Gesichter der Sozialen Arbeit

Seit 2008 wurden mithilfe des Projekts „Gesichter der Sozialen Arbeit“ Plakate im DIN A2 Format erarbeitet, die zu einer Dauerausstellung an der DHBW Stuttgart führten. Die „Gesichter“, die Soziale Arbeit prägten, sollten sichtbar werden. Dazu  tauchten wir in die Geschichte Sozialer Arbeit ein. Mit jeder Person wird eine neue Facette Sozialer Arbeit sichtbar. Die Personen und ihre „Gesichter“ wurden durch die Rezeption der Geschichtsschreibung entdeckt. Wir fragten uns: Wer gehört zu den „Lichtgestalten“? Wer legt eigentlich fest, wer dazu gehört? Was meint der Begriff Soziale Arbeit? Wie hat sich das, was mit dem Sammelbegriff Soziale Arbeit ausgedrückt wird entwickelt? Welche Anstöße kamen aus der konkreten Politik, aus der Wirtschaft und aus der Zivilgesellschaft? Welche Funktion haben die sogenannten sozialen Bewegungen wie Frauen-, Arbeiter-, Jugend-, Antikriegs-, und Ökologiebewegungen? Welche Probleme, Zielgruppen und Lösungen hatten die Personen im Blick, die die Geschichte Sozialer Arbeit prägten?  


Der Anfang
Sozialer Arbeit
Schon die Frage, wann die Spurensuche beginnt, muss definiert werden. Soziale Arbeit hat viele „Gesichter“ und sie hat viele Geschichten, die mit den Epochen und modernen Umwälzungen der Gesellschaft zusammenhängen. Hier beginnt die Spurensuche mit der Epoche der Aufklärung. Schon dieses Eintauchen in die Geschichte ist faszinierend. Wir verstanden immer besser, wie sich dieser Beruf entwickelte und welche Bedeutung Soziale Arbeit für die Gesellschaft hat.

Durch die Forderungen der Französischen Revolution (1789 bis 1799), wurde damals der feudal- absolutistische Ständestaat abgeschafft. Universalistische Werte wie die Idee der Freiheit, Gleichheit und Solidarität wurden als Menschenrechte proklamiert, die in Europa handlungsleitend waren. Der Liberalismus und der Sozialismus prägten nicht nur das moderne Sozialstaats- und Demokratieverständnis unserer Zeit, sondern waren Motoren für sozialen Wandel. Die tiefgreifenden Veränderungen der Gesellschaften Europas betrafen deren Staats-, Wirtschafts-, Sozial-, und Erziehungssysteme, die durch den Wiener Kongress von 1814 bis 1815 und die neuen Staatsgrenzen insgesamt neu ausgerichtet wurden. Die Geschichte Sozialer Arbeit ist natürlich Teil der Epochen- und Sozialgeschichte in Deutschland.
In Deutschland hatten die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nach der Französischen Revolution zum Pauperismus geführt. Die Armut des frühen 19. Jahrhunderts zeigte sich vor allem in Städten als ein soziales Problem. Die Armutsbekämpfung richtete deshalb auf die Beseitigung des Hungers, die Eingrenzung von Epidemien sowie die Begrenzung der Bettelei. Aber auch die Versorgung von verwundeten Soldaten und Witwen, die durch die ständig drohenden Kriege zu leisten waren, belasteten die Länder und Kommunen. Waisenkinder und Kinder aus kinderreichen Familien fanden in sogenannten Rettungshäusern Aufnahme. Hier bestand die Hilfe in der Disziplinierung und Arbeitsbefähigung und schulischen Bildung. Die Frauen, denen Rechte fehlten, suchten nach Möglichkeiten für ihre Emanzipation. Sie engagierten sich in der Kleinkindererziehung und in Vereinen, die caritativ tätig waren. In Deutschland hat das Vereinsleben eine starke Tradition. Im 18. Jahrhundert hießen Vereine meist "Gesellschaften", die Menschen ständeübergreifend zusammenbrachten und zur Geselligkeit beitrugen. Adelige und höhere Beamte diskutierten auch mit Frauen in sogenannten „Salons“ über Tagesereignisse und politisch-philosophische Zeitprobleme. Die Menschen kannten „Lesegesellschaften", in denen das aufgeklärte Bürgertum politische Vorstellungen gedanklich verwirklichen konnte. Ab dem 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff "Verein". Das Vereinswesen trug entscheidend dazu bei, dass gemeinsame Werte tradiert wurden und Gemeinschaft erlebbar wurde. Viele Turnvereine, Gesangs- oder Kleingärtnervereine haben eine lange Tradition. Damals waren sie ein städtisches Phänomen und sie galten als modern und zukunftsorientiert. Die sogenannte Zivilgesellschaft spielt in Deutschland auf der Ebene von Vereinen bis heute eine wichtige Rolle und hält die Gesellschaft zusammen. Die, die der Sozialen Arbeit den Weg bereiteten, nutzten häufig den Verein, um mit ihrer Innovation nicht allein zu bleiben. Die Wegbereiter*innen dieser Jahre setzten sich mit den veränderten Lebensverhältnissen auseinander und sie versuchten die sozialen Probleme der Armut zu lösen. Die Schule, der Kindergarten, das Rettungshaus, die Zucht- und Krankenhäuser entstanden, weil die Menschen, die sie gründeten von der Philosophie, Pädagogik, Theologie, Medizin und Juristerei ihrer Zeit inspiriert waren und mit diesem Wissen Hilfe anboten und auch konzeptualisierten.

Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass der Kindergarten eine zentrale Funktion hat, um die Entstehung Sozialer Arbeit zu begreifen. Viele Frauen waren Fröbelpädagoginnen und sie verbreiteten die sozialintegrierende Funktion des Kindergartens. In Preußen war der Kindergarten von 1851 bis 1860 sogar verboten, weil die Politik seine emanzipatorische Wirkung fürchtete. Was ist daraus geworden? 

Politisch betrachtet wurde das Europa der frühen Moderne von Fürstentümern und Königreichen regiert, die meist eng mit der katholischen Kirche in Rom verbunden waren. Als das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ 1806 untergegangen war, versuchte Napoleon I. Macht über den europäischen Kontinent zu bekommen. Das provozierte zahlreiche Befreiungskriege. In Deutschland führte dies zu einer politischen Neuordnung in Form des Norddeutschen Bundes unter preußischer und österreichischer Führung. Dagegen richtete sich wiederum die Revolution von 1848/49, die vom preußischen Militär niedergeschlagen wurde. Die 1948er- Märzrevolution stärkte die Monarchie. Preußen und Österreich bekamen innerhalb des Deutschen Bundes eine Vormachtstellung und Berlin wurde zur politischen Metropole. Hier wurde 1862 der  konservative preußische Politiker Otto von Bismarck (1815- 1898) von König Wilhelm I. zum Ministerpräsidenten berufen. Bismarck spielte eine wichtige Rolle bei der Etablierung Sozialer Arbeit. In seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident grenzte er den Einfluss der katholischen Kirche ein und wurde im Zuge der Gründung des Kaiserreiches 1871, in den erblichen Fürstenstand erhoben. 1870 hatte der Sieg des Norddeutschen Bundes im Deutsch- Französischen Krieg zur Gründung des Kaiserreiches geführt, das als eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen wurde. Somit hatte der Kaiser die politische und militärische Führung und war zu gleich preußischer König und oberster Kirchenherr der Protestanten. Er ernannte den Reichskanzler, der auch preußischer Ministerpräsident war und damit zur Machtelite gehörte. Die Rechte des nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht gewählten Reichstags beschränkten sich zu der Zeit auf die Mitwirkung beim Gesetzgebungsverfahren und die Verabschiedung des Budgets. Damals wurden die Forderungen nach Einführung einer parlamentarischen Monarchie mit einer Verantwortlichkeit der Minister gegenüber der gewählten Volksvertretung von den konservativen Eliten vehement abgelehnt. In Deutschland war der Einfluss des Protestantismus spürbar und als Reichskanzler Otto von Bismarck die Festigung des Nationalstaats vorantrieb, bekam er starke Unterstützung seitens der Kirchen. Die Bismarckschen Sozialgesetze, die Krankenversicherung von 1883, die Unfallversicherung von 1884 und die Invaliditäts- und Alterssicherung von 1893, bilden bis heute die Basis für den Sozialstaat. Bismarck verbesserte dadurch nicht nur den Schutz der Arbeiter, sondern wirkte auf die durch die Industrialisierung entstandenen Probleme der Arbeiter sozialpolitisch deeskalierend. Die extreme Sprengkraft der sozialen Gegensätze zeigte sich damals in Streiks, Straßenkämpfen und kommunistischen Parteibildungen. Bismarck erhoffte sich damit auch, die sozialistische Bewegung einzugrenzen. Die junge Nation Deutschland musste sich ja beweisen und der Staat sollte auch als ein fürsorglicher Staat die parteipolitischen Entwicklungen innerhalb der Arbeiterklasse fester an die Regierung zu binden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bis 1918 ging das Kaiserreich seinem Ende entgegen und die Weimarer Republik von 1919 bis 1933 löste die Monarchie ab. Sozialgeschichtlich relevant waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert die industrielle Revolution und Hochindustrialisierung, die viele soziale Probleme erzeugte. Das hohe Bevölkerungswachstum und der Prozess der Urbanisierung führten weiterhin zu Armut und nach wie vor starben Menschen an Epidemien. Viele Menschen wanderten in die USA aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten noch einmal zwei Kriege das europäische Leben. Diese Weltkriege veränderten die Menschen und mit dem Holocaust wurden die Widersprüche der Aufklärung unübersehbar sichtbar. Soziale Arbeit wurde auch dadurch beeinflusst und die Spurensuche führte zur Frage nach dem Widerstand im Nationalsozialismus und der Entwicklung nach 1945. Diese Ausstellung erklärt die Hintergründe, die die Pioniere veranlassten, Lösungen für soziale Probleme zu finden. Sie macht deren Einstellung zur Politik und zur sozialen Frage ihrer Zeit mithilfe der Plakate sichtbar.

Soziale Arbeit als Hilfe zur Bewältigung sozialer Probleme

Dass Helfen zur sozialen Arbeit, also zum Beruf wurde, war ein Prozess, der während des Kaiserreiches (1871 bis 1918) begann. Der Manchesterkapitalismus hatte seine sozialzerstörerische Seite entwickelt und gezeigt. Soziale Projekte wie „Toynbeehall“ in London und „Hull House“ in Chicago zeigten, wie in anderen Ländern mit den Problemen der Migration, der Siedler und der Armen umgegangen wurde. Die Wirkung der „Settlements“ reichte bis nach Berlin, um hier die „Arbeitsgemeinschaft Berlin Ost“ zu gründen und als ein deutsches Settlement zu erproben. Die Einzelfallhilfe in der Kombination mit der Gemeinwesenarbeit setzte sich durch. Bildung galt zwar bereits seit der Aufklärung als Zaubermittel für die Schaffung einer „neuen Gesellschaft“, die Menschen befähigt, ihre Verhältnisse zu verändern. Doch erst im 20. Jahrhundert wurde sie innerhalb sozialer Arbeit zum Vehikel für die Professionalisierung. Neben der Armutsbekämpfung sollten nun auch die herrschenden Verhältnisse verändert werden. Die Überzeugung, dass der Mensch eine Würde besitzt, die angesichts des kapitalistischen Wirtschaftssystems immer wieder in Frage gestellt wird, wurde erst im 20. Jahrhundert zum Motor weiterer Entwicklungen. Die sozialen Institutionen, die bis heute zur Infrastruktur Sozialer Arbeit gehören, wurden im Kaiserreich gegründet. Dazu gehören Ausbildungseinrichtungen, diakonische und caritative Einrichtungen für Kinder, Alte, Behinderte, die Wohlfahrtsverbände, die soziale Statistik, der „Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge“ e.V. und die durch den Weimarer Wohlfahrtstaat ermöglichte rechtliche Absicherung Sozialer Arbeit. Seit der Weimarer Republik (1919 bis 1933) besteht das Netzwerk der Sozialarbeit aus Verbindungen von sozialpolitischer und zivilgesellschaftlicher Hilfe, die in Deutschland ein umfassendes Sozialsystem hervorgebracht hat, das bis heute den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft sichert. Diese institutionalisierte Solidarität stärkt nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern sie ist längst so bedeutsam, wie die Wirtschaftsunternehmen, ohne die wir kein menschenwürdiges Leben führen können. Wer zählt zu den Wegbereiter*innen Sozialer Arbeit? Was haben Menschen angestoßen und in oft mühevoller Kleinarbeit gesellschaftlich durchgesetzt? Die Dauerausstellung erzählt von ihnen und lässt Platz für eigene und weitere Entdeckungen.  

Soziale Arbeit hat sich immer wieder gewandelt. Ob sie systemstabilisierend oder systemkritisch wirkt, ob sie praktisch oder theoretisch wirksam ist und was diesen Beruf kennzeichnet, darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Sie lädt dazu ein, die Pioniere und Pionierinnen kennenzulernen und das Entwicklungspotential Sozialer Arbeit zu verstehen. Die Plakate werden in der Lehre genutzt, um die Geschichte Sozialer anschaulich und biografisch einordbar zu machen. Die Arbeit an den „Gesichtern“ ist faszinierend und reich an neuen Entdeckungen.  

Gastbeitrag von Prof. Dr. Christiane Vetter, Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der DHBW Stuttgart

„Gemeinsam Strukturen schaffen, um zu gestalten…”

… das ist wohl einer der Sätze, die wir Organisator*innen zum Leitmotiv für die Vorkonferenz des wissenschaftlichen Nachwuchses der Sozialen Arbeit machen könnten. Warum? Das wollen wir in dem vorliegenden Beitrag erläutern. 

Bereits zum zweiten Mal haben sich im Rahmen der Vorkonferenz zur Jahrestagung der DGSA am 25. und 26. April 2019 Nachwuchswissenschaftler*innen der Sozialen Arbeit in Stuttgart getroffen, in diesem Jahr mit knapp 120 Teilnehmenden sogar doppelt so viele wie beim ersten Mal. Schon die stürmischen Begrüßungen verhießen zwei großartige Tage. Die am häufigsten gestellte Frage war sicherlich: „Und was ist bei dir so passiert? Erzähl doch mal!“ Aus wissenschaftlicher Sicht eine wunderbare Einstiegsfrage in eine längere Phase der Narration, die sicher häufig funktionierte, in manchen Momenten dann aber doch durch scheppernde Töne aus dem Mikrofon unterbrochen wurde, sodass pausiert werden musste. 

Schnell war uns Organisator*innen klar: Mit der Vorkonferenz hatte die Fachgruppe Promotionsförderung der DGSA einen Treffpunkt für Austausch und gegenseitige Unterstützung geschaffen. Es ist dadurch eine Plattform für Promovierende und Promotionsinteressierte aus der Sozialen Arbeit entstanden, wie es sie in dieser Form bis dato nicht gab. Und das große Interesse an der Vorkonferenz signalisiert uns, dass wir hiermit auf einen dringenden Bedarf eine Antwort gefunden haben.

 Antworten oder zumindest intensive Diskussionen zu einer Vielzahl an Fragen standen im Fokus der Konferenz. Wir wollten Raum für ein solidarisches Miteinander schaffen, in dem Wissens- und Erfahrungsaustausch im Zentrum stehen. Also brachten wir, neben anderen Programmpunkten, die Teilnehmenden in wechselnden Gruppen zusammen, in denen sie dann Gelegenheit hatten, über alle Anliegen und Gedanken, aber auch Ängste und Sorgen rund um das Thema Promotion, in einen Austausch untereinander zu treten. Im Raum standen ganz unterschiedliche Fragen, je nachdem wo im Promotionsprozess sich die Teilnehmenden gerade befanden. Das führte dazu, dass alle Anwesenden einmal Wissende und ein anderes Mal Fragende waren: Unser Plan, Solidarität untereinander zu schaffen, schien aufzugehen. Statt expertokratischer Wissensvermittlung setzten wir – ganz im Sinne eines deutenden Verstehensprozesses als Handeln professioneller Sozialarbeiter*innen – auf die diskursive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven. 

Heiß diskutiert wurde die Frage der Vereinbarkeit: Wie soll man 50% in der beruflichen Praxis arbeiten und nebenbei noch 50% an der Hochschule oder Uni? Was, wenn die 50%-Stelle dann keinen Stellenanteil für die Promotion enthält? Soll man das dann noch on-top machen? Ist das möglich? Soll man neben der Promotion überhaupt noch irgendwas machen? Macht es denn vielleicht nicht mehr Sinn sich voll und ganz darauf zu konzentrieren? Doch wovon dann leben? Vielleicht doch lieber ein Stipendium? Und was, wenn zu Beruf und Promotion auch noch Familie hinzukommt? Wer schafft das? Wie macht ihr das? 

Heiß diskutiert wurde auch die Frage der eigenen Identität: Wie ist das, wenn man als Sozialarbeiter*in fachfremd promoviert? Oder was ist, wenn man eine Stelle in einem Graduiertenzentrum bekommt, in dem es eigentlich nicht um die Soziale Arbeit geht? Wer ist man dann? Mit wem oder was kann man sich dann identifizieren? Wo findet man fachlich Anschluss? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo verlaufen disziplinäre Grenzen? Und wer zieht diese mit welchen Mitteln? Und wie kann man bei alledem auch noch das Profil der eigenen Identität als Sozialarbeiter*in weiter schärfen, statt davon abzukommen? 

Es schwirrten noch viele weitere Fragen durch die Räume und Flure, doch sie alle zu nennen, würde wohl den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Darum seien diese zwei Blöcke gewählt, vor allem, weil sie aufzeigen, woran in Zukunft gearbeitet werden kann – oder gar muss? Von wem? Von uns! Denn wie Cendrese Sadiku während der Podiumsdiskussion auf der Vorkonferenz an uns appellierte: „Ihr als Mittelbau (wir nennen uns ja lieber Nachwuchswissenschaftler*innen, immerhin sind nicht alle von uns überhaupt Teil der Statusgruppe ‘Mittelbau’) müsst für euch selbst aufstehen und eure Interessen vertreten, sonst wird es niemand tun!“ Nur gemeinsam können wir für Bedingungen kämpfen, die die Fragen zur Vereinbarkeit zum Positiven verändern. 

Dafür ist es wichtig, dass wir uns darüber klar werden, wer wir eigentlich sind, wer wir sein wollen, was uns auszeichnet und wie wir die Zukunft unserer Profession gestalten wollen. Denn, und auch das ist während der Podiumsdiskussion sehr deutlich geworden: Die Promovierenden in der Sozialen Arbeit, das ist zum einen der Nachwuchs einer ganz bestimmten Profession und dessen sollten wir alle uns auch klar sein. Zum anderen ist unsere Gruppe geprägt von einer überwältigenden Vielfalt, wie sie sonst wohl nur auf wenige Professionen zuzutreffen scheint – zumindest waren selbst die Diskutant*innen der Podiumsdiskussion überrascht, mit welcher Vielfalt prekären Promovierens wir aufwarten konnten. 

Doch uns allen ist an der Gestaltung der Zukunft der Sozialen Arbeit gelegen. Das verbindet uns. Wir müssen diese Vielfalt, die unsere Qualifikationsbedingungen betrifft, als Herausforderung und Chance begreifen, „uns zusammentun und nach Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen schauen, statt uns abzugrenzen“, um es in den Worten Sylvia Bühlers auf der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung zu sagen. Und da schließt sich der Gedankenkreis und wir sind wieder bei der Vorkonferenz: Damit ist eine Struktur geschaffen, um die Zukunft zu gestalten. Nicht irgendeine Zukunft, sondern die Zukunft der Sozialen Arbeit durch ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. 

Und, so viel ist sicher, auch im kommenden Jahr in Landshut wird es wieder eine Vorkonferenz für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben – vielleicht im Sinne des solidarischen Miteinanders sogar gemeinsam mit den Nachwuchswissenschaftler*innen aus Österreich und der Schweiz. Lassen wir uns überraschen – oder selbst gestalten?!

 

Eva Maria Löffler, Nils Klevermann, Vera Taube, Julia Hille und Fabian Fritz 

Das Orga-Team der Vorkonferenz 2019

Mit Blick auf die Jahrestagung 2019: Digitalisierung, ein Querschnittsthema?

Inzwischen hat es fast jede/r mindestens einmal gelesen: Phrasen wie „Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche“, „Digitalisierung ist allgegenwärtig“ oder schlicht „Digitalisierung verändert alles“. Da liegt es doch nahe, von Digitalisierung als Querschnittsthema, auch in der Sozialen Arbeit, zu sprechen. Oder nicht?

Ich wäre auch nicht die erste, der diese Formulierung über die Lippen käme. In Blogs, Statements und Thesenpapieren ist man längst zu dem Schluss gekommen, dass es Tatsache ist, dass die Digitalisierung ein Querschnittsthema in der Sozialen Arbeit ist.

Daher schickte ich mich an, darüber eine Master-Thesis zu schreiben. Ich wollte prüfen, ob das Thema Digitalisierung als Querschnittsthema für die Lehre der Sozialen Arbeit geeignet ist. Jedoch fiel mir schnell auf: Es gibt keine Definition des Begriffs Querschnittsthema. Dabei bildet er doch die Grundlage für so viele wichtige Themen der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise Gender und Gesundheit.

Wenn eine präzise Definition des Begriffes „Querschnittsthema“ in Bezug auf die Soziale Arbeit tatsächlich fehlt, laufen SozialarbeitswissenschaftlerInnen Gefahr, in dieselbe Falle zu tappen, wie ich es beinahe tat. Sie übernähmen gesellschaftlich relevante Themen, machten sie zum Gegenstand ihrer Untersuchung, ohne jedoch zuvor abgearbeitet zu haben, ob es die Soziale Arbeit tatsächlich transversal beeinflusst. Vermutlich bräuchte ich in diesem Zusammenhang den Konjunktiv 2 nicht als zwingend zu betrachten, fehlten mir an dieser Stelle nicht noch stichhaltige Beweise, um aufzuzeigen, dass der Begriff längst für alles Mögliche verwendet wird.

Wäre es da nicht an der Zeit, für die Profession Soziale Arbeit festzulegen, was sie (und aus welchem Grund) transversal betrifft? Ansonsten blieben allzu viele Themen, wie auch das mir so sehr am Herzen liegende Thema „Digitalisierung“, im Morast des Postfaktischen stecken.

Für die nächste Woche stattfindende Jahrestagung der DGSA, die den Titel „Wandel der Arbeitsgesellschaft - Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ trägt, schreibe ich mir dieses Thema auf meine persönliche Agenda. Sobald die Rede von „Digitalisierung als Querschnittsthema“ ist, werde ich hinterfragen, was genau ein Querschnittsthema generell ausmacht. Denn insbesondere bei solchen Trend-Themen, wie derzeit die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit, braucht es Tagungen, um im Austausch mit anderen die Liebe zum Detail wiederzuentdecken und die Dinge auch mal bis ins Kleinste zu zerdenken. Im sonst so schnellen, dynamischen Studien- oder Arbeitsalltag bleibt dies allzu oft auf der Strecke.

 

Michelle Mittmann

Social-Media-Beauftragte der DGSA

Doing Social Work – Einladung zur Entwicklung einer dynamischen grounded Theorie Sozialer Arbeit

Warum warten wir in unseren Seminaren in Studiengängen Sozialer Arbeit eigentlich auf kollektives Stöhnen, wenn wir über Theorien sprechen? Warum reproduzieren wir damit selbst immer wieder die Geschichte des Gaps zwischen Theorie und Praxis in der Sozialen Arbeit? Immer wenn wir uns theoretisierend mit Sozialer Arbeit auseinandersetzen, macht das Spaß: in der Lehre ebenso wie in der Forschung, zusammen mit Studierenden und mit Kolleg*innen. Warum? Weil wir miteinander im Gespräch sind, weil wir gemeinsam etwas entwickeln und erleben, dass uns diese Auseinandersetzung weiterbringt im Nachdenken darüber, was Soziale Arbeit ist.

Theoretisieren macht Spaß

Mit Studierenden im 7. Semester des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit diskutiere ich (Rebekka Streck) verschiedenste Definitionen Sozialer Arbeit. Ansätze Sozialer Arbeit von Staub-Bernasconi und Thiersch, über Winkler bis hin zur viel zitierten Definition der IFSW, die eher einem Potpourri an ‚großen Begriffen‘ gleicht, als einer theoretischen Fassung dessen, was Soziale Arbeit ist. Oder besser, sein soll? Denn diese Fassungen Sozialer Arbeit (und das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was in Lehrbüchern zu Theorien und Methoden Sozialer Arbeit benannt wird), scheinen häufig mit Situationen Sozialer Arbeit, wie sie sowohl die Studierenden als auch wir in der Praxis erlebt haben, nicht viel zu tun zu haben. Die Praxis ist neben den hehren sozialpolitischen, subjektorientierten oder dialogischen Ansprüchen geprägt von Zeitdruck und Ressourcenknappheit, Eigenwilligkeit der Akteur*innen, institutionellen Möglichkeiten und Begrenzungen und vielem mehr. Spaß macht, mit den Studierenden die unterschiedlichen Facetten der Definitionen zu entdecken und ihnen den wunderbaren Reichtum an Perspektiven auf Soziale Arbeit zugänglich zu machen. Spaß macht, sie so auch immer wieder zu Sichtweisen und Bewertungen ihrer Praxiserfahrungen aufzufordern, sie zum Nachdenken anzuregen. Spaß macht auch herauszufinden, wo das eine im anderen versteckt, verdeckt und entdeckt werden kann.

In der Begleitung der Studierenden während der Praxisphasen versuche ich (Ursula Unterkofler) mit den Studierenden zu verstehen, was an Praxissituationen, die sie erlebt haben, typisch ist für Situationen Sozialer Arbeit. Die Studierenden dokumentieren ihre Situationen in Form von Beobachtungsprotokollen. Diese dienen als Grundlage, Situationen im Seminar nachzuspielen. Wir versuchen, durch ethnografisches Spiel die Situationen in ihrer kognitiven, emotionalen und normativen Komplexität aufzubrechen und Zugang zu ihnen zu finden. In der anschließenden Reflexion beschreiben und interpretieren die Studierenden die Situationen, und allein dadurch, dass sie sie in Begriffe fassen, beziehen sie sich auf Theorie. Begriffe wie Alltag, Macht oder Anerkennung bekommen so konkrete Bedeutung, da sie an (eigene) Handlungsvollzüge geknüpft werden. Spaß macht, dass die Studierenden ihr theoretisches Vorwissen neu entdecken bzw. es als relevant entdecken. Spaß macht, aus der Rolle der Wissensempfänger*innen im Praktikum herauszutreten und eigene Kritik zu fundieren. Spaß macht auch, zu sehen, dass in Situationen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern –  wie verschieden sie auch sind – ähnliche Phänomene aufscheinen, in Bezug auf die Handlungsebene ebenso wie auf die strukturelle Rahmung von Situationen.

Durch solche Verknüpfungen zwischen Praxiserfahrung und theoretischer Rahmung unternehmen wir Versuche, uns dem anzunähern, was Soziale Arbeit ist. Aber geht es wirklich darum zu klären, was Soziale Arbeit ist? Was das angeht, wurden wir kürzlich produktiv irritiert. Im hessischen Promotionszentrum Soziale Arbeit in Wiesbaden diskutierten wir mit Promovend*innen über das Wissenschaftsverständnis, das unserem Buch „Doing Social Work“ zugrunde liegt. Marcel Schmidt merkte an, dass er in vielem Karl Popper nicht folge, dass dieser aber in seinen Lehrveranstaltungen „Was ist“-Fragen abgelehnt hat. Sie seien essentialistisch. Sie vereinfachen, entkontextualisieren, verdinglichen.

Doing Social Work – wie wird Soziale Arbeit hergestellt?

Wir fragen deshalb, wie Soziale Arbeit hergestellt wird. Diese Perspektive nehmen wir in unserem Buch „Doing Social Work“ ein, das wir zusammen mit Kathrin Aghamiri und Anja Reinecke-Terner herausgegeben haben. Mit dem heuristischen Begriff des Doing Social Work blicken wir auf Situationen Sozialer Arbeit als interaktive Konstruktionsleistung und konzeptualisieren damit, was wer denn mit wem in welchem Kontext unter welchen Bedingungen tut. Wir verbinden die oben benannten Zugänge, indem wir uns Situationen Sozialer Arbeit anschauen und fragen, wenn da Soziale Arbeit entsteht, was macht den Herstellungsprozess und dessen situatives Produkt ‚Soziale Arbeit‘ aus? Um eben dieses Entstehen von Sozialer Arbeit in der Praxis in den Blick zu bekommen, haben wir in dem Buch unterschiedliche ethnografischen Studien versammelt und deren Ergebnisse verglichen. Wie schon in unserer gemeinsamen Arbeit mit dem Datenmaterial unserer Dissertationen, haben wir ähnliche Phänomene in den unterschiedlichen Studien gesehen und –theoretisieren macht Spaß – in Kategorien formuliert. Kategorien, die versuchen zu fassen, wie das Handeln der Akteur*innen auf den Kontext Bezug nimmt: So müssen Sozialarbeiter*innen fortwährend in Ungewissheit entscheiden wenn sie überlegen, wie sie Risiken beurteilen, dabei Regelorientierung und individuelle Falleinschätzung abwägen und schließlich mehr oder weniger maßgeblich in ein Geschehen eingreifen. Nutzer*innen und Sozialarbeiter*innen bespielen Diffusitäten der sozialarbeiterischen Handlungssituation, die durch (auch) alltagsnahe Tätigkeiten oft nicht explizit als professionelle Interaktion erkennbar sind. Rollen oder Interaktionsregeln erscheinen oft verhandelbar und müssen ausgelotet werden. Zugleich, in Interaktionen, (be)nutzen Sozialarbeiter*innen Differenzkategorien, um Situationen zu typisieren, Hierarchien herzustellen oder Aus- und Einschluss in Institutionen Sozialer Arbeit zu begründen. Und schließlich schlägt sich Alltägliches disziplinieren vor allem in den Situationen durch, die nicht explizit als sozialarbeiterisches Handeln gerahmt werden, wie Essen oder Arbeiten, in denen sich das Herstellen von Ordnung im Sinne normgerechten Verhaltens als vorrangiges Ziel sozialarbeiterischer Intervention zeigt.

Mit diesen ersten Kategorisierungen möchten wir eine Theorie jenseits aller „Wünschbarkeit oder Nicht-Wünschbarkeit“ (Schütze) auf den Weg bringen, die versucht das auf den Punkt zu bringen, was Akteur*innen alltäglich tun. Damit werfen wir – zugegebenermaßen etwas hemdsärmelig – einem Großteil der als solche gelabelten und ständig wieder reproduzierten (großen) Theorien Sozialer Arbeit vor, sich mehr mit dem ‚Soll‘ als mit dem ‚Ist‘ zu beschäftigen. Eben dadurch entstehen Definitionen, die eher vernebeln als klären und insbesondere für Praktiker*innen wenig Anknüpfungspunkte bieten – außer zu erkennen, dass sie all die hehren Ziele praktisch nicht erfüllen. Die von uns konstruierten Modi der Herstellung Sozialer Arbeit sind sicher nur ein Anfang. Sie sollen diskutiert, verglichen, weiterentwickelt und verworfen werden. Wir möchten damit kein Gerüst einbetonieren, sondern dynamische Begriffsnetzwerke auf den Weg bringen. Trotz dieser Vorläufigkeit machen wir die Erfahrung, dass unsere Herangehensweise und die Kategorien zur Diskussion anregen. Das erkenntnistheoretische Dilemma (das war ein Thema der Diskussion im Promotionszentrum Soziale Arbeit in Wiesbaden) können auch wir nicht umgehen, dass wir immer schon einen Begriff von etwas haben müssen, um es zu erkennen (und ethnografisch zu beschreiben). Somit rückt in den Fokus unserer Betrachtung und Theoretisierung (nur) das, was wir vorher schon als Soziale Arbeit deuteten. Genau daher wünschen wir uns Diskussionsbeiträge, Studien, Kritik, die ergänzen, konkretisieren, den Fokus verschieben, neu sortieren, wiederlegen.  Denn zu fragen, wie Soziale Arbeit hergestellt wird, macht nicht nur Spaß, es scheint auch bei praktisch tätigen Sozialarbeiter*innen Zustimmung zu ernten. Wir hören ‚ja, das kenn ich auch‘ oder ‚dazu fällt mir eine Situation ein‘. Für Diana Bruski, erfahrene Sozialarbeiterin, eröffnet die Perspektive, Theorie von der Praxis aus zu denken, den Blick auf die ‚Räume dazwischen‘, den Blick auf ihre alltäglichen Praxen zwischen den großen Ansprüchen und den strukturellen Begrenzungen.

Einladung zur gemeinsamen Arbeit an einer dynamischen Theorie Sozialer Arbeit

Unser Ansatz, unser Buch ist als Einladung zur Diskussion zu verstehen: darüber, welchen Mehrwert empirische Forschungsergebnisse für die Theoriedebatte haben; wie empirisch Vorfindbares und theoretische Beschreibung zusammenhängen; wie legitime und gehörte Theorien zu Stande kommen (dürfen) und von wem sie formuliert werden; welche (verschiedenen) Arten von Theorien wir in der Sozialen Arbeit brauchen, und welche uns wofür nützen; welche Distanz oder auch Nähe zur Praxis nötig ist, um theoretische Strukturen zu erkennen und wie Theorien die Praxis bereichern. Vor allem möchten wir aber bestehende (und zukünftige) Ergebnisse aus empirischen Studien – gleich welcher Methodologien, Methoden, Forschungsstategien sie sich bedienen – zusammentragen und versuchen, diese zueinander in Bezug zu setzen. Ist es möglich ein Netzwerk von Kategorien zu spinnen, die auf unterschiedlichsten empirischen Ergebnisse basieren? Ist es möglich, so gemeinsam eine Theorie Sozialer Arbeit entstehen zu lassen, die Praxis Sozialer Arbeit dynamisch und prozesshaft fasst, laufend weiter entwickelt werden kann und die Diskussion in Praxis und Wissenschaft anregt?

Ein Ort hierfür ist die Jahrestagung des Netzwerkes Rekonstruktive Soziale Arbeit am 22. und 23. November 2019 in Hannover. Unter dem Titel „Was Soziale Arbeit (aus)macht“  laden wir ein zum Präsentieren, Diskutieren, Vergleichen, aufeinander Beziehen von Forschungsergebnissen, kurz: zum Mitmachen.

 

Rebekka Streck und Ursula Unterkofler

 

 


„Bist du stark genug für meine Paprika?“ Was unterscheidet Soziale Arbeit ohne und mit Gender Studies?

Gender Studies seien unnütz – dies ist immer häufiger und immer lauter zu hören. Entsprechende Lehrstühle, Institute, Studiengänge und Forschungsprojekte werden zu ideologischen Kaderschmieden erklärt, in denen eine feministische Weltherrschaft vorbereitet würde, statt seriöse Wissenschaft zu betreiben. Jeder Cent öffentlicher Förderung sei einer zu viel. Tatsächlich hat die ungarische Regierung kürzlich die Gender Studies aus der Liste der zugelassenen Studiengänge gestrichen. Auch hierzulande scheint die Lobby für entsprechende Maßnahmen zu wachsen, zumindest verschafft sie sich mehr öffentliches Gehör.    

Doch welche Folgen hat es eigentlich, wenn ein Berufs- und Wissenschaftsfeld wie Soziale Arbeit nicht (mehr) auf Genderwissen zurückgreift – weil dieses für obsolet erklärt wird – oder zurückgreifen kann – weil es demontiert und nicht mehr weiterentwickelt worden ist? Was passiert konkret, wenn die „Zukunftsvision einer gender-freien Wissenschaft und Praxis“ sich erfüllt?

Wir wollen dies modellhaft durchspielen an einer Fallvignette aus dem Berufsfeld der Sozialen Arbeit. Fresia Klug-Durán hat sie in einem Beitrag zur Bedeutung des Essens in der Sozialpädagogischen Familienhilfe dokumentiert, der 2009 im Sammelband „Erst kommt das Fressen! Über Essen und Kochen in der Sozialen Arbeit“ erschien (S. 85 - 97). Die Autorin schildert den Fall mit den üblichen Angaben zum Geschlecht der beteiligten Personen, was bereits widerspiegelt, dass Geschlechtszugehörigkeiten offenbar für das Fallverstehen von Bedeutung sind.

Wir schreiben diese Fallvignette vor dem Hintergrund der kritischen Debatten zu den Gender Studies um und löschen sämtliche Geschlechter-Informationen, um auszuprobieren, was dann passiert. Wie wird also die Problemsituation einer Familie, die Adressatin Sozialer Arbeit ist, ‚geschlechtsfrei‘ erzählt? 

Familie Yildiz wird von zwei Fachkräften der Familienhilfe unterstützt. Der eine Elternteil hat Depressionen, zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, leiden unter psychosomatischen Symptomen, zwei weitere Kinder, 16 und 17 Jahre alt, fallen außerhalb der Familie durch Aggressivität auf und kommen zeitweise nachts nicht mehr nach Hause. Die Eltern suchen mehrmals wöchentlich nachts nach eines dieser Kinder. Auftrag der Familienhilfe ist zunächst, sich einen Einblick in das Familienleben zu verschaffen und Hypothesen für das nächtliche Fernbleiben der Jugendlichen zu entwickeln. Erst im Verlauf der Hilfemaßnahme werden Hinweise auf eine psychische Erkrankung auch des anderen Elternteils sichtbar.

Die eine Fachkraft der Familienhilfe kommt einmal in der Woche vormittags zur Familie nachhause, um mit dem einen Elternteil zu sprechen. Die Kinder sind in dieser Zeit in der Schule. Der andere Elternteil, der im Schichtdienst arbeitet, ist während dieses Besuchs entweder an der Arbeit oder er schläft. Gegen Ende des Termins kommen einzelne der Kinder von der Schule zurück, der andere Elternteil bereitet sich manchmal für die Arbeit vor. Die Gespräche mit dem einen Elternteil drehen sich um die Familie, Erziehung der Kinder und seinen Sorgen. Sie finden in der Küche statt, während man gemeinsam frühstückt und er später seine alltäglichen Küchenarbeiten erledigt wie Geschirrreinigung und Kochen. Der andere Elternteil toleriert die Anwesenheit der Fachkraft nur unter diesen Bedingungen.  

Die andere Fachkraft der Familienhilfe betreut eine der jugendlichen Kinder der Familie. Wenn sie sie zuhause zu einem Termin abholt, hält sie sich bewusst einen Moment in der Familie auf, um Gelegenheiten für Gespräche zu schaffen. Dem anderen Elternteil ist sie suspekt. Weil er sich jedoch nicht mehr zu helfen weiß bei seinen Kindern, akzeptiert er sie. Die kurzen Zusammentreffen nutzt dieser Elternteil jedes Mal, um die Fachkraft aufzufordern, mit ihm scharfe Paprika zu essen. Er bereitet die Paprika dann auf dem Elektrogrill zu und betont dabei, wie gut seine Paprika sei und wie hervorragend er sie zubereite. Die Aufforderung wird von Mal zu Mal provokanter: „Bist du stark genug für meine Paprika? Bist du ein Mensch? Wie viele Paprika isst du? ... ha, ha! Ich esse mehr scharfe Paprika, ...“ Auch die Kinder werden von diesem Elternteil gefragt, wer ihrer Meinung nach mehr scharfe Paprika essen könne. Die Fachkraft isst zum Ausdruck der Wertschätzung der elterlichen Zubereitungsleistung eine Paprika, lobt sie und betont ausdrücklich, dass sie wirklich sehr scharf sei und dass sie keine weitere essen könne. Der Elternteil freut sich darüber und wirkt beruhigt.

Auch ohne irgendeinen Hinweis zur Geschlechtszugehörigkeit der Akteur_innen des Falls wird deutlich, dass es hier einer Familie nicht gut geht und Handlungsbedarf besteht. Sowohl die vier Kinder zeigen Belastungssymptome als auch die Eltern. Zudem werden Spannungen zwischen den Eltern sichtbar: Das Angebot der Familienhilfe wird von beiden Elternteilen höchst unterschiedlich angenommen. Während ein Elternteil schnell ein kooperatives Arbeitsbündnis mit der für sie zuständigen Fachkraft eingeht, erlebt der andere Elternteil die Familienhilfe eher als Gefahr für die herrschende Familienordnung. Er reagiert aggressiv und versucht, die eigene Machtposition demonstrativ zu sichern. So diktiert dieser Elternteil erfolgreich die Bedingungen, unter denen die Familienhilfe überhaupt mit seinem_r Ehepartner_in arbeiten darf. Zudem inszeniert er mit der Paprika vor den Augen der gesamten Familie einen Wettkampf mit einer der beiden Professionellen, bei der diese unterliegt. Dass dieses Spiel nicht nur eine singuläre Episode ist, sondern sich jedes Mal vollzieht, wenn die Fachkraft in der Familie erscheint, verweist auf den hohen Druck, unter dem dieser Elternteil steht.

Für den Einsatz der Familienhilfe offenbaren sich damit diverse wichtige Ansatzpunkte. Zum ersten muss reflektiert werden, wie sich die Professionellen in dem elterlichen Machtverhältnis positionieren, um den beruflichen Auftrag gut erfüllen zu können. So wie es in der Fallvignette aussieht, fügen sie sich relativ reibungslos als ‚Unterlegene‘ ein. Sie lassen das Dominanzgebaren des einen Elternteils zu, während sie mit dem anderen – unterlegenen – Elternteil gut zusammenarbeiten. Dies kann funktional sein, wirft aber auch die Frage danach auf, was mit dem beruflich-strategischen Verzicht auf eine machtvolle Selbstinszenierung eventuell verspielt wird.

Zum zweiten ist darüber nachzudenken, wie für den ‚mächtigen‘, aggressiven Elternteil der Stress reduziert werden kann, um sich perspektivisch möglicherweise produktiver auf das Hilfeangebot einzulassen. Zum dritten ist schließlich auch kritisch zu fragen, warum das nächtliche Fernbleiben der älteren Kinder in der Familie mehr institutionelle und familiale Aufmerksamkeit erfährt als die psychosomatischen Leidenssymptome der jüngeren. Deuten sich hier weitere – geschwisterliche – Machtverhältnisse, bei denen Familienhilfe wachsam sein muss, um dies nicht zu reproduzieren?

Soweit die erste geschlechtsfreie Fallanalyse. Was verändert sich nun, wenn Wissensbestände der Gender Studies aktiviert werden?

In diesem Moment wird zugänglich, dass die herausgearbeiteten virulenten Macht- und Konfliktverhältnisse innerhalb der Familie und zwischen Professionellen und Familie auch mit Geschlechterordnungen zu tun haben. Erkennbar wird, dass bereits die Krisensymptome der Geschwister von Geschlechtersymboliken gezeichnet sind. Es sind nämlich die Töchter, deren Leiden sich in psychosomatischen Störungen manifestiert, und es sind die Söhne, deren Leiden sich in spektakulärer Rebellion gegen Verhaltensnormen Bahn bricht. Alle Kinder versuchen also, die bedrückenden familialen Generationenkonflikte irgendwie zu bewältigen, gleichzeitig bearbeiten sie dabei ihre hierarchischen Geschlechterpositionen: die Mädchen verhalten sich relativ still und defensiv mit ihrer Artikulation des eigenen Unwohlseins, die Jungen aktivieren sehr viel wirkungsvoller elterliche – und institutionelle – Ängste und Fürsorge. Dies alles wirft die Frage danach auf, wie den Geschwistern geschlechtskonforme, aber weniger destruktive Räume der Artikulation von Nöten eröffnet werden können.  

Beim Blick auf die Eltern wird wiederum begreifbar, dass beide stark in geschlechterspezifischen Normalitätszwängen gefangen sind. Während der Mutter die Position der Hausfrau vorbehalten ist, die dem Patriarchen untersteht, muss der Vater das Geld für die Familie in belastender Schichtarbeit erwirtschaften und seine Dominanz sichern. Dies gibt der Arbeit der Familienhilfe einen weiteren Entwicklungsimpuls. Denn wenn es gilt, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu verbessern, muss es auch darum gehen, beiden Elternteilen soziale und geschlechtliche Anerkennung zu verschaffen, die nicht mehr an Über- und Unterordnung gebunden ist, die für beide letztlich zerstörerisch ist.       

Der in diesem Fall tätige Träger der Familienhilfe hat im Übrigen ganz bewusst aus geschlechterfachlichen Gründen ein gemischtgeschlechtliches Team in die Familie geschickt: die weibliche Fachkraft soll mit der Mutter der Familie arbeiten, die männliche mit dem Sohn der Familie. Dahinter steht die Überlegung, dass bei der Mutter zu erwarten ist, dass sie sich leichter auf eine weibliche Familienhelferin einlassen kann. Dies löst sich ja auch ein. Da die Beratungssituation mit der Mutter an die vertrauten Routinen privater Frauen und Nachbarschaftskultur anknüpft, erweist sie sich für Frau Yildiz niedrigschwellig. Bei dem Sohn ist demgegenüber zu erwarten, dass das Beziehungsangebot eines männlichen Familienhelfers günstiger ist. Er ist damit davon befreit, sich als junger – also im Generationenverhältnis unterlegener – Mann gegenüber einer erwachsenen Frau als der Überlegene ausweisen zu müssen.

Gleichwohl potenziert sich aber für den Vater durch die Männlichkeit des Familienhelfers der Stress. Seine familiale Dominanzposition, die sich aus der Generationen- und Geschlechterasymmetrie nährt, ist durch den weiteren männlichen Erwachsenen im Familiengefüge gefährdet. Die neue Konkurrenz ist umso brisanter für ihn, als sein Status bereits durch die Auffälligkeiten seiner Kinder erheblich angegriffen ist. Von daher ist es letztlich der aus der Perspektive des Sohnes notwendige Einsatz des männlichen Professionellen, der dann einen ‚renitenten‘ Vater für die Soziale Arbeit hervorbringt.

Dies alles zeigt: Die Antworten dazu, wie Menschen in Schwierigkeiten in geeigneter Weise professionell geholfen werden kann, sind nicht einfach. Dies gilt auch dann, wenn Erkenntnisse der Gender Studies für die Entwicklung von Lösungen genutzt werden. Aber mit diesen Erkenntnissen werden zumindest die Möglichkeiten des Fallverstehens wie auch berufliche Handlungsspielräume erweitert, was wiederum die Chancen erhöht, die Passgenauigkeit der Praxis für die Adressat_innen zu erhöhen.  Gender Studies in der Sozialen Arbeit zu nutzen bereitet also nicht den feministischen Umsturz der Weltordnung vor, sondern ist schlicht und sachlich ein Gebot qualifizierten Arbeitens – nicht mehr und nicht weniger.

 

Ein Kommentar der Fachgruppe Gender der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit zum Aktionstag #4genderstudies am 18.12.2018  

Die DGSA im Jahr 2018 - ein Rückblick

Ende des Jahres ist in vielen Bereichen ein guter Zeitpunkt, das letzte Jahr Revue passieren zu lassen. Auch wir als Vorstand wollen auf das vergangene Jahr zurückblicken und einige Highlights und besondere Entwicklungen für die DGSA nochmals in den Blick nehmen. 

Das Herzstück der DGSA sind die Fachgruppen und Sektionen, in denen mit viel Engagement und Sachverstand an der Weiterentwicklung der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit gearbeitet wird. Einen guten Einblick in diese Arbeit geben die zweimal im Jahr publizierten Berichte aus der Fachgruppen- und Sektionsarbeit im Newsletter. Diesen erhalten die Mitglieder der DGSA nun seit zwei Jahren als Beilage zur Zeitschrift Soziale Arbeit. Sie finden die (alten) Ausgaben aber auch immer auf der Webseite hinterlegt. Die Kontinuität in der Arbeit über die Jahre hinweg, die in den Fachgruppen und Sektionen vorhanden ist, ist außerordentlich bemerkenswert. 

Die DGSA hat mit nun die Grenze von 700 Mitgliedern überschritten. Das ist beeindruckend, wenn bedacht wird, dass noch vor fünf Jahren „nur“ 350 Mitglieder eingetragen waren. Eine Verdoppelung in nur fünf Jahren! Dies stellt aber natürlich auch die Organisation und Betreuung der Mitglieder vor immer neue Herausforderungen. An dieser Stelle ein großer Dank an die Geschäftsstelle, Frau Weimar, dass sie diese Mehrarbeit so professionell bewältigt. 

Wie in jedem Jahr wird bei den Jahrestagungen der DGSA dieses Wachstum und damit auch die Vielfalt der Fachgesellschaft deutlich. In Hamburg nahmen knapp 600 Personen teil, die sich in ca. 50 Panels mit rund 160 Referierenden über Demokratie und Soziale Arbeit auseinandersetzten. Dies war die bislang größte Jahrestagung der DGSA. Wir sind als Vorstand in intensiven Diskussionen, was dieses Wachstum auch für die interne Organisation der Fachgesellschaft bedeutet, weil es natürlich auch neue Herausforderungen mit sich bringt. Wird die Mitgliederstruktur der DGSA betrachtet, so werden zwei Trends seit Jahren deutlich. Zum einen scheint es mittlerweile für viele in der Sozialen Arbeit neuberufene Professorinnen und Professoren selbstverständlich zu sein, in die DGSA einzutreten. Zum anderen gibt es auch viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Forschungskontexten arbeiten und sich in und durch die DGSA vernetzen. Deshalb freuen wir uns als Vorstand ausdrücklich, dass in 2018 vor der Jahrestagung eine zweitägige Pre-Konferenz junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stattgefunden hat, die selbstorganisiert ihre eigenen Themenschwerpunkte setzte. In 2019 wird dieses Format fortgesetzt und wir unterstützen dies gerne. 

Wir haben uns vorgenommen, dass wir uns als DGSA verstärkt in den (fach-)öffentlichen Diskurs einmischen wollen. Entsprechend hat sich die DGSA in die Debatte um Flucht und Asyl mit einem Positionspapier eingebracht, das als offener Brief an die Bundesregierung und die Bundestagsfraktionen versendet wurde. In den kommenden Wochen wird eine Positionierung des Vorstands der DGSA zur Debatte um Qualitätskriterien für Studiengänge veröffentlicht, die wir anlässlich der Debatte um duale, trägernahe oder private Studiengänge auf der Grundlage einer eigenen Erhebung erstellt haben. Und auch zur Frage des Promotionsrechts an FHs/HaWs wird sich der Vorstand äußern. Damit wollen wir ein Signal der Positionierung der Sozialen Arbeit in fachinternen, aber eben auch im gesellschaftlichen Diskurs leisten. Und auch die Fachgruppen und Sektionen positionieren sich immer wieder in gesellschaftlichen Diskursen durch öffentliche Stellungnahmen und tragen so zu einem sichtbaren Profil der DGSA bei. 

Die Wissenschaft Soziale Arbeit entwickelt sich auch im Bereich der eigenständigen Forschung weiter. Die Bedeutung und die Vielfalt von Forschungsaktivitäten – insbesondere bei den Mitgliedern der DGSA – wurde im Auftrag des Vorstands Anfang 2018 erhoben. Die Ergebnisse wurden nun in der Sozialen Arbeit Heft 12/2018 (Sommer/Thiessen 2018), das allen Mitgliedern zugeht, publiziert. Ein wesentlicher Befund ist der hohe Anteil grundlagenbezogener Forschungsanteile. Auch auf dieser Basis haben wir uns als Vorstand bemüht, die Positionierung der Wissenschaft Soziale Arbeit bei den großen Forschungsförderungsorganisationen zu stärken. Dass dies ein dickes Brett ist, was gebohrt werden will, ist uns dabei bewusst. Und auch, wenn wir momentan diesbezüglich noch nicht erfolgreich waren, hoffen wir, dass sich die vielen Hintergrundgespräche und Initiativen auf ganz unterschiedlichen Ebenen in der Zukunft auszahlen werden. Um die fachliche Hoheit in forschungsethischen Fragestellungen sicherzustellen, hat die DGSA ebenfalls in diesem Jahr eine eigenständige Forschungsethikkommission etabliert, die Ethikgutachten für empirische Forschungsprojekte erstellt. 

Der Blick zurück ist zugleich auch ein Blick nach vorn: Wir werden dynamisch in das 2019 starten und uns weiter dafür einsetzen, Disziplin und Profession Sozialer Arbeit zu stärken. Bei der Jahrestagung Ende April in Stuttgart werden wir nicht nur gemeinsame fachliche Debatten voranbringen, sondern auch das 30-jährige Jubiläum der DGSA feiern. 

Ihnen allen eine erholsame Winterpause und einen guten Start ins neue Jahr!


Der Vorstand der DGSA


Vom (Nach-)Denken

Als mich die Anfrage der Social-Media-Beauftragten der DGSA erreichte, ob ich Lust und Zeit hätte, etwas für den Blog der DGSA zu schreiben, war ich nicht nur positiv überrascht, dass „die Macher*innen“ mich überhaupt gefunden hatten, ich freute mich besonders, dass sie mir die Gelegenheit geben wollten, zumindest einen Teil meiner Gedanken mit den Leser*innen zu teilen. „Zu welchem Thema soll ich denn schreiben?“, fragte ich die Verantwortliche. „Das Thema können Sie im Grunde frei wählen (irgendwie Pre-Con)“, kam prompt als Antwort. Und ich sagte kurzentschlossen zu. Und damit begann die Herausforderung… Was würden die Leute denn hören, bzw. lesen wollen? Wozu wollte ich mich denn eigentlich äußern? Und wie konnte ich das mit der Pre-Con verbinden?

Die Anfrage fiel (glücklicherweise) mit dem Semesterstart zusammen und so konnte ich sie zunächst einmal auf die lange Liste der Dinge schieben, die ich so nebenbei noch machen wollen würde, wenn es der ganz normale Alltags-Wahnsinn des beginnenden Semesters mal zulassen würde. Begleitet hat mich die Frage danach, was ich hier aufschreiben werden würde dennoch permanent. Wie eine unsichtbare Fliege schwirrte sie in meinem Kopf umher und trieb mich um. „Irgendwie Pre-Con“, säuselte sie mir immer wieder mal ins Ohr.

„Pre-Con“, gemeint ist die erste Vorkonferenz für den „wissenschaftlichen Nachwuchs“ der Sozialen Arbeit im Vorfeld der DGSA Jahrestagung 2018. Den Begriff „wissenschaftlicher Nachwuchs“ benutze ich trotz der Infantilität, die durch ihn tendenziell transportiert wird. Denn zugegebenermaßen hat sich der „wissenschaftliche Nachwuchs“ der DGSA, mich eingeschlossen, zwar getroffen und sich unter anderem mit diesem Begriff kritisch auseinandergesetzt. Doch ersetzen konnten wir die Formulierung bis dato nicht. Immerhin haben wir ein Netzwerk gegründet, um den Austausch fortzusetzen.

Kritische Auseinandersetzung, miteinander reden und diskutieren, vernetzen und Ideen entwickeln… da haben wir ja alles richtig gemacht, denn genau das, war das Ziel der ersten Vorkonferenz für die Promovierenden und Promotionsinteressierten in und aus der Sozialen Arbeit im Jahr 2018 in Hamburg. „Ich war dabei!“ Sich mit Menschen auszutauschen, die in ähnlichen beruflichen Phasen steckten wie ich, die aber gleichzeitig auch aus meiner Profession kamen – großartige Idee! Und gleichzeitig, durch die Öffnung der Pre-Con für Promotionsinteressierte, auch die Möglichkeit bot, andere „Nachwuchsler*innen“ für wissenschaftliches Denken und Arbeiten als einen Bestandteil der Sozialen Arbeit zu begeistern, sie zu ermutigen, den Schritt der Promotion zu wagen, das war doch eine geniale Idee! Da musste ich einfach hin.

Daran musste ich denken, als ich zu Beginn des Semesters wieder vor einer Gruppe von „Erstis“ im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit stand, die ich mit einem Seminar zur „Einführung in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten“ beglücken durfte. Und manch eine*r mag bei der Formulierung „beglücken“ schmunzeln oder aber die Stirn runzeln. Aber ist es nicht wirklich ein Glück, in der Arbeit zum intensiven Nachdenken aufgefordert zu sein und anderen den nötigen Raum schaffen zu können, dasselbe zu tun? Das Seminar gibt mir die Möglichkeit, einige Studierende der Sozialen Arbeit gleich von Beginn des Studiums an für die Wissenschaft zu begeistern. Darunter verstehe ich zunächst einmal, sie zu ermutigen, Fragen zu stellen, vor allem scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und sich kritisch mit vermeintlich unumstößlichen Gegebenheiten und behaupteten Tatsachen auseinanderzusetzen. Und egal, ob sie nach dem Studium mal in der Wissenschaft oder einem anderen Arbeitsfeld „landen“, die Kompetenz und auch der Mut, Fragen zu stellen und Dinge zu hinterfragen, werden hoffentlich den/die eine*n oder andere*n weiterhin begleiten.

Und ist es nicht das, worum es im Grunde nicht nur auf der Vorkonferenz und in der Gruppe des wissenschaftlichen Nachwuchses, sondern auch in jedem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit geht? Geht es nicht genau darum, die Augen offen zu halten und neugierig zu sein? Geht es nicht darum, den Mut zu haben, Dinge, z.B. soziale Ungleichheiten, hemmende Rahmenbedingungen und strukturelle Schwierigkeiten aufzudecken, zu thematisieren und zu kritisieren? Und das sowohl in der Praxis, als auch der Lehre sowie der Forschung und Wissenschaft. Sollte das Denken und Fragen also nicht eine Grundkompetenz des, wo auch immer hinterher arbeitenden Nachwuchses der Sozialen Arbeit sein? Ich würde sagen: Unbedingt!

Und was machen die Sozialarbeiter*innen dann mit ihren Gedanken und konkreten Ideen, mit ihren Befürchtungen und ihrem Ärger? Im besten Falle teilen sie diese mit Kolleg*innen, tauschen sich über Beobachtungen und Fragen aus, diskutieren sie gemeinsam und entwickeln Lösungsansätze innerhalb der Sozialen Arbeit und vielleicht auch darüber hinaus.

Und da schließt sich der Kreis meiner Gedanken und ich komme wieder zurück zur Vorkonferenz, nun schon 2.0 für Promovierende und Promotionsinteressierte der Sozialen Arbeit, die ich mit diesem Beitrag ankündigen darf. Auch 2019 in Stuttgart wird der Austausch, die kollegiale Beratung und das knüpfen von Kontakten wieder im Zentrum stehen – so viel sei schon mal verraten. Im Fokus stehen die Forschungsideen und -projekte des „wissenschaftlichen Nachwuchses“, die gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden sollen. Wir sind schon jetzt mehr als neugierig auf die Promotionsvorhaben, Fragen und Anregungen, die mit- und eingebracht werden.

Das Thema der Jahrestagung der DGSA „Wandel der Arbeitsgesellschaft – Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung“ wird uns am Rande auch beschäftigen. Wieso, weshalb, warum und wie, diese Fragen bleiben vorerst offen, lassen Raum für kreatives Nachdenken und werden sich spätestens am 25. und 26. April 2019 in Stuttgart klären, wenngleich im Sinne der Wissenschaft: wohl nie vollständig.

 

Weitere Infos und den Call zur Pre-Con 2019 gibt es hier!

 

Eva Maria Löffler, M.A. Soziale Arbeit

Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Fachgebiet für Lebenslagen und Altern, Institut für Sozialwesen, Universität Kassel

Mit-Organisatorin der Vorkonferenz im Rahmen der DGSA Jahrestagung 2019

 

Digitalisierung in der Sozialen Arbeit

Die rasante technische Entwicklung ist nicht mehr zu übersehen, digitale Geräte sind in jedem Haushalt zu finden und die Auswirkungen auf die Individuen und die Gesellschaft zeigen sich deutlich. (vgl. JIM-Studie 2017). 

Dadurch verändern sich auch die Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit. War vor einigen Jahren die Digitalisierung im sozialen Bereich noch Sache der Medienpädagogik, kann sich nun, bedingt durch die Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitalen Medien, die Soziale Arbeit nicht mehr auf diese Expert*innen verlassen. Sozialarbeiter*innen müssen selbst aktiv werden. 

Aktuell verändern sich klassische Arbeitsbereiche der Sozialen Arbeit drastisch, es kommen aber auch neue Arbeitsbereiche hinzu, die noch kaum Beachtung gefunden haben.

Ein paar Beispiele: 

Schulsozialarbeit hat nahezu täglich mit Onlinemobbing, Onlinestress, exzessiver Mediennutzung, Sexting (Verbreiten von Nacktfotos) und klassischen Medienerziehungsthemen zu tun. Sozialarbeiter*innen sollen sich dieser Probleme annehmen. 

Im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes spielen Computerspiele, Pornographie im Netz und Cybergrooming eine große Rolle. 

Doch Digitalisierung ist längst kein Kinder- und Jugendthema mehr. Auch Teilhabe von Senioren, Inklusion und Partizipationsprozesse können über digitale Medien ermöglicht oder verbessert werden. Digitale Medien bieten viele Chancen für die Soziale Arbeit, die oft noch ungenutzt bleiben. 

Hinzu kommt die gesellschaftliche Ebene: Meinungsbildung findet im Netz statt, Hetze und Rassismus können durch das Internet verbreitet und gefördert werden. Daten können ausgewertet werden – es gibt bereits erste Gedankenexperimente eine Art „predictive social work“ zu installieren. Also durch Datenauswertung, ähnlich wie beim „predictive policing“, bei dem die Polizei an Orten Präsenz zeigt, die durch einen Algorithmus vorgegeben werden, Soziale Arbeit schon zu installieren, bevor etwas passiert. Was sich zunächst gut und sinnvoll anhört, ist natürlich im Zuge der persönlichen Freiheit und Entwicklungsfähigkeit der Individuen kritisch zu hinterfragen. Datenanalysen sind selten neutral, künstliche Intelligenz kann nur mit bereits vorhandenen Daten trainiert werden. Diese spiegeln häufig vorhandene gesellschaftliche Strukturen wieder. So kann künstliche Intelligenz z.B. Sexismus fördern (vgl. auch Rob LoCascio). 

In den USA sollen Internetfilter auf schulischen Geräten z.B. Suizidabsichten erkennen und dann Schulsozialarbeiter informieren. 

Die Veränderung der Arbeitswelt durch Digitalisierung und der damit verbundene Wegfall bestimmter Arbeitsplätze stellt Soziale Arbeit vor eine andere große Herausforderung. Wie gehen wir mit Menschen um, die durch Digitalisierung ihre Arbeit verlieren? Betroffen sind hier nicht nur Personen aus dem Niedriglohnsektor, sondern auch gut bezahlte und gesellschaftlich angesehene Jobs. Der Begriff der Risikogesellschaft bekommt so eine neue Dimension. Die Definition des eigenen Wertes in unserer Gesellschaft über die Arbeit muss hier in Frage gestellt werden.  Sind z.B. politische Veränderungen im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens sinnvoll? 

Zu all dem kommen völlig neue Arbeitsfelder, z.B. im Bereich des e-sport (elektronischer Sport). Jugendliche wollen die Schule hinschmeißen, um e-sportler zu werden, gescheiterte e-Sportler müssen betreut werden und ähnlich wie in Fußballvereinen ist eine Fanbetreuung zwingend angebracht. In skandinavischen Ländern ist es beispielsweise normal, dass Schulen eine e-sport Mannschaft haben und dies auch als pädagogisches Mittel nutzen. 

Es ist zu sehen, dass die Digitalisierung weitreichende Veränderungen für die Soziale Arbeit mit sich bringt. Deshalb muss sich die Profession diesen Fragen stellen, bestimmen, wo sie Ihre Verantwortung sieht und wie die Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeiter*innen entsprechend gewährleistet werden kann. 

Ich freue mich besonders, dass die DGSA als Thema für ihre Jahrestagung 2019 den Wandel der Arbeitsgesellschaft gewählt hat. Die u.a. durch die Digitalisierung bedingten Veränderungen werden hier aufgegriffen und diskutiert. Ein guter Anfang, um sich den weitreichenden Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Profession zu nähern. 

Ein Gastbeitrag von 

Prof. Dr. Angelika Beranek von der Hochschule München

 

Prof. Dr. Angelika Beranek ist Professorin für Grundlagen der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Hochschule München. Sie hat jahrelange praktische Erfahrung in der medienpädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen und ist Mitgründerin der Digitalen Helden. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit reichen von digitalen Spielen, Onlinemobbing, exzessiver Mediennutzung bis hin zu gesellschaftlichen und medienethischen Fragestellungen der Digitalisierung.

 

„Draußen sterben die Leut‘“

Ob man aus der Perspektive eines „langen Sommers der Migration“ (Sabine Hess et al.) oder auch eines „kurzen Sommers der Barmherzigkeit“ (Paul Mecheril) auf das Jahr 2015 schaut – drei Jahre später scheinen die europäischen Gesellschaften weit entfernt von einer positiven Sicht auf Migration, von offenen Armen und Willkommen.

„Draußen sterben die Leut‘“, so hat die taz am 03.07.18 getitelt. Wir sind in einer Situation, in der selbst die zivile Seenotrettung der NGOs von der Wucht der europäischen Staatsmächte getroffen wird. Sie werden angegangen, lahmgelegt und angeklagt, mit dem Ziel sie systematisch davon abzuhalten, Leben zu retten, mit dem Ziel den zivilgesellschaftlichen Mut auszuschalten und mit dem Ziel, die Menschen sterben zu lassen.

Und zugleich und ganz nach innen gerichtet, soll das Recht, Rechte zu haben (Arendt), sterben. Der Koalitionskrach zwischen CDU/CSU bzw. zwischen Herrn Seehofer und Frau Merkel stellt den vermeintlichen Höhepunkt im „Asylstreit“ dar. Was jetzt in der Diskussion um Transitzentren als neu und Eskalation daherkommt, ist aber schon seit Jahren gemeinsame politische Linie und Realität der Parteien, unter dem Strich nun eben realisiert mit verteilten Rollen von bad guy und good woman. Es setzt die Linie der migrationspolitischen Maßnahmen fort, die unter der Merkel-Regierung verabschiedet wurden, der Ausbau von Exklusionen und von rassistischer (Infra)Struktur findet in der absurden Debatte um Transitzentren seinen traurigen Höhepunkt. Naja, bestenfalls ist es der Höhepunkt, denn wir wissen ja nicht, was noch kommen wird. 

Und dabei geraten andere Themen im Kontext Flucht völlig aus dem Blick. Einige, die auch für die Soziale Arbeit folgenreich sind, möchte ich hier benennen: 

1. Die tatsächliche, oft hochprekäre bis aberwitzige Situation in der sich viele Geflüchtete in der Bundesrepublik befinden.

2. Der postkoloniale Habitus, in dem sich deutsche Politik wie selbstverständlich bewegt. 

3. Die Belastungen, in die Sozialarbeiter_innen und freiwillig Engagierte getrieben werden – und zwar nicht durch die geflüchteten Menschen, sondern aufgrund der massiven Rigidität der Asylpolitik, der Engstirnigkeit und der engen Auslegung in Entscheidungen über das Bleiben, über die Arbeitsaufnahme usw., selbst in Fällen, in denen es genügend Spielräume gibt. Was 2015/2016 auch an unkonventionellen Lösungen möglich war, hat sich heute häufig wieder in den alten Modus behäbiger Bürokratie und engstirniger Auslegung zurechtgeruckelt.

4. Die Zunahme von Rassismus und von rechtsextremistisch motivierter Gewalt und Einstellungen. Es ist Folge genau jener Politiken, die das, was öffentlich sagbar und vernehmbar ist, in den letzten zwei Jahren und verstärkt in den letzten Monaten extrem nach rechts verschoben hat. 

 

Ein Beispiel, in dem diese vier Punkte sich in der Geschichte einer Person widerspiegeln, ist der Fall einer jungen Düsseldorferin: 

Zu1. Die junge Frau, die, 2015 aus Albanien geflüchtet, in einer Containerunterkunft in Düsseldorf lebt und ihren Bruder, der eine Behinderung hat, versorgt, hatte eine Ausbildung zu Altenpflegerin begonnen. Im Nachhinein wurde behördlich festgestellt, dass sie wohl nach dem Stichtag 31.08.2015 registriert worden war. Als sie im Juli 2015 nach Deutschland kam, waren die Behörden voll und die Schlangen lang. Für eine Person aus einem so genannten „sicheren Herkunftsland“ wird dies, so will es das Integrationsgesetz, zum Grund, sie aus der Ausbildungsduldung auszuschließen. Die Konsequenz für sie: Sie musste die Ausbildung umgehend beenden. Statt einer zumindest für einige Jahre gesicherten Zukunft, droht ihr nach drei Jahren im Container Deutschland mit nahezu perfekten deutschen Sprachkenntnissen und mit einer begonnenen Ausbildungsstelle nun endgültig die Abschiebung.

Zu 2. Die Antwort von Jens Spahn auf die Mangelsituation an Pflegekräften sieht indes vor, junges Personal, das in Albanien ausgebildet wurde, nach Deutschland zu rekrutieren, denn „dort ist die Ausbildung häufig besser, als wir denken“, wie in der Welt vom 01.07.18 von Herrn Spahn zu vernehmen ist. Ob wir das nun als Brain-Drain oder als Global Care Chain bezeichnen, die Selbstverständlichkeit mit der „wir“ die einen anwerben und die anderen nicht ausbilden und zudem noch abschieben zeigt eine unfassbar selbstverständliche Haltung der Überlegenheit, aus der heraus „wir“ uns aussuchen, wen und was „wir“ wollen. 

Zu 3. Gleichzeitig setzt sich der Arbeitgeber (in dem Fall die Caritas) für die junge Frau ein und versucht, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die noch bleiben, um ihr das Bleiben und eine Fortsetzung der Ausbildung zu ermöglichen. Statt also einen Menschen mit Motivation für die Pflege alter Menschen in der Einrichtung zu haben, muss Soziale Arbeit die Grundlage wiederherstellen, überhaupt arbeiten zu können.  

Zu 4. Das direkte Nachbarhaus der Containerunterkunft, in der die junge Frau nun auf ihre Abschiebung warten muss, ist demonstrativ (und nicht nur zu Zeiten der WM) mit riesigen Deutschlandfahnen bestückt.

Insgesamt ist es wichtiger denn je, dass wir das politische Mandat Sozialer Arbeit ernst nehmen. Wir müssen sie als eine gesellschaftliche Kraft positionieren, die nah am Thema Flucht, an den Menschen und an den Folgen migrationspolitischer Entscheidungen ist. Es ist eigentlich nie, und jetzt gerade nicht, die Zeit dafür, in aller Bescheidenheit nur seine Fallberatungen zu machen. Nicht „nur“ die Geflüchteten sind betroffen, es sind wir alle. Es ist die Solidarität, die untergraben werden soll, wie es die Angriffe auf die zivile Seenotrettung nun in aller Deutlichkeit zu Tage bringt. Und es ist auch Soziale Arbeit mit ihren Grundprinzipien, die direkt angegangen wird. Vermehrt lassen sich zur Zeit Vorstöße direkter politischer und behördlicher Einflussnahme auf die Tätigkeiten der Sozialarbeiter_innen und damit einhergehende Beschränkungen der Grundprinzipien Sozialer Arbeit, zeigen. So z.B. im Schreiben des bayrischen Sozialministeriums an die Asylberatungsstellen, ihre Rechtsberatung auf das Ziel der „freiwilligen Rückkehr“ auszurichten – ansonsten drohe der Entzug der Mittel. Es sind die Versuche des Entzugs von Rechten und Aufgaben Sozialer Arbeit, und der Einschränkung des Personals gerade im Bereich Flucht. Es sind die Versuche der Indienstnahme Sozialer Arbeit für ordnungspolitische Zwecke, wenn die Polizei Sozialarbeiter_innen auffordert, mit Informationen zur Abschiebung ihrer Adressat_innen beizutragen.

Die gesellschaftlichen Kräfte, die für eine solidarische und soziale Gesellschaft stehen, werden, und das ist die gute Nachricht, gerade wieder sichtbarer. Sie analysieren die vorhandene Situation wachsam, nutzen Spielräume und kämpfen für erweiterte Spielräume. Ich freue mich sehr über die vielen Stellungnahmen gegen rigide nationale und europäische Politiken (die vorgeblich in „unserem Namen“ gemacht werden) und für humane Gesellschaften, die den Rechten eines jeden Einzelnen und den Menschenrechten ihren Stellenwert beimessen. Ich freue mich über die vielen alten und neuen gesellschaftlichen Stimmen, die sich gerade in dieser Situation formieren, neu zusammenschließen, und über die die alltäglichen solidarischen Praxen in Willkommensinitiativen, Schulen und anderswo. Ich freue mich über Protestbündnisse wie die Seebrücke, die Solidarity Cities, die vielen migrantischen Selbstorganisationen. Auch die Soziale Arbeit ist involviert und hat auch aus ihren Dachorganisationen heraus fachliche und politische Stellungnahmen formuliert, wie die Positionierung der DGSA, die direkt an die Politik appelliert. All das sind notwendige Zeichen für die Gesellschaft, dass es Rechte und Werte gibt und dass man nicht aus der Defensive heraus alles ertragen muss. Es ist eben nicht die Zeit, leise zu sein. 


Prof. Dr. Susanne Spindler

Dual ist die Lösung!? Was war nochmal das Problem?

Seit nunmehr fast 50 Jahren wird Soziale Arbeit (und ihre Vorläuferfächer Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialwesen u.a.) als Studienfach einerseits an Fachhochschulen respektive Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und andererseits als Sozialpädagogik/Soziale Arbeit an Universitäten gelehrt. Seit einiger Zeit gibt es jedoch auch mit Berufsakademien bzw. Dualen Hochschulen und anderen Institutionen alternative Modelle, die allesamt ein (noch) deutliche(re)s Gewicht auf hohe/höhere Anteile von integrierter Praxis legen.

Seit Anbeginn der akademischen Vermittlung Sozialer Arbeit steht diese im Verdacht, zu praxisfern zu sein. In jüngerer Zeit wird sogar behauptet, sie sei „verkopft“, zu wissenschaftlich und würde sich immer mehr in den akademischen Elfenbeinturm zurückziehen. Absolventinnen und Absolventen seien nicht gut genug auf die professionelle Praxis vorbereitet und würden in der Berufseinmündungsphase einen Theorie-Praxis-Schock erleiden.

Duale Studiengänge, so die Annahme vieler, würden dieses vermeiden können, da sie Praxis und Theorie in ein besseres Verhältnis – qualitativ wie quantitativ – bringen würden. 

Was ist dran an dieser Kritik und sind duale Studiengänge die Lösung? Diese Frage stelle ich mir vor dem Hintergrund folgender Positionen: Zum einen als Hochschullehrer, dessen Hochschule sich seit ca. zwei Jahren mit der Anfrage auseinandersetzen muss, ob sie nicht ein duales Studienmodell Sozialer Arbeit umsetzen könne bzw. wolle. Zum anderen jedoch als Sozialarbeiter, der sich mit breiter Brust für eine hohe Professionalität der Sozialen Arbeit einsetzt, in beruflicher wie wissenschaftlicher Perspektive. An dem Modell des/der wissenschaftlich ausgebildeten Professionellen geht diesbezüglich kein Weg (mehr) vorbei. Die Zeiten sind vorüber, in denen man der Meinung sein konnte, Soziale Arbeit sei eine Semi-Profession, und man sich damit abfinden musste, das Studium als Halb-Akademiker_in abzuschließen. Die wissenschaftlichen Entwicklungen, zu deren Erfolg auch die DGSA und die in ihrem Rahmen sich entfaltenden Aktivitäten beigetragen haben, wie auch die professionellen Entwicklungen (Berufsethik, qualifizierte Methodenentwicklung, Fachkräftebedarf u.a.m.) zeigen, dass es keinen Weg zurück gibt zu einer schulischen Ausbildung oder auch einer mehr oder weniger laienhaften Arbeit. Dieser ist – für immer? - verstellt und das ist auch gut so. Am wichtigsten ist dabei jedoch, dass die Unterstützung von Menschen, die sich in prekären Lebenslagen befinden und eine professionelle Unterstützung in ihrer Lebensführung dringend benötigen, keine Semiprofessionalität verträgt, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Kompetenz.

 

Eine Behauptung und ihre Hinterfragung 

Was ist aber dran der Behauptung, dass diese Professionalität im dualen Studienmodell besser erworben werden könne? Zunächst erstmal aus meiner Sicht nicht viel, denn schaut man genau hin, steht die Kritik aus mehreren Gründen auf unserem Grund: 

-        Am wichtigsten: Wo ist der empirische Beweis für die unzureichende Professionalität der Sozialarbeiter_innen in den verschiedensten Handlungsfeldern? Wo kann die Kritik tatsächlich Belege anführen, und wo handelt es sich um Behauptungen, die teilweise nur Probleme der Praxis widerspiegeln oder besser gesagt projizieren?

-        Mindestens ebenso bedeutsam: Woran bemisst sich professionelles Können, reflektiertes Wissen und eine angemessene Haltung? Besteht sie darin, sich als wissenschaftlich ausgebildete_r Professionelle_r eine Kompetenz angeeignet zu haben, die es ermöglicht, sich situativ und fortwährend in bestimmte, jeweils nur zum Teil vergleichbare Fallsituationen, konzeptionelle Entwicklungsbedarfe und gesellschaftliche Diskurse einbringen und diese bearbeiten zu können? Oder besteht sie schlichtweg darin, „in der Praxis zu funktionieren“, gemessen an den Anforderungen praktischer Arbeit, die immer konkretes Problemlösen ist? Eventuell sogar darin, möglichst passförmig die systemisch-organisational erzeugten Anforderungen erfüllen zu können?

-        Und schließlich: Woher könnte man wissen, was „später“ in der Praxis benötigt wird, in einer Zeit der sich wandelnden Praxis und sich immer wieder neu zeigenden Anforderungen, Problemlagen und Entwicklungen? Angesichts der Breite und Fülle der verschiedensten Berufsfelder und Tätigkeitsbereiche käme es wohl einer individuellen (auf Seiten der Professionellen) wie auch institutionellen (auf Seiten der Hochschulen) Überforderung gleich, auf alles gleichermaßen gut vorbereitet zu sein bzw. vorzubereiten. 

Die zugegebenermaßen zugespitzten Positionen sind natürlich als Pole eines Kontinuums zu verstehen, zwischen denen sich die Wirklichkeit erst entfaltet: Kein_e Absolvent_in verlässt die Hochschule ohne spezielles Wissen (je nach Schwerpunktsetzung aber unterschiedliches), ohne spezifisches, wenn auch exemplarisch erworbenes Wissen, ohne ein methodisches Können, das natürlich nicht voll ausgebildet ist und (schon gar nicht) ohne eine reflektierte Haltung, mit mehr oder weniger praktischer Erfahrung während des Studiums.

Jedenfalls dürfte niemand bestreiten, dass dies in „nicht-dualen“ Studiengängen der Sozialen Arbeit, die sich hoffentlich am Kerncurriculum Soziale Arbeit der DGSA und/oder am Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit des FBTS orientieren, anvisiert wird. Natürlich ginge es spezifischer, bezogen auf bestimmte Anforderungen oder Handlungsfelder.

 

Dual als Lösung? 

Das alles bedeutet nicht, dass nicht-duale Studiengänge besser oder überlegener wären, aber eben auch nicht, dass duale Studienprogramme überlegen oder unterlegen wären. Sie sind schlichtweg anders und – wenn auch sie sich am Kerncurriculum und am Qualifikationsrahmen festhalten – gleichwertig. Anders aufgrund (hochschul-)politischer Entscheidungen, anders bezogen auf studentische Erwartungen (mehr Praxis bitte) und auch anders bezogen auf Erwartungen von Anstellungsträgern.

Und es bedeutet auch nicht, dass andere Studienmodelle – wie kann man sie anders als „normal“ oder „nicht-dual“ bezeichnen? – obsolet oder gar minderwertig wären. Und schließlich bedeutet es auch nicht, dass diese Studienmodelle sich nicht verbessern könnten. Ein (hochschulgelenktes) integriertes Praktikum, an vielen Hochschulen Usus, mehrere (nicht hochschulgelenkte) Praktikumsphasen oder auch das Berufspraktikum sind mögliche Varianten, aber keine sticht die andere per se aus, wenngleich aus meiner Sicht vieles für das frühere einjährige Berufspraktikum sprach. Jede dieser Formen der Einbindung von Praxis in Hochschule, in Lehre kann für sich selbst genommen auch nicht auf alles vorbereiten, es bleibt exemplarisch und damit unvollständig. Duale Studiengänge lösen dieses Problem, wie gesagt, nicht, wohl aber verknüpfen sie praktische Erfahrungen häufiger mit wissenschaftlicher Reflexion, lassen Antworten und Fragen häufiger systematisch-strukturell aufeinandertreffen. Denn das scheint mir wohl das größte Problem hochschulischer Lehre: Dass dort zu häufig Antworten gegeben werden (in Bereichen von Wissen, Können und Haltung), ohne dass Studierende die Fragen schon hätten. Natürlich können aus Antworten rekursiv auch Fragen entstehen, aber häufig ist es so herum schwieriger bzw. es dauert länger, die Fragen formulieren zu können. 

Daraus ergeben sich didaktische Probleme, die man aber lösen kann, auch in „nicht-dualen“ Studiengängen. Sich jeweils einer entsprechenden Studienreform zu widmen bzw. eine fortlaufende Verbesserung der Lehre zu überlegen, ist übliches Geschäft an Hochschulen. Dabei sollten sich alle – duale wie nicht-duale Studienprogramme – eines bewusst sein: Dual kann also, muss aber nicht die Lösung sein, doch die Frage bzw. das Problem dürfte verstanden worden sein.

 

Prof. Dr. Dieter Röh