„Gemeinsam Strukturen schaffen, um zu gestalten…”

… das ist wohl einer der Sätze, die wir Organisator*innen zum Leitmotiv für die Vorkonferenz des wissenschaftlichen Nachwuchses der Sozialen Arbeit machen könnten. Warum? Das wollen wir in dem vorliegenden Beitrag erläutern. 

Bereits zum zweiten Mal haben sich im Rahmen der Vorkonferenz zur Jahrestagung der DGSA am 25. und 26. April 2019 Nachwuchswissenschaftler*innen der Sozialen Arbeit in Stuttgart getroffen, in diesem Jahr mit knapp 120 Teilnehmenden sogar doppelt so viele wie beim ersten Mal. Schon die stürmischen Begrüßungen verhießen zwei großartige Tage. Die am häufigsten gestellte Frage war sicherlich: „Und was ist bei dir so passiert? Erzähl doch mal!“ Aus wissenschaftlicher Sicht eine wunderbare Einstiegsfrage in eine längere Phase der Narration, die sicher häufig funktionierte, in manchen Momenten dann aber doch durch scheppernde Töne aus dem Mikrofon unterbrochen wurde, sodass pausiert werden musste. 

Schnell war uns Organisator*innen klar: Mit der Vorkonferenz hatte die Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA einen Treffpunkt für Austausch und gegenseitige Unterstützung geschaffen. Es ist dadurch eine Plattform für Promovierende und Promotionsinteressierte aus der Sozialen Arbeit entstanden, wie es sie in dieser Form bis dato nicht gab. Und das große Interesse an der Vorkonferenz signalisiert uns, dass wir hiermit auf einen dringenden Bedarf eine Antwort gefunden haben.

 Antworten oder zumindest intensive Diskussionen zu einer Vielzahl an Fragen standen im Fokus der Konferenz. Wir wollten Raum für ein solidarisches Miteinander schaffen, in dem Wissens- und Erfahrungsaustausch im Zentrum stehen. Also brachten wir, neben anderen Programmpunkten, die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen zusammen, in denen sie dann Gelegenheit hatten, über alle Anliegen und Gedanken, aber auch Ängste und Sorgen rund um das Thema Promotion, in einen Austausch untereinander zu treten. Im Raum standen ganz unterschiedliche Fragen, je nachdem wo im Promotionsprozess sich die Teilnehmenden gerade befanden. Das führte dazu, dass alle Anwesenden einmal Wissende und ein anderes Mal Fragende waren: Unser Plan, Solidarität untereinander zu schaffen, schien aufzugehen. Statt expertokratischer Wissensvermittlung setzten wir – ganz im Sinne eines deutenden Verstehensprozesses als Handeln professioneller Sozialarbeiter*innen – auf die diskursive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven. 

Heiß diskutiert wurde die Frage der Vereinbarkeit: Wie soll man 50% in der beruflichen Praxis arbeiten und nebenbei noch 50% an der Hochschule oder Uni? Was, wenn die 50%-Stelle dann keinen Stellenanteil für die Promotion enthält? Soll man das dann noch on-top machen? Ist das möglich? Soll man neben der Promotion überhaupt noch irgendwas machen? Macht es denn vielleicht nicht mehr Sinn sich voll und ganz darauf zu konzentrieren? Doch wovon dann leben? Vielleicht doch lieber ein Stipendium? Und was, wenn zu Beruf und Promotion auch noch Familie hinzukommt? Wer schafft das? Wie macht ihr das? 

Heiß diskutiert wurde auch die Frage der eigenen Identität: Wie ist das, wenn man als Sozialarbeiter*in fachfremd promoviert? Oder was ist, wenn man eine Stelle in einem Graduiertenzentrum bekommt, in dem es eigentlich nicht um die Soziale Arbeit geht? Wer ist man dann? Mit wem oder was kann man sich dann identifizieren? Wo findet man fachlich Anschluss? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo verlaufen disziplinäre Grenzen? Und wer zieht diese mit welchen Mitteln? Und wie kann man bei alledem auch noch das Profil der eigenen Identität als Sozialarbeiter*in weiter schärfen, statt davon abzukommen? 

Es schwirrten noch viele weitere Fragen durch die Räume und Flure, doch sie alle zu nennen, würde wohl den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Darum seien diese zwei Blöcke gewählt, vor allem, weil sie aufzeigen, woran in Zukunft gearbeitet werden kann – oder gar muss? Von wem? Von uns! Denn wie Cendrese Sadiku während der Podiumsdiskussion auf der Vorkonferenz an uns appellierte: „Ihr als Mittelbau (wir nennen uns ja lieber Nachwuchswissenschaftler*innen, immerhin sind nicht alle von uns überhaupt Teil der Statusgruppe ‘Mittelbau’) müsst für euch selbst aufstehen und eure Interessen vertreten, sonst wird es niemand tun!“ Nur gemeinsam können wir für Bedingungen kämpfen, die die Fragen zur Vereinbarkeit zum Positiven verändern. 

Dafür ist es wichtig, dass wir uns darüber klar werden, wer wir eigentlich sind, wer wir sein wollen, was uns auszeichnet und wie wir die Zukunft unserer Profession gestalten wollen. Denn, und auch das ist während der Podiumsdiskussion sehr deutlich geworden: Die Promovierenden in der Sozialen Arbeit, das ist zum einen der Nachwuchs einer ganz bestimmten Profession und dessen sollten wir alle uns auch klar sein. Zum anderen ist unsere Gruppe geprägt von einer überwältigenden Vielfalt, wie sie sonst wohl nur auf wenige Professionen zuzutreffen scheint – zumindest waren selbst die Diskutant*innen der Podiumsdiskussion überrascht, mit welcher Vielfalt prekären Promovierens wir aufwarten konnten. 

Doch uns allen ist an der Gestaltung der Zukunft der Sozialen Arbeit gelegen. Das verbindet uns. Wir müssen diese Vielfalt, die unsere Qualifikationsbedingungen betrifft, als Herausforderung und Chance begreifen, „uns zusammentun und nach Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen schauen, statt uns abzugrenzen“, um es in den Worten Sylvia Bühlers auf der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung zu sagen. Und da schließt sich der Gedankenkreis und wir sind wieder bei der Vorkonferenz: Damit ist eine Struktur geschaffen, um die Zukunft zu gestalten. Nicht irgendeine Zukunft, sondern die Zukunft der Sozialen Arbeit durch ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. 

Und, so viel ist sicher, auch im kommenden Jahr in Landshut wird es wieder eine Vorkonferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben – vielleicht im Sinne des solidarischen Miteinanders sogar gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftler*innen aus Österreich und der Schweiz. Lassen wir uns überraschen – oder selbst gestalten?!

 

Eva Maria Löffler, Nils Klevermann, Vera Taube, Julia Hille und Fabian Fritz 

Das Orga-Team der Vorkonferenz 2019