Die Letzten werden die Ersten sein.

Die Automatisierung von Berufen aufgrund des Siegeszugs einer immer tiefgreifenderen Digitalisierung ist in aller Munde und ist der neue Megatrend in der Arbeitswelt. Einige vergleichen diese Entwicklung mit ihren Auswirkungen schon mit den Folgen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Und zweifellos ist diese Diskussion wirklich voll entbrannt: da geht es um selbstfahrende Autos, Taxis und Züge, die den individuellen und kollektiven Nah- und Fernverkehr revolutionieren und ganz nebenbei die Fahrer_innen überflüssig machen. Da geht es um Drohnen, die Pakete und Post zustellen und die Logistikbranche umkrempeln und da geht es um kontaktloses Bezahlen ohne Kassierer_innen im Supermarkt oder am Besten gleich den sich selbst füllenden Kühlschrank. Das alles wird unter dem Label einer zunehmenden Effizienzsteigerung einer (produzierenden) Dienstleistungsgesellschaft diskutiert. Dass dies aber natürlich auch ganz schwerwiegende Folgen für die bislang in diesen Bereich arbeitenden Menschen haben wird, die dann ihren Job verlieren, versteht sich von selbst - noch kommen diese aber in der Diskussion nicht vor. 


Interessant ist aber der Blick von der anderen Seite. Welche Berufe profitieren eigentlich davon, wenn verschiedene Tätigkeiten in 20, 30, 40 Jahren automatisiert von Maschinen ausgeübt werden können? Und werden diese Berufe im Ansehen und Bezahlung entsprechend an Bedeutung gewinnen? Angesichts der marktwirtschaftlichen Logik könnte man vermuten: „ja, werden sie“. Und da passt ein Befund einer Studie von zwei Wissenschaftlern aus Oxford gut ins Bild. Die beiden haben 700 Berufe anhand einer US-amerikanischen Datenbank auf typische Tätigkeiten im Berufsalltag untersucht. Anschließend wurde diesen Tätigkeiten ein Wert mit Bezug auf die Wahrscheinlichkeit einer Automatisierung in der Zukunft zugeordnet und schließlich wurde aus diesen Werten eine Rangfolge der Berufe mit der geringsten bzw. höchsten Wahrscheinlichkeit der Automatisierung erstellt.

And the winner is: Soziale Arbeit!

Ja, richtig gelesen. Zumindest in der in einer Computerzeitschrift (ct, 7/2015) veröffentlichten Kurzliste, die die 700 Berufe nochmals zusammenfasst, steht Soziale Arbeit ganz oben - für die detaillierte Liste vgl. den link zur ursprünglichen Studie oben im Text)

Aus: ct, 7/2015
Und wenn man dann noch bedenkt, dass in weiten Teilen Deutschlands der Arbeitsmarkt für Sozialarbeiter_innen fast leergefegt ist (vgl. Blogpost zuvor), dann ist das für die Zukunft der Sozialen Arbeit doch eine ganz gute Nachricht. 


Sozialarbeiter*innen – gefragt wie noch nie, schlecht bezahlt wie bisher?

Aus der Süddeutschen Zeitung kommen positive Nachrichten: Für den April 2016 meldet die Bundesagentur 120 offene Stellen pro hundert arbeitslose Sozialarbeiter*innen. Real vermutet Oliver Koppel, Arbeitsmarktexperte vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sogar ein Verhältnis von bis zu 500 zu hundert. Längst nicht alle offenen Stellen werden bei der Arbeitsagentur gemeldet und über andere Wege besetzt.

Auch die Zeit bestätigte vor kurzem diese Nachrichten. Die Berufsgruppe der Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen wurde dort als die auf dem Arbeitsmarkt für das Jahr 2015 gefragteste Berufsgruppe beschrieben. Bereits 2015 stiegen die offenen Stellen pro 100 Arbeitslose von 45 auf 114 an. Im Vergleich lag die Berufsgruppe der Ingenieur*innen der Energie- und Elektrotechnik hier bei 60 bis 71 offenen Stellen pro 100 Arbeitslose. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft gibt bekannt, dass damit die "klassische Ordnung der Engpassberufe ... auf den Kopf gestellt" wurde.

Nun ist diese Entwicklung nicht ganz neu. Bereits 2010 wurde in den "Materialien zur Entwicklung des Arbeitsmarktes für SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen" die positive Arbeitsmarktentwicklung der Sozialen Arbeit im Vergleich mit anderen Berufsgruppen festgestellt.

Dennoch bleibt es sehr erfreulich, dass der "Wachstumsberuf Soziale Arbeit" nun in den Medien als solcher erkannt und benannt wird. Und es kann festgehalten werden, dass die Soziale Arbeit in den beiden Artikeln als relevanter, attraktiver, und abwechslungsreicher "sozialer Expertenberuf" auftaucht und nicht als Tätigkeit, die notfalls auch von gutmeinenden Laien oder anderen Berufsgruppen einfach übernommen werden kann.

Weniger glücklich ist, dass die Soziale Arbeit in beiden Zeitungen sehr stark als Flüchtlingsprofession dargestellt wird und viele ihrer weiteren Handlungsfelder dabei unter den Tisch fallen.

Und es bleibt zu fragen, ob der wachsende Bedarf an Sozialarbeiter*innen sich auch in verbesserten Arbeitsbedingungen und einer Vergütung bemerkbar machen wird, die einem akademischen Expert*innenberuf angemessen ist. Wenn auch hier die Sozialarbeiter*innen die Ingenieur*innen ein- und überholen werden, dann werden einige der hier noch offenen Fragen auch geklärt sein.



DGSA startet Blog!

Um in einer Mediengesellschaft auch mit Inhalten wahrgenommen zu werden, die über die eigene Zielgruppe der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit hinaus auch für eine breitere Bevölkerungsgruppe relevant sind, brauchen Wissenschaftler_innen eine gesunde Mischung aus medienwirksamem Pragmatismus, der bestimmte Inhalte zu vermitteln hilft, und der nötigen wissenschaftlichen Qualität, damit das vom Publikum Gehörte auch differenziert genug ist und dem aktuellen Stand der Fachdiskussion entspricht.

Die DGSA startet in diesem Sinne mit einem neuen Angebot: In regelmäßigen Abständen schreiben Personen aus dem Umfeld der DGSA in diesem Blog und kommentieren, analysieren, erklären oder beschreiben aktuelle Ereignisse aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Schreiben werden Personen aus dem Vorstand, die Sektions- und FachgruppensprecherInnen und eingeladene GastautorInnen. 

Der Blog soll der Sozialen Arbeit helfen, sich in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu zeigen und gleichzeitig die ihr wichtigen Inhalte zu transportieren.

 

Wir freuen uns auf vielseitige Kommentare und Debatten!