Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Die rasante technische Entwicklung ist nicht mehr zu übersehen, digitale Geräte sind in jedem Haushalt zu finden und die Auswirkungen auf die Individuen und die Gesellschaft zeigen sich deutlich. (vgl. JIM-Studie 2017). 

Dadurch verändern sich auch die Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit. War vor einigen Jahren die Digitalisierung im sozialen Bereich noch Sache der Medienpädagogik, kann sich nun, bedingt durch die Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitalen Medien, die Soziale Arbeit nicht mehr auf diese Expert*innen verlassen. Sozialarbeiter*innen müssen selbst aktiv werden. 

Aktuell verändern sich klassische Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit drastisch, es kommen aber auch neue Arbeitsbereiche hinzu, die noch kaum Beachtung gefunden haben.

Ein paar Beispiele: 

Schulsozialarbeit hat nahezu täglich mit Onlinemobbing, Onlinestress, exzessiver Mediennutzung, Sexting (Verbreiten von Nacktfotos) und klassischen Medienerziehungsthemen zu tun. Sozialarbeiter*innen sollen sich dieser Probleme annehmen. 

Im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes spielen Computerspiele, Pornographie im Netz und Cybergrooming eine große Rolle. 

Doch Digitalisierung ist längst kein Kinder- und Jugendthema mehr. Auch Teilhabe von Senioren, Inklusion und Partizipationsprozesse können über digitale Medien ermöglicht oder verbessert werden. Digitale Medien bieten viele Chancen für die Soziale Arbeit, die oft noch ungenutzt bleiben. 

Hinzu kommt die gesellschaftliche Ebene: Meinungsbildung findet im Netz statt, Hetze und Rassismus können durch das Internet verbreitet und gefördert werden. Daten können ausgewertet werden – es gibt bereits erste Gedankenexperimente eine Art „predictive social work“ zu installieren. Also durch Datenauswertung, ähnlich wie beim „predictive policing“, bei dem die Polizei an Orten Präsenz zeigt, die durch einen Algorithmus vorgegeben werden, Soziale Arbeit schon zu installieren, bevor etwas passiert. Was sich zunächst gut und sinnvoll anhört, ist natürlich im Zuge der persönlichen Freiheit und Entwicklungsfähigkeit der Individuen kritisch zu hinterfragen. Datenanalysen sind selten neutral, künstliche Intelligenz kann nur mit bereits vorhandenen Daten trainiert werden. Diese spiegeln häufig vorhandene gesellschaftliche Strukturen wieder. So kann künstliche Intelligenz z.B. Sexismus fördern (vgl. auch Rob LoCascio). 

In den USA sollen Internetfilter auf schulischen Geräten z.B. Suizidabsichten erkennen und dann Schulsozialarbeiter informieren. 

Die Veränderung der Arbeitswelt durch Digitalisierung und der damit verbundene Wegfall bestimmter Arbeitsplätze stellt Soziale Arbeit vor eine andere große Herausforderung. Wie gehen wir mit Menschen um, die durch Digitalisierung ihre Arbeit verlieren? Betroffen sind hier nicht nur Personen aus dem Niedriglohnsektor, sondern auch gut bezahlte und gesellschaftlich angesehene Jobs. Der Begriff der Risikogesellschaft bekommt so eine neue Dimension. Die Definition des eigenen Wertes in unserer Gesellschaft über die Arbeit muss hier in Frage gestellt werden.  Sind z.B. politische Veränderungen im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens sinnvoll? 

Zu all dem kommen völlig neue Arbeitsfelder, z.B. im Bereich des e-sport (elektronischer Sport). Jugendliche wollen die Schule hinschmeißen, um e-sportler zu werden, gescheiterte e-Sportler müssen betreut werden und ähnlich wie in Fußballvereinen ist eine Fanbetreuung zwingend angebracht. In skandinavischen Ländern ist es beispielsweise normal, dass Schulen eine e-sport Mannschaft haben und dies auch als pädagogisches Mittel nutzen. 

Es ist zu sehen, dass die Digitalisierung weitreichende Veränderungen für die Soziale Arbeit mit sich bringt. Deshalb muss sich die Profession diesen Fragen stellen, bestimmen, wo sie Ihre Verantwortung sieht und wie die Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeiter*innen entsprechend gewährleistet werden kann. 

Ich freue mich besonders, dass die DGSA als Thema für ihre Jahrestagung 2019 den Wandel der Arbeitsgesellschaft gewählt hat. Die u.a. durch die Digitalisierung bedingten Veränderungen werden hier aufgegriffen und diskutiert. Ein guter Anfang, um sich den weitreichenden Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Profession zu nähern. 

Ein Gastbeitrag von 

Prof. Dr. Angelika Beranek von der Hochschule München

 

Prof. Dr. Angelika Beranek ist Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Hochschule München. Sie hat jahrelange praktische Erfahrung in der medienpädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen und ist Mitgründerin der Digitalen Helden. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit reichen von digitalen Spielen, Onlinemobbing, exzessiver Mediennutzung bis hin zu gesellschaftlichen und medienethischen Fragestellungen der Digitalisierung.

 

4 responses
Liebe Kollegin Beranek, liebe Mitlesende, Danke für den überfälligen Aufschlag! Vermutlich bekannt, aber hier im Text nicht enthalten und darum von mir nachgetragen: Die Mailingliste Sozialinformatik https://ml01.ispgateway.de/mailman/listinfo/mai... versammelt bisher schon Tagungen, calls und auch Stellenhinweise im Kontext der Digitalisierung Sozialer Arbeit. Mit freundlichem Gruß: rudolf schmitt
Noch ein call for paper als Nachtrag: "Das e-beratungsjournal.net versteht sich als diskursive Zeitschrift zur Weiterentwicklung von Theorie, Praxis und Forschung im Feld der Onlineberatung und –therapie sowie der computervermittelten Kommunikation. Für das Sonderausgabe 2/2019 werden Beiträge zum Themenschwerpunkt „Hochschule“ zur Erstveröffentlichung gesucht. Das Spektrum des Sonderhefts beim e-beratungsjournal.net soll unterschiedliche Themenbereiche umfassen wie Onlineberatung, Online-Interventionen, Apps, Blended-Learning-Konzepte, Wearables, Serious Games und Virtual Reality zur Prävention und Gesundheitsförderung im Setting Hochschule." => http://www.e-beratungsjournal.net/wp-content/up...
Natürlich muss auf Phänomene der Digitalisierung sozialarbeiterisch re-agiert werden - aber wie wäre es, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, zu agieren!? Eine wichtige Aufgabe in der Sozialen Arbeit ist die Vernetzung. Das Medium für Vernetzung par excellence ist das Internet. Für team- oder einrichtungsübergreifende Kollaboration fehlen aber die Tools, die Server-Hardware, die -Software. So etwas könnte mit Facebook, Google+ und Konsorten softwareseitig gut genug gemacht werden, wenn es nicht um hochsensible Daten gehen würde. Wir brauchen da eine eigene Infrastruktur (und digitale Kompetenz). Ich (ambulante Erziehungshilfe ist mein Job) würde z. B. gerne beim Landesjugendamt einen Weblog bestellen, um mit anderen Profis und den Adressaten eine virtuelle, permanente Helferkonferenz betreiben zu können, die höchste Sicherheit verspricht. Davon sind wir aber weit entfernt (selbst davon, so zu denken). Das hat zur Konsequenz, dass wir im Sozialwesen die Digitalisierung erleiden, statt sie zu gestalten - und womit!? Mit Recht.
Lieber Herr Schmitz Sie haben ganz Recht, wir müssen aus der Rolle, dass wir Digitalisierung erleiden heraus. Die Chancen sind vielfältig und gerade die angesprochene Vernetzung oder auch die Niedrigschwelligkeit und Lebensweltnähe von Onlineangeboten sollte besser genutzt werden. An einigen Punkten tut sich etwas, so gibt es z.B. Ideen bzw. Projekte um anonyme Beratungsangebote auch im Darknet zu platzieren. Mir fehlt eben größtenteils auch das vorausschauende Agieren in Hinblick auf die technischen Entwicklungen.