialen Frage ihrer Zeit mithilfe der Plakate sichtbar.

Soziale Arbeit als Hilfe zur Bewältigung sozialer Probleme

Dass Helfen zur sozialen Arbeit, also zum Beruf wurde, war ein Prozess, der während des Kaiserreiches (1871 bis 1918) begann. Der Manchesterkapitalismus hatte seine sozialzerstörerische Seite entwickelt und gezeigt. Soziale Projekte wie „Toynbeehall“ in London und „Hull House“ in Chicago zeigten, wie in anderen Ländern mit den Problemen der Migration, der Siedler und der Armen umgegangen wurde. Die Wirkung der „Settlements“ reichte bis nach Berlin, um hier die „Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost“ zu gründen und als ein deutsches Settlement zu erproben. Die Einzelfallhilfe in der Kombination mit der Gemeinwesenarbeit setzte sich durch. Bildung galt zwar bereits seit der Aufklärung als Zaubermittel für die Schaffung einer „neuen Gesellschaft“, die Menschen befähigt, ihre Verhältnisse zu verändern. Doch erst im 20. Jahrhundert wurde sie innerhalb sozialer Arbeit zum Vehikel für die Professionalisierung. Neben der Armutsbekämpfung sollten nun auch die herrschenden Verhältnisse verändert werden. Die Überzeugung, dass der Mensch eine Würde besitzt, die angesichts des kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder in Frage gestellt wird, wurde erst im 20. Jahrhundert zum Motor weiterer Entwicklungen. Die sozialen Institutionen, die bis heute zur Infrastruktur Sozialer Arbeit gehören, wurden im Kaiserreich gegründet. Dazu gehören Ausbildungseinrichtungen, diakonische und caritative Einrichtungen für Kinder, Alte, Behinderte, die Wohlfahrtsverbände, die soziale Statistik, der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ e.V. und die durch den Weimarer Wohlfahrtstaat ermöglichte rechtliche Absicherung Sozialer Arbeit. Seit der Weimarer Republik (1919 bis 1933) besteht das Netzwerk der Sozialarbeit aus Verbindungen von sozialpolitischer und zivilgesellschaftlicher Hilfe, die in Deutschland ein umfassendes Sozialsystem hervorgebracht hat, das bis heute den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft sichert. Diese institutionalisierte Solidarität stärkt nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern sie ist längst so bedeutsam, wie die Wirtschaftsunternehmen, ohne die wir kein menschenwürdiges Leben führen können. Wer zählt zu den Wegbereiter*innen Sozialer Arbeit? Was haben Menschen angestoßen und in oft mühevoller Kleinarbeit gesellschaftlich durchgesetzt? Die Dauerausstellung erzählt von ihnen und lässt Platz für eigene und weitere Entdeckungen.  

Soziale Arbeit hat sich immer wieder gewandelt. Ob sie systemstabilisierend oder systemkritisch wirkt, ob sie praktisch oder theoretisch wirksam ist und was diesen Beruf kennzeichnet, darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Sie lädt dazu ein, die Pioniere und Pionierinnen kennenzulernen und das Entwicklungspotential Sozialer Arbeit zu verstehen. Die Plakate werden in der Lehre genutzt, um die Geschichte Sozialer anschaulich und biografisch einordbar zu machen. Die Arbeit an den „Gesichtern“ ist faszinierend und reich an neuen Entdeckungen.  

Gastbeitrag von Prof. Dr. Christiane Vetter, Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der DHBW Stuttgart