„Bist du stark genug für meine Paprika?“ Was unterscheidet Soziale Arbeit ohne und mit Gender Studies?

Gender Studies seien unnütz – dies ist immer häufiger und immer lauter zu hören. Entsprechende Lehrstühle, Institute, Studiengänge und Forschungsprojekte werden zu ideologischen Kaderschmieden erklärt, in denen eine feministische Weltherrschaft vorbereitet würde, statt seriöse Wissenschaft zu betreiben. Jeder Cent öffentlicher Förderung sei einer zu viel. Tatsächlich hat die ungarische Regierung kürzlich die Gender Studies aus der Liste der zugelassenen Studiengänge gestrichen. Auch hierzulande scheint die Lobby für entsprechende Maßnahmen zu wachsen, zumindest verschafft sie sich mehr öffentliches Gehör.    

Doch welche Folgen hat es eigentlich, wenn ein Berufs- und Wissenschaftsfeld wie Soziale Arbeit nicht (mehr) auf Genderwissen zurückgreift – weil dieses für obsolet erklärt wird – oder zurückgreifen kann – weil es demontiert und nicht mehr weiterentwickelt worden ist? Was passiert konkret, wenn die „Zukunftsvision einer gender-freien Wissenschaft und Praxis“ sich erfüllt?

Wir wollen dies modellhaft durchspielen an einer Fallvignette aus dem Berufsfeld der Sozialen Arbeit. Fresia Klug-Durán hat sie in einem Beitrag zur Bedeutung des Essens in der Sozialpädagogischen Familienhilfe dokumentiert, der 2009 im Sammelband „Erst kommt das Fressen! Über Essen und Kochen in der Sozialen Arbeit“ erschien (S. 85 - 97). Die Autorin schildert den Fall mit den üblichen Angaben zum Geschlecht der beteiligten Personen, was bereits widerspiegelt, dass Geschlechtszugehörigkeiten offenbar für das Fallverstehen von Bedeutung sind.

Wir schreiben diese Fallvignette vor dem Hintergrund der kritischen Debatten zu den Gender Studies um und löschen sämtliche Geschlechter-Informationen, um auszuprobieren, was dann passiert. Wie wird also die Problemsituation einer Familie, die Adressatin Sozialer Arbeit ist, ‚geschlechtsfrei‘ erzählt? 

Familie Yildiz wird von zwei Fachkräften der Familienhilfe unterstützt. Der eine Elternteil hat Depressionen, zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, leiden unter psychosomatischen Symptomen, zwei weitere Kinder, 16 und 17 Jahre alt, fallen außerhalb der Familie durch Aggressivität auf und kommen zeitweise nachts nicht mehr nach Hause. Die Eltern suchen mehrmals wöchentlich nachts nach eines dieser Kinder. Auftrag der Familienhilfe ist zunächst, sich einen Einblick in das Familienleben zu verschaffen und Hypothesen für das nächtliche Fernbleiben der Jugendlichen zu entwickeln. Erst im Verlauf der Hilfemaßnahme werden Hinweise auf eine psychische Erkrankung auch des anderen Elternteils sichtbar.

Die eine Fachkraft der Familienhilfe kommt einmal in der Woche vormittags zur Familie nachhause, um mit dem einen Elternteil zu sprechen. Die Kinder sind in dieser Zeit in der Schule. Der andere Elternteil, der im Schichtdienst arbeitet, ist während dieses Besuchs entweder an der Arbeit oder er schläft. Gegen Ende des Termins kommen einzelne der Kinder von der Schule zurück, der andere Elternteil bereitet sich manchmal für die Arbeit vor. Die Gespräche mit dem einen Elternteil drehen sich um die Familie, Erziehung der Kinder und seinen Sorgen. Sie finden in der Küche statt, während man gemeinsam frühstückt und er später seine alltäglichen Küchenarbeiten erledigt wie Geschirrreinigung und Kochen. Der andere Elternteil toleriert die Anwesenheit der Fachkraft nur unter diesen Bedingungen.  

Die andere Fachkraft der Familienhilfe betreut eine der jugendlichen Kinder der Familie. Wenn sie sie zuhause zu einem Termin abholt, hält sie sich bewusst einen Moment in der Familie auf, um Gelegenheiten für Gespräche zu schaffen. Dem anderen Elternteil ist sie suspekt. Weil er sich jedoch nicht mehr zu helfen weiß bei seinen Kindern, akzeptiert er sie. Die kurzen Zusammentreffen nutzt dieser Elternteil jedes Mal, um die Fachkraft aufzufordern, mit ihm scharfe Paprika zu essen. Er bereitet die Paprika dann auf dem Elektrogrill zu und betont dabei, wie gut seine Paprika sei und wie hervorragend er sie zubereite. Die Aufforderung wird von Mal zu Mal provokanter: „Bist du stark genug für meine Paprika? Bist du ein Mensch? Wie viele Paprika isst du? ... ha, ha! Ich esse mehr scharfe Paprika, ...“ Auch die Kinder werden von diesem Elternteil gefragt, wer ihrer Meinung nach mehr scharfe Paprika essen könne. Die Fachkraft isst zum Ausdruck der Wertschätzung der elterlichen Zubereitungsleistung eine Paprika, lobt sie und betont ausdrücklich, dass sie wirklich sehr scharf sei und dass sie keine weitere essen könne. Der Elternteil freut sich darüber und wirkt beruhigt.

Auch ohne irgendeinen Hinweis zur Geschlechtszugehörigkeit der Akteur_innen des Falls wird deutlich, dass es hier einer Familie nicht gut geht und Handlungsbedarf besteht. Sowohl die vier Kinder zeigen Belastungssymptome als auch die Eltern. Zudem werden Spannungen zwischen den Eltern sichtbar: Das Angebot der Familienhilfe wird von beiden Elternteilen höchst unterschiedlich angenommen. Während ein Elternteil schnell ein kooperatives Arbeitsbündnis mit der für sie zuständigen Fachkraft eingeht, erlebt der andere Elternteil die Familienhilfe eher als Gefahr für die herrschende Familienordnung. Er reagiert aggressiv und versucht, die eigene Machtposition demonstrativ zu sichern. So diktiert dieser Elternteil erfolgreich die Bedingungen, unter denen die Familienhilfe überhaupt mit seinem_r Ehepartner_in arbeiten darf. Zudem inszeniert er mit der Paprika vor den Augen der gesamten Familie einen Wettkampf mit einer der beiden Professionellen, bei der diese unterliegt. Dass dieses Spiel nicht nur eine singuläre Episode ist, sondern sich jedes Mal vollzieht, wenn die Fachkraft in der Familie erscheint, verweist auf den hohen Druck, unter dem dieser Elternteil steht.

Für den Einsatz der Familienhilfe offenbaren sich damit diverse wichtige Ansatzpunkte. Zum ersten muss reflektiert werden, wie sich die Professionellen in dem elterlichen Machtverhältnis positionieren, um den beruflichen Auftrag gut erfüllen zu können. So wie es in der Fallvignette aussieht, fügen sie sich relativ reibungslos als ‚Unterlegene‘ ein. Sie lassen das Dominanzgebaren des einen Elternteils zu, während sie mit dem anderen – unterlegenen – Elternteil gut zusammenarbeiten. Dies kann funktional sein, wirft aber auch die Frage danach auf, was mit dem beruflich-strategischen Verzicht auf eine machtvolle Selbstinszenierung eventuell verspielt wird.

Zum zweiten ist darüber nachzudenken, wie für den ‚mächtigen‘, aggressiven Elternteil der Stress reduziert werden kann, um sich perspektivisch möglicherweise produktiver auf das Hilfeangebot einzulassen. Zum dritten ist schließlich auch kritisch zu fragen, warum das nächtliche Fernbleiben der älteren Kinder in der Familie mehr institutionelle und familiale Aufmerksamkeit erfährt als die psychosomatischen Leidenssymptome der jüngeren. Deuten sich hier weitere – geschwisterliche – Machtverhältnisse, bei denen Familienhilfe wachsam sein muss, um dies nicht zu reproduzieren?

Soweit die erste geschlechtsfreie Fallanalyse. Was verändert sich nun, wenn Wissensbestände der Gender Studies aktiviert werden?

In diesem Moment wird zugänglich, dass die herausgearbeiteten virulenten Macht- und Konfliktverhältnisse innerhalb der Familie und zwischen Professionellen und Familie auch mit Geschlechterordnungen zu tun haben. Erkennbar wird, dass bereits die Krisensymptome der Geschwister von Geschlechtersymboliken gezeichnet sind. Es sind nämlich die Töchter, deren Leiden sich in psychosomatischen Störungen manifestiert, und es sind die Söhne, deren Leiden sich in spektakulärer Rebellion gegen Verhaltensnormen Bahn bricht. Alle Kinder versuchen also, die bedrückenden familialen Generationenkonflikte irgendwie zu bewältigen, gleichzeitig bearbeiten sie dabei ihre hierarchischen Geschlechterpositionen: die Mädchen verhalten sich relativ still und defensiv mit ihrer Artikulation des eigenen Unwohlseins, die Jungen aktivieren sehr viel wirkungsvoller elterliche – und institutionelle – Ängste und Fürsorge. Dies alles wirft die Frage danach auf, wie den Geschwistern geschlechtskonforme, aber weniger destruktive Räume der Artikulation von Nöten eröffnet werden können.  

Beim Blick auf die Eltern wird wiederum begreifbar, dass beide stark in geschlechterspezifischen Normalitätszwängen gefangen sind. Während der Mutter die Position der Hausfrau vorbehalten ist, die dem Patriarchen untersteht, muss der Vater das Geld für die Familie in belastender Schichtarbeit erwirtschaften und seine Dominanz sichern. Dies gibt der Arbeit der Familienhilfe einen weiteren Entwicklungsimpuls. Denn wenn es gilt, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu verbessern, muss es auch darum gehen, beiden Elternteilen soziale und geschlechtliche Anerkennung zu verschaffen, die nicht mehr an Über- und Unterordnung gebunden ist, die für beide letztlich zerstörerisch ist.       

Der in diesem Fall tätige Träger der Familienhilfe hat im Übrigen ganz bewusst aus geschlechterfachlichen Gründen ein gemischtgeschlechtliches Team in die Familie geschickt: die weibliche Fachkraft soll mit der Mutter der Familie arbeiten, die männliche mit dem Sohn der Familie. Dahinter steht die Überlegung, dass bei der Mutter zu erwarten ist, dass sie sich leichter auf eine weibliche Familienhelferin einlassen kann. Dies löst sich ja auch ein. Da die Beratungssituation mit der Mutter an die vertrauten Routinen privater Frauen und Nachbarschaftskultur anknüpft, erweist sie sich für Frau Yildiz niedrigschwellig. Bei dem Sohn ist demgegenüber zu erwarten, dass das Beziehungsangebot eines männlichen Familienhelfers günstiger ist. Er ist damit davon befreit, sich als junger – also im Generationenverhältnis unterlegener – Mann gegenüber einer erwachsenen Frau als der Überlegene ausweisen zu müssen.

Gleichwohl potenziert sich aber für den Vater durch die Männlichkeit des Familienhelfers der Stress. Seine familiale Dominanzposition, die sich aus der Generationen- und Geschlechterasymmetrie nährt, ist durch den weiteren männlichen Erwachsenen im Familiengefüge gefährdet. Die neue Konkurrenz ist umso brisanter für ihn, als sein Status bereits durch die Auffälligkeiten seiner Kinder erheblich angegriffen ist. Von daher ist es letztlich der aus der Perspektive des Sohnes notwendige Einsatz des männlichen Professionellen, der dann einen ‚renitenten‘ Vater für die Soziale Arbeit hervorbringt.

Dies alles zeigt: Die Antworten dazu, wie Menschen in Schwierigkeiten in geeigneter Weise professionell geholfen werden kann, sind nicht einfach. Dies gilt auch dann, wenn Erkenntnisse der Gender Studies für die Entwicklung von Lösungen genutzt werden. Aber mit diesen Erkenntnissen werden zumindest die Möglichkeiten des Fallverstehens wie auch berufliche Handlungsspielräume erweitert, was wiederum die Chancen erhöht, die Passgenauigkeit der Praxis für die Adressat_innen zu erhöhen.  Gender Studies in der Sozialen Arbeit zu nutzen bereitet also nicht den feministischen Umsturz der Weltordnung vor, sondern ist schlicht und sachlich ein Gebot qualifizierten Arbeitens – nicht mehr und nicht weniger.

 

Ein Kommentar der Fachgruppe Gender der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit zum Aktionstag #4genderstudies am 18.12.2018  

Die DGSA im Jahr 2018 - ein Rückblick

Ende des Jahres ist in vielen Bereichen ein guter Zeitpunkt, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen. Auch wir als Vorstand wollen auf das vergangene Jahr zurückblicken und einige Highlights und besondere Entwicklungen für die DGSA nochmals in den Blick nehmen. 

Das Herzstück der DGSA sind die Fachgruppen und Sektionen, in denen mit viel Engagement und Sachverstand an der Weiterentwicklung der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit gearbeitet wird. Einen guten Einblick in diese Arbeit geben die zweimal im Jahr publizierten Berichte aus der Fachgruppen- und Sektionsarbeit im Newsletter. Diesen erhalten die Mitglieder der DGSA nun seit zwei Jahren als Beilage zur Zeitschrift Soziale Arbeit. Sie finden die (alten) Ausgaben aber auch immer auf der Webseite hinterlegt. Die Kontinuität in der Arbeit über die Jahre hinweg, die in den Fachgruppen und Sektionen vorhanden ist, ist außerordentlich bemerkenswert. 

Die DGSA hat mit nun die Grenze von 700 Mitgliedern überschritten. Das ist beeindruckend, wenn bedacht wird, dass noch vor fünf Jahren „nur“ 350 Mitglieder eingetragen waren. Eine Verdoppelung in nur fünf Jahren! Dies stellt aber natürlich auch die Organisation und Betreuung der Mitglieder vor immer neue Herausforderungen. An dieser Stelle ein großer Dank an die Geschäftsstelle, Frau Weimar, dass sie diese Mehrarbeit so professionell bewältigt. 

Wie in jedem Jahr wird bei den Jahrestagungen der DGSA dieses Wachstum und damit auch die Vielfalt der Fachgesellschaft deutlich. In Hamburg nahmen knapp 600 Personen teil, die sich in ca. 50 Panels mit rund 160 Referierenden über Demokratie und Soziale Arbeit auseinandersetzten. Dies war die bislang größte Jahrestagung der DGSA. Wir sind als Vorstand in intensiven Diskussionen, was dieses Wachstum auch für die interne Organisation der Fachgesellschaft bedeutet, weil es natürlich auch neue Herausforderungen mit sich bringt. Wird die Mitgliederstruktur der DGSA betrachtet, so werden zwei Trends seit Jahren deutlich. Zum einen scheint es mittlerweile für viele in der Sozialen Arbeit neuberufene Professorinnen und Professoren selbstverständlich zu sein, in die DGSA einzutreten. Zum anderen gibt es auch viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Forschungskontexten arbeiten und sich in und durch die DGSA vernetzen. Deshalb freuen wir uns als Vorstand ausdrücklich, dass in 2018 vor der Jahrestagung eine zweitägige Pre-Konferenz junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stattgefunden hat, die selbstorganisiert ihre eigenen Themenschwerpunkte setzte. In 2019 wird dieses Format fortgesetzt und wir unterstützen dies gerne. 

Wir haben uns vorgenommen, dass wir uns als DGSA verstärkt in den (fach-)öffentlichen Diskurs einmischen wollen. Entsprechend hat sich die DGSA in die Debatte um Flucht und Asyl mit einem Positionspapier eingebracht, das als offener Brief an die Bundesregierung und die Bundestagsfraktionen versendet wurde. In den kommenden Wochen wird eine Positionierung des Vorstands der DGSA zur Debatte um Qualitätskriterien für Studiengänge veröffentlicht, die wir anlässlich der Debatte um duale, trägernahe oder private Studiengänge auf der Grundlage einer eigenen Erhebung erstellt haben. Und auch zur Frage des Promotionsrechts an FHs/HaWs wird sich der Vorstand äußern. Damit wollen wir ein Signal der Positionierung der Sozialen Arbeit in fachinternen, aber eben auch im gesellschaftlichen Diskurs leisten. Und auch die Fachgruppen und Sektionen positionieren sich immer wieder in gesellschaftlichen Diskursen durch öffentliche Stellungnahmen und tragen so zu einem sichtbaren Profil der DGSA bei. 

Die Wissenschaft Soziale Arbeit entwickelt sich auch im Bereich der eigenständigen Forschung weiter. Die Bedeutung und die Vielfalt von Forschungsaktivitäten – insbesondere bei den Mitgliedern der DGSA – wurde im Auftrag des Vorstands Anfang 2018 erhoben. Die Ergebnisse wurden nun in der Sozialen Arbeit Heft 12/2018 (Sommer/Thiessen 2018), das allen Mitgliedern zugeht, publiziert. Ein wesentlicher Befund ist der hohe Anteil grundlagenbezogener Forschungsanteile. Auch auf dieser Basis haben wir uns als Vorstand bemüht, die Positionierung der Wissenschaft Soziale Arbeit bei den großen Forschungsförderungsorganisationen zu stärken. Dass dies ein dickes Brett ist, was gebohrt werden will, ist uns dabei bewusst. Und auch, wenn wir momentan diesbezüglich noch nicht erfolgreich waren, hoffen wir, dass sich die vielen Hintergrundgespräche und Initiativen auf ganz unterschiedlichen Ebenen in der Zukunft auszahlen werden. Um die fachliche Hoheit in forschungsethischen Fragestellungen sicherzustellen, hat die DGSA ebenfalls in diesem Jahr eine eigenständige Forschungsethikkommission etabliert, die Ethikgutachten für empirische Forschungsprojekte erstellt. 

Der Blick zurück ist zugleich auch ein Blick nach vorn: Wir werden dynamisch in das 2019 starten und uns weiter dafür einsetzen, Disziplin und Profession Sozialer Arbeit zu stärken. Bei der Jahrestagung Ende April in Stuttgart werden wir nicht nur gemeinsame fachliche Debatten voranbringen, sondern auch das 30-jährige Jubiläum der DGSA feiern. 

Ihnen allen eine erholsame Winterpause und einen guten Start ins neue Jahr!


Der Vorstand der DGSA


Vom (Nach-)Denken

Als mich die Anfrage der Social-Media-Beauftragten der DGSA erreichte, ob ich Lust und Zeit hätte, etwas für den Blog der DGSA zu schreiben, war ich nicht nur positiv überrascht, dass „die Macher*innen“ mich überhaupt gefunden hatten, ich freute mich besonders, dass sie mir die Gelegenheit geben wollten, zumindest einen Teil meiner Gedanken mit den Leser*innen zu teilen. „Zu welchem Thema soll ich denn schreiben?“, fragte ich die Verantwortliche. „Das Thema können Sie im Grunde frei wählen (irgendwie Pre-Con)“, kam prompt als Antwort. Und ich sagte kurzentschlossen zu. Und damit begann die Herausforderung… Was würden die Leute denn hören, bzw. lesen wollen? Wozu wollte ich mich denn eigentlich äußern? Und wie konnte ich das mit der Pre-Con verbinden?

Die Anfrage fiel (glücklicherweise) mit dem Semesterstart zusammen und so konnte ich sie zunächst einmal auf die lange Liste der Dinge schieben, die ich so nebenbei noch machen wollen würde, wenn es der ganz normale Alltags-Wahnsinn des beginnenden Semesters mal zulassen würde. Begleitet hat mich die Frage danach, was ich hier aufschreiben werden würde dennoch permanent. Wie eine unsichtbare Fliege schwirrte sie in meinem Kopf umher und trieb mich um. „Irgendwie Pre-Con“, säuselte sie mir immer wieder mal ins Ohr.

„Pre-Con“, gemeint ist die erste Vorkonferenz für den „wissenschaftlichen Nachwuchs“ der Sozialen Arbeit im Vorfeld der DGSA Jahrestagung 2018. Den Begriff „wissenschaftlicher Nachwuchs“ benutze ich trotz der Infantilität, die durch ihn tendenziell transportiert wird. Denn zugegebenermaßen hat sich der „wissenschaftliche Nachwuchs“ der DGSA, mich eingeschlossen, zwar getroffen und sich unter anderem mit diesem Begriff kritisch auseinandergesetzt. Doch ersetzen konnten wir die Formulierung bis dato nicht. Immerhin haben wir ein Netzwerk gegründet, um den Austausch fortzusetzen.

Kritische Auseinandersetzung, miteinander reden und diskutieren, vernetzen und Ideen entwickeln… da haben wir ja alles richtig gemacht, denn genau das, war das Ziel der ersten Vorkonferenz für die Promovierenden und Promotionsinteressierten in und aus der Sozialen Arbeit im Jahr 2018 in Hamburg. „Ich war dabei!“ Sich mit Menschen auszutauschen, die in ähnlichen beruflichen Phasen steckten wie ich, die aber gleichzeitig auch aus meiner Profession kamen – großartige Idee! Und gleichzeitig, durch die Öffnung der Pre-Con für Promotionsinteressierte, auch die Möglichkeit bot, andere „Nachwuchsler*innen“ für wissenschaftliches Denken und Arbeiten als einen Bestandteil der Sozialen Arbeit zu begeistern, sie zu ermutigen, den Schritt der Promotion zu wagen, das war doch eine geniale Idee! Da musste ich einfach hin.

Daran musste ich denken, als ich zu Beginn des Semesters wieder vor einer Gruppe von „Erstis“ im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit stand, die ich mit einem Seminar zur „Einführung in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten“ beglücken durfte. Und manch eine*r mag bei der Formulierung „beglücken“ schmunzeln oder aber die Stirn runzeln. Aber ist es nicht wirklich ein Glück, in der Arbeit zum intensiven Nachdenken aufgefordert zu sein und anderen den nötigen Raum schaffen zu können, dasselbe zu tun? Das Seminar gibt mir die Möglichkeit, einige Studierende der Sozialen Arbeit gleich von Beginn des Studiums an für die Wissenschaft zu begeistern. Darunter verstehe ich zunächst einmal, sie zu ermutigen, Fragen zu stellen, vor allem scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und sich kritisch mit vermeintlich unumstößlichen Gegebenheiten und behaupteten Tatsachen auseinanderzusetzen. Und egal, ob sie nach dem Studium mal in der Wissenschaft oder einem anderen Arbeitsfeld „landen“, die Kompetenz und auch der Mut, Fragen zu stellen und Dinge zu hinterfragen, werden hoffentlich den/die eine*n oder andere*n weiterhin begleiten.

Und ist es nicht das, worum es im Grunde nicht nur auf der Vorkonferenz und in der Gruppe des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern auch in jedem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit geht? Geht es nicht genau darum, die Augen offen zu halten und neugierig zu sein? Geht es nicht darum, den Mut zu haben, Dinge, z.B. soziale Ungleichheiten, hemmende Rahmenbedingungen und strukturelle Schwierigkeiten aufzudecken, zu thematisieren und zu kritisieren? Und das sowohl in der Praxis, als auch der Lehre sowie der Forschung und Wissenschaft. Sollte das Denken und Fragen also nicht eine Grundkompetenz des, wo auch immer hinterher arbeitenden Nachwuchses der Sozialen Arbeit sein? Ich würde sagen: Unbedingt!

Und was machen die Sozialarbeiter*innen dann mit ihren Gedanken und konkreten Ideen, mit ihren Befürchtungen und ihrem Ärger? Im besten Falle teilen sie diese mit Kolleg*innen, tauschen sich über Beobachtungen und Fragen aus, diskutieren sie gemeinsam und entwickeln Lösungsansätze innerhalb der Sozialen Arbeit und vielleicht auch darüber hinaus.

Und da schließt sich der Kreis meiner Gedanken und ich komme wieder zurück zur Vorkonferenz, nun schon 2.0 für Promovierende und Promotionsinteressierte der Sozialen Arbeit, die ich mit diesem Beitrag ankündigen darf. Auch 2019 in Stuttgart wird der Austausch, die kollegiale Beratung und das knüpfen von Kontakten wieder im Zentrum stehen – so viel sei schon mal verraten. Im Fokus stehen die Forschungsideen und -projekte des „wissenschaftlichen Nachwuchses“, die gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden sollen. Wir sind schon jetzt mehr als neugierig auf die Promotionsvorhaben, Fragen und Anregungen, die mit- und eingebracht werden.

Das Thema der Jahrestagung der DGSA „Wandel der Arbeitsgesellschaft – Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ wird uns am Rande auch beschäftigen. Wieso, weshalb, warum und wie, diese Fragen bleiben vorerst offen, lassen Raum für kreatives Nachdenken und werden sich spätestens am 25. und 26. April 2019 in Stuttgart klären, wenngleich im Sinne der Wissenschaft: wohl nie vollständig.

 

Weitere Infos und den Call zur Pre-Con 2019 gibt es hier!

 

Eva Maria Löffler, M.A. Soziale Arbeit

Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Fachgebiet für Lebenslagen und Altern, Institut für Sozialwesen, Universität Kassel

Mit-Organisatorin der Vorkonferenz im Rahmen der DGSA Jahrestagung 2019

 

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Die rasante technische Entwicklung ist nicht mehr zu übersehen, digitale Geräte sind in jedem Haushalt zu finden und die Auswirkungen auf die Individuen und die Gesellschaft zeigen sich deutlich. (vgl. JIM-Studie 2017). 

Dadurch verändern sich auch die Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit. War vor einigen Jahren die Digitalisierung im sozialen Bereich noch Sache der Medienpädagogik, kann sich nun, bedingt durch die Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitalen Medien, die Soziale Arbeit nicht mehr auf diese Expert*innen verlassen. Sozialarbeiter*innen müssen selbst aktiv werden. 

Aktuell verändern sich klassische Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit drastisch, es kommen aber auch neue Arbeitsbereiche hinzu, die noch kaum Beachtung gefunden haben.

Ein paar Beispiele: 

Schulsozialarbeit hat nahezu täglich mit Onlinemobbing, Onlinestress, exzessiver Mediennutzung, Sexting (Verbreiten von Nacktfotos) und klassischen Medienerziehungsthemen zu tun. Sozialarbeiter*innen sollen sich dieser Probleme annehmen. 

Im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes spielen Computerspiele, Pornographie im Netz und Cybergrooming eine große Rolle. 

Doch Digitalisierung ist längst kein Kinder- und Jugendthema mehr. Auch Teilhabe von Senioren, Inklusion und Partizipationsprozesse können über digitale Medien ermöglicht oder verbessert werden. Digitale Medien bieten viele Chancen für die Soziale Arbeit, die oft noch ungenutzt bleiben. 

Hinzu kommt die gesellschaftliche Ebene: Meinungsbildung findet im Netz statt, Hetze und Rassismus können durch das Internet verbreitet und gefördert werden. Daten können ausgewertet werden – es gibt bereits erste Gedankenexperimente eine Art „predictive social work“ zu installieren. Also durch Datenauswertung, ähnlich wie beim „predictive policing“, bei dem die Polizei an Orten Präsenz zeigt, die durch einen Algorithmus vorgegeben werden, Soziale Arbeit schon zu installieren, bevor etwas passiert. Was sich zunächst gut und sinnvoll anhört, ist natürlich im Zuge der persönlichen Freiheit und Entwicklungsfähigkeit der Individuen kritisch zu hinterfragen. Datenanalysen sind selten neutral, künstliche Intelligenz kann nur mit bereits vorhandenen Daten trainiert werden. Diese spiegeln häufig vorhandene gesellschaftliche Strukturen wieder. So kann künstliche Intelligenz z.B. Sexismus fördern (vgl. auch Rob LoCascio). 

In den USA sollen Internetfilter auf schulischen Geräten z.B. Suizidabsichten erkennen und dann Schulsozialarbeiter informieren. 

Die Veränderung der Arbeitswelt durch Digitalisierung und der damit verbundene Wegfall bestimmter Arbeitsplätze stellt Soziale Arbeit vor eine andere große Herausforderung. Wie gehen wir mit Menschen um, die durch Digitalisierung ihre Arbeit verlieren? Betroffen sind hier nicht nur Personen aus dem Niedriglohnsektor, sondern auch gut bezahlte und gesellschaftlich angesehene Jobs. Der Begriff der Risikogesellschaft bekommt so eine neue Dimension. Die Definition des eigenen Wertes in unserer Gesellschaft über die Arbeit muss hier in Frage gestellt werden.  Sind z.B. politische Veränderungen im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens sinnvoll? 

Zu all dem kommen völlig neue Arbeitsfelder, z.B. im Bereich des e-sport (elektronischer Sport). Jugendliche wollen die Schule hinschmeißen, um e-sportler zu werden, gescheiterte e-Sportler müssen betreut werden und ähnlich wie in Fußballvereinen ist eine Fanbetreuung zwingend angebracht. In skandinavischen Ländern ist es beispielsweise normal, dass Schulen eine e-sport Mannschaft haben und dies auch als pädagogisches Mittel nutzen. 

Es ist zu sehen, dass die Digitalisierung weitreichende Veränderungen für die Soziale Arbeit mit sich bringt. Deshalb muss sich die Profession diesen Fragen stellen, bestimmen, wo sie Ihre Verantwortung sieht und wie die Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeiter*innen entsprechend gewährleistet werden kann. 

Ich freue mich besonders, dass die DGSA als Thema für ihre Jahrestagung 2019 den Wandel der Arbeitsgesellschaft gewählt hat. Die u.a. durch die Digitalisierung bedingten Veränderungen werden hier aufgegriffen und diskutiert. Ein guter Anfang, um sich den weitreichenden Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Profession zu nähern. 

Ein Gastbeitrag von 

Prof. Dr. Angelika Beranek von der Hochschule München

 

Prof. Dr. Angelika Beranek ist Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Hochschule München. Sie hat jahrelange praktische Erfahrung in der medienpädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen und ist Mitgründerin der Digitalen Helden. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit reichen von digitalen Spielen, Onlinemobbing, exzessiver Mediennutzung bis hin zu gesellschaftlichen und medienethischen Fragestellungen der Digitalisierung.

 

„Draußen sterben die Leut‘“

Ob man aus der Perspektive eines „langen Sommers der Migration“ (Sabine Hess et al.) oder auch eines „kurzen Sommers der Barmherzigkeit“ (Paul Mecheril) auf das Jahr 2015 schaut – drei Jahre später scheinen die europäischen Gesellschaften weit entfernt von einer positiven Sicht auf Migration, von offenen Armen und Willkommen.

„Draußen sterben die Leut‘“, so hat die taz am 03.07.18 getitelt. Wir sind in einer Situation, in der selbst die zivile Seenotrettung der NGOs von der Wucht der europäischen Staatsmächte getroffen wird. Sie werden angegangen, lahmgelegt und angeklagt, mit dem Ziel sie systematisch davon abzuhalten, Leben zu retten, mit dem Ziel den zivilgesellschaftlichen Mut auszuschalten und mit dem Ziel, die Menschen sterben zu lassen.

Und zugleich und ganz nach innen gerichtet, soll das Recht, Rechte zu haben (Arendt), sterben. Der Koalitionskrach zwischen CDU/CSU bzw. zwischen Herrn Seehofer und Frau Merkel stellt den vermeintlichen Höhepunkt im „Asylstreit“ dar. Was jetzt in der Diskussion um Transitzentren als neu und Eskalation daherkommt, ist aber schon seit Jahren gemeinsame politische Linie und Realität der Parteien, unter dem Strich nun eben realisiert mit verteilten Rollen von bad guy und good woman. Es setzt die Linie der migrationspolitischen Maßnahmen fort, die unter der Merkel-Regierung verabschiedet wurden, der Ausbau von Exklusionen und von rassistischer (Infra)Struktur findet in der absurden Debatte um Transitzentren seinen traurigen Höhepunkt. Naja, bestenfalls ist es der Höhepunkt, denn wir wissen ja nicht, was noch kommen wird. 

Und dabei geraten andere Themen im Kontext Flucht völlig aus dem Blick. Einige, die auch für die Soziale Arbeit folgenreich sind, möchte ich hier benennen: 

1. Die tatsächliche, oft hochprekäre bis aberwitzige Situation in der sich viele Geflüchtete in der Bundesrepublik befinden.

2. Der postkoloniale Habitus, in dem sich deutsche Politik wie selbstverständlich bewegt. 

3. Die Belastungen, in die Sozialarbeiter_innen und freiwillig Engagierte getrieben werden – und zwar nicht durch die geflüchteten Menschen, sondern aufgrund der massiven Rigidität der Asylpolitik, der Engstirnigkeit und der engen Auslegung in Entscheidungen über das Bleiben, über die Arbeitsaufnahme usw., selbst in Fällen, in denen es genügend Spielräume gibt. Was 2015/2016 auch an unkonventionellen Lösungen möglich war, hat sich heute häufig wieder in den alten Modus behäbiger Bürokratie und engstirniger Auslegung zurechtgeruckelt.

4. Die Zunahme von Rassismus und von rechtsextremistisch motivierter Gewalt und Einstellungen. Es ist Folge genau jener Politiken, die das, was öffentlich sagbar und vernehmbar ist, in den letzten zwei Jahren und verstärkt in den letzten Monaten extrem nach rechts verschoben hat. 

 

Ein Beispiel, in dem diese vier Punkte sich in der Geschichte einer Person widerspiegeln, ist der Fall einer jungen Düsseldorferin: 

Zu1. Die junge Frau, die, 2015 aus Albanien geflüchtet, in einer Containerunterkunft in Düsseldorf lebt und ihren Bruder, der eine Behinderung hat, versorgt, hatte eine Ausbildung zu Altenpflegerin begonnen. Im Nachhinein wurde behördlich festgestellt, dass sie wohl nach dem Stichtag 31.08.2015 registriert worden war. Als sie im Juli 2015 nach Deutschland kam, waren die Behörden voll und die Schlangen lang. Für eine Person aus einem so genannten „sicheren Herkunftsland“ wird dies, so will es das Integrationsgesetz, zum Grund, sie aus der Ausbildungsduldung auszuschließen. Die Konsequenz für sie: Sie musste die Ausbildung umgehend beenden. Statt einer zumindest für einige Jahre gesicherten Zukunft, droht ihr nach drei Jahren im Container Deutschland mit nahezu perfekten deutschen Sprachkenntnissen und mit einer begonnenen Ausbildungsstelle nun endgültig die Abschiebung.

Zu 2. Die Antwort von Jens Spahn auf die Mangelsituation an Pflegekräften sieht indes vor, junges Personal, das in Albanien ausgebildet wurde, nach Deutschland zu rekrutieren, denn „dort ist die Ausbildung häufig besser, als wir denken“, wie in der Welt vom 01.07.18 von Herrn Spahn zu vernehmen ist. Ob wir das nun als Brain-Drain oder als Global Care Chain bezeichnen, die Selbstverständlichkeit mit der „wir“ die einen anwerben und die anderen nicht ausbilden und zudem noch abschieben zeigt eine unfassbar selbstverständliche Haltung der Überlegenheit, aus der heraus „wir“ uns aussuchen, wen und was „wir“ wollen. 

Zu 3. Gleichzeitig setzt sich der Arbeitgeber (in dem Fall die Caritas) für die junge Frau ein und versucht, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die noch bleiben, um ihr das Bleiben und eine Fortsetzung der Ausbildung zu ermöglichen. Statt also einen Menschen mit Motivation für die Pflege alter Menschen in der Einrichtung zu haben, muss Soziale Arbeit die Grundlage wiederherstellen, überhaupt arbeiten zu können.  

Zu 4. Das direkte Nachbarhaus der Containerunterkunft, in der die junge Frau nun auf ihre Abschiebung warten muss, ist demonstrativ (und nicht nur zu Zeiten der WM) mit riesigen Deutschlandfahnen bestückt.

Insgesamt ist es wichtiger denn je, dass wir das politische Mandat Sozialer Arbeit ernst nehmen. Wir müssen sie als eine gesellschaftliche Kraft positionieren, die nah am Thema Flucht, an den Menschen und an den Folgen migrationspolitischer Entscheidungen ist. Es ist eigentlich nie, und jetzt gerade nicht, die Zeit dafür, in aller Bescheidenheit nur seine Fallberatungen zu machen. Nicht „nur“ die Geflüchteten sind betroffen, es sind wir alle. Es ist die Solidarität, die untergraben werden soll, wie es die Angriffe auf die zivile Seenotrettung nun in aller Deutlichkeit zu Tage bringt. Und es ist auch Soziale Arbeit mit ihren Grundprinzipien, die direkt angegangen wird. Vermehrt lassen sich zur Zeit Vorstöße direkter politischer und behördlicher Einflussnahme auf die Tätigkeiten der Sozialarbeiter_innen und damit einhergehende Beschränkungen der Grundprinzipien Sozialer Arbeit, zeigen. So z.B. im Schreiben des bayrischen Sozialministeriums an die Asylberatungsstellen, ihre Rechtsberatung auf das Ziel der „freiwilligen Rückkehr“ auszurichten – ansonsten drohe der Entzug der Mittel. Es sind die Versuche des Entzugs von Rechten und Aufgaben Sozialer Arbeit, und der Einschränkung des Personals gerade im Bereich Flucht. Es sind die Versuche der Indienstnahme Sozialer Arbeit für ordnungspolitische Zwecke, wenn die Polizei Sozialarbeiter_innen auffordert, mit Informationen zur Abschiebung ihrer Adressat_innen beizutragen.

Die gesellschaftlichen Kräfte, die für eine solidarische und soziale Gesellschaft stehen, werden, und das ist die gute Nachricht, gerade wieder sichtbarer. Sie analysieren die vorhandene Situation wachsam, nutzen Spielräume und kämpfen für erweiterte Spielräume. Ich freue mich sehr über die vielen Stellungnahmen gegen rigide nationale und europäische Politiken (die vorgeblich in „unserem Namen“ gemacht werden) und für humane Gesellschaften, die den Rechten eines jeden Einzelnen und den Menschenrechten ihren Stellenwert beimessen. Ich freue mich über die vielen alten und neuen gesellschaftlichen Stimmen, die sich gerade in dieser Situation formieren, neu zusammenschließen, und über die die alltäglichen solidarischen Praxen in Willkommensinitiativen, Schulen und anderswo. Ich freue mich über Protestbündnisse wie die Seebrücke, die Solidarity Cities, die vielen migrantischen Selbstorganisationen. Auch die Soziale Arbeit ist involviert und hat auch aus ihren Dachorganisationen heraus fachliche und politische Stellungnahmen formuliert, wie die Positionierung der DGSA, die direkt an die Politik appelliert. All das sind notwendige Zeichen für die Gesellschaft, dass es Rechte und Werte gibt und dass man nicht aus der Defensive heraus alles ertragen muss. Es ist eben nicht die Zeit, leise zu sein. 


Prof. Dr. Susanne Spindler

Dual ist die Lösung!? Was war nochmal das Problem?

Seit nunmehr fast 50 Jahren wird Soziale Arbeit (und ihre Vorläuferfächer Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialwesen u.a.) als Studienfach einerseits an Fachhochschulen respektive Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und andererseits als Sozialpädagogik/Soziale Arbeit an Universitäten gelehrt. Seit einiger Zeit gibt es jedoch auch mit Berufsakademien bzw. Dualen Hochschulen und anderen Institutionen alternative Modelle, die allesamt ein (noch) deutliche(re)s Gewicht auf hohe/höhere Anteile von integrierter Praxis legen.

Seit Anbeginn der akademischen Vermittlung Sozialer Arbeit steht diese im Verdacht, zu praxisfern zu sein. In jüngerer Zeit wird sogar behauptet, sie sei „verkopft“, zu wissenschaftlich und würde sich immer mehr in den akademischen Elfenbeinturm zurückziehen. Absolventinnen und Absolventen seien nicht gut genug auf die professionelle Praxis vorbereitet und würden in der Berufseinmündungsphase einen Theorie-Praxis-Schock erleiden.

Duale Studiengänge, so die Annahme vieler, würden dieses vermeiden können, da sie Praxis und Theorie in ein besseres Verhältnis – qualitativ wie quantitativ – bringen würden. 

Was ist dran an dieser Kritik und sind duale Studiengänge die Lösung? Diese Frage stelle ich mir vor dem Hintergrund folgender Positionen: Zum einen als Hochschullehrer, dessen Hochschule sich seit ca. zwei Jahren mit der Anfrage auseinandersetzen muss, ob sie nicht ein duales Studienmodell Sozialer Arbeit umsetzen könne bzw. wolle. Zum anderen jedoch als Sozialarbeiter, der sich mit breiter Brust für eine hohe Professionalität der Sozialen Arbeit einsetzt, in beruflicher wie wissenschaftlicher Perspektive. An dem Modell des/der wissenschaftlich ausgebildeten Professionellen geht diesbezüglich kein Weg (mehr) vorbei. Die Zeiten sind vorüber, in denen man der Meinung sein konnte, Soziale Arbeit sei eine Semi-Profession, und man sich damit abfinden musste, das Studium als Halb-Akademiker_in abzuschließen. Die wissenschaftlichen Entwicklungen, zu deren Erfolg auch die DGSA und die in ihrem Rahmen sich entfaltenden Aktivitäten beigetragen haben, wie auch die professionellen Entwicklungen (Berufsethik, qualifizierte Methodenentwicklung, Fachkräftebedarf u.a.m.) zeigen, dass es keinen Weg zurück gibt zu einer schulischen Ausbildung oder auch einer mehr oder weniger laienhaften Arbeit. Dieser ist – für immer? - verstellt und das ist auch gut so. Am wichtigsten ist dabei jedoch, dass die Unterstützung von Menschen, die sich in prekären Lebenslagen befinden und eine professionelle Unterstützung in ihrer Lebensführung dringend benötigen, keine Semiprofessionalität verträgt, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Kompetenz.

 

Eine Behauptung und ihre Hinterfragung 

Was ist aber dran der Behauptung, dass diese Professionalität im dualen Studienmodell besser erworben werden könne? Zunächst erstmal aus meiner Sicht nicht viel, denn schaut man genau hin, steht die Kritik aus mehreren Gründen auf unserem Grund: 

-        Am wichtigsten: Wo ist der empirische Beweis für die unzureichende Professionalität der Sozialarbeiter_innen in den verschiedensten Handlungsfeldern? Wo kann die Kritik tatsächlich Belege anführen, und wo handelt es sich um Behauptungen, die teilweise nur Probleme der Praxis widerspiegeln oder besser gesagt projizieren?

-        Mindestens ebenso bedeutsam: Woran bemisst sich professionelles Können, reflektiertes Wissen und eine angemessene Haltung? Besteht sie darin, sich als wissenschaftlich ausgebildete_r Professionelle_r eine Kompetenz angeeignet zu haben, die es ermöglicht, sich situativ und fortwährend in bestimmte, jeweils nur zum Teil vergleichbare Fallsituationen, konzeptionelle Entwicklungsbedarfe und gesellschaftliche Diskurse einbringen und diese bearbeiten zu können? Oder besteht sie schlichtweg darin, „in der Praxis zu funktionieren“, gemessen an den Anforderungen praktischer Arbeit, die immer konkretes Problemlösen ist? Eventuell sogar darin, möglichst passförmig die systemisch-organisational erzeugten Anforderungen erfüllen zu können?

-        Und schließlich: Woher könnte man wissen, was „später“ in der Praxis benötigt wird, in einer Zeit der sich wandelnden Praxis und sich immer wieder neu zeigenden Anforderungen, Problemlagen und Entwicklungen? Angesichts der Breite und Fülle der verschiedensten Berufsfelder und Tätigkeitsbereiche käme es wohl einer individuellen (auf Seiten der Professionellen) wie auch institutionellen (auf Seiten der Hochschulen) Überforderung gleich, auf alles gleichermaßen gut vorbereitet zu sein bzw. vorzubereiten. 

Die zugegebenermaßen zugespitzten Positionen sind natürlich als Pole eines Kontinuums zu verstehen, zwischen denen sich die Wirklichkeit erst entfaltet: Kein_e Absolvent_in verlässt die Hochschule ohne spezielles Wissen (je nach Schwerpunktsetzung aber unterschiedliches), ohne spezifisches, wenn auch exemplarisch erworbenes Wissen, ohne ein methodisches Können, das natürlich nicht voll ausgebildet ist und (schon gar nicht) ohne eine reflektierte Haltung, mit mehr oder weniger praktischer Erfahrung während des Studiums.

Jedenfalls dürfte niemand bestreiten, dass dies in „nicht-dualen“ Studiengängen der Sozialen Arbeit, die sich hoffentlich am Kerncurriculum Soziale Arbeit der DGSA und/oder am Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit des FBTS orientieren, anvisiert wird. Natürlich ginge es spezifischer, bezogen auf bestimmte Anforderungen oder Handlungsfelder.

 

Dual als Lösung? 

Das alles bedeutet nicht, dass nicht-duale Studiengänge besser oder überlegener wären, aber eben auch nicht, dass duale Studienprogramme überlegen oder unterlegen wären. Sie sind schlichtweg anders und – wenn auch sie sich am Kerncurriculum und am Qualifikationsrahmen festhalten – gleichwertig. Anders aufgrund (hochschul-)politischer Entscheidungen, anders bezogen auf studentische Erwartungen (mehr Praxis bitte) und auch anders bezogen auf Erwartungen von Anstellungsträgern.

Und es bedeutet auch nicht, dass andere Studienmodelle – wie kann man sie anders als „normal“ oder „nicht-dual“ bezeichnen? – obsolet oder gar minderwertig wären. Und schließlich bedeutet es auch nicht, dass diese Studienmodelle sich nicht verbessern könnten. Ein (hochschulgelenktes) integriertes Praktikum, an vielen Hochschulen Usus, mehrere (nicht hochschulgelenkte) Praktikumsphasen oder auch das Berufspraktikum sind mögliche Varianten, aber keine sticht die andere per se aus, wenngleich aus meiner Sicht vieles für das frühere einjährige Berufspraktikum sprach. Jede dieser Formen der Einbindung von Praxis in Hochschule, in Lehre kann für sich selbst genommen auch nicht auf alles vorbereiten, es bleibt exemplarisch und damit unvollständig. Duale Studiengänge lösen dieses Problem, wie gesagt, nicht, wohl aber verknüpfen sie praktische Erfahrungen häufiger mit wissenschaftlicher Reflexion, lassen Antworten und Fragen häufiger systematisch-strukturell aufeinandertreffen. Denn das scheint mir wohl das größte Problem hochschulischer Lehre: Dass dort zu häufig Antworten gegeben werden (in Bereichen von Wissen, Können und Haltung), ohne dass Studierende die Fragen schon hätten. Natürlich können aus Antworten rekursiv auch Fragen entstehen, aber häufig ist es so herum schwieriger bzw. es dauert länger, die Fragen formulieren zu können. 

Daraus ergeben sich didaktische Probleme, die man aber lösen kann, auch in „nicht-dualen“ Studiengängen. Sich jeweils einer entsprechenden Studienreform zu widmen bzw. eine fortlaufende Verbesserung der Lehre zu überlegen, ist übliches Geschäft an Hochschulen. Dabei sollten sich alle – duale wie nicht-duale Studienprogramme – eines bewusst sein: Dual kann also, muss aber nicht die Lösung sein, doch die Frage bzw. das Problem dürfte verstanden worden sein.

 

Prof. Dr. Dieter Röh

 

Nach der Jahrestagung 2018: „Lassen Sie uns auf uns schauen!“

Die Jahrestagung der DGSA war auch in 2018 rekordverdächtig: Mit 650 Anmeldungen konnte die Zahl der TeilnehmerInnen aus dem Vorjahr übertroffen werden. Ein kleines Outtake sei mir gestattet. Das Organisationsteam kam zwischenzeitlich ordentlich ins Schwitzen, da diese große Menge an Menschen, insbesondere während der Auftaktveranstaltung, kaum unterzubringen war. Aufgrund des enormen Engagements aller Beteiligten gelang es schlussendlich doch, einen passenden Saal in der Laeiszhalle anzumieten. Gebührlicher und hanseatischer hätte die Begrüßung aus meiner Sicht kaum ausfallen können. 

Die vielen Anmeldungen, ebenso wie die zahlreichen Vorschläge für Panels, sind zudem sicherlich auch mit dem Titel der Veranstaltung „Demokratie und Soziale Arbeit - Teilhabe, Solidarität und bürgerschaftliche Identifikation in einer pluralen Gesellschaft“ zu begründen. Hier hat der Vorstand erneut den Nerv der Zeit getroffen. Höchst aktuelle Themen, wie der Wahlerfolg der AfD sowie das Erstarken des Rechtsextremismus, wurden aufs Tableau gehoben. Prof. Dr. Sabine Hark sah in ihrer Keynote am Freitag den Neoliberalismus als eine Ursache dieser Phänomene. 

Zu neuen Ansichten kam ich allerdings erst am Samstag. In einem schmerzhaften Prozess musste ich mir am Ende eingestehen, dass Demokratie zunächst bei mir selbst beginnt – als Haltung, in einer persönlichen Verfasstheit. Dies scheint unerlässlich, bevor ich als Sozialarbeiterin die Welt verbessern will. Rückblickend durchlief ich während des Prozesses Trauerphasen, wie sie einst Verena Kast beschrieb. 

1.     Trauerphase: Nicht-Wahrhaben-Wollen

Am Samstagmorgen besuchte ich das Panel „Rechtspopulismus in der Sozialen Arbeit“. Dort hörte ich von den ReferentInnen, wie schwierig der Umgang mit rechtsorientierten StudentInnen sei. Für sie als Lehrende an unterschiedlichen Hochschulen des Landes schien dies auch nicht die Ausnahme zu sein. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass KommilitonInnen rechte Ansichten vertreten könnten. 

2.     Trauerphase: Aufbrechende Emotionen

Aus der Fassungslosigkeit wurde Zorn. Ein Zornigsein auf StudentInnen, auf die Politik, und ja, auch ein wenig auf die ReferentInnen. Ich wollte wohl immer noch nicht wahrhaben, dass ihre Beobachtungen der Realität entsprachen. 

3.     Trauerphase: Suchen und Sich-Trennen

Der Erkenntsnisgewinn setzte sich im Panel 3.1 „Die extreme Rechte als Herausforderung für eine gelingende Soziale Arbeit im Kontext von Demokratiebildung“ fort. Auch hier wurde die Haltung der professionellen HelferInnen besprochen und die Frage aufgeworfen, welche Erwartungen wir beispielsweise an AussteigerInnen haben bzw. ob diese nicht oftmals überzogen seien. Nun keimte zum ersten Mal der Gedanke in mir auf, mich selbst und meine Haltung genauer unter die Lupe nehmen zu müssen und erst in einem zweiten Schritt auf andere (ein)wirken zu können. Ähnlich formulierte es Prof. Dr. Gesa Köbberling im selbigen Panel: Das eigene Handeln nicht nur aus den Interessen der Betroffenen ableiten, sondern eigene Positionen erarbeiten. 

4.     Trauerphase: Neuer Selbst- und Wertbezug

Von der Überprüfung meiner eigenen Haltung überzeugte mich schlussendlich Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker in seinem flammenden Plädoyer: „Lassen Sie uns auf uns schauen!“ StudentInnen und Lehrende an Hochschulen sollten sich wieder berufen fühlen, als Community zu agieren und füreinander einzustehen. Sie sollten gemeinsam zu Überzeugungen kommen, die schadhaften Ansichten gegenüber standhaft vertreten werden können. 

Sturzenheckers Wunsch war es, seine eigene Forderung ernst zu nehmen und für mehr Demokratie an der Uni zu sorgen. Sich dem anzuschließen, steht uns nun aus meiner Sicht bevor - sowohl uns StudentInnen und den Lehrenden an Hochschulen als auch den PraktikerInnen. 

Michelle Mittmann,

Studentin der Sozialen Arbeit im Master und Social-Media-Beauftragte der DGSA

Gedanken aus dem Vorbereitungskreis der „Pre-Con“ zum Tagungsthema „Demokratie und Soziale Arbeit” der DGSA-Jahrestagung 2018

Warum dieser Beitrag?

Eigentlich immer, wenn eine Konferenz, an der Mensch teilnehmen möchte, ansteht und der Call for Papers ins Haus flattert, stehen die großen Fragen an: Was hat der eigene Themenschwerpunkt mit diesem Call zu tun? Wie finde ich die passenden Verbindungen, wo gibt es Anknüpfungspunkte und wie formuliere ich das am besten aus?

Auch wenn unsere Aktivitäten und Planungen zur neuen Vorkonferenz, oder moderner gesprochen „Pre-Con“, für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Sozialen Arbeit nicht notwendigerweise zum Thema der Konferenz passen müssen, beschäftigt uns natürlich die Frage, welche Verknüpfungen Sozialer Arbeit zur Demokratie bestehen. Für uns als Mitorganisator*innen ist dies nicht nur eine Frage, die auf theoretischer Ebene zu klären ist. Das diesjährige Thema der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit Jahrestagung zur „Demokratie und Soziale Arbeit” betrifft uns auch persönlich, sowohl als Nachwuchsforscher*innen als auch als Sozialarbeiter*innen.

Im Folgenden wollen wir daher aus unserer Rolle als Vorbereiter*innen der „Pre-Con, aber auch als Vertreter*innen unserer wissenschaftlichen Disziplin unsere (nicht immer widerspruchsfreie) Debatte zum Thema kurz darlegen. Dabei spannen wir den Bogen ausgehend von unserer Sichtweise auf die gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit bis hin zu der persönlichen Motivation der (Mit-) Organisation einer „Pre-Con“.

 

Die aktuelle Debatte um Demokratie und Soziale Arbeit auf den Punkt gebracht

Der Sozialphilosoph Oskar Negt schreibt, dass Demokratie die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung ist, die stetig und von allen Mitgliedern der Gesellschaft erlernt werden muss. Bildung stellt somit also ein zentrales Element für das demokratische Miteinander dar. Das aktuelle politische Geschehen verdeutlicht die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Demokratie und Bildung, was sich auch im Call zur Tagung der DGSA wiederspiegelt.

Das Erstarken von rechtspopulistischen Einstellungen in der sogenannten „Mitte“ der deutschen Gesellschaft wie auch die rassistischen und fremdenfeindlichen Begleiterscheinungen sind Anzeichen einer Haltungsänderung zum demokratischen Miteinander. Die Lage in Europa und weltweit ist ähnlich. Demokratische und diskursive Aushandlungsprozesse weichen zusehends autokratischen Strömungen. Von der Aushöhlung demokratischer Grundwerte zugunsten von Sicherheit und vermeintlich gefestigter Ordnung bis hin zu offener Unterdrückung und Krieg – die Formen sind vielfältig. Es überrascht also nicht, dass in diesem Zusammenhang die Debatte um Demokratie aktuell wieder intensiver geführt wird. 

Im Rahmen dieser Debatte verstehen wir auch die Absicht der DGSA, sich in diesem Jahr mit dem Thema zu beschäftigen und nehmen die im Call aufgeworfenen Fragen als Anregung auf, uns mit eben dieser Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Demokratie aus Sicht der eigenen wissenschaftlichen Disziplin aktiv zu befassen. Es fällt uns besonders positiv auf, dass hinführend auf die zentrale Frage danach, in welcher Welt wir leben wollen, einige Umstände klar beim Namen genannt werden. Diese Frage zu stellen oder generell kritisch über Gesellschaft nachzudenken, ist gar nicht so selbstverständlich. Menschen, die diese Fragen stellen, werden gerade in der Debatte um Soziale Arbeit häufig genug in eine linksextreme Ecke gerückt und als systemzersetzende enfants terribles gelabelt. Die hessische Debatte rund um die „Extremismusklausel“ und die Förderung von Demokratieprojekten untermalt diese Tendenz – auch für die Soziale Arbeit.

Es ist für uns als kritische Wissenschaftler*innen daher absolut anschlussfähig, dass der Call der DGSA das Kind beim sogenannten Namen nennt und klar verdeutlicht, dass es rechtspopulistische Kräfte sind, die die Demokratie ablehnen und einer vielfältigen und offenen Zivilgesellschaft entgegenstehen. Hier zeichnet sich ein aktueller Fokus für die Sozialarbeitswissenschaft ab: Das Aufkommen neurechter Strukturen als Folge der sich aus dem Neoliberalismus ergebenden Verteilungsfragen.

Wenn die Soziale Arbeit Demokratie und die Menschenrechtskonvention als Grundlagen ihrer Arbeit versteht, dann ist es nur konsequent, wenn die DGSA die Fragen so fundamental formuliert. Wir freuen uns daher auf die Beiträge, die, dem Call folgend, eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen erwarten lassen. In unserem Blogbeitrag wollen wir nun aber unsere eigene Position als Teil der jungen Wissenschaft in ein Verhältnis zum Thema Demokratie setzen. Eine kritische Perspektive einnehmen heißt für uns, die demokratische Gestaltung der eigenen Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft voranzutreiben und solidarisch zu handeln. Diese Absicht wollen wir nun anhand der von uns (mit-) organisierten Vorkonferenz skizzieren und anschließend kurz einen Blick auf andere Bereiche unserer Aktivitäten werfen.

 

Die Vorkonferenz als Konsequenz und Praxis partizipativer Mitgestaltungsmöglichkeiten 

Was zuerst als lose Idee in kleiner Runde begonnen hat, zog ziemlich schnell große Kreise. Die hohe Zustimmung und große Resonanz auf die Ausschreibung der Vorkonferenz deutet auf einen Bedarf hin, der von uns vorher so nicht erwartet wurde. Die Vorkonferenz für Nachwuchswissenschaftler*innen an die Jahrestagung der Organisation anzugliedern, die sich die Förderung der Disziplin und Profession Sozialer Arbeit auf die Fahnen schreibt, liegt nahe und steht in der Tradition der Bemühungen der Fachgruppe Promotionsförderung sowie der Sektion Forschung der DGSA.

An dieser Stelle gehen wir nicht noch einmal auf die laufende Wissenschaftsdebatte hinsichtlich der Sozialen Arbeit ein. Vielmehr folgen wir Ilse Arlts Forderung, dass die Fürsorge, wenn sie ihren ungeheuren Aufgaben in der modernen Welt entsprechen will, sich des Werkzeuges bedienen muss, das sie begründet: der Wissenschaft! Und ihr folgend muss sie anschließend auch handeln.

Arlts zeitlose Aussage ist aktuell wie eh und je: Will die Soziale Arbeit ihre Aufgaben im Sinne der Demokratie jetzt und auch zukünftig ausfüllen, muss sie forschen und sich als wissenschaftliche Disziplin weiterentwickeln.

Wie auch immer man zu einer Wissenschaft Sozialer Arbeit stehen mag, die Zahl derer, die sich in diesem Feld promovieren wollen und dies auch erfolgreich zu Ende bringen, steigt. Eine Wegmarke dieser Entwicklung stellt u.a. die Tagung „Forschen und Promovieren in der Sozialen Arbeit” dar, die 2016 in Kooperation von Vertreter*innen von Wissenschaft, Lehre und Praxis Sozialer Arbeit mit dem Ziel ausgetragen wurde, Möglichkeiten und Ist-Stand der Promotionsförderung öffentlich zu diskutieren.

Ein Ergebnis dieser Tagung war die Übersicht über bestehende Angebote und Möglichkeiten, die durch das fehlende Promotionsrecht und fehlende Repräsentanz des Fachs auf Universitäts-Ebene nach wie vor komplizierten und aufwändigen organisatorischen Prozesse einer Promotion nach Fachhochschul-Abschluss zu unterstützen. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan: Von der Entstehung von Promotionskollegs und Promotionszentren sowie des Formats der kooperativen Promotion bis hin zur Verleihung des eigenständigen Promotionsrechts für das Promotionszentrum der Fakultät Sozialwissenschaften der Hochschule Fulda durch das hessische Kultusministerium.

Hierbei sollte man trotzdem nicht übersehen, dass alle diese hochschulpolitischen Entscheidungen die Notwendigkeit beinhalten, Universitäten in den Prozess mit einzubeziehen. Weil die Soziale Arbeit dort nicht etabliert ist, bewegen sich Forscher*innen der Sozialen Arbeit auf dem Weg zur Promotion also noch immer in fachfremden Gefilden und werden von Professor*innen anderer, wenn auch benachbarter, Disziplinen angeleitet. Unbestritten hat das seine Vorteile und erweitert die Perspektive. Allerdings erleichtert es nicht unbedingt die Identitätsfindung als Sozialarbeitsforscher*in und die selbstbewusste Vertretung der eigenen disziplinären Perspektive.

Hochschulpolitisch wurde ein gutes Stück Weg gegangen (nicht ohne den Verdacht zu erwecken, dass damit den Forderungen nach eigenständigem Promotionsrecht für Fachhochschulen der Wind aus den Segeln genommen wird). Es wurden Infrastrukturen geschaffen, aber Promovieren in der Sozialen Arbeit findet nach wie vor größtenteils im akademischen Exil statt.

Mit anderer Perspektive starteten 1998 die Bemühungen der DGSA-Fachgruppe Promotionsförderung und ihre organisatorischen Vorläufer:

Die Gründung der Fachgruppe, eine Kampagne zur Benennung von Promotionsbeauftragten an Fakultäten Sozialer Arbeit und die Etablierung eines wissenschaftlichen Beirats zur Promotion durch den Vorstand der DGSA waren strategisch wichtige Schritte.

Weitere Angebote richten sich handlungsorientiert direkt an die Nachwuchsforscher*innen: Mit der Fachgruppe als Basis und Netzwerkbildung als Ziel etablierten sich regelmäßige jährliche Kolloquien, Informationsnetzwerke (Promotionsrundmail und Facebook-Forum), Tagungen und Info-Panels zum Thema sowie die Sammlung nützlichen Wissens über die Forschungslandschaft der Sozialen Arbeit (Sammlung der Fachzeitschriften Sozialer Arbeit und relevanter Bezugswissenschaften, Bibliographie zur Thematik der Promotion nach Fachhochschul-Abschluss sowie Sammlung von Promotionen nach Fachhochschul-Abschluss).

Hier wollen wir mit der Vorkonferenz ansetzen und nehmen uns dazu genuin sozialarbeiterische Prinzipien zu Hilfe: Netzwerkarbeit, Teilhabe und Empowerment für die zukünftigen und aktuellen Forscher*innen in der Sozialen Arbeit. Dieses Angebot ist, gerade weil Forscher*innen der Sozialen Arbeit im Rahmen der herrschenden Bedingungen größtenteils keine fachbezogene Basis an den Hochschulen finden, nicht an eine bestimmte Hochschulzugehörigkeit gebunden, sondern sieht sich der Disziplin der Sozialen Arbeit als gemeinsames Element verpflichtet.

 

Über Alternativen ins Gespräch kommen

Wenn man so will, kann man die Vorkonferenz als ‘grassroot’ Aktion sehen: Auch wenn noch tausende hochschulpolitische Fragen und Strukturen zu klären sind, wir fangen schon einmal an. Denn die Soziale Arbeit braucht eine passende und eigene Wissensbasis. Eine, die im Zusammenspiel von Forschung und Praxis entwickelt und ausgebaut wird. Und dafür braucht es gut ausgebildete und untereinander vernetzte Sozialarbeiter*innen, die diese Aufgabe meistern und ihre Expertise weitertragen. Die steigende Anzahl von Promotionen nach Fachhochschulabschluss in der Sozialen Arbeit zeigt, dass wir das können. Jetzt gilt es Wege zu ebnen und Strukturen zu schaffen, die unabhängig von hochschulpolitischen Entscheidungen sind und die bisherige Entwicklung weiterführen.

Die „Pre-Con“ bietet im Rahmen der Vernetzung nicht nur ein Zusammenkommen innerhalb des eigenen Rahmens, sondern bietet darüber hinaus bewusst auch die Möglichkeit, andere Netzwerke und vor allem auch alternative Wege eines gemeinsamen Promovierens vorzustellen. So blicken beide Autor*innen bereits auf unterschiedliche Erfahrungen zurück. Mit dem Engagement von Vera Taube in der DGSA-Fachgruppe Promotionsförderung und ihren Erfahrungen hinsichtlich promotionsbezogener Vernetzung auf internationaler Ebene sowie den Aktivitäten von Fabian Fritz als Gründungsmitglied eines solidarischen und selbstverwalteten „Promotionskolloquiums Kinder- und Jugendarbeit im deutschsprachigen Raum“ sollen hier nur zwei Varianten genannt werden. Die Erfahrungen der rund 60 weiteren Teilnehmer*innen versprechen einen fruchtbaren Austausch über verschiedenste Strategien, in der Sozialen Arbeit zu promovieren.

Uns erscheint es sinnvoll, auch die eigenen Arbeitsbedingungen in ein Verhältnis zur Promotion und dem Wirken als junge Wissenschaftler*innen zu setzen. Wir hoffen daher, dass auch Themen wie Befristungen, hohe Lehrverpflichtungen usw., wie sie vom „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ (NGAWiss) angeprangert werden, zur Sprache kommen und so der Vernetzung des akademischen Mittelbaus zuträglich sind.

An dieser Stelle möchten wir auf die anfangs skizzierten Ideen zum Thema Demokratiebildung zurückkommen. Auch wir als Vertreter*innen der jungen Wissenschaft lernen Demokratie stetig neu und auf unterschiedlichen Eben kennen. Sie tritt als Regierungsform auf und ist in den Gremien und den formal geregelten Satzungen unserer Hochschulen und Berufsverbände festgeschrieben. Aber auch die Demokratie als Lebensform darf nicht vergessen werden. Sie tritt in Bündnissen, in ‘grassroot’ Initiativen oder eben auf Vorkonferenzen auf, wenn es darum geht, kollektiv handlungsfähig zu werden. Für uns ist daher die Nähe von kritischen Sozialarbeiter*innen bzw. Sozialpädagog*innen zu Berufsverbänden, Gewerkschaften und Initiativen genuin mit der Feststellung verbunden, die die DGSA im Call aufwirft, wenn sie Soziale Arbeit eng mit Aspekten von Demokratie und Teilhabe verbunden sieht.

So steht am Ende also die Frage, wo Mensch Demokrat*in wird, wie sie der Hamburger Erziehungswissenschaftler Helmut Richter stellt und die Antwort in kommunalen Vereinen und Initiativen verortet, da sich die Demokratie dort als Lebensform verwirklicht. Diese Frage wollen wir zum Ende für unser eigenes Wirken stellen und beantworten.

Wir sehen in Netzwerken, Initiativen, Tagungen, Vereinen, Berufsverbänden und Gewerkschaften Orte, an denen wir eine Möglichkeit schaffen, um miteinander in Diskurs zu treten. Dort agieren wir als Demokrat*innen und praktizieren Demokratiebildung. Ein praktisches Beispiel sehen wir, um konkreter zu werden, im "Netzwerk junge Wissenschaft der Sozialen Arbeit" in der DGfE-Kommission Sozialpädagogik, welches die Mitsprache der jungen Wissenschaft in der Kommission sicherstellt.

Wir wollen die „Pre-Con“ nutzen, um gleiche oder ähnliche Modelle für uns zu diskutieren. Wir sind davon überzeugt, dass wir so zu dem beitragen, was uns als Sozialarbeitswissenschaftler*innen eine kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise dem Tagungsthema, ermöglicht: Weltanschauung und Haltung und einem Ort, um darüber öffentlich in Diskurs zu treten.

Oder, um es mit den Worten von Alice Salomon zu sagen: „Wissen und Handeln, Denken und Tun muss auf einer Weltanschauung ruhen“.

 

Vera Taube & Fabian Fritz, 

OrganisatorInnen der Vorkonferenz für Nachwuchswissenschaftler*innen in der Sozialen Arbeit

Erklärung der Tagungsteilnehmenden der Tagung „gender_wissen in den Forschungsfeldern der Sozialen Arbeit“ 22.-23.2.2018, an der Alice Salomon Hochschule Berlin

Die Tagung „gender_wissen in den Forschungsfeldern der Sozialen Arbeit“ beschäftigte sich mit der Bedeutung von Genderwissen für Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft.

Dabei befasste sie sich auch mit der teilweise fehlenden Bereitschaft der Öffentlichkeit, Genderwissen zur Kenntnis und ernst zu nehmen.  

Angesichts aktueller Angriffe auf die Gender Studies, auf gendersensible, queere und feministische Forscher_innen und entsprechende Positionen von Hochschulangehörigen hält sie diese Thematisierung sowie deutliche Positionierungen von Wissenschaftler_innen und Hochschulen für die Akzeptanz von Genderwissen, Genderforschung und gendersensiblem Handeln für nötig.

Zugespitzt wird der Versuch, die Autonomie von Hochschule und die Freiheit wissenschaftlicher Erkenntnisbildung im Diskurs fundamental anzugreifen, in den antidemokratischen Äußerungen in der Debatte um die Fassade der ASH Berlin 2017/18 (vgl. eine Dokumentation der Debatte auf: www.ash-berlin.eu/fassadendebatte).

1.    Die Tagungsteilnehmer_innen weisen mit Nachdruck auf die beteiligungsorientierte Entscheidungsfindung über die Gestaltung der Fassade der ASH hin. Sie können nachvollziehen, dass der Akademische Senat der Hochschule zu der Auffassung gelangt ist, dass das Gedicht „avenidas“ an der Fassade einer Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung und Bildung im Kindesalter als nicht stimmig für die Außendarstellung der Hochschule erlebt wird, weil es ein nicht mehr zeitgemäßes, verobjektivierendes Geschlechterbild transportiert. 

2.    Die Tagungsteilnehmer_innen regen Studierende, Wissenschaftler_innen sowie die Fachorganisationen der Sozialen Arbeit dazu an:

   a.     aktiv Positionen zu formulieren, die Genderwissen als wissenschaftlich fundiertes Wissen fördern,

   b.    Argumentationen der Selbstbestimmung, gender-, queertheoretische und feministische Positionen zu unterstützen und sich dabei selbst zu stärken,

   c.     diese Positionen in den Hochschulen und der medialen Öffentlichkeit verstärkt zu formulieren. 

3.    Die Tagungsteilnehmenden setzen sich für die Freiheit der Wissenschaft, die Autonomie von Hochschule sowie die Freiheit der Kunst gleichermaßen ein. 

   a.     Sie empfinden die Debatte um die Südfassade der ASH Berlin als überzogen in ihrer Heftigkeit, ihren Zuschreibungen und Wortwahlen.

   b.    Sie unterstützen alle Stimmen, die die Autonomie der Hochschule und die Freiheit der Kunst produktiv ins Gespräch bringen und ins Verhältnis setzen und zu produktiven Lösungen bei konfligierenden Interessenslagen kommen.

   c.     Sie rufen dazu auf, sich nicht nur im wissenschaftlichen Kontext, sondern auch in konflikthaft und streitbar geführten Debatten im öffentlichen Raum quellenkritisch zu informieren und eine faire, differenzierte Auseinandersetzung zu führen, die das Ziel verfolgt, zu produktiven, unterschiedliche Positionen einbeziehenden und weiterführenden Lösungen zu kommen.

 

Berlin, 23.2.2018

gez.

Sektion Forschung der DGSA

Fachgruppe Gender der DGSA

 

Gewalt gegen Frauen – Istanbul-Konvention und Folgerungen für die Soziale Arbeit

Seit dem 1.2.2018 gelten neue Rechtsgrundlagen für Gewalt gegen Frauen. Häusliche Gewalt ist damit endgültig keine Privatsache mehr, sondern dem Staat kommt eine Schutzpflicht gegenüber gewaltbetroffenen Frauen zu. Für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit bedeutet dies, staatliche Stellen auf bestehende Unterversorgung aufmerksam zu machen und den notwendigen Ausbau an Schutzräumen und Beratungsstellen voranzutreiben und fachlich auszugestalten.

Drei Botschaften lassen sich m.E. aus dieser Neuregelung ziehen.

1.)    Die Istanbul-Konvention ist ein großer Erfolg der internationalen Frauenbewegung im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Es war ein langer Weg, der in den 1970er Jahren mit der Enttabuisierung häuslicher Gewalt begann und mittlerweile als Menschenrechtsverletzung von Frauen international verankert ist (Brückner 2011). Und es waren auch in Deutschland vor allem engagierte Studentinnen Sozialer Arbeit, die auf Demonstrationen und in Arbeitskreisen der autonomen Frauenhausbewegung vorne mit dabei waren. Sie machten aus WG-Telefonanschlüssen Hotlines für betroffene Frauen, erkämpften Stadtratsbeschlüsse für Frauenhäuser in einer Zeit, als Sozialdezernenten noch behaupteten, für gewalttätige Ehemänner reiche eine Schubkarre, um sie einzusammeln, so wenige seien es. Neben der autonomen Frauenhausbewegung, die für Frauenhäuser und Beratungsstellen gekämpft hat, die heute als selbstverständliches Angebot gelten, sorgte die antisexistische Männerbewegung für den – immer noch zu geringen – Aufbau von Beratungsarbeit mit gewalttätigen Männern („Männer gegen Männergewalt“). Die Einführung des Gewaltschutzgesetzes von 2002 gilt als weiterer Meilenstein. Seither ist es der Polizei möglich, häusliche Gewalttäter der Wohnung zu verweisen. Es bleibt allerdings die hohe Gefahr von Nachstellung und Bedrohung, die grade in Trennungssituationen tödlich sein kann: Allein in 2015 wurde nach Angaben der polizeilichen Kriminalstatistik fast jeden Tag in Deutschland eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet, genauer: 331 Frauen starben in einem Jahr! In der Presse wird dies bis heute als „Familiendrama“ verharmlost. Weitere wissenschaftliche Befunde zu häuslicher Gewalt gibt es hier.

 

2.)    Dieser Terror im Privaten wird mit dem Inkrafttreten des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt (Istanbul-Konvention) in neuer Weise zur öffentlichen Angelegenheit. Es ist daher ein Paradigmenwechsel: Der Staat verpflichtet sich, „Frauen vor allen Formen von Gewalt zu  schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen“ (Artikel 1, Absatz 1.a IK). Dieser due diligence standard (staatliche Schutzpflicht) bedeutet, dass es nicht ausreicht, hier und da Frauenhäuser oder Beratungsstellen anzubieten. Gesetzlich verankert ist nun die staatliche Verpflichtung, ein flächendeckendes, umfassendes und allgemein zugängliches Unterstützungssystem für gewaltbetroffene Frauen zu schaffen (vgl. Stellungname des djb). Frauen, die abgewiesen werden, weil Frauenhäuser voll sind – wie immer noch Alltag in Deutschland - haben nun die Möglichkeit, bei erneuter Gewalthandlung den Staat auf unterlassene Hilfeleistung zu verklagen. Zwar ist in den letzten Jahren schon viel passiert, etwa die Einrichtung der bundesweiten Hotline für Gewaltbetroffene, aber es fehlt an

·        Unterkünften, Beratungsstellen im ländlichen Raum

·        Schutz für Flüchtlingsfrauen ebenso wie für Frauen mit Behinderungen sowie Frauen mit Psychiatrieerfahrung. Auch der Schutz wohnungsloser und obdachloser Frauen steht noch aus.

·        Schutzmaßnahmen von Frauen in Sorge- und Umgangsverfahren, wenn gewalttätige Männer versuchen Kontaktverbote durch Umgangsrechte zu unterlaufen. Ebenso braucht es Fachwissen v.a. in Gerichten und Jugendämtern im Hinblick auf die Relevanz von Kindeswohlgefährdung durch das Miterleben häuslicher Gewalt.

Die erste umfassende Bestandsaufnahme des bundesweiten Hilfesystems bei Gewalt gegen Frauen (Helfferich et al. 2012) zeigte ebenso wie die Untersuchung von Schröttle 2016 für Bayern erhebliche Versorgungslücken. Es braucht daher weiter ein forschungsgeleitetes Monitoring für die Umsetzung der Istanbul-Konvention.

 

3.)    Das Inkrafttreten der Istanbul-Konvention zeigt: Es braucht einen langen Atem im langen Kampf gegen Gewalt an Frauen – mit Rückschlägen ist zu rechnen. Erst 1947 wurde etwa in Bayern das Züchtigungsrecht des Ehemanns offiziell aufgehoben, es hat im bayerischen Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis seit 1758 bestanden. Dort wurde dem Mann in der Ehe das Recht eingeräumt, die Ehefrau „nötigenfalls mit Mäßigkeit“ zu züchtigen, um seine Stellung und Rechte durchzusetzen. Heute nicht mehr vorstellbar? Die Entwicklungen in Russland, der Türkei und anderen Staaten unter rechtspopulistischen Einflüssen zeigen, dass Menschenrechte für Frauen schnell auch wieder aufgegeben werden können. Der Straftatbestand Gewalt in der Ehe wurde zurückgenommen. Auch in Deutschland versuchen aktuell rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise, Gewalt gegen Frauen als Einwanderungsproblem erscheinen zu lassen. Dem ist deutlich und faktenbasiert zu widersprechen! Z.B. tut dies die Arbeitsstelle Gender und Rechtsextremismus 2016. Tatsächlich haben Frauen und Mädchen in rechtsextremen Kontexten erhebliche Gewaltrisiken in Intimbeziehungen innerhalb ihrer Szene (vgl. Lehnert/Radwan 2016, Betzler/Degen 2016). Bemerkenswert sind hier auch Berichte von Aussteigerinnen aus der rechten Szene, die zeigen, wie alltäglich in der extremen Rechten Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Kinder sind. Daher braucht es verstärkte Ausstiegsangebote für Frauen und Mädchen, die mithin in doppelter Weise der Gewaltprävention dienen.

Genderreflektierte und kritische Soziale Arbeit sollte im Sinne des Tripelmandats agieren: Neben der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen, Tätern, Kindern und dem weiteren Ausbau an Beratungs- und Schutzangeboten, Therapieplätzen und Fortbildungen für Fachkräfte, um Frauen und ihre Kinder nachhaltig zu schützen und auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu unterstützen braucht es weiterhin eine lautstarke und kompetente Öffentlichkeitsarbeit zu Gewalt gegen Frauen und dem Recht von Frauen auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung. Falschmeldungen und perfide Indienstnahme von Gewalt an Frauen für Rechtspopulismus sind entschieden entgegen zu treten.


Prof. Dr. Barbara Thiessen