‚Refugee’ oder ‚Asylum Seeker’ – Zweiklassenbehandlung in Australiens Umgang mit Geflohenen

Vor einigen Tagen sprach ich mit einer Mitarbeiterin eines der ‚migrant resource centres’ in Sydney. Ich bin seit einigen Wochen im Rahmen meines Forschungssemesters hier und beschäftige mich mit Sozialer Arbeit, insbesondere im Umgang mit Geflohenen. Von dieser Mitarbeiterin ließ ich mich im Community Centre herumführen: mindestens 20 Mitarbeiter_innen, sehr viele Projekte mit spezieller Ausrichtung, bspw. im Bereich Arbeitsvermittlung, Jugendliche, häusliche Gewalt. Später erklärte sie mir das ‚australische Modell’ in der Sozialen Arbeit mit Geflohenen: Zunächst – das heißt in den ersten sechs Monaten nach Ankunft – so beschrieb sie, werden Geflohene durch die ‚Australia settlement services for refugees and migrants’ betreut. „The aim of settlement services is to assist new migrants to participate as soon and as fully as possible in Australia economy and society”[1]. Mitarbeiter_innen dieser Services bringen Ankommende kurzfristig unter, suchen für sie und gemeinsam mit ihnen eine Wohnung und Arbeit. Nach sechs Monaten übernehmen dann die ‚migrant resource centres’, ab hier werden Refugees, die dann auch bald als reguläre australische Staatsbürger anerkannt werden, mit Hilfe von ‚case work’ betreut. Häufig arbeiten diese Centre mit einem community developement Ansatz. Es geht darum, eng mit den Menschen zusammen zu arbeiten, sie dabei zu unterstützen Anschluss im Stadtviertel zu finden, Ansprechpartner_innen bei Fragen und Problemen zu haben und sich zunehmend allein im neuen Land zurecht zu finden. Diese Phase der Betreuung erstreckt sich über einen Zeitraum von 5 Jahren und kann darüber hinaus verlängert werden.

WOW, dachte ich, und machte dies auch im Gespräch deutlich, ein solches Programm würde ich mir für Deutschland unbedingt wünschen. Es wäre genau so ausgerichtet, wie ich es für Ankommende sinnvoll finde. Allerdings war ich auch etwas verwirrt, da bisher mein Eindruck war, dass der Umgang mit Geflohenen in Australien sehr restriktiv und abschreckend ist. „Ja und Nein“ war die Antwort. Das beschriebene Procedere nennt sich ‚onshore protection’ und ist an alle ‚refugees’ gerichtet, die über bestimmte Visa[2] einreisen. D.h. diese Personen haben ein spezifisches Visum für ‚refugees’ beantragt (warten – wie ich aus verschiedenen Interviews weiß – dann einige Jahre) und sind dann, nachdem das Visum akzeptiert wurde, ggf. eingereist. Sie sind damit als ‚refugees’ anerkannt. Pro Jahr vergibt Australien ca. 13.500 Visa mit einem solchen Hintergrund. Etwa 2000 Menschen mit einem solchen Visum befinden sich bei der Anerkennung bereits in Australien, die restlichen sind außerhalb des Landes und es ist unklar ob sie einreisen werden.

Ganz anders dagegen ist der Umgang mit denjenigen Geflohenen, die ‚offshore’ versuchen nach Australien einzureisen, meist tatsächlich über das Meer, allerdings auch per Flugzeug. Sie werden abwertend als ‚boat people’ und offiziell meist als ‚asylum seekers’ bezeichnet. Das gemeinsame Merkmal ist, dass diese Menschen kein Visum beantragt haben. Die Politik ist hier ganz eindeutig: „Wenn ihr ohne Visum in unser Land kommt, wird Australien niemals eure Heimat werden – es gibt keine Ausnahmen“ – heißt es bspw. in einem von der australischen Regierung über Youtube verbreiteten Video[3], das in 17 Sprachen übersetzt ist. Menschen die offshore einreisen erhalten keinerlei Art von Serviceleistungen. Es kann eher davon gesprochen werden, dass ihnen jeglicher Service verweigert wird. In jedem Fall werden sie in sogenannten ‚detention camps’ festgehalten – sofern sie es bis nach Australien schaffen. Es gibt und gab unterschiedliche von der Regierung mit sehr viel Geld finanzierte Praktiken dies bereits vorher zu verhindern: Fischerboote mit Geflohenen werden bspw. auf dem Meer dazu gebracht umzukehren, Geflohene aus solchen Fischerbooten werden in sogenannte ‚lifeboats’[4] umquartiert und zurück ins Meer gelassen, damit sie wieder nach Asien zurückgetrieben werden. Es ist unklar, was genau auf dem Meer passiert, da die Regierung ‚aus Sicherheitsgründen’ verweigert Auskunft zu geben. Zudem wurden seit Beginn der 2000er und erneut seit 2012 Menschen auf dem Meer aufgefangen und außerhalb von Australien bspw. auf Manus Island (Papua Neuguinea) oder in Nauru über Jahre in ‚detention camps’ festgehalten. Ihren Berichten zufolge wird ihnen nicht gesagt wo sie sich befinden, wie lange sie dort bleiben werden und es wird ihnen vermittelt, dass sie keine Chance haben jemals nach Australien einreisen zu können. Durch einen gerade veröffentlichten Dokumentarfilm, gedreht mit einem Mobiltelefon von einem im Iran verfolgten Journalisten, der seit 4 Jahren festgehalten wird, werden Gerüchte belegt, wonach es zu Folterungen im Camp von in Manus Island kommt[5]. Besonders schwierig ist die Situation für inhaftierte Kinder. Sie erleben Gewalt und sexuelle Übergriffe[6]. Sozialarbeiter_innen, die in diesen Camps eingesetzt wurden, sind in der Regel nicht ausreichend ausgebildet, haben unglaubliche Arbeitsbedingungen (vier Wochen arbeiten, zwei Wochen frei), werden vertraglich gezwungen nichts über die Arbeitsbedingungen nach außen dringen zu lassen. Es wird erheblicher Druck auf sie ausgeübt damit sie sich unfreundlich und distanziert gegenüber den geflohenen Menschen verhalten (vgl. Briskman/Doe 2016[7]). Die Australische Association of Social Workers (AASW) hat unterschiedliche Statements[8] zur Situation der Geflohenen und insbesondere der Kinder in offshore detention abgegeben und vor allem auch darauf verwiesen, dass diese Art der Beschäftigung von Sozialarbeiter_innen mit dem Code of Ethics[9] nicht vereinbar ist, ohne dass dies wesentlich zu einer Veränderung der Situation beigetragen hätte. Nachdem Selbstmorde und Selbstverletzungen in diesen Camps extreme Ausmaße angenommen hatten, soll das Camp in Neuguinea auf Beschluss des obersten australischen Gerichtshofes aufgelöst werden. Und da die australische Regierung dem nicht nachkam, bot die USA an, die offshore festsitzenden Geflohenen aufzunehmen (vgl. Washingtoner Deal[10]) – eine Abmachung, die mit der neuen Trump-Regierung nicht mehr sicher zu sein scheint. Mitte Juni nun hat die australische Regierung einer relativ hohen Entschädigungssumme zugestimmt, die Inhaftierten in Manus Island ausgezahlt werden soll, um einen sich lange hinziehenden Prozess mit noch höheren zu erwartenden Kosten zu vermeiden[11]. Allerdings ist auch damit nicht verbunden, dass die zum größten Teil über mehrere Jahre festsitzenden offshore-Geflohenen als refugees in Australien anerkannt werden.

Als Gründe für diesen inhumanen Umgang der australischen Regierung mit offshore Geflohenen kann gemutmaßt werden, dass sie Australien als Einwanderungsland definiert und damit die Kontrolle darüber behalten will, wer nach Australien einreist. Und es geht sicher auch darum beonders abschreckend auf solche Menschen zu wirken, die sich diesem Procedere nicht unterworfen haben/nicht unterwerfen können. Gleichzeitig bedeutet dieses Vorgehen jedoch, dass es faktisch nicht wirklich ein Asylverfahren gibt, denn diejenigen Menschen, die über Jahre in einem anderen Land leben können, sind weit weniger in Gefahr als diejenigen, die die Flucht – trotz aller Abschreckung – über das Meer auf sich nehmen (müssen). Ein solches Verfahren kann als menschenunwürdig angesehen werden und sollte für eine zivilisierte Gesellschaft unmöglich sein. Dies wird von Human Rights Organisationen und vielen NGO’s, dem AASW und engagierten Jurist_innen in Australien immer wieder so formuliert, auch offiziell wurde Australien bspw. von der UNO heftig kritisiert. Wenn also in Österreich[12] breit diskutiert, in Deutschland eher laut gedacht als ausgesprochen wird, das ‚australische Modell’ in der Geflohenenpolitik einzuführen, so kann dem zugestimmt werden – was den Umgang mit ‚refugees’ angeht. Der Umgang mit ‚asylum seekern’ ist jedoch eindeutig als menschenrechtswidrig abzulehnen.

Michaela Köttig, Vorstandsvorsitzende der DGSA



[2] see: https://www.border.gov.au/Trav/Refu/Offs/Refugee-and-Humanitarian-visas, Zugriff 11.06.2017

[3] see: https://www.youtube.com/watch?v=rT12WH4a92w , Zugriff 11.06.2017

[5]  Film: Chauka, please tell us the time (von dem niederländischen Filmemacher Arash Kamali Sarvestani und dem in Manus festgehaltenen iranischen Journalisten Behrouz Boochani) see: http://honisoit.com/2017/06/sydney-film-festival-chauka-please-tell-us-the-time/ Zugriff 22.06.2017

[7] vgl. Briskman, Linda/Doe, Jane (2016): Social Work in Dark Places: Clash of values in offshore immigration detention. In: Social Alternatives, vol 35, No. 4

[12] see: http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlingskrise-das-modell-australien-ist-fuer-die-eu-kein-vorbild-a-1106179.html, Zugriff 11.06.2017

Gegen den Strich: das Prostituiertenschutzgesetz tritt in Kraft

Das umstrittene Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), das bereits im letzten Jahr vom Gesetzgeber beschlossen wurde, ist am 01.07.17 in Kraft getreten. Der Name ist vielversprechend: ein Gesetz, das eine marginalisierte und stigmatisierte soziale Gruppe unter rechtlichen Schutz stellt, klingt wie eine gute Sache. Ist es aber nicht. Das jedenfalls sagen diejenigen, die geschützt werden sollen. So ist beispielsweise eine Verfassungsklage von mehr als 20 Sexarbeiter_innen (und zwei Freiern) in Vorbereitung, die vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen unterstützt wird. Aber auch der Deutsche Juristinnenbund, die Deutsche Aidshilfe sowie zahlreiche Gesundheitsämter und Fachberatungsstellen der Sozialen Arbeit äußern sich kritisch. 

Worum geht es? Das Prostituiertenschutzgesetz führt unter anderem eine Pflicht zur Anmeldung der Prostitutionstätigkeit ein, bei der eine namentliche Registrierung erfolgt und eine Bescheinigung mit Lichtbild ausgestellt wird, die bei der Arbeit mitzuführen und vorzuzeigen ist. Im Zuge dieser Anmeldung muss ein Informations- und Beratungsgespräch geführt werden, bei dem unter anderem eingeschätzt werden soll, ob die Tätigkeit freiwillig oder unter dem Druck Dritter ausgeführt wird. Oder ob weitere Unterstützung und Hilfe nötig sind. Es besteht außerdem eine Verpflichtung seitens der Sexarbeiter_innen zur gesundheitlichen Beratung in regelmäßigen Abständen.

Was diese Einführung von Kontrolle und Zwang mit dem Schutz von Sexarbeiter_innen zu tun haben soll, diese Logik erschließt sich aus der Begründung des Gesetzentwurfs durch die Bundesregierung. Prostituierte, heißt es da, befänden sich vielfach in einer „besonders verletzlichen und belastenden Situation“. Daraus wird dann geschlossen, dass sie nicht in der Lage seien, „selbstbestimmt für ihre Rechte einzutreten“ zum Beispiel im Kontext von Menschenhandel, Gewalt und Zuhälterei. Als ein Ziel des Gesetzes wird konsequenterweise die Stärkung der Selbstbestimmungsrechte von Sexarbeiter_innen formuliert. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Maßnahmen wie Kontrolle und Zwang als wirksam angesehen. Die Pflicht zu Registrierung und Beratung stärke den Zugang von „Frauen und Männern in der Prostitution zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten“. 

Hinter dieser Logik steht ein recht paternalistisches Verständnis von Schutz. Der Fremdbestimmung und Ausbeutung von Prostituierten wird nicht etwa mit einem empowernden Ansatz durch die Stärkung der Selbstbestimmung und des Selbstschutzes entgegengewirkt. Vielmehr wird der „bösen“ Bevormundung im Milieu die „gute“ Bevormundung durch die Behörden entgegengesetzt. Zu Recht kritisiert Hydra e.V., dass das Gesetz die „Mitbestimmung durch die Betroffenen und den Rückgriff auf deren Expertise in Bezug auf ihre eigene Lebensrealität“ vermissen lässt.

Freiwilligkeit und Anonymität in der Beratung und nicht Zwang und Kontrolle, das zeigen schon allein die Erfahrungen aus der Praxis der Gesundheitsämter und der Fachberatungsstellen, eröffnen den Sexarbeiter_innen in ihren sehr heterogenen Lebenslagen den Zugang zu Unterstützung und Hilfe.

Vor diesem Hintergrund ist es schwer vorstellbar, dass das Prostituiertenschutzgesetz einlöst, was der Name verspricht. Vielmehr ist zu befürchten, dass der Alltag zusätzlich erschwert und Selbstbestimmung weiterhin eingeschränkt wird. Dass eine wesentliche Belastung von Sexarbeiter_innen durch strukturelle Verhältnisse (wie dem Ausländerrecht oder dem Arbeitsmarkt) verursacht wird, wird bei der Begründung der Schutzbedürftigkeit völlig ausgespart. Eine besondere Belastung stellt die Anmeldepflicht für nicht deutsche Frauen (und Männer) dar, die bei der Anmeldung eine Arbeitsberechtigung nachweisen müssen. Ist ihnen dies nicht möglich, haben sie ein zusätzliches Problem. Diese Sexarbeiter_innen werden durch das neue Gesetz keineswegs geschützt. Sie werden erpressbar und sind in der Illegalität gefährdeter als zuvor.

 

Wichtig ist es jetzt, fachliche Qualitätsstandards in der Umsetzung des Gesetzes zu formulieren und einzufordern. Den Kommunen steht es frei zu entscheiden, welche Behörde mit welchem Personal für den Prostituiertenschutz zuständig sein wird. Gefordert wird von Seiten der Gesundheitsämter und der Fachberatungsstellen der Sozialen Arbeit, dass Informations- und Gesundheitsberatung im Rahmen des Anmeldeverfahrens durch Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit und dem Gesundheitswesen durchgeführt werden. Anonyme und freiwillige Angebote müssen erhalten und ausgebaut werden, die auf einem Vertrauensverhältnis aufbauend „eine zielführende Beratung im Sinne von Selbststärkung und Selbsthilfe“ zulassen.


Prof. Dr. Claudia Steckelberg, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg und Vorstandsmitglied der DGSA

Sukzessive Methodenentwicklung statt Sauen durchs Dorf treiben!

Die Rhetorik darüber, dass Arbeitsweisen der Sozialen Arbeit verbrannt sind, ist letztlich ein Element der Deprofessionalisierung der Praxis Sozialer Arbeit. Sie verhindert, dass die Praxisprobleme – die in jedem Ansatz der Sozialen Arbeit zu finden sind – systematisch in den Blick genommen werden und ein kontinuierlicher Prozess der Methodenentwicklung betrieben wird. Die Fachgruppe Case Management in der Sozialen Arbeit (DGCC/ DGSA) hat sich zum Ziel gesetzt, dass Case Management klarer in sozialarbeitswissenschaftlichen Theorien und Theoriediskursen einzubetten. Darüber hinaus sehen wir uns als ein Ort, an dem die Praxis und Praxisprobleme des Verfahrens diskutiert werden können, mögliche fachliche Entwicklungen ihren Raum finden und auch Forschungen zum Thema einen Platz haben bzw. initiiert werden können.

 

Soziale Arbeit und damit auch Case Management ist international zu diskutieren

Eine Diskussion von Case Management im Rahmen einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft, die sich ausschließlich auf Deutschland bezieht, scheint uns zu eindimensional. Case Management in der Sozialen Arbeit gehört zum internationalen Diskurs der Disziplin und der Profession. Aus unserer Sicht ist die Fachgruppenarbeit daher in einem ersten Schritt – mindestens – im deutschen Sprachraum zu verorten. Hilfreich ist hier sicher, dass die Verbindungen zwischen den Kolleginnen und Kollegen aus Österreich und der Schweiz gut und eng sind und die Fragen der Praxisumsetzungen sich durchaus ähneln. Die Einladung an die Fachgruppe Case Management in der Sozialen Arbeit (DGCC/ DGSA) – vertreten durch Corinna Ehlers und Matthias Müller – auf der ogsaTAGUNG2017 „Ansprüche“ 3. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Sozialen Arbeit (OGSA) vom 27. bis zum 28. März 2017 an der FH St. Pölten kam daher wie gerufen. Wir wurden gebeten, ein Inputreferat zum Case Management in der Sozialen Arbeit in Deutschland zu halten. Für uns war es eine gute Möglichkeit die zuvor genannten Anliegen der Fachgruppe umzusetzen.

 

Die Fachgruppe Case Management der OGSA gibt sich den Startschuss

Auf der ogsaTAGUNG2017 haben sich österreichische Kolleginnen und Kollegen zusammengesetzt, um sich der Frage zu widmen, ob es an der Zeit ist, eine Arbeitsgemeinschaft (AG) Case Management zu gründen. Dafür wurde sich in einem fünfstündigen Panel die Zeit genommen, Inhalte zu platzieren, die das Case Management in der Sozialen Arbeit beleuchten und diese zu diskutieren. Die inhaltlichen Beiträge thematisierten:

·        Ein studentisches Forschungsprojekt der FH St. Pölten zum Stand Umsetzung des Case Management in der österreichischen Praxis unter der Leitung von Karin Goger (FH St. Pölten).

·        Die Vorstellung einer Case Management-Plattform mit dem Ziel, die Vernetzung in der Praxis voran zu bringen, ein Ort zum Einstellen von Case Management-Themen zu haben und Face to face Treffen zu organisieren sowie die Diskussion von Fällen zu ermöglichen. (Julia Prodinger; Claudia Scardelli; Case Management Plattform) (http://www.cm-plattform.at/)

·        Ein umfangreiches Projekt der Case-Management-Implementierung in der Kinder und Jugendhilfe in Kärnten in seinem Konzept und seinen Realisierungsmöglichkeiten kenne zu lernen. (Peter Pantucek-Eisenbacher; FH St. Pölten) (http://www.pantucek.com/texte/201401fachkonzept.pdf)

·        Die Vorstellung der Arbeitsgruppe Case Management in der Sozialen Arbeit in Deutschland sowie deren Überlegungen zu einem sozialarbeiterischen (social work) Case Management. (Corinna Ehlers; HAWK Hildesheim, Matthias Müller; Hochschule Neubrandenburg)

 

Im abschließenden Panel konstituierte sich die Arbeitsgemeinschaft Case Management der OGSA. Erste Themen, Aufgaben und Fragestellungen wurden zusammengetragen und eine Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Soziale Arbeit (DGCC/ DGSA) wurde ausdrücklich gewünscht. 

 

Internationaler Fachtag 2017 in Berlin

Die Fachgruppe Case Management hat im Jahre 2016 einen internationalen Fachtag etabliert (Teilnehmer aus Deutschland, England, Schweiz). Dieses Format wollen wir verstetigen und uns auch am 22. September 2017 wieder zu unterschiedlichen Themen des Case Managements in der Sozialen Arbeit austauschen. An diesem Treffen werden dann auch einige Kolleginnen und Kollegen aus der neu gebildeten AG Case Management der OGSA teilnehmen können. Mittelfristig werden wir an einer weiteren Ausgestaltung von Sozialarbeiterischen (social work) Case Management arbeiten. Interessierte sind wie immer herzlich willkommen. Kontakt: Corinna Ehlers: corinna.ehlers@t-online.de oder Matthias Müller: mueller@hs-nb.de


Prof. Dr. Corinna Ehlers und Prof. Dr. Matthias Müller

Eine Jahrestagung - drei Premieren

Die diesjährige Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin am 28. und 29. April 2017 war wohl in vielerlei Hinsicht besonders. Beginnend mit den Keynotes von Prof. Dr. Jim Ife und Prof. Dr. Nivedita Prasad über die insgesamt 40 Panels bis hin zum Gespräch zwischen Prof. Dr. Sabine Stövesand mit Prof. Dr. Silvia Staub-Bernasconi bot das Programm den Tagungsteilnehmer_innen verschiedenartige Zugänge zum Thema Menschenrechte und setzte unterschiedliche Akzente, die nun weiter gedacht und diskutiert werden können.

Darüber hinaus zeichnete sich die diesjährige Tagung durch drei Premieren aus, die ich in diesem Tagungsbericht hervorheben möchte.

Premiere 1: Noch nie zuvor kam es zu einem derart hohen Anmeldestand. Dieser sorgte bereits Wochen vor der Tagung dafür, dass selbst die Nachrückerliste geschlossen werden musste. Schlussendlich freute sich die DGSA über knapp 550 Teilnehmer_innen. Die Gründe hierfür lassen sich nur erahnen. Es mag am Veranstaltungsort, der Alice-Salomon-Hochschule bzw. an Berlin gelegen haben. Sicherlich war es auch das Thema „Soziale Arbeit und Menschenrechte“, das insbesondere aus aktuellem Anlass, dem derzeitigen Weltgeschehen, das Interesse so Vieler geweckt hat. Und möglicherweise hängt der große Ansturm ebenfalls mit den seit August letzten Jahres verstärkten Aktivitäten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere in Social Media, zusammen, was mich persönlich natürlich außerordentlich freuen würde. Grundsätzlich lassen sich aber auch schon seit Jahren steigende Mitgliederzahlen und hohe Aufmerksamkeit feststellen.

Premiere 2: In diesem Jahr hielt zum ersten Mal ein Referent aus dem Ausland eine der zwei so bedeutsamen Keynotes. Jim Ife aus Sydney (Australien) begeisterte die Zuhörer mit seinem Vortrag zu „Social Work and Human Rights: The ‘Human’, the ‘Social’ and the Collapse of Modernity“. Die Besonderheit seiner Präsenz war bis zum Schluss der Tagung spürbar und veranlasste sogar Frau Staub-Bernasconi im abschließenden Gespräch, auf seine Rede zurückzukommen und einige seiner Worte erneut aufzugreifen. Ich selbst habe mich sehr gefreut, diese „Ikone“ der Sozialen Arbeit kennenlernen zu dürfen, um festzustellen, wie angenehm bescheiden, offen und herzlich er sich im persönlichen Kontakt zeigte.

Premiere 3: Es wurde getwittert, geteilt und geliked. Zum ersten Mal bestand die Möglichkeit, unter dem Hashtag #DGSA2017 auch die digitale Außenwelt an der Tagung teilnehmen zu lassen. Neben viel Lob, einigen Fotos sowie zahlreichen Zitaten fiel dem Vorstand und mir ein Tweet besonders in Auge. Ich möchte ihn hier zitieren:

„Dazu auf der #dgsa2017: Eröffnung 2 F, Grußworte 3 F 1 M, Abschluss 2 F, #50prozent #frauenzaehlen“ (Nutzerin: AdieuTweetesse).

Ein Tagungsbericht in 140 Zeichen – so kann man es auch machen.

 

Michelle Mittmann

Social-Media-Beauftragte der DGSA

Bundesteilhabegesetz und Reform der Eingliederungshilfe - menschenrechtliche Implikationen und zukünftige Aufgaben für die Soziale Arbeit

Die Menschenrechte gelten für alle Menschen. Ist das, wie Jeremy Bentham (1748-1832) angesichts der französischen Menschenrechtsdeklaration schimpfte, nichts weiter als „Brüllen auf Papier“? Wissen wir doch zu gut, dass die Menschenrechte zu keiner Zeit, an keinem Ort der Welt vollständig gewahrt werden und damit die Würde der von Menschrechtsverletzungen betroffenen Menschen stets nicht geachtet wird. Deshalb könnte man sich auch fragen, warum es neben der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte noch weitere Spezialkonventionen geben muss, etwa die für Geflüchtete (1951), für Frauen (1979), für Kinder (1989) oder für Menschen mit Beeinträchtigungen. Insbesondere für vulnerable Gruppen – für Kinder, Frauen und für Geflüchtete –, und zuletzt mit dem „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ (Behindertenrechtskonvention) von 2006 gerade auch für Menschen mit geistigen, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen, ist jedoch die Feststellung zutreffend, dass ihre Rechte in besonderem Maße gefährdet sind.

[Exkurs: In einem modernen Verständnis von Behinderung, wie sie die Behindertenrechtskonvention ausdrückt und wie sie auch in die Neufassung des sozialrechtlichen Behinderungsbegriffes (§ 2 SGB IX i.d.F. vom 23.12.2016) eingeflossen ist, entsteht diese „aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren […], die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern“. Daher wird im Folgenden von Menschen mit Beeinträchtigungen dann gesprochen, wenn die individuelle Beeinträchtigung, resultierend aus einer i. w. S. Gesundheitsstörung, im Vordergrund der Beschreibung steht. Zu einer Behinderung wird diese Beeinträchtigung, wenn sie auf ungünstige Kontextfaktoren trifft, also den in § 2 SGB IX genannten Barrieren.]

Für Menschen mit Beeinträchtigungen liegt die Gefährdung ihrer Rechte u.a. darin begründet, dass sie durch ihre persönliche Konstitution und den daraus folgenden Einschränkungen besonders stark in ihrer Rechtedurchsetzung gefährdet sind. Dies wirkt sich zudem direkt auf ihre Teilhabe aus, und zwar nicht nur, aber wohl sehr stark, weil sie auf eine Welt voller Barrieren treffen. Dabei sind die materiellen Barrieren die ersten, an die gedacht wird: an Bordsteine oder andere Schwellen im öffentlichen Raum, an fehlende Rampen oder Absenkvorrichtungen öffentlicher Verkehrsmittel, an zu wenig barrierefreien Wohnraum etc. Aber diese Barrieren betreffen zunächst „nur“ vor allem körperlich eingeschränkte Personen. Mindestens genauso so schwer wiegen jedoch die mentalen Barrieren im Umgang etwa mit geistig oder psychisch beeinträchtigten Menschen, denen eine Teilhabe an Bildung, Arbeit und Freizeit nicht zugetraut, mit Ablehnung oder zumindest Unsicherheit begegnet wird und die damit auf eine ganz andere soziale oder kulturelle Weise diskriminiert werden. Und Diskriminierung meint an dieser Stelle nichts Anderes als Benachteiligung aufgrund bestimmter Merkmale, wie es auch im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz in § 3 Abs. 1 beschrieben ist: „Eine unmittelbare Benachteiligung liegt vor, wenn eine Person wegen eines in § 1 genannten Grundes [z.B. einer Behinderung, D.R.] eine weniger günstige Behandlung erfährt, als eine andere Person in einer vergleichbaren Situation erfährt, erfahren hat oder erfahren würde.“ Auch in der bereits erwähnten Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen heißt es in Artikel 2: „Diskriminierung aufgrund von Behinderung“ ist „jede Unterscheidung, Ausschließung oder Beschränkung aufgrund von Behinderung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass das auf die Gleichberechtigung mit anderen gegründete Anerkennen, Genießen oder Ausüben aller Menschenrechte und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, bürgerlichen oder jedem anderen Bereich beeinträchtigt oder vereitelt wird.“

Mit der Verabschiedung der Behindertenrechtskonvention bekräftigen die unterzeichnenden Staaten, dass die Menschenrechte auch für Menschen mit Beeinträchtigungen wirksam durch- und umgesetzt werden müssen, und drücken in der Präambel ihre Besorgnis darüber aus, dass „sich Menschen mit Behinderungen trotz dieser verschiedenen Dokumente und Verpflichtungen in allen Teilen der Welt nach wie vor Hindernissen für ihre Teilhabe als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft sowie Verletzungen ihrer Menschenrechte gegenübersehen“.

Die Bundesrepublik Deutschland hat die Behindertenrechtskonvention bereits 2008 ratifiziert und damit ihre Gültigkeit für deutsches Recht anerkannt. Mit dem „Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen“ vom 23.12.2016 (Bundesteilhabegesetz) hat der deutsche Gesetzgeber nun weitere Schritte eingeleitet, die verschiedenartigen Barrieren zu beseitigen, die die in dem eben beschriebenen Sinne „be-hinderten“ Menschen in ihrer Teilhabe unterstützen sollen.

In der Gesetzesbegründung (Drucksache 18/9522) heißt demnach auch selbstkritisch: „Der Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen bei den Vereinten Nationen hat der Bundesrepublik Deutschland in seinen „Abschließenden Bemerkungen über den ersten Staatenbericht Deutschlands“ vom 13. Mai 2015 eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen zur weiteren Umsetzung der UN-BRK gegeben. So soll die Bundesrepublik Deutschland unter anderem

„– die gesetzliche Definition von Behinderung mit den allgemeinen Grundsätzen und Bestimmungen der UN-BRK in Einklang bringen,

– ausreichende Finanzmittel verfügbar machen, um die Deinstitutionalisierung und selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen zu fördern,

– die Voraussetzungen für einen inklusiven Arbeitsmarkt schaffen,

– eine Prüfung des Umfangs vornehmen, in dem Menschen mit Behinderungen ihr persönliches Einkommen verwenden, um ihre Bedarfe zu decken und selbstbestimmt zu leben, und

– Menschen mit Behinderungen soziale Dienstleistungen zur Verfügung stellen, die ihnen Inklusion, Selbstbestimmung und die Entscheidung, in der Gemeinschaft zu leben, ermöglichen.“

Ob und inwieweit der vom Ausschuss der Vereinten Nationen aufgelistete „Mängelkatalog“ (siehe für weitere Problembereiche und Empfehlungen den Gesamtbericht „Abschließende Bemerkungen über den ersten Staatenbericht Deutschlands“ vom 17.04.2015) durch das BTHG umgesetzt werden kann bzw. soll, bleibt offen. Jedenfalls zeigten die Proteste kurz vor der letzten Beratung im Bundestag durch Verbände der Freien Wohlfahrtspflege und der Betroffenen vermeintliche Probleme, wie etwa den „Zwang“ zum sog. „Poolen“ (Zusammenlegen) von Leistungen durch das gemeinsame Beauftragen eines Leistungserbringers von einzelnen Leistungsberechtigkeiten, die unklare Abgrenzung von Pflege und Eingliederungshilfe sowie auch bzgl. der zunächst anvisierten Neufassung der Bestimmung des Personenkreises bzw. der Leistungsberechtigung in der Eingliederungshilfe (sog. 3 bzw. von 9-Regelung). Ohne ins Detail gehen zu können, sei so viel gesagt: Wenn schon vor Inkrafttreten eines Gesetzes, das von der zuständigen Sozialministerin Andrea Nahles als eines „der großen sozialpolitischen Reformen dieser Legislaturperiode“ bezeichnet wurde, derart einmütige Kritik geäußert wird, dann lässt das weitere Probleme erwarten.

Unabhängig von immanenten Problemen, die das neue Gesetz produziert, bleibt doch eines weiter von Bedeutung: Die Bundesrepublik Deutschland, die Bundesländer und alle Kommunen müssen sich noch gewaltig anstrengen, die Lebensbedingungen von im oben genannten Sinne „be-hinderten“ Menschen zu verbessern.

Soziale Arbeit kann sich in diesen Prozess unmittelbar einbringen:

  • Mit Bezug auf die Menschenrechte kann sie deren Einhaltung und Gewährleistung, im Sinne der Abwehrrechte wie auch der Sozialrechte, anmahnen und sollte dies, wo immer möglich tun: In den einzelnen Praxisstellen, in Verbänden, im einzelnen Kontakt mit beeinträchtigten Menschen und in der Politik- und Fachberatung.
  • Zudem kann sie nach Wegen suchen helfen, die dazu beitragen, Barrieren abzubauen. Mit ihrer besonderen Expertise für die Zusammenhänge von subjektiver Handlungsfähigkeit und gesellschaftlichen Strukturen entspricht sie ziemlich genau der „Agentur“, die das oben erwähnte moderne Verständnis von Behinderung zum Ausgangspunkt ihres Handels machen kann.
  • Mit „Empowerment“, „Person- und Sozialraumorientierung“, „Case Management“ oder auch „Advocacy“ seien nur wenige Ansätze benannt, die der Profession hier zur Verfügung stehen.

So kann Soziale Arbeit dazu beitragen, dass die Menschenreche als ganz konkrete Leitschnur für die Verbesserung der Lebenslage und Lebenssituation genutzt werden können. So wird aus dem „Brüllen auf dem Papier“ ein zwar vielleicht leises, aber beständiges „Verbessern der Realität“, auch wenn dies mitunter mühsam und kleinschrittig verläuft.


Prof. Dr. Dieter Röh, Mitglied des DGSA-Vorstands und Professor für Soziale Arbeit an der HAW Hamburg

FÜR EINE FACHLICH BEGRÜNDETE UNABHÄNGIGE ARBEIT IM BEREICH ASYLSOZIALBERATUNG IN BAYERN

 Am 6.3.2017 hat das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration den von ihr geförderten Einrichtungen der Sozialen Arbeit im Bereich der Asylsozialarbeit ein Schreiben gesendet, in dem diese aufgefordert werden, Flüchtlinge bei den Beratungen nicht auf Möglichkeiten hinzuweisen, wie sie sich gegen mögliche Abschiebungen juristisch zur Wehr setzen können. Diese Aufforderung war zwar begründet mit dem Verweis auf das Gesetz über außergerichtliche Rechtsdienstleistungen, enthielt aber die unverhohlene Drohung, dass die Einrichtungen der Asylsozialberatung die finanzielle Förderung verlieren, wenn sie weiterhin in dieser Art und Weise beraten würden. Ausführlich werden in dem Schreiben die Fördergrundsätze (https://www.verkuendung-bayern.de/files/allmbl/2016/05/allmbl-2016-05.pdf, ab S. 1495) zitiert, in denen massiv darauf hingewiesen wird, dass die Asylsozialberatung auf eine Rückkehr der Flüchtlinge in die Herkunftsländer drängen soll. 

Weitere Informationen und die Originaldokumente inkl. dem Brief des Ministeriums an die Einrichtungen der Asylsozialberatungen finden sich auf den Seiten des Bayerischen Flüchtlingsrats unter http://www.fluechtlingsrat-bayern.de.  

Der Vorstand der DGSA verurteilt auf das Schärfste diese Vorgehensweise, die die fachliche Unabhängigkeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in Frage stellt! 

Menschen, die Rat bei professionellen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern suchen, haben das Recht auf eine umfassende und an den Bedürfnissen der KlientInnen ausgerichtete Beratung. Politische Vorgaben jeglicher Art dürfen keinen Einfluss auf Art und Inhalt des Beratungsprozesses haben. Das fachpolitische Mandat der Sozialen Arbeit beruht auf der Anerkennung der Menschenwürde, der Unterstützung von Menschen und der Orientierung an den Menschenrechten. 

Soziale Arbeit als Profession arbeitet auf gesetzlichen Grundlagen und achtet diese. Eine einseitige Auslegung der Rechtslage zu Ungunsten von Menschen in prekären Situationen aufgrund von politischen Intentionen verurteilen wir jedoch auf das Schärfste. Die Androhung, die staatliche finanzielle Förderung einzuschränken oder gar ganz zurückzuziehen, ist eine Bedrohung der fachlichen Unabhängigkeit der Sozialen Arbeit. 

 

Der Vorstand der DGSA

7.4.2017

Über das Dilemma mit den Menschenrechten

Das aktuelle Weltgeschehen stimmt mich traurig und missmutig. Wenn ich Radio höre oder die Tagesschau sehe, wahrnehme, wie überall auf der Welt Menschenrechte missachtet werden, die Ungerechtigkeit regiert, fühle ich mich aufgefordert und hilflos zugleich. Mir scheint es, als stecke ich fest in einer Art Absurdität, wie sie Albert Camus in „Der Mythos des Sisyphos“ von 1942 beschreibt. 

Ich erkenne ein Dilemma im Zusammenhang mit den Menschenrechten. Es ist hochgradig sinnwidrig, dass 193 Staaten dieser Welt die Menschenrechtscharta unterzeichneten, nun aber ein Land wie die USA mit dem angestrebten Einreisestopp für Muslime gegen den so wichtigen Artikel 2 zum Verbot der Diskriminierung verstößt – oder es zumindest beabsichtigt. Ebenso sinnwidrig erscheint vielerorts der Umgang mit Geflüchteten aus Krisen- und Kriegsgebieten, die sich beispielsweise in Budapest ein wenig Frieden erhofften. Sie verließen sich auf Artikel 14 der Menschenrechtscharta, der jedem das Recht zuspricht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen. Und ist nicht auch die Türkei eigentlich ein vielfältiges Land mit ebenso vielfältigen Meinungen? Ohne die Achtung des Artikels 19, also ohne Meinungs- und Informationsfreiheit, ist doch nicht an Demokratie zu denken. 

Ich bemühe mich (auch als angehende Sozialarbeiterin), für die Menschenrechte einzutreten. So schiebe ich meinen Klotz, ganz wie Sisyphos aus der griechischen Mythologie, behaftet mit Sorgen, Wut und Empörung über das Weltgeschehen einen Berg hinauf. Ich schimpfe bei Freunden und schimpfe auch online. Fürs Erste ganz gut, aber dann rollt der Stein wieder rückwärts hinunter. Irgendjemand irgendwo auf dieser Welt missachtet fortwährend die Menschenrechte – und ich fühle mich erneut aufgefordert und hilflos zugleich. 

Der Vorstand der DGSA veröffentlicht im Vorfeld der Jahrestagung (28. und 29. April 2017 in Berlin) einen Artikel in der Zeitschrift „Alice“, zur Alice Salomon Hochschule gehörend. Ich las darin von der „Realisierung der Menschenrechte als Realutopie“ und bildete mir ein, ich wüsste, wovon hier die Rede ist. Offensichtlich ist es wünschenswert, sinnstiftend, um bei Camus zu bleiben, sich für die weltweite Beachtung und Einhaltung der Menschenrechte zu engagieren. Und dennoch bleibt es häufig eine Art Luftschloss, dessen Perfektion in der realen Welt unerreichbar scheint. 

Wenn es also keinen Sinn macht, sich für Menschenrechte einzusetzen, da sie doch immer wieder missachtet werden, wozu gebe ich mir dann noch die Mühe? In Anlehnung an Camus gäbe es drei Möglichkeiten, das Dilemma zu lösen. Ich könnte meine Bemühungen sofort einstellen. Dies würde aber die Sinnlosigkeit der Menschenrechtscharta bestätigen. Und das entspräche nicht meiner Überzeugung. Ich könnte ebenso über die Menschenrechte denken, wie an eine Religion oder an etwas Übersinnliches, Spirituelles zu glauben. Das käme dem Luftschloss schon recht nahe und bedeutet für mich die Flucht vor der Realität. Die Vogel-Strauß-Technik war noch nie so mein Ding. Ich gebe Camus recht – diese zweite Option kommt ebenfalls nicht in Frage. Die dritte und nach Camus die letzte Option ist die Anerkennung des Absurden, des Dilemmas, dass trotz redlicher Bemühungen, sich für die Menschenrechte zu engagieren, es immer wieder vielerorts dazu kommen wird, dass einige sie missachten. Im schlimmsten Fall sind es sogar diejenigen, die ganze Länder regieren. Camus sagt, man solle weitermachen und nicht resignieren.

Nun frage ich mich, wie ich all die Energie, die mich umtriebig macht, die sich bisher meist im Freundeskreis, in sozialen Netzwerken entladen und gegen den Fernseher gerichtet hat, für etwas Sinnvolles nutzen kann. Wie gelange ich von einer Haltung, in der die Achtung der Menschenrechte zu meinem Selbstbild gehört, zum konkreten Handeln? Wie kann es gelingen, in der realen Welt gegen die Missachtung von Menschenrechten vorzugehen? Wie also kann ich weitermachen? Auf diese Fragen hoffe ich bei der Jahrestagung der DGSA Antworten zu erhalten. Denn, wie es im o.g. Artikel der Zeitschrift „Alice“ heißt: „Sie bietet ein Forum, in dem das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und den Menschenrechten in seinen unterschiedlichen Ebenen und Umsetzungsbereichen anhand empirischer, theoretischer und anwendungsorientierter Zugänge diskutiert werden soll. Dabei sollen auch fachliche Limitationen der Sozialen Arbeit kritisch hinterfragt werden.“

 

Michelle Mittmann

Studierende der Sozialen Arbeit und Social Media-Beauftragte der DGSA

 

Michaela Köttig: Promotionsrecht für HAW in Hessen – und was kommt dann?

Seit vielen Jahren kämpfen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) in ganz Deutschland für das eigenständige Promotionsrecht. Neben kooperativen Promotionsformen zwischen HAW und Universitäten, bei denen der bzw. die universitäre Kolleg_in formal das Erstgutachten übernimmt und die Universität auch den Doktorgrad verleiht, haben einige Landesregierungen die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen um HAW die Verleihung von Doktorgraden zu ermöglichen und in Hessen wurde bundesweit erstmalig im Oktober letzten Jahres dem Promotionszentrum ‚Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Globalisierung, Europäische Integration und Interkulturalität’ der HAW Fulda das Recht zugesprochen eigenständig Doktorgrade zu verleihen. Später dann einem weiteren Verbundzentrum der Hochschulen Rhein-Main, Frankfurt und Fulda.

Das Promotionsrecht ist grundsätzlich als Errungenschaft in Richtung der Wahrnehmung und Anerkennung der Wissenschaftlichkeit von HAW zu begreifen. Auch wird damit die Möglichkeit geschaffen, in Disziplinen, die an Universitäten kaum vertreten sind – wie etwa Soziale Arbeit –  wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern und damit auch die Disziplin weiter wissenschaftlich zu fundieren und zu entwickeln.  Dennoch bringt diese Errungenschaft auch Dynamiken mit sich, mit denen sich HAW werden auseinandersetzen müssen.

Doch zunächst einmal die Fakten: Die Voraussetzung für das Promotionsrecht für die hessischen HAW wurde im Hessischen Hochschulgesetz im 4 Abs. 3 Satz 3 geschaffen. Dort heißt es: es „kann Hochschulen für angewandte Wissenschaften durch besonderen Verleihungsakt ein befristetes und an Bedingungen geknüpftes Promotionsrecht für solche Fachrichtungen zuerkannt werden, in denen eine ausreichende Forschungsstärke nachgewiesen wurde“. Gerade der zweite Teil des Satzes hat es dabei in sich, denn sowohl die Hochschule muss den Nachweis ihrer Forschungsstärke erbringen als auch die einzelnen Professor_innen.

Genauere Regelungen dazu wurden in den „Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der Verleihung eines Promotionsrechts an hessische Hochschulen für angewandte Wissenschaften“[1] getroffen. Für die Hochschulen wurde festgelegt, um – wie es heißt – „Promovenden ein geeignetes wissenschaftliches Umfeld zu bieten“ – dass sie als organisatorische Basis für die Ausübung des Promotionsrechts fachrichtungsbezogene Promotionszentren einrichten müssen. Auch Soziale Arbeit ist eine der Disziplinen in denen das Promotionsrecht erprobt wird – als eine der Disziplinen in denen es wenig universitäre  Äquivalente gibt. Für die Einrichtung eines Promotionszentrum wurde eine Mindestzahl von 12 ‚qualifizierten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen’ der jeweiligen Fachrichtung als erforderlich angesehen. Um dieses Kriterium zu erfüllen, wurde hierbei auch die Möglichkeit der Beantragung HAW-übergreifender Promotionszentren eröffnet.

Mit der Umschreibung ‚qualifizierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen’ ist nun der persönliche Nachweis von Forschungsstärke der beteiligten Professor_innen gemeint. Um diesen persönlichen Nachweis und auch um die Kriterien dafür wurde in zähen Verhandlungen gerungen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil der persönliche Nachweis von Forschungsstärke eine zusätzliche Belastung für HAW-Professor_innen darstellt, den promovierte (und nicht habilitierte) Professor_innen an Universitäten nicht erbringen müssen. Denn: nicht der Titel ist das Problem, sondern dass das Promotionsrecht institutionenabhängig ist. HAW besitzen es bisher nicht, während es Universitäten generell zugesprochen ist. Mit der Einführung dieses Nachweises wird das Ungleichgewicht zwischen universitären Professuren und solchen an HAW weiter fortgeschrieben und es ist zu vermuten, dass dieser persönliche Nachweis insbesondere deshalb eingeführt wurde, um die starken Vorbehalte von Seiten der Universitäten und deren Fachgremien zu entkräften.

Letztendlich wurde ausgehandelt, dass die Forschungsstärke durch eingeworbene Drittmittel und Publikationen nachzuweisen sei. Im speziellen – und ich beziehe mich hier auf die nichttechnischen Fächer – wurde die Summe der eingeworbenen Drittmittel über 3 Jahre auf 150.000 Euro bzw. über 6 Jahre auf durchschnittlich 50.000 Euro im Jahr festgelegt sowie pro Jahr eine Publikation mit erfolgtem peer review Verfahren. Sofern bei einem der beiden Kriterien Drittmittel oder Publikationen eine geringe Unterschreitung vorliegt, sei es möglich, dies durch das andere Kriterium auszugleichen. Darüber hinaus sind folgende Ausnahmen möglich: „Die Professorin / der Professor ist habilitiert oder die Professorin / der Professor war Juniorprofessorin / Juniorprofessor an einer Universität und ist dort positiv evaluiert worden oder die Professorin / der Professor ist durch einen universitären Fachbereich kooptiert oder der Professorin /dem Professor werden durch Gutachten zweier universitärer Professorinnen / Professoren habilitationsäquivalente Leistungen bescheinigt“. Diese Regelungen, insbesondere verbunden mit der Reduzierung des Deputats um 4 Semesterwochenstunden bei der Beteiligung an einem Promotionszentrum bringen spezifische Dynamiken mit sich, wie bspw. eine stärkere Hierarchisierung der Professor_innen an einem Fachbereich auf unterschiedlichen Ebenen; wie zwischen habilitierten und nichthabilitierten sowie zwischen solchen Professor_innen, die nach den festgelegten Kriterien als forschungsstark gelten und solchen, die diese Kriterien nicht erfüllen und auf deren Schultern dann noch stärker die Lehrbelastung liegt.

Darüber hinaus müssen die festgelegten Kriterien kritisch betrachtet werden. Denn es ist zu fragen, ob die Einwerbung von Drittmitteln und das Verfassen peer rewiewter Publikationen tatsächlich eine gute Voraussetzung für die Begleitung von Promotionen darstellt. Geht es nicht viel mehr darum, Nachwuchswissenschaftler_innen in die Disziplin einzuführen zu können – was bspw. durch eine starke innerdisziplinäre Vernetzung sichtbar würde. Auch zentral wäre eine gute und intensive empirische Begleitung, die durch Erfahrungen mit Forschungskolloquien, der Begleitung von Promovierenden sowie durch die Durchführung von Veranstaltungen im Bereich Forschungsmethodik und Forschungsdesigns mitgebracht wird. Diese Fragen allerdings werden in den nächsten 5 Jahren nicht verhandelt werden können – denn erst dann wird das ‚Hessische Modell’ einer Evaluation unterzogen.

Auch muss bedacht werden, dass HAW momentan noch nicht mit den Maßstäben von Universitäten gemessen werden können und die neuen Herausforderungen einfach und mit einem im Vergleich zu den Universitäten sehr geringen Aufwand noch zusätzlich leisten. Nicht ohne Grund übertiteln die hessischen Kolleg_innen Julika Bürgin und Maja Suderland ihren Beitrag in der HLZ (2017) provokant mit „Billiger promovieren an Fachhochschulen“ und zeigen unmissverständlich auf, dass die geringe Ausstattung der Fachhochschulen und der einzelnen Professor_innen sowie deren allgemeine Situation im Bezug auf das Einwerben von Drittmitteln, das Lehrdeputat, den fehlenden Mittelbau und die Hierarchisierung der Kolleg_innen sehr wahrscheinlich dazu beitragen wird sich noch weiter als bisher zu überfordern. Es tut Not, die spezifische Situation von Fachhochschulen ernst zu nehmen und entsprechende Förderprogramme zu entwickeln, so dass es flächendeckend und auf fachlich hohem Niveau möglich wird, Promotionen zu begleiten. Dabei gilt es die Kolleg_innen nicht noch stärker zu be- sondern vielmehr zu entlasten. Insbesondere der persönliche Nachweis von Forschungsstärke mit den genannten Kriterien muss dabei sehr kritisch betrachtet werden. Gilt es nicht vielmehr die HAW so auszustatten, das forschungs- und Entwicklungsräume geschaffen werden sowie ein Klima das wissenschaftliche Kreativität entstehen lässt.

Ein ausführlicher Beitrag zu dieser Thematik erscheint im Frühsommer von Gudrun Ehlert & Michaela Köttig unter dem Titel: Promotionsrecht und Promotionsmöglichkeiten an Hochschulen für angewandte Wissenschaften – Diskussionsstand und Perspektiven. In: Gudrun Ehlert, Silke Birgitta Gahleitner, Michaela Köttig, Stefanie Sauer, Gerhard Riemann, Rudolf Schmitt & Bettina Völter (Hrsg.): Forschen und Promovieren in der Sozialen Arbeit, Opladen: Barbara Budrich

Sozialarbeit im Kontext von Migration und Flucht

Sozialarbeitende leisten im Kontext von Migration und Flucht sehr viel und sehr wertvolle Arbeit. Sie können aber auch – wie in allen anderen Feldern – paternalistisch und rassistisch handeln und tragen damit (nicht intendiert) zur Infantilisierung der Adressat_innen und/oder zur Verletzung ihrer Menschenrechte bei. Gerade im Kontext Sozialer Arbeit mit Geflüchteten - wo sehr wenig effektive Schutzmechanismen für Adressat_innen fest verankert sind - entsteht der Eindruck, dass dies eine Erfahrung ist, die häufig gemacht wird.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Chemnitz am 13.12.2016 äußerten Vertreterinnen von Jugendliche ohne Grenzen (http://jogspace.net/) und Asylum Seekers Movement (https://www.facebook.com/AsylumSeekersMovement/) eine Skepsis gegenüber Sozialarbeitenden auf Grund ihrer Erfahrung. Sie wurden daraufhin gefragt, was Soziale Arbeit ihrer Ansicht nach unterlassen soll. Alle drei Vertreterinnen nannten ohne lange zu überlegen Folgendes:

·      Bevormundung

·      Anpassung der Jugendlichen an Projekte und nicht an ihren Bedürfnissen

·      Für Jugendliche entscheiden

·      Fehlerhaftes Verhalten Einzelner verallgemeinern

·      Kulturalisierung

·      Auf starre Regeln bestehen; „one size fits all“

·      Dont patronize us

 

Weitere Anlässe zur Sorge sind, wenn Sozialarbeitende professionelle Kernstandards bei Geflüchteten nicht anwenden bzw. hier „andere Werte“ zugrunde legen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Dankbarkeit von Adressat_innen erwartet oder selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Fehlverhalten von Geflüchteten „weiter zu melden“ sei oder aber, dass über Geflüchtete gesprochen wird, ohne mit ihnen zu sprechen. Besonders problematisch wird es, wenn Sozialarbeitende in Tätigkeiten verwickelt werden, die im Konflikt mit einem professionellen Mandatsverständnis stehen oder diesen gar verletzen.

Vor diesem Hintergrund wurde von einer Arbeitsgruppe von Hochschullehrenden der Sozialen Arbeit ein Positionspapier zu „Soziale Arbeit mit Geflüchteten - Professionelle Standards und sozialpolitische Basis“ im Frühjahr 2016 entwickelt (www.fluechtlingssozialarbeit.de). Es soll Sozialarbeitenden ermöglichen, sich in ihrem Handeln und dessen Begründung auf geteilte berufsethische und fachliche Standards zu berufen. Die dort vorgelegten Standards konkretisieren allgemeine Grundsätze der Sozialen Arbeit, bezogen auf die Unterstützung von Geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften.

 

Um die Diskussionen, die das Papier angeregt haben, weiterhin in einem professionellen Rahmen zu führen, wurde eine DGSA-Fachgruppe mit dem Titel „Flucht, Migration und Rassismuskritik“ gegründet. Sie wird sich auf der DGSA Tagung 2017 in Berlin erstmalig vorstellen. Sprecherinnen dieser Gruppe sind Prof. Dr. Annette Müller (KHSB, Berlin), Prof. Dr. Nivedita Prasad (ASH, Berlin) und Barbara Schäuble (ASH, Berlin).


Prof. Dr. Nivedita Prasad

Anrims Hoffnungen und die traurige Realität in Deutschland - Unbegleitete, minderjährige Geflüchtete und ihr Bedarf an psychosozialer Unterstützung

Die 16jährige Anrim trägt die Hoffnung ihrer Familie in sich. Nachdem die kriegerischen Auseinandersetzungen in ihrem Heimatland lebensbedrohliche Ausmaße angenommen hatten, wurde das Mädchen von den Eltern mit einer kleinen Gruppe weiterer Minderjähriger auf die Reise geschickt. Diese Reise von ihrem 3000 km entfernten Zuhause nach Deutschland wird Anrim nie vergessen. Sie musste vieles aushalten: beschwerliche Wege, die Gefahr der Zurückweisung, Ausnutzung und Gewalt. Nach einer Vergewaltigung wünschte sie sich, sie hätte sich niemals auf diese Reise gemacht. Zuhause aber, das weiß sie, hoffen alle darauf, dass sie in Europa ihren Platz findet, eine Perspektive bekommt und die Familie zuhause unterstützen kann. Doch wird Anrim das schaffen, nach all den traumatischen Erlebnissen? Findet sie in Deutschland die nötige Unterstützung?

Zehntausende minderjährige Geflüchtete sind derzeit in Deutschland in Erstaufnahmeeinrichtungen nur mit dem Nötigsten versorgt: Unterkunft, Essen, Kleidung, Zeitvertreib. Was sie zusätzlich brauchen, sind eine dauerhafte Perspektive, Wohnungen, Sprachkurse, Vermittlung in Schulen, Ausbildungen und Arbeitsplätze. Viele benötigen zudem psychosoziale Hilfen. Freiwillig Engagierte allein können das nicht leisten, die Betroffenen brauchen darüber hinaus professionelle Hilfe von Seiten der Sozialen Arbeit: Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die beraten, vermitteln, vernetzen, motivieren und – bei Bedarf – auch für sie sprechen, für ihre Rechte kämpfen und sie vertreten.

Für minderjährige Geflüchtete, die, wie Anrim, traumatische Erfahrungen verarbeiten müssen, bietet die Klinische Sozialarbeit angemessene Hilfen: professionell, lebenswelt- und ressourcenorientiert und zugeschnitten auf Klientinnen und Klienten mit besonderem psychosozialen Unterstützungsbedarf. Eine solche Unterstützung kann zum Beispiel in entlastenden Gesprächen im Rahmen der Möglichkeiten der Erstaufnahmelage oder in der Vermittlung zu einem geeigneten Jugendhilfeangebot bestehen. 

Anrim sagt, sie sei durch die Flucht „irgendwie stärker“ geworden, sie habe sich selbst „durchgeschlagen“ und sei daher selbstbewusster geworden. Das sind gute Voraussetzungen, doch ohne professionelle Unterstützung wird es trotzdem schwer werden, zu viel Altes und Neues gilt es zu verarbeiten und eine Perspektive aufzubauen. So fasst Namika, eine Klientin aus einem Modellprojekt der Klinischen Sozialarbeit zusammen: „Als ich hierhergekommen bin, das war für mich einfach eine andere Welt. Und da bin ich auch nochmal froh, dass ich irgendwie wenn irgendwas bei mir psychisch kritisch wird, dann weiß ich, ich habe eine Anlaufstelle“.

Wird auch Anrim eine solche Anlaufstelle finden? An fachkompetenten Konzepten für Diagnostik und Intervention der Klinischen Sozialarbeit sowie erprobten Praxismodellen fehlt es nicht. Doch die strukturellen Bedingungen in Deutschland sind alles andere als günstig: zu wenig professionelle Fachkräfte, keine geeigneten Wohnmöglichkeiten für Geflüchtete, keine Räumlichkeiten für professionelle Hilfen. Anrim hat es weit geschafft, doch ob sie auch in Deutschland weiterkommen wird und die Hoffnungen ihrer Familie erfüllen kann, hängt nicht zuletzt von den Kostenträgern und der Politik ab. Die nötigen Kompetenzen sind in der Klinischen Sozialarbeit längst vorhanden: Die Situation der Betroffenen angemessen aufzunehmen (psychosoziale Diagnostik), sie zu beraten und die richtige Hilfe zu planen (psychosoziale Intervention) und in weitere Angebote zu vermitteln. Und somit ein Stück weit zum Ankommen und Bleiben beizutragen.

 

Prof. Dr. Dieter Röh, Prof. Dr. Eva Wunderer